18
Es war kaum richtig Tag, da rief Lehmann schon zur Arbeit. Fünfhundert Häuser sollten vorläufig in Glückshorst errichtet werden, und die Gesellschaft hatte Lehmann wissen lassen, daß sie keinen Spaß verstehe. Kein Wunder, daß der Einarmige etwas erregt war und zur Eile antrieb.
Bauplätze, Straßen, alles war genau vermessen und durch Pflöcke gekennzeichnet. Als die Sonne über dem Walde heraufkam, wimmelte es schon von Arbeitergruppen im Gelände. Georg führte jene Gruppen, die den Grund der Häuser aushuben. Siebzig Zentimeter tief und siebzig Zentimeter breit mußte der Boden für die Grundmauern ausgehoben werden. Bis auf wenige Gebäude waren die Häuser alle gleich groß. Sie waren zehn Meter lang und viereinhalb Meter breit. Georgs erste Arbeitsgruppe trug besondere Meßlatten mit sich; ihre Aufgabe bestand darin, den Grundriß des Aushubs mit dem Spaten genau vorzuzeichnen. Die zweite Gruppe hob die Erde bis zur vorgeschriebenen Tiefe aus, und der dritten Arbeitsgruppe lag die Aufgabe ob, die Arbeit der früheren Gruppen sorgfältig nachzuprüfen und auszugleichen. Vom Kanal aus hatte Georg die Arbeit aufgenommen, und schon am Nachmittag wurden Geleise für die Karren gelegt, die das Baumaterial von den Kähnen herauf befördern sollten, und schon am nächsten Morgen wurde mit dem eigentlichen Bau begonnen. Die Arbeit war ganz ähnlich eingeteilt, wie die des Aushubs der Erde. Jede Kleinigkeit war vorgesehen und vorbereitet. Die Betonmischmaschine des Schleppkahns begann zu arbeiten, und schon rollten die Karren über das Gelände, die die Betonmassen zu den Baustellen beförderten. Aus Brettern gefügte Gehäuse wurden in die Ausschachtungen gesetzt und mit Beton vollgeschüttet. So ging es von Haus zu Haus. Und während oben die Arbeitsgruppen noch beschäftigt waren, die Erde auszuheben, wurden unten am Kanal bereits die Grundmauern gestampft.
Lehmann hatte gegen zweihundert Arbeiter zur Verfügung, dazu war noch eine Gruppe gelernter Bauarbeiter gestoßen, die diese Arbeit in anderen Siedlungen schon hundertfach ausgeführt hatte. Mit der Gleichmäßigkeit und Präzision einer Maschine bewegten sich Lehmanns Arbeitsgruppen über das Baufeld. Nicht die geringste Störung entging ihm, nicht der geringste Aufenthalt. Der Schweiß lief den Männern übers Gesicht.
Unnötig zu sagen, daß der Schlächter-Moritz, dieser Berg von Muskeln, in diesen Tagen wahre Wunder verrichtete. Es war in der Tat unbegreiflich, mit welcher Schnelligkeit er sich in die Erde einwühlte. Später übergab ihm Lehmann die Kolonnen, die die Betonmassen einstampften, und nun hörte man Moritz vom frühen Morgen bis zum späten Abend brüllen. Nichts ging ihm schnell genug.
Schon aber schob sich auf dem stillen Kanal ein neuer eiserner Kahn heran, der weiteres Material brachte. Es waren Zementrahmen, aus denen die Hauswände zusammengestellt wurden, ganz ähnlich den Abmessungen des früheren Holzfachwerks. Diese Rahmen waren etwas über zwei Meter hoch und einen Meter breit. Eine Type von Rahmen enthielt eine Öffnung für die Türe, eine andere Type Ausschnitte für die Fenster.
Alles war Typ, alles war Norm, jede noch so unscheinbare Einzelheit. Die Gesellschaft baute Häuser, wie man Fahrräder oder Automobile serienweise fabriziert.
Es begann das Aufrichten und Ausloten des Rahmenwerks, das Zusammenfügen. Diese Zementrahmen für die Außenwände und die Querwand, die jedes Haus in zwei Räume teilte, wurden in besonderen über das ganze Land verstreuten Zementfabriken der Gesellschaft hergestellt. Das Ausmauern des Rahmenwerkes aber war eine Arbeit, die selbst jeder Laie leicht unter der Anleitung eines geschulten Vorarbeiters ausführen konnte. Die Maschine preßte die Mauersteine aus dem Material, das sie an Ort und Stelle vorfand.
Ein neuer Kahn kam den Kanal herauf. Er brachte Holz, Balken, Bretter. Schon sah man reihenweise die Skelette von neuen Gebäuden stehen. Während die Häuser aus der Erde wuchsen, erkannte man deutlich Straßen, Nebenstraßen und die Abmessung der Gärten.
Die Zimmerleute kletterten in den Dachgestühlen. Die Äxte blitzten, und es dröhnte von allen Seiten. Es kamen Ingenieure aus Berlin zur Inspektion und gingen wieder. Lehmanns Gesicht strahlte vor Freude. Die Stadt wuchs empor. Täglich sah man, wie sie sich ruckweise aus dem Boden hob.
Immer noch kämpfte der Schlächter-Moritz seinen heroischen Kampf mit den Betonmassen vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.
„Wollen Sie hier eine Schlächterei errichten?“ fragte ihn Lehmann eines Tages.
Der Schlächter warf sich in die Brust: „Ich?“ erwiderte er, während er sich mit dem bloßen Arm den Schweiß vom Gesicht strich. „Ich habe kein Geld, ich habe kein Kapital.“
„Das wird sich alles finden. Wenn Sie wollen, Moritz, ist die Sache abgemacht.“
Das Wetter war in den letzten Wochen herrlich gewesen. Es wehte ein würziger, lauer Wind, und die Sonne wärmte schon gehörig.
Wenn man nun gegen Glücksbrücke blickte, wo es ebenfalls von Arbeiterhaufen wimmelte und ganze Häuserreihen aus dem Boden wuchsen, wenn man etwas schräg gegen das Licht blinzelte, so sah man, daß die riesige weite Heide von einem grünen Hauch übersponnen war: die Saat kam heraus.
Eines Abends ließ Lehmann Georg in dringender Angelegenheit zu sich rufen. Georg fand ihn in angeregter Laune, mit roten Backen. Seine Pfeife paffte doppelt so heftig wie gewöhnlich.
„Nun ist also dieser Brief gekommen!“ rief er Georg entgegen und lachte fröhlich.
„Welcher Brief?“
„Setzen Sie sich, Weidenbach. Die Stunde des Abschieds hat geschlagen. Meine Arbeit hier ist zu Ende. Ich bin auf einen schönen und interessanten Posten aufgerückt, und nun richte ich die Frage an Sie: Weidenbach, wollen Sie der Chef dieser Station werden?“
Georg saß mit offenem Munde da und errötete. „Sie meinen, ich?“
Lehmann nickte: „Sie meine ich, jawohl, Weidenbach. Es ist meine Pflicht, meinen Nachfolger zu bestimmen. Sie müssen sich auf fünf Jahre verpflichten bei der Gesellschaft, das ist alles. Das Gehalt ist gering, aber die Gesellschaft bietet Ihnen für später große Vorteile.“
„Es ist mir nicht um Geld zu tun,“ warf Georg ein.
„Ich weiß es. Sie sind der Verständigste hier. Sie haben auch die größte Begeisterung für die Sache, und das ist es, was die Gesellschaft braucht: Männer, die sich für ihre Ziele begeistern! Wir können keine ängstlichen, verzagten und mürrischen Burschen brauchen!“ schrie Lehmann und schlug auf den Tisch, daß die Papiere sprangen. „So ist es, also schlagen Sie ein?“
„Ich schlage ein!“
„Nun, dann wollen wir ein Gläschen zum Abschied trinken, Weidenbach, mein lieber Kamerad,“ sagte Lehmann. Er nahm eine Flasche aus dem Schrank und goß die Gläser voll. „Sie waren von Anfang an dabei, und Sie haben beobachtet, wie es sich abspielt. Es gehört viel Takt dazu, Menschenkenntnis, hier Nachsicht und dort Strenge. Sie wissen, es kommen Menschen, verbrauchte Menschen, zu uns, die sich auf dem Pflaster krank gelaufen haben, und ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe besteht darin, ihnen wieder Lebensmut einzuflößen. Deshalb müssen Sie da und dort nachsichtig sein. Ein gutes Wort tut einem verprügelten Hund wohl, und da und dort Strenge, und da und dort unerbittlich: hinaus mit dir. Beobachten Sie, und wenn es nicht geht: hinaus.
Tausende, Weidenbach, Tausende von jungen Leuten wie Sie und ich arbeiten in der Gesellschaft Neu-Deutschland, arm wie die Kirchenmäuse, aber freudig am Werk. Die Ärzte, die Zahnärzte, die Ingenieure, die Baumeister, Chemiker, Landwirte, Architekten, wir alle arbeiten für einen Hundelohn, aber wir arbeiten für eine Sache. Sie kennen ja die Parole der Gesellschaft: ‚Tod dem Hunger!‘ Sie wissen ja, diese Parole hat Michael Schellenberg erfunden. Was er will, ist Ihnen klar, aber der Hauptzweck, den er verfolgt, ist der, eine neue Volksgemeinschaft zu schaffen. Warten Sie ein Jahr, warten Sie zwei Jahre, die Gesellschaft rollt wie eine Lawine über ganz Deutschland. Bald wird dieses arme und mutlose Land wieder zu brausen beginnen.
Und hören Sie, Weidenbach, Sie werden die Siedlung ausbauen, und Sie werden sich aus den Leuten, die Sie haben, die besten auswählen, sie sollen den Kern der Siedlung bilden. Menschen wie Moritz und die Mutter Karsten und der Schlosser eignen sich prachtvoll dazu. Sie werden mit großer Umsicht vorgehen müssen, um den Stamm zu schaffen. Man wird Ihnen ja dann von der Zentrale erprobte Kräfte zuweisen. Und nun, gute Nacht, Weidenbach. Morgen ist wieder ein heißer Tag. Morgen mittag werde ich euch allen Lebewohl sagen.“
In der Mittagspause des folgenden Tages stellte Lehmann Georg als den neuen Chef der Station vor. Dann hielt er eine kurze Ansprache, brachte ein Hurra aus auf das Gedeihen der Gesellschaft und schwang den Hut.
Die Männer brüllten und schüttelten ihm die Hand, und nun ging er.
„Da also geht er, er war ein netter Bursche!“