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Die Brüder Schellenberg

Chapter 49: 19
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

19

Was sagst du dazu, Christine?“ sagte Georg. „Ich bin Chef der Station geworden.“

Christine hob den fieberischen Blick und lächelte leise. „Ich freue mich für dich,“ sagte sie. Sie saß vor der Küche in der Sonne und schnitt Kartoffeln in Scheiben, die sie in einen Topf voll Wasser fallen ließ. Ihr zu Füßen saß der kleine Georg, in eine alte Decke eingehüllt. Frisch und reizend blickte sein kleiner zarter Kopf aus der derben Decke.

In der Mittagspause oder am Abend nahm Georg häufig das Kind auf den Arm und trug es durch das Lager, oder auch Moritz nahm das Kind oder irgendein andrer.

„Ah, da ist ja der kleine Georg!“ riefen die Männer und nahmen mit zartem Griff der rauhen Arbeitshände das kleine Händchen des Kindes. „Da bist du ja, und wie er wächst und gedeiht.“

Das Kind gehörte dem ganzen Lager. Es war ihr gemeinschaftliches Kind.

Christine schwieg noch immer. Sie war noch so blaß wie an dem Tage, da Georg sie ins Lager gebracht hatte. Aber dieser bläuliche Glanz in den eingesunkenen Wangen und an den Schläfen war verschwunden. Und das kalkige Weiß der Ohren, das Georg so sehr erschreckt hatte, denn er befürchtete, daß Christine schwindsüchtig geworden sei, war einem zarten Elfenbeingelb gewichen. Oder sollte er sich täuschen? Aber auch Mutter Karsten war seiner Meinung.

„Sie sieht besser aus,“ sagte die Alte. „Und sie hustet nicht mehr so fürchterlich in der Nacht.“

Am Tage hustete Christine selten. Auch die hektischen Flecken, die er dann und wann in ihrem Gesicht beobachtet hatte, zeigten sich immer seltener.

„Hast du Fieber?“ fragte er sie und nahm ihre Hand in seine Hände. „Frierst du? Soll ich dir eine Decke umlegen?“

Christine schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem dankbaren Blick an.

Wie glücklich war er, daß dieser starre und abwesende Glanz ihrer Augen verschwunden war. Immer hatte sie ihn angesehen, als wäre sie nicht bei ihm, als sei sie in einer fernen unbekannten und fürchterlichen Welt. Nun schien es, als ob ihr alter Blick langsam in die Augen zurückkehre.

Täglich machte Christines Genesung Fortschritte. Sie fing an, sich für die Arbeit ringsum, die sie sonst kaum beachtet hatte, zu interessieren.

„Was macht ihr hier?“ fragte sie eines Tages ganz unvermittelt.

„Wir bauen eine Stadt mit großen Werkstätten und Fabriken,“ erwiderte Georg, froh erregt über ihr Interesse. „Ganz allmählich wird die Stadt entstehen. Sie soll später fünftausend Menschen beherbergen. Und auch dort hinten, siehst du, wo die kleinen Pünktchen hin- und hereilen, auch dort wird eine Stadt für fünftausend Menschen errichtet.“

Christine begann zuweilen hin- und herzugehen, zerstreut und geistesabwesend; dann stand sie still und blickte in die Sonne empor. An den Sonntagen machten sie häufig mit Georg einen kleinen Spaziergang in den Wald hinein, der stehen geblieben war. Aber Christine wagte sich nicht weit von der Straße.

„Nein,“ sagte sie, „kehren wir zurück.“

Eines Tages beobachtete sie Georg, ohne daß sie ihn bemerkte, wie sie mit dem Kinde spielte. Sie kniete auf der Erde und ließ das Kind, dessen kleinen Körper sie mit den Händen zärtlich hielt, auf der Erde tanzen und flüsterte ihm leise und zärtliche Worte zu. Sie lächelte dazu, und plötzlich erkannte Georg in ihrem Gesicht Christines frühere Züge wieder. Nun wußte er, daß sie gerettet war.

Weshalb schwieg sie? Weshalb sprach sie nicht?

Er deutete über die weite Fläche, die sich bis zu dem Gewimmel von Glücksbrücke dehnte. Sie war nun smaragdgrün geworden, und weich und zärtlich lag die Sonne darauf.

„Sieh, wie herrlich grün es ist!“ rief Georg aus. „Vor einem halben Jahre war hier nichts als Sand und Gebüsch.“

Weshalb aber sprach sie nicht, weshalb schwieg sie? Sie fühlte Georgs Blick auf sich gerichtet. Sie fühlte immer die gleiche Frage in seinem Blick.

Eines Tages sagte sie mit einem leisen Aufseufzen zu ihm: „Bald werde ich dir alles sagen,“ und leiser fügte sie hinzu: „und dann werde ich wohl gehen müssen.“

„Weshalb gehen?“ fragte Georg erschrocken.

„Frage nicht, ich werde sprechen, wenn die Zeit gekommen ist.“ –

Auf der Landstraße kamen zwei Lastautos angerollt. Sie waren hoch beladen, und es sah aus, als brächten sie einen ganzen Wald. Das waren Bäume, Obstbäume, Sträucher, Stauden für die Gärtnereien von Glückshorst.

Die Gärtnereien und Baumschulen bildeten das Herz aller Siedlungen.