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Die Brüder Schellenberg

Chapter 67: 11
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

11

Es war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in Paris unerträglich. Die Benzinschwaden der Automobile, die alle Straßen der ungeheuren Stadt überschwemmten, verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete ihn Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie verließ die Stadt nur ungern, es sei denn in großer Gesellschaft. Sie brauchte das Gewimmel der Menschen, das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, die verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de la Paix. Das alles brauchte sie und die bewundernden Blicke der Männer, jener Unzahl von Männern, die in Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin besteht, schönen Frauen nachzusehen.

An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle über der rasenden Stadt, daß die Gesichter aller Menschen in Schweiß gebadet waren.

Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei Clowns das Publikum jeden Abend zu tobendem Gelächter hinrissen. Esther, die gerne lachte, freute sich bereits wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen Sie mit mir ins Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte er.

Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem Wasser. In der Tat, die Luft war unerträglich, man atmete glühende Staubsplitter. „Es ist gut,“ entschied sie. „Fahren wir.“

Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges Barockschlößchen, das man in ein kleines vornehmes Hotel umgewandelt hatte. Gebäude und Park waren fast unberührt geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt.

Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine Autostunde von Paris, war es möglich? Es gab hier Springbrunnen mit bemoosten Tritonen, Grotten aus Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten Kupferstichen gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, die den Blick über den verwunschenen Park erlaubte. An Stelle des elektrischen Lichtes leuchteten Kerzen in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden. Welche Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster, große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. Aus dem Park trieb in spürbaren Wellen ein betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie speisten eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten, und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie durch den Park. Esther blieb stehen und sog langsam die Luft ein.

„Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,“ sagte sie, und zum ersten Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen weichen, schwärmerischen Klang.

Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen, die umwachsenen Statuen, und sogar in den Irrgarten aus Taxushecken wagte sich Esther, obwohl es drinnen ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und Lachen den Rückweg fanden.

Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die Stille bedrückte sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes. Sie drängte zum Aufbruch.

Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in Ordnung war. Schweißtriefend lag der Chauffeur unter dem Wagen. Er versicherte, den Mangel spätestens in einer halben Stunde zu beheben.

„Oh, wie unangenehm!“ rief Esther ärgerlich, und augenblicklich wandte sie sich in herrischem Ton an den Wirt und verlangte einen Wagen. Der Wirt hatte einen Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren würden.

Esther runzelte die Stirn. „So telephonieren Sie nach einem Auto. Es muß sich doch ein Auto finden lassen? Ich habe Baron Blau versprochen, mit ihm nach dem Theater die Schokolade zu nehmen.“

Wenzel lächelte. „Telephonieren Sie in das Hotel,“ sagte er.

„Sie sind abscheulich,“ erwiderte Esther verletzt. Sie schwieg eine Weile, während sie in dem dunklen Park hin und her ging. Plötzlich schien es ihr, als ob sie Wenzel im Dunkeln lachen höre.

„Sie lachen?“ fragte sie verwundert.

Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm. „Ich lache über Sie, Esther Weatherleigh,“ sagte er, „ich muß lachen, weil Sie so ärgerlich sind, ein paar Stunden von Paris fern bleiben zu müssen. Das Auto ist natürlich völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur beauftragt, diese kleine Komödie zu spielen.“

Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie eine Statue vor Erstaunen. „Und was bezwecken Sie damit?“ fragte sie – oh, nun war sie wirklich schlechter Laune – und die Statue schien noch schmaler und steifer zu werden.

Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: „Spielen Sie nicht die gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie sehen ja, daß ich das Komplott sofort selbst aufdeckte, als ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht, länger hier zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was ich mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in Paris immer von einem Schwarm von Menschen umgeben, und selbst, wenn wir allein ausgehen, befinden wir uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den Plan, Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte, zu verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse Dinge sprechen zu können.“

Esther ging weiter. „Welche Dinge wollen Sie denn mit mir besprechen?“ fragte sie mit gemachtem Erstaunen. Als ob sie gar nicht ahnen könne, um welche Dinge es sich handeln könnte.

„Es ist eine sehr einfache Sache,“ fuhr Wenzel fort, etwas unsicher und tastend. „Da ist dieser Baron Blau, und da ist dieser Major Fairfax, und ...“

„Und da sind noch andere,“ unterbrach ihn Esther.

Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß ihre Zähne blitzten.

„Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe keineswegs Lust, die lächerliche Rolle eines Barons Blau oder eines anderen zu spielen, Esther Weatherleigh!“

Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde zu einer schmalen, steifen Statue.

„Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich sprechen, aber es ist vielleicht besser, wenn wir wenig Worte machen. Sie sollen sich entscheiden, Esther Weatherleigh. Entweder ich oder einer der andern!“

Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und verletzend. Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung. Viele Monate lang hatte er sich dieser Frau gegenüber beherrscht, und oft war es ihm nicht leicht gewesen. Dieses Lachen aber brachte ihn außer sich.

„Sie sollen nicht lachen über diese Frage!“ rief er, viel zu laut für einen Gentleman, und trat auf die Statue zu und faßte sie an den Schultern. Ihre nackten Arme fühlten sich wie Eis an in seinen Händen, wie Eis, das brannte. „Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher Aufrichtigkeit gerichtet.“

„Sie tun mir weh,“ sagte Esther leise, indem sie den Kopf senkte. „Oh, wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse. Ich hasse vor allem rasche Entschlüsse. Sie wissen sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind, Wenzel, aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich glaube nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.“

Darauf Wenzel: „Ich verlange ja gar nicht, daß Sie mich lieben. Ich verlange nur, daß Sie meine Frau werden.“

„Das ist mir zu wenig,“ antwortete Esther.

„Dann werden Sie meine Geliebte!“

„Das ist mir zuviel,“ entgegnete Esther mit einem Lächeln. „Aber,“ fuhr sie zögernd fort, „vielleicht läßt sich darüber sprechen, Wenzel Schellenberg. Ohne Bedingungen, hören Sie. Wir wollen dem Himmel die Entscheidung überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt eine Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine Sternschnuppe, so versprechen Sie mir, nie wieder auf diese Dinge zurückzukommen. Gilt das?“

„Es gilt!“

Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum Firmament gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte gegangen, als ein leuchtendes Meteor über das Firmament zog.

Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach Wenzel. „Sie haben gewonnen, Wenzel!“ rief sie und lachte.