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Die Brüder Schellenberg

Chapter 68: 12
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

12

Da bist du ja wieder,“ sagte Jenny Florian freudig lächelnd und schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels Nacken. Ihre Augen strahlten von einer tiefen und milden Freude.

Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich gesprochenen Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit langer Zeit hatte er diese schöne Stimme nicht mehr vernommen.

„Da bin ich wieder, mein Liebling,“ erwiderte er laut, mit etwas gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen, die ihn ergriffen hatte, als er Jenny, zarter, etwas schmaler im Gesicht, eilig die Treppe herabkommen sah. Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen. Er küßte sie herzhaft auf den Mund.

Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er sollte sehen, daß sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte.

Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah ganz so aus, als habe sich unterdessen nicht das mindeste ereignet und solle alles bleiben wie früher.

Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er früher nicht getan hatte. Sie besuchten Gesellschaften, Theater, Rennen, zumeist aber speisten sie in Jennys Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für alles, was Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm, die sie früher nie bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf, um nachdenklich und unruhig im Zimmer hin- und herzugehen.

„Woran denkst du?“ fragte sie.

Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage keine Antwort.

Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh gehört, natürlich. Sie wußte, daß ihn diese Frau mehr als andere beschäftigte, aber es ging doch wohl nicht an, seine Unruhe auf diese Frau zurückzuführen. „Hast du Sorgen?“ fragte Jenny schmeichelnd.

Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen.

„Aber vielleicht hast du doch Sorgen,“ drängte Jenny weiter. „Ich verstehe nichts von Geschäften und möchte mit dir auch nicht über Geschäfte sprechen. Aber vielleicht hast du geschäftliche Sorgen? Man sprach in Berlin davon, daß du große Verluste in einer Francsspekulation erlitten hast.“

Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. „Wie lächerlich klein ist diese Welt!“ rief er aus. „Ich habe in der Tat anfangs einen tüchtigen Lappen Haut hängen lassen. Ich habe dir von einem Bekannten erzählt, einem Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug, auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc würde gestützt werden und steigen. Man soll nie auf einen Bankier hören, und so habe ich eine ziemliche Summe verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später aber behauptete dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und diesmal handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine Verluste mehr als wettgemacht. Das ist die ganze Sache meiner Francsspekulation.“

Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist. Er sandte Jenny Blumen und einen Gruß. Geschäfte! Drei Tage später kam er wieder zurück. Er blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten war Wenzel fast ununterbrochen in D-Zügen und Flugzeugen unterwegs: Paris, London, Trouville, Ostende. Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten, desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich von Monat zu Monat beobachten. Was früher fast nie vorkam, ereignete sich jetzt häufig: Wenzel war schlechter Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur dumme Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel früher ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige Explosion, eine Eruption von Zorn und Galle, und einige Minuten später hatte er seinen früheren Gleichmut wiedergefunden. Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem Gesicht und schwieg.

Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer Arbeit. Oh, sie arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast immer abwesend war. Sie übte, schulte, lernte, studierte, beobachtete. Ihr letzter Film, „Der Roman einer Tänzerin“, hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote, aber schon hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie wollte zur Bühne gehen und nur noch zuweilen filmen. Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und als Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst sollte sie zum ersten Male auftreten, und man tat alles, um das Debüt zu einem Erfolg zu gestalten. Jenny erzählte von den Proben.

Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit ihm großen Verdruß bereite. Eines Abends aber kam er in strahlender Laune zu Jenny, nachdem er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er brachte einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto war buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt.

„Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!“ rief er, in jenem übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher her kannte. „Wir wollen tafeln. Endlich hat diese unleidige Scheidungsgeschichte ein Ende gefunden.“

Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle.

In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel bat am Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und erklärte ihm ohne alle Umstände: „Lise Schellenberg ist von der Reise zurückgekehrt. Sie werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in Ordnung gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier ist das Telephon, fangen Sie an.“

Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem ans Telephon. Und nun wollte er seine ganze Kunst beweisen, während Wenzel mit dem finsteren Blick und starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen Willen durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben.

Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten Entschuldigung, daß er es nochmals wage, Frau Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch weniger als der Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden Kinder am Herzen liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion! Er berichtete also, daß Herr Schellenberg eine Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines Gerichtsbeschlusses zur sofortigen Herausgabe der Kinder.

„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als Freund, aber schon wurde er etwas deutlicher. Er setzte ihr auseinander, daß das Gericht ohne allen Zweifel, sie könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den schuldigen Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal Anspruch auf einen roten Heller erheben könne. Herr Schellenberg habe ihm als letzten Termin den heutigen Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt. Eine Minute nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend reise Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, und unterdessen werde sich das Schicksal erfüllen.

Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. Dann versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn Schellenbergs letzte Bedingungen die seien: Er biete zwei Millionen Abfindung und eine Rente von fünfzigtausend Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf ihre bestimmte Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine Minute, gnädige Frau, keinen roten Heller.“

Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war immer finsterer geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. Er beschwor den verehrten Kollegen, bei seiner Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen. Der Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde Herr Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende.

Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte Lises erregte Stimme im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit selbst, er verbeugte sich sogar am Apparat. Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich sagte er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn zu Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen drei Millionen? Ich bin nahezu sicher, daß Herr Schellenberg diese Forderung zurückweisen wird, aber ich bürge mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß geworden.

Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben Abend erzählte sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, daß Wenzel sie mit einem Butterbrot abgefunden habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde Lises erklärten Wenzel Schellenberg für den brutalsten Schurken Berlins.