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Im Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle of Wight. Ein ganzes Geschwader von Jachten und Motorkreuzern, die Esthers Freunden gehörten, kam hier zusammen. Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner großen, luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord Tanzgesellschaften, die bald in der ganzen englischen Sportwelt berühmt wurden.
Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin und England unterwegs.
Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von einer Reise nach Paris und Sankt Moritz, ganz gegen ihre frühere Absicht, in Berlin. Wiederum wimmelte ihr Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte, verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt war, die Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger berühmter Namen, bekannte Politiker und Minister gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb sich um Einladungen zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die „Voliere“, man mußte als Vogel kostümiert erscheinen – war ein gesellschaftliches Ereignis. Von dem Tanzturnier, das sie im Februar veranstaltete, sprach ganz Berlin. Die illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der Sieger. Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky erhalten, heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und Bühnenkünstler.
Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine leere Stunde mehr, keine Stunde der Langeweile. Fast jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz, Spiel, Gelächter. Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den Schluß der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein hätten genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten. Wenzel aber leistete nebenher noch eine ungeheure Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers Wunsch eine Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen, wodurch sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte.
Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten, dritten Tag nach Hellbronnen, um den Umbau und Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war in diesen Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit. Immerzu war sie von einem Schwarm von Bewunderern und Anbetern umgeben. Wenzel aber fühlte sich glücklich. Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den es sich bewegte. Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben. Er spielte eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft. Man drängte sich an ihn. Politiker, Redakteure, Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine Freundschaft. Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht zu hören. Man sah ihn in den Salons der Gesandten und Botschafter aller Nationen, die Presse nannte seinen Namen voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel einer ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit!
Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs. Aber zuweilen empfand er doch etwas wie eine Art Hochachtung vor sich selbst, war er ganz erfüllt von Befriedigung.
„Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!“ sagte er sich manchmal, wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel betrachtete. „Und doch ist dies erst der Anfang! Der Anfang – ah, man wird ja sehen!“ Ehrgeizige Träume berauschten ihn –.
Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im Mai – ereignete sich ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender Vorfall, dessen Folgen niemand voraussehen konnte.
An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag, wie sie in Berlin selten sind, begleitete Wenzel Esther in den Zoologischen Garten. Esther schwärmte für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und kleine Bären zu bewundern. Der schöne Tag hatte alle Welt herbeigelockt, und der Garten wimmelte von heiteren Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich – beinahe hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in der Nähe des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines, milchweißes Windspiel freudig an Esther heran, beschnupperte sie, sprang winselnd und kläffend vor Erregung an Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken. Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner Freude äußerst reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges Maul und rosiggeränderte sanfte braune Augen. Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des Tieres nicht zu erwehren.
„Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht so närrisch,“ rief sie wieder und wieder aus.
Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer großen Anzahl von Menschen.
Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo, das Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in der Menge.
„Woher kennt dich der Hund?“ fragte Wenzel.
„Er gehört einem meiner Bekannten,“ erwiderte Esther lächelnd und widmete sich wieder den jungen Bären.
Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend, geringfügig, und Wenzel vergaß ihn nach einigen Tagen vollkommen.
Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause kam und nicht einschlafen konnte, da er überarbeitet war – Esther war heute nach Hellbronnen gereist und kehrte erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich wieder diese bedeutungslose Szene mit dem Windspiel ein. Er ging auf und ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte sogar bei der Erinnerung an diese Szene – erschien eine Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser Sache besonderes sein? fragte er sich, indem er auf- und abging und seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau, ein Hund, der irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber nun zerbiß er plötzlich die Zigarre, was er zu tun pflegte, wenn er in schlechte Laune geriet.
„Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,“ sagte er plötzlich. „Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche Freude dieses Windspiels! Das Tier war ja völlig närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther sehr häufig mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe dieses Tier nie gesehen, weder auf einem Rennen noch sonst irgendwo. Und dann dieser Pfiff! Warum hat der Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach, es war auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur seinen Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er sie fragte, nicht den Namen dieses Bekannten? Vielleicht schien es ihr völlig gleichgültig. Wandte sie sich nicht etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem Bärenzwinger zu?“
Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend, und es war lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Es war nur seine Abgespanntheit und seine Gereiztheit.
Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm zurück. Er erinnerte sich plötzlich eines Blickes, den Major Fairfax mit Esther ausgetauscht hatte. Dieser Blick hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um urplötzlich wieder wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur ein Blick! Auch dieser Blick war ganz unbedeutend und nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu beschäftigen. Vielleicht hatte er diesen Blick völlig mißdeutet.
Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich ihm dieser Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer des Windspiels auszukundschaften. Wie? Nun, das würde sich finden. Er nahm eine doppelte Dosis Schlafpulver und begab sich zur Ruhe.
Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem er erwachte, der Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen Pfoten und dem rosigen Maul. Ganz deutlich sah er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem Gedächtnis malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging es, den Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter hundert Windspielen würde er das Tier herausfinden. Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und nach diesem Windspiel überall Ausschau zu halten.
Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden zu sein. Wenzel besuchte häufig den Zoologischen Garten, er war auf allen Rennplätzen, er kam nun häufig zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste brachten oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur. Vielleicht war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus Berlin abgereist? Endlich, nach einigen Wochen, begann Wenzel über seine Marotte, in einer Millionenstadt nach einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich hatte er das Windspiel vergessen.