Aber plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr an den Hund dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen Verblüffung in einiger Entfernung dicht neben einem Herrn stehen! Er erkannte das Tier augenblicklich wieder. Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur gekommen, um Esther abzuholen.
Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange gesucht hatte! Eine Täuschung war unmöglich. Der Herr trug einen silbergrauen Sommerüberzieher und einen silbergrauen Hut. Er war nach der neuesten Mode gekleidet, übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die Höhe sprang, und Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich erbleichte Wenzel.
Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier gewonnen hatte, wie war doch sein Name? Er kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in einem Spielklub, er war ein Freund von Jenny Florian gewesen. Jetzt spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und beim Film. Er hatte diesem jungen Mann nie Vertrauen geschenkt, vielleicht weil er sogenannte schöne feminine Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein. Katschinsky hieß der junge Mann.
Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen genannt?
Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den Turnierplatz, ohne weiter nach Esther zu suchen. Er ließ ihr den Wagen zurück, mit dem Bescheid, daß ihn ein dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe.
Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft, die Bewegung erfrischten ihn. Plötzlich begann er über seine unsinnigen Kombinationen zu lachen.
„Es sind ja nur die Nerven!“ sagte er sich. „Wir werden drei Wochen auf die See gehen!“
Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über Wenzel gekommen. Er ging nicht an die See. Nach einer Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht mehr.
Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle Angelegenheiten anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen gab er diesen Vertrauensleuten seine Aufträge.
Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade gegen Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus betrat, eine ganz besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte in ihrem gepuderten und gemalten Gesicht zu lesen. Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die Künste der Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge der Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie es Wenzel schien, rätselhafter.
Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder erschien es ihm. Je mehr er diese Frau zu ergründen suchte, desto unbekannter schien sie ihm zu sein. In der Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem Hause.
Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei Herren über Esther im Teeraum des Londoner Hotels führten. Sie waren augenblicklich verstummt, als sie bemerkten, daß er zuhörte, und behandelten ihn von diesem Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie etwas gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit gewesen. Sein Englisch war nur mangelhaft, und doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden Herren mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es lag mehr im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe, ihre Scheidung, ihr ganzes Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis trat, war ihm bis heute völlig gleichgültig gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug?
Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen nach London fahren mußte. Wenzel hatte mit ihm eine vertrauliche Aussprache. Goldbaum war klug und taktvoll genug, um sich für eine derartig schwierige Mission besonders zu eignen.
Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken, rothaarigen Schädel verdrießlich hin und her, versprach aber endlich, sein möglichstes zu tun und bei seinen Freunden ein „bißchen herumzuhorchen“.
Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit noch größerer Unruhe erwartete er den Bericht seiner Berliner Vertrauensleute. Esther ahnte nicht das geringste.
Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll und vorsichtig, eine Bemerkung über Esthers allzu große Außerachtlassung der gesellschaftlichen Formen gemacht hatte. Er hatte damals mit Esther gesprochen und sie um mehr Zurückhaltung gebeten.
„Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt, Esther,“ sagte er. „Sie sind zum größten Teil Spießbürger, die die Dinge mit andern Augen sehen und manches mißdeuten könnten.“
Esther warf die Lippe in die Höhe.
„Laß sie doch,“ sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen des Kopfes. „Ich tue, was ich will, du weißt es, und kümmere mich nicht um die Menschen.“
Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und ausweichend.
Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine Reise Bericht. Wenzel empfing ihn in seinem Arbeitszimmer und gab den Auftrag, niemanden vorzulassen. Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen Angelegenheiten. „Nun, und die andere Sache?“ fragte Wenzel und wurde dunkelrot, da er sich schämte.
Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte. Klatsch, Geschwätz und Gerede hätten ihm seine Freunde zugetragen, nichts sonst, nichts Positives, keine einzige positive Tatsache.
Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man über Esther rede. Auch das interessiere ihn. Er bitte ihn als Freund.
Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches über die Ehe Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele. Es sei da nicht alles so glatt und einfach gegangen. Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So erzählte man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein Verhältnis gehabt habe. Sie habe vier Wochen mit ihm zusammen in einem ägyptischen Hotel gewohnt – behaupten die bösen Zungen. Man habe auch die Namen von anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das sei einfacher Klatsch, wie er in jeder Gesellschaft üblich sei.
Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die Hand. „Ich hatte bestimmtere Dinge gehört,“ sagte er. „Dieses Geschwätz kümmert mich natürlich nicht im geringsten.“
Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders aus. Er erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden Herren, die über Esther tuschelten und deren Gespräch er unterbrach. Damals im Teeraum des Londoner Hotels. Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit in Venedig auffing –, da saßen andere gutaussehende junge Männer. Vielleicht lachten sie im geheimen über ihn, während er feierlich neben Esther an der Tafel saß.
Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten Tage verließ einer seiner Agenten mit dem Londoner Flugzeug Berlin.
Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts Positives. Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte irgendwo in Frankreich. Also hieß es sich gedulden.
Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück. Es war sein Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten seiner Mitmenschen abzugeben, und so berichtete er ausführlich über alles, was er in Erfahrung gebracht hatte.
Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber wurde mit Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch in London wußte, daß Sir Weatherleigh als Gentleman die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal zu vermeiden.
Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine Schuld Esthers in der Höhe von zwanzigtausend Pfund eingelöst habe und daß seine Beziehungen zu ihr, wenn auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien.
Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an zu ahnen, wer Esther war.
Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner Verheiratung geschehen war, ging ihn nichts an. Es war ihm nicht gleichgültig, keineswegs, aber er hatte nicht das Recht, darüber zu richten. Esther hatte nie die Tugendhafte und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie heuchelte nicht.
Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre Pflichten verletzt haben sollte! Er sagte wehe – mehr wollte er nicht sagen.
Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln. Er blieb seinem Hause möglichst fern. Seine Unruhe wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war seit einer Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben, so oder so.
Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden. Wenzel verschloß die Türen. Der Vertrauensmann zog ohne große Einleitung ein Notizbuch aus der Tasche und legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf Uhr das Haus betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag um sechs Uhr das Haus betreten, um einhalb acht Uhr verlassen, am Sonntag nach dem Theater das Haus um elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen.
Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler sehr bekannten Namens aufmerksam. Er werde auch diese Spur verfolgen, wenn Herr Schellenberg es befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch keineswegs sicher. –
Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem Stein gehauen.
„Es ist nicht nötig,“ sagte er, doch seine Stimme klang ruhig und völlig unverändert. Seine Hände aber zitterten so stark, daß er sie unter der Tischplatte verbarg. Plötzlich funkelten seine Augen: „Wehe, wenn Sie mich belügen, Herr!“ schrie er den Agenten an. „Ich werde mich überzeugen, ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!“
Der Agent wich erschrocken zurück. „Herr Schellenberg können sich überzeugen.“