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Die Brüder Schellenberg cover

Die Brüder Schellenberg

Chapter 83: 27
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

27

Wenzels Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf.

Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas war geschehen, etwas Schreckliches, und er war entflohen. In einem Schnellzug jagte er dahin. Die Scheiben klirrten, schwankend ging er durch den Zug in den Speisewagen. Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette blutig war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke um sich, und kehrte durch den schwankenden Zug in sein Abteil zurück. Da sah er zu seinem Schrecken, daß seine Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er hatte gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich wußte er ganz deutlich, daß er auf der Flucht war und daß er den Führer des Zuges bestochen hatte, möglichst dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in der er ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und hier lag ein Dampfer, der eben zur Abfahrt fertigmachte. Er hieß „Creol“. Er tutete dumpf, die Luft erbebte. Eben waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen, schon wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang es Wenzel noch, an Bord zu kommen.

Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer fuhr brüllend und tutend dahin, und der Wald rauchender Schornsteine versank. Sicherheit, Ruhe, kein Mensch konnte ihn mehr einholen.

Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem Frackhemd ein kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich immer mehr vergrößerte. Schon blickten ihn viele Augen argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend, schlüpfte rasch in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren von blutigen Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn niemand mehr zu beachten.

Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit zog er durch das Meer. Ein Strom, breit und kochend wie der Rhein, war das Kielwasser. Niemand schenkte Wenzel besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der seine Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche Blutspuren zeigte.

„Wo sind die Passagiere?“ fragte Wenzel in bester Laune den Kapitän, als er den Speisesaal betrat. Auch der Kapitän hatte sein alltägliches Gesicht aufgesetzt. Anfangs schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit prüfenden Blicken.

„Sie sind seekrank.“

Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen „Creol“ trug. Ein sonderbarer Name.

Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und mehr schien der Dampfer auszusterben. Es war nur noch ein einsamer Steward an Deck, und auf der Brücke ging ein einsamer Offizier hin und her.

„Was ist eigentlich los?“ schrie Wenzel zu dem einsamen Offizier auf der Brücke empor.

Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. Und der Dampfer raste dahin, die Maschine bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten aus den drei Schornsteinen.

Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er öffnete die Tür der Kabine und rief in den Korridor hinaus, niemand antwortete. Er ging an Deck, niemand war zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein Mensch. Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so furchtbar raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand mehr zu finden. Wenzel stieg in den Heizraum hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine unbeschreibliche Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, nach Menschen suchend, und plötzlich erkannte er, daß er allein war auf dem Schiffe. Nun aber, gerade in diesem entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene des Dampfers, von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar zu tuten.

Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie voller Entsetzen: „Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“

In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß gebadet. „Ich habe geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“ Er betrachtete seine Hände. Was war es doch mit meinen Händen?

Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach seinen Wünschen. Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff nicht, er wußte nicht, wo er war. War er nicht eben auf einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß ein Kellner vor ihm stand.

„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er.

Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich Wenzel, daß er sich in Warnemünde befand.