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Die Brüder Schellenberg cover

Die Brüder Schellenberg

Chapter 9: 7
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

7

An jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen war es noch völlig finster – erschienen die Massen der Arbeitslosen vor den Bureaus der Arbeitsnachweise. Es waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend auf ihren dunklen Löchern hervor, in die sie sich in den Nächten verkrochen. Ihre Schuhe waren zerweicht und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten Kleider feucht vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und manche krümmte der Husten bis zum Boden.

Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten Hände in den Hosentaschen, vertraten sich die Füße und warteten. Sie sprachen wenig. Nur einzelne schrien erregt, redeten von ihren hungernden Weibern und Kindern, fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften, die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde waren die Arbeitsnachweise schon wieder geschlossen, so gering war die Zahl der offenen Stellen.

Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone der Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten sich über die tausend Straßen der Stadt, die sie müde, stumpfe Verzweiflung im Herzen, durchzogen. Was hatten sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu schleppen?

Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt hereingebrochen. Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher waren bis zum Bersten angefüllt mit Waren, die die Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis tief hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die Schiffe die Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente der farbigen Völker. Die Händler saßen auf ihren Ballen und warteten. Erst wenn diese ungeheuren Lager der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine Besserung erwartet werden.

Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still in den Häfen. Die Kohlenberge der Zechen häuften sich zu Gebirgen, und täglich schwoll das Heer der Arbeitslosen mehr und mehr an.

Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei Wochen lang, war Georg mit dem Morgengrauen vor den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne den geringsten Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten sich. Oft schwankte er beim Gehen.

Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu verbringen. Die Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt, gottlob. Zufällig hatte er einen kleinen Platz entdeckt, der auffallend windgeschützt war. Hier kauerte er auf seiner Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken kauerten andere Schatten.

Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare huschen durch die Schatten, Dirnen standen bei den Laternen, das Täschchen in der Hand. Es kamen Betrunkene, die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine Sekunde kam die Stadt während der ganzen langen Nacht zur Ruhe. Und nun kam auch jener langsam knirschende Schritt wieder, den man von weitem schon erkannte. Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald der langsame Schritt in der Ferne verklang.

Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der schwarzen Stadt. In der Ferne, irgendwo, rauschten die Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur feinklingend in der stillen Nacht.

In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei Jahren aus der kleinen thüringischen Provinzstadt nach Berlin gekommen, die Augen fiebernd von Träumen, das Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt der Kühnheit und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs. Hier würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf dem Bahnhof aus dem überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit blitzte aus den Bogenlampen, die so stark und mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend und gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen. Die ganze erste Nacht war er durch diese Stadt gewandert, seinen Träumen hingegeben. Etwas wie Triumph lag in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde.

Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war eine Witwe, eine kleine fleißige Frau, die noch früher aufstand als die Hühner und noch spät in der Dunkelheit bei ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch, fegte und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde abgesparten Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten.

Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln aus, mit acht setzte er im „Goldenen Engel“ des Abends die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit umfiel. Hier arbeitete er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei Chorsänger war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte er sein Brot ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, zeichnete für einen Möbeltischler, malte ein Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden. Um sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war ein Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte und dem er die Elemente der Mathematik beibrachte. Am Nachmittag und am Abend unterrichtete er Mitschüler, die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden und in den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum war es, zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und Kuppeln, mächtige Rathäuser, Theater, riesenhafte Fabriken und Industrieanlagen – und seiner Mutter baute er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war sein schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! Während die Mitschüler in den Straßen spazieren gingen, mit Mädchen lachten, Ausflüge machten, Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause bei der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den Tag hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, das er kaum kennengelernt hatte. Es gab an der Schule kleine Unterstützungen, Stipendien und Freitische. Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber. Aber diese Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand an Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. Welche Demütigungen! Georg ertrug sie, still, ohne Auflehnung, nur dumpf bedrückt. Nur wenige Jahre, und die Stadt sollte erfahren, wer Georg Weidenbach war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen Menschen, welche Ausschweifungen der Phantasie!

Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen Stadt. Er sah seine Mutter, wie sie in ihrer mit Backsteinen ausgelegten Küche bei der kleinen Lampe scheuerte und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie die faltigen Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. Er hatte ihr nichts von seinem Aufenthalt im Krankenhaus geschrieben. Sie durfte nicht wissen, wie es ihm ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen begnügen müsse, so gering, daß er ihr leider nichts schicken könne.

Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen des Ehrgeizes, während er in der langen Nacht auf der Bank kauerte, und sein Herz erbebte.