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Die Brüder Schellenberg cover

Die Brüder Schellenberg

Chapter 91: 35
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

35

Viele Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft. Endlich unterlag auch die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche Konstitution. Und nun war Michael schon drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die Pfleger mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten, er wollte weg von hier. Er habe keine Zeit zu versäumen.

Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von Hungernden, die durch die Riesenstädte marschierten, ohne einen Laut zu sprechen, ohne einen andern Vorwurf als den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er Hunderttausende von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig. Er sah Hunderttausende von alten Menschen, die auf der Straße niederfielen vor Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere, in denen Tausende zusammengepfercht, Leib an Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die Hölle des Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten würde. Dies alles sah er in diesen Fiebernächten, da er mit riesigen Kräften mit den Pflegern rang.

Nun aber war er still geworden. Er lag ohne jede Bewegung. Er atmete leise. Er tat keiner Fliege mehr etwas zuleide. Die Pfleger konnten ruhig schlafen. Er war besiegt, und er sah es ein. Eva hatte sein Haupt höher gebettet, und so lag er nun, bleich und fahl, blutleer das Gesicht, und lächelte. Seine Augen glänzten, und Friede und Glück lagen auf seinen fahlen, lächelnden Lippen. Nun sah er nicht mehr die Stätten des Elends, er sah gleißende Ebenen, die Erde. Und der Regen rieselte durch die Sonne, und die grüne Saat schob sich aus dem Boden. Und er sah die Saat sprießen und wachsen.

Er sah goldene Flächen. Das war der Weizen, das Brot, das im Winde wogte. Er sah glänzende Wasserstraßen, die blühende Länder durchzogen, er sah blühende Siedlungen voll gesunder Menschen. Die Glashallen der Werkstätten, wo die Maschinen schwirrten, voll brauner, starker Männer, die Gärtnereien, erfüllt vom Gewimmel gesunder Kinder. Er sah Städte, die von Arbeit fieberten, er sah Schiffe dahinziehen, beladen mit Gütern. Und da fing alles an zu blinken und zu funkeln, alles war in Licht und Sonne getaucht. Und Michael seufzte, als erfüllte ihn Glückseligkeit.

Plötzlich wandte sich Eva Dux vom Lager ab und legte ihre schmale Hand vor die Augen.

Das war in der neunten Abendstunde. Um ein halb zehn senkte sich die Flagge der Gesellschaft – weiß, mit drei goldenen Ähren – auf dem Verwaltungsgebäude in der Lindenstraße auf Halbmast. Unaufhörlich aber jagten die riesigen Flammenschriften über die Front des Gebäudes und blendeten hinaus in die Nacht:

Tod dem Hunger!

Tod der Krankheit!

Es lebe die Kameradschaft!