Still, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich von jemandem zu verabschieden, schlich sich Wenzel aus dem Sanatorium. Er schickte den Wagen fort und ging langsam durch die Straßen. Ja, nun war es zu Ende. Er fühlte ganz deutlich, daß das Schicksal gegen ihn aufgestanden war, um ihn zu Boden zu werfen. Gott hatte die Stirn gerunzelt ...
Mitten in der Straße krampfte er die Hände vors Gesicht – fast hätte er geschluchzt. Michael – er hatte ihn geliebt, nicht weil er sein Bruder war. Nein, es war etwas in Michael, das ihn seit seiner Jugend anzog. Der Attentäter aber hatte auf Michael geschossen, weil er sich aus dem Schweiß der Arbeitslosen ein Palais erbaut hatte. Nun eilte Wenzel dahin. Dies war der Keulenschlag, mit dem ihn das Schicksal niederschlug.
Fast hatte er geschluchzt, aufgeschrien, aber er schluchzte nicht, er schrie nicht auf. Er wanderte zum Bahnhof und wartete auf einer Bank des Wartesaals geduldig auf den ersten Zug, der nach dem Osten ging. Früh um fünf Uhr ging dieser Zug, es war ein Personenzug, und er stieg ein. Ohne jegliche Ungeduld fuhr Wenzel die Nacht und den folgenden Tag, und endlich erreichte er die Station, wo er aussteigen mußte.
Vor drei Jahren hatte er ein Gut in Ostpreußen gekauft, das niedergebrannt war, ein Gut von fünfzigtausend Morgen, das er für fast nichts erwarb. Es hieß Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war seine Absicht gewesen, sich dahin zu begeben.
Es war dunkel, als er den Personenzug auf der kleinen Station verließ. Bald war er einsam in der Dunkelheit auf der Landstraße und schritt tüchtig aus. Gegen Mitternacht erreichte er das Gut. Ein Hund kläffte. Er rief. Endlich zitterte ein kleines Licht, und aus einem Fenster fuhr der Kopf eines alten Weibes.
„Was wollen Sie?“ rief sie unwirsch und keifend.
„Ich bin Schellenberg,“ erwiderte Wenzel.
Aber die Alte hatte seinen Namen nie gehört. Wie wunderbar war es, in eine Gegend zu kommen, wo man seinen Namen nicht kannte!
„Ich bin der Besitzer des Gutes.“
Argwöhnisch verschwand die Alte, und nach geraumer Weile kam ein vom Alter krummgezogener Knecht aus dem Hause, der wußte, daß das Gut vor Jahren an einen Herrn Schellenberg in Berlin verkauft worden war. Ratlos stand der Knecht.
„Was wollen Sie hier?“ fragte er. „Das Gutshaus ist ja abgebrannt.“
Und in der Tat, selbst in dieser undurchdringlichen Dunkelheit konnte Wenzel etwas wie eine langgestreckte Ruine zwischen den Bäumen entdecken. Man roch noch den Brand.
„Ich will hier auf dem Gute leben,“ sagte Wenzel.
Der Knecht ging ins Haus, zündete eine Laterne an und bat ihn, einzutreten. Es war das Haus der Dienstleute. Nebenan lag ein größeres Gebäude, in dem früher der Verwalter wohnte.
„Es ist aber nicht in Ordnung,“ sagte der Knecht.
„Lassen Sie mich ruhig hier sitzen,“ erwiderte Wenzel. „Schlafen Sie, und stören Sie mich nicht.“
So saß er still auf der Treppe, mitten in der Nacht, und groß gingen die Gestirne über ihn dahin. Der Morgen graute. Ketten rasselten im Stall, ein Hahn krähte, Kühe schnaubten. Der alte Knecht und das alte Weib nahmen ihre Arbeit auf. Aus der Dämmerung stiegen deutlich die Umrisse der Gebäude, Stallungen und auch der niedergebrannten Ruine des Gutes.
Das also ist Schwarzlake, dachte Wenzel. Er war sehr zufrieden. Hier würde er bleiben. Die Alte setzte ihm heiße Milch auf den Tisch, und daneben legte sie ein Stück Roggenbrot. Ja, hier würde er bleiben.