„Onkel, laß das Richten nur sein,“ sagt Elise. „Er hat sich schon selbst gerichtet. Hat er nicht?“
„Ich glaube auch,“ sagt die Tante Berg.
„Ich desgleichen,“ gebe ich mein Verdikt ab.
„Das dachte ich wohl,“ brummt der denkende Künstler. „Wann hätte je die Unschuld gesiegt?! Abgemacht. Wie wird’s nun mit unserem Spaziergang?“
„Ja, wo wollen wir hin?“ ruft Elise, und Gustav meint:
„Ein Vorschlag zur Güte: wir gehen nach dem Wasserhof; da ist bal champêtre! Was meinst Du, Lischen?“
„Kann man da hingehen?“ fragt die Tante Berg bedenklich.
„Warum nicht? Sind wir doch dabei!“ sagt der denkende Künstler, gravitätisch den Halskragen in die Höhe zupfend „Übrigens ist heute auch das Atelier mit seinen Schwestern da; ebenso der Professor Frey mit seinen sechs Nichten, und …“
„Nach dem Wasserhof!“ rufe ich elektrisiert. „Tante Berg, man kann dahin gehen!“
Und wir gehen hin. —
Wer kennt nicht den Wasserhof? Hat ihn nicht Goethe im ‚Faust‘ unsterblich gemacht? „Der Weg dahin ist gar nicht schön.“ Welcher Weg um diese Stadt ist schön? Es lebe der Wasserhof! Da gibt es Schatten und kühle Lauben am Tage; Musik, bunte Lampen und fliegende Johanniswürmer am Abend; da gibt es Kellner mit einst weißen Servietten, die in der rechten Hosentasche stecken; da gibt es vor allem einen — prächtigen Tanzplatz im Grünen!
„Lischen, heute Morgen hast Du mir einen Korb gegeben; ich will Dir das verzeihen, wenn Du mir jetzt keinen anhängen willst: Mein Fräulein, darf ich um den ersten Walzer bitten?“
„Laß uns erst ankommen, Vetter!“ sagt Lischen, die auf dem ganzen Wege stets die Vorderste wäre, wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr hielte. — —
Da sind wir! Heda, da sitzt schon der alte Meister Frey mit der langen Pfeife hinter einer Flasche Wein, behaglich dem lustigen Treiben zuschauend, und lächelnd das schwarze Käppchen auf den langen, weißen Haaren hin und her schiebend. Schon aus der Ferne winkt er uns, als wir uns durch die Menge drängen, und ruft uns sein „Willkommen“ entgegen. Hurra, da ist das „Atelier mit seinen Schwestern“, wie Gustav sagt, und die sechs Nichten des Professors. Eine lustige Gruppe: lange Haare, schwarze Sammetröcke, Kalabreser mit gewaltigen Troddeln; dann wieder weiße Kleider, bunte Bänder, Strohhüte; und Gustav und Elise natürlich sogleich mitten dazwischen. Beim heiligen Vocabulus, ist das nicht der lange Oberlehrer Besenmeier, der da, aptus adliciendis feminarum animis, der dicken Frau Rektorin Dippelmann einen Stuhl erobert? Wahrlich, er ist’s, und da ist der Rektor selbst, der Ruten und Beile so vollständig abgelegt hat, daß ihn in diesem Augenblick jeder Sekundaner, ohne böse Folgen, um — Feuer für seine Zigarre bitten könnte. Wen haben wir hier? Darf ich meinen Augen trauen! der königliche Professor der Gottesgelahrtheit, Hof- und Domprediger Dr. Niepeguck!? — Wirklich, er ist’s; mit Frau und Kindern steuert er durch die Menge. „Weg die Dogmatik!“ lautet das Studentenlied: warum sollte der alte Hallenser das an einem solchen prächtigen Abend nicht auch noch einmal in — das Doppelkinn summen dürfen? Wie die Universität vertreten ist! Professoren! Privatdozenten und Studenten von allen Fakultäten und Verbindungen! Dacht’ ich mir’s doch, da sind die „unmoralischen Menschen“, die Freiwilligen! Natürlich durften sie nicht fehlen! —
„Guten Abend, Cäcilie, Anna! Guten Abend, Elise, Johanne, Klärchen, Josephine! Das ist ja prächtig, daß Ihr auch da seid!“ schwirrt und summt das durcheinander!
„Gott, wo bleibt mein Tänzer! der abscheuliche Mensch wird mich doch nicht ‚sitzen‘ lassen?!“
„Auf keinen Fall, mein Fräulein!“ sagt der Auskultator Krippenstapel, sein ambrosisches Haupt über die Schulter der erschrockenen Sprecherin streckend und etwas von „nur Personalarrest“ murmelnd.
„Lischen, keinen Korb — bitte!“ ruft Gustav, ein Paar wundersame Handschuhe anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend.
„Nun, Vetter, — wenn’s denn nicht anders sein kann — so komm’ schnell, die Musik fängt schon an.“
„Höre, Peter van Laar,“ sagte Gustav, schon im Rennen, zu einem wohlbeleibten Kunstjünger, „wenn Du mich wieder auf den Fuß trittst, wie neulich, stecke ich Dich morgen mit der Nase in Dein Terpentinfaß! Komm, Lischen!“ —
Prr — davon sind sie: „Mutwill’ge Sommervögel.“
Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tisch des Meister Frey genommen, der eben unter schallendem Gelächter eine Schnurre aus seinem italischen Wanderleben beendet. Der Domprediger redet über die Wirkungen des Weißbieres auf seine Konstitution, während Petrus und Paulus, seine Sprößlinge, sich unter dem Tisch wälzen und balgen und die Frau Domprediger sich darüber aufhält, daß die Kellner sich mit der Hand schneuzen.
„Es ist immer noch besser als in die Serviette!“ sagt der Rektor Dippelmann, eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante Helene anbietend. An ein und demselben Punkte werden nun zwei Gespräche angeknüpft: die Weiber plumpsen in die große Wäsche, und der Domprediger mit dem Rektor Dippelmann in die — Theologie.
„Kommen Sie, Wachholder,“ sagt der Professor Frey, „wir wollen lieber den Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wässerig und schwül zugleich.“
Da ich wirklich etwas Ähnliches in mir spüre, nehme ich den Vorschlag mit Freuden an, und wir wandeln durch die Gänge mit den bunten Lampen und Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben.
„Welche prächtigen Reflexe!“ ruft der alte Maler ganz enthusiasmiert. „Sehen Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz seiner sporadischen Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen echten Künstler mache. Nun fanello,“ wendet er sich an den Herbeieilenden, „ich hoffe, Ihr werdet meine Mädchen nicht ‚dörren‘ lassen — wie sie sagen!“
Der denkende Künstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise:
„Wir tun unser möglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter Laar! Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Fräulein Julie dahin? Hier können Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, daß er keine Fortschritte mache. Sehen Sie nur, wie er weiter kommt. Sehen Sie, wie — buff! Dacht’ ich’s doch! Da bohrt er den Auskultator Krippenstapel mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter! das gibt Skandal! Da muß ich retten!“
„Herr!“ schreit der königliche Auskultator wütend aufspringend und seine Tänzerin trostlos-lächerlich auf ihrem „séant“ sitzen lassend. „Herr, können Sie nicht sehen, haben Sie keine Augen im Kopfe, Sie …“
„Halt, Krippenstapel!“ fällt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des Juristen aufhebend. „Sie sollen fürchterlich gerächt werden, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetüm! ein schreckliches Los harrt morgen Deiner! — Mein Fräulein, Sie haben sich doch nicht weh getan? Wollen Sie eine kalte Messerklinge auflegen, das soll gut sein gegen Beulen? — Fräulein Julie, geben Sie doch gefälligst dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite einen tüchtigen Nasenstüber als Vorgeschmack! — Krippenstapel, sei’n Sie ein guter Kerl und fangen Sie keinen Lärm an; kommen Sie, lassen Sie sich von Ihrer Dame eine Stecknadel geben, ehe Sie weiter schweben. Vergessen Sie’s nicht, es ist wichtig; ich als Ästhetiker muß das wissen!“
Ein allgemeines Gelächter löst die Sache in Wohlgefallen auf. Krippenstapel schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebüsch; seine Dame verkündet hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge anwenden zu wollen; Peter Holzmann stolpert mit Fräulein Julie zu einem Sitz, und alle übrigen Paare ordnen sich zu einem neuen Tanz.
Schon während des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert, nirgends Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles Lachen zu hören; als nun ein neuer Tanz beginnt, und sie auch jetzt nicht erscheint, wird mir die Sache bedenklich.
„Gustav, heda hier! Wo hast Du denn meine Lise gelassen?“
„Ich? — Onkel, fragen Sie lieber: wo hat Dich die Lise gelassen. Sie behauptet böse zu sein und ist mit Fräulein Henriette Frey weggelaufen, nachdem sie mich einen — einen — ‚Teekessel‘ genannt hat.“
„So? — was habt Ihr denn wieder vorgehabt?“
„Ich kann mich auf weiteres nicht einlassen!“ sagt der „denkende Künstler“, zieht ein wehmütig-seinsollendes Gesicht und verschwindet unter der Menge.
„Wenn die Sachen so stehen,“ lacht der alte Frey, „so werden die Mädchen jetzt wohl bei der Wäsche und Theologie sitzen. Kommen Sie, wir müssen uns doch erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache nicht prächtig?) da für Unheil und Unfrieden angestiftet hat?“
„Ich kann’s mir schon vorstellen,“ brumme ich in den Bart, und so schlagen wir uns seitwärts ins Gebüsch und gelangen zu unserm Tisch zurück.
„Richtig, da sitzen die Turteltäubchen!“ ruft der Professor. „Wie andächtig sie dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhören scheinen und doch ganz wo anders sind! Kurre, kurre, kurre, Fräulein Elise, mein Täubchen, was hat Ihnen denn ein gewisser — hm — gewisser ‚Teekessel‘ getan?“
„Wer?“ fragt Lischen, die sich dicht an die Tante gedrängt hat und von ihr mit einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, während Henriette an ihrer andern Seite emsig sich mit ihrer Teetasse beschäftigt.
„Wer? fragst Du!“ nehme ich das Wort. „Nun wir begegneten eben jemand, der ziemlich nahe am — ‚Überkochen‘ war.“
„Ach, Du meinst den Vetter! — Pah — Der!“
„Nun, was hat’s gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon ihr Herz ausgeschüttet?“
„Nein!“ sagt die Tante. „Haben sie sich wieder gezankt?“
„Es scheint so! Fräulein Henriette, Sie wissen gewiß etwas Näheres davon?“
„Soll ich’s sagen, Lischen?“ fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am Ohr zupfend.
„Meinetwegen!“ sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenhaß und Reue einen Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und mit aller Gewalt sich in ihren Locken fangen will.
„Er hat — Herr Gustav hat gesagt: — wenn er ihr nicht die Tänzer schicke und Propaganda (ich glaube so heißt’s) für sie mache, so würde sie — ihr Lebtag außer ihm keinen kriegen. Sie müsse daher hübsch dankbar und zuvorkommend gegen ihn sein und“ — —
Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen.
„Abscheulich!“ ruft die Tante Berg. „Finis mundi!“ lacht der Rektor Dippelmann. „Schändlich!“ ächzt die Frau Rektorin; „Gräßlich!“ die Frau Dompredigerin. „Beim Himmel, das ist stark!“ meint ihr Gemahl. „Das hätte ich nicht gedacht!“ brumm’ ich. „Das soll er büßen,“ ruft der Professor Frey, „und“ …
„Er büßt es schon!“ sagt eine Stimme, und der Übeltäter guckt durch das Gebüsch hinter Elisens Platze. „Teilweise hat er es sogar schon gebüßt!“
Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt sich ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der andern Seite rückt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie legend, hält er folgende Rede: „Lischen, englische Cousine Ralff, ich beschwöre Dich, höre mich! — Glaubst Du etwa, ich habe, nachdem Du jenem Schauplatz eitler Freuden den Rücken gewandt, weiter gewalzt? Du irrst! Du irrst! Gute Werke habe ich getan, meine Schuld zu sühnen: den edlen Holzmann, — Holzmann, komm mal her und gib mir die Schachtel mit den feurigen Tränen! — den edlen Holzmann habe ich aus den Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels gerettet; Fräulein Thekla Stichel habe ich aus der amüsantesten aller Lagen, oder vielmehr Sitzungen, emporgezogen; als mitten im Kontertanz dem Freiwilligen Breimüller der Steg riß und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte, habe ich ihm eine Droschke herbeigepfiffen; kurz überall, wo Tränen zu trocknen waren, war auch ich — wie gesagt, nur um meine Schuld zu büßen. Und hier, Lischen (Holzmann, gib mir die Schachtel), nicht allein getrocknet habe ich Tränen, auch gesammelt habe ich welche! — Sieh, Lischen!“
Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stößt Elise trotz ihrem Groll aus, als ihr der Bösewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Schoß schüttet, und unzählige, funkelnde, leuchtende Johanniswürmer um sie herum kriechen und schwirren.
Die Lampen sind weit genug entfernt, daß die Tierchen in ihrem ganzen Glanz erscheinen können, und es ist wirklich ein hübscher Anblick — diese besternte Elise!
„Das sind meine Reuetränen, und Du — kriegst Tänzer leider zu viel — ohne mich! — und ich bin ein Teekessel und et cetera — Lischen?! — Lischen, gucke mich mal an!“
„Taugenichts!“ sagt Elise, dem Sünder in die Haare greifend, und — der Friede ist geschlossen! —
War denn der alte Meister Frey an diesem Abend ganz aus Rand und Band? Auf einmal verkündete er, daß er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es war der letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen Gelegenheiten das Improvisieren den wahren Genuß und Jubel hervorbringe. Das halbe Atelier machte er halb betrunken, die ganze weibliche Welt ganz angeheitert. Ein Kranz wurde ihm aufgesetzt trotz allem Sträuben, — ein Kranz, der nur so sein mußte. Der Domprediger hielt eine Rede, die „verehrter Greis“ anfing und ähnlich endete, und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwölf Uhr. Dann erhob sich das alte bekränzte Geburtstagskind, beklagte sich über Nachtkühle und Nachtfeuchte, und — das Fest war vorbei.
Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?
Tot ist der alte Meister Frey, zerstreut in alle Welt sind seine Schüler. Peter Holzmann, genannt Peter van Laar, oder auch Bamboccio, ist 1849 in einer römischen Villa von französischen Plünderern erstochen, als er eine Raphaelsche Madonna vor ihrer Zerstörungswut schützen wollte. Der Domprediger ist noch immer nicht zum Mormonentum übergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier hat Fräulein Julie Frey geheiratet und steht, — „mit dem Gürtel, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei,“ — fürchterlich unter dem Pantoffel. Die Frau Rektor Dippelmann knüpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl die Halsbinde um, steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung gewickelt, in die Rocktasche und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster, wie er über die Friedensbrücke nach dem Schimmelstädtischen Gymnasium wandelt.
Und Gustav und Elise? — — — Ich werde nachher dieses Blatt der Chronik hinübertragen zu jener schönen ältlichen Frau in Nr. Zwölf der Sperlingsgasse, deren Fortepianoklänge sich schon den ganzen Nachmittag über in meine Gedanken verwoben haben. Dann werden wir von Gustav und Elise sprechen!
Am 14. März.
„Hören Sie, Wachholder,“ sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten Bogen der Chronik aufs Knie schlagend, „wenn Ihnen einmal Freund Hein das Lebenslicht ausgeblasen hat; irgend jemand unter Ihrem Nachlaß diese Blätter aufwühlt, und er sich die Mühe gibt, hineinzugucken, ehe er sie zu gemeinnützigen Zwecken verwendet, so wird er in demselben Fall sein, wie der alte Albrecht Dürer, der ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich beklagte: er könne nicht recht unterscheiden, was eigentlich die Hunde, und was die Hasen sein sollten. Sie würfeln wirklich Traum und Historie, Vergangenheit und Gegenwart zu toll durcheinander. Teuerster, wer darüber nicht konfus wird, der ist es schon! Und wenn Sie noch Ihre Bilder einfach hinstellten, wie ein alter, vernünftiger, gelangweilter Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr Mitarbeitertum der ‚Welken Blätter‘ zwischen die Beine, da putzen sie Ihre Erinnerungen auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt; hängen hier ein Glöckchen an und da eins, und ehe man’s sich versieht, haben Sie ein Ding hingestellt wie — wie ein Gebäude aus den bunten Steinen eines Kinderbaukastens. Das ist hübsch und bunt, aber — es paßt nichts recht zusammen, und wenn man es genau besieht — puh! — Nehmen Sie’s nicht übel; aber manchmal gleicht Ihre Chronik doch dem Machwerk eines angehenden literarischen Lichts, das sich mit Rousseau getröstet hat: Avec quelque talent qu’on puisse être né, l’art d’écrire ne s’apprend pas tout d’un coup.“
Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehört, jetzt sagte ich, während ich erbost meine Pfeife ausklopfte: „Sie haben vor einiger Zeit versprochen, ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu wollen, ich nehme Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik sogleich beim Wort und — lasse Sie mit Tinte, Feder und Papier allein, daß Sie ihren Beitrag derselben auf der Stelle anhängen. Der einst Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit aufwühlen. Guten Abend!“
Der Karikaturenmaler lachte, sagte „fiat“ und begann eine Feder zu schneiden, während ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefühl eines Menschen, der eine belebte Straße hinabzieht unter der festen Überzeugung, daß ihm hinten ein ungreifbares ellenlanges Band vom Vorhemd über den Rockkragen baumelt. „Und recht hat er doch!“ brummte ich, indem ich die Treppe hinabstieg. „Wenn nur die Lise erst wieder da wäre! Komm zurück, Schlingel von Gustav, und bringe sie mit, daß Euer alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke de vanitate weiter schreiben kann!“
Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuhe an, als sich oben mein Fenster öffnete, der Karikaturenzeichner den Kopf heraussteckte und herunterrief:
„Hören Sie, alter Herr, ich kann Sie so nicht weggehen lassen — ich habe Gewissensbisse und muß erst Öl in Ihre Wunden gießen! Hören Sie, meine Tante teilt die Bücher in zwei Arten: gute, über welche sie nach Tisch einschlafen kann, und schlechte, bei denen das nicht geht. Ihre Chronik würde sie unter die ersteren rechnen, wenn sie, aufgewühlt, ihr in die Hände fallen sollte. Adieu!“
Ich wandte dem unverschämten Gesellen lachend den Rücken und marschierte ab.
Am Abend.
Ich bin zurückgekommen von meinem Spaziergang und sitze wieder allein und einsam vor den zerstreuten Bogen meiner Chronik. Der Karikaturenzeichner hat wirklich ein Blatt vollgekritzelt, alle meine Federn verdorben, einen Tintenklex auf dem Fußboden gemacht, meinen Siegellackvorrat zerbissen, zerdreht und zerbrochen und — eine Ecke von meinem Schreibtisch abgeschnitzelt. — Er hat mir fast die Fortsetzung der Aufzeichnung meiner Phantasien verleidet, und es war doch so süß, wenn der Blick an irgend einen Gegenstand meines Zimmers, dort an jenes kleine leere Messingbauer, an jenen Sessel vor dem Nähtischchen, an ein altes Blatt, eine vertrocknete Blume, eine bunte Zeichnung in meiner Mappe sich fest hing, und allmählich eine Erinnerung nach der andern aufstieg und sich blühend und grünend darumschlang. Wir sind doch törichte Menschen! Wie oft durchkreuzt die Furcht vor dem Lächerlichwerden unsere innigsten, zartesten Gefühle! Man schämt sich der Träne und — spottet; man schämt sich des fröhlichen Lachens und — schneidet ein langweiliges Gesicht; die Tragödien des Lebens sucht man hinter der komischen Maske zu spielen, die Komödien hinter der tragischen; man ist ein Betrüger und Selbstquäler zugleich! — Mit einem Kinderbaukasten verglich Strobel diese bunten Blätter ohne Zusammenhang? Gut, gut, — mag es sein, — ich werde weiter damit spielen, weiter lustige, tolle Gebäude damit bauen, da die fern sind, welche mir die farbigsten Steine dazu lieferten? Ich werde von der Vergangenheit im Präsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen, ich werde Märchen erzählen und daran glauben, Wahres zu einem Märchen machen, und zuerst die bekritzelten Blätter des Meisters Strobel der Chronik anheften! Hier sind sie:
3 Uhr. Ich habe mir eine Zigarre angezündet, den Bogen neben mich ins Fenster gelegt und beginne meine Beobachtungen. Zuerst bringe ich zu Papier natürlich das Wetter: das holdseligste Himmelblau, den prächtigsten Sonnenschein. Hätte ich nur einen Funken poetischen Feuers in mir, so würde ich mir beide durch ein junges, schönes Paar personifizieren, welches da hoch oben im Himmelszelt auf seinem weißen, weichen Wolkendivan tändelt und kost und total vergessen hat, daß noch so viel hunderttausend deutsche Hausfrauen auf — Märzschnee warten zum Seifekochen! Wahrhaftig, da ist ja eine Fliege! Welch ein Fund für einen Chronikschreiber! Summend stößt sie gegen die sonnenbeschienenen Scheiben, die wir schnell schließen wollen, um das arme Tierchen zu seinem Besten vor dem heuchlerischen Frühling da draußen zu bewahren. Sie scheint auch jetzt ihre Torheit einzusehen, sie läßt ab und umfliegt mich. Halt, jetzt setzt sie sich auf meine Knie, nach mehreren vergeblichen Angriffen auf meine Nasenspitze; sie nimmt den Kopf zwischen beide Vorderbeine, kratzt sich hinter den Ohren und — — — kleiner …! — Dahin geht sie, eine Spur hinterlassend auf meinem Knie und — in der Chronik der Sperlingsgasse. Ich wollte, es gäbe ein Sprichwort: „Schämt Euch vor den Fliegen an der Wand.“ Um wie viel menschliche Tollheiten und Torheiten schnurren diese winzigen Flügelwesen. Wer weiß, was der Punkt, den der kleine Tourist da eben niedergelegt hat, eigentlich bedeutet? Wer weiß, ob es nicht ein deponiertes Tagebuch ist, voll der geistreichsten Bemerkungen; ein Tagebuch, das man nur aufzurollen und zu entziffern brauchte, wie einen ägyptischen Papyrus um wunderbare, unerhörte Dinge zu erfahren. Welch eine Revolution würde es hervorbringen, wenn dem so wäre; wenn man sich vor den Fliegen an der Wand schämen müßte! Wie würden die Fliegenklatschen in Gang kommen. Arme Fliegen! Kein „redlicher Greis in gestreifter kalmankener Jacke“ würde euch mehr verschonen „zur Wintergesellschaft“. Wie den Vogel Dudu würde man euch ausrotten, und höchstens — einige in Uniform gesteckt, mit einer Kokarde auf jedem Flügel, als Regierungsbeamte besolden. Es wäre schrecklich, und ich breche ab. —
3¼ Uhr. — Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir erweckt! An solchen Vorfrühlingstagen, wo der Geist die Last des Winters noch nicht ganz abgeschüttelt hat, ist’s, wo die Sehnsucht nach der Ferne uns am mächtigsten ergreift. Es ist ein sonderbares Ding um diese Sehnsucht, die wir nie verlieren, so alt wir sein mögen. Da zupft etwas an unserem tiefsten Innern: Komm heraus, komm heraus, was sitzest du so still, du Tor, und hältst Maulaffen feil? Hier findest du nicht, worüber du grübelst, wonach du dich sehnst, ohne es zu kennen. Sieh, wie blau, wie duftig die Ferne! Viel, viel weiter liegt’s! Komm heraus, heraus!
Bah, diese blaue, duftige Ferne; wie oft hab’ ich mich von ihr verlocken lassen. Die Erde läßt uns ja nicht los; wir sind ihre Kinder, und sie ist nichts ohne uns, wir nichts ohne sie. — Folge jetzt der lockenden Stimme, deine Füße werden schon in dem weichen Boden versinken; närrische Sprünge wirst du mit den Erdklößen an den Stiefeln machen! Fühle, daß zur Zeit, wo die Sehnsucht am stärksten ist, auch die Fesseln am stärksten sind; kehre um, ziehe Pantoffeln an und nimm die gestrige Zeitung vor die Nase: das Glück liegt nicht in der Ferne, nicht über dem wechselnden Mond! —
3½ Uhr. — Da höre ich eben unten in der Gasse eine merkwürdige Redensart aus dem Munde eines Tagelöhners, der einen andern, sehr übelgelaunt Aussehenden, mit den Worten auf die Schulter klopft: „Man muß nie verzweifeln; kommt’s nicht gut, so kommt’s doch schlecht heraus!“ In demselben Augenblick öffnet sich nebenan ein Fenster. Eine beschmierte rote Sammetmütze auf einem Wald schwarzer Haare beugt sich hervor; es ist mein würdiger Freund Monsieur Anastase Tourbillon, seines Zeichens ein französischer Sprachlehrer. Er scheint die Redensart drunten auch gehört und — verstanden zu haben und gähnt: „Ah, ouf, quelle bête allemande! Eh vogue la galère, jusqu’à la mort tout est vie!“
Da habt ihr die beiden Nationen und …… Wetter! — da gebe ich nicht acht und — meine Fliege von vorhin entschlüpft summend aus dem wiedergeöffneten Fenster! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund Wachholder umschwirren, nie mehr auf dem Rande der Zuckerdose umherspazieren oder gegen die Scheiben stoßen! Sie hat, was sie wollte — unbegrenzte Freiheit, aber ach — heute Abend — keinen warmen Ofen mehr, sich daran zu wärmen; in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse fließt weder Milch noch Honig! — Verflucht sei die Freiheit! Amen! —
3¾ Uhr. Die meisten Dichterwerke der neuesten Zeit gleichen dem Bild jenes italischen Meisters, der seine Geliebte malte als Herodias, und sich in dem Kopfe des Täufers auf der Schüssel porträtierte. Da pinseln uns die Herren ein Weibsbild, Tendenz genannt, hin, welches anzubeten sie heucheln, und welches auf dem Präsentierteller, hochachtungsvoll und ergebenst, uns das verzerrte Haupt des werten Schriftstellers selbst überreicht. Die Nützlichkeit solchen Treibens läßt sich nicht abstreiten, also — nur immer zu! — Wie komm’ ich darauf. —
4 Uhr. — Es ist merkwürdig; seit ich dieses Blatt bemale, ist dieselbe Traumseligkeit über mich gekommen, welche dieser Chronik ein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben hat. Wachholder hat recht, es ist ein eigentümlich behagliches Gefühl, seinen Gedankenspielen sich so ganz und gar hinzugeben, ohne sich Geist-herausquälend im Kreise zu drehen, wie ein hartleibiger Pudel.
Wo war ich eben, als das Kindergeschrei drunten auf der Straße mich aufweckte? Ich will es versuchen, es der Chronik einzuverleiben, worin zugleich für meinen ehrenwerten Freund Wachholder die größte Genugtuung für meine vorigen Reden liegen wird.
Es war an einem Sonntagmorgen im Juli, als ich auf braunschweigschem Grund und Boden am Uferrand der Weser lag und hinüberblickte nach dem jenseitigen Westfalen. Früh vor Sonnenaufgang war ich, über Berg und Tal streifend, mit dem ersten Strahl im Osten, in ein gleichgültiges Dorf hinabgestiegen. Ich hatte Kaffee getrunken unter der Linde vor dem Dorfkrug, hatte behaglich das Treiben des Sonntagsmorgens im Dorf belauscht und andächtig der kleinen Glocke zugehört, die in dem spitzen, schiefergedeckten Kirchturm läutete. Manchem hübschen, drallen, niedersächsischen Mädchen, das sich über den sonderbaren, plötzlich ins Dorf geschneiten Fremdling wunderte, hatte ich lächelnd zugenickt; ich hatte Bekanntschaft mit der gesamten Kinder-, Hühner-, Gänse- und Entenwelt des „Krugs“ gemacht, dem weißen Spitz den Pelz gestreichelt und manche Frage über „Woher und Wohin“ beantwortet. Mit meinem Wirt (der zugleich Ortsvorsteher war) hatte ich das Bienenhaus besucht; darauf die Gemeinde, den Kantor und Pastor in die Kirche gehen sehen, und hatte mich zuletzt allein im Hofe unter der Linde gefunden, nur umgeben von der quakenden, piepsenden, geflügelten Schar des Federviehs. Aus diesem dolce far niente hatte mich plötzlich das Schreien eines Kindes aufgeschreckt. Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich, aufzustehen und in das niedere, vom Weinstock umsponnene Fenster zu sehen. Eine alte Frau war eben beschäftigt, einen widerspenstigen, heulenden, strampelnden Bengel von vier Jahren mit Wasser, Seife und einem wollenen Lappen tüchtig zu waschen, welcher Prozedur drei bis vier andere kleine „Blaen“ angstvoll zusahen, wartend, bis die Reihe an sie kommen würde.
„Nun, Mutter,“ sagte ich, mich auf die Fensterbank lehnend; „und Ihr seid nicht in der Kirche?“
Die Alte sah auf und sagte lachend: „Et geit nich immer; ek mott düsse lüttgen Panzen waschen und antrecken — Herre — Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!“
Ich nahm den Hut ab und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Welch eine wunderbar schöne Predigt lag in den fünf Worten des alten Weibes! Eine Schwalbe beschrieb eben ihren Bogen um mich, ihrem Neste unter dem niedrigen Dachrande zu, und klammerte sich, ihre Beute im Schnabel, an die Tür ihrer kleinen Wohnung, begrüßt von dem jubelnden Gezwitscher der federlosen Brut. Ich konnte der alten Frau kein Wort mehr sagen.
„Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!“ murmelte ich leise, zu meinem Tisch unter der Linde zurückgehend. Ich riß ein Blatt aus meiner Brieftasche, schrieb darauf: Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch, und zog es mit einem Strauß Waldblumen unter das Hutband.
Träumend schritt ich dann durch die Tür des Dorfkirchhofs, vorüber an den bunten, geputzten Gräbern, zu dem offenen Kirchtor (auf dem Lande braucht der Protestantismus seine Kirchen während des Gottesdienstes noch nicht zu schließen) und lehnte andächtig an der Esche davor. Mit großer Freude hörte ich, wie der junge Pastor eine Gellertsche Fabel in das Gleichnis aus dem fernen Orient schlang; während die Schwalben in dem heiligen Gebäude hin und her schossen, und ein verirrter Schmetterling seinen Weg durch die geöffnete Kirchtür eben wieder zurückfand.
„Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!“ rief ich, über die niedere Mauer in das freie Feld springend, und durch die gelben Kornwogen mit ihrem Kranz von Flatterrosen am Rande, der Weser zuwandernd. Da hatte ich mich ins Gras unter einen Weidenbusch geworfen und träumte in das Murren des alten Stromes neben mir hinein; während drüben im katholischen Lande eine Prozession singend den Kapellenberg zu dem Marienbild hinaufzog, und hinter mir die protestantischen Orgeltöne leise verklangen. Welch ein wundervoller, blauer, lächelnder Himmel über beiden Ufern, über beiden Religionen, welch eine wogende Gefühlswelt im Busen, anknüpfend an die fünf Worte der alten Bäuerin! Ich war damals jünger als jetzt und legte das Gesicht in die Hände:
„Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles“ — — — —
Ein näher kommender Gesang weckte mich plötzlich; ich blickte auf. Brausend und schnaufend, die gelben Fluten gewaltig peitschend, kam der „Hermann“ die Weser herunter. Der Kapitän stand auf dem Räderkasten und griff grüßend an den Hut, als das Schiff vorbeischoß. Hunderte von Auswanderern trug der Dampfer an mir vorüber, hinunter den Strom, der einst so viele Römerleichen der Nordsee zugewälzt hatte. Ein Männerchor sang: „Was ist des Deutschen Vaterland,“ und die alten Eichen schienen traurig die Wipfel zu schütteln; sie wußten keine Antwort darauf zu geben, und das Schiff flog weiter. Die Weser trägt keine fremden Leichen mehr zur Nordsee hinab; wohl aber murrend und grollend ihre eigenen unglücklichen Söhne und Töchter! — Ich verließ meinen Ruheplatz und ging durch den Buchenwald den nächsten Berg hinauf bis zu einer freien Stelle, von wo aus der Blick weit hinausschweifen konnte ins schöne Land des Sachsengaus. Welch eine Scholle deutscher Erde! Dort jene blauen Höhenzüge — der Teutoburger Wald! Dort jene schlanken Türme — die große germanische Kulturstätte, das Kloster Corvey! Dort jene Berggruppe — der Idth! cui Idistaviso nomen sagt Tacitus. Ich bevölkerte die Gegend mit den Gestalten der Vorzeit. Ich sah die achtzehnte, neunzehnte und zwanzigste Legion unter dem Prokonsul Varus gegen die Weser ziehen und lauschte ihrem fern verhallenden Todesschrei. Ich sah den Germanicus denselben Weg kommen und lauschte dem Schlachtlärm am Idistavisus; bis der große Arminius, der „turbator Germaniae“ durch die Legionen und den Urwald sein weißes Roß spornte, das Gesicht unkenntlich durch das eigene herabrieselnde Blut, geschlagen, todmüde. Ich sah, wie er die Cheruska von neuem aufrief zum neuen Kampf gegen die „urbs“; wie das Volk zu den Waffen griff: pugnam volunt, arma rapiunt; plebes, primores, juventus, senes!
Aber wo ist denn die Puppe? kam mir damit plötzlich in den Sinn. Ich schleuderte den Tacitus ins Gras, stellte mich auf die Zehen, reckte den Hals aus, so lang als möglich, und schaute hinüber nach dem Teutoburger Walde. Da eine vorliegende „Bergdruffel“ (wie Joach. Heinr. Kampe sagt) mir einen Teil der fernen blauen Höhen verbarg, gab ich mir sogar die Mühe, in eine hohe Buche hinaufzusteigen, wo ich auch das Fernglas zu Hilfe nahm. Vergeblich; — nirgends eine Spur vom Hermannsbild! Alles, was ich zu sehen bekam, war der große Christoffel bei Kassel, und mit einem leisen Fluch kletterte ich wieder herunter von meinem luftigen Auslug. Hatte ich aber eben einen leisen Segenswunsch von mir gegeben, so ließ ich jetzt einen um so lauteren los. Ich sah schön aus! „Das hat man davon,“ brummte ich, während ich mir das Blut aus dem aufgeritzten Daumen sog, „das hat man davon, wenn man sich nach deutscher Größe umguckt: einen Dorn stößt man sich in den Finger, die Hosen zerreißt man, und zu sehen kriegt man nichts als — den großen Christoffel.“ Ärgerlich schob ich mein Fernglas zusammen, steckte den Tacitus zurück in die Tasche und ging hinkend den Berg hinunter, wieder der Weser zu. Ärgerlich warf ich mich, am Rande des Flusses angekommen, abermals ins Gras. Was hatte sich alles zwischen die gefühlsselige Stimmung von vorhin und den jetzigen Augenblick gedrängt! Der Himmel war noch ebenso blau, die Berge noch ebenso grün, der Papierstreifen von vorhin steckte noch neben den Waldblumen an meinem Hute, und doch — wie verändert blickte mich das alles an! Hätte das Dampfschiff mit seinen Auswanderern nicht später kommen können, da es doch sonst immer lange genug auf sich warten läßt! Hätte ich Narr nicht unterlassen können, nach dem Hermannsbild auszuschauen? Wie ruhig könnte ich dann jetzt im Grase meinen Mittagsschlaf halten, ohne mich über den großen Christoffel, den so viele brave Katten mit ihrem Blute bezahlt haben, zu ärgern! — Ich versuchte mancherlei, um meinen Gleichmut wieder zu gewinnen; ich kitzelte mich mit einem Grashalm am Nasenwinkel, ich porträtierte einen dicken, gemütlichen Frosch, der sich unter einem Klettenbusch sonnte, — es half alles nichts! — Der Dämon Mißmut ließ mich nicht los, wütend sprang ich auf, schrie: Hole der Henker die Wirtschaft! und marschierte brummend auf Rühle zu — — — — — — Wetter, was ist das für ein Lärm in der Sperlingsgasse?! Heda, — da ist ein Hundefuhrwerk in einen Viktualienkeller hinabgepoltert, und ich — ich, der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel, sitze hier und schmiere Unsinn zusammen! Hol’ der Henker auch die Chronik der Sperlingsgasse! — Adieu, Wachholder!
Am 21. März. Abend.
Es gibt ein Märchen — ich weiß nicht, wer es erzählt hat — von einem, der nach großem Unglück sich wünschte, die Erinnerung zu verlieren, und dem in einer dunkeln Nacht sein Wunsch gewährt ward. Er empfand von da an keinen Schmerz, keine Freude mehr; er verlernte zu weinen und zu lachen; es ward ihm einerlei, ob er Blumenknospen oder Menschenherzen zertrat: alles das hübsche Spielzeug, welches das Leben seinen Kindern mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum Grabe, zerbrach ihm in den Händen mit der Erinnerung. Das ist eine schreckliche Vorstellung! Ihr Weisen und Prediger der Völker, nicht der Gedanke an Glück oder Unheil in der Zukunft ist’s, der liebevoll, rein, heilig macht; nie ist dieser Gedanke rein von Egoismus, und über jede Blüte, die das Menschenherz treiben soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht: die wahre, lautere Quelle jeder Tugend, jeder wahren Aufopferung, ist die traurig süße Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Träumen. Wer könnte ein Kind beleidigen, der daran denkt, daß er einst selbst sich an die Mutterbrust geschmiegt, daß ein Mutterauge auf ihn herabgelächelt hat? Die Erinnerung ist das Gewinde, welches die Wiege mit dem Grabe verknüpft, und mag das dunkle stachlichte Grün des Leidens, des Irrtums, noch so vorwaltend sein; niemals wird’s hier und da an einer hervorleuchtenden Blume fehlen, bei welcher wir verweilen und flüstern können: „Wie lieblich und heilig ist diese Stätte!“
Ich habe meine kleine Lampe angezündet und träume wieder über den Blättern meiner Chronik. Das, was die ältliche, freundlich-schöne Frau, die mir heute den Strauß junger Veilchenknospen herüberbrachte, auf den Wogen ihrer Melodien sich schaukeln läßt, kann ich ja nur auf diese Weise festhalten. — Ich habe bis jetzt Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben, heute will ich ein andres farbiges Blatt malen, wie ein Zauberspiegel voll blühenden Lebens, voll süßen Flüsterns, voll träumenden Sehnens und lächelnden Träumens, — ein einziges Blatt aus der vollen Pracht des Herzensfrühlings, ein einziges Blatt aus der Zeit der jungen Liebe!
„O, daß sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!“
sang der Dichter, und überall treffen wir den Spruch an auf Kaffeetassen, in Stammbüchern und auf Pfeifenköpfen. Das soll kein Spott sein! Was das Volk erfaßt hat, will es auch vor sich sehen, es spielt mit ihm, es spricht den gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum gemacht hat, oft zwar mit einem Lächeln auf den Lippen aus, aber es trägt ihn darum doch tief im Herzen. Das Volk steigt nicht zu dem Wahren und Schönen hinauf, sondern zieht es zu sich herab; aber nicht, um es unter die Füße zu treten, sondern um es zu herzen, zu liebkosen, um es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und sich über seinen Glanz zu wundern und zu freuen. Über der Wiege des ewigen Kindes „Menschheit“ schweben die guten Genien, die großen Weltdichter, schütten aus ihren Füllhörnern die goldenen Weihnachtsfrüchte herab und sind mit ihren Wiegenliedern stets da, wenn häßliche, schwarze Kobolde erschreckend dazwischen gelugt haben.
Schön ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendämmerung, wo der Himmel im Osten leise sich rötet, wo Knospen, Blumen und alles Leben dem kommenden Tage in die Arme schlummern, und nur hin und wieder eine Lerche, den Tau von den Flügeln schüttelnd, jubelnd, glückverkündend emporsteigt. Noch bedeckt der Nebelduft zauberhaft, geheimnisvoll alle Abgründe und öden Stellen des Lebens; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge und bunte nesterbauende Vöglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen.
„Süßes Geliebtsein, süßeres Leben!“ hat ein anderer Dichter einmal ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der Hand, denke an die Gräber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern meiner Jugend: „Maria!“ — — — — — — — — Würde ich diese Erinnerung mit all ihrem Schmerz für der ganzen Welt Macht, Reichtum, Weisheit lassen? — — — — Ich glaube nicht. —
Der Mond kommt wieder hervor über die Dächer und vermischt sein weißes Licht mit dem kleinen Schein meiner Lampe; über und durch den alten immergrünen Efeu aus dem Ulfeldener Walde schießt er seine blanken Strahlen, seltsame Schatten auf den Fußboden und an die Wände werfend. Mit sich bringt er das heutige Blatt der Chronik der Sperlingsgasse.
Dort auf dem Stühlchen im Fenster zeichnet sich die feine, liebliche Gestalt Elisens dunkel in der Monddämmerung eines lange vergangenen Abends ab; während auf einem anderen Stuhl niedriger neben ihr eine andere Gestalt sitzt. Was haben die beiden so heimlich, so leise sich zuzuraunen, was haben sie zu kichern? Ein Garnknäuel, der von Lischens Nähtisch fällt und, über den Boden rollend, um Stuhl- und andere Beine sich schlingt, ein verirrter Nachtschmetterling, eine vorbeischießende Fledermaus, ein Ball, welcher von der Straße ins Zimmer fliegt und über dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert, alles, alles wird in dieser Mondscheindämmerung zu einem Märchen, zu einem Traum. Ist nicht die Dämmerung die Zeit der Märchen; ist nicht die Zeit der jungen Liebe die Zeit des Traums? —
„Liebe kleine Elise!“ flüstert Gustav, in das mondbeglänzte zu ihm sich herabbeugende Gesicht schauend.
„Lieber großer Junge!“ lächelt Elise, indem sie dem vormaligen Taugenichts der Gasse die Locken aus der Stirn streicht. Sie sagen einander weiter nichts, aber diese abgebrochenen Worte enthalten alles, was das Menschenherz in seinen heiligsten Augenblicken bewegt.
„Ich liebe Dich so!“ flüstert Gustav wieder, worauf Elise nichts erwidert, sondern den Kopf in die Blätter ihres Efeus verbirgt. Der Mond kann sich in diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden Perlentröpfchen, das in einem blauen Auge hängt, spiegeln, und als das Köpfchen sich wieder erhebt aus dem grünen Blätterwerk, ist an Gustav die Reihe, Elise die Locken aus der Stirn zu streichen.
„Sieh, wie der Mond da oben schwimmt,“ sagt Elise. „Warum macht er uns oft so tiefes Heimweh, als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu Hause wären, Gustav? Sieh, da ist nur noch ein einziger kleiner Stern, mutterseelenallein, wie ein goldener Funken. Sieh, — rechts vom Monde!“
„Ich sehe noch zwei!“ sagt Gustav. „Ganz nah’, und habe darum auch gar kein Heimweh und — willst Du wohl wieder die Augen aufmachen, Blondkopf! — Sieh, das hast Du davon; was ich noch Weises sagen wollte, hab’ ich nun rein vergessen!“
„Dann war’s gewiß eine Lüge, Braunkopf!“ meint Elise lachend. „Und nun steh’ auf, der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im Dunkeln; — es ist sehr unrecht, daß wir uns gar nicht um sie bekümmern. Komm, wir müssen wirklich zusehen, ob sie nicht eingeschlafen sind.“
Gewiß waren sie nicht eingeschlafen. Nur das Spinnrad der alten Martha hatte aufgehört zu schnurren, und schlummernd saß sie in ihrem Winkel.
„Soll ich Euch Licht anzünden, oder — sollen wir wieder einmal einen Mondscheingang machen?“ fragt Elise, mir den Arm um die Schulter legend.
„Euch?“ fragt die Tante Helene. „Warum denn nur ‚Euch‘ Licht anzünden?“
„Das will ich Dir sagen, Mama,“ mischt sich Gustav ein. „Du kannst bekanntlich keine Mäuse sehen, und da es seit einiger Zeit hier beim Onkel Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt, so sind wir Deinetwegen so aufopfernd, im Dunkeln zu sitzen.“
„Waren das etwa Mäuse, was wir da am Fenster knuspern und pispern hörten?“ frage ich.
„Ich habe nichts gehört!“ sagt Lischen treuherzig, während Gustav: „Versteht sich!“ ruft und den Inhalt eines Obstkörbchens in seine Tasche ausleert.
„Was machst Du da, Mäusekönig?“ fragt seine Mutter.
„Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt, Mama; Lischens Frage war natürlich höchst überflüssig. Da, Lise, nimm den Rest — ich kann nicht mehr lassen.“
Elise läßt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre Frage für unnötig zu halten. Nach einigen Einwendungen der Tante wegen kalter Abendluft usw. machen wir uns auf, hinaus in die Sommermondscheinnacht!
Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Häuserwänden, das Glitzern der Fensterscheiben, die ziehenden, beleuchteten Wolken am dunkeln Nachthimmel, die flüsternden Gruppen in den Haustüren und an den Straßenecken, alles wird nun zu einem Bild für Gustav, zu einem Märchen für Elise. Da beleben sich die Straßen, Gassen und Plätze mit den wundersamsten Gestalten; auf den Ecksteinen lauern, zusammengekauert, grimmbärtige Kobolde; aus den dunkeln Torwegen der alten Patrizierhäuser treten seltsame Gesellen mit nickenden Federn und weiten Mänteln, und schöne Damen besteigen weiße Zelter, in die Nacht davonreitend; Söldner im Harnisch, die Partisanen auf den Schultern, ziehen über den Markt; Prozessionen vermummter Mönche winden sich langsam aus dem Domportal, und alles liegt morgen, in den hübschesten Skizzen festgebannt, auf Elisens Nähtischchen oder treibt sich auf dem Fußboden umher.
Natürlich sind Gustav und Elise uns immer einige Schritte voraus, und nur von Zeit zu Zeit kann ich abgerissene Sätze ihrer Unterhaltung erfassen. Ich denke an Paul und Virginie unter den Palmbäumen von Isle de France; ich denke an die beiden süßeren Gestalten des deutschen Märchens, an Jorinde und Joringel, von denen es heißt: „Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern.“ — Nachdem wir manche Straße durchstreift und vor dem erleuchteten Opernhause die ein- und ausströmende Menge, die harrenden Equipagen, die Blumen und Zuckerwerk verkaufenden Kinder betrachtet haben, finden wir uns zuletzt auf dem Schloßplatz, an dem Becken des lustig im Mondschein sprudelnden Springbrunnens zusammen. Von den Rasenplätzen bringt ein warmer Luftzug den Duft der Nachtviolen, der Hollunder- und Goldregenbüsche zu uns herüber; am südlichen Himmel wetterleuchtet eine dunkle Wolke prächtig in die Mondnacht hinein, und neben uns plätschert und murmelt — als wolle er sich selbst in den Schlaf sprechen — der Springbrunnen. Es ist eine herrliche Sommernacht!
Woran denkt Elise? Wie nachdenklich sie, das Kinn in die Hand gelegt, dem schwatzenden Wasserspiel zuschaut!
„Lischen, woran denkst Du?“ fragt die Tante Helene.
„Ihr würdet lachen,“ antwortet Elise. „Es ist ein Traum und ein Märchen.“
„Erzählen! erzählen!“ ruft Gustav, den Arm ihr um die Hüfte legend.
Was soll ich anfangen heute an diesem einsamen Abend? ich ergreife ein Heftchen von blaßrotem Papier, bedeckt mit mädchenhaft zierlichen Schriftzügen, durchwoben mit hübschen feinen Federzeichnungen. Da ist’s! So erzählte Elise an jenem fernen Abend, als der Brunnen neben uns plätscherte:
„Ich saß neulich des Abends ganz allein. Du warst ausgegangen, Onkel; Gustav war am Morgen schon mit seiner großen Mappe abgezogen, um Bäume und Bauernhäuser zu zeichnen; wo die Tante war, weiß ich nicht; kurz, ich war mutterseelenallein, und nur mein guter, dicker Kater schnurrte auf der Fußbank neben mir und putzte sich den Schnauzbart. Ich hatte eine Menge Augen an meinem Strickzeug fallen lassen und durchaus keine Lust, sie wieder aufzunehmen. So schrob ich denn die Lampe tief herunter und blickte aus dem Fenster in den Mond, der nicht ganz so voll wie heute über die Dächer und Schornsteine heraufkam. Es war ganz dämmerig in der Stube, und nur zuweilen tanzte ein Lichtschein aus den Fenstern drüben über die Wände. Da plötzlich war der Mond hoch genug gestiegen, ein glänzender lustiger Strahl schoß wie ein weißer Blitz über meinen Topf mit Nachtviolen und ein Glas mit Waldblumen, welches neben mir stand und — mit ihm kam mein Märchen oder mein Traum. Es war zu hübsch! — Zuerst guckte ich eine ganze Weile in die glänzende Straße auf dem Boden, die immer weiter rückte, als — auf einmal — Ihr glaubt’s gewiß nicht, — der ganze Strahl von unzähligen, kleinen, zierlichen, durchsichtigen Flügelgestalten lebte, die darin auf- und abschwebten und durch ihren Glanz selbst die Bahn bildeten. Halb erschrocken und halb erfreut, sah ich diesem wundersamen Weben zu, als plötzlich das Blumenglas im Fenster einen schrillen, langanhaltenden Ton, wie er entsteht, wenn man mit dem Finger um den Rand eines Glases streicht, von sich gab. Das Wasser darin hob und senkte sich, blitzte, funkelte und bewegte die Waldrosen hin und her; die Blüten der Nachtviolen öffneten sich, und aus jeder schwebte ebenfalls ein zierlich geflügeltes Wesen, fast noch feiner als die Lichtgeisterchen. Nach allen Seiten flatterten sie, den köstlichsten Duft verbreitend. Währenddessen tönte der schrille Ton des Glases fort, bis er mit einem Male aufhörte, gleich einem Faden durchschnitten, worauf eine tiefe Stille eintrat. — Jetzt hatte der Mondstrahl Deinen Schreibtisch erreicht, Onkelchen; das kleine Geistervolk tanzte lustig über Deinen Büchern und Papieren, und soweit hatte ich mich schon von meiner Verwunderung erholt, daß ich herzlich über die sonderbaren Kapriolen einiger der winzigen Dingerchen lachen konnte, die auf alle Weise sich bemühten, in unser großes Tintenfaß zu gucken, ohne den Mut zu haben, sich in die Nähe zu wagen. Andere wieder schwebten über den Federn, und noch andere machten sich um einen recht dicken, abscheulichen Tintenklecks zu schaffen, welcher nicht trocknen wollte; sie schienen ihm das Lebenslicht mit aller Macht ausblasen zu wollen. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen zauberischen Wesen zugesehen hatte, als eine Menge feiner Stimmchen: Folge! folge! rief, und ich, immer kleiner werdend, endlich selbst als ein solches geflügeltes Figürchen in den Tanz gezogen wurde und mit den Geistern des Mondlichts und den Duftgeistern der Waldblumen und der Nachtviolen langsam dem Fenster zuschwebte. Denn wie der Mond noch höher stieg, zog sich auch der Strahl mit seinen glänzenden Bewohnern wieder zurück und lief hinab an der Hauswand, um in die Gasse hinunter zu steigen. — Ich hatte durchaus keine Furcht, trotzdem daß es da draußen wie eine verzauberte Welt war. — Die ganze Gasse war ein Gewirr von Tönen und Licht, und nichts von dem Leben und Weben des Geistervolks war mir mehr verborgen, und von Geistervolk lebte und webte alles! Dabei hatte ich auch nicht die Fähigkeit verloren, die gröbere, gewöhnliche Welt zu schauen und zu vernehmen; ich kannte und belauschte die Leute in den Haustüren, die Kinderköpfe in den Fenstern, die schlafenden Sperlinge und Schwalben in ihren Nestern; es war wunderhübsch! — Jetzt zog der Strahl mit seinen Bewohnern schräg über unsere Wand fort und glitt auf die Fenster unserer Nachbarn zu. Halb zehn Uhr hörte ich’s schlagen, als der Reigen vor dem Fenster der armen Frau Nudhart, die mit ihrem kranken Kind da wohnt, ankam, und zitternd über einen knospenden Rosenbusch in das kleine Zimmer glitt. Leise singend schwebten die Geisterchen des Lichts, und ich mit ihnen, über den Fußboden hin, jagten sich um den Schatten des Rosenbusches auf dem Boden, küßten das bleiche Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso bleichen Züge der darüber hingebeugten, armen, sorgenvollen Mutter. Wir bringen Hoffnung, wir bringen Genesung, wir bringen Leben! flüsterten die Geister. Das kranke Kind legte seine mageren Händchen lächelnd in den zitternden Strahl auf seinem Kissen. Wir bringen Hoffnung Genesung, wir bringen Leben, sang ich mit im Chor, und fast widerstrebend folgte ich dem zurückweichenden Strahl. Noch einen letzten Blick konnte ich zurück ins Zimmer werfen, und im nächsten Augenblick schwebte ich schon wieder in der Gasse. Die Tante aber mußte jetzt wohl nach Haus gekommen sein, denn plötzlich mischten sich die Töne ihres Flügels in den Reigen; ich hörte, wie der alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen zur Ruhe ermahnte. Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende. Wir waren jetzt vor dem Fenster des ersten Stockes unseres Nachbarhauses; ein heller Lampenschein drang aus dem Zimmer hervor, und über ein Glas mit Goldfischen und das Strickzeug in den Händen der Frau Hofrätin Zehrbein schwebten wir hinein, lustig und glänzend, ohne eine Ahnung des Schrecklichen, welches uns bevorstand. Mein Fräulein, lispelte eine Stimme, in deren Inhaber ich den Assessor Kluckhuhn erkannte. Mein Fräulein, inkommodiert Sie diese abominable schwüle Luft nicht zu sehr, bitte, so lassen Sie uns noch einmal jene köstliche Barcarole aus Haydée hören. — Um Gottes willen! dachte ich, aber schon war’s zu spät, meinen winzigen Begleitern das Drohende mitzuteilen und zu schneller Flucht zu raten; schon hatte Eulalia begonnen: