7. Im Lager von Umpassa bis Katunga.
Die geschilderten Vorgänge brachten in der Einförmigkeit des Lagerleben immerhin eine, wenn auch nicht gerade angenehme Abwechslung, die in gewisser Beziehung etwas anregend wirkte, zumal das lange Warten auf die Leichter, welche uns von hier erlösen sollten, auf die Dauer doch langweilig wurde. Für eine tägliche Beschäftigung sorgte ich zwar schon aus dem Grunde, damit die Unthätigkeit nicht eine üble Angewohnheit würde, zu welcher die menschliche Natur in dieser heißen Gegend große Neigung zeigte; die große Hitze bedingt schon an und für sich eine körperliche und geistige Erschlaffung, gegen welche das Muß ein vorzügliches Radikalmittel ist.
Nach des Tages Gluth waren die kühleren Abendstunden eine wahre Erholung, gewöhnlich saßen wir am Ufer unter den breitblättrigen Bananen und schauten in die vorüber rauschenden Fluthen des Schire oder sahen dem Leben und Treiben der Negerkinder zu, die entweder Fische fingen oder mit wildem Geschrei sich auf flacheren Stellen im Wasser tummelten, gerade als wäre bei solchem übermüthigem Spiel durchaus keine Gefahr vorhanden. Verschiedentlich hatte ich die kleine Gesellschaft schon fortgewiesen, auch die älteren auf die mögliche Anwesenheit eines mamba (Krokodils) aufmerksam gemacht, indes, dann suchten sie sich einen anderen Tummelplatz in der Nähe aus, um bald wieder, wenn die Luft rein war, zurückzukehren.
Wir hatten während der ganzen Zeit unsers Hierseins selten nur ein vorüberschwimmendes Krokodil bemerkt, und zeigte sich mal eins schußgerecht, wurde dem Thier das Wiederkommen verleidet; doch ausgeschlossen war es nicht, daß sich solch' ein Räuber im Schilfgrase verborgen hielt, um eine günstige Gelegenheit mit Geduld abzuwarten, und mit einer köstlichen Beute das Weite zu suchen.
Am Abend des 17. November, ich war von einem kurzen Jagdausflug zurückgekehrt, suchte ich wie gewöhnlich unter den Bananenbäumen einen Ruheplatz und sah von hier dem lustigen Treiben der schwarzen Kinderschaar ein Weilchen zu, die ausgelassen sich im Wasser herumbalgten, Knaben und Mädchen durcheinander. Plötzlich ertönte aus dem Munde eines kleinen Mädchens ein verzweiflungsvoller Schrei, welcher alle anderen Kinder entsetzt auseinanderfahren und zum Ufer fliehen ließ. Sofort aufspringend sah ich noch, wie die in die Höhe geworfenen Arme des Kindes unter dem Wasser verschwanden. Wieder also war durch Unvorsichtigkeit dem tückischen Feinde ein junges Leben zum Opfer gefallen, der, am Strande des Schilfes wohlgeborgen, die Annäherung seiner Beute abgewartet hatte und schnell mit derselben in die Tiefe verschwand.
Das Gerücht, ein Krokodil habe ein Kind geraubt, verbreitete sich unglaublich schnell bis zum Dorfe, von wo sofort lautklagende Weiber und Männer mit Speeren, auch alten Donnerbüchsen bewaffnet, zum Flusse eilten, die dann schreiend und wehklagend am Ufer lange Zeit hin und her wanderten, bis die dunkle Nacht solchem Beginnen ein Ziel setzte. Das Klagen und Weinen konnte man später vom Dorfe her durch die Stille herüberschallen hören, als sollte des Jammerns kein Ende sein.
Am nächsten Morgen wanderten der Vater des geraubten Kindes mit einer alten Feuerschloßbüchse bewaffnet, ebenso die Mutter, die einen Speer mit Leine, ein Wassergefäß, sowie einen grünen Bananenbündel auf dem Kopfe trug, am Ufer auf und ab. Soviel sie aber auch lamentiren und bitten mochten, ihr Kind kam doch nicht wieder, auch der Räuber ließ sich nicht wieder sehen. Uebrigens wird das Unthier nach solcher Beute immer lüsterner, ihm auch durch die Unvorsichtigkeit der Eingebornen der Fang sehr erleichtert, bis die sichere Kugel eines Europäers diesem Räuberleben endlich ein Ende macht.
Zwei Tage lang währte dieser Aufzug. Am dritten versammelten sich alle Weiber des Dorfes am Ufer und stimmten ein unglaubliches Klagegeschrei an, das anfänglich noch in Bitten und Anerbietungen bestand, als alles aber vergeblich war, gaben sie dem Krokodil unter Verwünschungen die denkbar schlechtesten Namen, welche ihre Sprache besitzt und, dann heiser und müde genug vom anhaltenden Schreien kehrten sie in ihr Dorf zurück; den Eltern des Kindes es überlassend, sich so gut es geht über den Verlust zu trösten. Solche Auftritte kommen zu häufig vor, als daß man sie als einen Ausnahmefall betrachten könnte, die Sorglosigkeit der Eingebornen, sowie die Schlauheit der Krokodile führen nur zu oft diese immer wieder herbei.
Jetzt wo allmählich die Regenzeit herannahte, kamen fast alle 8 Tage schwere Gewitter heraufgezogen, die um so heftiger sind, als die Atmosphäre mit Elektrizität geschwängert ist; furchtbar rollt der Donner durch die tiefhängenden schweren Wolkenmassen, der Blitz, gleich glühenden Schlangen, durcheilt das Himmelsgewölbe, einer flammenden Lohe gleich sind ringsum die zuckenden Feuergarben. Die Elemente, welche hier mit furchtbarer Gewalt zum Ausbruch kommen, werden meistens nach kurzer Zeit durch einen heranbrausenden Wirbelsturm, der die gleicherzeit niederströmenden Wassermassen vor sich her über die durstige Erde peitscht, zerstreut. Schnell bilden sich Seen und Teiche an tieferliegenden Orten, auch im ausgetrockneten Flußbett geben schon die fluthenden Wasser eine kleine Idee von dem, was sie sein werden, wenn erst die Regenzeit eintritt und die Schleusen des Himmels sich öffnen.
Mensch und Thier sucht Schutz vor diesen plötzlich hereinbrechenden Gewalten, wo immer ein Zufluchtsort sich bieten mag, und eigenthümlich, im Aufruhr der Elemente zeigen sonst scheue und furchtsame Thiere wenig Furcht vor den Menschen, suchen instinktmäßig vielmehr dessen Nähe. So machte ich jedesmal bei solcher Gelegenheit, abgesehen von anderen Thieren, in meinem Zelte die Bekanntschaft äußerst gefährlicher Schlangen, die das heraufziehende Wetter ahnend, aus dem hohen Grase flüchteten, um im Zelte sich einen sichern Platz aufzusuchen. Das erste Mal, vom Regen überrascht, suchte ich bei den Leuten ein Unterkommen, doch das Wasser strömte in solchen Massen vom Himmel, daß ich befürchtete der Boden im Zelt würde überfluthet werden; ich eilte durch den Regen hin und fand meine Annahme auch bestätigt. Um nun zunächst dem Wasser einen Abfluß zu schaffen, grub ich mit einer Säbelschneide kleine Furchen im Erdboden und ohne meiner näheren Umgebung weitere Beachtung zu schenken, setzte ich mich in aller Gemüthsruhe auf das Feldbett um Schuhe und andere Sachen, die unter dem Bette lagen, auf dasselbe niederzulegen. Ich war gerade im Begriff eine Patronentasche noch darauf hinzuwerfen, als dabei mein Blick auf das Kopfende des Bettes fiel und hier sah ich aufgeringelt eine etwa einen Meter lange ganz grüne Schlange liegen, deren Kopf etwas erhoben, sich hin und her bewegte, wobei die schmale spitze Zunge aus dem geschlossenen Rachen schnell aus- und einfuhr.
Das Thier zeigte scheinbar keine Gereiztheit, war höchstens durch die unwillkommene Störung nur etwas aufgebracht; sonst im Vertheidigungszustand hätte es eine drohendere Haltung angenommen. Ich überlegte nicht lange was thun — ließ langsam die Tasche zur Erde gleiten und die Bewegung der Schlange fest im Auge behaltend, ergriff ich einen neben mir an der Zeltwand lehnenden Stock, aus der Haut des Flußpferdes gefertigt, dann hob ich leise diese gefährliche Waffe und ließ sie plötzlich mit aller Wucht auf dies drei Fuß von mir entfernt liegende Reptil niedersausen.
Jedoch schneller als ich, war die Schlange; die Gefahr wohl ahnend, zischte sie im Augenblick, als die Waffe niederfiel blitzschnell auf und entging dem tödtlichen Streich, den ich auf ihren Kopf gerichtet hatte, dafür aber traf ich den aufgeringelten Körper so, daß das Rückgrat an verschiedenen Stellen gebrochen wurde und dem Thiere die Kraft genommen war noch aufzuschnellen und den beabsichtigten tödtlichen Biß mir beizubringen.
Sofort sprang ich auf, führte schnell den zweiten Schlag, der nun unterhalb des Kopfes traf und das Thier wehrlos zusammenbrechen ließ. Vorläufig mich mit dieser Schlange begnügend, verließ ich vorsichtshalber doch das Zelt, denn hatte ich recht gehört, befand sich noch eine darin, deren Aufenthalt zu entdecken ich keine Lust verspürte, da mit solchen erregten Thieren kein Spaßen mehr ist. —
Sobald das Unwetter vorübergezogen war, die Sonne wieder mit gedämpfter Gluth aus dem blauen Aether herniederschien und die durstige Erde die gespendete Wasserfluth aufgesogen hatte, machten wir uns daran, die Seitenwände des Zeltes zu lösen, dann alle Leute im Kreise um dieses aufgestellt, sollte verhindert werden, daß nichts ungesehen hindurch kommen konnte. Bei der darauf erfolgten Durchsuchung kamen noch zwei dieser giftigen Reptile zum Vorschein, die gewandt und flink aus dem Kreise zu entweichen suchten, sie wurden aber von Europäern, welche mit hohen Stiefeln an den Füßen einen etwaigen Biß nicht sehr zu fürchten brauchten, schnell getödtet. In Folge waren wir vorsichtiger, zumal schon am nächsten Tage in den Blättern eines Bananenbaumes eine ebensolche Schlange entdeckt wurde, die aufgeschreckt, zu entkommen suchte, wobei sie sich an den Blüthenkolben der Bananenfrucht mit dem Schwanze hängend, von dort zur Erde gleiten lassen wollte; schnell umstellt, wagte sie wohl nicht den Sprung, konnte auch scheinbar sich nicht wieder in die Höhe rollen, sodaß es mir dadurch möglich wurde, dem hin und her sich schwingenden Reptil durch einen tüchtigen Hieb den Kopf zu zerschlagen und es gänzlich zu tödten.
Auch in den trockenen Blättern am Fuße der Bananenbäume wurden öfters Schlangen bemerkt; wußten wir eine solche darin verborgen, ließ ich den Baum umstellen und die Blätter in Brand setzen, woraus denn bald das Thier aufschnellte und vernichtet werden konnte.
Oft war es im Zelte wegen der brütenden Hitze in den ersten Nachmittagsstunden nicht auszuhalten, deshalb suchte ich gewöhnlich unter den breiten Bananenblättern, auf einem Feldbett liegend, den kühleren Schatten auf. Hierbei passirte es mir ebenfalls, daß über meine fast unbedeckte Brust eine Schlange derselben Art sich hinwegschnellte, die ich, sofort aufspringend, noch im nahen Grase verschwinden sah. Ein eigenes Gefühl durchzuckt einem bei solcher unerwarteten Berührung, und der Gedanke, an solchem Ort einer Gefahr eigener Art ausgesetzt gewesen zu sein, verleidet den Aufenthalt an dem einzigen schattigen Platz den wir hatten.
Jetzt, wo im Lager wenig zu thun war, ich stündlich auf einen Leichter wartete, der mich von hier nach Chilomo bringen sollte, suche ich die freie Zeit, wenn nicht mit astronomischen Beobachtungen, mit der Erforschung der mich umgebenden Natur auszunutzen, wobei ich das Nützliche mit dem Angenehmen verband und gelegentlich der Jagd obliege, da die Waffe in diesem Lande des Europäers stetiger Begleiter sein muß.
In früher Morgenstunde, wenn noch glitzernder Thau an Gräsern und Büschen hängt, der die erschlaffte Natur während der Nacht erquickt hat, folge ich meistens dem ausgetrockneten Flußbett, um wie ehedem ein Verirren im Urwald zu vermeiden. Oft sah ich auch Affen und Wildkatzen über den Weg springen, die gewandt die steilen Uferwände hinaufeilten und im dichten Gebüsch verschwunden waren, ehe noch die Büchse zum tödtlichen Schuß in Anschlag gebracht werden kann.
Weiter hinauf, zwischen hügeligem Terrain, haben sich Wildbäche von den Port Herald-Bergen kommend, ihr enges Bette gegraben und geht man auf dem sandigen oft steinigen Grund entlang, sieht man erst, mit wie gewaltiger Kraft die schäumenden Fluthen hier zur Regenzeit gewüthet haben müssen! Baumriesen, deren Halt im Erdreich unterwaschen und herabgestürzt sind, liegen von den Fluthen festgekeilt in das enge Bett und über den Stamm des Baumes oder durch sein Gezweig führt nur der Weg weiter. Solche Hemmnisse zwingen die tosenden Fluthen seitwärts einen Ausweg zu suchen, wodurch das Erdreich höhlenartig unterspült und zum Einsturz gebracht wird. Die Wurzeln vieler dieser Waldriesen, welche die hohe Böschung krönen, sind freigelegt und es bedarf keines sehr heftigen Windes, um sie niederzulegen; auch die kommende Regenzeit, wenn die gurgelnden Wasser die Arbeit wieder beginnen, wird manchen Baum zum Stürzen bringen, der anfänglich noch von Ufer zu Ufer eine Brücke bildet, später dann im trockenen Bette unter den glühenden Sonnenstrahlen bleichen muß. —
Ausnahmslos sind beide Ufer mit dichtem Busch und Bäumen bestanden, das dazwischen wuchernde Gebüsch ist fast undurchdringlich, vor allem, Sträucher mit vielen scharfen Stacheln, sind ein großes Hinderniß und will oder muß man absolut hindurch, kann man darauf rechnen, Haut und Kleider lassen zu müssen. Die Großartigkeit dieser Urnatur, die erhabene Einsamkeit in dieser Wildniß, hinterlassen bei dem aufmerksamen Beobachter einen nachhaltigen Eindruck, der unauslöschlich bleiben muß, wenn man dazu die vielartige Thierwelt in goldener Freiheit gesehen hat. Ein reiner Gottesodem weht durch diese lichtumflutheten Waldgefilde, Herz und Sinn erfreuend, ganz anders als in jener kalten emfindungslosen Menschenwelt, aus der die Freiheit verdrängt und nur die Selbstsucht herrschen mag. Am unentweihten Altar der Natur fallen die selbstgeschmiedeten Fesseln unfreien Geisteslebens, das Große, Wahre, ein versöhnender Geist, tritt heran, vor dessen reiner Lichtgestalt sich tief die empfindende Seele neigt. —
Schon jetzt, nachdem mehrfach recht reichlicher Regen gefallen, treibt die Vegetation, aufs Neue geweckt, überall frische Triebe; Stellen am Ufer oder im Walde, die man längere Zeit nicht gesehen, erkennt man kaum wieder. In wenigen Tagen hat die Natur fast ein neues Kleid angezogen — bald kommt das Blühen und Sprießen allerwegen, vom goldenen Sonnenstrahl geweckt — und der Frühling naht. Viele Stauden mit goldgelben Doldenblüthen, ähnlich unserer Moosblume, sowie eine Epheuart mit Blüthen wie Rittersporn, blaßblau und schön gezeichnet, haben frühzeitig den Schlaf abgeschüttelt und mit den immer blühenden Lianen am Flußufer sich vermischend, stellen sie ein wundervolles Blumengewinde dar.
Auch die kegelförmige Blüthenkrone, der über fünf Fuß hohen Tabakspflanze, die an geeigneten Stellen von den Eingeborenen gepflanzt worden, vollendet das harmonisch Ganze. Den Mangel an rauchbarem Kraut mußte uns diese ersetzen, indem die rothbraunen trockenen Blätter gesammelt und zerschnitten wurden. Ueberhaupt ist der Tabaksbau für einige Völkerschaften hier ein lohnendes Geschäft; das Produkt wird vielfach als Tauschartikel benutzt, worauf ich später eingehender zurückkommen werde, nachdem ich die Art der Zubereitung von den Völkern am Nyassa-See hatte kennen gelernt.
Besondere Methoden haben die Einwohner, sich auf primitivem Wege ihre Pfeifen herzustellen; z. B., das Horn einer Gabelantilope wird unten mit Holz oder auch Thon verschlossen, seitwärts in dem hohlen Theil dann eine Oeffnung für den Mund und im rechten Winkel hierzu noch eine für den Pfeifenkopf gebohrt, der meistens, wenn nicht aus Holz, aus einem kleinen Kirbis besteht, dessen unteres Ende durch ein kurzes Rohr mit dem Horn verbunden ist. Man könnte sich berathende Indianer im großen Kreise um ihre Feuer sitzend und die Friedenspfeife kreisen lassend vorstellen, in derselben Weise geht dies Unikum von Pfeife auch bei den Bewohnern dieses Landes von Hand zu Hand und Mund zu Mund, ein Jeder thut ein oder zwei tüchtige Züge, dann giebt er sie weiter.
Uebrigens habe ich auch bei anderen Stämmen kunstvoll gearbeitete Pfeifen gesehen, die mühsam geschnitzt, große Geduld und Ausdauer erfordert haben, dafür dann auch als ein Schmuckstück betrachtet werden, das dem Verfertiger nicht feil ist, wenigstens verlangt er für solch' ein Stückchen Holz einen erheblichen Preis.
Spät Abends, am 24. November, traf per Eilbote, durch Leutnant Bronsart von Schellendorf von Chilomo gesandt, die Nachricht im Lager ein, daß meine Anwesenheit dort unbedingt erforderlich sei, woraufhin ich mit zwei Eingebornen in einem kleinen Kanoe die Fahrt flußaufwärts in aller Frühe des nächsten Morgens unternahm. Man muß in einem solchen schmalen ausgehöhlten Baumstamm, ohne jedwede Stützen (Ausleger), die hier nicht gebräuchlich sind, worin man nur sitzen, sonst sich nicht weiter bewegen kann, und ausgesetzt der glühenden Sonne, solche Tour unternommen haben, um annähernd beurtheilen zu können, was es heißt, elf Stunden lang in einem solchen Fahrzeug zuzubringen. Gewandt und sicher aber sind diese Fährleute, sie stehen in dem schwankenden Kanoe und bewegen bei der unausgesetzten Arbeit nur ihren Oberkörper, wodurch ein Umschlagen desselben, was bei unsicherer Hantirung unausbleiblich wäre, vermieden wird.
In Chilomo angekommen, lag wider Erwarten nichts von Bedeutung vor, nur einige desertirte Sudanesen, welche von Katunga aus mit ihren Waffen das Weite gesucht hatten, sollten verfolgt werden, wozu die Hilfe des portugiesischen Stationschefs am Ruofluß in Anspruch genommen und der Telegraph zu deren Ergreifung in Thätigkeit gesetzt wurde. Ich persönlich konnte dabei nicht viel thun, und die eilige Fahrt nach Chilomo war eigentlich eine nutzlose gewesen. Ich orientirte mich noch über den Zustand des Lagers und die Beschaffenheit des hier aufgestapelten Materials und trat schon am nächsten Tage bei guter Zeit, um noch vor Dunkelwerden das Lager wieder zu erreichen, die Rückfahrt an.
Unterwegs hatten wir über tiefes Wasser hingleitend, ein kleines Rekontre mit einem Flußpferd zu bestehen, das von mir verwundet, wüthend auf das Kanoe losging; aber da der Fluß an jener Stelle zu tief, war dasselbe nicht imstande das Kanoe umzuwerfen, sonst hätte es uns übel ergehen können. Weniger glücklich war einst Leutnant Bronsart in einem ähnlichen Falle. (Ein wüthendes Thier griff sein leichtes Kanoe an und warf es um, nur der Umstand, daß er sich, die Gefahr erkennend, ganz nahe dem Ufer gehalten hatte, verdankte er das Leben.)
Am Abend des 30. November kam Brückner mit seinem leeren Fahrzeug in Umpassa an, aber ohne genügend Leute, was ich von den tags zuvor schon eingetroffenen Bewohnern Umpassas, die bereits in Chilomo den Leichter verlassen hatten und von mir ausbezahlt worden waren, erfahren hatte. Auch von Wissemanns Leuten waren einige darunter, die sich wegen der Behandlung beklagten und wegen der rückständigen Löhnung Schwierigkeiten machten. Es wollte mir nicht recht einleuchten, daß diese Leute erst vor wenig Tagen den vermuthlich zur Zeit bei der Etappestation befindlichen Leichter verlassen haben sollten, sie waren vielmehr längst vorher desertirt und hatten sich nur nicht gemeldet, weil sie glaubten, mit den Angekommenen nun gleichen Verdienst ausbezahlt zu erhalten. Nachdem ich aber ihre Namen festgestellt hatte und ihnen vorrechnete, daß sie mir etwas weiß machen wollten, was aber hier nicht angebracht sei und sie nun dafür von Rechts wegen eigentlich nichts haben müßten, schränkten sie ihre Forderungen auf ein bescheidenes Maaß ein.
Solche Versuche, den Europäer anzuführen, sind nichts Seltenes unter dieser Menschenrace, was namentlich von solchen Leuten gilt, die längere Zeit bei einem Weißen bedienstet waren. Nie wird sich der Neger die Tugenden des Europäers aneignen, vielmehr zu seinen Untugenden dessen üble Gewohnheiten hinzufügen und diese mit Vorliebe nachzuahmen suchen, wird deshalb auch unter Seinesgleichen bald ein Muster von Geriebenheit. Mir lag daran, auf gütigem Wege mich mit dem Häuptling Tengani zu einigen, da nun doch nochmals die Verhältnisse mich zwangen, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, insofern als ich ihn abermals um Stellung von zehn Leuten ersuchen mußte.
Während der Leichter beladen wurde, leitete ich die Unterhandlung mit dem Fumo ein, ihm noch bevor ich Umpassa verlassen würde, ein Geschenk versprechend, wenn er willig, mir die benöthigten Leute geben wolle. Allein hatte er früher schon seine Abgeneigtheit gegen die Europäer deutlich genug gezeigt, machte er jetzt kein Hehl daraus und wurde unverschämt, verstieg sich sogar zu nutzlosen Drohungen. Daraufhin nun erklärte ich ihm das Ultimatum: er stelle bis zum Abend die gewünschten zehn Mann, oder ich hole ihn am nächsten Morgen mit Soldaten aus seinem eigenen Dorfe heraus und bringe ihn nach Chilomo, dies sei mein letztes Wort, Verhandlungen gebe es nun nicht mehr.
Nach den Schwierigkeiten zu urtheilen, welche der Fumo jedesmal gemacht hatte, konnte ich voraussetzen, daß er auch diesmal sich nicht gutwillig fügen werde, und wie ich es erwartet, kamen keine Leute; am nächsten Morgen aber, als ich meine Ankündigung wahr machen wollte, fand ich im Dorfe weder den Häuptling noch irgend welche Leute vor, konnte auch nicht erfahren, wohin er sich begeben hatte und erst am nächsten Tage, als ich sehr früh zum Dorfe ging, fand ich einen jungen Menschen, der mir die gewünschte Auskunft gab, auch den Weg zu des Häuptlings Schamba (Anpflanzung) mir zeigte, wohin dieser sich zurückgezogen hatte, um der angekündigten Festnahme zu entgehen.
Nach langem Marsch durch Urbusch und Gehölz fand ich denn schließlich den Fumo auf seiner Besitzung, wo er mit seiner Frau in aller Ruhe das Feld umhackte.
Zu ihm herangetreten, forderte ich ihn auf sich zu entscheiden, ob er mir die Leute geben wolle, andernfalls ich ihn jetzt abführen lasse. Seine gereizte Antwort war: er habe überhaupt keine Leute, und erging sich gegen die ausgesprochene Absicht ihn mitzunehmen, in Drohungen, in welche sein Weib durch lautes Lamentiren wacker mit einstimmte. Er sah aber doch ein, daß Widerstand nutzlos war und von den beiden Soldaten, die ich bei mir hatte, in die Mitte genommen, folgte er willig zum Lager.
Noch war es nicht Mittag geworden, als auch schon die Aeltesten des Dorfes im Lager erschienen und höchst erregt, die Freigabe ihres Häuptlings forderten, als ich ihnen die Bedingung genannt, unter welche diese jetzt nur noch geschehen könnte, zogen sie wuthentbrannt ab, sodaß ich voraussetzen mußte, sie würden irgend eine Dummheit begehen und gar wegen ihrer großen Ueberzahl Gewalt anwenden. Indes am Nachmittag kamen sie wieder und besprachen sich mit ihrem Häuptling, worauf mir denn die Zusicherung gegeben wurde, es sollten die gewünschten zehn Mann am frühen Morgen zur Stelle sein, dafür aber die Freilassung des Fumo forderten.
Das Resultat, wenn ich dieser Forderung gewillfahrt hätte, wäre gewesen, daß ich mit dem Leichter nicht hätte abfahren können und das Nachsehen gehabt hätte, denn solcher Zusage konnte ich nicht mehr vertrauen; daher bedeutete ich ihnen, ihr Fumo solle sofort frei sein, sobald mir die Leute übergeben werden. Einen Zwang hatte ich dem Häuptling nicht weiter auferlegt, er konnte sich im Lager frei bewegen, stand nur unter Aufsicht des täglich aufgestellten Postens und durfte sich nicht entfernen. Am Abend, um ein Feuer unter den Bananen gelagert, hatte der Fumo dort auch, in ihm gegebenen Decken gehüllt, sein Nachtquartier aufgeschlagen, welches sein Weib mit ihm zu theilen sich entschlossen hatte, wenigstens wollte sie nicht ihren Eheherrn in solcher Lage im Stiche lassen. — Sein Groll schien sich mit der Zeit gelegt zu haben. Ich fand ihn in angelegentlicher Unterhaltung mit den Leuten, als ich einen mit dem Leichter angekommenen Suaheli-Bacharia, der von rheumatischen Schmerzen arg geplagt wurde, durch Elektrisiren einige Linderung zu verschaffen suchte.
Nachdem die Prozedur beendet war, fragte ich auch den Häuptling, ob er nicht anfassen wolle — es geschähe ihm nichts dabei —; die Neugierde bewog ihn schließlich die Griffe anzunehmen, um selbst sich zu überzeugen, ob in der kleinen selbstthätigen surrenden Maschine ein böser oder guter Geist sitze, der solches Geräusch verursache. Der Strom, noch anfangs schwach, schien ihm das prickelnde Gefühl in den Händen und Armen zu behagen, als ich aber stärkeren Strom spielen ließ, so daß er die Hände nicht mehr öffnen konnte, schnitt er doch gewaltige Grimassen und sein Weib, ängstlich geworden, faßte mit beiden Händen zu, um die Griffe wegzureißen, fuhr aber entsetzt zurück, als nun auch der Strom sofort durch ihren Körper ging.
Als darauf die Maschine außer Thätigkeit gesetzt war, wollten beide doch nichts mehr damit zu thun haben, betrachteten vielmehr den unscheinbaren Kasten mit argwöhnischen Blicken und sind wohl heute noch davon überzeugt, daß es in der Macht des weißen Mannes liege, Geister zu bannen und zu beherrschen. —
Betrachtet man im Allgemeinen die Lebensweise dieses umwohnenden Volksstammes, findet man in den Bezirken, wie solchen ein jedes größere Dorf vorstellt, patriarchalische Zustände; der Häuptling, als das Oberhaupt, übt im Verein mit den Angesehensten die Gerichtsbarkeit aus und schlichtet etwa vorkommende Streitigkeiten; sonstige Angelegenheiten werden in öffentlicher Versammlung durchberathen, in welcher das Wort des Medizinmannes und dessen Ansichten meistens ausschlaggebend sind, um so mehr, je fester dieser sich in die Gunst der Dorfbewohner zu setzen verstanden hat. Uebt doch das Geheimnißvolle und Unerklärliche auf die Gemüther dieser einfachen Naturkinder, die dem Aberglauben stark verfallen sind, einen allzu großen Einfluß aus. Bei Ceremonien und anderen für sie höchst wichtigen Vorkommnissen lauschen sie achtungsvoll den Worten des weisen Mannes oder machen ihre Entscheidung über irgend eine wichtige Unternehmung von dem guten oder bösen Omen, welches der Medizinmann durch geheime Manipulationen ihnen prophezeit, abhängig.
Oefter beherrscht ein mächtiger Häuptling auch mehrere Dörfer, jedoch muß man das Gemeindewesen als mehr republikanisch bezeichnen, denn nach der fortschreitenden Macht der Europäer, die in den Augen der Eingebornen eine viel größere ist, hat der Nimbus der Häuptlinge viel verloren und ihre Alleinherrschaft, die oft zu großer Willkür und Ungerechtigkeit geführt, ist heute gebrochen; behaupten kann sich und bedeutenden Einfluß besitzt nur der noch, dessen Persönlichkeit Achtung zu erzwingen weiß und der in seinem Urtheil gerecht und maßvoll bleibt. Mag auch der weiße Mann noch immer als Eindringling betrachtet werden und der von diesem ausgeübte Druck dem freien Neger als ein nur widerwillig getragenes Joch erscheinen, so ist dieser doch für ihn die höchste Instanz, an die er sich wendet, sobald Streitigkeiten zu schlichten sind, die früher oft zu blutigen Fehden Veranlassung gaben in welchen der Stärkere auch das Recht auf seiner Seite behielt.
Das Familienleben des Eingebornen kann als ein zufriedenes angesehen werden, man findet wenigstens, daß der Hausherr sich öfters auch um die noch kleinen Kinder bekümmert und so der Frau, auf welcher alle Arbeiten des Hauses und des Feldes ruhen, in etwas unterstützt, sonst aber träge seine Tage verbringt, wenn ihn nicht die Noth oder Gewinn veranlassen für den Europäer zu arbeiten.
Mehrfach beobachtet man hier bei den Frauen die unschöne Sitte, in dem dicken Fleisch der Oberlippe einen Ring zu tragen, wodurch diese sehr entstellt wird, namentlich bei alten Frauen wird dem verfallenen Gesicht — schon ein Urbild der Häßlichkeit — dadurch etwas abschreckendes gegeben. In jeder Beziehung lästig muß dieses eigenthümliche Schmuckstück sein, und gehörte es nicht zum guten Ton, denn auch die schwarzen Frauen sind eitel nach ihrer Art, wie alle Evastöchter, so würde die schmerzhafte Operation und das hinderliche Anhängsel wohl bald in Fortfall kommen.
Es war am 2. Dezember 1892, als ich mich zur Abreise von Umpassa, wo ich so lange unfreiwilligen Aufenthalt gehabt hatte, rüstete. Die begehrten zehn Mann waren gestellt worden und fast alle männlichen Einwohner des Dorfes hatten sich um ihren freigegebenen und noch beschenkten Häuptling versammelt. Alle schienen zufrieden zu sein, daß nun endlich die weißen Männer sich anschickten, sie zu verlassen; von denen sie des Guten so viel hätten haben können, wenn sie der Arbeit weniger abhold und ihr Fumo verständiger gewesen wäre.
Ich trieb zur schleunigen Abfahrt, weil ich den halb zur Mitfahrt gezwungenen Eingebornen nicht recht traute, wenigstens voraussetzen konnte, daß sie anfänglich jede Gelegenheit zum Entweichen benutzen würden, was auch richtig einem der Leute trotz der scharfen Aufsicht gelungen war. Wohl ließ ich durch den als Aufseher mit vier Soldaten zurückgelassenen Handwerker Dohmann sogleich nach dem Entlaufen unter den zahlreichen Zuschauern nachforschen; dies indes nur zum Scheine, um den anderen zu bedeuten, daß sie im Auge behalten würden und ein Fluchtversuch ihnen nicht leicht werden sollte.
Die Flußfahrt ging anfänglich wegen des starken Stromes nur langsam von Statten, obwohl wir mit Einschluß der Lagerbesatzung über zwanzig Mann in dem Fahrzeug hatten, die mit langen Bambusstangen versehen, gleichmäßig und unablässig dieses vorwärts schoben. Diese nicht leichte Arbeit wird erst durch längere Gewohnheit weniger ermüdend; wo es nothwendig, griffen wir Europäer auch zu, mußten aber uns zugestehen, daß, wenn man seine ganze Kraft anwendet, nicht allzu lange aushalten kann.
Besonders Erwähnenswerthes trat uns auf dieser Fahrt nicht in den Weg. Legten wir Abends am Ufer an, vergnügten wir uns mit Fischfang, der auch ergiebig genug war; auf kurze Jagdausflüge wollte ich mich nicht einlassen, zumal die Uferumgebung immer wild und unzugänglich blieb, sodaß es doch längerer Märsche bedurft hätte, ehe am Waldesrand oder auf freieren Grasflächen Wild gefunden werden konnte. Wir hatten auch noch Fleisch genug, da Brückner auf seiner Herunterfahrt hier in der Umgegend ein großes Zebra erlegt hatte, dessen Fleisch die Leute sich an Feuer geröstet hatten, so war kein Mangel.
Der Zufall wollte, als wir in einen Creek gerathen waren, aus welchem ich einen vermuthlichen Ausweg suchte, daß ich, ohne Waffe zur Hand, im hohen Ufergebüsch die nächste Bekanntschaft mit einer Wildkatze machen mußte. Als das fauchende, schön gezeichnete Thier keinen Rückzug mehr sah, machte es ernstliche Miene den unwillkommenen Störer anzugreifen, und glaube ich, die scharfen Krallen, sowie das nicht zu verachtende Gebiß waren allem Anschein nach im Stande recht bedenkliche Wunden zu verursachen. Erst das Erscheinen eines mich begleitenden Mannes machte das Thier anderen Sinnes, es sprang durch das Blättergewirr in die Tiefe und suchte unter den Wurzeln der Sträucher über dem Wasser einen Zufluchtsort.
Vom Glück begünstigt, vorwärts getrieben durch einen starken Wind, der die Menschenkraft unnöthig machte, erreichten wir schon nach wenig Tagen Chilomo, woselbst schnell die nothwendige Erleichterung des Fahrzeuges vorgenommen und dieses nach kurzem Aufenthalt weiter expedirt wurde, um so weit als möglich von dem anhaltend günstigen Winde flußaufwärts getrieben zu werden. Unsere Umpassa-Leute zogen es vor, doch die Fahrt mitzumachen, zumal ihnen reichliche Verpflegung neben dem Verdienst zugesichert wurde, was sie in ihrem Heimathsdorf nicht hatten; auch stellte ihnen Brückner, der weiter hinauf auf große Heerden Flußpferde gestoßen war, bestimmt ein solches Thier, das er den Leuten zur Nahrung schießen werde, in Aussicht.
Uebrigens hat Brückner auf seinen Fahrten eine ganze Anzahl dieser Thiere erlegt, und mit dem überreichen Fleischvorrath spekulativ verfahrend, ließ er öfters, wenn er sich festgefahren hatte oder über eine Sandbank nicht hinweg kommen konnte, die Leute des nächsten Dorfes zusammen rufen, die dann sein Fahrzeug auch gerne gegen Ueberlassung eines halben Cibokos aus gefährdeter Lage befreiten und ihn eine Strecke weit unterstützten, bis er wieder freieres Wasser vor sich sah.
Für die Führer der deutschen Expedition war von Seiten des britischen Kommandanten der Kanonenboote Kapitän Robertson, das für diesen extra erbaute Haus in Chilomo zur Verfügung gestellt worden und war dadrinnen auch nur ein Zimmer und zwei Seitenkabinets vorhanden, so waren ein Tisch und Stühle doch ein ungewohnter Comfort, wenigstens war es etwas anderes als das Einerlei des Zeltlebens. Ich fand hier noch Leut. Bronsart von Schellendorf vor, der auf die angekündigte Auslieferung eines portugiesischerseits angehaltenen Sudanesen wartete und erst am 7. Dezember seinen Marsch nach Katunga antreten konnte.
Hier in Afrika, wo die Ameise in ungezählten Milliarden vertreten ist, tritt sie entweder als alles zerstörende Termite auf, oder siedelt sich in Häusern und Hütten an, wo dann nichts vor diesen kleinen Thierchen, was Nahrung heißt, zu schützen ist, beobachtet man nicht die Vorsicht, alles was Süßigkeiten enthält in Wasserbehälter zu stellen, so sucht sie in wahren Völkerwanderungen sich Zutritt zu verschaffen und durch die Unzahl der dabei umgekommenen Thiere wird oft die Speise, oder der Inhalt nicht gut verschlossener Konservenbüchsen ungenießbar gemacht. Ich erwähne dieses, weil im Lager die Anwesenheit der kleinen braunen Ameise zur wahren Plage geworden war, vor der absolut nichts mehr geschützt werden konnte, und die Behauptung des Obersteuermanns Gerloff, er habe schon das nutzlose Vertilgen aufgegeben und den Ekel, die Ameise gelegentlich mit den Speisen verzehren zu müssen, überwunden, konnte ich glaubhaft genug finden, nachdem es mir bei längerem Aufenthalt nicht besser erging.
Nebenbei zeigte sich noch eine etwa drei Fuß lange Eidechsenart, die insofern für uns lästig wurde, als sie unseren freilaufenden Hühnern nachstellte und diese dadurch so scheu wurden, daß sie Nachts nur auf einem im Lager befindlichen hohen Baum ihr Nachtquartier aufschlugen. Wohl lauerten wir solcher Eidechse auf, aber es wollte nicht gelingen das vorsichtige und höchst gewandte Thier habhaft zu werden oder zu erlegen.
Einen freundlichen Anblick gewährten die hier in den Sträuchern sich aufhaltenden Chamäleons; tagsüber saßen sie ruhig auf einem Ast und schnellten gelegentlich die klebrige Zunge aus, um ein Insekt zu erhaschen, dabei boten sie dem stillen Beobachter ein wechselvolles Farbenspiel dar. Gewöhnlich grün oder oder blaugrau, wechselte die Farbe ihres Körpers im Sonnenstrahl allmählich und ging in bronzefarbener Schattirung untermischt mit goldgrün über; erregt oder gestört wechselten die Farben schneller, sodaß man versucht war anzunehmen, das Chamäleon könne je nach Belieben die verschiedensten Farbentöne annehmen, von grün, blau, bronze in grau, selbst schwarz und weiß. Verfolgt man das sonst träge Thier, muß dieses selbst genau im Auge behalten werden, denn im Blättergewirr, wo es die gleiche Farbe annimmt, entgeht es sonst unfehlbar. Sieht es sich irgendwie bedrängt, zischt es seinen Gegner an und versucht mit seinen unförmlichen großen Kinnladen zu beißen, weicht aber doch immer wieder zurück, dabei geschickt solche Schlupfwinkel wählend, die ihm einen Ausweg gestatten, bis man ermüdet die Nutzlosigkeit das Thier zu erfassen einsieht, und will man das harmlose Thier nicht gerade tödten, von der Verfolgung abstehen muß.
In der hohen steilen Uferwand, die hier an der Mündung des Ruoflusses in den Schire, gebildet ist, haben sich tausende hochrothe langgeschwänzte Vögel tief in das Erdreich ihre Nester gegraben und wenn diese in Schaaren über Land oder Wasser eilig hinfliegen, in wirren Massen sich in den Lüften zusammenhaltend wie die Tauben, dann lassen sich diese mit einer Wolke vergleichen. Mir blieb leider nicht die Zeit, diese interessante Vogelart eingehender zu studiren, über ihr Leben und Treiben Näheres zu erfahren, aber immer boten sie ein anziehendes Bild, wenn sie geschäftig mit Futter im Schnabel zu ihren Nestern zurückkehrten, um schnell wieder über das Wasser hinzuschweben und unermüdlich dem Nahrungsfang oblagen. Unter den ungezählten Erdlöchern, die alle von ganz gleicher Form und Größe, findet jeder Vogel ohne Weiteres seine Wohnstätte, ein Drängen und kreischendes Schreien habe ich nur bemerkt, wenn eine größere Anzahl zu den Nestern sich herandrängte und alle an die Uferwand sich klammernd nicht sogleich Einlaß fanden, welcher aber seinen Eingang gewonnen hatte, vertheidigte diesen sofort gegen einen vermutheten Eindringling.
Chilomo als bedeutender Ansiedelungsort bietet vorläufig nur wenig Anziehendes, wiewohl es am ganzen Zambesi und Schire der einzige Platz ist, wo man mit einem regelmäßigen Aufbau vorgegangen ist und geht man längs der einzigen Häuserreihe die an der Ruoseite erbaut ist, gaben die zur Linken abgesteckten Straßen und Quadrate einen Anhaltspunkt, in welcher Weise sich der spätere Ort entwickeln soll.
Häufig genug hatte ich hier Gelegenheit, in diesem einzig größeren Settlement der Engländer am unteren Schire mit diesen zusammen zu kommen und wie ich schon früher mich bemüht habe auszuführen, zeigt der Egoismus der englischen Nation hier in ihren Vertretern kein sehr anmuthendes Bild, indem nichts Gleichberechtigtes an die Beherrscherin der Meere und Völker gleichen Anspruch erheben darf; allgewaltig herrschend, will es scheinen, als gehöre mit Fug und Recht die Erde nur ihr und der Schwächere muß weichen, will er nicht den Zorn des mächtigen Albion auf sich lenken, um schließlich zu unterliegen; dem gefährlichen Gegner ist im Konkurrenzkampf schwerlich eine andere Nation auf diesem Gebiete gewachsen! —
Das schwache Portugal, heute ohnmächtig, sieht durch das eigennützige aber zielbewußte Vorgehen der Engländer sich hart bedrängt, es fand nicht die Kraft dem Andringenden einen Damm entgegen zu setzen, und man könnte sagen: giebst du ihm die Hand, nimmt er dir den Schopf; aber die große Schuld liegt darin, daß die Portugiesen in diesem jahrhunderte langem Besitz sich nicht über die Bevölkerung empor geschwungen und sie mit sich gezogen haben, um das reiche Erbtheil zur Blüthe zu führen, sondern was sich in dieser Kolonie als lebenskräftig bewährt hat, ist zu ihr hinabgestiegen, das Interesse für das Mutterland ging unter in dem Bestreben der Selbstsucht zu fröhnen.
Eine melkende Kuh ist der weite Besitz geblieben, dessen Hilfsquellen nun nahezu erschöpft sind und kein Versuch wurde gemacht, dessen verborgene Reichthümer zu erschließen, durch Arbeit das Land reich und durch ihr seine Völker frei zu machen; Druck und geduldete Knechtschaft führten Zustände herbei, die heute diesen großen Besitz als eine Illusion erscheinen lassen und dem Kolonisationstalent der portugiesischen Nation, (dies als Resultat betrachtet) kein gutes Zeugniß ausstellt.
Zu spät, nachdem andere Nationen im thatkräftigen Aufschwung durch die Macht geistiger Größe die Saat auszustreuen beginnen und die Früchte ihrer Arbeit zu ernten sich anschicken, sieht Portugal sein Eigenthum gefährdet, aber schon zu tief in Lethargie versunken findet es nicht mehr die Kraft einen neuen Anlauf zu nehmen und mit den Konkurrenten in den Wettkampf einzutreten. Was Wunder also, wenn die Herren Engländer für die unfähigen Portugiesen nur Verachtung übrig haben, die auch unverhohlen zum Ausdruck kommt, weil der kleine schwache Gegner, den der mächtige zertreten möchte, einen Rückhalt an anderen Nationen findet, die der zügellosen Ländergier Englands ein: bis hierher und nicht weiter zurufen! Es spielt sich hier allmählich ein Vorgang ab, der zu einem Abwirthschaften der Portugiesen führen muß und Deutschlands Kolonialpolitik, die mit junger frischer Kraft in den Kampf eingetreten ist, sollte gerade auf diesem Gebiete, wo der verschlagene rücksichtslose Engländer der einzige Gegner ist, mit der Autorität des deutschen Namens der verhängnißvollen Umschließung durch die Engländer entgegentreten. Zu Englands Ungunsten wirft der Portugiese seinen Haß gegen dieses in die Wagschale — und kommt einst die Entscheidung, sollten wir vorbereitet sein, eine Umarmung England durch Besitznahme der portugiesischen Kolonie zur Unmöglichkeit zu machen! —
Acht Tage war ich in Chilomo anwesend, als am 8. Dezbr. Abends von Eltz unerwartet mit dem Leichter Wissemanns eintraf, mit der Nachricht, daß über den Aufbau des Dampfers die endgültige Entscheidung getroffen sei und dieser nun an den Ufern des Nyassa-Sees erbaut werden sollte; zu diesem Zwecke sollte ich nun unverzüglich mich aufmachen und den Major, ehe er seine Weiterfahrt nach diesem See antrete, noch in Mpimbi am oberen Schire zu erreichen suchen.
Auf diesen Befehl hin rüstete ich mich, nach Uebergabe des Kommandos, zur eiligen Abfahrt nach Katunga, nachdem das benöthigte Handwerkszeug noch zusammengestellt und der Zimmermann Ottlich als mein Begleiter ausgewählt worden war. Am 10. schon konnten wir mit einem gecharterten Boote der Afr. Lakes-Co., wie solche zur Beförderung von Reisenden und Lasten benutzt wurden, flußaufwärts abfahren. Beim Abschied von Chilomo ließ sich das freudige Gefühl, daß nun die Zeit thatkräftigen Handelns ist, nicht unterdrücken. Zwar was im Schooße der Zukunft verborgen — wäre das uns zu schauen vergönnt gewesen — hätte das düstere Bild voll Gefahren und Entbehren wohl die Freude, nun gehe es endlich vorwärts, dämpfen können; obgleich ich wohl wußte, welche ungeheuren Anforderungen noch an den persönlichen Muth und an die Thatkraft jedes Einzelnen gestellt werden würden! Aber es ist der höchsten Weisheit Vorbedacht, daß selbst die nächste Stunde in Dunkel gehüllt vor uns liegt und wir nicht Herr unseres Geschickes sind.
Den Windungen des Flusses folgend, zwischen den vielen Sandbänken uns den Weg suchend, bot nach mehrstündiger Fahrt schon die Scenerie einen ganz anderen Anblick, insofern, als Wald und Busch zurücktrat und zu beiden Seiten und so weit das Auge sehen konnte nur hohes Elephantengras untermischt mit Rohr sichtbar blieb. Am ersten Abend schon, am Rande der Graswüste angelangt, die wie der Moramballamarsch, hier den Namen Elephantenmarsch führt, geriethen wir in Verlegenheit wegen Feuerholz; es war nicht genügend Bedacht darauf genommen worden, weil bisher fast überall solches noch aufzufinden gewesen war, hier aber nun gänzlicher Mangel eintrat, sodaß wir uns mit mühselig zusammengesuchtem Rohr behelfen mußten um nothdürftig einen Topf Kaffee zu unserer frugalen Mahlzeit bereiten zu können.
Mit Recht führte diese Gegend ihren Namen, in der ungeheuren Ebene sind nicht allein Heerden von Elephanten, sondern der ganze Thierpark Central-Afrika in allen Gattungen vertreten. Daß hier Wild im Ueberfluß, wie so viele Augenzeugen bestätigt und kühne Jäger erfahren, ließ sich wohl nach der Gegend zu urtheilen, voraussetzen, aber trotzdem war es nicht verlockend, in diese Grasebene einzudringen, worin absolut nichts zu sehen war und nur die Wildpfade, die zum Wasser führten, ein Fortkommen gestattet hätten.
Auf Abrathen unserer Bootsleute wurde ein beabsichtigter Ausflug aufgegeben, so sehr allen auch ein Stück Wild willkommen gewesen wäre, indes die feste Behauptung, der Löwe hause zahlreich in diesem weiten Revier, machte es bedenklich, vielleicht dem König der Thiere auf so ungünstigem Terrain gegenüber treten zu müssen. Wir sollten auch nicht lange im Zweifel darüber sein, denn als die Nacht herabgesunken und die Stimmen der Natur in dieser tagsüber fast feierlichen Stille erwachten, einstimmend in den Accord, den der quakende Frosch und die zirpende Grille angestimmt, dröhnte, wenn auch ferne, das Brüllen des Löwen zu uns herüber.
Während der zwei Tage, die wir in dieser öden sich immer gleich bleibenden Wildniß zubrachten, hatte ich gehofft gelegentlich mehr Wild zu sehen und schußgerecht zu bekommen, allein entgegen der Gewißheit, daß ringsum zahlreiche Thierarten sich aufhalten müßten, zeigte sich sehr wenig am Ufer, dafür aber am Abend des zweiten Tages eine gefährlichere Art, die uns wider unseren Willen zur ernsten Vertheidigung zwang. Wir waren zu den Stellen gekommen, wo nach Brückners Mittheilung ganze Heerden gewaltiger Flußpferde den Fluß versperren sollten und wo es ihm verschiedentlich gelungen war, einige zu tödten; es aber auch gefährlich sei, mit einem Kanoe (hier wurde Bronsart v. Schellendorf mit einem solchen umgeworfen) oder kleinen Boot durchzukommen.
Es war am Rande der Grassavanne, der Fluß schmal und tief, die Ufer wieder mit Busch und Baum bestanden, das Hinterland reicher an saftigem Grün, als in einer schmalen Biegung des Flußbettes eine Heerde von etwa 50 Cibokos beim Erblicken des Bootes wuthschnaubend im Wasser auf- und niedertauchten, was auf eine große Erregtheit dieser Thiere, die hier schon oft Wunden empfangen hatten, und dadurch bösartig geworden waren, schließen ließ. Wir hielten uns beim Anblick einer so großen Zahl auch vorsichtshalber unter dem linken Ufer im tiefen Wasser und suchten so etwaigen Angriffen auszuweichen. Um die Thiere fern zu halten, damit sie nicht unter das Boot kommen und einen Versuch zum Umwerfen desselben machten, gaben wir wenige, aber wohlgezielte Schüsse auf die nur eben über Wasser auftauchenden Köpfe ab, es war dies die einzige Möglichkeit, die wuthschnaubenden Thiere von einem verhängnißvollen Angriff abzuhalten.
Zwei der kühnsten Bullen, mittlerweile verwundet, konnten wir nur durch schnelles Vorwärtsrudern deren Absicht, das Boot zu kentern, entgehen; den neben uns auftauchenden Thieren sandten wir zwar aus nächster Nähe Kugeln zu, aber auf ihrer Panzerhaut haben sich die Bleigeschosse wohl breit geschlagen ohne durchzudringen. Ehe darauf die Thiere einen neuen Versuch machen konnten, war das Boot in den Strom gelenkt und auf flacheres Wasser in Sicherheit.
Geräth das Flußpferd in Wuth, wird sein weitschallendes Grunzen zum dumpfen Gebrüll und aus den Nasenlöchern spritzt es das Wasser fontänenartig in die Luft; ist Gefahr vorhanden, hebt es den Kopf nur so weit über Wasser, daß es mit den Augen frei Umschau halten kann, um sofort wieder untertauchend, dann unvermuthet an einer näheren oder entfernteren Stelle wieder hochzukommen.
Dem Anschein nach hatten in diesem entlegenen Flußgebiet die Flußpferde hier ihr Domizil aufgeschlagen, wo sie bisher kaum gestört, ein beschauliches Leben haben führen können; eine geeignete Gegend haben sie sich aber auch ausgesucht, denn wildromantischeres habe ich an den Ufern des unteren Schire kaum gefunden. Durch das Gebüsch zu dringen, war nur auf solchen Gängen möglich, die das Flußpferd sich darin gebrochen hatte, wenn es nächtlicher Weile weit landeinwärts sein Futter sucht. Hatte man sich auf diesen tunnelartigen Wegen durch Busch und Dorn gewunden, fand man auf ansteigendem Terrain Gras- und Waldflächen, die wohl kaum je von eines Europäers Fuß betreten worden sind, denn einladend ist diese Wildniß nicht, auch nicht eines Jeden Sache, auf schlüpfrigen Pfaden vorzudringen, um die Großartigkeit einer jungfräulichen unberührten Natur zu bewundern und in solcher Abgeschlossenheit das Werden und Sein, das Sterben und Vergehen zu betrachten.
Eine solche Exkursion am anderen Tage, Morgens in aller Frühe unternommen, führte mich schließlich zu einem Nebenfluß des Schire, der aber zur Zeit so flach war, daß vielfach Wassertümpel gebildet waren, die nur Zu- und Abfluß hatten durch schmale Wasserrinnen; aber ansehnliche flachgebaute Fische waren in beträchtlicher Anzahl doch in diesem klaren Gewässer und bedauernd, daß ich diese nicht erlangen konnte, verfiel ich darauf sie von den Leuten nach dem Ausfluß jagen zu lassen, und wenn sie auf Grund geriethen, mit Schrotschüssen zu tödten; alle die getroffen waren kamen hoch und nach zwei Schüssen hatten wir eine reichliche Mahlzeit.
Unter der Beachtung aller Vorsicht, suchten wir an diesem Morgen einer zweiten Heerde Flußpferde, die sich an einer Stelle, wo der Fluß zwei auffällige rechte Winkel gebildet hatte aufhielten, zu entgehen. Alles Geräusch vermeidend, schlichen wir mit dem Boote unter die Ufergebüsche entlang und ob manches Thier auch keine fünfzehn Meter entfernt auftauchte, griff es doch nicht an, wir vermieden aber kluger Weise durch Schüsse die Kolosse erst zu reizen, dazu war das Wasser nicht tief genug, um unnütz sich der Gefahr auszusetzen, umgeworfen zu werden und alles zu verlieren.
So unbehelligt aber sollten wir doch nicht wegkommen. Es mochte gegen Mittag sein, als an der Mündung eines Nebenflusses, wo durch angeschwemmte Sandbänke das Flußbett sehr verengt worden war und nur eine zwanzig Meter breite Rinne der stark strömenden Fluth offen blieb, eine große Heerde, nach Schätzung über hundert Thiere, thatsächlich die Durchfahrt sperrten. Sie ließen auch beim Erblicken des Bootes uns keinen Zweifel, daß sie gesonnen wären uns nicht so ohne Weiteres passiren zu lassen, denn brüllend gingen die Bullen zum Angriff auf uns über ohne daß sie von uns gereizt waren, während die Weibchen sich weiter zurückzogen und mit den auf ihren Rücken hockenden Jungen außer Schußweite blieben.
Das Wasser war klar genug, um die auf dem Grunde laufenden unförmlichen Massen erkennen zu können, wir bemerkten auch einige Male einen schwachen Ruck, bis wir wohl auf eine flachere Stelle gerathen, plötzlich hochgehoben wurden und wäre das Boot nicht so schwer beladen gewesen, unfehlbar hätte der mächtige Bulle, der den Angriff unternommen hatte, uns ein gefährliches Wasserbad bereitet. Schlimmer als dieses wäre in der starken Strömung der Verlust aller Sachen gewesen und wiewohl das Boot ganz nahe dem Ufer, mehr als das Leben hätten wir nicht retten können.
Selbstverständlich gaben wir nun Feuer und geriethen im Eifer mitten in diese große Heerde hinein, kamen aber nicht hindurch, sondern waren gezwungen zu landen und uns durch Gestrüpp und Gras einen Weg zu bahnen, um oberhalb der Heerde zu gelangen. Hier auf die Weibchen feuernd, von denen bald zwei tödtlich getroffen sich im Flusse hin und her wälzten erreichten wir, daß die Bullen die Passage frei gaben und nach einstündigem Schießen, in welcher Zeit noch eine ganze Anzahl verwundet worden war, hatten sich die Thiere in einen tiefen Seitenarm verzogen.
Mit äußerster Anstrengung suchten wir nun das andere Ufer zu erreichen und hatten bald die Heerde hinter uns, die, als das Boot ihnen entgangen war, wüthend hinterher stürmte; brüllend den Oberleib über Wasser hebend, rissen einzelne den gewaltigen blutrothen Rachen auf, dessen Kinnladen wohl alles zu zermalmen imstande wären, wenn die Natur das Thier nicht zum Wiederkäuer, sondern zum Raubthier bestimmt hätte. Einige zugeschickte Kugeln, welche einigen wohl noch recht schmerzhafte Zahnschmerzen verursacht haben mögen bewirkten, daß das Schauspiel ein Ende hatte, worauf wir unsere Reise unbelästigt fortsetzen konnten.
Kurz darauf überholten wir ein anderes Boot mit zwei englischen Gouvernementsbeamten, mit denen wir fortan gemeinschaftlich die Fahrt fortsetzten, auch der Einfachheit halber, gemeinschaftliche Küche machten; in solcher Wildniß findet man sich schnell zu einander, theilt auch gerne und macht sich solche Reise so angenehm wie es die Umstände eben gestatten. Unter anderem erfuhr ich, daß diese beiden jungen Leute am selben Morgen auch ein Renkontre mit jener Flußpferdheerde gehabt und mehrere Thiere verwundet hätten, sonst aber direkt nicht angegriffen worden wären; so erklärte es sich, daß die Cibokos noch höchst gereizt und wüthend, sich ohne Weiteres auf das nächste Boot warfen, mit der ernsten Absicht Revanche zu nehmen für die Schmerzen und der gestörten Ruhe.
Ich habe mich zwar später in noch schlechteren Situationen befunden, aber nie wieder wie hier solche Masse von diesen Colossen beisammen gesehen, die sich in dem Bestreben einig waren, ihren schlimmen Feinden den Untergang zu bereiten. Es ist auch nur zu erklärlich; das beständige Jagen macht die Thiere, die sonst friedlich und nur für die Eingebornen oft eine große Plage sind, bösartig und gefährlich, ihre Vernichtung wird dann eine Art Nothwendigkeit, und mit der fortschreitenden Civilisation verschwindet mehr und mehr das Flußpferd, das in der Urwildniß bisher seine ungestörte Heimath gehabt hat. Je höher flußaufwärts wir kamen, desto wechselvoller und vielgestaltiger wurden die Ufer des Schire, bald hoch, bald niedrig mit starkem, dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsen, zwischen denen hindurch die Dörfer der Eingebornen versteckt hingestreut lagen und aus deren zunehmender Zahl auf eine ziemlich zahlreiche Bevölkerung zu schließen war.
Der Fluß selbst ist zuweilen eng und tief, bald breit und dann flach, sodaß es schwer hält mit dem Boote fortzukommen; viele Flußarme bilden größere und kleinere Inseln; man sieht aber wie verheerend der starke Strom bei hohem Wasserstand sein muß, wenn er große Erdmassen abspült oder gewaltige Bäume mit sich stromabwärts führt.
Auf hochgelegenem Terrain, dort wo der Fluß eine Hügelkette durchbrochen hat, fanden wir am linken Ufer einige europäische Ansiedelungen, wo Versuche mit dem Kaffeebau vorgenommen waren und mühselig ein kleines Terrain dem höchst fruchtbaren Waldgrund abgewonnen war; freilich ist alles der Natur und den Mitteln die zu Gebote stehen angepaßt und daher auch nur primitiv, aber die Arbeit findet doch ihren Lohn, indem der dankbare Boden die aufgewendete Mühe reichlich vergilt.
Die Gastfreundschaft ist hier allgemein in Gebrauch, darum fällt es nicht weiter auf, wenn ein von dem abwesenden Besitzer verlassenes Haus von dem Reisenden für eine Nachtruhe in Beschlag genommen wird, selbst die schwarzen Diener desselben erheben dem Europäer gegenüber keinen Einspruch und so ist es eine wohlübliche Einrichtung, daß jedem müden Unbekannten, der viele Tage durch die Wildniß gezogen, am gastlichen Herd die hochwillkommene Ruhe gestattet wird.
Kurze Rast hielten wir noch vorübergehend bei der Etappestation wo der Proviantmeister von Liebermann mit wenigen Soldaten als Aufseher eingesetzt war, mit der Anweisung ein freundliches Verhältniß mit den umwohnenden Häuptlingen anzubahnen, um durch deren Willfährigkeit den großen Mangel an Trägern in etwas abzuhelfen. Weiter hinauf nahm die Gegend schon einen entschiedenen gebirgigen Charakter an, die Felsenmassen rückten immer näher zum Flusse, auch an dem starken Gefälle der zuweilen wirbelnden Strömung, gegen die nur mit aller Kraft anzukämpfen war, konnte man voraussetzen, daß die Murchison (Schire)-fälle nicht mehr allzu ferne seien.
Am 14. Dezember, Mittags, nach achttägiger Fahrt, passirten wir Katunga, Station der African Lakes Co., um etwa zwanzig Minuten oberhalb derselben in Chukwakwa, der englischen Gouvernementsstation, neben der das deutsche Lager erbaut war, zu landen.