WeRead Powered by ReaderPub
Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. cover

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Chapter 12: 8. Von Katunga bis Blantyre.
Open in WeRead

About This Book

A first‑hand account of an inland steamship expedition that details the logistics of transporting disassembled vessel components overland, erecting camps and a shipyard, assembling and outfitting the steamer, and conducting its launch and maiden voyages on Lake Nyassa. The narrative follows marches between encampments, methods of transport including rail transfer, episodes of local unrest and combat, and practical problem‑solving during construction. Interwoven are descriptive observations of the lake, coasts, inland settlements, and regional plant and animal life, with attention to the labour, engineering and navigational challenges encountered throughout the campaign.

8. Von Katunga bis Blantyre.

Die deutsche Station, unmittelbar am Ufer des Schire gelegen und etwa einen Kilometer vom Fuße der steilansteigenden Gebirgskette entfernt, bestand aus zwei Wohnhäusern für Europäer, den Soldatenhütten und einem Proviantschuppen; während den ganzen Lagerplatz eine undurchdringliche Dornhecke umschloß. Was aber das Vortheilhafteste, es waren mehrere gewaltige Tamarindenbäume im Lager, deren weites dichtbelaubtes Geäst gegen die heiße Sonnengluth kühlen Schatten spendete, auch dadurch den Aufenthalt in den Häusern, während der heißen Tagesstunden, angenehmer machte.

Landschaftlich war es ein ganz anderes Bild, welches den Beobachter hier umgab; umschlossen zur Rechten, wenn man den Blick flußaufwärts nach den Schirefällen richtete, von immer höher ansteigenden Bergmassen, die in dunkler Bläue sich verloren und vom Fuße bis zu den höchsten Kuppen von einem zusammenhängenden Gebirgswald bestanden sind, hob sich das Terrain zur Linken mehr hügelförmig aus der Flußniederung aufwärts, um in der Ferne zur Gebirgsform übergehend, das Flußbett wie ein weites tiefliegendes Thal erscheinen zu lassen. Und trägt die Gesammtheit auch den Charakter einer ungebundenen freien Wildniß, ist dieses wechselvolle Bild der Gebirgsnatur im Gegensatz zur undurchdringlichen Wildniß der Urwälder in der Tiefebene, ein erhebendes. Selbst unter der Gluth der sengenden Sonnenstrahlen weht hier ein frischerer Odem und freier athmet die Brust, fast scheint es als wäre das Gefühl eines auf ihr lastenden Druckes weggenommen, auch die physische Kraft erstarkt, belebt den sinkenden Muth und die Thatkraft und Schaffensfreudigkeit kehrt wieder.

Mein Aufenthalt im Lager sollte nur von kurzer Dauer sein, da ich laut erhaltener Ordre, so schnell als möglich vorwärts gehen und den Major vor seiner Abreise nach dem Nyassa-See noch erreichen mußte; ich setzte mich deshalb auch unverzüglich mit dem englischen Beamten Mr. Bowhill in Verbindung, um mit dessen Unterstützung die benöthigten Träger, etwa 40 Mann, zu erhalten, und dies aus dem Grunde, weil mir der die Aufsicht im Lager führende Maschinist Engelke mitgetheilt hatte, daß ohne Genehmigung des englischen Beamten kaum Träger zu erhalten sein werden. Was nun das persönliche Entgegenkommen des Mr. Bowhill betraf, konnte ich als Unterstützungsuchender mich nicht beklagen, aber die entgegengebrachte Freundlichkeit hatte doch etwas Gezwungenes und, als er mir sein Herz ausgeschüttet, Klage über Klage gegen das eigenmächtige Vorgehen der Deutschen angehört hatte, die darauf hinausliefen, daß man seine gute Absicht und Hilfsbereitschaft so wenig gewürdigt, schließlich ihn zurückgewiesen habe, war es mir bald klar, er wolle nur gegen Jemand, der ihn vollständig verstehen konnte, sich reinwaschen, wenigstens stellte er noch an mich die Zumuthung, da er deutscherseits wegen seiner Handlungsweise höheren Orts angeklagt worden war und die Folgen fürchtete, für ihn, wenn sich die Gelegenheit bieten würde, in Blantyre einzutreten, in dem Sinne, daß er entschieden verkannt worden sei. Anstatt der Zusicherung, mein Ersuchen um Leute nach Kräften zu unterstützen, wäre es mir lieber gewesen, er hätte rundweg erklärt, er wolle oder könne nicht helfen, denn dann hätte ich mir selber helfen müssen und nicht einen Augenblick gezögert mit anderen wegen Träger in Unterhandlung zu treten.

Den Glauben an die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung bemühte er sich aber schnell zu zerstören, indem er am nächsten Abend mit zwei Anliegen zu mir kam, die schwere Beschuldigungen gegen unsere wenigen im Lager anwesenden Leute enthielten. Darnach sei ihm von dem Häuptling eines in der Umgegend liegenden Dorfes folgende Beschwerde zugegangen: es seien in der vergangenen Nacht drei Leute aus dem deutschen Lager in dem Dorfe gewesen und hätten nach dem Fumo verlangt, als dieser aber vor Furcht sich verkrochen hätte, soll einer der Bewaffneten einen Schuß abgegeben haben und schließlich nach Verübung allerlei Unfugs hätten die Ruhestörer sich entfernt.

So unwahrscheinlich mir diese Anklage auch erschien, fühlte ich mich doch verpflichtet, eine strenge Untersuchung anzuordnen; wie ich aber voraussetzen konnte, war unter unsern sechs Leuten keiner, dem ein solches Vergehen nachzuweisen gewesen wäre, denn die von uns Europäern stets ausgeführten nächtlichen Rundgänge hatten ergeben, daß jeder der Leute im Lager anwesend gewesen war. Auch der Sudanesenposten konnte keine Angaben machen, was sicherlich geschehen wäre, wenn ein Suaheli sich entfernt hätte, da der pflichtgetreue Soldat mit dem etwas leichtsinnigen Suaheli nichts zu thun haben mag, und so konnte ich nur annehmen, daß die Beschuldigung auf eine Verleumdung hinauslaufen müsse.

Der zweite Fall, wonach am selben Abend zwei von der Etappestation zurückgekehrte Sudanesen in ein Zuckerrohrfeld Verwüstungen angerichtet haben sollten, war ernster. Eine Anzahl Eingeborner war sofort nach dieser Entdeckung zu dem Gouvernementsbeamten gekommen und hatten bittere Beschwerde geführt, der die Zeugen auch mitgebracht hatte und die aus den aufgestellten Soldaten einen Schauß (Sudanesen-Unteroffizier) dieses Vergehens beschuldigten. Der schwarze Unteroffizier, den ich selbst als einen unserer tüchtigsten Soldaten kannte, leugnete entschieden und bezeichnete die Aussagen der Natives als Lügen; die Ankläger nun ins Verhör genommen, stellte es sich heraus, daß sie wohl zwei Soldaten gesehen hätten auf dem Wege zwischen den Feldern, auch annähmen, diese hätten das Zuckerrohr geraubt, sonst aber nicht beweisen konnten, gerade diese beiden hätten es gethan! —

Solcher Nichtswürdigkeit, die einen schlimmen Verdacht auf unbescholtene Leute warf, war ich daraufhin entschlossen mit aller Energie auf den Grund zu gehen; konnte ich auch eine Bestrafung der Ankläger nicht herbeiführen, wenigstens sollte dann der englische Beamte einsehen, daß er als bestellter Anwalt der Eingebornen, nicht so obenhin diesen glauben und vielleicht durch ungerechte Beschuldigung Unschuldige in Verdacht und harte Strafe bringen könne. Zur Aufklärung der Sache bestand ich nun entschieden darauf, daß die Ankläger nicht entlassen, sondern bis zum nächsten Morgen unter irgend einem Vorwand in Gewahrsam gehalten würden, dann sollten, geführt von einem Europäer die beiden Soldaten zum Thatort geführt werden und aus den Fußspuren, die im weichen Boden nicht verwischt sein würden, festgestellt werden, ob diese Anschuldigungen grundlos seien oder nicht, was sehr leicht bewiesen werden konnte, da unsere Soldaten auf allen Märschen und überhaupt stets Stiefel an den Füßen trugen.

Eine Einwendung von Seiten des Mr. Bowhill, diesen Fall nicht auf die Spitze zu treiben, da wenige Kupfermünzen die Geschädigten schon zufrieden stellen würden, konnte mich nicht bestimmen das Gesagte zurückzunehmen, auch die Prophezeihung, wir Deutsche schädigen uns nur durch solches Vorgehen gegen die Eingebornen, da diese uns boykotieren könnten und hinfort kein Proviant mehr verkaufen möchten, wir also in Noth gerathen würden, war nutzlos, und wohl oder übel, sollten nicht die Folgen auf ihn selbst zurückfallen, mußte er sich fügen.

Als der Morgen kam sandte ich den Zimmermann Ottlich und den Schiffsbauer Zander unter militärischer Bedeckung mit genauer Instruktion versehen zu den weit entfernt liegenden Zuckerrohrfeldern, um an Ort und Stelle die eingehendsten Nachforschungen anzustellen; wie das Ergebniß aber auch ausfallen möge, die Hauptankläger sollten unter allen Umständen wieder zurückgebracht werden. Mit begreiflicher Spannung sah ich der Rückkehr der Abgesandten entgegen und hatte mich auf eine harte Auseinandersetzung mit dem englischen Beamten gefaßt gemacht, indem ich nicht gesonnen war, wenn die Unschuld der Beschuldigten erwiesen würde, die mir unterstellten Leute von nichtsnutzigen Eingebornen beleidigen zu lassen.

Am Nachmittage kamen denn auch alle nach einem ermüdenden Marsch in das Lager zurück, mit dem Bericht, daß sie von den Anklägern kreuz und quer geführt worden seien und schließlich an verschiedenen Punkten nur je eine abgebrochene Zuckerrohrstaude gefunden hätten; ferner sei nur die Fußspur eines Natives bemerkt worden, von Stiefelabdrücken im weichen Boden oder gar einer muthwilligen Zerstörung war überhaupt keine Rede. Nach einer solchen offenbar schimpflichen Handlungsweise, als welche diese grundlose Anschuldigung sich herausgestellt, hatte ich nicht übel Lust, zwei der Hauptankläger solch' einen Denkzettel zuzudiktiren, daß ihnen für die Folge ähnliche Handlungen verleidet würden, jedoch war dieses nicht rathsam und auch nicht möglich, da meine Befugniß nicht so weit ging eigenmächtige Entscheidungen zu treffen und diese dem die Gerichtsbarkeit ausführenden englischen Beamten nur zustanden, der aber auf meine Frage, was er nun zu thun gedenke, die Uebelthäter nur mit einem strengen Verweis bedachte und sie dann laufen ließ. Mir mußte es genügen, daß er mit Beschämung einsah, wie unüberlegt er eine ungerechte Sache zu vertreten sich bemüht hatte und die Nachgiebigkeit seinerseits diesen Vorfall als beendet zu betrachten, ließ mich um des Friedens Willen berechtigte Vorwürfe zurückhalten.

Die Erkenntniß, von dem guten Willen des Gouvernementsbeamten abhängig zu sein und die Thatsache, daß derselbe täglich eine Anzahl Träger über das Gebirge sandte, für mich aber nicht so viel Leute beschaffen konnte oder wollte, als ich für meine nothwendigsten Lasten gebrauchte, ließ mich erkennen, nutzloses Warten sei verschwendete Zeit, und zunächst darauf die englischen Händler in Katunga, dann einige Häuptlinge um Ueberlassung einiger Mannschaften ersuchend — mußte ich doch bald mich davon überzeugen, wie nutzlos meine Bemühungen waren — die Zeit drängte zwar und doch war ich machtlos den Verhältnissen gegenüber! —

Eifrig damit beschäftigt aus den hier lagernden geringen Beständen meine Lasten zu vervollständigen, mußte ich die Entdeckung machen, daß der Inhalt mehrerer Kisten, die Hobeln, Beile und anderes Handwerkszeug enthielten, durch die weiße Ameise zum Theil zerstört und unbrauchbar geworden waren. Solches Ueberhandnehmen der kleinen unscheinbaren Thiere konnte aber nur durch die Unachtsamkeit einzelner Europäer entstehen, die nicht durch zeitgemäßes Umpacken der Kisten der enormen Beschädigung vorzubeugen gesucht hatten, sondern an verschiedenen Orten mehrere Wochen lang die Kisten ohne Unterlage auf dem Erdboden stehen ließen und dadurch den kleinen Nagern Zeit gaben, ihre Erdgänge in das Innere aufzubauen, somit in aller Ruhe ihre Zerstörungswuth ausführen konnten.

Uebrigens wimmelte es geradezu von großen und kleinen Ameisen im Lager zu Chukwakwa, in einer Weise, daß man sich gegen die lästigen Thierchen nicht zu schützen imstande war. Saß man bei brennender Kerze Abends in der einsamen Hütte, ein Kistenbrett als Tisch, ein Koffer als Stuhl und versuchte die Gedanken zu sammeln, um einen längst schuldigen Brief für die Angehörigen endlich zu beendigen, da sobald eine Mußestunde nicht wieder kommen würde, dann dauerte es nicht lange, bis eine Anzahl schwarzer Ameisen durch die Kleider ihren Weg bis zur bloßen Haut gefunden hatten und an den Beinen hinauf oder im Genick ihren Spaziergang unternahmen.

So lange nun das eigentliche Prickeln und Krabbeln nicht überlästig wurde und man Ausdauer genug besaß, die Ameisen nicht zu stören, verhielten sich die kleinen Quälgeister auch einigermaßen anständig, aber fuhr man wüthend nach einer Stelle hin mit der Hand, wo ein Schalk, aus Aerger vielleicht weil ihm auf seinem Wege ein Hinderniß entgegenstand, die scharfen Kneifzangen in die Haut eingegraben hatte, um diesen zu tödten, faßten, durch die Bewegung erschreckt, gleich eine ganze Anzahl Zangen die empfindliche Haut und kniffen, als würden an jeder Stelle glühende Nadeln eingeführt. Sprang man aber auf, war es für alle anderen am Körper befindlichen Ameisen das Signal, herzhaft zuzufassen, suchte man dann vielleicht an den Beinen die Thierchen abzusuchen, zwickten andere tief im Genick, wo man nicht hinreichen konnte, oder im Ohr etc., bis man sich mit starker Willenskraft den Plagegeistern übergab und geduldig den Schmerz ertrug oder genöthigt war, sich auszuziehen um dann den Ameisen beizukommen suchte.

Weniger belästigend, aber auch höchst unangenehm wurden Tausende kleiner Insekten, die nach dem Lichte zustrebten und durch die Flamme verbrannt bald den provisorischen Tisch mit ihren zuckenden kleinen Körpern bedeckten, vom Papier mußten sie fortwährend abgeschüttelt oder weggepustet werden — es war geradezu ein Wettfliegen um den Tod. Ich glaube manch' unbekanntes Insekt, Fliege, Motte und auch Käfer wäre aus der großen Anzahl herausgefunden worden, wenn ein Spezialist der Insektenlehre an Ort und Stelle solchen Vorrath an Nachtschwärmern hätte untersuchen können. Die Gesellschaft vollzählig zu machen, huschten lautlosen Fluges, nur zuweilen einen gespenstigen Schatten auf die erleuchtete Wand werfend, beutejagende Fledermäuse vorüber, sich an der menschlichen Gestalt nicht kehrend, die den Kopf in die Hand gestützt, eilige Buchstaben auf das Papier niederkritzelte, oder unbeweglich eine Zeitlang nachdenkend, dem Hasten und Jagen der Insekten zusah, welche sich nicht eilig genug ihre zarten Flügel verbrennen konnten.

Durch die herrschende Ruhe im halbdunklen Raume kühn gemacht, raschelte auch vorsichtig eine Ratte in der Rohrwand, um nach und nach auf dem Boden der Koffer einen Entdeckungszug nach Genießbarem zu unternehmen, bis sie einem plötzlich mit Wucht zugeschleuderten Schuh oder anderem Gegenstand auszuweichen suchte und mit Schrecken einsah, daß zum nächtlichen Rekognosziren die Zeit noch nicht gekommen sei. Dies sind neben sonstigen Annehmlichkeiten eines Lagerlebens mehr oder weniger unliebsame Zugaben, die aber sofort vergessen sind, sobald die kühle Nachtluft im Freien die heiße Stirne kühlt und das Auge sich in die wundervolle Sternenwelt des tropischen Himmelsgewölbes versenkt, oder dem phosphorartigen elektrischen Lichte des kleinen Leuchtkäfers zuschaut, der sich auf der Stiefelspitze oder den Kleidern zum Ausruhen hingesetzt hat, während hunderte Seinesgleichen in Busch und Gras umherfliegen, sich selbst und anderen den Weg erleuchtend — unergründliche Wunderwelt der Schöpfung, wer ermißt die strahlende Flammengluth jener unendlich fernen Welten im ungemessenen Aether, oder ergründet die Leuchtkraft, welche die fürsorgliche Natur diesen kleinen Lebewesen auf ihren kurzen Lebensweg mitgegeben! Der Mensch mit seinem stolzen Wissen und Können muß vor dem Erhabensten und dem Geringsten in der Natur bekennen, daß alles Stückwerk ist, er im kühnen Wissensdrang wohl in die Geheimnisse der Natur einzudringen sucht, aber Räthsel auf Räthsel sein ernstes Forschen hemmt, die er nicht zu lösen vermag; indes wo nur ein leiser Schimmer der Erkenntniß das Dunkel des Geheimnißvollen erhellt, da muß der forschende Geist das urewige Walten der Gottheit anerkennen.

Drei Tage nutzlosen Bemühens für meinen Weitermarsch Träger zu erhalten, waren hingegangen und am Sonntag den 18. Dezember hatte ich mich schon gerüstet am anderen Schireufer in weit landeinwärts liegenden Dörfern mein Heil zu versuchen, als in den Morgenstunden dieses Tages der nunmehrige Chef der Transportexpedition, von Eltz, von Chilomo per Boot im Lager eintraf um fortan hier, wo voraussichtlich erst nach Monaten die Arbeiten beginnen und Träger zu bekommen waren, sein Domizil aufzuschlagen.

Nach mehrstündiger Verzögerung konnte ich erst am Nachmittage die beabsichtigte Tour unternehmen, mithin wurde der in heißer Sonne begonnene Marsch etwas strapaziös. Zwischen ausgedehnten, zum Theil bepflanzten Feldern führte ein Fußpfad schließlich zu einem zwischen welliges Waldterrain an steilen Abhängen des Schireufers erbauten Dorfe, dessen Häuptling mit großer Bereitwilligkeit auf mein Ersuchen, mir eine Anzahl Leute zu geben, einging, nur hob er hervor, er könne höchsten 10 Mann stellen — sein kleines Dorf habe nur wenig Bewohner und davon seien die meisten jungen Leute für die Engländer thätig. Die Ueberreichung eines kleinen Geschenkes meinerseits besiegelte den Vertrag, wenn irgend angängig, sollten am nächsten Morgen bestimmt die Leute im Lager eintreffen.

Bevor ich von dem freundlichen alten Fumo Abschied nahm, wollte er mir auch noch ein Gegengeschenk verabreichen lassen und zwar, da sein Besitzthum höchst gering, sollte dieses in einem lebenden Huhn bestehen; es hatte aber seine Schwierigkeit mit den wenigen im Dorfe anwesenden Frauen und Kindern die halbwilden Hühner einzufangen, die auf Hütten und Bäumen flogen und nur mittelst Wurfgeschosse wieder herabzubringen waren; die wilde Jagd blieb schließlich doch resultatlos, bis ich dieser dadurch ein Ende machte, daß ich einen bezeichneten stattlichen Hahn niederschoß. Die Neugierde des Fumo war nun freilich geweckt und wollte er, ich solle mehrere Hühner abschießen, welchen Gefallen ich ihm aber nicht that, weil es mir unnütz erschien, aus reinem Vergnügen die ängstlichen Thiere zu tödten, stillschweigend jedoch ließ ich von einem meiner Leute an einem entfernteren Baumstamm ein handgroßes Blatt Papier befestigen und darauf mehrere Schüsse abgebend, wurde dessen Verwunderung über die Treffsicherheit der Waffe noch gesteigert, er schrieb dieser die Eigenschaft zu, unfehlbar sicher zu sein, sobald der weiße Mann sie benutze. Man gewinnt übrigens eine gewisse Sicherheit in der Handhabung der Waffen, wenn, wie in diesem Lande, die Schieß- und Jagdfreiheit eine ungebundene ist.

Der praktische Engländer, nicht allein daß er die Eingebornen zu gewissen Abgaben verpflichtet, hat die Jagdgerechtsame insofern heutigen Tages beschränkt, als je nach der Thiergattung, d. h. der verwendbaren, eine Taxe erhoben wird, die z. B. auf Elephanten 15 Lstr. = 300 Mk. beträgt. Es finden sich aber nicht viele passionirte Jäger, die unabhängig, speziell der Nachstellung unseres größten Vierfüßlers obliegen, denn dieses ist leichter gesagt als gethan, indem der Muth und die Ausdauer eines Jägers hierbei auf keine geringe Probe gestellt wird, wenn er die mächtigen Thiere auf ihren Wandergängen verfolgen will, die imstande sind ihren Standort derartig zu wechseln, daß zwischen heut' und morgen ein Abstand liegt, der fünfzig und mehr Kilometer beträgt und für dies scheinbar plumpe Thier nicht mal eine allzugroße Leistung ist; bieten doch Wald und Sumpf, Thal und Hügel diesem kein besonderes Hinderniß, auch die Eigenschaft eines vorzüglichen Steigers im gebirgigen Terrain besitzt der Elephant in hohem Grade.

Möge hier gleicherzeit die Aussage eines eingebornen Jägers, der vielfach mit unermüdlicher Ausdauer den Elephanten gefolgt ist und um der theuren Zähne willen ihnen nachgestellt hat, Platz finden. Nebenbei bemerkt steht mein Gewährsmann bei Seinesgleichen um der Erfolge willen im hohen Ansehen und rühmt sich derselben nach Gebühr — er sagt: hatte ich mit meinen Leuten irgendwo den Standort einer Edelelephantenheerde ermittelt, wo noch Voraussetzung dieselbe sich wegen reichlicher Ernährung längere Zeit aufhalten würde, suchten wir unbemerkt diese zu beobachten und den benutzten Pfad zur Tränke aufzufinden. Die Thiere, meistens sicher, da sie von keiner Gefahr bedroht sind, wechseln nicht oft und wo im dichten Gebüsch ein Abweichen nicht leicht vorauszusetzen war, gruben wir möglichst schnell tiefe Fallgruben, die so bedeckt wurden, daß selbst der vorsichtige Führer der Heerde nicht stutzig werden konnte.

Meistens zwar, da die Gruben nicht breit genug angelegt werden konnten, sank das schwere Thier wohl etwas ein, rettete sich aber sofort trotz seiner Plumpheit auf festen Boden und bahnte, den Pfad vermeidend, sich und seiner Heerde durch das Dickicht einen neuen Weg. Wollte der Zufall aber, daß der Leiter stürzte und eingezwängt, unfähig war sich wieder zu erheben und sich herauszuarbeiten, flohen die übrigen Thiere nicht oder ließen ihn im Stich, sondern die Männchen arbeiteten so lange, bis sie mit ihren Rüsseln ihren Führer wieder heraus und auf die Beine geholfen hatten; dagegen, war vorsichtig eine entdeckte Falle umgangen worden, geschah es mehrfach, daß jüngere Thiere, weniger vorsichtig, zu Falle kamen, denen aber nie, wenn es nicht ein ganz junges Thier war, bei dem die Mutter verblieb und es half, die Unterstützung der anderen zu Theil wurde, und erst dann, sobald sie vollständig ermattet und jeden Versuch der Selbstbefreiung aufgegeben hatten, konnten sie von den Jägern mit Speer und Kugel getödtet werden.

Schickt eine Heerde sich an, die Anpflanzungen der Eingebornen zu zerstören, vertheilt, wie es scheint um der Rarität willen, der Führer die wohlschmeckenden Pflanzen und Bäumchen, indem er z. B. Bananen mit seinem Rüssel abbricht und sie den Weibchen hinwirft, die ohne jegliche Anstrengung die weichen saftigen Stämme in den tiefen Schlund verschwinden lassen, auch sonst soll er mit großer Fürsorge auf das Wohl der ihm Anvertrauten bedacht sein. Als das stärkste Thier, entwurzelt er meistens starke Bäume und bricht sie nieder, deren Laub den übrigen dann zur Nahrung dienen muß. Beurtheilen kann man es wohl, wie groß der Schaden sein muß, den eine starke Heerde anzurichten im Stande ist, obgleich der Elephant nicht mehr zerstört, als er zu seiner Sättigung bedarf.

Fühlt sich eine Heerde nicht sicher, übernehmen, wie es auch bei anderen Thierarten der Fall, die stärksten Männchen den Postendienst, die eine erkannte Gefahr durch Trompetentöne anzeigen und ein sofortiges Sammeln oder Abziehen aller dadurch veranlassen. An solche abseits stehenden Thiere schleicht sich nun der schwarze Jäger, sofern ihm ein Vorderlader zur Verfügung steht, möglichst nahe heran und sucht das ahnungslose Thier an der tödtlichsten Stelle, im Ohr, zu treffen, wobei ihm das zu Gute kommt, daß der Elephant, selbst wenn er den schwarzen Mann entdeckt, von diesem nichts Schlimmes erwartet, weil er zu selten belästigt wird und von den ihm bekannten Gestalten gewöhnlich nichts zu fürchten hat.

Geht das getroffene Thier nicht sofort zum Angriff über und sucht den schnellfüßigen Angreifer zu erreichen, den es in wenigen Augenblicken mit seinen Füßen zerstampfen würde, nimmt dieser seinerseits die Verfolgung auf, mit einer Schnelligkeit und Ausdauer, wie solche nur dem Sohne der Wildniß eigen ist, bis er schließlich das schwerverwundete Thier erreicht, das verlassen von allen, den unausgesetzten Angriffen schließlich erliegen muß.

Die Methode, den Elephant mittelst vergifteter Pfeile zu erlegen, erfordert nicht minder Geschicklichkeit, da dem wachsamen Thiere nur im Hinterhalt beizukommen ist und eine Anzahl gut sitzender Geschosse erst Erfolg versprechen, welche das Thier sich schließlich, von Schmerz gepeinigt, durch Wälzen am Erdboden oder Scheuern an Baumstämmen tief in das Fleisch eindrückt und der Einwirkung des starken Giftes dann bald erliegen muß. Aeußerst kühne Jäger schleichen sich heran, um mit einem scharfen Instrument die Hacksehnen der Hinterfüße schnell zu durchschneiden; das dadurch zum Verfolgen oder Fliehen unfähig gemachte Thier fällt dann seinen zahlreichen winzigen Feinden zum Opfer, indem es zusammenbrechend, der geschleuderten Speere sich nicht mehr erwehren kann.

Solches Tödten durch Hinterlist meinte mein Gewährsmann sei eines rechten Jägers unwürdig und werde nur von den in den endlosen Urwäldern Inner-Afrikas lebenden Völkern ausgeführt, wo noch der Elephant in großen Heerden lebe und nicht so vereinzelt wie in der Gegend des Schirehochlandes vorkomme. Hier habe er nur zu oft gefunden, daß Kühnheit und Geschicklichkeit an der Wachsamkeit einer wandernden Heerde gescheitert sei; an einen einzelnen Elephanten, sogenannten wilden, der aus dem Verbande einer Heerde ausgestoßen ist und einsam durch die Niederungen und Wälder streife, sei es nie rathsam sich heranzuwagen, solch' ein Thier, seine sonstige Gutmüthigkeit verleugnend, werde zum gefährlichsten Gegner und gehe leicht gereizt zum Angriff über.

Nach Ankunft der Träger am nächsten Morgen den 19. Dec., nur neun Mann, konnte ich wenigstens das Nothwendigste, Instrumente, Chronometer etc. und einen Theil meiner Privatsachen vertheilen, das meiste mußte zurückbleiben und wurde gelegentlich nach Monaten erst nachgesandt. Es ist übrigens nichts Seltenes, daß man durch die Verhältnisse gezwungen, sich mit dem geringsten Gepäck auf lange Zeit behelfen muß, sich also mit dem Allernothwendigsten zu begnügen hat und noch zufrieden sein kann, wenn ein Zelt, Bett oder Hängematte zur Verfügung steht, nebst dem primitivsten Kochgeschirr. Bei der Vertheilung der Lasten weigerten sich die Träger die sonst übliche Last von sechzig Pfund per Kopf anzunehmen und mußten alle auf weniger als fünfzig reduzirt werden weil, wie die Leute wohl nicht mit Unrecht anführten, ein Aufstieg von nahezu 5000 Fuß, das Tragen schwererer Lasten für alle zu ermüdend sei; ich sollte es selber auch bald erfahren wie drückend selbst eine geringe Last, als Gewehr, Patronentaschen etc. auf die Dauer werden kann, wenn man keuchend die steilen Gebirgsabhänge erklimmen muß.

Der glühenden Sonne ungeachtet, die ihre sengenden Strahlen aus dem blauen Aether niedersandte, zog ich mit meiner kleinen Kolonne nach kurzem Abschied, vom Lager seitwärts mich durch die Gebüsche windend, dem Gebirge zu. Nach zwanzig Minuten vor dem steilansteigenden Abhang stehend, der als Weg zur Höhe führte, keuchten wir mühselig über Steingeröll bergan; öfter ließ ich die schweißtriefenden Träger, die unter ihrer Last und ohne jeglichen Schutz der Sonne ausgesetzt waren und deshalb nur langsam vorwärts kamen, ausruhen, merkte auch bald wie äußerst anstrengend solch' ungewohntes Steigen ist und wie leicht unter der geradezu sengenden Gluth die physische Kraft erlahmt.

Etwa 1500 Fuß über die Ebene hatten wir uns mühsam aufwärts geschleppt, und im Schatten der Bergwände ruhend, suchte ein Jeder der überkommenen Ermattung Herr zu werden. Die Luft war hier schon angenehm kühler, auch die große Schwäche ließ allmählich nach; die Lungen sogen die herrliche Waldluft in vollen Zügen ein und zu neuer Anstrengung gestärkt, strömte bald ein wohliges Gefühl erfrischend durch die Adern. —

Hier oben stehend, ließ ich den Blick ringherum in die Weite schweifen, mag es nun sein, daß ich seit vielen Jahren dergleichen nicht gesehen, oder war es der eigenthümliche Reiz der Landschaft zu meinen Füßen, der das Auge wie gebannt darauf niederblicken ließ — der Anblick war ein unbeschreiblich großartiger: Fernhin zu den Bergen, welche die Ufer des Zambesi-Flusses begrenzen, weit hinaus wo das Himmelsgewölbe sich mit diesen zu vereinen scheint, schaut das Auge durch die klare Luft, aber näher zu mir, fast greifbar, schlängelt sich das Silberland des Schireflußes in malerischen Schlangenlinien auf und abwärts, zuletzt in einen dünnen glänzenden Faden verlaufend. Nahegerückt erscheinen die Felsenmassen des Schirehochlandes, über welche hinweg der Fluß sich seinen Weg gebahnt und in stolzen Cascaden über Felsen donnernd springt und rauscht, bis er in der Tiefe seine Wasser zum ruhigen Laufe sammelt, auf denen weiter unterhalb, losgetrennte Grasinseln den weiten Weg zum Ocean antreten; für manchen Segler der Lüfte ein willkommenes Fahrzeug, das ohne Schwanken sicher von den Fluthen in die Ferne getragen wird.

Der Sonnenglanz, der auf diesem Bilde strahlende Reflexe wirft, verschönt es und erhöht den Reiz; in solchem gewaltigen Rahmen gefaßt, erscheint es als ein Poesiestück der lebenden Natur und wirkt in diesem durch scharf ausgeprägte Conturen gewaltig, übermächtig. Das duftige Grün im Flußthale, Busch und Baum zusammengedrängt, lassen alles von dieser Höhe gesehen, wie einen Garten von endloser Ausdehnung erscheinen, der in den Vordergrund gerückt zu dem stimmungsvollen Bilde erst die rechte Staffellage abgiebt und die Schönheit und Großartigkeit desselben nur vervollständigt. —

Rechts von meinem Standpunkt, das Auge dem Bilde zugekehrt, fallen die steilen Felsenketten in mannigfacher Formation zum Flusse ab, so dichtbewaldet von hohen Farrenkräutern, von Gras, Baum und Busch durchzogen, daß das Auge nirgends die Beschaffenheit des Gesteins entdecken kann; zur Linken dagegen heben in stolzer Höhe, 5 bis 6000 Fuß und darüber, die Gebirgskegel des Schirehochlandes majestätisch von den tiefblauen Massen ab, und diese gewaltigen Steinpyramiden ragen über die weißen Dunstgebilde, welche sich an den Abhängen wie verhüllende Schleier gesammelt haben, himmelanstrebend empor. Gespenstigen Schatten gleich fliehen weiße Wolken, bald tief hängend, bald die höchsten Spitzen verhüllend, vorüber, als scheuche sie die Lichtfluth, die vom reinen tiefklaren Aether niederströmt vor sich her und als suchten sie sich vor der zersetzenden Kraft des Sonnenlichtes irgendwo zu verbergen.

Bis zur höchsten Spitze ist das Gebirge, die Abhänge und Thäler ausnahmslos mit einer gleichen Art von Bäumen bestanden, untermischt mit Farren und wenigen anderen Spezien; soviel eine flüchtige Orientirung ergab, eignen sich die 30 bis 40 Fuß hohen Baumstämme nur zu Bauholz, indes näher nach Blantyre zu und nachdem ich die Gebirgspartien durchzogen hatte, wurde ich eines anderen belehrt und obgleich die gedachte Baumart überall vorherrschend ist, so wird doch sehr viel Nutzholz aus mächtigen Bäumen gewonnen.

Der beschwerliche Weg, den wir verfolgen mußten, war anfänglich mit Steingeröll so besät und uneben gemacht, daß, abgesehen von dem an und für sich gerade nicht angenehmen Bergpfad, daß von Stein zu Stein springen auf die Dauer höchst beschwerlich wurde. Zwischen Bergkegeln verlief der Weg zeitweise ebener und gerader, obzwar zur Linken ein tiefer Abgrund und rechts steile Wände sich befanden, die von Menschenhand bearbeitet, längs denselben erst einen Pfad geschaffen hatten. Ein solcher war jedoch durch die Regenmassen, welche von den Höhen niederrauschten, so zerrissen, daß metertiefe Spalten das feste Gestein zu Tage treten ließen und besondere Vorsicht war erforderlich, um ein Abgleiten oder Stürzen zu vermeiden.

Tief auf dem Grunde der steilen Abhänge donnerten, unsichtbar durch die an den Abhängen üppig wuchernde Vegetation, die Waldbäche und das Brausen der eingeengten Wassermassen drang deutlich vernehmbar bis hinauf zur Höhe, wo der Weg spiralförmig längs den gewaltigen Massen eines Bergkegels hinlief. Hier oben in der vielgestalteten Bergregion, wo in dem tiefen Humusboden vieltausendfältiges Pflanzenleben feste Wurzel geschlagen hat, der balsamische Odem aus dem unabsehbaren Waldrevier wie ein belebendes Elexir die Menschenbrust durchzog, fühlte man die Beschwerlichkeit eines mühseligen Marsches kaum; die Luft so klar und rein, schien die Last, welche sie auf die Schultern des Menschen gelegt, abgewälzt zu sein! so leicht, so frei und frohgestimmt fühlte man sich versucht, das Echo an diesen Felsenwänden zu wecken, oder mit dem befiederten Sänger um die Wette in die blauen Lüfte hineinzujauchzen! —

Mittlerweile gelangten wir auch an den eigentlichen Hauptweg, der auf Veranlassung der englischen Regierung von dem Ingenieurkapitän Schlüter durch das Gebirge vom Schirefluß bis Blantyre geschlagen worden war und nach Möglichkeit immer allmählich ansteigend, zur Höhe führte. Der beträchtlichen Abkürzung wegen hatten wir den steilen Anstieg gewählt, den eigentlichen seit allen Zeiten von den Eingebornen begangenen Fußpfad, der, bedeutend verbessert, in der trockenen Jahreszeit auch nicht so beschwerlich war wie jetzt, dafür aber die ganze gewaltige Größe und Schönheit der Gebirgswelt dem beobachtenden Wanderer vor Augen führte. Der Hauptweg, als eine Fahrstraße gedacht, die unsere deutsche Expedition eigentlich erst durch die Verwendung unserer zweirädigen Wagen die Einweihung geben sollte, ist nicht allein mit unendlichen Mühen unter Benutzung aller Vortheile und technisch genauer Ausführung hergestellt worden, sondern erfordert zur Instandhaltung einer beständigen Arbeitskraft und nicht unwesentliche Mittel.

Als die Schatten des Abends schon auf den Thälern und Schluchten ruhten, den Wald die Dämmerung umfing und nur noch die Kuppeln der höchsten Bergspitzen im goldenen Abendlicht erglänzten, dehnte sich abwärts steigend vor uns ein kleiner Thalkessel aus, in dessen Tiefe einige Grashäuser und Hütten zur willkommenen Ruhe winkten. Es war dies Thal unser Endziel, das wir zu erreichen gestrebt hatten.

Kühl, fast kalt, wallende Nebel im Thal und auf den Höhen, brach der nächste Morgen an. Wir stiegen wieder steil bergan und erst als die Höhe von 4000 Fuß erreicht war, verlief der Weg ebener, wir hatten zur Linken meistens die hohen steilanstrebenden Berge, zur Rechten einen sehr langgestreckten Thalkessel, dessen Grund wegen der dichten Bewaldung an den Abhängen nicht zu erschauen war; aus der Tiefe nur drang das Geräusch tosender Wildbäche, die durch die Regenmassen hochgeschwollen, wild brausend in ihr enges Bette vorwärts schossen.

Die Aussicht zu den waldgekrönten Berggipfeln wurde heute durch tiefhängende Wolkenmassen verhindert, schwarz und regenschwer hingen diese über uns, als wollten sie sich niedersenken, um alles in Nacht und Dunst zu hüllen. Kein freundlicher Sonnenstrahl wollte sich zeigen — mit all' ihrer Gluth konnte die Sonne nicht die Gebilde zerstreuen und auf diesen Höhen die Temperatur schnell erwärmen — bis etwa um elf Uhr in die drohenden Massen Bewegung kam und mit dem ersten zuckenden Blitzstrahl, dem laut wiederhallenden Donner, eine Regenfluth herniederbrauste, daß absolut nichts in der weiten Umgebung dagegen schützen konnte. Mit Gleichmuth mußte das Unabänderliche ertragen werden; schließlich aber machte die intensive Kälte der Regentropfen doch den Körper zittern, sodaß widerwillen die Zähne zusammenklappten, als schüttelte arger Fieberfrost die Glieder. Unter dichtbelaubten Bäumen hockten die Leute wohl zusammen und ertrugen stillschweigend, bebend vor Kälte, das uns zugefallene Loos, als aber die Blitze wie Feuergarben umher sprühten, die Kälte für mich auch unerträglich wurde, jagte ich die völlig in Apathie versunkenen Träger auf, und nichts achtend, nur an Bewegung denkend, liefen wir mehr als wir gingen den Weg entlang, der an manchen Stellen einem rauschenden Bache glich.

Gerne wäre ich zur Rechten, durch dick und dünn thalwärts abgebogen, wenn nur die Aussicht vorhanden gewesen wäre, den geringsten Schutz zu finden, um diesem kaum noch erträglichen Zustand ein Ende zu machen. Mir war es, als hätte das wildeste Fieber mich gepackt und wolle den Körper aus allen Fugen rütteln, solche furchtbare Wirkung übten die kalten Regenschauer auf die höchst empfindliche Haut aus, dazu konnte ich mir denken, wenn dies nicht bald ein Ende nehme, die Folgen gewiß nicht ausbleiben würden. Bis zu einer am Wege liegenden Grashütte mußte geduldig ausgehalten werden — eine andere Zuflucht wußten meine Leute nicht — die endlich nach halbstündigem Laufen auch erreicht wurde, aber von mehr als vierzig anderen Trägern schon mit Beschlag belegt worden war, die hier gemächlich an Feuern auf provisorischen Blechpfannen ihren Mais rösteten.

Platz war unter dem elenden Dache nicht mehr vorhanden, indes dem weißen Manne und den athemlosen Ankömmlingen machten Alle willig Raum, sodaß bald, nachdem trockene Kleider ein behaglicheres Gefühl hervorgerufen, ich mir einen in heißer Asche gerösteten Maiskolben wohl schmecken ließ, denn meine vom Regen aufgeweichten Biscuits waren kaum noch zu genießen, wurden aber von den Leuten als ein besonderes Geschenk unverzüglich verzehrt. Mir war es nichts Neues zwischen halbwilden Völkerstämmen, an deren Feuern gelagert, selbst mit dem Einfachsten vorlieb nehmen zu müssen, hatte auch häufig genug die Gastfreundschaft schwarzer, brauner und gelber Männer in Anspruch genommen. In diesem Falle lagen die schwarzen nackten Gestalten wie eine Heerde Schafe auf- und nebeneinander, um nur etwas Schutz zu finden gegen die Unbill der Witterung. Mancher Europäer würde sich durch herrisches Auftreten Platz verschafft, in Regen und Kälte die Kerle hinausgejagt haben und hätte das Lästige der Umgebung von sich abgewiesen, wer aber die eigene Unbehaglichkeit in solcher Lage auf das Mitempfinden ebenso fühlender Geschöpfe in Betracht zieht, handelt nicht so — man redet sich zu leicht nur empfindliche Nervosität ein, um solches Handeln vor dem Gewissen zu rechtfertigen, die dann auch entschuldbar sein soll, im Grunde genommen ist es nur eine unüberwindliche Abneigung gegen tiefer stehende Wesen, denen doch gewiß das gleiche Fühlen und Empfinden innewohnt — menschlich handeln und denken wird stets auch in unbehaglichster Lage und Stimmung viel edler sein, als einer gespannten Empfindlichkeit die Zügel schießen zu lassen.

Nach längerer Zeit hörte denn auch der Massenregen auf, und wiewohl düster und drohend neue Gebilde heraufzogen, einen neuen schweren Ausbruch verkündend, brach ich doch auf, in der Hoffnung, durch schnelles Vorwärtseilen einem gleichen Bade zu entgehen; auch war nicht viel Zeit zu verlieren, wollte ich bei früher Abendstunde noch Blantyre erreichen. Es währte indes keine halbe Stunde, als sich abermals die Schleusen des Himmels öffneten und wahre Ströme kalten Wassers auf uns ausgossen; in wenig Sekunden war der frühere Zustand völligen Durchnäßtseins wiederhergestellt und die Folge davon, das peinlichste Kältegefühl.

Am ganzen langen Wege wird der gänzliche Mangel an menschlichen Wohnstätten, auch nur der provisorischen Grashütten, bei solchen Wettererscheinungen bitter empfunden, ist man doch deswegen vollständig der Willkür der Witterung preisgegeben und muß auf den schlüpfrigen Wegen mit großer Achtsamkeit vorwärts gehen, um nicht hart am Abgrund abzugleiten, und, wenn auch wegen des dichten Gehölzes keinen tiefen Fall, so doch Verletzungen schmerzhafter Art sich zufügen kann. Mit klappernden Zähnen und zitternd schritten wir dennoch rüstig fürbass, durch ausgedehnte Wasserlachen watend, die weithin eine Senkung des Weges ausfüllten, grollenden Sinnes gegen das widerwärtige Geschick.

Ich hatte mich schon mehrfach nach einem Dorfe oder Hütten rechts unten im Thal erkundigt, aber immer das gleiche »sejni bwana« (ich weiß nicht Herr) hören müssen, bis ich schließlich alle Träger aufkommen ließ und nun von einem der besser orientirt war erfuhr, daß hier ganz auf der Thalsohle ein kleines Dorf liegen müsse, wo jedenfalls in einer Hütte Unterkunft zu finden sei.

Ohne Besinnen, nur darauf bedacht mich und die Leute aus diesem peinvollen Zustand herauszubringen, schlug ich den steilen Felspfad ein, welchen ich entdeckt und der steil abwärts zur Tiefe führte. War aber schon der Hauptweg ein rauschender Bach, stürzten auf diesem die Wassermassen mit solcher Gewalt bergab, daß die Füße auf dem schlüpfrigen Gestein kaum Halt finden konnten und die Umklammerung der Baumstämme vor bösen Sturz uns behüten mußten. Langsam und vorsichtig ging es thalabwärts, bis etwa tausend Fuß tiefer auf ebenerem Terrain, zwischen dünner gesäten Bäumen, an der gegenüberliegenden Bergwand ein größeres Dorf zum Vorschein kam.

Entgegen dem Anschein, hatte das langgestreckte Thal eine beträchtliche Breite und durch fließende Wasser, durch kleine Bäche, nicht achtend des Gestrüpps und triefenden Grases eilten wir vorwärts und plötzlich in einer Senkung eine Anzahl Hütten entdeckend, schickte ich einen Boten schnell voraus, der dem Aeltesten, wenn ein solcher zu finden sei, um die Ueberlassung einer Hütte angehen sollte, in welcher für kurze Zeit einem Europäer Unterkunft geboten werden könnte, auch ließ ich die etwas vertheilten Leute sich erst wieder sammeln. Trotz des noch immer strömenden Regens hockten doch neugierige Gestalten unter den überhängenden Dächern der Hütten, oder lugten aus den kaum zwei Fuß hohen Zugängen hervor, um den neuen Ankömmlingen nachzuschauen, denn gewiß war es eine seltene Ausnahme, daß der Fuß eines Europäers sich bis hierher verirrte.

Ich kam gerade noch zurecht mit ansehen zu können, wie die Bewohner einer Hütte, Mann, Frau und zwei Kinder, ihre ganze Habseligkeiten, zwei Speere, einen Thontopf, ein Wassergefäß und ein Bündel Maiskolben aus der mir zugewiesenen Behausung heraustrugen und nachdem der Eigenthümer in mir unklaren Worten vielleicht noch seine Bereitwilligkeit ausgedrückt hatte, in eine der nächsten Hütten vorläufig sich einquartierten.

War die Luft hier im tiefen Thal auch etwas wärmer, so fror ich doch noch entsetzlich; deswegen suchte ich auch schnell ins Trockene zu kommen und war bemüht, diesem äußerst nachtheiligen Zustand ein Ende zu machen. Aber ob ich auch die Augen zukniff, die der beißende Rauch, im Innern der Hütte angesammelt, thränen machte und mit Gewalt an mich hielt, keine tiefen Athemzüge zu thun, trieb ein Hustenanfall mich doch wieder ins Freie und in den Regen hinaus! Unwillkürlich fragte ich mich, wie können blos Menschen in solcher Athmosphäre athmen und existieren! Kein Abzug für den Qualm, kein frischer Luftzug mochte jemals diese rauchgeschwärzte Höhle durchweht haben, bis ich durch kurzes Nachdenken des Räthsels Lösung fand. Nicht aufrecht stehend, wie ich es gethan, sondern immer in liegender, höchstens sitzender Stellung, kauert sich der Bewohner am Feuer nieder und der benöthigte Sauerstoff, der das Feuer unterhält, giebt auch durch den kleinen Eingang zuströmend, den menschlichen Lungen die nothwendige Nahrung.

Nothgedrungen that ich dasselbe und nachdem erst die glimmenden Holzscheite in den Regen geworfen worden waren, war der Aufenthalt in der Hütte wenigstens einigermaßen erträglich. Solche Hütten sind meistens kreisförmig gebaut, die Wände bestehen aus eingegrabenen Pfählen zwischen denen Gras und Rohr geflochten wird, sie werden innen und außen mit einer Thonschicht belegt, um Wind und Regen am Eindringen zu hindern; auch fast überall findet man eine Art Thonpflasterung, mit welcher der Boden um und in der Hütte erhöht ist, zum Zwecke, daß häufig bei schweren Regenfällen aufgestaute Wasser aufzuhalten. Das Dach ist mit einem bienenkorbartigen Geflecht zu vergleichen, auf welchem übereinander gelegte Grasschichten befestigt sind, es wird auf den Pfählen wie eine ausgeweitete Tüte aufgesetzt und reicht über die Wände noch weit hinaus. Gleich einer runden Pyramide geformt, widersteht solches Dach dem stärksten Regen; kann aber der Wassertropfen auch nicht von außen durchdringen, der Rauch und Qualm innerhalb muß sich durch das dichte Geflecht doch einen Ausweg suchen, und geben häufig die feinen Rauchgebilde, die überall durchdringen den Anschein, als schwele das Gras.

So absolut gar nichts begehrend, als nur die nothwendige Nahrung, höchstens ein Lappen Zeug um die Scham zu bedecken, haben die sorglosen Bewohner auch keinen Sinn, ihre Heimstätte zu schmücken oder auch nur irgend welche Bequemlichkeit darin anzubringen. Ihr Bett ist der nackte Erdboden, ihr Kopfkissen, wenn sie sich solchen Luxus gestatten, ein Holzscheit, und sieht man die schwarzen Gestalten in den Morgenstunden ihre Behausung verlassen, läßt das schmutziggraue Aussehen derselben darauf schließen, daß sie sich während der Nacht in der warmen Asche herumgewälzt haben; namentlich die Kinder machen den Eindruck, als scheuten sie das Wasser, und in der That kommt es nicht oft vor, daß sie sich aus eigenem Antriebe einer gründlichen Reinigung unterziehen. — Länger als ich erwartet hatte und mir lieb war, hielt mich der Regen in diesem Thale zurück, und dann, nachdem die Wolkenmassen die Regenfluth ausgeschüttet, sich erleichtert zur Höhe gehoben und getheilt hatten, die Sonne schon mit wärmendem Strahl hindurchbrach, mußte ich doch noch eine Zeit lang warten, bis sich die Wasser auf den Wegen etwas verlaufen hatten. Als ich endlich die Leute zum Aufbruch rufen konnte, die sich in den Hütten vertheilt und es sich an wärmenden Feuern bequem gemacht hatten, bezeugten diese wenig Lust den unterbrochenen Marsch wieder aufzunehmen, der, wollten wir noch Blantyre erreichen und nicht während der Nacht am Wege kampieren, ein sehr beschleunigter sein mußte.

Das langgestreckte Thal nun durcheilend und gleichmäßig auf schmalem Pfade bergan steigend, wurde meine Aufmerksamkeit durch die triefenden Grashalme und regenschweren Blätter der Gebüsche, unter welche der Weg hinführte, die bei jeder Berührung einen wahren Schauer von Tropfen herabschütteten und abermals die Kleider durchnäßten, von der Umgebung abgelenkt, aber wo der schlüpfrige Weg weniger Achtsamkeit erforderte, ließ ich doch rückwärts oder in die Tiefe schauend die Blicke umherschweifen, um ein Bild festzuhalten, wie es nur die wilde Gebirgsnatur, nachdem die tobenden Wetter sich verzogen, aufweisen kann. Fast verlockend, als wäre zwischen Busch und Wald ein Idyll hingezaubert, lag an der mächtigen Bergwand, vom flüchtigen warmen Sonnenstrahl überfluthet, der blendende Reflexe über das Blättermeer hinstreute, das große Dorf, von welchem das Krähen der Hähne laut herüberschallte, dieses in dieser wilden Einsamkeit als einen Ort des tiefsten Friedens erscheinen ließ. Mehr und mehr flogen die wogenden Schatten vor dem allgewaltig siegenden Licht, und wie die ganze Natur vor den grollenden Elementen eine Zeit lang erzittert, selbst die alten Felsen gebebt, Donnerwogen wie Posaunenstöße des jüngsten Gerichts von den Gipfeln der Berge zu Thale rollten — so erhaben fluthete auf die athmende Natur das segenspendende Licht aus dem reinen Aether hernieder. Wie Silberschlangen durch das Grün der Büsche leuchtend, sprangen von den Berghöhen lustige Bächlein zu Thal, wie kleine Kobolde über Stein und Abhang hüpfend, um am Rendevousplatz, tief in der Bergschlucht, das übermüthige Spiel als wildbrausender Sturzbach fortzusetzen. Der Raubvogel, wie auch der kleine Sänger, ersterer die breiten Schwingen entfaltet über die Tiefe schwebend, badeten ihr Gefieder in der goldenen Lichtfluth und, als erwache nach heftigem Kampfe aufs Neue die Natur, stimmte der Wesen endlose Zahl aufjauchzend mit ein in das Triumphlied, hinausgeschmettert in die Weite aus der kleinen Brust des gefiederten Sängers.

Aufwärts strebend, folgten wir den Schlangenwindungen des Bergpfades an steiler Felswand und erreichten vom scharfen Marsche ermattet den Hauptweg wieder, der jetzt ohne viel Steigung gleichmäßig fortlaufend, von nun an ein schnelleres Fortschreiten gestattete. Nur einmal noch, die Sonne senkte sich bereits bedenklich dem Westen zu und übergoß von hoher Bergkuppe gesehen diese eigenartige Gebirgswelt mit ihrem goldenen Licht, hatten wir, den Weg uns dadurch kürzend, einen beschwerlichen Aufstieg zu überwinden. Dann aber schritten wir thalwärts und bald erschienen in der Ferne einzelne Dörfer und bebautes Ackerland, dessen weicher Boden die große Fruchtbarkeit dieser Gebirgsgegend schon verrieth. Nachdem eine zeitlang noch ein scharfer Abstieg verfolgt worden, standen wir plötzlich an dem Bette eines donnernd und tosend über zerklüftetes Gestein springenden Wildbaches, der durch die Regengüsse hochgeschwollen mit wilder Kraft seine Fluthen im Felsenbett fortwälzte.

Zwei mächtige Tamarindenbäume, die hart am Uferrand standen, fast von den gurgelnden Wassern bespült, gaben einer aus Baumstämmen geschlagenen Brücke zweifelhaften Halt, sodaß es eines beherzten Sinnes bedurfte und sicheren Fußes, um über die glatten ohne jede Verbindung von Ufer zu Ufer liegenden krummen Stämme den Uebergang zu wagen. Ein Fehltritt führte unzweifelhaft den Sturz in die Tiefe herbei, der, abgesehen von dem kalten Wasserbad, noch Schlimmeres im Gefolge haben könnte, da das Felsenbett in der Tiefe kein sanftes Lager wurde. Der Sicherheit halber, um die Lasten nicht zu gefährden, ließ ich eine Fähre aufsuchen, wo die Leute sich einander unterstützend, den Uebergang wagen konnten, der auch an einer eingeengten Stelle, wo die Wasser wirbelnd zwischen mächtigen Steinen hindurchschossen, glücklich vollbracht wurde; ein Jeder mußte aber, bis an den Hals in kaltem Wasser, einige Schritte machen, ehe er die ausgestreckte helfende Hand eines Anderen erreichen und das felsige Ufer erklimmen konnte. Ich indes, vom eiligen Marschiren sehr warm geworden, zog es vor ein kaltes Bad lieber zu vermeiden und über einen der drei Brückenstämme den Uebergang zu versuchen, was ich schließlich, da ein Aufrechtgehen zu unsicher, vermittelst des sogenannten »Hinüberreitens« vollbrachte.

Nach kurzem Ausruhen wieder auf dem breiten im Gestein gehauenen Weg bergan steigend, fand ich an den Abhängen wunderschöne Gebirgsblumen, deren einfache Pracht jedem Botaniker entzückt hätte; ich hatte solche zwar schon vorher, aber nicht in so unmittelbarer Nähe gesehen und machte dabei die Beobachtung, daß diese Arten nur auf der gelbrothen Thonerde, die in mächtigen Schichten vielfach auf dem Gebirge abgelagert war, zu finden sei. Trotz der Eile nahm ich mir doch die Zeit, diese duftenden Kinder der Natur, erblüht auf einem gesegneten Fleckchen Erde, näher zu betrachten und nahm manche Blume von dieser luftigen Höhe mit mir auf die weite Wanderschaft, als eine bleibende Erinnerung an die Flora des Schire-Hochlandes.

Auf der freiliegenden Ebene, an den Abhängen der Berge, überall zogen sich wohlbestellte Felder hin, und das Auge erfreute sich an dem saftigen Grün, das in vielfachen Schattierungen, oft scharf begrenzt, unter den Strahlen der scheidenden Sonne einen herrlichen Anblick darbot. Nachdem nun noch eine Art Hohlweg als letzte Strecke durchschritten war, der aus einer Bergsenkung wieder zu freier Höhe führte, dehnte sich das weite Thal, von langgestreckten glatten Hügeln durchzogen, wie ein Phantasiegemälde vor uns aus. Aus dem saftigen Grün blickten hunderte ringsum zerstreut liegende Hütten hervor, die aus der Ferne gesehen wie Vogelnester an den Abhängen hingen und in Massen oder vereinzelt sich von dem dunklen Hintergrund abhoben; zwischendurch nur vereinzelte größere Bauten, welche europäische Wohnstätten vermuthen ließen und sich aus dem Gewirr der Hütten deutlich hervorthaten.

Der letzte Gruß der scheidenden Sonne vergoldete noch die Bergspitzen, Purpurgluth lag über die Abhänge gebreitet, mit ihrem strahlenden Schimmer die Bergkonturen in scharfer Deutlichkeit zeigend, während schon aus der Tiefe dunkle Schatten emporwallten, die mit mächtigen Armen das erhebende Bild zu verwischen trachteten und höher strebend, mit dem Lichte rangen, das seine ganze Schönheit in diesem Abschiedskuß, über die Gebirgswelt ausgegossen hatte. Das Ziel, welchem wir zugestrebt, lag vor uns, ob das Bild aber der Wirklichkeit entsprach, welches in so überraschenden Formen dem staunenden Auge sich gezeigt, das sollte nun bald die eigene Anschauung lehren!