11. Von Fort Johnston nach Mpimbi.
Fort Johnston, unter dessen Wällen Major Wißmann vom Kommandanten Kapitän Johnston, einigen Zivilpersonen, unter denen vornehmlich Mr. Nikol, Leutnant Bronsardt v. Schellendorf und einer militärischen Ehrenwache empfangen wurde, entsprach bei Weitem nicht der Vorsetzung, welche wir uns von einer so isolirt liegenden Festung gemacht hatten, wenigstens konnte es dem Beobachter erscheinen, als mußten diese niedrigen Sandwälle, nur von einem nicht tiefen, etwa sechs Fuß breiten Graben getrennt, von einem energischen Feind im ersten Anlauf genommen werden können. Aber so beschränkt auch der Raum, der geringen Zahl der Besatzung angemessen, mußte doch dieser Vorposten der englischen Macht, inmitten einer unruhigen und zweifellos feindlich gesinnten Bevölkerung den Anforderungen genügen, da bisher jeder Ansturm abgeschlagen werden konnte und die Feinde sich solche Lektionen geholt hatten, daß sie es nicht mehr wagten, gegen die Verderben speienden Wälle vorzugehen.
Eine günstige Lage hat dieses Fort insofern, als es, am Ufer des Flusses erbaut, die weite Ebene, nur hin und wieder von einigen Gebüschen bestanden, beherrschen kann, also ungesehen ein zahlreicher Feind sich nicht nähern könnte, was aber besonders beachtenswerth, ist das hohe, aus den faserigen Stämmen der Fächerpalme erbaute Gerüst, von welchem aus der Wachtposten im Stande ist, die Ankunft eines jeden Bootes, sowie eines jeden Dampfers auf dem Nyassa-See zu bemerken, nebenbei kann ihm in der Ebene keine auffallende Bewegung entgehen. Ein Maximgeschütz ist auf diesem Wartthurm aufgestellt und würde einer feindlichen Kolonne jedenfalls einen recht warmen Empfang bereiten. Unmittelbar am anderen Ufer, unter den Kanonen des Fort und beherrscht von der so hoch postirten Kugelspritze, liegt das gewaltige Dorf Mponda, dessen Einwohner, etwa 20000 an Zahl, die größte Bevölkerung ausmachten, die wir auf unserem weiten Wege, an einem Orte zusammengedrängt, angetroffen haben.
Nicht immer so friedlich, wie zur Zeit unserer Ankunft haben sich die Bewohner dieses Dorfes verhalten, denn die jeder Zeit 5000 kampfbereiten Krieger sind eine Macht, mit der die vordringenden Engländer zu rechnen hatten; erst allmählich konnten sie Herr einer Bewegung werden, die mit allen Kräften sich gegen die aufgenöthigte Protektion sträubte und die unwillkommenen Eindringlinge aus dem Lande zu jagen versuchte. Anlaß zu verschiedenen Empörungen gab auch die Eintreibung der ausgeschriebenen Steuern, die jedesmal niedergeschlagen, den Eingebornen Freiheit, Rechte und Besitz gekostet hat, und heute ruht die Verwaltung und Gerichtsbarkeit in den Händen der Engländer.
Anders hingegen verhält es sich mit den Volksstämmen hinter Fort Johnston, die sich in die schwer zugänglichen Gebirge zurückgezogen haben, hier hat englischer Einfluß und Macht ein Ende gefunden, denn die noch unbezwungenen Stämme haben sich ihre Freiheit bewahrt, benutzen aber jede Gelegenheit, durch kleine Einfälle die Garnison in Aufregung zu erhalten. Einen Unterschied zu machen sind sie freilich wenig fähig, denn es gilt ihnen gleich, gegen wen sie die Angriffe richten; den Unterschied der Nationalitäten vermögen sie nicht zu fassen, der weiße Mann ist ihr Feind und wo sie diesem Schaden zufügen können, versuchen sie es. So waren auch später bei Anlegung der deutschen Station »Port Maguire«, die ersten Ankömmlinge gezwungen, solche Ueberfälle blutig zurückzuweisen, ehe sie vor den umherstreifenden Banden endlich Ruhe fanden.
Das kameradschaftlich-freundliche Entgegenkommen des Kommandanten Kapitän Johnston gegen Major v. Wißmann und Dr. Bumiller erleichterte nicht unwesentlich unsere Aufgabe; dazu konnte es auch als ein glücklicher Umstand betrachtet werden, daß wir zur rechten Zeit hier eintrafen, um mit der Unterstützung des englischen Dampfers »Domira« die Reise nach dem Norden des Nyassa-Sees fortsetzen zu können. Die anfängliche Absicht des Majors, die Reise mit den offenen schwerbeladenen Booten zu unternehmen, kam zum Glück durch das Entgegenkommen des Führers dieses Schiffes nicht zur Ausführung, denn gänzlich unbekannt mit diesem unruhigen, zu Zeiten gefährlichen Gewässer, würde es eine unglaubliche Leistung gewesen sein, die Boote zum Ziele zu bringen; viel eher würden diese durch die Wogen an den felsigen Küsten zerschellt worden sein und die Vorexpedition hätte aufgegeben werden müssen oder ihren Untergang gefunden.
Einmal nun entschlossen mit Hilfe der Domira die Reise fortzusetzen, wurden die dahinziehenden Anordnungen des Majors schleunigst ausgeführt, und der nächste Tag fand Europäer und Soldaten in vollster Thätigkeit, die nothwendigen Vorkehrungen zur schleunigen Abreise zu treffen.
Viele fleißige Hände regten sich, die Einschiffung der Geschütze, Munition und sonstige Bestände der Expedition auszuführen, der Befehl, daß am Nachmittage des 6. Januar alles beendet sein mußte, gestattete auch kein langes Besinnen. Eine Revue, verbunden mit einer militärischen Uebung, über die gesammte Streitmacht, welche der Major noch abnahm, zeigte, daß unsere Soldaten noch nichts von der Exaktheit im Dienst verloren hatten, und im Vergleich zu den englischen Soldaten, angeworbenen Makua-Leuten, in jeder Weise diesen überlegen waren. Die strenge Disziplin, der Drill, welcher den Leuten beigebracht worden, erweckten die Ueberzeugung, daß in jeder Lage auf eine solche Truppe unbedingter Verlaß ist, was sie später in so manchem heißen Kampf bewiesen, — eine Söldnertruppe zwar, bluteten und starben sie, und ließen niemals ihre Führer oder die deutsche Fahne im Stich. Wie viele ihrer auch die kühle Erde im Herzen Afrikas decken sollten, immer waren sie bereit, ihrem Führer willig zu folgen, und keine Noth, Gefahr noch Entbehrung konnte sie in der Ausübung ihrer Pflicht wankend machen.
Klar und schön, nach einer stürmischen Gewitternacht, brach der Morgen des 7. Januar 1893 an, mit dem ersten Strahlengruß der über die Berge emporsteigenden Sonne schmetterten auch die Trompetensignale, alle mahnend, daß die Stunde gekommen, in welcher die schwankenden Planken des Schiffes betreten und von diesem in die weite Ferne einem unbestimmten Schicksal entgegengeführt werden sollten. Kompagnieweise ging die Einschiffung der Soldaten mit unsern Booten gemäß der Bestimmung vor sich; um zehn Uhr war alles beendet, zum letzten Abschied schüttelten sich brave Deutsche und Engländer die Hände, unter einem brausenden Hurrah stießen darauf die Boote ab und wandten sich dem seeklar liegenden Schiffe zu.
Allein am Ufer zurückgeblieben, mit mir nur unser Artist Herr Franke, dessen Hoffnung, die Expedition begleiten zu können, vereitelt worden war, wurde in mir nicht minder der Wunsch lebendig, das Schicksal jener Kameraden theilen zu können, die jetzt wohlgemuth über die glitzernden Wogen hinzogen und bald auf den Fluthen des Nyassa-Sees die Herrlichkeiten einer unbekannten Ferne schauen durften. Aber die ernste Pflicht war ein strenger Mahner, und zurück mußte ich, das mir anvertraute große Werk zu beginnen und auszuführen, um dessen Willen diese ganze gewaltige Expedition begonnen und ins Werk gesetzt worden war. Lange im Zweifel, ob ich über die Tiefenverhältnisse des oberen Schire, auf welchem der Dampfer später bis zum See geführt werden mußte, mit voller Ueberzeugung ein günstiges Urtheil abgeben könnte, da ich für diese Ueberführung ungeheure Schwierigkeiten voraussah, entschloß ich mich, doch die Möglichkeit dafür einzuräumen, schon aus dem Grunde, als eine entgegengesetzte Ansicht beim Major wenig Anklang gefunden hätte, ich auch nicht zum zweiten Male hören mochte, daß es »keine große Aufgabe und kein Kunststück sei, das Werk auszuführen, wenn wir alles fänden wie wir es wünschten!« Nun aber die Entscheidung gefallen, der Auftrag, den Dampfer in Mpimbi zu erbauen, mir als Befehl mitgetheilt worden war, mußten gehegte Bedenken schwinden; für die glückliche Ausführung hatte ich fortan die Verantwortung zu tragen und sollte bald beweisen, daß für mich kein Hinderniß zu groß, keine Mühe zu schwer, um das auf mein Können gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.
Bis die Mastspitzen des Schiffes hinter Busch und Baum den Blicken entschwunden, solange schauten wir in ernste Gedanken versunken diesem nach, dann trat die Pflicht in ihre Rechte und mit der Wirklichkeit uns abfindend, beschlossen wir zwei nun ebenfalls unsere Abreise zu beschleunigen. Den freundlichen Vorschlag des Mr. Nikol, uns mit einem Boote flußabwärts senden zu wollen, wenn wir uns zwei Tage gedulden wollten, schlug ich aus und wollte, wenn ein Boot nicht zu bekommen sei, lieber mit einem größeren Kanoe unverzüglich die Reise antreten, als unthätig hier zu warten, auch konnte mit solchem leichten obschon unsicheren Fahrzeug der Weg bedeutend schneller zurückgelegt werden.
Nach kurzer Zeit lag denn auch, auf Anordnung des freundlichen Engländers, ein Kanoe mit fünf Mpondaleuten bemannt zu unserer Verfügung, und während ich im store (Magazin des Fort's) noch Einiges, als Kochgeschirr und namentlich Streichhölzer zu kaufen suchte, besorgte Herr Franke das Einladen unserer Effekten. Unserm Bedarf entsprechend, konnte ich auch einen passenden Topf auftreiben, aber von Zündhölzern war auch nicht eines zu bekommen, vielmehr bot der Manager (Verwalter) für eine einzige Schachtel den enormen Preis von 3 Penni = 28 Pfennigen, wenn aus den Beständen der Expedition ihm solche würden abgelassen worden sein, und unter 6 Penni = 50 Pfennig würde er im glücklichen Besitz von einer Anzahl Schachteln keine wieder verkaufen. So abgebrannt wie die Engländer waren wir zwar noch nicht, wir wollten unsern geringen Vorrath nur etwas ergänzen, aber deshalb auch außer Stande den großen momentanen Mangel an Zündwaare abzuhelfen.
Ehe ich mich den Ereignissen wieder zuwende, welche uns auf der Rückfahrt nach Mpimbi entgegentraten, will ich zur Erläuterung erst etwas über die militärische Expedition des Majors von Wißmann anführen, eine Ergänzung aber gelegentlich später, als ich über deren Verlauf besser orientirt war, folgen lassen.
Zuerst wurde in Monkeybai, nahe der nördlichen Spitze der Halbinsel Levingstonia, dem besten Hafen am ganzen See, geankert. Dieser Hafen von mächtigen Felsenmassen eingefaßt und durch vorgelagerte Granitinseln geschützt, ist abgesehen von seiner guten Lage der einzige Punkt im Süden, wo eine größere Menge Brennmaterial für die Schiffe erhältlich ist, und deshalb ein Anlaufen hier nothwendig, weil auf eine Strecke von über 150 Seemeilen keine weitere Holzstation angelegt werden konnte. Von hier über das Vorgebirge Kap Maclair hinaus, in nordnordwestlicher Richtung, erscheint von diesem etwa 30 Seemeilen entfernt, der isolirte Bergkegel Rifu, dessen mächtige Felsenmassen die flache und offene Leopardbai abschließen.
Die Boote im Schlepptau, die nothwendiger Weise stark bemannt wurden, weil es an Deck des Dampfers für so viele Menschen an Raum gebrach, war bis hierher die Reise gut verlaufen, denn die Winde, in dieser Jahreszeit unbeständig, wühlen den See seltener auf, wodurch dieser in seiner erhabenen Ruhe wie ein ungetrübtes klares Gewässer erscheint, das den Anschein erweckt, als würden diese Fluthen niemals vom Winde erregt im wilden Tanze umhergeworfen und gefährlich werden können. Hinter diesem hohen Bergkegel — Kap Rifu — tritt das flache Land, umkränzt nur von niedrigen Hügeln weit zurück und hinter Busch und Baum verborgen, vom See aus schwer zugänglich, liegt hier das Dorf Katuru, von welchem aus nach dem anderen Ufer des Sees, dem Orte Losefa, im Lande Makangilas, eine arabische Fähre mittelst Dhaus unterhalten wird, hauptsächlich zum Zwecke im Dorfe Katuru angekommene Sklavenkarawanen über den See zu führen.
Dem Major war es bekannt, daß sämmtliche arabische Fahrzeuge auf dem Nyassa-See allein nur dem Zwecke dienen, die aus dem fernen Innern Afrikas herangeschleppten armen Sklaven meistens in das portugiesische Gebiet überzuführen, von wo sie dann weiter bis zur Küste des indischen Ozeans gebracht werden, deshalb griff er, als unvermuthet eine solche Sklavendhau hinter Kap Rifu in Sicht kam, sofort ein und nahm die Verfolgung mit seinem großen Boote, in dessen Bug wir noch in Fort Johnston eine kleine Schnellfeuerkanone angebracht hatten, auf. Die Besatzung dieser Dhau, unter Land von Windstille befallen, suchte mit allen Kräften noch zu entrinnen und ihr leichtes Fahrzeug vorwärts zu bringen, was bei der beträchtlichen Entfernung zwischen Boot und Dhau auch wohl gelungen wäre, wenn nicht eine vor deren Bug auf dem Wasser einschlagende Granate, als Warnungsschuß, dem Bestreben ein Ende gemacht hätte. Wie auf Kommando stürzte die Besatzung vollständig kopflos sich auf die eine Seite und in das Wasser, wobei durch das plötzliche Uebergewicht die Dhau zum Kentern gebracht wurde und ihr Inhalt, von welcher Beschaffenheit auch immer, verloren ging, während die Leute sich durch Schwimmen an das Ufer zu retten suchten.
Eine nähere Untersuchung ergab, sobald das kieloben treibende Fahrzeug erreicht war, daß nichts weiter übrig blieb, als es zum Gebrauch unschädlich zu machen, es aufzurichten und eventuell mitzuschleppen, wäre eine unnütze Mühe gewesen; darum, nachdem einige Planken durchgeschlagen waren, zum Sinken konnte es nicht gebracht werden, überließ man es dem Spiel der Wogen. Die Zerstörung dieser Dhau vom Standpunkt des internationalen Vorgehens gegen das schändliche Gewerbe der Sklaverei betrachtet, müßte man diesen Akt unbedingt billigen, schon aus dem Grunde, als den verschlagenen Sklavenhändlern sonst so schwer beizukommen ist; die Vernichtung ihrer Hilfsmittel, wo immer solche zu erlangen sind, aber als ein Gebot der Nothwendigkeit ansehen, um ihnen das Handwerk, wenn auch nicht gänzlich zu legen, so doch nach Möglichkeit zu erschweren. Indes ist die Verurtheilung der Sklaverei auch im Bund der Völker eine allbekannte Thatsache, und werden Anstrengungen aller möglichen Art zu deren Unterdrückung ins Werk gesetzt, so muß man doch sich fragen, ob auch alles Nebeninteresse dabei ausgeschlossen ist. Daß die Leiter der verbundenen Staaten mit redlichem Willen das Ihre thun, ist selbstverständlich, nur wo die Ausführung nicht in bewährte Hände gelegt ist als z. B. im portugiesischen Gebiet, wird auch die beste Verfügung illusorisch — was aber weit auffälliger ist, daß die erfahrene und selbstbewußte englische Verwaltung das Vorgehen des Majors von Wißmann als einen Eingriff in ihre Rechte auszulegen suchte, ohne jemals vorher die ernste Absicht und Mittel gehabt zu haben, auf dem weiten Gebiet des Nyassa-Sees den Sklavenhandel zu steuern.
Freilich das Prinzip auf dem Handelswege möglichst weit die Vorposten vorzuschieben und dadurch sich das allmählige Uebergewicht in unbekannten Ländern anzueignen, hat sich als sehr vortheilhaft bewährt, dabei aber nur auf sehr beträchtlichen Entfernungen einzelne Militärstationen als Stützpunkte anlegend, mußte die unglaubliche Gier nach Länderbesitz das Näherliegende außer Acht lassen und wie weit sich auch im Laufe weniger Jahre das englische Protektorat, was in den Augen des Engländers gleichbedeutend mit Besitz bezeichnet werden kann, über ungeheure Ländermassen ausgedehnt, blieben doch aus Mangel an geeigneten Machtmitteln die bekannten Sklavenausfuhren eine ungehinderte Thatsache. Und hätte nicht der Neid, mehr noch die Besorgniß, das Vorgehen der deutschen Expedition und die in Dienststellung des Dampfers »Herrmann v. Wißmann« könnte dem englischen Einfluß Abbruch thun zu einem energischen Vorgehen Veranlassung gegeben, hätte sich in den letzten beiden Jahren die Sachlage wohl unwesentlich geändert. England, Alleinherrscher auf diesem weiten Gebiet, Portugal kommt garnicht dabei in Betracht, sieht in dem Erscheinen der jungen deutschen Macht einen überaus gefährlichen Konkurrenten und wacht daher um so eifersüchtiger über seine angemaßten Rechte!
Was nun speziell den erwähnten Vorfall betrifft, der auf dem freien Gewässer des Nyassa-Sees stattgefunden, so wurde nach Bekanntgabe des Vorganges darauf von Seiten der englischen Verwaltung Gewicht gelegt, daß das durch die Verfolgung gekenterte Fahrzeug überhaupt keine Sklavendhau, vielmehr ein mit werthvollem Elfenbein beladenes Fahrzeug gewesen sei, und dadurch eine Schädigung englischer Interessen stattgefunden habe. Diese Behauptung zweifelhaften Ursprungs aber fällt in sich zusammen sobald man bedenkt, daß weder das Dorf Katuru noch Losefa in Makangilas Land von einem Engländer betreten werden durfte; diese kriegerischen feindlich gesinnten Volksstämme hatten bisher jeden Eingriff blutig abgewiesen, und, als im Jahre 1894 die englische Flotte aus drei Schiffen bestand, da erst wurde vorgegangen und am selben Orte, wo Major Wißmann die Dhau zerstören ließ, wurden zwei andere voll Sklaven und vielem Elfenbein abgefangen. Dieser große Erfolg schwellte natürlich den englischen Stolz, — aber, als sie noch machtlos waren, solche Dhaus abzufangen, da mußten sie ein gleiches Vorgehen von deutscher Seite einer abfälligen Kritik unterziehen, — würden wir in den Herzen unser uns äußerlich freundlich gesinnten Vettern schauen können, würden wir auf tiefem Grunde wohl herzlich wenig Wohlwollen für uns entdecken können, — dieses ist die ausgesprochene Meinung aller, welche in der weiten Welt auf gleichem Terrain mit den Engländern den Kampf um die Güter der Erde aufgenommen haben. Der englische Leu fühlt die Krallen des deutschen Adlers und sucht ihn vergeblich von sich abzuschütteln, — nicht mehr blos mit dem Volke der Denker, das seinen Idealen nachgestrebt, hat er es heute zu thun, die geistige Erstarkung, verbunden mit der erwachten selbstbewußten Kraft des deutschen Volkes tritt ihm hindernd auf allen Gebieten entgegen, er wehrt sich, aber seine Klauen sind stumpf geworden.
Im weiteren Verlauf der Reise machte zwischen den Bentje-Inseln und Kota-Kota die Expedition auch die Erfahrung, daß der Nyassa-See auch ein anderes Gesicht zeigen kann, wenigstens gab er eine kleine Probe wie ungemüthlich seine Gewässer gelegentlich werden können. Von Bandawe der schottischen Missionsstation, nach Deep-Bai (Pankanga) und von dort querüber nach Amelia-Bai, heute Wind-Hafen, wo anfänglich der Major beabsichtigte, eine Station anzulegen, wurde über Karonga der einzig günstige Platz im Norden des Sees, die Landzunge Kambira, nach großen Schwierigkeiten erreicht. Hier wurde dann die Station Langenburg vom Major v. Wißmann errichtet, die für die weiteren Unternehmungen der Stütz- und Ausgangspunkt sein sollte, später als dann unter diesem Schutz die etwa sechs englische Meilen nördlicher gelegene deutsche Missionsstation Ikombe erbaut war, wurde auch das friedliche Werk der bis hierher vorgedrungenen Missionare gefördert.
Lange Monate später erst gelangten diese erwähnten Vorgänge zu meiner Kenntniß, nachdem ich schon selbst Gelegenheit gehabt hatte, mit dem See und dessen Umgebung mich etwas vertraut zu machen, und werde ich weiterhin bei der Beschreibung des Sees und der Bevölkerung eingehender auf die einzelnen Punkte, sowie auf den weiteren Verlauf der vom Major von Wißmann geleiteten Expedition zurückzukommen suchen.
Indem also nun im Moment der Abfahrt von Fort Johnston die große Expedition thatsächlich getheilt worden, war es der wegen des gewaltigen Materials nur langsam vordringenden Transportexpedition überlassen, die Verfügungen und Befehle des Majors, der von allen Vorgängen nach Möglichkeit unterrichtet werden mußte, nach bestem Können und Wissen auszuführen.
Zwölf Uhr Mittags mochte es geworden sein, als wir das zur Abfahrt bereitliegende Kanoe betraten, um die Rückfahrt zu beginnen. Da mir die nähere Untersuchung des ganzen Flußbettes zur Aufgabe gemacht war, war ich bestrebt, die Tiefenverhältnisse eingehender zu untersuchen, als wie es auf der Fahrt zum See hatte geschehen können, und gleicherzeit möglichst genaue Karten und Entwürfe vom ganzen Flußgebiet anfertigend, brachte mich diese Beschäftigung über das Beschwerliche dieser Reise hin; namentlich bestand das Letztere darin, daß man in solchem schmalen, ausgehöhlten Baumstamm viele Stunden lang ganz still sitzen mußte, höchstens den Oberkörper und die Arme bewegen konnte.
Unkenntniß in der Handhabung eines Kanoe oder Unvorsichtigkeit nur, bringen Gefahr, leicht mit solchem runden Stamm umzukippen, jedoch hat eine Kanoefahrt in den Händen bewährter Leute nichts Besonderes auf sich; wir freilich mit unserer tiefbeladenen Nußschale mußten etwas vorsichtiger sein.
Die Absicht, an diesem Tage nur bis zum Malombwe-See zu fahren, ließ uns Zeit finden, unter dem Berathungsbaum, einer mächtigen Tamarinde, inmitten des Dorfes Towowo (Fumo Towowo) längere Rast zu halten, eigentlich nur aus dem Grunde, eine Zeit lang den glühenden Sonnenstrahlen zu entrinnen. Die Scheu, welche sonst die Eingebornen Europäern gegenüber an den Tag legen, war bald überwunden und dem Beispiel des weißhaarigen Fumo folgend, der neugierig allerlei zu wissen begehrte, kamen selbst Frauen und Mädchen und boten bescheiden ihre geringen Landprodukte an, von denen wir um ein Geringes auch unsern kleinen Vorrath ergänzten; wir stellten auch die schwarzen Schönen durch den Ankauf zufrieden, was hingegen bei den Männern weniger der Fall, als diese von uns Pulver begehrten, welches wir nicht besaßen, auch nicht als Tauschartikel hätten benutzen dürfen.
Späterhin dem Malombwe-See näher gekommen und bis zur Mündung des bereits erwähnten Nebenflusses angelangt, nahm ich mir die Mühe, denselben näher zu untersuchen, war es doch gleichgültig, wo wir zur Nacht unser Quartier aufschlugen, jeder trockene Platz eignete sich dazu, sofern ein solcher nur frei gelegen war und nicht allzu viele blutdürstige Mosquitos uns lästig wurden. Gegen den starken Strom trieben wir also das Kanoe vorwärts und sahen zur Linken bald eine üppige Bananenpflanzung vor uns, hinter welcher, wie wir aus Erfahrung wußten, meistens immer ein Dorf, zum Mindesten einige Hütten verborgen liegen. Bedacht darauf, die in Aussicht stehende Annehmlichkeit, anstatt unter freiem Himmel, die Nacht in einer selbst räuchrigen Hütte verbringen zu können, uns zu Nutze zu machen, suchten wir das kleine verborgen gelegene Dorf auf und hatten auch wirklich den Erfolg, die Gastfreundschaft über Erwarten ausgeübt zu sehen, indem uns die beste Hütte mit zwei Kitanden darin, zur Verfügung gestellt wurde.
Da es noch nicht allzu spät am Nachmittage war, lenkte ich meine Schritte zum Flusse zurück, um hier die mir aufgefallene Fischfangvorrichtung der Eingebornen, wie mir ähnliche schon begegnet waren, näher in Augenschein zu nehmen. Da ich nämlich in dieser Erzählung später auf solche Einrichtungen hinweisen muß, wenn vom Fischfang im Urwald die Rede sein wird, so erachte ich eine kurze Beschreibung hier am Platze....
Fast alle Flüsse, klein oder groß, haben in diesem Theile Afrikas ein starkes Gefälle, was eine rasche, zum Theil wirbelnde Strömung verursacht, die zu Zeiten so stark sein kann, daß die flinken Fische diese selbst nicht überwinden können, auf der Oberfläche aber selbst die leichten Kanoes nur mit größter Mühe und unter dem Schutze der Ufer fortzubringen sind. Diese Strömung nun ist auch die Ursache, daß nach jedem Hochwasser, d. h. der Regenzeit, ein Flußbett anders gestaltet ist, als es vor demselben war, eine Verschiebung der Sandbänke oder Anhäufung solcher, sowie ein Auswühlen tiefer Rinnen sich in solcher Periode beständig vollzieht. Wollen nun die Eingebornen, besser die Uferbewohner, die von dem Zuzug vieler Fische zur Laichzeit unterrichtet sind, ohne Netze und ohne viele Mühe reichen Fang machen, so suchen sie den möglichst weit flußaufwärts gezogenen Schaaren den Rückweg zu verlegen. Zu diesem Zwecke stecken sie an Stellen, wo die Strömung recht stark über flacheren Grund hinzieht mit gespaltenen Bambusstäben den Fluß von Ufer zu Ufer ab, oder auch in einem Bogen, sobald eine vorhandene Rinne dies nicht zuläßt. Die Stäbe, die fest in den Sand eingedrückt und untereinander verbunden werden, widerstehen dem Anprall der Wasser, weil sie dem Durchfluß derselben genügend Spielraum lassen, aber einen größeren Fisch verhindern, zu entweichen. Der Zweck ist, die Fische aufzuhalten, die sich beständig gegen die starke Strömung wenden müssen und auf flacheres Wasser gerathen, immer wieder versuchen durch die Barriere zu entkommen.
Dieses Aufhalten der Fische würde nun eigentlich wenig Zweck haben, wenn nicht innerhalb und zum größeren Theil außerhalb der Barriere aus dünnen Zweigen geflochtene Reusen ausgelegt wären, die ähnlich der in Europa verwendeten, das Herauskommen des eingelaufenen Fisches verhindern können. Die äußeren liegen so versenkt, daß die kleine Oeffnung mit der in der Barriere belassenen zusammenfällt, und der solche entdeckende Fisch wird, vermeinend frei zu kommen, sicher darin gefangen. Auf eines aber wird noch Bedacht genommen, die Fischer nämlich achten stets darauf, immer einen Fisch in jeder Reusen zu belassen, der als eine Art Lockvogel dienen muß; das Wegtreiben der Reusen verhindern sie, indem einzelne Stäbe oder Gabeln durch das Geflecht in den Grund getrieben werden.
Obgleich die Flüsse alle sehr fischreich sind, so ist es doch erstaunlich, welche Anzahl großer schöner Fische auf diese Weise zuweilen gefangen werden und fast immer, wo ich gelegentlich Zeuge gewesen bin, war die Ausbeute eine ergiebige zu nennen.
Noch lagen wallende weiße Nebel, durch das tiefe Sinken der Temperatur während der Nacht erzeugt, über die seitwärts des Dorfes liegende große Grasfläche und über den Schirefluß gebreitet, als ich mit dem ersten Tagesgrauen schon zur Weiterfahrt rüsten ließ. Waren bei unserer Ankunft die wenigen Bewohner des Dorfes versammelt gewesen, um die seltene Erscheinung weißer Männer mit Muße betrachten zu können, so hielten sich am frühen Morgen, der Kälte wegen, alle zum größten Theil noch in ihren Hütten auf, außer einigen alten Frauen, die wohl Stammmütter, die geringsten Dienste verrichten mußten, und unserm freundlichen Wirthe, der auch nicht mit leeren Händen ausgehen wollte. Ein weiter Weg war es den wir zurückzulegen hatten, ehe der Malombwe-See durchschifft und wir den Schirefluß wieder erreichen konnten, darum beschleunigte ich auch die Abfahrt nach Möglichkeit, sodaß wir schon die Barre passirt hatten, als siegend die warmen Sonnenstrahlen die kalten Nebel verscheucht hatten.
In Silberfluth gebadet lag die ruhige spiegelglatte Fluth vor uns, durch die das Kanoe von kräftigen Armen getrieben leicht hindurchschoß. Sechszehn englische Meilen hatten wir bis Mittag zurückgelegt und ungefähr noch zehn vor uns bis zur Station Werra; indes wie flott die Fahrt auch Anfangs über das tiefe Wasser gegangen, als höher und höher der Sonnenball stieg und immer heißere Strahlen niedersandte, die Atmosphäre ein Gluthhauch, der Aether eine blendende Lichtfluth war, da erlahmten auch allmählich die Kräfte der Leute. Denn auf dem Schlammmeer kreuz und quer fahrend, theils um die tiefste Wasserrinne aufzufinden, theils um vermittelst eines Taschenkompaßes die verschiedenen Punkte zur späteren Orientirung festzulegen, geriethen wir öfter in so flaches Wasser, daß es Mühe und viel Zeitverlust erforderte, um wieder frei zu kommen. Meine Ansicht, daß dicht unter Land tiefes Wasser sein müsse, was die Anwesenheit einzelner Flußpferdfamilien unzweifelhaft machten, wurde von Seiten der Leute, die die einzige Fahrstraße kennen wollten mit der Behauptung widerlegt: es gäbe nur den einen eingeschlagenen Weg! Ich hätte mich jedoch schwerlich davon abbringen lassen, wenn die Entfernung nicht so bedeutend gewesen und die Aussicht, dann die Nacht im Kanoe verbringen zu müssen nicht zur Gewißheit geworden wäre.
Als die Sonne im Westen niedersank, die fernen Bergkuppen noch im flüssigen Golde getaucht vor uns lagen, während hinter uns auf dem weiten See schon die Nacht heraufgezogen kam, hatten wir endlich nach vielen Mühen wieder tieferes Wasser unter uns und konnten nach Schätzung vielleicht um 8 Uhr Abends Land erreichen. Die eingetretene Kühle erfrischte die Glieder, das köstlich klare Wasser, nicht mehr lauwarm und widerlich wie am Tage, war zu der trockenen Kost ein Labetrunk, und so in der Hoffnung, das Schlimmste hinter uns zu haben, strengten wir uns alle an, im gleichmäßigen Takte mit den kurzen Paddeln das Kanoe durchs Wasser zu treiben.
Arglos, ohne an Gefahr zu denken, hing jeder seinen Gedanken nach, höchstens ein Ruf des Kapitaos, der die Leute zu größerer Thätigkeit anspornte unterbrach die Stille, bis plötzlich, Keiner von Allen hatte das Geringste bemerkt, neben dem Kanoe das dumpfe Brüllen einer Anzahl Flußpferde vernommen wurde, und in der Dunkelheit neben und vor uns die mächtigen Thiere auftauchten, die wuthschnaubend zum Angriff übergingen. Diese große unvermuthete Gefahr lähmte für einen Moment alle unsere Energie, bis mein Ruf »vorwärts, vorwärts« die Arme der Leute wieder in Bewegung brachte und das Kanoe mit äußerster Kraft durchs Wasser getrieben wurde.
Es war die höchste Zeit, fünf oder sechs der mächtigen Köpfe, soweit im Dunkeln zu unterscheiden, waren schon so nahe, daß es sich nur noch um Sekunden gehandelt hätte, bis sie heran waren, und ein einziger Stoß unser leichtes Fahrzeug dann umgeworfen hätte und dieses mit allen Insassen der Wuth der Thiere preisgegeben wäre.
Gleich im selben Augenblick als die Thiere so erschreckend nahe den Angriff unternahmen, hatten Franke und ich zu den Waffen gegriffen und mit dem Rufe »Vorwärts« krachten auch die Schüsse den Kibokos entgegen. Die Waffen auf die nächsten Köpfe gerichtet, war ein Fehlgehen der Kugeln trotz der herrschenden Dunkelheit und der wohl nicht sehr sicheren Hände, ausgeschlossen. Ich nahm mir nicht die Zeit, die abgeschossene Kugel zu ersetzen, sondern den beiden nächsten Thieren, die halb von vorne herankamen, die Schrotläufe entgegenfeuernd, bezeugte ihr Aufbrüllen, daß, selbst die kleinen Kugeln auf den harten massiven Schädeln nicht ohne Wirkung geblieben waren, untertauchen und verschwinden war eins.
Dieses Schnellfeuer, freilich nur fortgesetzt, hätte uns aber nicht vor dem Verderben bewahren können, wenn das Kanoe nicht so schnell fortbewegt worden wäre wie es geschehen, denn nur dadurch entgingen wir der Gefahr, auf dem breiten Rücken eines der Kolosse festzukommen; wäre es geschehen, keinen von uns hätten die verwundeten Thiere, da jede andere Hilfe ausgeschlossen war, verschont, auch schwerlich wäre jemals bekannt geworden, wo und wie wir geendet, die Krokodile, noch weit zahlreicher hier vertreten, hätten bald jede Spur verwischt. —
Geraume Zeit noch, als wir das bald nutzlose Feuern schon längst eingestellt hatten, arbeiteten wir mit den Paddeln vorwärts, um uns von der Heerde so schnell als möglich zu entfernen; das Brüllen und Grunzen hinter uns war eine gute Anfeuerung, alle Kräfte einzusetzen um fortzukommen. Wie gewandt das mächtige Thier auf dem Grunde laufen kann, dies wußte ein Jeder; es kann sehr schnell verfolgen, und wird nur dadurch Zeit verlieren, wenn es hoch kommt um Luft zu schnappen, oder Umschau hält nach dem verloren gegangenen Gegner. Die Dunkelheit begünstigte in dieser Hinsicht unsere Flucht besonders, aber als wir eine Stunde später die Schire-Einfahrt gewonnen und bald darauf das Kanoe bei Werra auf dem Strande laufen ließen, wußten wir alle, was wir geleistet und wie mit knapper Noth wir dem Tode entronnen waren! Nach einer guten Mahlzeit, die wir uns am Ufer noch bereiteten, der Magen wollte trotz aller Abspannung das Mahnen nicht lassen, muß ich bekennen, daß ich nicht mehr Lust hatte, die Strecke bis zur Station zu gehen, um in eine der Hütten das Lager für die Nacht herrichten zu lassen, sondern es vorzog, in ein hoch auf den Sand geholten Kanoe allein zu schlafen, die Ruhe in der freien, stillen Natur, war auch verlockend; ebensowenig aber kam mir dabei der Gedanke, daß nächtlicher Weile Flußpferde ans Ufer steigen und ihre Spaziergänge unternehmen könnten, viel weniger noch kamen mir die Krokodile in den Sinn.
In tiefem festen Schlaf gefallen, wie solchen körperliche Ermattung herbeiführt, mochte es wohl bereits in den ersten Morgenstunden sein, als ich durch ein Geräusch am Kanoe ähnlich einem Hin- und Herscheuern an der Außenwand, aufgeweckt wurde; halbaufgerichtet und unter der überhängenden Decke durchschauend, konnte ich aber auf der vom Mondlicht beschienenen Sandfläche nichts Auffallendes entdecken, und denkend, mag es sein was es will, ich liege ja sicher genug mit den Waffen zur Seite, schlief ich wieder ein. Am frühen Morgen aber, der dämmernde Tag war schon heraufgezogen, kam mir sofort die nächtliche Störung in den Sinn, und vorsichtig über die Brüstung des Kanoe hinwegschauend, gewahrte ich auch die Ursache. Nämlich drei mächtige Krokodile, nur wenige Meter entfernt, lagen, die Köpfe dem Lande zugekehrt auf dem Strand, und schienen dem Anschein nach die Morgenluft zu genießen, wenigstens waren ihre Bewegungen recht bedächtig und die halbgeöffneten mächtigen Rachen mit den furchtbaren Zähnen klappten in Wohlbehagen auf und zu.
Die Aufmerksamkeit der Thiere schien von mir abgelenkt zu sein, sie beachteten zum wenigsten das Geräusch nicht, welches ich beim Ergreifen meiner Büchse verursachte, und in der sichern Voraussicht, daß ich gewiß einem dieser nächtlicher Wächter einen derben Denkzettel aufbrennen könnte, war ich etwas langsam. In noch liegender Stellung, im engen Kanoe war ein Zurechtsetzen so schnell nicht gut möglich, bemerkte ich, daß irgend etwas die Thiere erschrecken müsse, denn sie wandten sich und krochen zum ganz nahen Wasser. Schnell warf ich die Decken ab und aufspringend, suchte ich für meine Kugel ein Ziel ... schneller aber waren die Krokodile in ihrem Element und nur die Furchen im Wasser zeigten an, wohin jedes sich gewandt hatte. Erst eine Minute später zeigte sich der Rücken des einen auf der Oberfläche, der von der zugesandten Kugel gestreift, das Thier wild aufbäumen machte und einmal mit dem Schwanze das Wasser peitschend, in die Tiefe verschwand.
Zu beiden Seiten des Kanoes fand ich die Abdrücke der Füße der Krokodile und die glatten Furchen, welche der schwere nachschleppende Schwanz derselben auf dem Sande zurückgelassen hatte. Es war zweifellos, die Unholde hatten die Beute gewittert und den Versuch gemacht, sich derselben zu bemächtigen, daher auch das Geräusch, welches mich in der Nacht ermuntert hatte. Jedenfalls aber hätte die unmittelbare Nähe solcher unheimlichen Gesellschaft, wenn mir die Gefahr zum Bewußtsein gekommen wäre, mich doch nicht wieder in so sicherer Ruhe einwiegen lassen; konnte mir auch nichts geschehen, so lange ich nur still liegen blieb, so glaube ich doch, mit dem Schlaf wäre es wohl vorbei gewesen. —
Beim schnell bereiteten Morgentrunk, der aus einem Becher ungesüßtem Kakao bestand, wurde der abendlichen Affaire mit den Flußpferden und dieses nächtlichen Besuches nochmals kurz gedacht, und dann ging es, sobald die Leute mit dem Einpacken fertig waren, wieder wohlgemuth flußabwärts, den träge auf Bänken oder am Ufer liegenden Krokodilen aber, schenkten wir ganz besondere Beachtung, und weckten manches so unfreundlich aus süßer Ruhe, daß ihm solch warmer Morgengruß Schmerzen und Tod eintrug.
Für diesen Tag war unser Ziel das Dorf Lionde, wo wir, wenn nicht die Gastfreundschaft des Arabers Baccari ben Umari in Anspruch genommen werden konnte, zu rasten gedachten, doch jedenfalls aber wollten wir diesen aufsuchen, um ihn an sein Versprechen zu mahnen, damit er uns recht bald Proviant in das Lager zu Mpimbi sende. Es bedurfte von Seiten der Leute keiner besonderen Anstrengung mehr, die Fahrt des Kanoe zu beschleunigen, der Strom allein trieb es schon etwa in der Stunde eine deutsche Meile flußabwärts, sodaß ich einen Mann zum Auspeilen der Tiefe anstellen und mit Gemüthlichkeit meine Aufzeichnungen ausführen konnte. So an Dörfern, Wald und Grasebenen vorüberziehend, war es eine höchst angenehme Fahrt, auch wo wir Einkehr hielten, wurden wir von den Dorfbewohnern freundlich aufgenommen; war noch etwas Pombe irgendwo in einer Hütte aufzutreiben, wurde dieses uns gegen eine angemessene Entschädigung überlassen, denn gewöhnlich geben sie nicht gerne ihr Bier weg, da sie es in dieser Gegend nicht zum Verkauf bereiten; wir aber zogen es bei weiten dem warmen Flußwasser vor.
Gegen Abend, als immer noch nicht das Ziel voraus in Sicht kommen wollte, beschleunigten wir doch etwas unsere Fahrt, denn fern rollender Donner und schwarze Gewitterwolken mahnten uns bei Zeiten an eine sichere Unterkunft zu denken, ehe wir von dem schnell heraufziehenden Unwetter überrascht werden möchten. Die höchste Zeit war es, daß wir Schutz und Obdach fanden; denn als das Kanoe an der Landungsstelle beim Dorfe Lionde am rechten Ufer in das Schilfgras einlief, und wir das steile Ufer hinaufsprangen und unter der nächsten Hütte zu treten suchten, deren überhängendes Dach uns Schutz versprach, prasselte der Regen schon in Strömen hernieder.
Gewohnt, als Europäer von der Hütte eines Eingeborenen nicht weggewiesen zu werden, solange nicht offene Feindschaft ausgebrochen und der Neger der Stärkere ist, war der Empfang, den uns ein altes zeterndes Weib bereitete, etwas überraschend, zumal wir noch keine Miene gemacht hatten, ihre verräucherte schmutzige Hütte zu betreten, und uns nur vor dem ersten heftigen Anprall des Gewittersturms zu decken suchten. Ihr Lamentiren, für uns unverständlich, hatte nur den Erfolg, daß aus den umliegenden Hütten Männer und Frauen hervorkamen, die, wie es schien, diese boshafte Alte, nebenbei ein Urbild von Häßlichkeit, noch mehr aufreizten. Wir ließen uns freilich nicht stören, hatten aber genügend Grund, über die Ursache solcher scharfen Abweisung Betrachtungen anzustellen, um so mehr, als einer unserer Leute das Kauderwelsch der alten Migäre dahin aufklärte, daß wir uns entfernen sollten, sie wolle keinen weißen Mann unter ihrer Hütte haben, auch die Reden der anderen Bewohner waren nichts weniger als freundliche.
Dieser Dolmetscher hatte darauf der Alten zu erklären, daß es von ihr gescheiter wäre den Mund zu halten, wir wollten von ihr nichts, da wir aber nun einmal hier seien, so würden wir auch bleiben, woraufhin sie von der Bildfläche verschwand und in ihren vier Pfälen den angefangenen Prolog mit etwas gedämpfter Stimme fortsetzte. Der Gedanke, daß etwas im Werke sein könne, was Europäern zum ernsten Nachdenken Veranlassung geben könnte, kam uns nicht, so auffällig dieser Vorgang auch war, stand es doch allein dem Dorfhäuptling nur zu, uns wegzuweisen und, daß von dieser Seite uns nichts in den Weg gelegt werden würde, nahmen wir als selbstverständlich an.
Als der erste schwere Regenguß vorüber gezogen war, ließ Herr Franke unsere Sachen heraufschaffen, während ich einen Abgesandten zum Häuptling abfertigte, der denselben unsere Ankunft melden und ihn um Ueberlassung einer Hütte für die Nacht ersuchen sollte.
Die jüngere Generation des Dorfes, die inzwischen sich zu Haufen angesammelt hatte, starrte neugierig die weißen Ankömmlinge in einer Weise an, als hätte diese halbwüchsige schwarze Gesellschaft noch nie Gelegenheit gehabt, einen Europäer zu sehen und müßte sich deren Gebahren und Handeln fest ins Gedächtniß einprägen; im Hintergrunde dagegen standen die erwachsenen Männer, fast nicht minder neugierig als ihre Sprößlinge.
Der zurückkehrende Bote, der sich nur mit Mühe durch die gaffende Menge Bahn brach, brachte mir die überraschend unwillkommene Nachricht, daß der Häuptling mir sagen lasse, er habe für uns keine Hütte zum Nachtquartier und rathe uns sein Dorf lieber zu verlassen! In solch mißlicher Lage war nun guter Rath theuer. Hätte der persönliche Stolz uns nicht verboten, den gegebenen Rath nicht zu befolgen, vielmehr durch unser Bleiben nun zu zeigen, daß wir uns nicht einschüchtern lassen, so hätten wir vielleicht noch am anderen Ufer bei dem Araber Baccari Unterkunft finden können, aber einfach abziehen und das Feld zu räumen, weil die übliche Gastfreundschaft verweigert wurde, hätte den Schwarzen gegenüber wie eine Art Flucht erscheinen können, und ich wenigstens war dagegen, der schwarzen Gesellschaft diesen Gefallen zu thun, wiewohl ich mir den Grund zu einem so unfreundlichen Benehmen, das einer Drohung nicht unähnlich, absolut nicht erklären konnte.
Entschlossen, auf jede Gefahr hin zu bleiben, nahm ich die Gelegenheit wahr, der gaffenden Menge eine Probe von der Treffsicherheit unserer Waffen zu geben; als zufällig inmitten des Flusses auf der Wasseroberfläche ein Krokodil träge sich vorbeitreiben ließ, schoß ich auf dieses und ein Ruf der Verwunderung ging durch die Menge, als das verwundete Tier den mächtigen Rachen weit aufreißend in die Tiefe sank, darauf ohne das Gewehr abzusetzen gab ich noch zwei Schrotschüsse nach einem näheren Gegenstand ab und jetzt prägte sich das Erstaunen der Umstehenden in deren Blicken aus, die sie auf die schnellfeuernde Waffe gerichtet hielten. Diese kleine Schießprobe sollte nur dazu dienen, den bewehrten Männern zu zeigen, daß wir nicht wehrlos ihnen gegenüberstehen und es nicht rathsam sei, uns eventuell zu einem Abzug zu zwingen.
Bei dem Versuche, aus unsern wasserdichten Decken ein Zelt aufzurichten kam uns als unwillkommener aber doch bester Helfer der Ausbruch eines neuen Gewittersturms zu Hilfe; die Wasserfluth machte freilich unser Vorhaben zu Nichte, vertrieb aber gleichfalls auch die gaffende lästige Menge und suchten wir wieder unter dem Dach Zuflucht, wo uns der erste unfreundliche Empfang zu theil geworden war.
Da die Dunkelheit und die Nacht mit diesem Unwetter heraufzog, hatten wir, durch Decken nothdürftig geschützt, nahe der runden Lehmwand der Hütte Platz genommen, um die Koffer und Sachen, die frierenden Leute dazu, nach Möglichkeit der Regenfluth zu entziehen, und mit Geduld uns in das Unvermeidliche fügend, trafen wir die Vorkehrungen, eine lange ungemüthliche Nacht hier zu verbringen.
Nicht eher als bis die furchtbar rollenden Donner sich in die Ferne verloren hatten, die zuckenden Blitze nicht mehr die dunkle Nacht erhellten, fanden wir erst gegen Mitternacht die ersehnte Ruhe; so lange währte der Aufruhr der Elemente, deren ganze Gewalt sich über diese Gegend entladen hatte. Am frühen Morgen des 10. Januar rüsteten wir uns zur schnellen Abfahrt, mit der Absicht, bis gegen Abend noch Mpimbi zu erreichen, um die müden Glieder mal wieder auf ein Feldbett ausstrecken zu können, wurden aber länger aufgehalten, weil die Regenströme unser Kanoe fast voll Wasser gefüllt hatten, das die Leute mit den Händen, in Ermangelung eines geeigneten Apparats erst ausschöpfen mußten, und als wir schließlich von den zahlreich herbeigeströmten Bewohnern umdrängt, das Ufer verlassen hatten, stand am andern der Araber Baccari und wollte uns sein Salam sagen. Genöthigt, nun doch die Abreise etwas zu verzögern, hätte ich gerne etwas Proviant gleich mitgenommen, zumal ein gewisses Quantum bei meiner Rückkehr bereit liegen sollte, aber wir erhielten nichts, nur versprach Baccari uns in den nächsten Tagen einige Kanoes mit Mehl, Bataten und Ziegen senden zu wollen. Seine Einladung, in seine weit zurückgelegene Behausung einzutreten, schlug ich aus Mangel an Zeit ab. Erhalten hätte ich doch nichts, und uns von dem schlauen Patron ausfragen zu lassen, der, wenn nicht die Seele des ausbrechenden blutigen Aufstandes, so doch der Berather der Häuptlinge war, dazu hatten wir keine Veranlassung.
Jetzt, noch vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten, von denen uns von Seiten der Bevölkerung ein kleiner Vorgeschmack gegeben worden, stand, wie schon früher erwähnt, das Dorf Lionde auf beiden Ufern des Schire; von den Hütten war die weitaus größere Zahl auf dem rechten Ufer erbaut worden und nach den dichtgesäten beliebig durcheinander errichteten Behausungen zu urtheilen, mußte die Eingebornenzahl eine ganz beträchtliche sein. Darum auf die große Zahl ihrer Krieger pochend, die theilweise mit Vorderlader bewaffnet waren, mochten doch die Häuptlinge, unterstützt von der Bevölkerung des ganzen Distrikts, sich kräftig genug fühlen, den von den Engländern eröffneten Kampf anzunehmen. Aber an Zahl auch noch so groß und überlegen, fehlt die einheitliche Leitung, und anstatt dem vordringenden Feinde die Hauptmacht entgegenzustellen, sucht jeder Fumo allein die geschlossene Macht der Europäer aufzuhalten, wird natürlich geschlagen und die Fliehenden, zwar die Zahl der zurückstehenden Haufen vermehrend, entmuthigen mehr oder weniger die noch kampfbereiten Krieger. Zurückzuführen ist solche Kampfweise auf persönliche Eifersucht unter den Häuptlingen selbst, da jeder wohl zu kämpfen sich bereit erklärt, aber keiner dem andern die Leitung überlassen mag.
Ebenso vermeiden diese Krieger möglichst den offenen Kampf, was der Fall, sobald sie die überlegene Waffe der Weißen zu fürchten haben. Auch werden sie nie ihre Heimstätten und Dörfer energisch vertheidigen, sondern, da Weib und Kind und alles Eigenthum meistens vorher in Sicherheit gebracht worden ist, diese dem vordringenden Feinde überlassen, der die Grasdächer in Brand setzt und in kurzer Zeit ein noch so großes Dorf in einen Aschenhaufen verwandelt, obgleich die labyrinthartigen Wege, gedeckt und geschützt durch den Wirrwarr der Hütten, dem Vertheidiger ein nicht unwesentliches Uebergewicht, dem Angreifenden gegenüber, geben würden.
Wie der spätere Kampf zeigen wird, ist Lionde auch auf diese Weise ein Raub der Flammen geworden und hat das Schicksal aller zwischen hier und Mpimbi liegenden Dörfer getheilt, so daß, als ich diesen Ort wieder sah, von dem mir in der Erinnerung haften gebliebenen Bilde auch nicht das Geringste übrig geblieben war, was an das einstige Lionde erinnert hätte! Nachdem wir uns von dem geschwätzigen Araber frei gemacht hatten, setzten wir unsere Fahrt flußabwärts fort und rasteten erst im Dorfe Perisi; hier mit der gewohnten Freundlichkeit von seiten der Bewohner aufgenommen, konnte ich eine Art Vertrag mit dem Häuptling abschließen, der sich auf Lieferung von Naturalien und Vieh beziehend, wenigstens einige Aussicht bot, von hier unsere Bedürfnisse zu decken.
Auffallend, wie ich bisher noch nirgend bei diesen Völkerstämmen Gelegenheit gehabt zu beobachten, war hier unter dem Schatten eines gewaltigen Baobobbaumes einem verstorbenen Häuptling eine Art Grabmonument errichtet worden, in der Weise, daß über dem flachen Grabhügel eine viereckige Hütte erbaut worden, deren Dach über der Grasbedeckung noch verschwenderisch mit blauem und weißem Zeug bekleidet war und als Zierrath noch Bänder aus diesem und rothem Zeuge an allen Seiten herniederhingen. Die Verschwendung des für den Eingebornen besonders werthvollen Stoffes ließ darauf schließen, daß ein reicher Mann von besonderem Einfluß hier bestattet worden sei, weil sonst nur auf den Trümmern einer über einem Grabe eingerissenen Hütte wenige Fähnchen als Schmuck angebracht zu werden pflegen. Später, nach dem Aufstand, habe ich mich vergebens bemüht, diese Stätte wieder aufzufinden; die sonst heilige Stätte der Todten war von Feindeshand beraubt und entweiht worden.
In den Nachmittagsstunden verhinderten recht schwere Regengüsse, verbunden mit plötzlich hereinbrechenden Sturmböen, verschiedentlich unsere Weiterfahrt und entweder mußten wir unter dem Dache einer Hütte Schutz suchen, oder hinter den mächtigen Stämmen altersgrauer Bäume uns zu decken suchen.
Gegen Abend jedoch passirten wir die eine Strecke oberhalb Mpimbi liegende große Insel im Schire, auf welcher der Häuptling Tschikusi seinen beständigen Wohnsitz aufzuschlagen im Begriff war; denn selbst kein Freund der Engländer, verließ er sein Dorf Mpimbi, um hier unbelästigter seiner üblen Gewohnheit, dem Pombetrinken, fröhnen zu können, man sagte von ihm, daß er niemals nüchtern anzutreffen sei.
So erreichten wir denn nach fünfzehntägiger Abwesenheit, nach mancher Fährlichkeit und Strapazen, glücklich das deutsche Lager wieder, wo ich nun das Hauptwerk beginnen, und die deutsche Thatkraft beweisen sollte, daß auch ihr nichts unmöglich ist.