13. Der Kampf.
In Mpimbi also wurden nun die in größter Eile von den Plantagen zusammengerafften Leute von den Engländern einexerzirt so gut es eben gehen wollte. Einem Offizier, wie Kapitän Johnston, konnte es natürlich nicht zweifelhaft sein, daß mit solchem Menschenmaterial so gut wie nichts anzufangen sei, vielmehr im ersten Kampf schon die Gefahr nahe lag, es würde die größte Unordnung vorherrschen, war doch zu befürchten, daß Leute, die nie an Ordnung gewöhnt, nie ein Gewehr in Händen gehabt, mit den Waffen Freund und Feind leicht verletzen konnten. Die Exerzitien liefen denn auch nur darauf hinaus, den Abtheilungen beizubringen, auf das Kommandowort ihres Führers zu hören, den Gebrauch der Gewehre zu erklären und Zielübungen vorzunehmen.
Damit auch Freund und Feind zu unterscheiden sei, wurden den Atonga rothe Turbans und Armbinden, den Makua und Suaheli aber gleiche weiße Abzeichen gegeben; die Kapitaos der Atonga, von denen jeder 10-20 Mann hatte, trugen dazu als Abzeichen hinten herabfallende Decken, in allen Farben schillernd, und bunten Federschmuck in den wolligen Haaren. Uebereifrig und kampfbegierig wie diese Leute waren, machte es einen imposanten Eindruck, die so geschmückten Krieger vor der Front hin und her springen zu sehen; führten sie aber ihre Kriegstänze auf, bot die bunt durcheinander, bald im langsamen Tempo, bald im wilden Ansturm tanzende und laufende Menge ein groteskes Bild. Angefeuert durch einen wilden, unharmonischen Gesang, konnten die Leute sich bis zur Wuth dadurch aufreizen lassen — die Wildheit ihrer Bewegungen, das Geheul und Waffenschwingen, wenn sie urplötzlich gegen die Zuschauer anstürmten und kaum einige Zoll vor den Europäern dieselben parirten und zurücksprangen, mußte in Jedem, der nicht mit solchem Waffentanz vertraut war, ein etwas unbehagliches Gefühl erwecken.
Am 8. Februar, Nachmittags, kaum daß etwas Disziplin in die ungeordneten Haufen gebracht war, brach der Kommissar Mr. Johnston mit seiner Kolonne auf und in langen Zügen, voran die Krieger, denen die Träger-Abtheilung folgte, marschirten alle durch unser Lager, um durch den Wald den freien Fußpfad nach Perisi zu gewinnen. Man kann sich kaum denken, wie stolz und selbstbewußt der Neger einherschreitet, sobald sein Lieblingswunsch erfüllt ist, ein Gewehr zu besitzen, unüberwindlich dünkt er sich — obwohl er die Waffe kaum zu hantiren versteht — Pfeil und Speer in seiner Hand sind viel gefährlichere Dinge als das beste Gewehr. Gebräuchlich ist es heute bei den kriegführenden Parteien, die Macht nach der Anzahl vorhandener Gewehre abzuschätzen; der Kampf wird dadurch weniger blutig, weil sie mit diesen Waffen noch nicht recht umzugehen verstehen, allein das Bewußtsein schon, dem gleichartigen Gegner überlegen zu sein, verbürgt oft den Sieg. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr aber erwächst den Europäern, sofern nicht der Gewehrhandel, der im Geheimen trotz aller Verbote schwungvoll betrieben wird, nach Möglichkeit unterbleibt — der Neger lernt schließlich auch das Schießen — und wo heute noch eine Handvoll Europäer gefürchtet wird, ist diese späterhin nicht mehr zureichend, schreitet auch die Kultur unaufhaltsam vorwärts, wird doch der Kampf immer heftiger entbrennen! Ich kenne Volksstämme, deren Unterwerfung sehr viel Blut gekostet hat, ehe die Schuld Weniger ausgetilgt wurde; sicherer noch im Gebrauch der Waffen wie der Europäer, waren die Eingeborenen furchtbare Gegner, — ich will hier nur der Anstrengung Erwähnung thun, welche es den Spaniern gekostet hat, die Carolinen-Inseln zu unterwerfen.
Ich kann wohl sagen, als die kampfesmuthigen Schaaren im Lager an mir vorüberzogen, stieg doch ein leiser Zweifel in mir auf, ob nicht dieser zur Schau getragene Enthusiasmus sehr bald schwinden würde! Mir wollte es scheinen, als könnten solche Leute nur zum Niederbrennen der Dörfer, Marodiren etc. gut genug sein, zu einem geordneten Widerstand gegen einen energischen Feind aber nicht tauglich wären. Meine Leute, in deren Augen die Atonga namentlich, nicht für voll galten, meinten: bwana, diese laufen beim ersten Bumbum weg, indes beide Theile hatten noch kein Pulver im Ernstfall gerochen und es kam erst auf eine Probe an, ob die Atonga nicht besser seien als ihr Ruf. Ich habe freilich im Kampfe sehr schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht, in allem Uebrigen sie aber viel höher schätzen gelernt als jeden anderen Volksstamm. In ihrer Heimath am Nyassa sind sie ein kleines aber tapferes Volk, das seine Unabhängigkeit gegenüber mächtigen Stämmen bis heute gewahrt hat.
Vorläufig noch mit dem Schicksal der kleinen englischen Truppe unbekannt, die allem Anscheine nach auf einen gewissen Sieg rechnend, so frohgemuth dem Kampf entgegengezogen, war ich in den nächsten Tagen nur darauf bedacht, durch scharfe Wachsamkeit bei Tag und Nacht jeden Angriff oder plötzlichen Ueberfall, wie ich einen solchen auf gewisse Nachrichten hin erwarten konnte, unmöglich zu machen. Aufreibend war der Wachtdienst, namentlich für uns Europäer, da in jeder Nacht eine scharfe Kontrole ausgeübt werden mußte; wußten die Posten auch, was bei einer Sorglosigkeit ihrerseits auf dem Spiele stand, so war doch die unausgesetzte Gegenwart eines Europäers nöthig, damit jeder seine Pflicht erfüllte.
Am 10. Februar traf in den Abendstunden die erbetene Verstärkung von Katunga im Lager ein, es waren drei Europäer, 14 Sudanesen und worauf ich nicht gerechnet hatte, ein Schnellfeuergeschütz. In Gewaltmärschen hatte diese Abtheilung die beträchtliche Entfernung von Katunga bis Mpimbi zurückgelegt und glaubte, nach dem was in Blantyre über den Aufstand erzählt worden war, hier sofort in den Kampf eintreten zu müssen, sämmtliche Neuangekommene waren demnach im gewissen Sinne etwas enttäuscht, alles äußerlich so ruhig zu finden, sie hätten sich dann nicht so furchtbar beeilen brauchen, um einer Katastrophe vorzubeugen, die man stündlich in Mpimbi erwartet.
Von den eingetroffenen Handwerkern, als Brückner und Grünhagel, erfuhr ich unter anderem, daß der ganze Schiffstransport bereits in Katunga eingetroffen sei und wohl selbst schon die Etappestation um diese Zeit aufgegeben sei. Die Schwierigkeiten um mit dem Transport zu beginnen, seien aber noch immer dieselben; wohl sind bereits leichtere Sachen bis Blantyre befördert worden, jedoch weigern sich die Träger aus der Umgegend von Katunga weiter als bis dorthin zu gehen und muß daher mit dem Beginn des ganzen Transports gewartet werden, bis tausende Wangoni-Träger ins Land gekommen sind, was erst nach der bevorstehenden Ernte der Fall sein wird.
Ich hatte nun 6 Europäer und 35 Soldaten und konnte den kommenden Dingen ruhiger entgegensehen, wäre nur nicht die leidige Frage gewesen, woher für so viele Menschen, mit Diener, Köchen und den Zimmerleuten über fünfzig, genügend Proviant zu beschaffen sei! Während wir Deutsche im Lager nun die Lage von einer besseren Seite betrachteten, ahnte Niemand in welche äußerst bedrängte Situation die Engländer seit ihrem Abmarsch gerathen waren — bis wenige Stunden später, um zwei Uhr, in dieser selben Nacht ein Abgesandter, der Sergeant Inge, im Lager eintraf und mit der dringenden Bitte um Unterstützung für die gänzlich von Feinden umschlossene englische Kolonne, ein Bild entwarf, das auf eine trostlose Lage schließen ließ. Dieser Bote, der sich beherzt im Schutze der Nacht von Perisi, wo die Engländer fest umschlossen waren, in einem Boote flußabwärts geschlichen, erzählte Folgendes: Die Truppe sei am nächsten Morgen, nachdem sie das Lager von Mpimbi verlassen hatte, von zahlreichen Feinden angegriffen worden, die gedeckt durch das hohe Gras sich unbemerkt nähern konnten. Unausgesetzt wären die feindlichen Kugeln in ihre Reihen eingeschlagen, kein Vorstoß und kein Feuern hätte genützt — der unsichtbare Feind wäre unvermuthet gekommen und wieder verschwunden, ehe daran zu denken gewesen, die ausgedehnte Kette der eigenen Leute zum ersten Angriff zu formiren. Die Zahl der Schwerverwundeten sei zwar nicht groß, hätte aber doch so demoralisirend auf die Atonga und Makua eingewirkt, daß an einen ernstlichen Widerstand nicht mehr zu denken sei. Die Kolonne wäre schließlich zum Flusse abgedrängt worden und nun der Weg durch die verlassenen Dörfer gewählt worden, um allenfalls in diesen Rückhalt zu gewinnen. Jedes Dorf wurde beim Verlassen den Flammen preisgegeben, was die Wuth der Feinde, die durch solche Vernichtung ihrer Heimstätten beraubt wurden, nur noch steigerte, und diese setzten alles daran, ein weiteres Vordringen zu verhindern.
Nunmehr nur von einer Seite angegriffen, hätten sie am zweiten Tage Perisi erreicht, wo, wie sie wußten, seit mehreren Tagen schon der Dampfer »Domira« festsaß. Ein weiteres Vordringen war mit solcher Mannschaft ausgeschlossen und das Rathsamste, sich an diesem Ort gegen die Uebermacht der Gegner so gut es ging zu decken, da auch im schlimmsten Falle das Schiff einen gewissen Rückhalt bot. Bisher seien außer einer Anzahl Schwarzer auch Mr. Steavenson sehr schwer verwundet worden und selbst der Kommissar, sowie Kapitän Johnston nur wie durch Zufall schweren Verletzungen entgangen. Tag und Nacht greife der Feind an, der durch Baum und Gebüsch gedeckt, ungesehen heranschleiche und ihre Stellungen beschösse; die unausgesetzte Wachsamkeit habe die Europäer schon so erschöpft, daß bei einem energischen Vorstoß der Feinde das Schlimmste zu befürchten stehe. Selbst vom gegenüberliegenden Ufer würden sie beschossen und wären zeitweise ohne jeden Schutz dem hartnäckigen Feuer der Feinde ausgesetzt. Der Kommissar bitte daher dringend um schleunige Hilfe, und wären es auch nur zehn Sudanesen, die ich abgeben könnte — diese Soldaten würden wenigstens Stand halten und er würde sich, selbst mit so kleiner Zahl Luft zu schaffen suchen. Bisher hätten sie nur aus Zweigen und Büsche eine leichte Hecke errichten können hinter welcher sie Deckung gefunden — die wenigen Hütten, die stehen geblieben bieten ihnen vor den feindlichen Geschossen auch nur wenig Schutz! — Der Bote nun, dessen Begleiter der Maschinist Fairbrain von der Domira war, machte nebenbei noch allerlei Versprechungen in Bezug auf abzusendende Soldaten; ich habe später nie darnach geforscht, ob derselbe dazu autorisirt gewesen oder nicht, was aber jedenfalls der Fall, da derselbe als dienstlich Untergebener des Kommissars nicht aus eigenem Antrieb Handeln und Zusagen machen konnte, sondern gemäß seiner Instruktion nur den erhaltenen Befehl auszuführen hatte. Ich muß es heute als eine politische Klugheit ansehen, daß der englische Kommissar selbst in seiner bedrängten Lage seine Bitte um schleunige Unterstützung nicht schriftlich aussprach, denn solches Dokument in meinen Händen würde ihn verpflichtet haben für die gemachten Zusagen seines Abgesandten einzustehen. Allein in jener Stunde, wo die volle Verantwortlichkeit der zu treffenden Entscheidung auf mir lag, habe ich allem Nebensächlichen keine Beachtung weiter geschenkt, sondern nur die Gefahr erwogen in welcher sich die Engländer befanden und in welcher ich gerathen mußte, sobald es den Feinden gelänge die Eingeschlossenen zu vernichten oder sie nur zum Rückzug zu zwingen. Ich mußte mir sagen, daß in solchem Falle die feindliche Macht riesengroß anwachsen würde, und hätte ich auch den Ansturm der siegesgewissen und übermüthigen Feinde widerstehen können, so hätte der Umstand, daß mir die Lebensmittel abgeschnitten worden wären, meine Leute doch zu einem längeren Widerstand bald unfähig gemacht.
Es war ein harter Entschluß, meinen Posten zu verlassen, denn da ich Niemand hatte, der die Sudanesen kommandiren konnte, mußte ich selber gehen, oder die Bitte abschlagen. Auch erwägend, daß zwei starke Posten, Perisi und Mpimbi, eine Conzentrierung der feindlichen Macht unmöglich machen mußten, für die eigene Sicherheit es auch gerathener war, wenn ich die erbetene Hilfe nicht abschlug, — so entschloß ich mich kurz und sagte meinen Beistand zu.
Einmal entschlossen den Weg zu gehen, der in dieser Lage mir der einzig richtige erschien, theilte ich den inzwischen versammelten Europäern meinen Entschluß mit und forderte zwei derselben auf, freiwillig mich zu begleiten. Hatte ich aber auf eine freudige Zustimmung auch nicht rechnen können, so waren mir die vielen Einwendungen dagegen, daß ich das Lager verlassen wolle, in Gegenwart der Engländer doch etwas unangenehm, zumal Fairbrain etwas deutsch verstand, und die Bemerkung der Handwerker, daß sie sich nicht berufen fühlen, »für die Engländer sich die Knochen zerschießen zu lassen«, wenigstens dem Sinne nach verstanden worden war. Die Leute hatten freilich Recht und ich befahl auch Keinem folgen zu müssen; als ich ihnen aber alle Eventualitäten klar gelegt hatte, meldeten sich doch zwei gediente Pommern und erklärten sich zu allem bereit.
Die fünfzehn Sudanesen dagegen, trotzdem sie von dem beschwerlichen Marsche über das Gebirge noch ermüdet waren, begrüßten die Aussicht auf einen Kampf mit Freuden und hätten, wenn es angängig gewesen wäre, sofort den Marsch angetreten.
Versetze ich mich heute zurück in jene Zeit der Kämpfe und Sorgen, in jene Rohrhütte, deren Dunkelheit nur vom flackernden Kerzenlicht erhellt, wo ich im Kreise der kleinen Schaar den Entschluß gefaßt, meinen Posten zu verlassen und diese selbst aufforderte zum ernsten Kampfe, selbst mit Blut und Leben zu schützen, was uns anvertraut, dann kommen sie wieder, die quälenden Gedanken jener Nacht und Stunde, in welcher ich den heißen blutigen Kampf der Ungewißheit vorzog und auf jede Gefahr hin einer andern Nation Hilfe und Beistand zugesagt hatte, zur Sicherung der eigenen Lage und für fremde Noth das Blut meiner Leute opferte!
Die wenigen Stunden bis zum frühen Morgen vergingen mit Anordnungen und Vorbereitungen sehr schnell, während dessen die Engländer ein von Matope gekommenes Boot mit welchem der Sergeant Inge von Perisi gekommen, in Stand setzten. Unser Schiffsboot, das mit der am Abend vorher eingetroffenen Abtheilung zerlegt mitgebracht worden war, konnte ich nicht so schnell zusammensetzen lassen, um die anderen Boote, die durch eine während der Nacht noch von Blantyre angekommene Kolonne von 40 Atonga stark besetzt werden mußten, zu entlasten. Den Wasserweg zu nehmen, war ich mit den Engländern nach eingehender Berathung übereingekommen, da es das Sicherste schien, diesen zu wählen, denn zu Lande hätten wir uns Perisi, ohne vorher die feindliche Linie zu durchbrechen, schwerlich ohne heftigen Kampf nähern können, was zu Wasser jedenfalls leichter möglich war.
Nachdem nun noch zum Zweck etwaiger Vertheidigung die Aufwerfung eines Schützengrabens im Lager angeordnet war, der sofort durch die zurückbleibende Besatzung der englischen Station in Angriff genommen wurde, die werthvollen Instrumente, die ich zurückließ, sicherer Obhut anvertraut waren, ließ ich zum Apell blasen. Das Kommando übergab ich dem ersten Maschinisten Herrn Spenker und ermahnte die zurückbleibenden Soldaten den striktesten Gehorsam zu leisten, auch in einem Kampfe nicht feige von der Seite der Europäer zu weichen, ihre Pflicht sei es, als Soldaten des Majors von Wißmann zu stehen oder zu fallen. Die Europäer aber mahnte ich nochmals, unter allen Umständen das Lager zu halten, ein Rückzug, wenn es wirklich zu einem Angriff kommen sollte, könnte allen nur verderblich werden. Ich sah zwar keine unmittelbare Gefahr, dennoch wollte mir scheinen, als wäre die Kampflust, nachdem es nun bitterer Ernst geworden, nicht allzu groß, und nicht gerade leichten Herzens schied ich von meiner Station, vielleicht alles für eine fremde Sache aufs Spiel setzend. Viel schwerer aber wäre es mir geworden meine Zusage einzulösen, hätte ich ahnen können, daß schon in der nächsten Nacht der Muth der Besatzung auf die Probe gestellt werden sollte, die aber von allen, sobald die ersten Schüsse der wachsamen Posten das Lager alarmirt hatten, glänzend bestanden wurde.
Gegen 8 Uhr früh am 11. Februar, nachdem Geschütz, Soldaten und die Atonga eingeschifft waren, konnte endlich der Befehl zur Abfahrt gegeben werden, und fort ging es einem gewissen Kampf entgegen. Die Führung des größten Bootes, das außer der Mannschaft mit 35 Atonga, vier Sudanesen, dem Geschütz und zwei Europäern, Ottlich und Fairbrain, besetzt war, hatte ich übernommen, das kleinere mit 10 Sudanesen, 15 Schwarzen, Knuth und Mister Comaran besetzt, führte der Sergeant Inge. Gegen Wind und Strom die schwerbeladeten Boote mittelst langer Bambusstangen vorwärts zu bringen war für die Besatzung keine leichte Arbeit, dazu thaten die glühenden Sonnenstrahlen das Ihrige. So viel als möglich hielten wir die Mitte des Flusses, wenn nicht Untiefen uns zwangen, den Ufern näher zu gehen, beobachteten auch namentlich die linke Uferseite, da gedeckt durch dichtes Gebüsch die Feinde ungesehen uns folgen und bei gezwungener Annäherung an diese, leicht in die Boote hineinfeuern konnten. Es war aber nichts zu sehen; wo sonst eine friedliche Bevölkerung am Flußufer ein sorgloses Dasein geführt und durch freundliche Zurufe ein vorüberziehendes Boot begrüßt hatten, herrschte jetzt tiefes Schweigen, die Hütten und Dörfer waren rauchgeschwärzte Trümmer — kein menschliches Wesen weilte mehr in den Ruinen, kein Hahn rief mit lauter Stimme sein Volk zusammen und am steilen Uferrand suchte keine Ziege sich saftige Kräuter — todtenstill war es ringsumher, selbst am rechten Ufer, wo die Kriegsfurie noch nicht gewüthet und die Dörfer unversehrt geblieben, war alles in tiefes Schweigen gehüllt.
Die vielen kurzen Windungen des Schireflusses verhinderten jede Aussicht vor und zurück, daher war es mir nicht besonders auffällig, daß ich das zweite Boot aus Sicht verlor und in der Meinung, dasselbe könne nur eine kleine Distanz hinter uns sein, fuhr ich bis Mittag ruhig weiter. Schließlich als die Bootsleute durch die Sonnengluth und angestrengte Arbeit ermattet waren, gab ich dem wiederholten Dringen des Kapitaos nach und landete am rechten Ufer an einer Stelle wo ein Flußpferdpfad durch das dornige Gestrüpp führte, mit der Absicht, hier die Ankunft des zweiten Bootes abzuwarten. Den ausgetretenen sumpfigen Pfad, der in der Regenzeit den Wassern als Abfluß dienen mochte, durch das Dorngebüsch folgend, öffnete sich hinter diesem eine weite Grassavanne ohne Baum noch Strauch in der Nähe, worunter wir gegen die glühenden Sonnenstrahlen hätten Schutz finden können. Wollten wir eine kurze Erholungspause machen, war dieser Ort zufällig am ungeeignetsten dazu, und als das Boot immer noch nicht kam, ließ ich wieder einschiffen, um einen besseren zu suchen. Ich wollte eigentlich ungern am linken Ufer landen, sah mich aber doch dazu genöthigt, wenn ich im Schatten hoher Bäume den Leuten kurze Ruhe gönnen wollte; deshalb, als weiter flußaufwärts an steiler Uferwand einige niedergebrannte Hütten in Sicht kamen, wo das Ufer frei von Gebüsch erschien und eine freie Aussicht auf den Fluß vorhanden war, ließ ich das Boot an einer Stelle, die vom Flußschilf nicht bedeckt wurde anlegen. Wohl war es ein schattiger Ort von breitästigen Bäumen bestanden, den wir betraten, auch genügend Aussicht vorhanden, so gut wie man sie an solchen Ufern eben finden konnte, allein landeinwärts rings um uns, was ich erst zu spät erkannte, war ein hohes mächtiges Maisfeld, bereits soweit ausgewachsen, daß in kurzer Zeit die Ernte hätte beginnen können.
Alles schien ruhig und die Gegend verlassen zu sein, selbst eine ausgesandte Patrouille von zwei Mann, welche die nähere Umgegend absuchte, hatte nichts bemerkt. Die Atonga nun, deren Sprache leider keiner verstand, konnten trotz einem Verbot das Marodieren nicht lassen, der Reiz war zu groß, als daß sie die schönen reifen Maiskolben in unmittelbarer Nähe hätten ungebrochen gelassen. Sie widerstanden nicht der Versuchung, die begehrliche Frucht, wonach sie nur die Hände auszustrecken brauchten, zu pflücken und einzelne, die sich ins Feld geschlichen, kehrten nach wenig Minuten mit Beute beladen zurück. Bald loderte ein lustiges Feuer, an den halbverkohlten Ueberresten einer Hütte entzündet, empor, in welches die Kolben zum Rösten gelegt und dann so heiß wie sie waren von den Leuten verzehrt wurden. Den Gewehr bei Fuß stehenden Sudanesen, die ebensowenig etwas zu beißen hatten, da der geringe Proviant, den wir überhaupt besaßen im anderen Boot sich befand, ließ ich denn auch durch einen der Ihrigen einige Kolben rösten, sonst aber die zuverlässigen Leute nicht von ihren Posten weichen.
In Ermangelung von etwas Besserem suchten wir Europäer schließlich auch den knurrenden Magen mit frischen Maiskörnern zu befriedigen bis Fairbrain mit einigen Bisquits und einer Dose Jam, die er unter seinen Sachen vermuthete, aufwarten konnte. Während wir nun auf der Erde saßen und die frugale Mahlzeit uns schmecken ließen, dabei erörternd aus welchem Grunde wohl das zweite Boot noch immer nicht sichtbar wäre, das wir doch nicht allzuweit hinter uns vermuthet hatten — stieg in mir plötzlich das Gefühl einer drohenden Gefahr auf und der Gedanke an einen Ueberfall wurde so lebendig, daß ich besorgt die Augen im Kreise herumlaufen ließ und hinter der grünen Wand, die uns umgab, fast mit Gewißheit heranschleichende Feinde vermuthete. Wie durch einen übermächtigen Impuls gezwungen sprang ich auf, ehe ich aber den Befehl geben konnte die Gewehre zu ergreifen, sausten im selben Moment die feindlichen Geschosse auf uns.
Als wenn ein geistiges Empfinden vor einer unmittelbaren Gefahr warnen will, so urplötzlich stellt sich die Gewißheit vom Vorhandensein einer solchen dem Geiste vor; es ist als ob das seelische Leben fähig ist, bei abnormen Fällen eine große Gefahr zu erkennen und zum Bewußtsein bringen kann d. h. mit einem für uns unbegreifbaren äußeren Empfinden in Verbindung tritt. Es scheint mir, als wenn diese unmittelbar gegebenen Warnungen zur Erhaltung des Lebens dienen sollen und dem Seelenleben die Möglichkeit gegeben ist, selbst die Fessel, welche die Seele bindet, zu erhalten. Dieses Unfaßbare, das in ungewöhnlichen Momenten nur zum Bewußtsein kommt, muß zur Erkenntniß führen, daß wir ein Theil des gewaltigen Urgeistes sind, mit dem der unsrige, obgleich nur im beschränktesten Maße, zuweilen in Verbindung treten kann. Ich vermag außer diesem noch auf zwei Fälle hinzuweisen, wo in gefährlicherer Lage zwar, doch in gleicher Weise solche Vorwarnung, wie ich das Empfinden nennen möchte, mir das Leben gerettet hat.
In diesem Falle entging ich der tödtlichen Kugel, indem ich aufsprang und dadurch einen neben mir stehenden Sudanesen veranlaßte einen Schritt vorzutreten, dem im selben Moment das auf mich gerichtete Geschoß auch traf, dessen rechte Hand zerschmetterte sowie durch den rechten Oberschenkel noch hindurch fuhr. Der Feind hatte sich tollkühn von einer Seite herangeschlichen von der wir ihn nicht erwarten konnten und trotz der Wachposten ungesehen aus sicherem Hinterhalt feuerte. Dem dumpfen Schall nach zu urtheilen war die Salve mit Vorderlader abgegeben worden, und da nun ein schnelles Laden dem Feinde nicht möglich war, so mußte sich dieser zurückziehen, während wir sofort ein Schnellfeuer nach jener Richtung hin von welcher die Schüsse gefallen waren eröffneten.
Eine große Verwirrung herrschte im ersten Moment, verursacht durch die wilde Flucht der Atonga, die Ottlich und Fairbrain mit sich reißend, vom Ufer in den Fluß sprangen und zum größten Theil hinter dem hohem Schilf Deckung suchten; erst von dort aus feuerten sie ihre Gewehre ab und gefährdeten die unvernünftigen Kerle, denen ich mich vergeblich entgegengestellt hatte, die Zurückgebliebenen derartig, daß ich mit den Sudanesen weichen mußte, wollten wir nicht von den um uns pfeifenden Kugeln der Atonga getroffen werden. Diese zügellosen Kerle, auf keinen Zuruf achtend, feuern blind drauf los, und ehe sie abdrücken wenden sie den Kopf weg oder machen die Augen zu.
Die Absicht der in das Boot geflüchteten Atonga, die dasselbe vom Ufer abzustoßen suchten, veranlaßte mich, wenn ich nicht mit den Sudanesen abgeschnitten werden wollte, ebenfalls hineinzuspringen und die vergeblich gegen das kopflose Hantiren der Atonga ankämpfenden Europäer zu unterstützen. Sofort entriß ich den Atongas die Waffen, trieb die im Boot zusammenhockende Besatzung auf und ließ, nachdem Fairbrain den Schwerverwundeten hineingeholfen hatte, dasselbe abstoßen.
Während nun das Boot langsam abtrieb kamen die im Wasser und Schilf sitzenden Atonga, die ich erst mit drohend erhobener Waffe zum Gehorsam zwingen konnte, heran, klammerten sich fest und ließen sich mit in die Tiefe des Wassers reißen. Es währte wohl acht Minuten, ehe der Kapitao alle über das Heck ins Boot geschafft hatte; ich lud sie zwar auch nicht mit sanften Worten ein sich zu beeilen, denn aufgebracht durch solche Feigheit, dazu behindert das wieder eröffnete feindliche Feuer erfolgreich zu erwiedern, half ich den Zögernden handgreiflich nach.
Sobald wir indes aus dem Bereich der feindlichen Geschosse gekommen waren, die meistens über das Boot hinweg sausten, brachte ich erst wieder unter die von der Panik erfaßten Leuten Ordnung, dann aber hieß es abermals vorwärts. Möglichst schnell suchte ich mich alsdann, da mir zwei Gewehre als verloren gemeldet wurden, darüber zu vergewissern, ob die Waffen am Lande zurückgelassen seien, weil ich den Angaben der Leute, sie hätten solche schwimmend fallen lassen müssen, nicht recht glaubte, so beschloß ich denn an derselben Stelle nochmals zu landen.
Das zweite Boot, wie ich bald erfahren sollte, hatte nicht allzuweit von uns entfernt ebenfalls Station gemacht und die Insassen sich an dem mitgeführten Proviant gütlich gethan, ohne weiter daran zu denken, daß im ersten absolut nichts zu beißen sei; sie wurden durch das nahe heftige Gewehrfeuer aus ihrer Mittagsruhe dann plötzlich aufgeschreckt und so sah ich dasselbe um die nächste Flußbiegung herumkommen, als ich gerade im Begriff war wiederum zu landen. Als dann beherzte Leute, gedeckt durch schußbereite Waffen, auf den Kampfplatz zurückgesandt waren, brachten diese nichts weiter als einen vergessenen Riemen mit; daraus wollte ich im Wasser weitersuchen lassen, konnte aber keinen rechten Erfolg erzielen und mußte, um nicht zu viel Zeit zu verlieren, das Suchen nach den Waffen aufgeben.
Die nächste Sorge war den Schwerverwundeten zu verbinden, der leise stöhnend auf meinen Sachen niedergelegt worden war; der Mann ertrug die großen Schmerzen wie ein echter Soldat und hatte während der Zeit, wo sich niemand um ihn kümmern konnte kaum einen Schmerzenslaut hören lassen, nur ein leises Klagen, vom Gewehrfeuer übertönt, konnte ich mitunter vernehmen. Aus Vorsicht genügend mit Verbandstoffen versehen, hatte ich die Hand, die in ihrer ganzen Breite durchschossen war, bald verbunden und sah dann erst, als der Mann sich nicht erheben konnte, daß die Kugel durch das dicke Fleisch des Oberschenkels gegangen war; konnte aber anfänglich nicht verstehen wie eine Bleikugel so glatt durch diese Körpertheile hindurchgehen konnte — eine solche hätte eine viel schwerere Wunde am Ausgangspunkt verursachen müssen — bis mir die Gewohnheit der Eingeborenen, mit eisernen Kugeln zu schießen, einfiel.
Noch mit dem Sudanesen beschäftigt, der so gut als es der Raum im Boote gestattete gebettet wurde, hatte der Feind, unsichtbar für uns, vom hohen Busch und Gras gedeckt, das Feuer wieder eröffnet und den Kampf aufs Neue begonnen. An Zahl uns bedeutend überlegen, was aus den zahlreich auf uns abgegebenen Schüssen zu vermuthen war, in sicherem Hinterhalt hinter Baum und Strauch wohl geborgen, blieb uns nur übrig auf solche Punkte zu zielen, wo der Pulverdampf aufstieg, und unsere sicheren Kugeln belehrten dem Gegner bald, daß es nicht rathsam sei sich bis zum Uferrande vorzuwagen.
Die Erfahrung mit den Atongas hatte mir gezeigt, wie ungeschickt diese Leute mit dem Gewehre hantirten und um Unheil zu verhüten, ließ ich allen die Waffen, bestehend aus englischen Schneiderbüchsen und Martini-Henry-Gewehre, abnehmen, nur die Europäer und Sudanesen feuerten. Zwar hatte das Salvenfeuer aus beiden Booten, die nun möglichst dicht nebeneinander blieben und der Mitte des Flusses vorgingen, immer den Erfolg, daß das feindliche Feuer zum Schweigen gebracht wurde, sobald aber die Vorderlader wieder geladen und sichere Deckung dem Feinde sich darbot, ward es so heftig, daß wir große Verluste hätten haben müssen, wenn die Kerle hätten besser schießen können. Die Kugeln hißten und pfiffen zwar von allen Seiten um uns, dennoch gingen dieselben meistens zu hoch oder setzten zu kurz auf das Wasser auf und sausten hinter oder vor den Booten vorüber.
Daß wir im Stande gewesen dem Feinde das Feuern aus einem rechten Winkel zu verleiden, bewahrte uns vor schweren Verlusten, denn derselbe konnte nur selten mehr breitseits auf uns schießen, was er anfänglich hinter dicken Bäumen gedeckt, voll ausgenutzt hatte. Um besser zielen zu können stand ich die erste Zeit im Boote noch ungedeckt, wurde indes bald inne, wie die meisten Kugeln auf mich gerichtet waren, und der Kapitao neben mir klappte jedesmal zusammen, wenn ein pfeifendes Geschoß in unheimlicher Nähe vorüberflog. Schon um die Leute nicht so zu gefährden, die, wenn das Feuer heftiger wurde sich niederduckten und das Boot nicht vorwärts brachten, mußte ich unter das Grasdach des Bootes zu den anderen treten, damit ich dem Feinde nicht mehr als direktes Zielobjekt diene; obgleich dadurch nicht viel geändert ward, denn die Feinde wußten, daß unter dem Sonnendach die Europäer verborgen waren und richteten nur die Geschosse auf dieses.
Es war ein Glück, daß die Waffen der Feinde so schlecht und sie mit diesen so wenig ausrichten konnten, sonst hätten sie uns, wenn wir bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Flusses tieferes Wasser suchend, den feindlichen Stellungen unheimlich nahe kamen, schweren Schaden zufügen können; auch schienen sie es nicht zu wissen, wie leicht man durch Durchlöchern der Boote diese zum Sinken bringen kann! Nur einige Kugeln, ohne direkte Absicht wohl, streiften mein Boot. Indes nicht alle Kugeln verfehlten ihr Ziel, manche fand ihren Weg durch die Grasdächer aufs Geradewohl hingeschickt, Knuth und manch anderer von uns entging den tödlichen Geschossen nur durch Zufall.
Unendlich langsam kamen wir vorwärts, wie sehr die Leute auch angetrieben wurden, immer suchten sie sich zu decken und manchmal, wenn der Feind uns stark beschäftigte, trieben die Boote mit dem Strom und boten diesem die Breitseite dar; unaufhörlich mußte ich die Leute anfeuern und aufmuntern und meine Aufmerksamkeit nach allen Seiten richten. Mehrmals auf Grund gerathen, da wir uns dem rechten Ufer nicht nähern durften, weil auch von dorther schon auf die Boote gefeuert worden war, mußte ich stets mit gutem Beispiel vorangehen und energisch die Besatzung, die kopflos geworden, zur Pflicht zurückbringen.
So dem Feuer der Feinde in den offenen Booten preisgegeben, der unsichtbar für uns am Ufer entlang lief und immer wieder Deckung suchte und fand, wurde uns die Zeit zur Ewigkeit — die verflossenen zwei Stunden, seitdem wir dem Feuer so ausgesetzt, waren namentlich für die zitternden Atongas, die unthätig im Boote wie eine Heerde Schafe übereinanderlagen, eine physische Qual. Nach einem äußerst heftigen Angriff, der Feind hatte vorzügliche Deckung gefunden und uns den Weg verlegt, den wir aber glücklich durch Salvenfeuer abschlugen, machte ich mich während der darauf folgenden kurzen Gefechtspause daran, das Geschütz aufzustellen, aber soviel ich mich auch abmühte, es war nicht möglich dasselbe in dem überfüllten Boote in eine feste Lage zu bringen; nur für den Feind gut sichtbar, konnte es als Schreckmittel dienen. Noch damit beschäftigt, erneuerte der Feind den Angriff, und jetzt von zwei Seiten beschossen, wurde die Situation etwas unheimlich, zumal auch die Bootsleute den Gehorsam verweigerten. Der Kapitao, dem ich mich allein nur verständlich machen konnte, war vollständig gebrochen, sodaß er keine Aufforderung noch Befehl an seine Leute abzugeben im Stande war und als dazu die Atonga in den Fluß springen wollten, zweifelte ich fast an ein Weiterkommen; für eine kurze Zeit schien es, als sollte unser Vordringen ein Ende haben. Wäre es nicht die Furcht vor den Feinden gewesen, welche die Leute abhielt zu fliehen, ich glaube wir Europäer und die Sudanesen wären bald allein gewesen. Ich hatte das linke Ufer dem anderen Boote überlassen und wandte mich, selbst das Boot lenkend, dem rechten zu, wo ich einen an Zahl nur schwachen Gegner vermuthete, den ich mit unsern sechs Gewehren leichter beizukommen gedachte um wenigstens das eine Ufer frei zu haben und das andere, wenn es nicht anders ging mit Granaten zu säubern.
Zu einer Landung freilich hätte ich mich erst in der äußersten Noth entschlossen, wenn absolut keine Aussicht mehr vorhanden gewesen wäre, die Leute vorwärts zu bringen, denn, der Bootsleute und der Atonga durchaus nicht sicher, wäre es ein gefährliches Wagstück gewesen das Ufer zu betreten. Je näher wir nun dem Ufer kamen und die Salven in das dichte Gebüsch hineinsandten, jeden aufblitzenden Schuß mit einem Kugelhagel beantworteten, desto schwächer wurde das feindliche Feuer, und wir hatten die Genugthuung von der einen Seite fernerhin unbelästigt zu bleiben. Mit neuem Muth beseelt nahmen die Bootsleute wieder ihre Stangen auf und brachten das Fahrzeug vorwärts, woraufhin das andere Boot auch folgte und ein vereintes Vorgehen möglich wurde. Die Nothwendigkeit, vorzugehen, überwog alle Bedenken, zurück durften wir um keinen Preis, sollte nicht das Schicksal der eingeschlossenen Engländer besiegelt sein, auch unsern Verwundeten mußte schleunige Hilfe werden, sollten die Armen nicht noch viele Stunden ihrer Qual ausgesetzt bleiben. — Vor uns lag die einzige Hilfe für uns alle! denn wäre es dem Feinde gelungen uns zurückzutreiben, für die schlimmsten Folgen hätten wir nicht sorgen brauchen.
Wohl unter dem Einfluß übergroßer Furcht und in der Hoffnung vielleicht, die Boote würden umkehren, wurde mir auf meine Frage, wie weit ist es noch bis Perisi, die ich des öfteren an den Kapitao richtete, immer das Gleiche geantwortet »Mbale sana bwana« (sehr weit Herr). Will der Neger einen Abstand zwischen zwei Orten näher bezeichnen, die beträchtlich weit von einander entfernt liegen, wird er die Bezeichnung »sehr weit« mit entsprechenden Gesten begleiten und man kann dann voraussetzen, daß es wirklich eine nicht unbedeutende Entfernung ist, die er andeutet; hingegen wird man aber auch getäuscht, wenn er einen Abstand nur als klein bezeichnet; denn schnell zu Fuß legt der Neger ganz andere Distanzen zurück und ich habe öfter gefunden, daß ein Weg für mich sehr lang war, der mir als kurz bezeichnet wurde. Das Sicherste ist sich von einem Eingeborenen, der keinen Begriff von einer gemessenen Entfernung hat, den Stand der Sonne beschreiben zu lassen, wie dieser sein wird, wann der betreffende Ort erreicht ist, darnach läßt sich dann ungefähr eine Distanz abschätzen.
Wir waren an einem Wendepunkt gekommen, der glücklich überwunden war, sobald die Boote wieder vorwärts gingen; und namentlich als die beiden heftigsten Angriffe des Feindes abgeschlagen waren, der die letzten Versuche gemacht hatte uns zum Rückzug zu zwingen. Nicht die eigenen Verluste waren es, die ihn das Feuer allmählich einstellen ließen, sondern, sobald wir eine Strecke weiter gekommen, traten Baum und Busch mehr vom Ufer zurück und boten keine genügende Deckung mehr; auch begünstigte das breiter werdende Fahrwasser unsere Stellung und ein Boot voraus, das andere dahinter, so folgend, daß freies Schußfeld gehalten wurde, ließ ich mit unseren weitreichenden Gewehren die einzelnen Gebüsche unter Feuer nehmen, um ein Ansammeln des Feindes zu verhindern. Der Erfolg war gut, und nur verhältnißmäßig schwaches Feuer erhielten wir fortan. Viel haben wir von unsern Gegnern nicht zu sehen bekommen während des dreistündigen Kampfes; manch ein schwarzer Bursche aber, der sich aus dem Bereich unser Waffen wähnend, vorwitzig hinter einem Baumstamm hervortrat oder auslugte ob sein abgefeuerte Kugel das Ziel getroffen, zahlte theuer für seine Kühnheit, wenn ihn nicht ein fehlendes Geschoß belehrte, schleunigst sichere Deckung zu suchen und für die Europäer unsichtbar zu bleiben!
Nun endlich konnten wir freier athmen — uns kümmerten nicht mehr die vereinzelt aus größerer Entfernung zugesandten Geschosse, wenn sie hinter uns her auf dem Wasser tanzten — und vorwärts ging es mit allen Kräften; die Leute, die wie umgewandelt waren, trieben sich gegenseitig an, ein Kontrast wie ihn nur eine Negernatur aufweisen kann; »Verzweifelnd in Momenten der Gefahr, ist aber die Noth vorüber, wieder die Sorglosigkeit selbst.«
War das Terrain, das von den flacheren Ufern jetzt in eine weite Grassavanne überging, dem Feinde nicht mehr günstig und hatte ihn zum Aufgeben des nutzlosen Kampfes gezwungen, so war die Nähe des englischen Lagers wohl die Ursache, daß er sich nicht eine Strecke weiter flußaufwärts festsetzte, wo wiederum dichtes Gebüsch einen vorzüglichen Hinterhalt geboten hätte, und hier wo der Fluß nur 80 Meter breit, auch die Stromschnelle zu passiren war, auf welcher die Domira sich festgerannt, aufs Neue und gewiß mit besserem Erfolge den Kampf eröffnet haben würde. Eine Viertelstunde später, nachdem der letzte Schuß gefallen, um 4-1/2 Uhr Nachmittags, sahen wir über die Büsche vor uns die Masten der Domira. Waren die Boote noch nicht eilig durchs Wasser getrieben worden, so begann jetzt eine tolle Wettfahrt um zuerst an das Ziel zu gelangen und man hätte nicht meinen sollen, daß vor Schmerzen stöhnende Leute in den Booten gelegen wären — mit solchem Halloh trieben die Bootsleute, die kurz vorher nicht aufzubringen gewesen, die Fahrzeuge dem Ziel entgegen.
Zum englischen Lager gekommen, bot sich uns ein interessantes Bild dar, und wären nicht die vielen Wachtposten, die in Pyramiden aufgestellten Gewehre dem Beobachter sofort aufgefallen, hätte es scheinen können, die hunderte Menschen seien hier nur zu dem Zwecke versammelt, das festgelaufene Schiff wieder frei zu machen. Es wimmelte im Wasser von auf- und niedertauchenden Gestalten, die ringsum das Schiff vertheilt, den Sand unter dasselbe wegzuschaffen versuchten, während an Deck etwa fünfzig Mann von Bord zu Bord liefen und den Schiffskörper in Bewegung brachten, und zu gleicher Zeit mit der Ankerwinde die nach vorne ausgebrachten Taue, aufs Aeußerste straffgespannt, einzuhieven versuchten. Zehn Tage befand sich das Schiff in solcher kritischen Lage und alle Anstrengungen waren bisher vergeblich gewesen; obgleich über sechzig Mann sich an Bord befanden, meistens für die Plantagen angeworbene Atongas, war es den vereinten Kräften doch nicht gelungen, den schweren Körper freizumachen.
Nachdem wir ans Land gekommen waren, wurden wir von dem Kommissar Mister Johnston und den anwesenden Europäern freundlichst begrüßt. Man sah es ihnen an, wie jedem die Hilfe gelegen kam, stand doch die körperliche Abspannung allen auf der Stirn geschrieben; was nicht zu verwundern, da sie während dreier Tage und Nächte kaum die Augen geschlossen, sondern unausgesetzt den Feind abgewehrt hatten, der nur zu gut durch Busch und Baum gedeckt, die tödlichen Kugeln in das fast offene Lager hineingeschickt hatte und niemand die ersehnte Ruhe finden ließ. Ich glaubte es den Engländern gern, was mir im Vertrauen erzählt wurde, daß sie nicht mehr lange hätten Stand halten können: nicht der Feind, gegen diesen hätten sie sich bis zuletzt gewehrt, würde sie zum Nachgeben gezwungen haben, vielmehr der physischen Ermattung hätte jeder schließlich erliegen müssen.
Als ich kurz berichtete, wie heiß der Feind uns zugesetzt, wie schwer es gehalten hatte, die ersehnte Hilfe zu bringen, wurde die Anerkennung dadurch bethätigt, daß den Verwundeten sofort Hilfe gebracht und alle in das provisorische Lazareth geschafft wurden, wo sie neben anderen Leidensgefährten gebettet, von dem Kommissar in Person, der gleicherweise als Arzt fungirte, verbunden und gepflegt werden konnten. Hatte unsere Ankunft allen schon neuen Muth eingeflößt, war es doch vornehmlich das Geschütz auf welches aller Augen mit Spannung gerichtet waren und von dem man sich den besten Erfolg versprach. Schnell war auch eine Position für dasselbe gefunden, indem wir es auf die stumpfe, eilig abgeflachte Spitze eines Termitenhügels hinaufschafften, und dort versicherten, hier konnte es die ganze Gegend beherrschen, die todtbringenden Granaten in die Reihen der Feinde senden, wenn diese noch kühn genug sein sollten den Kampf wieder aufzunehmen.
Bis auf 1500 Meter etwa schätzten wir die Distanz zum nächsten Dorfe, dessen einzelne Hütten über die niedrigen Büsche hinweg sichtbar waren und nachdem ich das Geschütz geladen und gerichtet hatte, hallte der Geschützdonner, hundertfaches Echo weckend, über Fluß und Wald. Die erste Granate schlug mitten in das Dorf hinein. Das krepirende Geschoß mußte die Feinde schnell allarmirt haben, denn diese, die noch nie ein solches Geräusch gehört, wie es eine platzende Granate verursacht, müssen sich sehr gewundert haben, wie der weiße Mann auf so große Entfernung solche gefährlichen Kugeln schießen kann. Die Wirkung des Schusses konnten wir mit unsern Gläsern genau unterscheiden, denn die Dächer der Hütten belebten sich mit Menschen, die neugierig nach dem Lager hinüberschauten. Eine solche Gelegenheit, den Feinden eine derbe Lektion zu ertheilen, ließen wir uns nicht entgehen und da ich die genaue Distanz nun kannte, schickte ich die zweite Granate hinein. Der aufsteigende Pulverdampf bewies uns, das Geschoß sei im Dache der ersten besetzten Hütte geplatzt und ein einstimmiger Ruf von allen Umstehenden erschallte, als die Kerle wie die Fliegen von ihrer luftigen Stellung herunterpurzelten; kaum wohl weil einzelne getroffen waren, sondern mehr aus Furcht und Schreck. Wissen sie auch des weißen Mannes Donnerbüchsen sind gefährliche Dinger, vor denen sie heillosen Respekt haben, so konnten sie nun ein Lied davon singen, und daß es nicht wohlgethan ist im Bereiche der weitfliegenden Kugeln zu bleiben.
Noch mehrere Geschoße hineinzuschicken war zwecklos, mußten wir doch mit unserer werthvollen Munition haushälterisch umgehen, auch lag uns nur daran dem Feinde zu zeigen, daß wir im Stande sind auf großer Entfernung ihn zu beschießen.
Das Lager befand sich noch im primitivsten Zustande und war nur durch eine aus Dorngebüsche und Baumzweigen eilig aufgeworfene Barriere geschützt; einzig um das Zelt des Kommissars hatte man einen stärkeren Verhau aus eingegrabenen Pfählen errichtet, der im Nothfall etwa fünfzig Mann als letzten Zufluchtsort hätte dienen können, aber auch noch nicht vollendet war. Der Feind hatte es immer verhindert Holz herbeizuschaffen, und weiter nichts war erreicht worden als, daß das Terrain auf etwa hundert Schritt im Umkreis von Busch und Gras geklärt war und diese Arbeit hatte erst am Tage unserer Ankunft geschehen können, da aus irgend einem Grunde der Feind seit diesem Morgen den Angriff nicht erneuert hatte.
Die Vorbereitungen zur Nacht, um einen plötzlichen Angriff erfolgreich abzuschlagen, die Vertheilung der Postenkette etc. nahmen die kurze Zeit bis zur völligen Dunkelheit vollständig in Anspruch, und da es beschlossen war, unter dem Schutze der Dunkelheit die Schwerverwundeten flußabwärts nach Matope zu senden, wurden ganz unauffällig die nöthigen Vorkehrungen für deren Transport getroffen, denn einzelne, namentlich der Engländer Steavenson und mein Sudanese, lagen so schwer danieder, daß unter allen Umständen ihnen ärztliche Hilfe zu theil werden mußte. Der Transport wurde auch um 11 Uhr Nachts unter sicherer Bedeckung ausgeführt und im Schutze der Nacht glitt das Boot flußabwärts, begleitet von den Wünschen aller, es möge unangefochten durch das feindliche Gebiet hindurchkommen. —
Verstärkt durch sechs Europäer und der Kerntruppe von Sudanesen, auf deren Zuverlässigkeit unbedingt gebaut werden konnte, war die Lage der Engländer jetzt eine bedeutend bessere und, als alle an der provisorischen Tafel, aus Feldtischen und Kisten aufgebaut, versammelt waren, konnte man wahrnehmen, wie die Stimmung jedes einzelnen eine gehobene war. Jeder blickte auf das weiße Tischtuch so vergnügt, als erwartete er hier in der Wildniß die Freuden eines lukullischen Mahles und knabberte an den herumgereichten Bisquits und einem harten Stückchen Käse mit einem Wohlbehagen, das die Leere der Tafel, die Armseligkeit dieser Hauptmahlzeit nicht zu beachten schien. Von Sattwerden konnte überhaupt keine Rede sein — interessante Themata nur vorübergehend die Gedanken von dem Empfinden ablenken, welches ein knurrender Magen verursacht — ich wenigstens und die mit mir im Boot gewesen, waren sehr enttäuscht, so wenig Eßbares vorzufinden, jeder mußte darauf bedacht sein, auch seinem Nachbar noch etwas übrig zu lassen und man begnügte sich aus diesem Grunde schon mit Wenigem. Aber ein Schelm, der mehr giebt als er hat. Was sonst auf Streifzügen der Fall, daß Ziegen und Hühner erbeutet, Bataten und andere Erdfrüchte vorgefunden wurden, dies fiel alles bei den eingeschlossenen Engländern fort; der Feind hatte sein ganzes Hab und Gut in die sicheren Berge entführt, und nur die fast reife Ernte, Mais und Mtama, preisgeben müssen. Haufen dieses Getreides lagen im Lager aufgestapelt an welches die Leute sich gütlich thaten, Noth brauchten die nicht zu leiden, mit den Vorräthen für Europäer dagegen sah es aber sehr traurig aus, was an Konserven vorhanden war, damit mußte sehr sparsam umgegangen werden. Indes so lange nur noch Genießbares vorhanden, wird der Mangel nicht allzusehr empfunden; in der afrikanischen Wildniß darf man es nicht so genau nehmen. Zu Zeiten lebt man im Ueberfluß d. h. an Wild und einheimischen Naturalien, zuweilen muß aber auch der Leibgurt fester geschnürt werden, nach der Methode wie es der Neger macht, der sich den Magen zusammenpreßt, um den Hunger weniger zu empfinden.
Außer der zum Lazarett eingerichteten Hütte waren nur noch zwei vorhanden, in denen die Europäer so gut es ging Unterkunft gesucht hatten, aber für die Hinzugekommenen mußte nun noch Platz geschafft werden, deshalb, wer es sich leisten konnte, schlug seine Lagerstätte außerhalb unter den überhängenden Dächern auf, was entschieden vorzuziehen war, da in den rauchgeschwärzten Hütten der Aufenthalt für Europäer durchaus kein angenehmer war. Nicht allein die widrige Luft war belästigend, vielmehr machten die ungezählten Ratten ihr Recht geltend und suchten die ungebetenen Eindringlinge zu vertreiben. In dem Erntevorrath, Matamabüscheln in Schaaren hausend, war es ein Jagen, Quieken und Rascheln und man mußte gute Nerven haben, um dabei Ruhe zu finden; doch nicht genug damit, im Uebermuth oder gegenseitigem Verfolgen sprangen die Nager auf die Schläfer herab und nahmen im tollen Spiel ihren Weg über Gesicht und Hände. Im Besitze einiger schön weichgekochter Maiskolben, die mir der Sudanesenschausch (Unteroffizier) als Nachkost gebracht hatte, legte ich mir den Ueberrest am Kopfende mit der Absicht, am Morgen daran noch ein Frühstück zu haben; jedoch hatte ich nicht die ungenierten Gäste in Betracht gezogen, die im Eifer, von der köstlichen Frucht zu naschen, mein Gesicht als Tummelplatz erwählten und, als ich den Schaden recht besah, mich um meinen kleinen Vorrath gebracht hatten. Es wimmelt in jeder Hütte von diesem Ungeziefer und hätte man sich von dieser Plage befreien wollen, wäre nichts anderes übrig geblieben, als solche Behausung niederzubrennen!
Da der Feind allnächtlich die Belagerten in Aufregung erhalten hatte und vorausgesetzt werden konnte, derselbe würde im Schutze der Nacht seine Angriffe erneuern, so gebot schon die Vorsicht äußerste Wachsamkeit; deshalb kontrolirten die Europäer unausgesetzt die lange Postenkette und führten Patrouillen bis außerhalb des Lagers, wo auf einem hohen Termitenhügel, der von den Ameisen um den Stamm eines mächtigen Baumes aufgebaut worden, eine Art Verhau errichtet war, besetzt von einer starken Wache. Eine Nothwendigkeit, wie solche bei dem unzuverlässigen Neger angewendet werden muß, denn mag der Posten, zu dessen Schutze er aufgestellt ist, noch so gefährdet sein, er wird es nicht begreifen, warum er nicht schlafen soll, wenn er müde ist! Die Folge war, daß jeden Morgen eine Anzahl Atonga und Makua bestraft werden mußte, um es den Leuten begreiflich zu machen, daß sie auf Posten die Augen aufzuhalten hätten. Am nächsten Morgen, Sonntag den 12. Februar, zogen schon in aller Frühe starke Patrouillen aus, die das waldige Terrain zu sondiren hatten, eventuell auch, wie es Tags zuvor dem Mister Sharp, Sekretär des Kommissars, bei einem Ausfall gelungen, im Hinterhalt liegende Feinde zu überraschen. Diesen wieder folgten starke Arbeiterkolonnen unter Aufsicht von Sudanesen, die das vorliegende Terrain zu säubern und Material zum Palisadenbau heranzuschaffen hatten; weiter vorgeschobene Piquets sicherten diesen Abtheilungen einen allenfalls nöthig werdenden Rückzug.
Zurückkehrende Leute brachten unter anderem in verlassenen Hütten gefundene Holztafeln mit, auf denen in kunstloser Schrift arabische Coransprüche gemalt waren, die als ein Glaubensbekenntniß solcher Einwohner anzusehen sind, die sich zu Mohamed bekennen, obwohl sie von dessen Lehren herzlich wenig verstehen. Die meisten dieser Bekenner des Islams sind entlaufene Sklaven, die bei fremden Stämmen eine Zuflucht gefunden haben, sie werden, da sie intelligenter und gewitzter sind, im gewissen Sinne die Träger dieser in Afrika so weit verbreiteten Lehre. Mit den Gewohnheiten ihrer ehemaligen Herrn vertraut und nun bestrebt in der wiedergewonnenen Freiheit selbst die Herren zu spielen, ist ihr Einfluß auf niederer Kulturstufe stehenden Bewohner dieser Distrikte, nicht zu verkennen; leider aber sind es meistens solche Charaktere, die rücksichtslos gewonnene Vortheile ausnützen und nur zu oft die harmlosen Bewohner in Schwierigkeiten verwickeln, die dann dafür büßen müssen. Der Suaheli z. B. blickt mit tiefer Verachtung auf diese Volksstämme herab, wird aber stets eine dominirende Stellung unter ihnen einnehmen, sobald er gezwungen oder freiwillig seinen Aufenthalt hier im Lande wählt. Deserteure dieser Art hatten wir unter unsern Suahelis ebenfalls; bei den mächtigen Häuptlingen am Nyassa willkommen geheißen, zogen sie ein Herrenleben im fremden Lande der Abhängigkeit vor!
Im Vergleich zu den in das Lager gebrachten Tafeln habe ich verschiedentlich in Dörfern, Häuser mit arabischen und Suaheli-Schriftzeichen verziert gefunden, die den Namen des Besitzers oder Sinnsprüche darstellten, dagegen auch wiederum Hütten, deren Lehmwände mit Arabesken beschmiert waren, denn anders kann man die darstellenden Gebilde von Crocodilen, Vögeln und Menschen nicht bezeichnen. Unschwer läßt sich zwar erkennen, was diese Zeichnungen darstellen sollen, allein sie genügen nicht Mal den bescheidensten Anforderungen als solche, auch einen Sinn oder Zusammenhang habe ich nicht ermitteln können, wenn sie nicht als Sinnbilder heidnischen Aberglaubens zu deuten sind; übrigens muß man nach solchen Anzeichen suchen, einem flüchtigen Beobachter fallen sie nicht auf.
Um 10 Uhr Morgens etwa traf ein Boot mit wichtiger Nachricht für den Kommissar im Lager ein, das sich während der Nacht von Mpimbi flußaufwärts gearbeitet hatte und nach Aussage der Bootsleute wären sie noch unterhalb Perisi beschossen worden. Dasselbe brachte mir auch eine Nachricht vom deutschen Lager, wonach dort alles gut stehe, nebenbei einen Brief, der vergessen worden war an mich abzugeben, denn erst nach meiner Abfahrt von Mpimbi hatte Brückner sich desselben erinnert. In diesem theilte mir der Transportführer v. Eltz aus Katunga mit, daß ich den Engländern in keiner Weise Unterstützung gewähren möchte, vor allem ihnen das Geschütz nicht überlassen solle. Würde der Fall eintreten und sollten die Engländer unserer Hilfe bedürfen, wäre Dr. Röver, der von Blantyre nach Mpimbi unterwegs ist, mit näherer Instruktion versehen auch über unsere Zwecke unterrichtet.
Dieser Brief, der vom 2. Februar datirt war, hätte meine Entschließungen in der Nacht zum 11. beeinflussen müssen, wenn mir derselbe zur rechten Zeit übergeben worden wäre, wenigstens hätte ich nicht der mündlichen Aufforderung des englischen Abgesandten, Hilfe zu bringen, so schnell nachgegeben und, wenn ich auch um der eigenen Sicherheit willen Unterstützung gesandt haben würde, so wäre doch weder ein Europäer noch das Geschütz mit den zur Verfügung gestellten Soldaten abgegangen. Der Zufall hat es aber anders gefügt. Die Kenntniß davon, ich solle keine Hilfe aus mir unbekannten Gründen leisten, würde mir nur die Entscheidung noch schwerer gemacht haben, und doch glaube ich, zwischen Pflicht und Selbsterhaltung hätte ich die letztere gewählt, zumal ich in der schnellen Befreiung der Engländer aus ihrer Bedrängniß, die Sicherheit der eigenen Lage ersah. Zufrieden mit dem wie es gekommen, hatte ich nur den Wunsch, nach Mpimbi zurückkehren zu können. Aber zum Grübeln und Nachdenken blieb mir keine Zeit, die Kräfte eines Jeden im Lager waren voll in Anspruch genommen und während andere Europäer starke Verhaue errichteten, oder mit Patrouillen auszogen, hatte ich den Aufbau einer Pallisadenwand übernommen. Auch schwand bald die Besorgniß, der Feind, der hier bei Perisi eine zu starke Macht gefunden, könne sich rückwärts gewandt haben und vielleicht mit überlegener Zahl mein Lager gefährden. Noch beschäftigt damit das Lager mit allen Kräften gegen einen feindlichen Ueberfall zu sichern, wurden wir kurz nach Mittag durch einen plötzlichen Angriff der Gegner alarmirt; am anderen Ufer nämlich hatte sich der Feind im dichten Ufergebüsch festgesetzt und die »Domira« beschossen. Wir erwiderten das Feuer sogleich, indem wir alle schnell mit eingriffen, auch das Geschütz gebrauchten und eine vom Ufer zurückliegende Hütte, in welcher der Feind vermuthlich Schutz gesucht hatte, mit Granaten beschossen, der sich auch bald aus dem Bereich der gefürchteten Geschosse zurückzog.
Da wir mit Recht vermuthen konnten, die Bewohner des schon am vorigen Tage mit Granaten überschütteten Dorfes wären über den Fluß gesetzt und hätten den Angriff unternommen, so wurden schnell sämmtliche Atonga beordert, einen Ausfall dorthin zu machen, mit der Ordre das Dorf im ersten Anlauf zu nehmen und in Brand zu setzen. Hierbei war in erster Linie die Absicht, den festen Halt des Feindes zerstören zu lassen, maßgebend, sollte es nicht gelingen, dann ließe sich der Gegner vielleicht verleiten, die Atonga zu verfolgen und würde, ehe er sich zur Flucht wenden könne, durch das sichere Feuer der Europäer schwere Verluste erleiden. Ohne jeden Beistand, geführt nur von den Kapitaos, war es den aufziehenden Atongas überlassen, die Methode ihrer Kriegsführung in Anwendung zu bringen. Mit begreiflicher Spannung erwarteten wir Europäer den Ausgang des kommenden Kampfes und, als es übermäßig lange still blieb, bemächtigte sich unser die Ungeduld. Bis plötzlich dumpf herüberhallende Schüsse anzeigten, die durch Gras und Maisfelder schleichenden Atonga hätten den Feind erreicht, der wachsam und noch zahlreich zu sein schien, den Angriff abzuwehren. Es schien anfänglich, als hätten sich die Atonga zur Flucht gewandt und würden verfolgt, was auch der Fall gewesen ist, sie haben sich aber schnell gesammelt und trieben nun ihrerseits durch ihre bessere Bewaffnung den Feind zurück in das Dorf, begnügten sich indes eine Zeitlang aus sicherem Hinterhalt zu schießen, ohne das Dorf zu nehmen. Bald nachdem das Feuern eingestellt worden war, erscholl ihr Triumphgeschrei, auch währte es dann nicht mehr lange, bis sie, ihren Kriegsgesang heulend, in langer Linie anmarschirt kamen.
Als Siegestrophäen überbrachten sie Bogen und Pfeile, sowie das auf einen Speer gesteckte Ohr eines gefallenen Feindes; diese Beute legten sie zu Füßen des Kommissars nieder und schickten sich dann an, ihren Kriegstanz aufzuführen. In langer Linie aufgestellt, von den Kapitaos schnell geordnet, sprangen einige Vorsänger vor die Front und begannen unter grotesken Sprüngen, die Waffen schwingend, ihre Kampfweise aufzuführen, wobei der ganze Chor mit in den Gesang einstimmte. Waren die Tänzer ermattet, sprangen immer wieder andere vor, die jedes Mal einen anderen Gesang anstimmten; klang die Melodie auch etwas eintönig, so lag in manchen Strophen doch ein harmonischer Zusammenhang, der selbst für das Ohr eines Europäers etwas Angenehmes hatte. Man gewann aber doch einen Einblick, wie diese Volksstämme, wenn sie zu tausenden von einem siegreichen Zuge heimkehren, endlos ihre wilden Tänze aufführen und Siegesfeste feiern. — Endlich erschöpft, hielten die Atonga inne und im Bewußtsein, große Krieger zu sein, erzählten sie sich an ihren Feuern im Lager ihre Heldenthaten.
Der Commissar Mister Johnston, der vorläufig einen größeren Ausfall nicht beabsichtigte, bevor nicht der Pallisadenbau in einer Weise fertig gestellt war, daß die aufzuführenden Befestigungen einem kleinen aber starken Fort entsprächen, hatte, als ich ihm meine Absicht mit der an diesem Tage freigekommenen »Dormira« abzureisen, mittheilte, nur den Wunsch, Soldaten und Geschütz für einige Tage noch behalten zu dürfen. Die Lage habe sich ja auch so weit geklärt, daß der Feind es nicht mehr wagen werde, gegen seine bedeutend stärkere Position anzustürmen und so könne er die von Katunga erwartete Verstärkung getrost abwarten.
Am 14. Mittags war die »Dormira« endlich bereit. Die Abfahrt des Schiffes hatte sich durch Herbeischaffung von Feuerholz, sowie durch die vorgenommenen Befestigungen an Bord, (namentlich war die Kommandobrücke mit allem möglichen Material geschützt worden,) sehr verzögert. Aus dem Grunde, weil im Lager für die Europäer herzlich wenig zu essen war, hätte ich die Handwerker, die ungern zurückbleiben wollten, gerne mitgenommen, aber den Engländern Soldaten und Geschütz ohne spezielle Aufsicht zu überlassen, das ging nicht, darum mußten diese bleiben.
Beim Abschied versicherte mir der Kommissar noch seiner vollen Unterstützung in allen Fällen, wo wir solche bei unserm großen Unternehmen bedürfen würden, sonst aber that er keiner der Zusagen Erwähnung, die vor wenig Tagen sein Abgesandter im deutschen Lager gemacht hatte und was erstere anbetrifft, so haben wir späterhin jede Gefälligkeit überreich vergolten.
Gleich anfänglich, sobald das Schiff die Anker gelichtet hatte und mit dem Strome flußabwärts glitt, wurde die beträchtliche Anzahl Schwarzer an Bord in den Vorder- und Hinterräumen untergebracht, damit sie den feindlichen Kugeln nicht ohne Schutz ausgesetzt wären, während die Europäer auf der Kommandobrücke mit Waffen bereit standen und scharfe Ausguck nach den Ufern hielten. Mit Strom und Dampfkraft ist es auf solchem Fluß ein schlechtes Fahren und große Aufmerksamkeit nöthig, den vielen Untiefen sicher aus dem Wege zu gehen; läuft das Schiff aber fest, kostet es viele Mühe es wieder frei zu bekommen. Indes während der Zeit, daß wir auf feindliche Schüsse gefaßt sein konnten ging alles gut, auch ließ sich kein Feind blicken und das linke Ufer schien vollständig verödet zu sein. Erst weit unterhalb Perisi sahen wir auf dem rechten Ufer wieder Menschen, die jedoch friedlich das vorbeiziehende Schiff betrachteten und kein Zeichen irgend welcher feindlichen Gesinnung gaben; nebenbei war unter allen an Bord ausgemacht, daß, sollten sich Leute am Ufer zeigen, keiner eher Feuer geben solle, als bis genügende Veranlassung dazu vorhanden sei, es wäre zum wenigsten nicht hübsch gewesen wehrlose Feinde niederzustrecken.
Etwa eine halbe Stunde oberhalb Mpimbi, liefen wir, da der Führer im Glauben war, er habe freies Wasser vor sich und deshalb mit voller Dampfkraft fuhr, plötzlich so fest auf eine Untiefe auf, daß es stundenlanger Mühe bedurfte, das Schiff wieder frei zu bekommen. Mit vereinter Dampf- und Menschenkraft, und allen in das Wasser gesandten Schwarzen, die den Sand unter dem Schiff wegschafften, gelang es denn doch schließlich, den Dampfer wieder in tieferes Wasser zu bringen, so daß wir, wozu anfänglich wenig Aussicht vorhanden war, doch noch gegen Abend Mpimbi erreichten. Ehe wir noch die Insel, auf welcher der Häuptling Tschikusi seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, etwa eine Viertelstunde oberhalb Mpimbi gelegen, erreicht hatten, sahen wir mächtige Rauchwolken hinter dem das Lager verdeckenden Wald aufsteigen, und unwillkürlich drängte sich mir die Besorgniß auf, das deutsche Lager müsse in Brand stehen. Diese Annahme, von allen getheilt, da sich keine andere Erklärung dafür finden ließ, war keine angenehme Empfindung für mich, meinen Posten als einen Trümmerhaufen wiedersehn zu sollen und die Befürchtungen, immer von der Hoffnung niedergehalten, der Feind werde nicht so kühn sein und das Lager angreifen, lebten doppelt wieder auf. Mit großer Erwartung näherten wir uns endlich dem Walde — welch' eine Erleichterung aber war es für mich, als ich das Lager unversehrt vor mir liegen sah und wir erkannten, daß hinter demselben die weite trockene Grasebene nur in Flammen stehe, die wahrscheinlich von Feindeshand angezündet, die Vermuthung erweckt hatte, alles sei zerstört! —
Im Lager angekommen fand ich daselbst unsern Expeditionsarzt Dr. Röver schon vor, der wenige Stunden vor mir von Matope eingetroffen war, und bald von allem unterrichtet, erfuhr ich Folgendes:
Mit der Absicht direkt von Blantyre nach Mpimbi zu marschiren, hatte Dr. Röver auf die Zusicherung hin, der Weg durch die Ebene sei von Feinden besetzt, sich genöthigt gesehen nach Matope abzubiegen und von dort zu versuchen, ob er die Reise zu Wasser fortsetzen könne. An diesem Orte war es, wo am Nachmittag des 12. Februar der Transport mit den Schwerverwundeten eintraf und die halbtodten Menschen von Dr. Röver in Behandlung genommen wurden, der auch eine Ueberführung nach Blantyre mittelst Maschilla als gefährlich erklärte und das Boot nach Mpimbi zurückzubringen befahl.
In meinem Hause hatte Mister Steavenson Unterkunft gefunden mit dem ich das einzig darin vorhandene Zimmer fortan theilte; für die Schwarzen wurde so gut es ging anderweitig gesorgt bis alle so weit hergestellt waren, daß sie nach Blantyre geschafft werden konnten.
Weiter erfuhr ich, der nächtliche Alarm am 11. Februar sei dadurch hervorgerufen, daß die Posten herumschleichende Feinde gesehen hatten, die gedeckt unter dem Schutze der Dunkelheit wohl einen Handstreich auszuführen gedachten, aber die Wachsamkeit der Soldaten unterschätzten und mit Gewehrfeuer begrüßt wurden, ehe sie ihre Absicht ausführen konnten. Die sofort unter die Waffen getretene Besatzung gab dann auf solche Punkte Salvenfeuer wo man den Feind vermuthete, der aber, als er sich entdeckt sah, hatte schleunigst das Weite gesucht. Das heftige Feuern in der stillen Nacht hatte auch die Bewohner des Dorfes aufgeschreckt, selbst Herr Scharrer und Berenger, die zufällig die Nacht in ihrer Station anwesend waren, kamen mit den bewaffneten Dorfbewohnern herbeigeeilt, um die Gefahr abwenden zu helfen. Diese Willigkeit von seiten der Einwohner der Aufforderung des Herrn Scharrer zu folgen und das deutsche Lager zu schützen ist um so auffälliger, als sich die Bevölkerung bisher zwar neutral verhalten, doch entschieden mit den Aufständigen harmonirte, und ist es nur dem persönlichen Einfluß dieses Herrn zuzuschreiben, wenn die schwankenden Bewohner Mpimbis anderen Sinnes wurden und insofern die Lage änderten, als sie die Sache des Feindes nicht mehr zu der ihrigen machten. Ihr Häuptling Tschikusi, freilich ganz anderer Meinung, hatte sich aber bisher ruhig verhalten, wenigstens deutete nichts daraus hin, daß er seine Leute zu beeinflußen getrachtet hätte.
Am Abend des 15. Februar kam bei strömenden Regen die vom Commissar von Katunga herbeigerufene Hilfe unter Führung des Kapitän Car und Dr. Harper im deutschen Lager an; es war die Besatzung der Kanonenboote »Herald« und »Mosquito«, 36 Marinesoldaten und 2 Feldgeschütze nebst einigen in Blantyre ansässigen Händlern und Beamten, sowie 200 Träger. In Gewaltmärschen hatte diese Truppe den weiten Weg in wenigen Tagen zurückgelegt; unter der Sonnengluth und Regen dazu viel zu leiden gehabt, sodaß alle aufs Aeußerste erschöpft, froh waren als sie unser Lager erreicht hatten.
Die weite Ebene am Fuß des Schiregebirges war durch die furchtbaren Regengüsse in einen See verwandelt worden, daher mußten die Leute viele Stunden durch fußhohes Wasser waten und dazu die Geschütze auf den aufgeweichten Boden fortschleppen; der große Nebenfluß des Schire, den ich in der Weihnachtsnacht durchquerte war jetzt ein reißender Strom geworden, den zu durchwaten es der größten Anstrengung gekostet hatte. Mithin war es kein Wunder, daß die Hälfte der Mannschaft zu jeder weiteren Aktion vorläufig unfähig geworden war und mehrere sich recht böses Fieber weggeholt hatten.
Wir Deutsche thaten denn auch was in unsern Kräften stand, um der augenblicklichen Noth zu lindern und halfen mit Zeug und Kleidern nach Möglichkeit aus, was freilich bei so vielen Bedürftigen nicht viel sagen wollte. Bei der herrschenden Dunkelheit in dieser so stürmischen Nacht passirte es dazu einigen Europäern, die zum englischen Stationshause, worin die Marinesoldaten Unterkunft gefunden, Ordre zu überbringen hatten, daß sie des schmalen Pfades über dem aufgeworfenen Schützengraben nicht achteten und seitwärts zu Fall kamen, wobei sie, wenn sie nicht ein kühles Bad in dem mit schmutzigen Wasser angefüllten Graben nahmen, so doch sich die Stiefel gehörig vollfüllten; derbe Ausrufe des Unwillens und höchsten Unbehagens zeigten jedesmal an, wenn Jemand, der allzueilig dem Regen sich entziehen wollte, dafür ein nasses Bad eintauschte! Es stellte sich auch als eine Nothwendigkeit heraus, den erschöpften Leuten möglichste Ruhe zu gönnen, um sie nur wieder so weit herzustellen, damit sie fähig würden die Strapazen des Weitermarsches zu ertragen und in den bevorstehenden Kämpfen ihre Kräfte nicht durch körperliche Ermattung versagten. Somit blieben die Engländer zwei Tage noch unsere Gäste. Am 17. traf auch unser Transportführer Herr v. Eltz mit dem Proviantmeister v. Liebermann und noch vier englischen Marinesoldaten als Begleitung von Katunga ein, sodaß nun über fünfzig Europäer in Mpimbi versammelt waren, die sich rüsteten, um die kleine Macht des bei Perisi sich verschanzenden Kommissar Meister Johnston zu verstärken und von dort aus dann die Offensive gegen Lionde zu eröffnen. In diesem Theile Afrikas war noch nie eine so zahlreiche englische Macht versammelt gewesen, zu der wir Deutsche außer den in Perisi weilenden noch ein Kontingent von 15 Soldaten und 3 Europäern, v. Eltz, Dr. Röver und v. Libermann, stellten, sodaß ich, nachdem am 19. früh alle abmarschirt waren, zum Schutze des Lagers nur etwa 20 Mann behielt.
Hatte Mister Johnston auch einmal, als er in große Bedrängniß gerathen, um deutsche Hilfe gebeten, so war ihm die jetzt freiwillig zugeführte doch höchst ungelegen, was ich später aus englischem Munde mehrfach vernommen; es mußte ihm erstens unwillkommen sein, für noch ungebetene Gäste sorgen zu müssen und zweitens die deutsche Hilfe mit in Rechnung zu ziehen, deren er nicht mehr bedurfte. Kam doch hierbei der Nationalstolz in Betracht und fühlte sich verletzt dadurch, daß es nun den Anschein gewann, als könne auch jetzt noch nicht die englische Macht die Situation beherrschen und wäre nicht stark genug ohne fremde Hilfe sich der Feinde zu erwehren. Wie dem nun auch sei, der Kommissar war höflich genug, diese neue Unterstützung nicht zurückzuweisen; mit deutscher Hilfe wurde der Vormarsch auf Lionde angetreten und dieses große Dorf nach kurzem Kampf zerstört. Man war übereingekommen, mit der deutschen Macht auf dem einen, mit der englischen auf dem anderen Ufer vorzudringen, damit der Feind, gleichzeitig angegriffen, nur geringen Widerstand zu leisten im Stande sei; jedoch vertheidigte er sich aber gegen die deutsche Truppe hartnäckiger und der Verlust betrug mehrere verwundete und einen gefallenen Atonga. Mit der Zerstörung von Lionde war auch der Kampf beendet, denn mit dem Verlust des letzten Haltes waren die Feinde auch zersprengt und flohen auf dem linken Ufer meistens in die unzugänglichen Berge, auf dem rechten hingegen nach rückwärts in die längs dem Schire oder landeinwärts unzerstörten Dörfer.
Wohl erforderte es noch manchen starken Druckes, ehe die besiegten Häuptlinge sich ergaben und zu Friedensverhandlungen sich herbeiließen; vor allem die unbedingte Auslieferung der Waffen war eine Forderung, der sie sich nur mit größtem Widerstreben fügten. Auch die geraubten Waffen und das Eigenthum des Mr. Koe, sowie die des später ebenfalls überfallenen Mr. Wetterly mußten wieder herbeigeschafft werden. Die Führer jener Banden aber, welche die Ueberfälle geleitet hatten, büßten ihr Vergehen mit dem Tode.
Die Engländer hatten durch den heraufbeschworenen Kampf nun ihren Zweck erreicht, die Widerspenstigkeit der Häuptlinge war gebrochen und die englische Macht über ein bisher noch freies Land entfaltet. War der Druck der englischen Herrschaft vorher unangenehm, wurde jetzt den Unterlegenen der Fuß in den Nacken gesetzt und harte Bedingungen machten die Macht der Häuptlinge fortan illusorisch.
Auch dem Araber Baccari ben Umari, der seine Hand mit im Spiele gehabt hatte, aber zu schlau war, um gänzlich überführt werden zu können, wurde der Prozeß gemacht; als einflußreicher Mann war er gefährlich, als vermutheter Sklavenhändler wurde er schleunigst des Landes verwiesen.