14. Die Erbauung der Werft.
Auf wie schwachen Füßen die englische Herrschaft hier in Central-Afrika steht ist aus der Anstrengung zu ersehen, welche es gekostet hat, diesen Aufstand niederzuwerfen und hätte nicht die Besatzung der in Katunga liegenden Kanonenboote herangezogen werden können, denen es möglich geworden, soweit den unteren Schirefluß hinaufzudampfen, würde wohl, sofern nicht die gesammte deutsche Macht thatkräftige Unterstützung geleistet, der Kommissar zum Abschluß eines faulen Friedens gezwungen gewesen sein, denn den Kampf fortzusetzen, wäre gegen die zunehmende Siegeszuversicht der Feinde mit so unzureichenden Kräften eine Thorheit gewesen. Die Folge davon war eine beständige Unsicherheit auf allen Land- und Wasserwegen; ist doch der Neger ein unleidliches Subjekt und zeigt seinen Charakter im schlechtesten Lichte, sobald nur ein Schein von Macht in seinen Händen ist und er weiß, daß er ungestraft sich frech und ungebührlich betragen darf. Es wäre auch von englischer Seite zur unbedingten Nothwendigkeit geworden, die Uebergriffe der Häuptlinge zu strafen und den Kampf abermals zu eröffnen in dem Augenblick, wenn die sehnsüchtig erwarteten Sikhs in Blantyre eingetroffen sein würden.
Politische Klugheit und die Einsicht, selbst mit der momentan starken Macht den Kampf nicht lange fortsetzen zu können, bewogen den Kommissar auch nach dem letzten Schlage Unterhandlungen mit dem Feinde anzuknüpfen, der, eingeschüchtert, sich nun zu solchen herbeiließ und willig das Joch der englischen Herrschaft auf sich nahm. Der Feind, wäre er einig gewesen, hätte durch seine Stärke die Kräfte der Engländer schließlich aufgerieben, und daher mußte der Friede geschlossen werden so lange noch die imposante versammelte Macht beisammen und dem Gegner imponirte.
Es ist ein Glück, daß die Bewohner des schwarzen Erdtheils die Macht des Europäers als eine unbegrenzte noch ansehen und solche leicht anerkennen, sobald sie im Guten oder Bösen eine Probe davon erhalten haben, ist aber dieser Nimbus einmal zerstört, dann wehe der kleinen Schaar, die sich in ihrer Mitte wagt, nur ein Aufgebot starker Macht zwingt dann den grollenden Gegner wieder zur Unterwerfung.
Während nun die geschilderten Vorgänge bei Lionde sich abspielten, die Feinde vor der eilig vordringenden Macht in die Berge oder rückwärts flohen, wurde meine Stellung in dem schwachbesetzten Lager gefährlicher als früher insofern, als ich mich viel eher auf einen ernsten Kampf gefaßt machen konnte und gezwungen war, namentlich Nachts die größte Wachsamkeit zu üben. Nach den gemeldeten Nachrichten, es haben sich auf beiden Ufern des Schire Feinde um Mpimbi gesammelt, konnte ich einen Angriff auf meine schwache Stellung erwarten, sobald irgend eine Kunde vom Kampfplatz eintraf, die geeignet war, die im Rücken der Engländer versammelten Haufen mit neuem Muth zu beleben. Ich exerzirte daher meine paar Leute täglich ein, um auf alle Eventualitäten diese möglichst sicher zu haben, ohne jedoch irgend jemand von meiner Voraussetzung auch nur etwas mitzutheilen, denn was so den Anschein einer Uebung hatte, wäre, wenn alle die Besorgniß erfüllt hätte, plötzlich überfallen zu werden, bei den maroden Abessiniern und zu Soldaten untauglichen Suaheli nur von nachtheiliger Wirkung gewesen.
Um die Mittagsstunde des 21. Februar, ein jeder hatte, sofern er nicht durch Ausübung seiner Pflicht davon abgehalten wurde, in Hütte und Haus vor den glühenden Strahlen der Sonne Schutz gesucht und sich im kühlen Schatten der Ruhe hingegeben, ertönten plötzlich in dem das Lager umschließenden Buschwald dumpfe Schüsse aus Vorderladern abgefeuert und so nahe, daß es schien, als habe der unsichtbare Feind die Absicht, aus dem deckenden Dickicht hervorzubrechen. Im Moment war das Lager alarmirt, jeder Mann auf seinen Posten und den Heranziehenden wäre ein schlimmer Empfang bereitet worden, wenn ich nicht jedes voreilige Schießen verboten hätte und keiner eher Feuer geben sollte bis es von einem Europäer befohlen worden war. Diese Instruktion verhinderte zum Glück sofortiges Schießen, auch war ich schnell genug herausgesprungen um noch ein voreilig gegebenes Kommando an der Ausführung zu hindern; kurz nach den Schüssen erschallte auch das deutsche Hornsignal, woraus ich entnahm, daß kein Feind im Anzug war. Gleich daraus erschienen vor der verschanzten Waldpforte die erste Kolonne Atonga, denen in langer Linie viele andere folgten, die Einlaß begehrten.
Der führende Offizier, Leutnant Bronsardt v. Schellendorf, war nicht wenig erstaunt, das Lager so kampfbereit zu finden; klärte aber schnell das Mißverständniß auf, das so leicht sehr üble Folgen hätte haben können, wenn nicht auf beiden Seiten mit Ueberlegung gehandelt worden wäre. Es hatten nämlich gegen sein striktes Verbot einzelne Kapitaos nicht unterlassen können, ihre Vorderlader abzufeuern aus Freude darüber, endlich am Ziel angelangt zu sein, und um die Wirkung dieser unzeitig gegebenen Schüsse sofort abzuschwächen, ließ er schnell das deutsche Signal blasen, was das einzige Mittel noch war, da er nicht so schnell nach vorne springen und dem Feuern Einhalt gebieten konnte. Diese Atonga, 275 an Zahl, waren auf Befehl des Major von Wißmann durch v. Bronsardt in Bandawe angeworben worden, zu der Zeit, als die Vorexpedition an jenem Orte für einige Tage mit der Domira dort gerastet hatte, und von hier, vom Westufer des Nyassa-Sees, durch diesen Offizier bis nach Mpimbi geführt wurden. Der Major, bestrebt, für seine Expedition möglichst viele Kräfte heranzuziehen, da die Trägerfrage der Transport-Abtheilung große Schwierigkeiten bereitete, hatte diese Anwerbung vornehmen lassen, um einen Arbeiterstamm zu beschaffen, der für die Dauer des Schiffbaus zur Verfügung stehen würde und erst entlassen werden sollte, wenn das ganze Werk vollendet wäre. Es war keine kleine Aufgabe und eine nicht zu unterschätzende Leistung mit nur wenigen Soldaten diese Kolonne den weiten Weg von der Mitte des Sees, durch Grassavannen und Gebirgsland, durch das Gebiet unzuverlässiger Häuptlinge, in dieser Zeit des allgemeinen Aufstandes zu führen und obwohl die feindlichen Stämme verschiedentlich den Weitermarsch zu verhindern gesucht, einige Male ernste Rekontre auch stattgefunden hatten, wagten sie doch keinen ernsten Widerstand zu leisten, da der großen Truppe genügend Gewehre mitgegeben worden waren. Anders verhielt es sich mit der Verproviantirung so vieler Leute und es ist sehr erklärlich, daß in den langen Wochen öfters empfindlicher Mangel an Lebensmitteln vorgeherrscht hat, wenn der Verkauf derselben verweigert wurde oder tagelang unbewohnte Gegenden zu durchziehen waren.
Ein tüchtiger Jäger, schaffte v. Bronsardt immer Wild herbei, wo solches zu finden war, und diesem Umstande hatte er es zu danken, daß er oft der Noth gesteuert und noch so viele Leute hatte mitbringen können, denn die Aussicht auf frisches Fleisch hielt in Tagen der Entbehrung die Leute zusammen, die sonst dem Beispiel vieler anderer gefolgt und desertirt wären, so lange es noch Zeit und nicht feindliche Stämme dem einzelnen den Rückweg abgeschnitten hatten.
Erwähnen will ich hier gleich, daß die Kultur des Tabakbaues von den Atongas am Nyasse-See als Spezialität besonders betrieben wird und sie dadurch ein Mittel in Händen haben, die weite Wanderung von ihrem Heimathland bis nach Blantyre und weiter unternehmen können, ohne besonders Mangel zu leiden, denn der in Rollen mitgeführte Tabak, in kleinen Stücken verkauft, giebt ihnen die Möglichkeit Lebensmittel einzutauschen, was sonst unmöglich wäre, da sie an anderen Dingen ebensowenig besitzen wie alle umwohnenden Stämme, auch der Neger gegen den Angehörigen eines fremden Volkstammes nicht gerade freigiebig sich erweist, er reicht dem Hungrigen nichts umsonst. Die Atonga, die kurz nach der Ernte ihre Wanderung nach dem Schirehochland antreten, um bei den Europäern sich auf den Plantagen oder als Träger zu verdingen, versuchen es auch häufig gleich Vagabonden sich durchzuschlagen und wo es angängig aus den Feldern sich Lebensmittel holen, theils um ihren Vorrat an Tabak zu schonen, theils weil der Hunger sie dazu treibt. Freilich laufen sie Gefahr, von den wachsamen Besitzern niedergeschossen zu werden, die diese Selbsthilfe in Anwendung bringen, ohne je für solche That zur Rechenschaft gezogen zu werden, wie es bei Mpimbi vorgekommen und oft geschieht, um die Langfinger, die das Mausen nicht lassen können, abzuschrecken.
Die Atonga behandeln auf folgende Weise den Tabak: die stattliche Pflanze, wie schon früher erwähnt, erreicht oft die Höhe von fünf Fuß und darüber, die Blätter, die lang und breit sind, werden, sobald die Zeit der Blühte vorbei ist, noch grün abgepflückt, um sogleich, ohne eine Art von Fermentierung vorzunehmen, in dicken Strähnen aufgeflochten zu werden, dann in Rollen, die oft von 30 bis 50 Pfund schwer, gewickelt und in Bananenbast gut verpackt, lassen sie den Tabak allmählich trocknen, der aber in sich selbst Feuchtigkeit genug enthält und nicht, wie wohl anzunehmen, von den heißen Sonnenstrahlen ganz ausgetrocknet wird. Gewiß ist solches Kraut etwas kräftiger Natur und erfordert, wenn man dieses zu rauchen sich gewöhnen will, einen gerade nicht empfindlichen Magen, giebt aber in Ermangelung von etwas Besserem doch eine leidlich schmeckende Pfeife Tabak.
Auch starke Schnupfer sind diese Atonga und würde manchem Gewohnheitsmenschen in Europa, für dessen Riechorgan kein genügend kräftiges Fabrikat mehr gefunden werden kann, das noch zum Niesen reizt, der von den Atonga bereitete Schnupftabak als ein Mittel dazu zu empfehlen sein. Sie bereiten sich denselben aus den Blättern ihres Tabaks, indem kleine Stücken desselben gewöhnlich auf einem Stückchen Blech überm Feuer geröstet und durch die Hitze pulverisirt werden, und gerade diese feinen Körnchen, von der Schärfe des Pfeffers, bewirken, wenn sie sich in den Schleimhäuten der Nase festgesetzt haben, ein urkräftiges Niesen, derart, daß der Körper durch diesen übermächtigen Reiz gewaltig durchgeschüttelt wird und ein Nichtschnupfer sobald nach einer zweiten Dosis kein Verlangen trägt.
An den beiden folgenden Tagen, den 22. und 23. Februar kehrten v. Eltz und Dr. Röver mit den Soldaten zum Lager zurück und wurde nun, was mir sehr lieb, das Kommando des Lagers Dr. Röver übertragen. Die soweit getrennt liegenden Orte, Lager und Werft hätten sich doch nur schlecht unter ein Kommando vereinigen lassen, da jedes für sich eine gesonderte Leitung nöthig machte, weil an beiden vorläufig große Arbeiten ausgeführt werden mußten. Entlastet war ich insofern, als die gesammte Verpflegung laut Befehl des Majors, der Kommandant das Lager zu übernehmen hatte, ich mich mit dieser leidigen Angelegenheit fernerhin nicht mehr zu befassen brauchte.
Sobald die Atonga nun abgetheilt waren, von denen ich 30 als beständige Werftarbeiter behielt, wurde die ganze Schaar möglichst schnell nach Katunga geführt, um von dort mittelst der Karren unsere schwersten Lasten über das Gebirge nach Mpimbi zu schaffen; und schwerlich hätten wir für diese mühselige und zum Theil auf den in der Regenzeit sehr schlechten Gebirgswegen bessere und willigere Leute finden können wie es diese Atonga waren. Der übliche Lohn für jeden Arbeiter beträgt hier zu Lande monatlich 6 Faden gleich 36 Fuß Calico (weißes Zeug) geringerer Qualität, im Werthe von 4 Mk. 80 Pf. Ortspreis, dazu wöchentlich zur Verpflegung noch 3 Fuß Zeug gleich 40 Pf. mithin würde der Monatslohn für einen guten Arbeiter 6 Mk. 40 Pf. betragen. Bedenkt man, daß den englischen Firmen die Yard gleich 3 Fuß, direkt von Bombay bezogen, mit Fracht und Trägerkosten, selbst Schädigung eingerechnet, auf 18-20 Pf. zu stehen kommt, wird man zugeben müssen, daß die Arbeit doch noch recht billig ist. Die Träger, sofern sie nicht im Monatslohn stehen, erhalten zwar mehr z. B. für die Tour von Katunga-Blantyre einen Faden, Katunga-Mpimbi zwei Faden Zeug, gemeinhin dann aber keine Poscho, d. h. Verpflegung. In Fort Johnston stellt sich der Preis einer Yard auf 6 Pence, etwas mehr als 50 Pfg., aber im Norden des Nyassa-Sees schon auf 8 Pence gleich 80 Pf., am Tanganjika-See auf einen Schilling gleich 1 Mk. Diese Vertheuerung des gangbarsten Artikels hat seinen Grund darin, daß die African-Lakes-Comp. das Privilegium des ganzen Transportes bis in letzter Zeit ausschließlich in Händen gehabt hat und für jede Tonne Güter gleich 20 Centner, von Chinde bis Blantyre 20 Lstr. gleich 400 Mk. forderte; den gleichen Preis für einen Reisenden und dessen Handgepäck. Im Jahre 1892 noch kostete jedem Reisenden, der kein Abkommen mit der Compagnie getroffen hatte, eine Tour Chinde-Karonga (Nordende des Nyassa-Sees) etwa 1200 Mk. Jetzt jedoch zahlt man nur etwa noch die Hälfte dieser Summe, weil die Konkurrenz der Gesellschaft das Monopol durchbrochen hat. Alle andern Artikel wie bunte Zeuge, Seife, Taschentücher etc. stehen entsprechend der Grundtaxe dann auch in einem viel höheren Preise und nimmt ein Arbeiter nach sechsmonatlicher Dienstzeit seinen Verdienst in diesen verschiedenen Artikeln, kann er bequem die Auszahlung unterm Arm nehmen und den Heimweg antreten.
In Gegenden, wo die Europäer sich festgesetzt haben, ist es nur naturgemäß, daß auch der Neger seine Produkte vertheuert, er merkt es sich sehr schnell, wenn ihn jemand besser bezahlt und wird den erhaltenen Preis alsbald am zweiten Orte fordern und erhält er ihn nicht, seine Hühner, Ziegen, Bataten, etc. ruhig wieder mit nach Hause nehmen; es sind also die Europäer sich nicht einig, sie vertheuern sich selbst die täglichen Bedürfnisse. Gewöhnlich zahlte ich in Mpimbi für eine ausgewachsene Ziege oder Schaaf an Zeugwerth Mark 3.20 bis 4.80, für ein großes Huhn 20 bis 30 Pfennige. Ziegen und Hühner sind das einzige Fleisch was man erhalten kann, Wild wird je weiter man vordringt an den Ufern des Schire immer seltener, am Nyassa schon eine Delikatesse, weil natürliche Hindernisse es zu schwer machen an die sonst zahlreichen Thiere heranzukommen.
Mein Wunsch war es nach Uebergabe des Lagers sobald als möglich gänzlich zur Werft überzusiedeln und mit den mir vorläufig zur Verfügung stehenden Leuten 30 Atonga, 14 Bacharias (Suaheli) und 12 Sudanesen, letztere als Posten, die Arbeiten zu fördern. Nöthig war es vor allem, mein Wohnhaus zuerst zu beenden, das ich gleicherzeit als Bureau benutzen wollte und deshalb ein Schlaf- und ein Vorzimmer herstellen ließ. Als Beispiel für alle weiteren Bauten, die nur für die Zeit unseres Aufenthalts und unserer Arbeit berechnet waren, will ich hier den Aufbau eines Hauses beschreiben. Je nach der Länge des Gebäudes wurden 4 oder mehr Mittelträger von 14 bis 16 Fuß Länge, jeder oben mit einer Astgabel versehen, etwa 2 Fuß tief in die Erde gesetzt, die Träger für die Seitenwände aus ebensolchen Stämmen bestehend, aber nur 7 bis 8 Fuß über dem Erdboden, und je nach der geplanten Breite des Hauses etwa 6 bis 8 Fuß von den großen Stämmen entfernt, wurden gewöhnlich in einem Abstand von 6 Fuß von einander aufgestellt. Die Zwischenräume dann ringsum mit schlankem Rohr ausgefüllt, das im Erdboden dicht an dicht eingegraben und zwischen den Pfeilern, um solcher Wand Halt und Festigkeit zu geben, durch querliegende Rohrsparren verbunden wurde, ergab eine genügend feste und luftige Einfassung. Auf den Gabeln der Mittel- und Seitenpfeiler ruhten passend lange Stämme, die mit Bambusrohr als Dachsparren verbunden auf diesen wieder querliegende Streifen gespaltenen Rohrs festgemacht, vervollständigten das Dach; die Bedachung selbst bestand aus langem Gras, das in Bündeln, von unten angefangen, schichtweise aufeinander gelegt und an den Sparren mit auf diesem gelegten Flußrohr befestigt wurde. Oben am Giebel wurden über dem Längsbalken feste Graskappen gelegt, die über die an diesem heranreichende Grasschicht so über faßte, daß kein Wasser hindurch dringen konnte.
Die Schräge des Daches gestattet dem Regenwasser schnellen Abfluß und solch ein gut gearbeitetes Dach widersteht lange Zeit d. h. hat solch ein Dach zwei Regenperioden überdauert, legt man um eine weitere Verwitterung vorzubeugen, wieder eine neue Grasschicht oben auf bis es nach Jahr und Tag schließlich nöthig wird die Bedachung gänzlich zu erneuern. Als Bindemittel diente uns der Bast verschiedener Baumarten und gewöhnlich brachten schon die Leute solche Stämme aus den Bergen herunter, deren zähe Borke das gewünschte Mittel abgaben; war solches aber schwerer zu erhalten, dann sandte ich einige Leute aus, um die Blätter der astlosen hohen Fächerpalme herbeizuschaffen, diese für eine Nacht in Wasser gelegt und dann gespalten wurden, ersetzten uns den Bindfaden.
Der vorläufig abgeschlossene Waffenstillstand, der auch zum Frieden führte, sowie die Niederwerfung der Aufständigen, hatte auch die Gemüther der um Mpimbi wohnenden Eingeborenen etwas beruhigt, deshalb konnte ich es wagen die im Urbusch aufgegebene Arbeit, das Fällen und Behauen der Baumstämme, wieder fortsetzen zu lassen. Der Sicherheit halber ging ich selbst mit einer starken Bedeckung hinaus, um mich von allem erst persönlich zu überzeugen und die nöthigen Anordnungen zu treffen, namentlich wie für die nächste Zeit die Aufstellung der Posten gehandhabt werden sollte, da es nicht ausgeschlossen war, daß die von Lionde bis hierher geflohene Bevölkerung doch wider Erwarten einen Ueberfall ins Werk setzen konnte; deshalb schon war es meine Pflicht, die im unzugänglichen Gebüsch Arbeitenden vor einer Ueberrumpelung nach Möglichkeit zu schützen. Daraufhin überzeugt, es sei keine direkte Gefahr vorhanden, ließ ich denn auch die Zimmerleute unter anfänglich starker Bedeckung ihre Arbeiten wieder aufnehmen und sie täglich in den Urbusch und Wald hinauswandern. Auf der Werft, wo inzwischen mit allen verfügbaren Kräften an die Ausschachtung des langen Grabens herangegangen wurde, gelang es mir neben den Atonga und Suaheli auch andere Arbeiter aus dem Dorfe heranzuziehen, wenn auch vorerst nur Weiber und größere Kinder, und rüstig konnte die Abgrabung der Erdmassen, die flüchtig geschätzt, viele tausend Centner betrugen, gefördert werden. Vom Ufer ab, wo eine Wand von 8 Fuß Höhe abzutragen war, die auf 120 Fuß Länge bis auf 4 Fuß abnahm, bei einer Grundbreite von 20 Fuß, sollte diese so gebildete schräge Fläche der Schlipp als feste Lage dienen, zu welcher bereits im Urbusch die Balken behauen wurden.
Ausgerüstet mit reichlichem Handwerkzeug, als Spaten und Pickaxten, nebenbei war der schwere Boden sehr fest und lehmhaltig, war es verhältnißmäßig noch ein leichtes Arbeiten und nur das Wegschaffen der Erde vermittelst flacher Körbe war schwieriger, zumal diese etwas unterhalb der Werft am hohen Uferabhang ausgeschüttet werden mußte. Neben dieser Arbeit konnten indes andere aber auch nicht vernachläßigt werden, namentlich war die Vollendung des schon vor dem Aufstand begonnenen Zaunes, der im ganzen Umkreis über 320 Fuß lang war, dringend geboten; ebenso ein Wachhaus für die Posten am Haupteingang und ein großes geräumiges Magazin.
Hunderte Hände hätte ich anstellen können, um nur genügend Baumaterial aus den Bergen und der Ebene herbeizuschaffen und dann wäre doch noch alles langsam fortgeschritten, das aber lag daran, daß der Weg bis zu den Bergen so weit war und konnte höchstens zweimal am Tage eine Tour dorthin gemacht werden; sollte aber Bambusrohr geholt werden, kehrten die Leute fast immer erst am späten Nachmittage wieder zurück. Anstatt nun aber die Arbeitskräfte zu haben, die zu einer schnellen Förderung nöthig gewesen wären, hatte ich nur die aus dem Lager zur Arbeit auf der Werft abkommandirten Soldaten, deren Zahl nie 20 überstieg, und was die Abessinier anbelangte, dazu eine faule Gesellschaft.
Im Lager, das Dr. Röver nach den Entwürfen unseres Artisten, Herrn Franke, ausbauen ließ, hatte man mit der Zeit auch eine beträchtliche Zahl Arbeiter angestellt, die Häuser und Pavillons aufführten, daß es eine Lust war; zu solcher bequemen Arbeit ließen sich die Bewohner Mpimpis herbei, auf der Werft aber mit schweren Eisenstücken zu hantiren, davor scheuten sie zurück.
Das rege Leben auf der Werft entfaltete sich mehr und mehr — die Erde schleppenden Frauen und Kinder, die mit Spaten und Äxten hantirenden Männer, die Gras- und Rohrbündel, sowie Baumstämme herbeischleppenden Soldaten, dazu von Katunga ankommende Träger der Wangoni, die Handwerkzeug, Feldschmieden, den Kiel des Schiffes und die eisernen Rippen desselben auf Kopf und Schultern über das Gebirge getragen, gaben ein buntbewegtes Bild. Jeder Europäer fand reichliche Beschäftigung, der eine beaufsichtigte den Häuserbau, der andere die Ausschachtung, ein dritter sollte beim Lager nochmals einen Hochofen aufstellen etc., denn ehe noch nicht der Kiel des Schiffes gelegt und ein Mittel gefunden worden war, auf welche Art wir schnell Kohlen brennen konnten, war es zwecklos, die wenigen bisher eingetroffenen Spanten mit den drei Handwerkern zusammenzunieten.
Aus Katunga, wohin der Transportführer Herr von Eltz gleich nach Abmarsch der Atonga zurückgekehrt war und von wo der Transport des gewaltigen Materials über das Gebirge geleitet wurde, trafen immer zuerst nur solche Sachen ein, die auf der Werft nach meinen Angaben benöthigt wurden, und dort von Sachverständigen, als der Schiffbauer Zander und Maschinist Engelke, zusammengestellt wurden; hingegen verpackte der erste Steuermann Gerloff mit anderen wieder die kleineren Sachen, da sich die Träger entschieden weigerten, das Material in der ursprünglichen Verpackung anzunehmen. In Blantyre, als Zwischenstation, leitete erst Wedler, später der zweite Steuermann Wissemann, die Beförderung und diese wurde mit solcher Genauigkeit ausgeführt, daß ich jeder Zeit darüber orientirt war, welche Gegenstände auf der Werft eingetroffen und welche noch unterwegs waren. Kein Kapitao der Träger, wie es doch mehrmals vorgekommen, erhielt seine Bescheinigung von mir eher, als bis die ihm anvertraut gewesene Stückzahl zur Stelle war. Diese strenge Aufsicht war nöthig, einestheils, weil ein verlorenes Stück schwerlich zu ersetzen wäre, anderntheils, weil die englische African Lakes Comp., die 2000 Lasten zur Beförderung übernommen hatte, nicht für Verluste hätte haftbar gemacht werden können.
Hatte ich geglaubt, daß wir, so lange noch unser Stahlboot von den Engländern nicht zurückgegeben worden war, unbehelligt die Canoefähre unterhalb Mpimbi würden benutzen können und der Häuptling die getroffenen Abmachungen respektieren würde, so sollte ich eines schönen Tages nun eines anderen belehrt werden. Schon um das Uebersetzen zu ermöglichen, mußte den Fuhrleuten ein Gratisgeschenk verabfolgt werden, welches in einem Stückchen bunten Zeug bestand und zu geringfügigen Werth hatte, um dieserhalb die Leute widerwillig zu machen; aber der Neger, sobald er sieht, seine Forderungen werden durch eine gewisse Nachgiebigkeit erfüllt, wird er diese bald derart hoch schrauben, daß sein Benehmen an Unverschämtheit grenzt. Verschiedentlich waren schon Verzögerungen eingetreten und, wenn ich die Zimmerleute längst schon am anderen Ufer wähnte, saßen sie noch wohlgemuth auf der linken Flußseite und warteten geduldig, bis es den Fährleuten gefällig war, sie überzusetzen; kam ich dann selbst, von Ottlich benachrichtigt, zeigten diese noch ein unwilliges Nachgeben und kehrten sich an die Vorhaltungen durchaus nicht.
Wenige Tage später kehrte des Morgens die ganze Abtheilung zurück mit der Nachricht, ihr sei der Durchgang durch das Dorf von mit Speeren und Flinten Bewaffneten verlegt und sie ernstlich bedroht worden, als der führende Europäer ohne weiteres sich nicht fügen wollte. Klug war es von Ottlich gehandelt, in solcher Lage scheinbar nachzugeben, denn ein Konflikt von unabsehbaren Folgen wäre durch irgend eine Gewaltthat sofort heraufbeschworen worden und dadurch zum Mindesten unsere Arbeit in jenem Gebiet für lange Zeit in Frage gestellt gewesen. Die Eingeborenen sympathisierten nur zu sehr mit ihren im Aufstand unterlegenen Freunden, von denen sehr viele in diesen vom Schauplatz entfernt gelegenen Dörfern Schutz und Zuflucht gefunden hatten, und fühlten sich scheinbar stark genug, dem einzelnen Europäer gegenüberzutreten.
Auf solche ernste Nachricht hin mußte etwas Entscheidendes geschehen und zwar bald, denn nur zu leicht giebt sich der Neger einem momentanen Erfolge hin und triumphiert, läßt sich dadurch verleiten, oft Thorheiten zu begehen, deren Folgen er nicht im Entferntesten zu beurtheilen vermag.
Schnell entschlossen brach ich daher mit wenigen Soldaten und einem Dolmetscher auf, um nun allen Ernstes mit dem Häuptling ein Wort deutsch zu reden, nicht etwa, daß ich Gewalt anzuwenden gedachte, was doch nur zu sehr unliebsamen Verwickelungen geführt hätte, so lange noch irgend eine Aussicht zu einem gütigen Ausgleich vorhanden war, sondern vielmehr sollte er mir die Motive erklären, die ihn und seine Leute bewogen hätten, eine friedliche Kolonne aufzuhalten, der laut früherer Abmachungen freier Durchzug durch sein Dorf zu gewähren sei.
Zur Fähre gekommen, fand ich am diesseitigen Ufer mehrere Abgesandte des Häuptlings im Hause des Herrn Scharrer versammelt, die dessen angezeigte Ankunft abwarten und demselben ihre Beschwerden verschiedener Art vorlegen sollten. Dieser Umstand bewog mich, nun auch meinerseits zu warten und erst die Ansicht des mit den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen wohlvertrauten Herrn anzuhören, ehe ich kurzer Hand den Häuptling selbst zur Rede stellte. Eine schnelle friedliche Lösung konnte durch die Vermittelung dieses Herrn, der als Besitzer weiter Länderstrecken in diesem Gebiet allen wohlbekannt und vielfach als Schiedsrichter angerufen wurde, viel eher herbeigeführt werden, als wie ich es durch lange Schauris und Geschenke hätte fertig bringen können, um so mehr, als ich sicher war, daß mir ein solcher Gefallen sehr gerne erwiesen werden würde, da gegenseitige Gefälligkeiten schon früher uns einander gut bekannt gemacht hatten.
Bald nach erfolgter Ankunft desselben und der allseitigen Begrüßung wurde nach dem Begehren der am Boden hockenden Abgesandten, meistens ältere Männer, die ihre Vorderlader zwischen die nackten Beine gestemmt, in stoischer Ruhe auf eine Anrede warteten, gefragt. Unwesentliche Beschwerden, bei welchen es mehr darauf ankam, die Meinung des weißen Mannes zu hören, als der Wunsch, diese durch denselben beseitigt zu sehen, waren es nur, welche der Sprecher vorzubringen hatte und fanden nach vielem Hin und Her ihre Erledigung. Hierauf ließ ich die Abgesandten fragen, welche Gründe den Häuptling bewogen hätten, die Verträge zu brechen und in so drohender Weise gegen eine von mir abgesandte Arbeitskolonne aufzutreten, hätte ich doch für die Benutzung der Fähre und für die Freigabe der Wege durch ihr Dorf reichlich Zahlung geleistet.
Nie indes wird der Neger zu bewegen sein, eine direkte Frage kurz und bündig zu beantworten, so lange ihm noch ein Ausweg offen bleibt, und weitschweifig, indem er immer neue Argumente hervorsucht, antwortet er stets ausweichend. Dadurch erfordern die Schauri von Seiten eines Europäers auch eine gute Portion Geduld und nur zu oft muß er sich in die Weitschweifigkeiten einer Verhandlung fügen, will er seine Absicht nicht vereitelt sehen, namentlich wenn keine Macht ihm zur Seite steht, die von vornherein seinen Wünschen Nachdruck giebt.
In diesem Falle wich der Sprecher auch den direkten Fragen gewandt aus, sodaß es Herrn Scharre schließlich überdrüssig wurde, noch länger mit diesen Querköpfen zu verhandeln, die dadurch nach ihrer Meinung dem Europäer zu imponiren glauben, wenn sie ihre fade Weisheit in recht viele nichtssagende Worte kleiden oder in Vergleichen und halben Räthseln stundenlang sprechen. Es wurde ihnen noch nahegelegt, das Benehmen der Dorfbevölkerung den Europäern gegenüber könne schlimme Folgen haben und solches möchten sie ihrem Fumo mittheilen, wenn derselbe es nicht vorziehen sollte, sich mit mir ins Einvernehmen zu setzen. Auf jeden Fall aber würden sie klug thun, am folgenden Tage eine entscheidende Antwort mir zu überbringen, wenn sie unangenehmen Folgen wollten aus dem Wege gehen; ich aber befolgte den Rath, geduldig die Entscheidung des Häuptlings abzuwarten, ehe ich weitere Schritte in dieser Angelegenheit unternahm.
Am folgenden Morgen hatte ich denn auch das Vergnügen dieselben Abgesandten mit dem dazu gehörigen Gefolge, alle der Würdigkeit der Sendung gemäß geschmückt und ein etwas feierliches Gepräge zur Schau tragend, auf der Werft zu begrüßen. Ich eröffnete hierauf das Schauri mit der kurzen Frage, welches die Gründe sind, um derenwillen sie plötzlich eine so feindliche Stellung meinen Leuten gegenüber eingenommen hätten, sogar mit Waffengewalt gedroht wurde, wenn die Abtheilung nicht freiwillig das Feld geräumt hätte. Eine lange Rede des Wortführers war die Antwort, aus der mein Dolmetscher sich nur so viel zusammen reimen konnte, daß das Ergebniß Unsinn, der Sinn Widerspruch sei. Ich forderte sie nach einer Stunde unnützen Parlierens auf, mir eine bestimmte Antwort endlich zu geben, und legte die Fragen so klar und kurz, daß es unmöglich schien, anders als ein Ja oder Nein darauf zu erhalten; aber konnten oder wollten sie mir nicht Rede stehen, ich erreichte nichts und ließ ihnen, als meine Geduld zu Ende ging, erklären, daß, wenn ein gütiges Verhandeln zwecklos wäre, ich Soldaten genug habe und viel mehr Gewehre wie sie, um nöthigenfalls der Gewalt Gewalt entgegenzusetzen; ich würde morgen früh selbst die Truppe führen und jeden Widerstand zu beseitigen wissen.
Solcher Bescheid war entschieden nicht nach ihrem Sinn und zögernd schickten sie sich an, die Werft zu verlassen, nachdem ich jedes weitere Verhandeln abgebrochen hatte, sie konnten sicherlich nicht den weißen Mann begreifen, der so würdige Abgesandte nicht mal mit dem üblichen Geschenk bedachte. Hätte ich mich dazu herbeilassen wollen, würde ich das gewünschte Resultat wohl erzielt haben, aber ich sah nicht ein, warum ich noch eine Art »Hongo« (Zoll) zahlen und die schwarze Gesellschaft erst ködern sollte, wenn ich schon mehr als genug gegeben hatte und nur darauf bestand, daß die früheren Abmachungen zu Recht bestehen blieben.
Nach reiflicher Ueberlegung aber beschloß ich doch meinen am ersten Tage gefaßten Vorsatz, den Häuptling persönlich aufzusuchen, zur Ausführung zu bringen, erstens erschien es mir gerathener auf friedlichem Wege diese Schwierigkeit zu lösen, zweitens mit Bewaffneten hätte man mich nicht über den Fluß gesetzt und solche Wichtigkeit legte ich der Sache noch nicht bei, um weitgehendere Maßregeln zu treffen. Daher nur in Begleitung von zwei Mann und ohne jegliche Waffen, ging ich am nächsten Morgen zur Fähre, darauf rechnend, der Fährmann würde keinen Anstand nehmen uns überzusetzen. Allein vergeblich wartete ich, kein Fährmann folgte der Aufforderung überzusetzen und ebensowenig ließ sich etwas von dem im dichten Ufergebüsch versteckten Kanoe entdecken. Erst nach geraumer Zeit bequemten sich ein paar junge Leute das Fahrzeug aus dem Uferschilf herauszuschaffen und uns, nachdem sie den Zweck meines Kommens erfahren hatten, der durch Boten wahrscheinlich erst ihrem Fumo mitgetheilt wurde, mit vielem Geschick durch die reißende Strömung am anderen Ufer abzusetzen.
Vertraut mit den Irrgängen eines Negerdorfes, dessen schmale Pfade labyrinthartig zwischen Hütten, hohem Gras, durch Busch und Unrat führen, war ich, gefolgt von nur wenigen Bewohnern, durch das Gras zu dem großen freien Platze gelangt, der als Versammlungsort diente und wo unter dem Schatten eines gewaltigen Baumes die Berathungen abgehalten werden. Einer Tenne gleich so fest und meistens sauber ist der Boden um solchen Baum, eigentlich auch nur der einzige Ort von dem man sagen kann er werde reinlich gehalten; heute aber und fast zu jeder Tageszeit befanden sich hier nur Mais und Matama stampfende Weiber, umgeben von einer Schaar Kinder, die beim Erblicken des weißen Mannes theils schreiend zu ihren Müttern liefen, theils in den naheliegenden Hütten verschwanden.
Die Prozedur des Mais- und Matamastampfens wird nur von den Frauen vorgenommen, die Geräthe sind ein Holzgefäß und zwei Stampfer, ersteres ist aus einem etwas über zwei Fuß hohem Holzklotz gefertigt, dessen Aushöhlung oben weit nach unten zu aber spitz zu läuft, der Stampfer ist ein einfacher Pfahl von hartem Holz an beiden Enden zugespitzt. Ist ein Quantum des Getreides in ein solches Gefäß geschüttet, wird dieses dann meistens von zwei Frauen derart bearbeitet, daß, indem sie die Stampfer abwechselnd in rascher Folge mit aller Kraft hineinstoßen, die Körner auf diese Weise zermalmt werden. Es erfordert eine gewisse Ausdauer stundenlang solche Arbeit zu verrichten, und sehr häufig sieht man, daß die Mütter ihre Säuglinge auf den Rücken gebunden haben, die mit jedem Stoß in eine hüpfende Bewegung gerathen und mit den Köpfen gegen den Körper schlagen. Aber der Negerschädel ist fester gebaut, die Kinder finden in solcher Lage Schlaf und Ruhe, selbst den unbedeckten kleinen Köpfen schadet nicht mal der glühende Strahl der Sonne.
Sind die Körner fein genug gestampft, und bestimmt zu Mehl verrieben zu werden, kommen sie unter die Mühle d. h. sie werden in kleineren Mengen zwischen zwei Steinen gerieben, von denen der größere auf einer reinen Matte gelegt wird, der kleinere mit den Händen gefaßt, durch Hin- und Herschieben das Mehl herstellt. Zur Bereitung des Pombe (Bier) genügt schon das Stampfen; auf ein Quantum zermalmter Körner wird kochendes Wasser gegossen, dann abgekühlt, geht die Masse in Gährung über und nach einigen Tagen noch mehrmals aufgekocht, giebt sie ein braunes ziemlich dickes Gebräu, das, wenn gut und reinlich zubereitet, auch von Europäern gern getrunken wird und selbstverständlich viel Nährstoff enthält.
Zerstreute Körner, welche durch die Wucht, mit welcher die Stampfer aus und eingetrieben werden, herausfallen, dienen der gackernden Schaar von Hühnern und Tauben, die gierig jedes zur Erde fallende Körnchen aufpickten, zur Nahrung. Diese Thiere lassen sich nicht verscheuchen noch zeigen sie irgend welche Scheu vor den herumlaufenden Kindern. Eigentliche Verschläge für das Federvieh giebt es nicht, Bäume, Sträucher und Dächer der Hütten dienen diesem zum nächtlichen Aufenthalt; besser ist es auch, die Thiere sind frei, denn in schlecht gebauten Ställen gelingt es der Pantherkatze gar leicht einzubrechen und richtet diese dann gewöhnlich eine starke Verheerung unter den eingeschlossenen Thieren an; ich habe es zweimal erfahren, wie unersättlich solche Katze morden kann.
Da der Weg zur Behausung des Häuptlings vom Berathungsplatze mir unbekannt war, suchte ich diesen bei den Frauen zu erkundigen, indes aus Furcht oder Scheu gaben sie keine Antwort auf meine Fragen, bis sich ein kleiner kouragirter Bursche meldete, der sich erbot uns den Weg zu weisen. Weiter nun zwischen Hütten und Gras, durch Busch und über Gräben, vorbei an Maisfeldern, näherten wir uns der Behausung des Fumo, die in sich selbst abgegrenzt, außerhalb des Dorfes gelegen war. Eine ausgedehnte Rohrumzäunung umfaßte sowohl das Wohnhaus des Häuptlings, als auch eine Anzahl Hütten in denen die nächsten Angehörigen desselben wohnten. Und zwar leben die nächsten Verwandten immer zusammen, weil es Sitte ist, daß der Schwiegersohn sich stets an der Hütte oder im Gehöft seines Schwiegervaters ansiedeln muß, dessen Arbeitskraft und Besitz fortan der ganzen Familie zugehört. Die Nachfolge in der Häuptlingswürde ist auch hier keine direkte, nicht der Sohn sondern der Neffe, also dem Schwester- oder Tochtersohn fällt die Würde zu; es ist auch gleichgültig ob der Mann einer Häuptlingstochter im gleichen Range steht oder nicht, durch Heirath wird dieser zu dem Stande der Frau erhoben; auch für die Rangstufe eines Kindes aus solcher Verbindung entscheidet nur die Abstammung der Mutter. Weil die Erbfolge eine weibliche ist, haben die Frauen einen gewissen Einfluß, aber auch nur in dieser Hinsicht, sonst im Uebrigen ist ihre Stellung eine wenig beneideswerthe.
Den Eingang zum großen Vorhofe hatten wir bald gefunden, und hatte ich erst die Absicht selbst zum Hause des Häuptlings zu gehen, um nicht zu lange den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt zu sein, allein auf dem ganzen Platze waren so viele große und kleine Pombetöpfe zerstreut umgeworfen, daß man Mühe hatte hindurchzukommen, wollte man nicht mit solchen jetzt schmutzigen Gefäßen in näherer Berührung treten. Zwar gewohnt, die Umgebung einer Negerhütte schmutzig zu finden, zum mindesten für einen Europäer nicht einladend, war dieser Platz doch geradezu zu unsauber, dazu der widerlich saure Geruch, der den Töpfen entströmte, machte ein Verweilen in dessen Nähe unmöglich. Ein großes Gelage war hier abends vorher gefeiert worden — die Ngomatrommel hatte ich bis spät in die Nacht hinein auf der Werft hören können — dafür gaben die vielen zum Theil noch mit Bierresten versehenen Thongefäße beredtes Zeugniß, und dieser üblen Sitte, sich in Unmassen Pombe zu berauschen, opfern die Eingeborenen oft den besten Theil ihrer Ernten.
Ein weiteres Vordringen oder längeres Verweilen in dieser von üblen Gerüchen geschwängerten Atmosphäre blieb mir erspart, da auf dem Rufe des kleinen Führers ein einzelner Mann erschien, der sich nach unserem Begehr erkundigte; unterrichtet davon, brachte er bald darauf den Bescheid, der Fumo ließe ersuchen nur ein wenig zu warten.
Hat ein Pomberausch gemeinhin auch keine nachhaltigen Folgen, so ist es doch erklärlich, daß die Zecher weit in den hellen Tagen hinein schlafen und sich träger Ruhe überlassen um gestärkt, am Abend vielleicht schon, die Fortsetzung zu machen; liegt doch kein Bedürfniß zu irgend einer Arbeit vor, die nicht aus freiem Willen unternommen wird, denn was häusliche Beschäftigungen oder Feldarbeit anbelangt, so sind ja die Frauen dazu da; darum konnte es mir weiter nicht Wunder nehmen, wenn noch um die Mittagsstunde alles im tiefen Schlafe lag.
Ich zog es also vor, außerhalb des Gehöftes die Ankunft des Häuptling abzuwarten, bis mir schließlich das Verweilen in der heißen Sonne etwas unbequem wurde und schon hatte ich einem Boten Ordre gegeben den Fumo zu fragen, ob ich noch lange auf seine Ankunft warten müße, als derselbe mit seiner Begleitung von einer Seite erschien, von wo ich ihn nicht erwartet hatte. Etwas überrascht, den Häuptling und seine männliche Verwandtschaft in halbeuropäischer Kleidung zu sehen, die freilich nur aus bunten baumwollenen Hemden bestand, konnte ich mir leicht die Verzögerung dadurch erklären, daß allerdings der Eingeborene zu solcher Ausstaffirung etwas mehr Zeit gebraucht als der Europäer.
Nach der üblichen Begrüßung konnte ich die mehrfache Aufforderung des Fumo, ihn zum Berathungsplatz zu folgen, als besondere Höflichkeit ansehen, aber mich zu einem Schauri zu bequemen, damit war mir nicht gedient und lehnte ich solches Ansinnen entschieden ab, aus dem Grunde schon, weil mir zur Genüge bekannt war, welche Bewandtniß es damit hat und auch, wenn erst das halbe Dorf sich dazu eingefunden, erstens viel Zeit verloren gehe, zweitens, ich nur wenig oder nichts erreichen würde. Darum den Zweck meines Kommens mit wenig Worten erklärend, drang ich darauf, mir die Gründe anzugeben, warum meinen Leuten der Durchzug durch das Dorf verwehrt worden sei und die Fährleute, die doch reichlich bezahlt würden, uns Schwierigkeiten bereiteten! Die Verlegenheit, in welcher der Häuptling durch diese bestimmten Fragen versetzt wurde, war natürlich groß, als er mit der Wahrheit, das Auftreten der Dorfbewohner ist nur eine Agitation gegen die Europäer gewesen, nicht herausrücken konnte, wußte sich aber zu helfen und gab mir den unerwarteten Bescheid, daß allein nur deshalb seine Leute, ohne seinen Befehl nebenbei, so gehandelt haben, weil sie einen geschlagenen Weg im Urbusch gefunden hätten, der vermuthen ließ, daß doch in ihrem Todtenhain der Europäer Bäume schlagen wolle und einige bereits zertretene Grabstätten gesehen haben wollten. Daß diese Angaben unwahr sind, wußte ich, hatte ich doch seinerzeit selbst, unter Wahrung der mir bekannten Gewohnheit der Eingeborenen, ihre vornehmeren Todten am Fuße der schönsten Bäume zu begraben, alle Anordnungen getroffen und war überzeugt, gegen diese ist nicht verstoßen worden.
Es war das zweite Mal, daß in gleicher Weise vorgegangen und die gleichen Beschwerden vorgebracht wurden; darum ließ ich den Häuptling fragen, warum er denn zur Selbsthilfe geschritten und den Anschein aufkommen lasse, als suche er Streit mit den Europäern, er wisse doch was ich mit ihm abgemacht hätte, und wirkliche Ungehörigkeiten durch eine Anzeige seinerseits sofort abgeholfen wären? Darauf wußte er aber nichts zu antworten. Meine Meinung, sagte ich ihm, hätte ich gestern seinen Abgesandten zu verstehen gegeben, komme er aber nicht mit vielen Gewehren und drohe wie seine Leute, sondern ganz allein, obgleich ich viele Waffen und viele Soldaten (Askaris) habe. Die Wege durch sein Dorf wolle ich nur benutzen, weil sie bequem und gut sind und auch keine anderen durch das Dickicht führen; ferner wiederhole ich es, kein Weißer noch Schwarzer soll das anrühren, was ihnen heilig ist, kein Baum noch Grab soll berührt werden. Wir sind nur hier, um unser Schiff zu bauen, ist das vollendet gehen wir zum Nyassa-See und kehren nie mehr hierher zurück, wir sind keine Engländer und unser Dorf erbauen wir sehr weit von hier, viel weiter noch als Makangilas Land — diesen aufrührischen Häuptling am Nyassa erwähnte ich deshalb, weil dessen Name wohlbekannt war und um klar zu machen, wie weit fort von hier wir gehen würden. —
Unsere gute Absicht schien dem Fumo schließlich einzuleuchten, er gab wiederholt seine Zustimmung zu erkennen mit der Zusicherung, daß ich überall Bäume schlagen könne, so weit sein Gebiet reicht, wenn nur die Grabstätten verschont bleiben. Zufrieden mit dieser Zusage schieden wir dann im besten Einvernehmen und da von unserer Seite streng auf die Abmachungen gehalten wurde, kamen auch weiter keine Mißhelligkeiten vor.
Nun auf diese Weise das alte Verhältniß wieder hergestellt worden war, ließ ich auch sofort die schon drei Tage unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen, mit der Absicht, sobald mir nur erst unser Boot zur Verfügung stehen würde, lieber selbst einen Weg durch das Dickicht zu hauen, sei es auch mit noch so großen Schwierigkeiten, als noch länger gewissermaßen von dem guten Willen der Eingeborenen abhängig zu sein und meine werthvolle Zeit zur Schlichtung von Streitigkeiten opfern zu müssen, denn nur der Mangel eines Bootes hatte mich gezwungen, solche Maßregeln zu ergreifen, und der Zeitverlust, der entstanden wäre, hätte ich mir ohne genügende Mittel einen meilenlangen Weg durch Gebüsch und Rohr hauen wollen.
Indes ehe ich an die Ausführung dieser Arbeit denken konnte, mußten die Erdarbeiten nahezu beendet, auch von Katunga der erste Wagentransport eingetroffen sein, da ich mit zwei derselben die schweren Balken aus dem Dickicht herauszuschaffen gedachte; namentlich mir leichter Wege bahnen konnte, wenn ich, wo es angängig war, mit den Wagen durch Dick und Dünn fuhr. Auf der Werft ging alles seinen geregelten Gang, soweit es mit den vorhandenen Kräften möglich war, auch jedes Unternehmen hatte sichtlichen Fortgang und im Anfang März waren schon die Schmiedeschuppen mit Haus, sowie das große Lagerhaus nebst der Umzäunung beendet. Jetzt aber, wo schon die Feldschmieden und Handwerkszeug, Schiffsrippen und viel anderes Material durch immer zahlreicher eintreffende Wangoni-Träger herbeigeschafft wurden, galt es auch daran zu denken möglichst bald mit dem Zusammennieten der einzelnen losen Theile zu beginnen und die Frage, wie nun Kohlen beschaffen, drängte sich immer unabweislicher auf. Jeder Versuch, den ich hatte unternehmen lassen, war bisher mißglückt, zum wenigsten nicht dem entsprechend, daß wir hätten reichlich auf Vorrath rechnen können und der auch unter der beständigen Aufsicht eines Europäers hätte ausgeführt werden müssen.
So suchte ich denn nun selber eine Methode zur Ausführung zu bringen, die ich mir als praktisch ausgedacht, und die auch schon ein Handwerker früher im Lager ausführen sollte, aber verfuscht hatte, nämlich in Erdlöchern Kohlen zu brennen. Der feste thonhaltige Boden auf der Werft schien mir besonders dazu geeignet den Versuch zu wagen, nebenbei der letzte, da mir sonst keine bessere Idee kommen wollte; Steine brennen und mit Mühe einen Hochofen erbauen, dazu hatten wir kein genügend gutes Material, erst dann hätte ich von Blantyre Ziegelsteine herbeischaffen lassen müssen, verbunden mit vieler Mühe und bedeutenden Geldkosten, wenn dieser Versuch auch mißglückt und sich als unpraktisch erwiesen hätte.
Zuversichtlich ging ich ans Werk mit der Ueberzeugung es müsse gehen und ließ an jener Stelle, wo zwischen Ufer und der Grabstätte, die ich hatte von der Werft ausschließen müssen, noch reichlich Platz vorhanden war zuerst ein mannstiefes Loch graben, das oben eine möglichst kleine Oeffnung hatte, auf zwei Fuß Tiefe aber so erweitert wurde, das es die Form eines richtigen Kessels erhielt; damit dem Feuer aber der genügende Luftzug nicht fehle, ließ ich anfänglich einige Fuß davon noch ein kleineres gerade herunterführen und unten beide in Verbindung setzen, da letzteres als Luftzufuhr jedoch nicht genügte, so wurde noch ein zweites ausgehoben.
Bedacht darauf nur hartes trockenes Holz zu verwenden, mußten für einen Tag sämmtliche Atonga in die Berge und nach Möglichkeit Stämme herbeischaffen, die zerkleinert im Hauptloch aufgestapelt und in Brand gesetzt wurden. Sobald die Gluth groß genug war, wurde schnell jede Oeffnung mit Aesten, Gras und Erde zugedeckt damit kein Rauch mehr entweichen konnte, und die große Hitze noch nicht durchgebrannte Kloben als Kohle zurücklassen mußte. Der erste Erfolg entsprach noch nicht der Erwartung, die gewonnene Kohle wenigstens nicht der Menge des verbrannten Holzes, aber so viel war gewiß, ich hatte mit der Herstellung eines solchen Ofens keinen Fehlgriff gethan. Die Erfahrung zeigte mir bald, worin der Fehler lag, für die Folge konnte ich denn aber auch mit dem Ergebniß sehr zufrieden sein. Die Nothwendigkeit, noch einen zweiten und später einen dritten Ofen herzustellen, erwies sich als unabweisbar und zwar deshalb, weil die Abkühlung 36 Stunden dauerte, ehe sich ein Mann hineinwagen und die Kohlen herausschaffen konnte, in Folge also umschichtig jeden Tag einer geöffnet und wieder angezündet wurde, um den Bedarf an Kohlen zu decken.
Sehr gelegen kamen mir in diesen Tagen eine Abtheilung Wangoni 21 Mann und eine Frau, die um Arbeit anfragten; unter anderen seien hier einige Namen derselben genannt: Angola, Singano, Aligara, Tarejenji, Kamalami und die Frau Njapine. Diese Leute, die stets fleißig und bescheiden, hatte ich viele Wochen im Dienst, aber ob sie auch täglich Brennholz herbeischafften reichte ihre Zahl mitunter doch nicht aus, den Bedarf für die Oefen zu decken. Unter diesen Wangoni fand ich zuerst Leute mit spitzgefeilten Zähnen, die ihr sonst wirklich prächtiges Gebiß, auf diese Weise verunziert hatten; übrigens wird dies bei den Wangoni als eine Zierde betrachtet, und erfordert es gewiß eine gute Portion Geduld, wenn man bedenkt, mit welchen einfachen Mitteln diese Prozedur ausgeführt wird.
Das Leben auf der Werft war gewissermaßen für mich ein recht eintöniges, sofern ich als einziger Europäer dort lebte und jeder Gesellschaft entbehrte, denn auch Spenker, der anfänglich mit mir übergesiedelt war, wurde durch den Höllenlärm, den die Eingeborenen jede Nacht mit ihren Ngomas machten, vertrieben. Nach des Tages schwerer Arbeit, wenn ich müde und marode geworden, hatte ich auch kaum mehr Lust, den Weg zum Lager zu machen um dort Unterhaltung zu suchen, schon der weite Weg zurück in dunkler Nacht zwischen mannshohem Grase, durch tiefen Schlamm, abgesehen davon, daß um Lager und Dorf nächtlicher Weile der Panther und die Hyäne schlich, wog das Vergnügen nicht auf. Gewöhnlich nach einem erfrischendem Bade, dem frugalen Abendessen, das mein Koch und Diener bereitete, suchte ich schon früh das Lager auf, denn das Feldbett in Ermangelung von Stühlen, bot den bequemsten Ruhesitz, arbeitete ich denn meistens noch stundenlang bei flackerndem Kerzenlicht, bis die Abspannung den Schlaf herbeiführte. Hatte ich aber die Ruhe im traumlosen Schlaf gefunden und war trotz der durch die Stille der Nacht herübertönenden Ngomaschläge aus anderen Orten, fest eingeschlafen, dann antwortete im Dorfe bald eines, bald mehrere dieser dumpf dröhnenden Instrumente und rief an mehreren Plätzen zugleich die träge vor ihren Hütten sitzenden Einwohner zum Tanz und Spiel, und nur zu willig folgt Jung und Alt der lockenden Trommel und jeder nimmt Theil am nächtlichen Reigen, unbekümmert darum, ob sie die Ruhe anderer stören oder nicht.
Der eintönige Gesang, von der Ngoma begleitet, schwillt mehr und mehr an — man kann füglich, wer die Tanzweise der Eingebornen kennt, an den rascheren und lauten Schlägen, sowie an dem Gesange erkennen, in welchem Stadium der Aufregung sich die Tänzer befinden — bis ohrbetäubend, in schrillen Mißtönen plötzlich der wilde Tumult abbricht, um nach kurzer Pause in anderer Tonart, aber in gleicher Weise, als Reigentanz wieder zu beginnen. Wie bei den Volksstämmen am unteren Schire, so ist auch hier das Singen kein eigentlicher Gesang, also wirkliche Lieder, sondern ein Vorsänger leiert irgend eine Idee oder einen Vorgang, eigentlich mehr Erzählung, in roher Versform ummodelirt in singendem Tone her; ein Improvisator also, zu dessen Sing-Sang der Chorus mit Ngomaschlag und Händeklatschen Takt hält und entweder den Vorsang immer wiederholt, oder einen passenden Refrain dazu anstimmt.
Die Ngoma ist ein ausgehöhlter Holzblock mit Ziegenhaut überspannt und giebt einen weittönenden Klang; wunderbare Fertigkeit besitzen die Eingebornen im Schlagen derselben, sowie einen nie fehlenden Takt; durch dieselbe sprechen sie auf große Entfernungen, sie ist der Telegraph, der jede Kunde durch die Lande trägt und man kann sich nicht mehr wundern, wie so sehr schnell Nachrichten unter den Eingebornen verbreitet werden, wenn die Ngoma in Betracht gezogen wird. Es ist ein Instrument, womit sich die Völker zum Krieg und Frieden rufen, sowie zum Klagen und Weinen, zur Freude und Lustbarkeit.
Anfänglich hielt der Lärm fast bis zur frühen Morgenstunde an und kann ich sagen, daß ich kaum eine Nacht habe ruhig schlafen können, wenigstens nicht eher, als bis der Skandal aufhörte oder mich die Müdigkeit übermannte; im Laufe der Zeit jedoch habe ich mich auch daran gewöhnt und waren diese nächtlichen Aufführungen auch unangenehm mit anzuhören, so hatten sie doch nicht mehr den unleidlichen Klang wie im Anfang.
Sehr oft aber, in mondhellen Nächten, in denen die Eingebornen am liebsten ihre Tänze aufführen, übertrieben sie es derart, daß schon lange Gewohnheit oder recht kräftige Nerven dazu gehörten, um solchen Höllenlärm zu ertragen, namentlich, wenn sie unvermuthet in meiner Nähe ihre Ballerbüchsen abfeuerten, die sie hervor holten, sobald ihre Lustigkeit den Höhepunkt erreicht, oder wenn das in Mengen getrunkene Bier ihnen zu Kopf gestiegen war. Wurde mir der Spektakel zu bunt, dachte ich öfter, solchen durch die Wachtposten verbieten zu lassen, aber ich unterließ es stets, denn mit welchem Rechte hätte ich die Freude dieser Naturmenschen stören dürfen? Zeigten sie sich uns gegenüber auch nicht sehr freundlich, so hinderten sie uns auch nicht, und sehr lieb war es mir, daß ich nur allein auf der Werft wohnte, denn die Handwerker hätten doch Anlaß zu Klagen gegeben, und ich wäre dann genöthigt gewesen, um den Leuten die nöthige Ruhe zu verschaffen, die in unmittelbarer Nähe der Werft stattfindenden nächtlichen Aufführungen zu verbieten.
Oft aber giebt es noch ein Nachspiel, indem die Betrunkenen ihre Weiber prügeln, die dann ins Freie laufen und vor jeder Hütte durch Weinen und Heulen jedem der es hören will, ihr Leid klagen; durch die Stille der Nacht hallt ihr Wuthgeschrei solange bis sie nicht mehr können, dazu Gezänk, Kindergeschrei, mäckernde Ziegen und aufgescheuchte Hühner verursachen einen Lärm, vor dem man davonlaufen könnte, und mehrmals bei solcher Gelegenheit, wenn sie es gar zu toll trieben, schickte ich den Sudanesen Effendi (Wachtoffizier) hinaus und ließ Ruhe gebieten. Uebrigens soweit ich zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, sind die älteren Frauen den Männern gegenüber nicht blöde, sie ertheilen recht derbe Lektionen und ihr Redefluß bringt selbst wehrhafte Männer zum Schweigen. Widerwärtiger ist es, wenn zwei alte Weiber sich zanken; wie überall, so kehren sie auch hier die Furie heraus und ich glaube, verstände man ihre Sprache gut genug, würde man finden, sie drücken sich nicht höflicher aus, als wenn z. B. in Europa Xantippen aneinander gerathen; eine Vorstellung aber kann ein Laie sich kaum davon machen, wie solch' ein altes wüthendes Weib in schwarzbrauner Färbung aussieht!
Es war in diesen Tagen auch, als man mir die Mittheilung machte, in einer der nächsten Hütten liege ein schwerkranker sterbender Mann, der sehr alt und schwach sei und kaum mehr genesen würde. Ich sah auch den Medizinmann des Dorfes ein- und ausgehen, der seine Kunst mit Beschwörungen an dem Kranken versuchte, ihm aber zu helfen doch nicht imstande war. Die mir gemachte Mittheilung vom Zustand des Mannes zielte darauf ab, ich sollte mich herbeilassen, mittelst Daua (Medizin), wie solche nach dem Glauben der Eingebornen der weiße Mann besitzt, zu helfen, allein ich hütete mich wohl, dem würdigen Dorfarzte ins Handwerk zu pfuschen, denn das ist bei dem Aberglauben dieser Bevölkerung ein kritisches Unternehmen, namentlich wenn es nichts mehr zu helfen und zu verderben giebt. Auch die Hütte betrat ich nicht und sah mir nur im Vorübergehen den im Todeskampfe liegenden Mann an, davon überzeugt, es sei bei diesem keine menschliche Hilfe mehr möglich. Hätte ich hier wirklich, wie sonst bei vielen anderen, helfen wollen und der Mann wäre, was augenscheinlich war, bald darauf gestorben, so hätte ich nur dem Ansehen des Europäers geschadet, denn daß die Medizin des weißen Mannes nicht mehr hätte helfen können würden die Angehörigen nicht begriffen haben. So war es besser ich hielt die Hände davon und überließ alles dem Zauberer, der möglicherweise, wenn er seine Kunst mißachtet sah, durch seinen Einfluß mir hätte schaden können, und wäre es auch nur dadurch, daß die Arbeiter aus dem Dorfe von der Werft ferngehalten worden wären.
Schon um Mitternacht des nächsten Tages, während ich noch durch die Ngoma und das laute Geräusch im Dorfe wachgehalten wurde, hörte ich wie mehrere Männer und Frauen die Posten baten, sie einzulassen, sie wollten zu dem weißen Mann, der kommen und helfen solle, der Kranke sterbe sonst. Die Sudanesen aber öffneten nicht und sagten ich schliefe; einer aber kam doch und machte mir Mittheilung von dem Begehren der Leute und fragte an, ob er öffnen solle oder nicht. Ich war aber schon auf und dachte, wenn es nicht anders sein kann, um wenigstens den Bittenden den guten Willen zu zeigen, kann ich auch zusehen wie der Mann stirbt, denn ich war überzeugt, nur der letzte Kampf, der für den Sterbenden recht schwer sein mochte, hatte sie zu mir getrieben, und weil sie sich nicht mehr zu helfen wußten.
Wenige Minuten später, noch hatte ich das Thor nicht erreicht, tönte aber schon ein Schuß durch die Nacht und gleicherzeit ein wildes Klagegeheul, das Gesang und Ngoma übertönte; nun wußte ich, es sei alles vorbei und hatte, als ich wieder auf meinem Lager lag, nur den stillen Wunsch, das überlaute Klagen und Weinen der Weiber möchte ein Ende nehmen. Aber im Gegentheil, der Spektakel ging erst los, als die schnell versammelten Bewohner sich anschickten, vor jeder Hütte, in welcher meines Erachtens ein Anverwandter des Verstorbenen wohnte, eine halbe Stunde lang zu klagen und zu heulen; dazu feuerten dann noch die glücklichen Besitzer eines Gewehrs fortwährend ihre Donnerbüchsen ab, daß es wirklich das tollste Beginnen war, welches ich bisher in Afrika gehört.
Bei solchem Lärm zu schlafen war einfach unmöglich, recht heiter wurde es aber erst, als in der an meinem Hause anstoßenden Hütte, nur durch den Rohrzaun von einander getrennt, ein paar kleine Kinder mit einstimmten, die von den am Umzuge im Dorfe theilnehmenden Eltern allein gelassen, aus vollen Hälsen brüllten. So ging es mit wenig Unterbrechung zwei Tage und Nächte hindurch, bis am dritten der Spektakel einfach übertoll wurde. Wie schon früher erwähnt, glauben die Eingebornen durch solchen Höllenlärm den Geist des Todten im Grabe zu bannen, Ngomaschlagen, lauter Gesang, Weinen und Heulen sollen ihn zurückscheuchen, damit er auch mit in das Grab hinabsteigt und bei dem Körper verbleibt. Während der ganzen Zeit, in welcher das Grab in der Hütte noch offen ist, spricht der Medizinmann seine Beschwörungsformeln oder jagt phantastisch in Affen- und Pantherfellen gekleidet, wie toll um die Hütte mit dem Rufe üich, üich, als habe er den Geist erblickt und verfolge und jage ihn wieder zum Grabe zurück; hört er endlich athemlos auf, und erklärt, der Geist sei wieder in den Körper oder ins Grab gebannt, dann soll durch noch wilderen Lärm sein Wiederentweichen verhindert werden. Bei alten Leuten bricht gewöhnlich der Geist drei oder vier Mal aus und macht dem Zauberer, der ihn nur allein sehen kann, viel zu schaffen, bis er diesen schließlich, wenn alles bereit ist, zum letzten Mal in das Grab scheucht und dann eilig zuschütten läßt, damit er nicht mehr entweichen kann.
In kluger Berechnung, nur um sein Ansehen zu fördern, unterzieht sich der Zauberer gerne solcher Anstrengung, denn von klingendem Lohn kann überhaupt keine Rede sein; er betreibt den Hokuspokus mit einer Raffinirtheit, die unglaublich ist, damit alle in ihm den klugen Mann erblicken, der Geister sehen und mit ihnen verkehren kann, der einfach Dinge versteht, die für den beschränkten Verstand des Negers als übernatürliche gelten müssen. Diese Gabe der vorgespiegelten Hellseherei vererbt sich, indem der Nachfolger immer wieder aus der Familie des Zauberers hervorgeht und die streng gewahrten Geheimnisse somit zu keines Fremden Kenntniß gelangen. Der eigentliche Todtengesang vor und nach dem Begräbniß tönt aus in leiser, harmonischer Klage, ein Rhythmus, von allen gesungen, kommt die Melodie unsern lieblichen einfachen Liedern nahe und unwillkürlich lauschte ich, wenn dieser leise melodische Gesang ertönte, der in all dem tollen Lärm das einzig Erhebende war.
Nach der Ceremonie beginnt erst das Fest und die zuweilen recht zahlreiche Verwandtschaft des Verstorbenen singt und tanzt unter Anleitung des unermüdlichen Medizinmanns, sie trinken solche Mengen von Pombe bis alle, öfter mitsammt den Weibern, so betrunken sind, daß sie nach so langem Wachen und so großer körperlicher Anstrengung in einen festen langen Schlaf verfallen.
Jetzt wo auf der Werft mehr und mehr körperliche Arbeit von den Europäern verlangt wurde, da ja ausschließlich, was Nieten, Schmieden etc. anbelangte, solche nur von den Handwerkern ausgeführt werden konnten, zeigte es sich bald, daß die aus der bisher eigentlich geringfügigen Arbeit herausgerissenen Leute den Anstrengungen nicht gewachsen waren. Die Folge war, die jetzt ungewohnte Arbeit verursachte Störungen im körperlichen Wohlbefinden, die sich in Fiebererscheinungen und Schwäche äußerten, und von den bis jetzt Anwesenden lag die Hälfte immer krank im Lager. Ich will gewiß keinem den guten Willen am endlichen Gelingen des großen Werkes absprechen und bin überzeugt, es ist keiner ohne Grund von der schweren Arbeit ferngeblieben, nur das muß ich erwähnen, es wären nicht so viele Krankheitsfälle an Fieber eingetreten, wenn nicht bei jedem kleinen Anfall schon die Betroffenen die Arbeit niedergelegt und sich körperlicher Ruhe überlassen hätten, sondern mit festem Willen dem Fieber entgegen getreten wären.
So kam es dahin, daß ich verschiedene Male, als bereits mit dem Zusammennieten der Spannten begonnen worden war, mit nur einem Handwerker auf der Werft diese Arbeiten allein ausführte. Gewiß bedingte es einer eisenfesten Natur, um ohne Schaden am Körper zu nehmen, bei einer Hitze von 10° R. am Morgen aufsteigend meistens bis 38° R. um 11 Uhr Vormittags im Schatten, angestrengt zu arbeiten, dabei häufig der Sonnengluth noch ausgesetzt, die um letztgenannte Zeit 48° R. betrug und um Mittag in der Sonne so enorm groß war, daß man sich als Europäer nicht mehr den glühenden Strahlen aussetzen durfte, ohne Gefahr zu laufen vom Sonnenstich befallen zu werden.
Die Arbeitszeit war so eingetheilt worden: Morgens um 6 Uhr Beginn der Arbeit, um 8 Uhr bis gewöhnlich 8-3/4 Frühstückszeit, um 11 Uhr Aufhören. Nachmittags von 2 bis 5 Uhr; dabei ist aber zu erwähnen, daß während der Zeit von 10 bis 11 und 2 bis 3 Uhr meistens nur leichtere Arbeiten im Schatten der kühleren Schuppen vorgenommen werden konnten und seltener nur, wenn kühle Winde von den Bergen herüberwehten eine Ausnahme gestatteten. Gewaltige Gewitterregen, die in dieser Zeit häufig auftreten und während ihrer Dauer jede Arbeit unmöglich machten, kühlten zwar die heiße Luft ein wenig ab, jedoch so unmerklich, daß sobald die Sonne wieder hinter den Wolken hervortrat, die Hitze eine empfindlichere Wirkung hatte als vorher.
In den ersten Tagen des Monat März machte mir Ottlich die Mittheilung er habe annähernd 200 Fuß Balken im Urbusch fertig behauen und glaube in einer Woche die benöthigten 26 schweren Klötze, die je zwei übereinander gelegt zur Aufklotzung dienen sollten, fertig stellen zu können und schlug vor, hierfür von ihm näher dem Schirefluß aufgefundene Bäume fällen zu dürfen, deren Stämme zwar nur kurz aber doch die genügende Dicke hätten. Nach persönlicher Ueberzeugung pflichtete ich diesem Vorschlage auch bei um so eher, als uns die Arbeit erspart blieb abermals mehrere Baumriesen, die mit ihren Pfeilerwurzeln 5 Fuß über den Boden noch 16 bis 18 Fuß Umfang hatten, zu fällen, Bäume die ich ihrer Dicke und krummer Stämme wegen bei der Durchforschung des weiten Gebiets als ungeeignet übergangen hatte. Nun hieß es nur noch, ehe ich die gewaltige Arbeit unternahm, um die schweren Balken aus dem Dickicht herauszuschaffen, die Ankunft der Wagen abzuwarten, die als ersten Transport, die Kielplatten, Hintersteven des Schiffes und noch fehlende Theile des Kiels (der im Ganzen in sechs Theile des leichteren Transport wegen zerlegt worden war), über das Schiregebirge bringen sollten.
Alle Wagen bis auf zwei, seinerzeit in Hamburg hergestellt, waren mit ihrer eisernen Unterlage so eingerichtet, daß bequem darauf die Schiffsplatten befestigt werden konnten, die zwei mit geraden Achsen, aber ohne Unterlage und 6 Fuß hohen Rädern, sollten die unhandlichsten Theile des Schiffes, als Hintersteven und Ruder befördern. Es wäre jetzt ohne diese Karren ein furchtbares Stück Arbeit gewesen, die Schiffsplatten, Cylinder und andere Maschinentheile über das hohe Gebirge zu schaffen; an Trägerkräften hätte solcher Transport eine enorm größere Zahl bedurft, da schon jede Platte mit weniger als 8 Mann, die sich auf so weitem Wege abwechseln konnten, nicht gut hätte befördert werden können.
In den späteren Nachmittagstunden des vierten März vernahmen wir auf der Werft laut tönenden Gesang vieler Menschen und konnten bald das Halloh der heranziehenden Atonga unterscheiden. Eine Wagenkarawane von 10 Karren, schwer beladen mit Platten, Kesseltheilen etc., begleitet von Soldaten und geführt von zwei Handwerkern, Eikershoff und Dohmann, kam darauf durch das Dorf gezogen, zu der sich eine große Schaar Eingeborener gesellt hatte und einschwenkend zur Werft fuhren sie mit wildem Gesang in Reihen auf. Sobald der letzte Wagen zum Stillstehen gekommen war, schaarten sich die Atonga zusammen und stimmten einen dreimaligen Ruf an, daß einem die Ohren gellen wurden, dann erst begann die Begrüßung und die auf der Werft arbeitenden Stammesgenossen hatten einen wahren Sturm auszuhalten, so drängten sich alle heran und bekundeten ihre Freude ob des Wiedersehns.
Nur ein armer Teufel lag auf einem der Wagen, zur Sicherheit noch festgebunden, dieser allein konnte nicht an der Freude aller theilnehmen, denn mit zerquetschten Beinen war er unfähig sich zu rühren. Wie mir die Europäer mittheilten, war er von einem der schweren Wagen überfahren worden; und sobald die Atonga sahen, daß ich mich dem Verletzten zuwandte, erklärten sehr viele, mit solchen ungeschickten Dingern, die von selber laufen, wollten sie nicht mehr nach Katunga zurückkehren, lieber die schweren Eisentheile tragen. Jedoch besänftigte ich sie bald, indem ich ihnen ein Poscho versprach, wofür sie sich Mais kaufen sollten, und stellte alle zufrieden, als mein Diener einige Faden Zeug unter die Kapitaos vertheilte; bald konnte ich sie danach zum Lager absenden, wo sie Verpflegung und einen Ruhetag nach so großer Anstrengung finden sollten.
Für die Bewohner Inner-Afrikas ist ein Wagen auf welchem man mit Leichtigkeit Lasten transportiren kann, die sonst keine 40 Mann tragen würden, ein kurioses Ding; überaus viel Spaß macht es ihnen anfangs damit herum zu fahren und ausgelassen wie Kinder haben sie ihre helle Freude daran. Nur wie mit allem womit der Europäer sie beglückt, außer Waffen, verlieren sie, wenn die Sache ihnen über den Spaß geht, sehr leicht die Lust daran und der Gegenstand wird ihnen gleichgültig, sobald sie sich ihr Urtheil gebildet haben, das meistens sehr oberflächlich ist und bei unverständlichen Dingen auf die geheimen Kräfte, die der Europäer ihrer Meinung nach besitzen muß, zurückgeführt wird. So lange auf ebenen glatten Wegen mit einer Last von durchschnittlich 12 Zentnern gefahren wurde, waren auch die Atonga frohen Muthes, da von den je 16 bis 24 Mann, die jedem Wagen zugetheilt waren die Hälfte gemüthlich nebenher gehen konnte; anders aber kam es sobald sie auf den ausgewaschenen Gebirgswegen alle Kräfte anspannen mußten um die Wagen in die Höhe zu bringen und den Führern des Transportes glaubte ich es gerne, daß sie an steilen tiefen Abgründen ihre ganze Kraft zusammen nehmen mußten, um einen Absturz zu verhindern; namentlich, wo an gefährlichen Stellen der Weg etwas abfiel und die Wagen durch ihre Last von selbst in Bewegung gesetzt sehr leicht abweichen konnten, da die Leute es nicht begreifen wollten wie ein solcher durch Gegenstemmen gehemmt werden kann. Konnte ein Wagen auch nicht, wegen der vielen Bäume und Sträucher in einen Abgrund stürzen, wäre solcher doch sicherlich mit seiner Last zerschellt, wie es mit einem geschah, der mit den langen schweren Schiffsmasten beladen, auf scharfen Krümmungen des Weges nicht zu halten gewesen war und abstürzte; die Masten mußten liegen bleiben, den zerbrochenen Wagen aber brachten sie mit. Von Blantyre bergabwärts, hatten sie den Weg über Matope genommen, der recht beträchtliches Gefälle hat, hier aber wußten die Atonga sich nicht zu helfen, anstatt zu halten ließen sie die Wagen laufen und wer dann, wenn an ein Aufhalten nicht mehr zu denken, nicht flink genug beiseite sprang, der Wagen ihm auf den Fersen saß, konnte schweren Schaden erleiden. Keine Tour ist ohne Unfall vorüber gegangen, bei der zweiten sogar wurde ein Atonga todtgefahren. Ich weiß aus Erfahrung, welche Mühe es dem Europäer kostet den Leuten es beizubringen, damit sie vorsichtig handeln, denn als ich später 40 Zentner schwere Balken steile Abhänge hinabfahren mußte war meine Gegenwart unerläßlich, um nur ein Unglück zu verhüten.