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Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. cover

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Chapter 20: 16. Im Urwald.
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About This Book

A first‑hand account of an inland steamship expedition that details the logistics of transporting disassembled vessel components overland, erecting camps and a shipyard, assembling and outfitting the steamer, and conducting its launch and maiden voyages on Lake Nyassa. The narrative follows marches between encampments, methods of transport including rail transfer, episodes of local unrest and combat, and practical problem‑solving during construction. Interwoven are descriptive observations of the lake, coasts, inland settlements, and regional plant and animal life, with attention to the labour, engineering and navigational challenges encountered throughout the campaign.

16. Im Urwald.

Die tägliche Arbeit auf der Werft, die meine ganze Zeit und Kraft in Anspruch nahm, nicht nur soweit die Aufsicht und Leitung des Ganzen es erforderte, sondern auch das Mithandanlegen ans Werk, war es schwer, mich einige Tage freizumachen, um endlich die nunmehr anfangs April unaufschiebbare Expedition ins Innere des Wangoni-Landes vorzunehmen, denn zur Herstellung der noch benöthigten Balken und anderer Hölzer konnte ich mindestens zwei Monate rechnen. Leicht würde es nicht sein, passende Bäume zu finden, das hatten von mir unternommene Streifereien in die Wildniß schon erkennen lassen, und recht verlangende Blicke warf ich jedesmal nach jenem herrlichen Waldbestand, der von den Eingeborenen zum Begräbnißplatz auserwählt war und der dadurch für uns unnahbar geworden, als ich strikte die eingegangene Verpflichtung, den Ruheplatz ihrer Todten nicht zu betreten, einhalten mußte; folglicherweise hieß es die Hände davon lassen! So war ich denn darauf angewiesen aufs Neue in der weg- und steglosen Wildniß vorzudringen, und vielleicht viele Meilen weit zu wandern, ehe ein Terrain gefunden, worauf die Jahrhunderte alten Waldriesen in genügender Anzahl vorhanden waren.

Zur Genüge bekannt mit dem Leben und den Mühsalen in der afrikanischen Wildniß, mußte ich auch darauf bedacht sein, daß nunmehr die Leute viele Wochen lang, abgeschlossen von allem Verkehr in einer Gegend leben sollten, wohin sich keines Menschen Fuß je verirrt hatte. Darum entschlossen, auf keinen Fall zwecklos zurückzukehren und vor keinem Hinderniß zurückzuschrecken, ließ ich gleich die nöthigen Vorbereitungen treffen, allenfalls Tage lang abwesend sein und meine Begleiter zurücklassen zu können. Der Mannschaft, bestehend aus 10 Atonga und Ottlich, hatte ich, um sie auf dem höchst wahrscheinlich sehr beschwerlichen Marsche zu entlasten, den auf der Werft vorhandenen Wagen, worauf das nöthige Handwerkszeug geladen werden sollte, mitgegeben, und zur frühen Morgenstunde uns einschiffend, wollte ich auf den früher von uns geschlagenen Wegen vordringen. Langsam zwar, aber durch nichts behindert, erreichten wir jenes mir noch unbekannte Wangonidorf mit dessen Häuptling sich Ottlich schon bekannt gemacht, als er noch vor dem Aufstand die Aufsicht über die im Urbusch gefällten Bäume führte.

Heiß und glühend brannte die Sonne auf die weite baumlose Grassavanne nieder und herzlich froh war jeder, als wir nach dreistündigem, gewiß nicht einen Spaziergang zu nennenden Marsch, im Schatten des gewaltigen Baobabbaumes in mitten des kleinen Dorfes ausruhen konnten. Idyllisch im Urbusch versteckt, umgeben von kleinen Schambas mit Mais, Mtama und Bataten bepflanzt, lagen hier etwa 15 elende Hütten; rauchgeschwärzt, vom Wetter zerzaust, paßten sie so recht zu dieser wilden Umgebung. Gewiß hatte sich bis hierher selten der Fuß eines Europäers verirrt, und neugierig, halb furchtsam, lugten Frauen und Kinder aus den niedrigen Eingängen ihrer Hütten, während die Männer um ihren Häuptling, einem weißköpfigen Greise, versammelt, aufmerksam den Verhandlungen folgten, welche ich mit diesem angeknüpft hatte. Bald wurden auch die Kinder zutraulicher, aus respektvoller Entfernung starrten sie die ihnen fremden Erscheinungen an, und was sie am meisten, namentlich an meine Person, bewunderten, war der lange blonde Vollbart, wenigstens war aus den Zeichen, die sie sich machten zu entnehmen, daß sie Vergleiche zwischen mir und Ottlich anstellten, der einen solchen in den Tropen lästigen Gesichtschmuck nicht besaß.

Erwähnenswerth ist der Haarschmuck der Wangoni, es kann dieser als besonderes Merkzeichen des ganzen Volksstammes betrachtet werden; ein leichtes Unterscheidungsmal jedenfalls, nämlich: sie tragen auf dem Kopfe 4-6 festgewickelte, gerade abstehende Strähnen; die 3-4 cm lang am Ende mit einem kleinen erbsgroßen Erdkügelchen abschließen. Die krausen Haare werden so um ein kleines Stäbchen oder Stückchen Rohr festgewickelt und durch die klebrige Thonkugel am Ende festgehalten, daß sie in dieser Lage bleiben müssen, und dienen wie erwähnt als besonderer Schmuck und Kennzeichen. Ob solche Haarfrisur für lange Zeit nicht erneuert wird, kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen, denn ich habe nur sehr selten Gelegenheit gehabt solcher Toilette beizuwohnen und kann nur so viel behaupten, daß, nach dem schmutzigen Aussehen des Kopfhaares zu urtheilen, höchst selten eine neue Frisirung vorgenommen wird. Ihre primitive Kleidung, die meistens nur aus einem 3-4zölligen Zeugstreifen besteht, dient noch dazu ihre Habseligkeiten, eine Schnupftabakdose und ein kleines selbstgefertigtes Messer zu bergen, indem diese Gegenstände an einem Ende dieses Bekleidungsstückes eingewickelt werden und handgerecht vorne am Bauch herunterhängen, jedoch wird letzteres auch am linken Oberarm in einer aus Ziegenhaut gefertigten Scheide getragen, dieses Messer, eine äußerst rohe Zusammensetzung aus Eisenstücken, ist ihnen so handgerechter.

Ein sorgloseres Leben, wie es diese Eingeborenen führen, ist kaum denkbar, keine Pflicht, keine Arbeit rüttelt sie aus ihrer trägen Ruhe auf, und während meines Aufenthalts hier konnte ich beobachten, wie sie sich die Zeit vertrieben. Mit Vorliebe dem Spiel und Tanz ergeben, hat der Neger eine besondere Zuneigung zu den bunten Karten gefaßt, und kann er sie von den Europäern erlangen, wird er meistens nach seiner Kombination ein Spiel veranstalten; hat er aber die Glücksblätter und ihre Bedeutung noch nicht kennen gelernt, behilft er sich mit anderen Methoden. In diesem Falle lernte ich eine Art Spiel kennen, das nach meiner Auffassung dem Damspiel zu vergleichen ist, und zwar: der flache Erdboden als Brett benutzt, stellten kleine Löcher dicht an dicht die Felder vor, nur daß das provisorische Brett hier kein Quadrat, sondern ein großes Parallellogramm war; eine Anzahl kleiner Steine ersetzten den Spielenden das nöthige Zubehör. Klug bin ich nicht daraus geworden, da kein geeigneter Erklärer zur Hand war, fand es aber doch interessant genug und konnte es mir erklären, daß solche Spieltische eigenartiger Konstruktion vor Beschädigung bewahrt wurden; als nämlich das Hühnervolk mit Eifer nach Beendigung des Spiels die zahlreichen gleichmäßigen Löcher aus- und durcheinander zu kratzen begann, wurde ein Wachtposten in Gestalt eines kleinen Jungen dabeigestellt, der mit perfekter Sicherheit jedes vorwitzige Huhn ein Steinchen zusandte, das dieses zur eiligen Flucht veranlaßte.

Die Unterhandlung mit dem alten Häuptling betreffs einiger Führer hatte dahin geführt, daß er willig mir solche stellen wollte und auch sich erbot die gesammten männlichen Dorfbewohner mir zu überlassen, wenn sie beim Fällen der Bäume benöthigt würden; kleine Geschenke nämlich hatten seine Begierde nach mehr gereizt, und mit kluger Berechnung sah er voraus, daß kaum jemals wieder eine solch günstige Gelegenheit sich bieten würde, so leicht und bequem sich zu bereichern, er war daher auch, als ich seinen Antrag, der mir höchst willkommen, annahm, von ganz besonderer Liebenswürdigkeit und plapperte mir so viel vor, als ich nur mit anhören wollte, obgleich ich selbst mit Hilfe eines Dolmetschers schwer daraus klug werden konnte.

Daraus, daß die bestellten beiden Führer durch eine tüchtige Mahlzeit sich erst stärkten, konnte ich schon entnehmen, der Weg würde lang und beschwerlich sein, was sich auch bestätigte, als wir nach halbstündiger Rast das hinter dem Dorfe ansteigende Gelände betraten und mühsam die schmalen Fußpfade verfolgten. Bald ging es über durch wildrasende Waldbäche zerrissenes Terrain, auf- und abwärts durch Schluchten und über Hügel, bis schließlich in der wegelosen Wildniß unser Wagen durch die immer dichter zusammenstehenden Sträucher und Bäume nicht mehr fortzubringen war. Proviant und Handwerkszeug mußte vertheilt werden und ich bedauerte nur, aus dem Dorfe nicht mehr Leute mitgenommen zu haben, die die ziemlich stark belasteten Atonga, von denen 6 den zerlegten Wagen theilweise zu tragen hatten, hätten erleichtern können, aber zu spät und schon zu weit entfernt, mußte es eben so gut als möglich vorwärts gehen. Reich an Widerwärtigkeiten war der Weg, bald durch dichtes Gebüsch, bald an steilen Abhängen hinziehend, zerstachen und zerrissen Dornhecken uns die Haut und unsere dünnen Kleider; die nackten Menschen nicht imstande, sich gegen die scharfen Dornen zu schützen, krochen oftmals mehr als sie aufrecht gingen hindurch. Die Wege, welche die Führer verfolgten waren nur Wildpfade und ganz angethan darnach, daß diese der Löwe und Panther, wie mir die Wangoni versicherten, zur nächtlichen Streife benutzten; war doch die ganze zerklüftete Umgegend so recht geeignet den gefährlichsten Raubthieren als sicherer Zufluchtsort zu dienen. Dazu kamen wir durch Dickichte, in welchen eine bienengroße Fliege förmlich Attacke auf unsere unbedeckten Körpertheile machte, deren Stich so empfindlich und schmerzhaft war, daß wir vorwärts eilten, so gut und schlecht es gehen wollte, um nur diesen Quälergeistern zu entgehen.

Nach mühevollem Wandern am Fuße eines steilen Hügels angelangt, wo das Terrain wieder in eine Art Lichtung überging, hieß ich den Wagen hier zusammensetzen, und nun die Mannschaft davor, suchten wir den bewaldeten Höhenkamm zu erreichen. Oben angelangt und im Schatten knorriger aber breitästiger Bäume stehend, eröffnete sich vor unsern Augen eine wilde, doch in ihrer Eigenart herrliche Gegend. Rechts strebten die Hügel immer höher an, bis zu den fernen Bergen mit Wald und Busch bestanden. Vor uns in der Tiefe lag eine Grassavanne ausgebreitet, unterbrochen mit größeren Weideplätzen, auf denen ungestört in kleineren Trupps verschiedene Antilopenarten, selbst das Kudu, weideten, und weiter, an deren Grenze, mächtiges Rohrgebüsch, das den Uferrand des uns schon bekannten Flusses einfaßte. Links von uns aber, fiel das Terrain in sanfter Wellenlinie ab; es breitete sich ein Waldidyll vor uns aus, wie ich solches in der afrikanischen Wildniß noch nie erblickt hatte. Schlank und hoch, gleich einem herrlichen Dom, unter dessen Schatten grüne Grasmatten ausgebreitet lagen, hoben Baumfarren und Kaktusbäume ihre stolzen Kronen in die Lüfte und als wir in diesem lichten prächtigen Wald wandernd, die ganze Herrlichkeit der jungfräulichen Natur um uns bewundern konnten, war der Wunsch in uns lebendig, an solcher Stätte verweilen und ruhen zu dürfen.

Von jener Höhe, von der ich herniederschaute auf diese sonnenbeglänzten Gefilde, erschien die weite Ferne näher gerückt, aber es war nur ein Trugbild der Reflexion, denn stundenweit dehnte sich das Waldgefilde aus, ehe wir dieses durchzogen, wieder in die Grassavanne hinaustraten und in der vollen Sonnengluth durch das mannshohe Gras vorwärts strebten, die steilen Ufer eines jetzt nur wenig bewässerten Baches hinab und hinauf, standen wir vor einer undurchdringlichen Mauer jener Rohrmassen, wie solche hier allerwärts die sumpfigen Niederungen an den Flüssen ausfüllten; dem Urbusch gleich, verwoben mit Schling- und Dorngesträuch, war nur das plumpe Flußpferd und das Warzenschwein fähig, hier hindurch sich Bahn zu brechen; auch die scheue Antilope folgt in nächtlicher Stunde diesen Spuren, um zum frischen, klaren Wasser zu gelangen, das sie während der heißen Tagesgluth vielfach entbehren muß.

Ehe ich mich nun entschloß, aufs Geradewohl den dunklen Gängen, deren mehrere in nächster Umgebung hier ausmündeten, zu folgen, fragte ich die Führer, welche selbst nicht mehr wußten, wohin sie uns den Weg zeigen sollten, (da ich solche Bäume, die sie für dick und hoch bezeichnet hatten, für unbrauchbar erklärte,) ob nicht an dieser Seite des Flusses irgendwo noch stärkere und geradere Stämme zu finden seien. Dieses verneinend, wiesen sie in die Ferne nach den Bergen hin und meinten, dorthin allein könnte es möglich sein, zu finden was wir suchten. Nun solch einen weiten Weg durch die offene Grassavanne auf gut Glück in glühender Sonne zu machen, das hielt ich denn doch für zwecklos, und wie hätten wir wohl allenfalls dort gefundene Bäume auf solchen Wegen, wie wir sie anfänglich durch Dickicht und Busch uns gebahnt, zum Schire schaffen sollen? Also vorwärts — der Wagen zerlegt, die Leute, wie schon einmal, mit den Lasten bepackt, ging es in einem der dunklen Gänge hinein. Kühl und feucht, selbst modrig war die Luft da drinnen, und unwillkürlich schärften sich die Sinne bei dem Gedanken, daß nächtlicher Weile der König der Wildniß und der blutgierige Panther hier auch hindurch schlichen, um die wehrlose Antilope, wenn sie vom Durst geplagt, zum Wasser eilte, nach Katzenart zu beschleichen. Es war ja nicht das erste Mal, daß ich in solche Reviere eindrang, wo unumschränkt die Gewaltigen der Thierwelt herrschten, und an die Einsamkeit sowohl, wie an die Schrecken der Wildniß gewöhnt, war die Beklemmung, die selbst den Muthigsten erfaßt, wenn er auf solchen Pfaden geht, längst geschwunden, obgleich man doch das Herz klopfen fühlt, sobald in der Dämmerung solcher Gänge das lauschende Ohr irgend ein unerklärliches Geräusch vernimmt.

Nach halbstündigem Hindurchwinden, wobei es mit den Wagentheilen recht mühsam vorwärts ging, traten wir wieder hinaus in hellen Sonnenschein und silberglänzend lag der Fluß vor uns. Wissend, daß überall, wo Flußpferde ihre Ausgänge im Uferdickicht gebrochen haben, sich tiefes Wasser befindet, wollte ich hier gleich, da eine Messung nur Mannstiefe ergab, den Uebergang versuchen, dagegen aber erhoben die Führer Protest, indem sie erklärten nicht folgen zu wollen und dadurch auch die Atonga zaudern machten. Es seien, wie sie behaupteten, an solchen Stellen in diesem sonst seichten Flußbett immer Krokodile gefährlichster Art vorhanden. Ich konnte mich hiervon auch bald überzeugen, denn nach kurzer Umschau hatten die Leute drei mächtige Thiere entdeckt, die nur mit dem Oberkörper über Wasser, halb im Ufergebüsch verborgen lagen. Gleichzeitig feuernd, störten wir sie aus ihrer behaglichen Ruhe auf, sahen auch dann, wie durch das Echo der Schüsse erschreckt, eine ganze Anzahl im Wasser verschwand; selbst wie ein Flußpferd weiter unterhalb den Kopf neugierig über Wasser hob und dumpf grunzend sein Mißbehagen ausdrückte. Es blieb also nichts anderes übrig, als nun längs dem Ufer vorzudringen, bis wir das Ende des tiefen Beckens erreicht, eine seichte Stelle fanden, wo mit Ausnahme einer tieferen Rinne der Uebergang leicht bewerkstelligt werden konnte.

Hier im Waldesschatten, dessen tiefes Dunkel sich endlos vor uns auszudehnen schien, veranlaßte mich die überstandene Anstrengung kurze Rast zu halten, und nun drängte sich mir der Zweifel auf, ob ein weiteres Vordringen von Nutzen sei, da auch die Führer erklärten, sie wüßten in dieser Wildniß sich nicht weiter zurecht zu finden; rings um uns sei undurchdringlicher Urwald — einen anderen Weg zurück wären sie nicht imstande anzugeben. Doch bald entschied ich mich zum Vorwärtsgehen, die Nothwendigkeit war ein Zwang, der alle Bedenken beseitigte. Und weiter wanderten wir in der Walddämmernng westwärts durch Urdickicht und lichteren Urwald, bis wir in später Nachmittagstunde uns schließlich von undurchdringlichem Busch umgeben fanden.

Wildromantisch war die nächste Umgebung, die dichte lebende Wand, von Luftwurzeln und Lianen gebildet, die tausendfältig durcheinander gewoben, jedes Eindringen gewehrt hätten, erschien wie eine Mauer, durch die hindurch noch nie eines Menschen Hand Bahn gebrochen hat. Und wo niemals vorher der müde Fuß eines Europäers Rast gehalten, schleichend nur der Panther auf Beute ging, die Hyäne das sterbende Wild zu finden weiß, das in tiefster Waldeinsamkeit sein letztes Lager bettet, der Ruf der Nachteule die Stille unterbricht, rasteten wir, um nach einem langen ermüdenden Marsche auszuruhen.

Recht lang schon wurden die Schatten der Bäume, wenn die scheidenden Sonnenstrahlen vereinzelt durch das dichte Laub zu dringen vermochten, als wir längs diesem Dickicht nach einer Stelle suchten, wo es weniger schwierig war, durchzukommen, und die westliche Richtung wieder eingeschlagen werden konnte. Nicht möglich war es, auch nur auf kurze Distanz etwas genau zu unterscheiden, bis es zwischen den Bäumen nach längerer Zeit plötzlich heller wurde, und eine Lichtung sich vor uns aufthat, die zu einem ehemaligen breiten, jetzt aber trockenen Flußbett führte. In diesem der Richtung folgend, wohin einst die Wassermassen geflossen sein mußten, verengte sich das Bett mehr und mehr, bis wir vor einer wildverwachsenen Schlucht weiteres Vordringen aufzugeben gezwungen waren. Erst als wir links über die einstigen hohen Ufer einen Weg uns suchten, kamen wir unverhofft zum Laufe eines kleinen Flusses mit kaltem kristallhellem Wasser, und hier sahen wir zu unserer Freude über den etwas niederen Urwald die Kronen riesenhafter Bäume hoch in die Lüfte emporragen.

Zu spät, um mich noch von der Beschaffenheit jener Waldriesen zu überzeugen, da mit der scheidenden Sonne zugleich sich tiefe Dunkelheit über diesen endlosen Urwald lagerte, beschloß ich hier Halt zu machen und auf einem freien Platze für die Nacht Lager zu schlagen, d. h., wir hatten nämlich nichts weiter zu thun, als das gesammelte Holz zu entzünden und im Scheine der Feuer zu lagern, denn ohne jeden anderen Schutz, als die Gipfel der Bäume über uns, mußten wir uns eben damit begnügen. Nach einem über fünfzehn englische Meilen langen Weg, auf einem Terrain, wie es schwieriger kaum gedacht werden konnte, sehnten wir uns alle nach Ruhe, und bis auf den Posten, der die leuchtenden Feuer der wilden Thiere wegen zu unterhalten hatte, lagen bald alle nach einer frugalen Mahlzeit im tiefen Schlafe. Schlummernd in süßer Ruh auf harter Erde, entrückt der Wirklichkeit, hallte plötzlich die leise Stimme des Postens, der, mich rüttelnd, die Worte zurief: bwana, simba (Herr, ein Löwe), mir wie ein Donnerwort ins Ohr! Die Waffe ergreifen und aufspringen, konnte ich kaum, vom Frost geschüttelt, die Frage »wo ist er« hervorbringen und fast athemlos starrte ich in die tiefe Finsterniß hinein. Erst nach einigen Minuten war in der angegebenen Richtung wirklich ein dumpfes Brummen, mehr grollendes Knurren, zu vernehmen, jedoch entfernt genug, um noch eine böse Absicht des hier herumschleichenden Panthers, denn solch ein Raubthier war es, nur voraussetzen zu können, obgleich ich der Versicherung des Postens wohl Glauben schenken konnte, daß er das Thier ganz nahe gehört habe.

Eine angenehme Ueberraschung hatte mir der Mann gerade nicht bereitet, dennoch war ich zufrieden, daß er mich aus tiefem Schlaf geweckt hatte, da ich, naß vom nächtlichen Thau, der gleich Regentropfen auf der dünnen Kleidung lag, bei längerem Liegen auf der jetzt kalten und nassen Erde, sicherlich mir ein schweres Fieber zugezogen hätte. Längst ermuntert, kauerten nun auch die schwarzbraunen nackten Gestalten, zitternd wie Espenlaub, um die halberloschenen Feuer. Die Kälte der Nacht, dazu ein befürchtetes Renkontre mit solcher gefährlichen Katze, hatte alle aus der Ruhe aufgeschreckt, und ich glaube, wäre das Raubthier kühn genug gewesen, einen der Schläfer zu überfallen, mit seiner Beute wäre es wahrscheinlich im Dunkel des Waldes entkommen; die aufs Geradewohl abgegebenen Schüsse hätten den Panther schwerlich daran gehindert.

Als nun zunächst die Feuer wieder angefacht worden, war über deren Schein hinaus nichts zu unterscheiden, gelblich hell nur schimmerte es im Kreise, und feuchtkalt wehte es vom Flusse herüber; ein weißer, dichter Nebelschleier hatte sich über die weiten Gefilde ausgebreitet, der selbst, als nach wenigen Stunden der junge Morgen anbrach, uns verhinderte, unsere nächste Umgebung zu erkennen.

Erst als wieder goldenes Sonnenlicht durch das Dunkel des Waldes brach, die wärmenden Strahlen die Nebel hob und zugleich den Körper neu belebte, machte ich mich trotz des nassen Grases auf, um die nächste Umgebung zu besichtigen. Ueber den Fluß hinweg, der in den am Tage vorher durchschrittenen Nebenfluß des Schire münden sollte, erkannte ich auf einige Kilometer Entfernung ebenfalls hohe, passende Bäume in genügender Zahl, aber bis dorthin vorzudringen, da das tiefer liegende Terrain ein einziger dichter Rohrbusch war, hätte enorme Anstrengung gekostet; auch wollte ich höchst ungern den Fluß wieder verlassen, da wir hier so bequem das benöthigte Wasser zur Hand hatten. Aus diesem Grunde schon zog ich es vor, am rechten Ufer des Flusses zu bleiben, selbst wenn sich hier noch größere Schwierigkeiten uns entgegenstellen sollten.

Glück muß der Mensch haben, das hätte ich sagen können, als wir kaum 200 Fuß vom Flusse entfernt, rings umgeben vom mächtigen Wald, eine kleine, mit nur wenigen Bäumen bestandene Lichtung fanden, und dazu, wie der nähere Augenschein ergab, in der Nähe vier jener Baumriesen, wie solche unserm Zwecke nicht besser entsprechen konnten. Ohne langes Zaudern, beschloß ich hier das Lager zu erbauen, denn schwerlich hätte sich ein gleich günstig gelegener Ort im Urwald gefunden, der nicht erst von Menschenhand mit Axt und Messer gesäubert werden brauchte. Zwar blieb die Frage betreffs eines geeigneten Rückweges noch offen, aber ich dachte, auch hier wird sich ein Ausweg finden müssen, da niemals daran gedacht werden konnte, die Balken auf dem Wege zum Schire zu schaffen, auf welchem wir bis hierher vorgedrungen waren.

Passende dünne Baumstämme fanden sich zum sofortigen Aufbau der Hütten nicht vor und mußte sich Ottlich solche später erst, wenn er genügende Kräfte zur Hand habe, beschaffen; vorläufig mußte ein provisorisches Unterkommen genügen, sowohl für die Schwarzen als auch für den Europäer, und ein schnell gefällter Baum, dessen Aeste dem Zwecke entsprachen, gab uns das nöthige Bauholz dazu. Man lernt es in der Wildniß, sich mit den geringsten Mitteln zu behelfen. Auch in diesem Falle waren von Zweigen, die mit bindfadengleichen Lianen zusammengehalten wurden, mit Gras und Strauchwerk, bald von den Atongas das Nothwendigste geschaffen. Schon vorher hatte ich unsere Wangoni-Führer nach ihrem Dorfe zurückgesandt, mit der Weisung, möglichst schnell Mehl, Bataten und Hühner herbeizuschaffen, und auch ihrem Häuptling zu sagen, er möchte mir die angebotenen männlichen Einwohner nun senden, je mehr desto besser.

Bestrebt, nun das weite Revier kennen zu lernen, namentlich einen besseren Rückweg zu finden und nach mehr Bäume Umschau zu halten, brach ich, begleitet von dem Zimmermann und einigen Leuten, bald darnach auf, um im weiten Umkreis, so gut als dies möglich, den Wald abzusuchen. Unglaublich schwierig aber ist ein Marsch in solchem Urdickicht, tausend Hindernisse stellen sich einem entgegen. Besser vorwärts ging es nur, wenn wir den Wildpfaden folgten, führten solche aber entgegen unserer Richtung, dann waren die Schwierigkeiten wieder da und die Faschinenmesser bahnten uns Wege durch Dornhecken und mit Schlingpflanzen unzerreißbar durchwobene Luftwurzeln der Bäume.

Anfänglich westlich, nachher südlich vordringend, mochten wir wohl eine halbe deutsche Meile vom Lagerplatz entfernt sein, als plötzlich ein ausgetretener Fußpfad, nordwestlich nach den fernen Bergen führend, vor uns lag. Es war keine Frage, durch den Urwald führte dieser Weg zu menschlichen Wohnungen, aber rück- oder vorwärts, das war schwierig zu sagen. Indes verfolgten wir diesen in der angegebenen Richtung eine Strecke weit und kamen bald auf freieres Terrain mit zwischenliegenden Grasebenen, durch welche aber der Weg wieder nach Südwesten abschwenkte und uns in Zweifel ließ, ob dieser, der sich bald wieder im Dickicht und Urwald verlief, uns nicht gerade in die entgegengesetzte Richtung führte, da, soweit ich mich orientiren konnte, der Schirefluß südöstlich von hier liegen mußte. Sehr schwer ist es, auf Vermuthungen hin die Richtung eines gewundenen Negerpfades zu bestimmen, als nicht selten, nur um Hindernisse zu umgehen, ein solcher rechtwinklig abbiegt und man leicht auf die Idee verfällt, derselbe führe ganz wo anders hin. Aus freien Stücken wird der Schwarze nie einen anderen Weg wählen, als den ihm bekannten, selbst gewaltige Umwege ändern daran nichts. Freilich ein tüchtiger Fußgänger ist der Neger, er liebt glatte Wege, auf denen er ungehindert schnell fortschreiten kann und wird solche auf jeden Fall eher vorziehen, als daß er bedeutend kürzere benutzen sollte, auf welchen er Dornen und Gesträuch vorfinden könnte, die ihm seiner nackten Füße und Körpers wegen unangenehm sein würden, ihn auch zwingen vorsichtiger zu sein, welche Eigenschaft, wenn sie nöthig und überflüssig erscheint, gerade nicht seine Passion ist.

Mit dem festen Vorsatze, an diesem Tage noch, wenn die Führer zurückgekehrt sein werden, auszuforschen, wohin dieser Weg führe, traten wir den weiten Rückweg wieder an an der Stelle, wo wir vorsichtshalber den Austritt aus dem Dickicht mit unsern Handbeilen an Baumstämmen gekennzeichnet hatten, indes wir merkten uns nur solche Bäume, die schlank und hoch, zu schönen Balken sich am besten eigneten, da hiervon gerade keine große Auswahl vorhanden war. An einer Stelle, zu der wir mühsam uns durchgerungen, fanden wir ein paar prächtige Stämme, gleich zwei Zwillingen, die ihre prächtigen Kronen hoch in die Lüfte wiegten. Ihr Anblick erweckte in mir den Wunsch, diese beiden zum Ersatz unserer durch das lange Liegen und den Transport reduzirten Schiffsmasten zu verwenden; aber als die Zeit dazu gekommen und ich nach Wochen ausging, sie wieder aufzusuchen, war es mir nicht möglich, sie wieder aufzufinden. Wie manches Mal ich Leute darum aussandte, wie oft ich auch selber zum Suchen ausging, es war vergeblich, jede Spur verwischt, konnte im dichten Urwald, der sich überall gleich blieb, jene Stelle nicht wieder aufgefunden werden, und die Folge war, da keine gleich passenden Bäume aufzufinden waren, daß das Schiff keine neuen Masten erhielt. Großer Achtsamkeit bedurfte es übrigens, um in einem solchen Walde sich wieder zurechtzufinden, war doch das Untergebüsch und zum Teil auch das Gras so dicht, daß es jede Aussicht benahm und sehr aufmerksam mußte auf die Zeichen geachtet werden, welche wir uns durch Knicken von Zweigen, Anhauen der Stämme, oder Wegschlagen den Weg sperrender Luftwurzeln gemacht hatten. Die Zahl der brauchbaren Bäume, welche ich auf dieser Streife gefunden hatte, war noch unzureichend, doch hoffte ich, wenn Ottlich erst näher mit der Umgebung bekannt sei, würde er dann noch einige finden; obwohl manch anderer Baum sich wohl geeignet hätte, so waren doch die meisten nur von kurzem Stamm und ergaben von den untersten Aesten ab, selten mehr brauchbares Kernholz. Die größte Zahl der ungezählten Tausenden aber war verkrüppelt, d. h. der Stamm kurz und gedrungen, meistens krumm dazu, was erklärlich, da es dem jungen Bäumchen an Platz, Luft und Licht zur Entwickelung gefehlt hat.

Zum Lagerplatz zurückgekommen, trafen bald darauf die sehnlichst erwarteten Wangoni mit dem Proviant ein; sie hatten in 7 Stunden den weiten Weg hin und zurück gemacht und waren doch noch bereit, gegen eine Entschädigung sofort mit mir aufzubrechen, um den gefundenen Weg zu erforschen, der nach ihrer Ansicht ein aus den fernen Bergen nach Matope führender Angoni-Pfad sein müsse.

Den zurückbleibenden Leuten, unter Ottlichs Aufsicht, gab ich den Auftrag, vorerst möglichst gerade Wege nach den aufgefundenen Bäumen durch Dick und Dünn zu schlagen; solche hätten strahlenförmig vom Lager auszugehen und könnten später, wenn die Bäume gefällt wären, von den Wangoni nach Bedarf erweitert werden. Ich würde auch unverzüglich Nachricht senden und fehlendes Handwerkzeug, sobald ein besserer Weg und vielleicht eine nähere Verbindung zwischen hier und der Werft gefunden sei.

Als das Nothwendigste geordnet war, brach ich mit den Führern, einem Diener und einem Atonga auf, um den gefundenen Weg nun in der entgegengesetzten Richtung zu verfolgen, mit der stillen Hoffnung, daß derselbe durch ein weniger schwieriges Terrain führen werde, wie wir es Tags zuvor durchwandert hatten. Und es war wirklich so, der Weg führte Anfangs etwas bergauf, dann aber, nachdem der dichte Urwald hinter uns lag, schlängelte er sich bald von durch Busch umsäumte Grasebenen, bald durch lichten Waldbestand hin, auf einem gleichmäßigen Plateau. Hin und wieder nur wurde der Weg schlechter und, zerrissen durch abgeflossene Wassermassen, unebener.

Ueberraschend war es weiter, daß wir in später Nachmittagsstunde unter schattigen Bäumen und provisorisch am Wege hergerichtetem Grasdach, am lustig flackernden Feuer, eine Truppe Angoni, Männer und Frauen, letztere selbst mit kleinen Säuglingen auf dem Rücken, antrafen, die erschreckt und verwundert zugleich die Erscheinung des weißen Mannes anstarrten, der unverhofft ihnen hier entgegentrat. Schnell orientirt über das Wohin und Woher, erhielten wir von den Führern der Truppe den Bescheid, diesen jetzt westlich laufenden Weg nur zu verfolgen, bis sich ein Arm nach Süden, der andere flußaufwärts abzweigen würde, der letztere führe uns am diesseitigen Ufer des Schire nach Mpimbi.

Nach einer Stunde etwa, immer durch lichten Wald marschirend, standen wir endlich am Scheidewege und schauten von hier aus in die gewaltige Niederung des Schireflusses, die von unserm erhöhten Standpunkt terrassenförmig abfiel. Wie abgeschnitten war der Wald, der das weite Plateau umsäumte — vor uns lag die wilde undurchdringliche Ebene, bestanden mit Busch und Rohr, die allein nur das Flußpferd und der Büffel zu durchbrechen vermochte. Müde und ermattet vom weiten Marsch, rastete ich hier im Schatten des Waldes und überlegte, wie ich wohl später die schwer beladenen Wagen die steilen Abhänge hinabbringen könnte. Es waren soweit keine unüberwindlichen Schwierigkeiten uns entgegengetreten, der Weg würde für Wagen nur zu erweitern sein, ob es aber möglich sein würde, die Abhänge und tiefen Gräben, wie solche durch abfließende Wasser entstanden, zu passiren, schien eine fragliche Sache, denn das Erdreich zu ebnen, eventuell abzutragen, würde eine ungeheure Arbeit kosten, die jedoch ausgeführt werden mußte, da sich bis jetzt kein anderer Ausweg darbot.

Meine Leute, nicht minder durstig als ich, waren ausgegangen, den hier nach der Angabe jener am Wege lagernden Wangoni vorhandenen Wassertümpel aufzusuchen und, allein zurückbleibend, wurde ich plötzlich von einer Anzahl mit Schildern, Speer und Bogen bewaffneter Angoni-Krieger überrascht, die aus dem Gebüsch herauskamen und eiligen Schrittes Mann hinter Mann den Waldpfad betraten. Wie angewurzelt standen sie, als sie mich erblickten und ihre geschulterten Waffen senkten sich unwillkürlich, aus Furcht, der ihnen hier unvermuthet entgegengetretene weiße Mann führe vielleicht Böses im Schilde. Scheu wichen sie zurück, als ich auf sie zutrat und machten mir Platz, dabei starr die Augen auf meine Waffe gerichtet, auf der ich mich stützte. Selbst meine freundliche Anrede verscheuchte ihren Zweifel nicht, da sie mich nicht verstanden, und wären ihrer so viele nicht dem einen gegenüber gewesen, sie hätten, glaube ich, am liebsten Reißaus genommen, zumal ein schriller Pfiff aus meiner Signalpfeife, der meine Begleiter herbeirufen sollte, sie erst recht erschreckte, soviel begriffen sie nur, daß ich die Absicht hegte, sie aufzuhalten. Scheu und Furcht war aber ebenso schnell geschwunden, sobald sie von den beiden Führern begrüßt und um Auskunft gefragt wurden, welcher von den drei Wegen hier, anstatt der uns angegebenen zwei, nach Mpimbi führe.

Die Leute erzählten, sie hätten, auf der Jagd begriffen, ein Kudu, die größte Antilopenart, am Wasser überrascht und schwer verletzt, es sei ihnen aber, dessen Spur sie sehr weit verfolgt, im Dickicht abhanden gekommen und von der nutzlosen Verfolgung absehend, wollten sie sich wieder an einen großen Wassertümpel im Hinterhalt legen, zu dem nächtlicher Weile das Wild zur Tränke komme. Ich habe später an jenem Wasser selber gestanden und muß bezeugen, daß der Ort nicht schlecht gewählt war. Aber da dorthin nicht blos die harmlose Antilope kam, um ihren Durst zu stillen, sondern ich auch die Panther- und Löwenspur, des Büffels und Zebras fand, so kann man wohl den beherzten Jägern persönlichen Muth zutrauen, zumal nur List und Verschlagenheit einen Erfolg verspricht, die entschieden dazu gehören, um sich an die vorsichtigen Thiere heranzumachen. Ihre Waffen, im Nahkampf so gefährlich, waren doch nutzlos, sobald sie solche nicht auf nur ganz kurze Entfernung schleudern konnten, auch daß sie sich nie damit an Raubthiere wagen dürften, war selbstverständlich.

Sehr zufrieden, daß uns der richtige Weg bezeichnet worden war — ich hätte ohne diese Begegnung den falschen gewählt und wir hätten sicherlich, da der Tag zur Neige ging, in der Wildniß umhergeirrt — brachen wir sogleich auf und verfolgten den wenig begangenen Fußpfad, der uns durch hohes Gras und Gebüsch führte. Drei Terrassen niedersteigend, erkannte ich erst, wie ungeheuer schwierig es sein würde, hier die Balken hinabzuschaffen und welche zeitraubende Arbeit es sein müßte, durch solches Gehege einen Weg zu bahnen.

Schon nahte der Abend, als wir Anpflanzungen und Felder der Eingeborenen vor uns liegen sahen, und bald darauf ein von einer Rohrwand umgebenes kleines Dorf betraten. Nur wenige Frauen fanden wir in der Umzäunung, die eiligst bei unserm Anblick in den Hütten verschwanden, nur ein altes Mütterchen stand uns Rede und Antwort; mürrisch zwar, ob der unliebsamen Störung, gab sie uns doch den Bescheid: wir sollten nur den hinter dem Dorfe zum Flusse führenden Weg verfolgen, den Fluß durchschreiten, so würden wir in einer halben Stunde etwa nahe Mpimbi sein. Und wirklich standen wir bald am hohen Ufer desselben Nebenflusses, den wir meilenweit oberhalb durchwatet hatten und auch hier, ebenso flach, bot der Uebergang keine Schwierigkeit. Hätte dieser Fluß nur durchweg einige Fuß Wassertiefe gehabt, so wäre es trotz allem der bequemste und kürzeste Weg gewesen, mittelst eines Bootes die Hölzer herunterzuflößen, so aber war dieses leider unmöglich und nichts anderes blieb übrig, als den erkundeten Weg für den Transport zu wählen.

In der Dunkelheit durch Gras und Busch folgten wir den einsamen Pfaden, kamen schließlich zu den Mais- und Mtamafeldern, die die Dörfer jenes Häuptlings umgaben, der uns einst den Durchzug verwehrt hatte; hier besser orientirt, drangen wir bis querüber der Werft vor, und bald scholl aus dem dichten Ufergebüsch in dunkler Abendstunde das »Boot ahoi!« hinüber.

Höchst zufrieden mit dem schönen Verdienst, welchen ich den beiden Führern auszahlen ließ, waren sie sehr bereit, mehrere Tage lang als Boten zwischen dem Lager im Urwald und der Werft zu dienen. Sie hatten demnach Proviant und Handwerkszeug tragende Atonga, sowie einzelne von Blantyre neu engagirte Zimmerleute den unbekannten Weg zu führen, auch die Verbindung mit ihrem Häuptling aufrecht zu erhalten und dafür zu sorgen, daß die 30 Mann schnell zur Unterstützung abgesandt würden. Mit der Verproviantirung so vieler Leute, die an und für sich schon schwierig war, hielt ich es dort im Lager ebenso, wie auf der Werft; jeder Mann mußte für das ihm ausgezahlte Poscho seinen Bedarf selber kaufen und, um diesen zu decken, hatten zwei Mann den Einkauf zu besorgen.

Da meine Anwesenheit auf der Werft nun für längere Zeit nöthig war, konnte ich die Arbeiten im Urwald keiner regelmäßigen Kontrolle unterziehen, höchstens eine Verständigung auf schriftlichem Wege erzielen, oder jeden Sonnabend, wenn Ottlich zur Werft kam und über seine Arbeit berichtete. Wohl hatte ich mich anfänglich, wenn die Nothwendigkeit vorzuliegen schien, auch Sonntags früh aufgemacht und die weite Wanderung bis zum Lager angetreten; indes einen Weg von nahezu 45 Kilometern in heißer Sonnengluth an einem Tage zurückzulegen, um zur rechten Zeit wieder am Platze zu sein, solcher Anstrengung war der Körper doch nicht recht gewachsen, und schon darum, weil sich jedesmal nach solchem Marsche Fieber einstellte, das mich für den nächsten Tag fast zur Arbeit unfähig machte, mußte ich mir an den Berichten genügen lassen.

Der Monat April, ein wetterwendischer Geselle, wie er mit Recht in der gemäßigten Zone bezeichnet werden kann, zeigte auch hier kein allzufreundliches Gesicht. Gewitter, Regengüsse, kalte Nächte und heftige Winde bildeten den Uebergang zur trockenen Jahreszeit. Solcher Witterungseinfluß war auf die Gesundheit der Europäer nicht günstig und ob nach Möglichkeit ein jeder Handwerker sein Theil an der schweren Arbeit auf der Werft zu thun suchte, war es doch den meisten nicht möglich; sehr selten nur konnte ich einen Tag bezeichnen, an welchem alle gesund und ihr Tagewerk zu schaffen im Stande waren. Eine eigentliche Verzögerung fand aber nur bei dem Aufbau der Dampfkesseln statt, insofern, als das Einziehen der Niete die Kräfte der Leute bei dieser schweren Arbeit stark mitnahm, während am Schiffe, wo schon mit dem Anlegen der Stahlplatten begonnen war, die Schwarzen hilfreiche Hand leisten konnten, und unter meiner und Zanders Aufsicht, namentlich die Atonga-Abtheilung, mit Geschick arbeiteten.

Im Anfang Mai, mit dem letzten Wagentransport und den letzten Trägern, war das ungeheure Schiffsmaterial über das Gebirge geschafft; also in weniger als drei Monaten annähernd 7000 Lasten, wenn das mit eingerechnet wird, was die Wagen an Arbeitskräften erspart haben, und das auf Wegen und zu einer Jahreszeit, die gewiß die ungünstigsten waren. Kein Stück der tausenden Theile, dank der scharfen Kontrolle, war verloren gegangen, nichts in der Weise ruinirt, daß es hätte verworfen werden müssen und was an minderwerthigen Sachen verdorben war, konnte dem Einfluß der Witterung und den gefährlichen Termiten zugeschrieben werden. Wie schon erwähnt, waren alle wesentlichen Holztheile aus Teakholz gefertigt, an das die weiße Ameise nicht heranging, und waren Beschädigungen, namentlich an den langen Decksplanken auch vorgekommen, so waren doch so viele in Reserve, daß der Ausfall uns keinen Abbruch that.

Um diese Zeit nun wurde mir die Aufsicht über alles wesentlich dadurch erleichtert, daß, nach erfolgter Ankunft in Mpimbi, der Führer der Transport-Expedition, Herr v. Eltz, den Aufbau unseres Leichters übernahm und diesen mit den Sudanesen vollendete. Als das Fahrzeug zu Wasser gebracht war, sollten mit demselben alle Gegenstände, welche erst später zur Vollendung des Schiffes gebraucht wurden, zum Nyassa-See geschafft werden, da es nicht rathsam erschien, den Dampfer mehr als nöthig zu belasten. Doktor Röver, nun auch vom Lagerkommando entbunden, erhielt den Auftrag, mit Unterstützung von etwa 30 Soldaten und des Artisten Herrn Franke, am Südende des Sees die Station Port Maguire anzulegen, damit nach vollendetem Stapellauf des Schiffes und dessen Ueberführung zum See dort alles vorbereitet wäre. Eile, um diese gewiß sehr umständlichen Arbeiten auszuführen, war um so mehr geboten, als es galt, in einem eigentlich feindlichen Lande sich festzusetzen, und die Schwierigkeiten, welche sich der Gründung einer Station entgegenstellen konnten, nicht vorher zu beurtheilen waren.

Zur Zeit als der Leichter nach seinem Bestimmungsort abgesandt wurde, waren auch alle Arbeiten am Schiffskörper soweit vollendet, daß mit dem Nieten begonnen werden konnte und jeder Europäer wurde herangezogen, um mit tausenden von Nieten die Schiffsplatten in sich und an den Spanten zu befestigen. Lustig klangen auf der Werft Hammer und Ambos, loderten die Feuer der Schmieden, und viel fleißige Hände regten sich, das große Werk der Vollendung näher zu bringen. Ging aber auf der Werft auch alles mit regem Eifer vorwärts, so wollte es mir scheinen, daß im Urwald das Fällen der Bäume, das Behauen derselben, nicht so rüstig gefördert würde, denn wiederholt lauteten die Berichte sehr unklar, so daß ich zweifeln mußte, ob die Arbeit auch zur rechten Zeit würde beendet werden. Auch zeigte Ottlich, des einsamen Lebens im Urwald überdrüssig, nicht mehr so viel Eifer für die Sache, da ihm ein Gefährte nicht beigegeben werden konnte.

So war ich denn gezwungen, sollte nicht eine unliebsame Verzögerung eintreten, die Aufsicht der Werft an Herrn v. Eltz abzutreten, was um so eher angängig war, als beim Nieten des Schiffes keine speziellen Anordnungen getroffen werden brauchten. Dringender noch wurde meine Anwesenheit im Urwald, als mir die Nachricht zu Ohren kam, daß der Zimmermann, aus Furcht vor einem Ueberfall von Seiten der Wangoni, wohl mehr noch vor den dreister werdenden wilden Thieren, zu dem uns bekannten Wangoni-Häuptling geflohen sei und das Lager während verschiedener Nächte schon preisgegeben habe; darum zögerte ich nicht mehr und siedelte mit dem zweiten Steuermann über, um für Wochen im Urwald ein einsames, abgeschlossenes Leben zu führen.

Da die Regenzeit vorüber war, deren Dauer die Natur verjüngt hatte, machte die glühende Sonne, von keinem Wölkchen mehr getrübt, nun ihren ganzen Einfluß geltend, und was ihr heißer Strahl aus der vom vielen Regen getränkten Erde zum Leben geweckt, das versengte sie jetzt wieder mit ihrer Gluth. Das mannshohe Gras in der Savanne war gereift; trocken und gelb hingen die Blüthenähren und die weiten Massen, wie ein ungeheures Kornfeld anzusehen, harrten nur des Feuerfunken, um sie zu vernichten. Auch Baum und Strauch, versengt, ließen die fahlen Blätter hängen. Wie ein Herbstgemälde war das Waldrevier anzuschauen, als wäre nicht mehr fern die Zeit, wann alles Leben unter dem Gluthhauch der Tropensonne ersterben würde, nur die Schmarotzer und Lianen prangten noch im frischen Grün und ließen mit ihrem Blüthen- und Blätterschmuck den Baumriesen, den sie umschlungen hielten, voll von Kraft strotzend erscheinen, während ihm doch schon der Lebenssaft zu schwinden begann.

Das Unangenehmste aber war der befiederte Grassame; federleicht, vom Windhauch hinweggeführt, setzte sich derselbe in den Kleidern fest, und, nadelscharf, zu hunderten das dünne Zeug durchdringend und die Haut spickend, verursachten die Körnchen eine höchst unangenehme Pein. Fast unerträglich wurden sie aber dann, wenn man gezwungen war, durch das Grasfeld selbst zu marschiren, jede Berührung schon schüttelte den Samen ab, und hätte ich es wagen dürfen, ich hätte mich gleich dem Neger aller Kleidung entblößt, um nur solcher Qual zu entgehen.

Sobald der Waldbestand auf dem Plateau erreicht war, fand ich hier, soweit es nöthig gewesen, überall solche Bäume aus dem Wege geräumt, die dem Wagentransport hätten hinderlich sein können, ebenso die zwischen den Waldflächen liegenden Grasmassen waren vom Feuer zerstört. Die Wangoni, um sich die Arbeit zu erleichtern, hatten alles was brennen wollte, in Flammen gesetzt, und im weiten Umkreis, wohin man sonst nicht wegen der wogenden Grasmassen hatte blicken können, war alles vernichtet und viele tausend Baumstämme standen geschwärzt bei einander, um welche die Feuersgluth getobt hatte.

Der gerade Weg, der auf diese Weise bis zum dichten Urwald geführt worden war, zeigte erst hier, welch eine Arbeit Axt und Buschmesser verrichtet hatten. In dem undurchdringlichen Gebüsch, das geradezu wie eine Mauer von Luftwurzeln und Schlingpflanzen verwachsen war, waren über 30 Meter lange Gänge geschlagen worden, in denen bei hellem Tage Dämmerung herrschte, und modernde Stämme gestürzter Baumriesen waren weggeräumt, um einen Weg für die Wagen zu schaffen. Breite, lange Wege, wie ich es angeordnet, waren von dem Lagerplatz aus nach den gefällten Bäumen geführt, und hatten solche auch nicht der dichtstehenden Bäume wegen in gerader Linie geschlagen werden können, so waren sie doch wenigstens so beschaffen, daß ein beladener Wagen passiren konnte. Vier lange Wochen hatten 30 Wangoni tagein und -aus gearbeitet, um solches Werk zu vollbringen und nur wer sich einen Begriff von der Beschaffenheit eines afrikanischen Urwaldes machen kann, wird eine solche Arbeit beurtheilen können, wie sie hier ausgeführt worden war.

Indes war nun auch alles Mögliche geschehen, geeignete Verbindungswege herzustellen, so war doch die Arbeit, worauf es hauptsächlich ankam, das Behauen der bereits gefällten Bäume, sehr vernachlässigt und thatsächlich fand ich von den benöthigten 400 Fuß Balken kaum 40 fertiggestellt vor. Die schwarzen Zimmerleute, in letzter Zeit sich selber überlassen, hatten ohne genügende Aufsicht nach Gutdüncken gearbeitet und wenn auch die Stämme durchschnittlich 3-4 Fuß Durchmesser hatten, aus denen Balken von einem Quadratfuß behauen werden sollten, so war doch bei weitem während so langer Zeit nicht genug geschaffen worden. Auf solche Weise konnte es nicht weitergehen und unbedingt nothwendig wurde es, daß ich selber die Leitung der Arbeiten in die Hand nahm, denn sonst wäre der Schiffskörper viel eher fertiggestellt gewesen, ehe noch an das Legen der Schlipp gedacht werden konnte.

Die Furcht vor den Wangoni, die zwar jetzt oft in das Lager kamen, um Lebensmittel zu verkaufen, war grundlos, wahrscheinlich, was ich nicht recht erfahren konnte, hatten die Zimmerleute Streit mit den Verkäufern gehabt, der zu einer Drohung von Seiten der Wangoni die Veranlassung gewesen, dagegen war die Furcht vor den dreister gewordenen wilden Thieren wohl berechtigt, allen eine gewisse Scheu einzuflößen; hatte ich doch vorher schon oft genug Nächte im Urwald verlebt, um genügend bekannt zu sein mit den nächtlichen Stimmen, die bald fern bald nah ertönen, die Anwesenheit unheimlicher Gäste zur Gewißheit machten, abgesehen von denen, die bei Tage aufgejagt, vor den Menschen scheu schnell im Dickicht und Gras verschwanden.

Da die 30 Mann starke Hilfstruppe der Wangoni-Arbeiter nun entbehrlich war, ließ ich die Leute mit schönem Verdienst wieder in ihr Heimathsdorf abziehen; dafür aber soviel Atonga von der Werft kommen, als zum Fällen noch benöthigter Bäume und zum Anschlagen derselben gebraucht wurden. Auch mehr Zimmerleute und Brettschneider mußten von Blantyre herbeigeschafft werden. Jeder der eine Axt nur zu handhaben verstand (und wer es nicht konnte, dem wurde es dutzend Mal gezeigt) fand als Vorschläger eine Anstellung d. h. die Leute mußten die Stämme nach vorgezeichneter Linie so einkerben, daß die Zimmerleute mit Leichtigkeit das überflüssige Holz abschlagen konnten und eigentlich nur das Beputzen auszuführen hatten. Weithin hallte der Urwald wieder von den Axtschlägen, die auf 6-7 Stellen zugleich ertönten, und die sonst hier herrschende feierliche Stille wurde von dem Gesang der immer lustigen Atonga unterbrochen.

Tagsüber hatte ich unablässig zu kontrolliren und anzuordnen, damit nur die Balken nicht verhauen wurden, kam es doch den Atonga garnicht darauf an, oft viel tiefere Kerben einzuhauen, als sie sollten; warum ihnen eigentlich der Strich vorgezeichnet war konnten einige absolut nicht begreifen. Ebenso hatte Ottlich genug zu thun Axtenstiele zu verfertigen oder Sägen zu schärfen; wurde am Abend das Handwerkszeug abgeliefert und überzählt, fanden sich jedes Mal verschiedene Beile und Äxte die unbrauchbar waren.

Mit allen Kräften ging es nun an das Behauen der bereits vorher gefällten Bäume. Auch eine Abtheilung Atonga, 8 Mann stark, mußte die aufs Neue ausgesuchten Bäume fällen und, da eigenthümlicher Weise solche Riesen nur im dichtesten Gebüsch aufgewachsen waren, galt es erst, um solchen mächtigen Stamm Raum zu schaffen, was nicht so leicht war, als ein Netz von Luftwurzeln und Lianen eine Annäherung verhinderte. Von den oft 40-50 Fuß wagerecht nach allen Seiten vom Stamme abstehenden Aesten, in deren dichtem Laubwerk viel andere minder hohe Bäume verwachsen, waren die das ganze wie eine wirre Masse verbindenden Schmarotzerpflanzen nicht herabzureißen, und nur in Mannshöhe zu entfernen. Armdicke Pflanzen, die den Stamm schlangengleich umwunden und bis zur Krone hinauf ihre endlosen Fühler ausgebreitet hatten waren oft so mit dem Holz verwachsen, daß nach ihrer Entfernung, solcher Baumstamm von tiefen Furchen durchzogen war; übrigens im unglaublich dichten Dickicht konnte nur so weit Raum geschaffen werden, daß mit Aexten und Sägen ein freies Hantiren möglich wurde.

Die 4-6fach vom Stamme abstehenden, oberhalb des Erdbodens befindlichen Stützwurzeln eines solchen, oft über 12 Fuß Umfang haltenden Baumes, machten uns viel Arbeit; sie behinderten sehr das Durchschlagen des Baumes, dem nur wenige Fuß über der Erde anzukommen war. Zäh und fest gleich Eichenholz, konnte mit unsern Baumsägen wenig erreicht werden, und war nach 3-4tägiger schwerer Arbeit der Baum wirklich durchhauen, wollte einige Male, gehalten durch andere Baumkronen, solch Riese nicht stürzen; bei zweien gab ich den Versuch schließlich auf sie herunterzubringen, da sie sich in den Zweigen ebenso mächtiger Bäume verwickelt hatten und vom Stumpf abgleitend, aufrecht stehen blieben. Stürzte aber solch ein Riese, dann war es wie das Rauschen eines Wirbelwindes und mit furchtbaren Krachen Bäume, Aeste und Sträucher niederreißend im Fallen, war es für die Arbeiter rathsam sich eiligst aus der näheren Umgebung zu entfernen.

Zwei am Rande steiler Abhänge gefällte Baumriesen stürzten trotz angewandter Vorsicht doch in die Tiefe und mußten, so wie sie niedergestürzt waren, behauen werden, da keine Menschenkraft im Stande war, die mächtigen Stämme in eine andere Lage zu bringen. Den einen dieser Balken gelang es uns mit vieler Mühe mit 50 Mann und einem Wagen doch noch zur Höhe zu schaffen, den zweiten aber mußte ich liegen lassen, weil wir ihn nicht regieren konnten. Um nun aber die langwierige Arbeit nicht vergeblich gethan zu haben, wollte ich den noch 2-1/2 Fuß im Quadrat haltenden Koloß an Ort und Stelle zu Planken zersägen lassen. Zu diesem Zwecke wurde dicht daneben ein mannstiefer Graben aufgeworfen, dann der Balken auf starke Unterlagen gewälzt, mit dem Auftrennen begonnen. Diese Arbeit wurde den von Blantyre beorderten Brettschneidern übertragen und freute ich mich, daß aus einem einzigen Stamm fast der ganze Bedarf an Planken gedeckt werden konnte, auch achtete ich besonders darauf, daß die Schnitte möglichst gerade ausgeführt wurden. Als bis auf 2/3 der Länge jede Planke aufgetrennt war, glaubte ich nun getrost die weitere Aufsicht andern überlassen zu können, aber von der Werft zurückgekehrt, wohin eine nothwendige Anordnung mich gerufen hatte, auch dort zwei Tage vom Fieber festgehalten wurde, fand ich die ganze Arbeit verdorben vor. Nämlich: es nicht für nöthig haltend, die Leute anzuleiten und zu kontroliren, hatte der mit der Aufsicht beauftragte Europäer dieselben nach Gutdünken lustig darauf los schneiden lassen, sodaß die Säge in jedem Schnitt nicht mehr senkrecht, sondern unter einem Winkel von schließlich 20 Grad geführt worden war, und in Folge dessen sämmtliche Planken auf ein Drittel ihrer Länge fast unbrauchbar wurden. Den Leuten, die zwar auch ihre Arbeit verstehen sollten, konnte ich eigentlich weniger Vorwürfe machen, weil sie gewohnt sind, unter Anleitung und Aufsicht zu arbeiten, sie hatten aber auf meine Hinweisung, daß sie doch gar zu dumm wären, nur die lakonische Ausrede: wir machen es in Blantyre immer so! Es ist schwer, die vielen Widerwärtigkeiten, die ich mit den Blantyre-Leuten hatte, zu schildern, vor allem war ihre angeborene Trägheit und Gleichgültigkeit schwer zu überwinden; ich kann sagen, wenn ich mich nicht auf Ueberraschung verlegte, fand ich jeden Mann sehr eifrig bei der Arbeit, vorher aber, wenn sie mich weit entfernt wußten, hatten sie herzlich wenig gethan. Dennoch zwang ich sie ein bestimmtes Pensum fertig zu machen, das mir als Tagesarbeit genügend schien; hatten sie es vollendet, waren sie frei, wenn nicht, mußten sie bis zur Dunkelheit arbeiten. Dieses Mittel einige Male angewendet, half, sie wußten sich dann schon für die Folge einzurichten.

Panther, Hyäne, Leopard und selbst die Pantherkatze, die unserm auf Pfählen erhöhten Hühnerstall vergebliche Besuche abstatteten, waren beständig unsere nächtlichen Gäste; lautlos schlichen diese Raubthiere um Hütten und Lager, aber nie wollte es uns gelingen, auch wenn wir einen Theil der Nachtruhe opferten, einem dieser Besucher einen Denkzettel aufzubrennen. Nur eines Abends, als um die helllodernden Feuer die Zimmerleute versammelt lagen, gelang es einem der Kapitao, einer langsam und vorsichtig heranschleichenden Hyäne eine Kugel zuzusenden. Aufs Blatt getroffen, brach das Thier unter Feuer zusammen, schleppte sich aber doch noch eine Strecke weit und war verendet, ehe wir es erreichten. Sprichwörtlich ist die Feigheit der Hyäne, doch glaube ich, nach der Größe dieses ausgewachsenen Thieres und nach dessen furchtbarem Gebiß zu urtheilen, ist es kein zu verachtender Gegner, wenn es in die Enge getrieben, zur Gegenwehr gezwungen wird. Im Uebrigen aber verdient es die Nichtachtung als Leichenräuber und betrachtet man die kräftigen, mit großen Krallen versehenen Pfoten, nimmt es nicht Wunder, daß es schnell Gräber aufwühlen und tiefe Höhlen sich graben kann. Ungemein widerlich ist der Anblick solchen langhaarigen zottigen Thieres, mehr noch der Aasgeruch, der von diesem ausgeht.

Entfernt genug vom Lager ließ ich das todte Thier wegschleppen, ohne es zu verscharren. Ich war neugierig, ob nicht andere Hyänen es aus Hunger anschneiden würden, das war aber nicht der Fall, nur Geier konnte ich beobachten, die daran ihre ekelhafte Mahlzeit hielten.

Etwas anderes, als mit diesen schon gefährlichen Raubthieren, die doch eigentlich eine gewisse Scheu vor dem Menschen zeigten, war es mit dem König der Thiere, dem furchtlosen Löwen; drang dessen Stimme auch nächtlicher Weile durch den Urwald und machte alles verstummen, wenn er grollend sein dumpfes Brüllen erschallen ließ, das das Echo des Waldes weckte, so war es noch unheimlicher, sobald der Beherrscher des Thierreichs in unsere unmittelbare Nähe kam. Schon in der vierten Nacht meiner jetzigen Anwesenheit im Urwald, hatte uns die Stimme des Löwen geschreckt und nur wenige Tage später, in früher Morgenstunde, war einer im Lager selbst.

In tiefdunkler Nacht, die glimmenden Feuer von der schlafenden Wache vernachlässigt, schreckte uns plötzlich das mächtige Brüllen des Königs der Thiere aus tiefem Schlafe empor. Halb betäubt noch, hallte im ersten Moment seine Stimme wie ein grollendes Brausen uns in die Ohren und wie ich eigentlich von meinem harten Lager heruntergekommen bin und dann mit der Waffe schußbereit durch die Oeffnungen in die tiefe Dunkelheit hinausspähte, wußte ich und die Gefährten kaum; wenigstens war der erste Impuls, dem Ruhestörer entgegentreten zu müssen. Totenstill war es ringsumher, als erzitterten Mensch und Thier vor der Stimme des Gewaltigen, bis alles wieder aufathmete, als erst von ferne das Brüllen durch den Urwald drang.

Erkennbar war in solcher Dunkelheit nichts, und als ich aus meiner Hütte in die Nacht hinaustrat und vergeblich mit lauter Stimme nach dem Posten gerufen hatte, fand ich alle Leute wie eine Heerde Schaafe in ihren Behausungen zusammengedrängt vor, nicht einer hatte sich getraut, die Feuer wieder anzufachen. Bald darnach wurde es wieder laut im Urwald, und, als wäre ein Alp von allen genommen, so munter schrieen die Nachteulen und viele andere nächtliche Wanderer, als Leopard, Panther etc., das kreischende Lachen der Hyäne vollendete das Konzert.

Beim Durchwandern des weiten Waldes fanden wir auch eine vereinsamte im Dickicht verborgene menschliche Wohnstätte; niedergebrannt war das Dach und rauchgeschwärzt die Lehmwände. Eine aus einem Dorfe verstoßene Familie, wie mir die Wangoni erklärten, hätte hier eine Zufluchtstätte gesucht, bei der Abwesenheit des Mannes aber sei einst ein Löwe eingedrungen und habe ihm sein Weib und seine Kinder getödtet und geraubt, und nun als ihm sein Alles genommen, habe er Feuer an diese Hütte gelegt und der friedlichen Stätte den Rücken gekehrt.

Daß der Wald mit seinem vielfach undurchdringlichen Untergebüsch eine Zufluchtstätte für allerlei Raubgesindel sei, wozu neben anderen der blutdürstige Panther, Leopard und die mit der Schnauze immer am Boden umherwitternde Hyäne gerechnet werden muß, erfuhren wir mehrmals, denn namentlich in den Morgenstunden, wenn ich zu einer besonderen Arbeit eine Kolonne auf wenig betretenen Wegen, die uns als Richtsteige dienten, hinausführte, sprang plötzlich über Gras und Busch hinwegsetzend, ein Leopard vor uns auf und verschwand im dichten Grase; an den schwankenden Halmen konnten wir dann nur noch erkennen, welchen Weg, in kurzen Sätzen springend, das Raubthier genommen hatte.

Bevölkert sind die weiten Ebenen mit einem großen Wildstand, als Kudu, Busch- und Riedbock, Zebra, Büffel, Warzenschwein, Tauben, Perl- und Waldhühner etc., aber die Dringlichkeit unserer Arbeit machte es, außer Sonntags, unmöglich, Leute auf die Jagd zu schicken, um Fleisch herbeizuschaffen, so sehr wir solches auch entbehrten. Mit unserem Proviant war es übrigens auch nur spärlich bestellt, ohne Brot, das wir seit langen Monaten nicht mehr gesehen, ohne süße Kartoffeln, die Zeit der Ernte war noch nicht dafür gekommen, wollten uns allein mit Tomaten die Hühner nicht schmecken. Meine zum Einkauf ausgesandten Leute kehrten erst immer nach zwei bis drei Tagen aus den fernen Angoni-Bergen zurück, oft dann nur für wenige Tage Proviant mitbringend; weniger schwer war es für die Arbeiter, Matamamehl, welches durchziehende Wangoni in Körben oder Ziegenfellen zum Kauf anboten, zu erhalten.

So anregend die Jagd auch war, so war es doch eine zu große Strecke und ein zu beschwerlicher Weg, ehe das Ende des Urwalds erreicht werden konnte, wo das Wild in Heerden auf der Savanne gefunden wurde, außer einem Büffel, übrigens ein nicht zu verachtender Gegner, wenn das mächtige Thier verwundet den Jäger annimmt, einem Schwein und ein paar Antilopenarten, wurde nichts geschossen.

Eines Sonntags Morgens ging ich allein, nur begleitet von einem Angoni, zur Jagd; ich fand auch im mannshohen Grase, durch das ich stundenweit wanderte, eine große Menge Hühner, die meist unter den Füßen erst aufflogen, um sofort mit heiserem Geschrei wieder einzufallen. Mir schien es leicht zu sein eine Ausbeute zu erhalten, aber ich pürschte auf Großwild und wollte mir durch Schießen solches nicht verjagen. Am Rande eines Buschwaldes, aufmerksam geworden durch das Wiehern eines Zebras, überraschten wir drei dieser stattlichen Thiere, die auf einer Lichtung grasend, uns bald bemerkten und mit den Hufen den Boden stampfend, abgaloppierten. Angeschossen stürzte eines der Thiere nieder, sprang aber sofort wieder auf und jagte mit den anderen, die nicht wußten, was mit ihrem Gefährten passirt war, weiter, vergeblich folgte ich im hohen Grase der Spur der Fliehenden, aber selbst der Spürsinn meines Begleiters reichte nicht aus, das schwerverletzte Thier aufzufinden.

Ich mußte den Gedanken an weitere Verfolgung schließlich aufgeben, schon darum, weil Gefahr vorlag, uns in dieser endlosen Wildniß zu verirren, denn nirgends Weg noch Steg, das Gras zu hoch, um eine Orientirung zuzulassen, gebot schon die Vorsicht den Thieren nicht weiter zu folgen. Nur um jenen Buschwald wieder zu erreichen, sah ich mich mehrmals genöthigt, auf die Schultern des Angoni zu klettern, damit ich über die Grasfläche hinblicken konnte.

Sobald im Urwald einige Balken fertig behauen waren, schafften die Atonga diese auf dem jetzt in seiner ganzen Länge erweiterten und ausgehauenen Wege mittelst der Karren, etwa 8 englische Meilen vom Lager entfernt, zum ersten Abhang. Weiter zu fahren, gestattete ich nicht, da es die steilen Abhänge hinab mit den 30 bis 40 Centner schweren Hölzern zu gefährlich war, solche Arbeit von den Leuten allein ausführen zu lassen. Nur Planken und Klötze (von letzteren gebrauchten wir eine ganze Anzahl, um sie auf dem Schlitten, als mächtige Keile verarbeitet, dem Schiffskörper anzupassen), ließ ich bis zum Flusse gelegentlich durchbringen, mit der Weisung, dabei gleicherzeit den Weg so viel als möglich bei kleineren Schluchten zu ebnen.

Es wurde immer so eingerichtet, daß die Leute bis zum Abend zurückkehren konnten, dennoch fanden diese auf solchen Transporten noch Zeit, gelegentlich mit den ihnen zum Schutze beigegebenen Waffen auf eigene Faust im Busch und Wald umher zu pürschen und kamen manchmal mit der Nachricht im Lager an, da und dort auf saftigem Weideplatz stehe eine Heerde Busch- oder Wasserböcke; sonst war ihre Beute nur ein Vorder- oder Hinterviertel von einer in der Nacht vorher vom Löwen oder Panther zerrissenen Antilope. Solche aufgefundenen Ueberreste, welche das Raubthier sich für eine spätere Mahlzeit aufgespart hatte, waren mehrmals so frisch und gut, daß wir uns insgesammt das Fleisch schmecken ließen, selbst die starken Knochen wurden von den Leuten ihres Markes wegen zerschlagen und ausgekocht.

Ebenso pfiffig waren die Atonga beim Fischfang. Leider etwas spät erfuhren wir von einigen Wangoni, daß der kleine Fluß weiter unterhalb sehr fischreiche Bassins habe, was denn auch nach Möglichkeit ausgenutzt wurde; die Atonga, als geborene Fischer, machten sich diesen Umstand in der Weise zu Nutze, wie ich es in einem früheren Kapitel, gelegentlich meiner Rückkehr vom Nyassa-See, beschrieben habe, sodaß wir fortan fast täglich große schöne Fische zur Verfügung hatten.

Eigenartig und reizvoll, trotz der Entbehrungen und Gefahren ist doch solch Urwaldleben in dieser freien und ungebundenen Natur, es gestattet einem viele Einblicke zu thun in das geheimnißvolle Leben und Weben, auch der kleinsten und größten Geschöpfe und wie flüchtig man auch darüber hinsieht, so fordert doch der vor Augen liegende Kampf um das Dasein, den selbst die kleinsten Lebewesen um ihre Existenz zu unternehmen gezwungen werden, zum Nachdenken auf. Wie viel mehr würde der ernste Forscher hier finden, der gewohnt ist, mit klarem Verständniß in die Tiefen der Natur einzudringen, und auch das Kleinste nicht unbeachtet läßt, so weit Menschenwissen eben dringen darf und dazu befähigt ist! Der Reichthum der Fauna ist hier ein übergroßer — ein solches Leben in so reicher Vielfältigkeit zu betrachten, ist für den denkenden Menschen schon ein Leben in der freien ungestörten Gottesnatur werth — die Natur in ihrem Wirken und Streben betrachten zu können, wiegt allein schon die Einsamkeit und das Entbehren auf. Wundervoll und unfaßbar sind die Werke des allmächtigen Schöpfers, der mit gleicher Liebe auch das Kleinste und uns Unscheinbarste umfaßt! —

War auch das Leben im Urwald besonders durch die Vielfältigkeit der Fauna recht anregend, so trugen die Atonga, die immer lustig und zufrieden, solange nur ihren leiblichen Bedürfnissen Rechnung getragen und sie gut behandelt wurden, auch das Ihre dazu bei, die Einsamkeit zu beleben. Beim Abgang mit schwer beladenen Wagen oder bei ihrer Rückkehr, stimmten sie stets den Nationalgesang ihres Stammes an; wollte es aber mal nicht recht vorwärts gehen, begeisterten sie sich durch ihre Kriegsgesänge und weithin hallte der Wald wider, wenn sie ihr »ho, ho, Atonga« erschallen ließen. Diese Atonga, wie schon mehrfach erwähnt, waren mir die liebsten Arbeiter; man kann ihnen gewisse Intelligenz nicht absprechen, und schon durch ihr Wesen und Auftreten stellen sie sich über alle anderen Stämme mit denen ich im Innern Afrikas bekannt geworden bin. Persönlichen Muth freilich haben sie in einigen Fällen gerade nicht gezeigt, indes wie ich sie später in ihrer Heimath am Nyassa-See kennen gelernt habe, sind sie dem mit gleichen Waffen kämpfenden Gegner immer überlegen, und unbesiegt bisher, gaben sie noch niemals Fersengeld. Es ist ein schöner Menschenschlag, mit regelmäßigen Gesichtszügen; sie stechen gegen andere Stämme auffallend ab, obgleich auch unter ihnen viele Mißarten vorkommen, da viele die sich Atonga nennen, namentlich in der Gesichtsbildung eine andere Abstammung vermuthen lassen, was auf die Unsitte der Sklavenhaltung naturgemäß zurückzuführen ist.

Nur passionirte Schnupfer, sind die Atonga keine starken Raucher; gelegentlich nur am Feuer, wo sie meist immer eine animirte Unterhaltung pflegen, kreist die Pfeife, d. h. ein Stückchen Rohr oder ein abgekörnter Maiskolben, dessen Herz mit einem Stäbchen Holz ausgestochen und mit Tabak gefüllt wird, dient als Pfeife, die dann von Hand zu Hand geht und aus der jeder ein paar kräftige Züge thut. An ihren Schnupftabaksdosen, die meistens aus Bambusrohr gefertigt und mit Schnitzereien versehen sind, kann man einen gewissen Schönheitssinn auch erkennen. Der glückliche Besitzer einer Dose aber hat auch, so weit ich beobachten konnte, die Verpflichtung, dieselbe mit dem starken Reizmittel zu versehen, das er gewissenhaft in der Ruhepause austheilt. Mit Vorliebe aber benutzten sie auch dazu unsere abgeschossenen Metallpatronen; sie waren dadurch des geduldigen Wartens überhoben und konnten eine frische Priese sich leisten, wann immer es ihnen beliebte.

In rastloser Arbeit waren nahezu 3 Wochen hingegangen und nur das letzte Auftrennen zweier 28 Fuß langer Balken hielt mich noch zurück, da ich nicht zum zweiten Male so mühsam hergestellte Hölzer ruiniren lassen wollte. Als aber auch dieses Werk beendet war, nahm ich Abschied von der Stätte, wohin mein Fuß nie wieder zurückkehren sollte; der letzte wilde Gesang der Atonga, die unter den Wipfeln uralter Bäume noch ihren Kriegstanz aufführten, hallte durch die Stille des Waldes, wo fortan Axt und Hammerschlag verklungen waren. So schwer es aber auch alles gewesen, es hat doch einen eigenen Reiz, in dieser Einsamkeit zu leben, die Natur in ihrer wilden Schönheit zu beobachten und das Bewußtsein, fern aller zivilisirten Stätten, in einem jungfräulichen Urwald zu streifen, wo kaum je eines Menschen Fuß gewesen, lockt zu einem weiteren Forschen, auch die Jahrhunderte alten Riesen des Urwaldes zu schlagen und mit donnerndem Krachen stürzen zu sehen, gefällt von schwacher Menschenhand, ist auch eine eigene Lust. —

Welchen Kontrast bilden doch die stolzen Paläste der Heimath und aller Comfort gegen die elende Grashütte im Urwald und gegen die Entbehrungen und Gefahren! — Unsere Hütten werden noch eine zeitlang den wandernden Wangoni eine Rast- und Zufluchtstätte bieten, bis sie zerfallen; bald werden die gewaltigen Gänge und Wege, die wir gehauen, von sprießendem Gras und Strauch verdeckt und unkenntlich werden, und wo deutscher Fleiß rastlos geschafft, um ein großes Werk zu fördern, rastet wieder des Waldes und der Thiere König, wenn er sein weites Gebiet, Beute jagend, durchzieht. — —