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Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Chapter 21: 17. Der Stapellauf des »H. v. Wißmann« und dessen Vollendung.
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About This Book

A first‑hand account of an inland steamship expedition that details the logistics of transporting disassembled vessel components overland, erecting camps and a shipyard, assembling and outfitting the steamer, and conducting its launch and maiden voyages on Lake Nyassa. The narrative follows marches between encampments, methods of transport including rail transfer, episodes of local unrest and combat, and practical problem‑solving during construction. Interwoven are descriptive observations of the lake, coasts, inland settlements, and regional plant and animal life, with attention to the labour, engineering and navigational challenges encountered throughout the campaign.

17. Der Stapellauf des »H. v. Wißmann« und dessen Vollendung.

Unbehindert noch durch andere Arbeiten, da das Nieten am Schiff noch nicht ganz beendet war, begann ich den Transport der an dem ersten Abhang lagernden Balken und nachdem die Kronen der Abhänge etwas geebnet waren, wodurch der Steilheit derselben ein wenig abgeholfen wurde und auch das dichte Gebüsch für den Fahrweg niedergehauen war, konnte der erste Versuch gewagt werden. Der Balken wurde auf die Achse des Wagens so festgebunden, daß er mit seinem Hauptgewicht am Boden schleifen mußte, dann zwei gewandte, flinke Leute an die Deichsel postirt, die ein Ablenken verhindern sollten, fuhr der Wagen in wilder Hast in die Tiefe; wurde jedoch durch die Steilheit des Weges die Schwere des Balkens hinten aufgehoben, lief der Wagen mit solcher Gewalt in das dichte Gebüsch, daß es viel Mühe machte, ihn wieder herauszubringen. Tiefe Gräben auf unserem Wege wurden meistens in vollem Laufe genommen; es zogen oft dreißig Mann, um den Wagen nicht zum Stillstand kommen zu lassen. So ging alles gut, und nur der Durchzug durch das Flußbett, das Hinaufschaffen der steilen sandigen Ufer hinan, wohinein die Räder bis an die Achsen versanken, erforderte ungemein viel Arbeit, selbst 50 Mann schleppten den Wagen nicht hindurch, und erst auf herbeigeschaffte Planken war es möglich, die schweren Lasten durch- und hinaufzubringen.

Eine beträchtliche Zeit, bis zum Anfang Juni, erforderte es, diese Arbeit zu vollenden und mit den verfügbaren Kräften die Hölzer über den Schirefluß und zur Werft zu schaffen. Hier nun wurden die Balken und Bohlen von allen Handwerkern, die irgend ein Verständniß dafür zeigten, bearbeitet und beputzt; darauf legte ich, gut und fest im Erdboden versichert, die Bahn, auf welcher mittelst des Schlittens das Schiff zu Wasser laufen sollte. Nichts was irgendwie zur Sicherheit dienen konnte, unterließ ich, mit eisernen Bolzen, Schienen und Klammer wurde alles so in sich, namentlich der Schlitten verbunden, daß nach menschlicher Berechnung ein Nichtgelingen unmöglich schien. Und doch, nicht an dem Gelingen des Werkes, welches ich vor Augen hatte, zweifelte ich, vielmehr erfüllte mich ein Umstand mit geheimer Sorge, gegen den ich völlig machtlos war. Ich hatte nämlich lange vorher, bald nachdem der Fluß wieder auf sein gewöhnliches Niveau zurückgegangen war, durch Auspeilen gefunden, daß sich langsam zwar, aber doch beständig, gerade vor der Werft eine Sandbank zu bilden beginne, die während dreier Monate die Tiefe von 12 Fuß bis auf 9 bereits vermindert hatte. Es war deshalb beim Stapellauf zu befürchten, der Hintersteven des Schiffes könnte sich eventuell festlaufen, bevor dieses soweit von der Schlipp abgeglitten, daß das Wasser es hinten hochheben konnte; somit halb im Wasser, halb auf Land in eine schwierige Lage gerathen mußte. Auch konnte die Schlipp nur bis zum Wasser gelegt werden und nicht wie üblich, in dasselbe noch hinein, da gleich am Ufer eine beträchtliche Tiefe dies nicht gestattete. Ebenso konnte, wenn wirklich wider Erwarten etwas verkehrt gehen sollte, auch der starke Strom, der den Schiffskörper sofort abdrängen mußte, recht bedenkliche Folgen haben.

Allein nur mit dieser voraussichtlichen Gefahr bekannt, von deren Vorhandensein Niemand sonst eine Ahnung hatte, überdachte ich in manchen schlaflosen Stunden, wie dem Uebelstand abzuhelfen sei. Wohl gab es Mittel, aber solche hatte ich nicht zur Hand; so mußte ich es denn eben auf gut Glück ankommen lassen, mehr als gethan worden war, konnte nicht geschehen. Am Sonnabend den 10. Juni 1893 war alles vorbereitet, sodaß das Schiff nur auf der seitlichen Keilklotzung des Schlittens ruhte; von dem Gerüst und Stützen befreit, war es fertig zum Stapellauf. Wohl wäre es angängig gewesen, in den späteren Nachmittagsstunden dieses Tages das Schiff noch laufen zu lassen, allein ich widerstand der Versuchung und geduldete mich, beherzigend, daß der Wahrspruch: procautia mater sapientiae est (Vorsicht ist die Mutter der Weisheit) sicherer ist, als eine unzeitige Ueberhastung; ein kleines Versehen nur konnte hierbei schlimme Folgen haben.

Der 12. Juni also wurde für den Stapellauf des »Hermann Wißmann« festgesetzt, und würdig einer solchen Feier, die den ersten Abschluß für ein deutsch-nationales Werk bilden würde, woran eine kleine Zahl Männer ihr ganzes Können und Wollen gesetzt, sollte auch die Umgebung dieser entsprechen. Zum letzten Male sandte ich die Atonga hinaus in die Berge, mit der Weisung, hoch in den Schluchten und Thälern des Schiregebirges das längste Bambusrohr zu schlagen, welches zu finden sei. Zweierlei Zweck war damit verbunden, erstens sollten die über 30 Fuß langen Stangen vorerst als Flaggenstangen, dann aber zum Staken dienen, um, wo nöthig, mittelst diesen das Schiff bei der Ueberführung zum Nyassa-See gegen den Strom den Schire hinauf vorwärts bringen zu können.

Der Morgen des 12. Juni tagte. Ein viel regeres Leben als sonst entfaltete sich auf Werft, wollte doch keiner fern bleiben und sich ein Schauspiel entgehen lassen, wie solches hier nie zuvor gesehen worden war. Was die Umgegend an Eingebornen aufweisen konnte, war am Ufer des Flusses oder an der Umzäunung der Werft zu Haufen versammelt. Schon die Aufrichtung der vielen Flaggenstangen, an denen die bunten Signalwimpel wehten, die Ansammlung aller in Mpimbi anwesenden Europäer, erregte die Neugierde der Bevölkerung auch ohne daß sie gewußt hätte, welcher Vorgang sich hier in Kürze abspielen sollte.

Die letzte Inspizirung war beendet, jede Klammer nachgetrieben, die Bahn mit grüner Seife und Talg gut geschmiert, unsere starken Daumkräfte zum sofortigen Gebrauch fest am Schlitten angesetzt, konnte in Gegenwart aller Europäer, Deutsche wie Engländer, zum Taufakt, den Herr von Eltz als Vertreter des Majors von Wißmann vornehmen wollte, geschritten werden. »Zur Ehre des deutschen Namens führe stolzes Schiff allezeit in Ehren die deutsche Flagge auf den Fluthen des Nyassa-Sees, sei es im Krieg, sei es im Frieden, zeige dich würdig des Namens, den du trägst immerdar — fahre hin in dein Element« — und schallend zerschellte am Bug die Champagnerflasche, ein edles schäumendes Naß netzte die Stahlplatten, die später in manchem wilden Sturm durch die aufgeregten Wogen des gewaltigen Sees sich Bahn brechen sollten.

Die Fallreep aufenternd, gefolgt nur von wenigen Atonga, die den Anker zu bedienen hatten, gab ich den Befehl zum Laufen — rasselnd fielen die Ketten, die das Schiff gehalten, zitternd rückte es durch den schweren Körper, als die starken Schrauben angedreht wurden und langsam, wie wenn es sich zum Anlauf rüsten wollte, glitt es wenige Fuß auf der glatten Bahn herunter, aber ehe es im Laufen kam, scholl mein Kommando »hol Atonga« und an beiden Seiten legten sich wohl 50 Mann mit aller Kraft in die am Schlitten befestigten Taue. Schnell und schneller die steile Bahn hinab, das Heck tief in das aufschäumende Element drückend, das brausend um die Seiten des Schiffes aufwallte, glitt der »Hermann v. Wißmann« hinab, umbraust von dem Hurrah viel hunderter Kehlen. Rasselnd fiel der Anker in die Tiefe und auf den Strom schwingend, lag das Schiff nahe dem Ufer vor seinem ersten festen Halt.

Der kritische Moment bei dieser rapiden Fahrt abwärts war, als der Hintersteven des Schiffes im Sande der angeschwemmten Bank sich durchwühlte, mehr noch, als der mit Ketten am Schiffe aufgefangene Schlitten den Grund berührte und mit Krachen die Ketten entzwei sprangen. Aber zu gewaltig war der Andrang des schweren Körpers, um durch diesen Widerstand aufgehalten werden zu können; nur so viel geschah, die schwere am Grunde liegende Holzmasse hemmte den starken Rücklauf des Schiffes und brachte es, mit dem Vordersteven keine 15 Fuß vom Ufer entfernt, zum Stehen, der Anker fiel zwischen die Hölzer des gesunkenen Schlittens, sonst, von den schweren Hölzern befreit, hätte das Schiff weit in den Fluß hinein laufen müssen.

Sekunden nur waren es, doch dünkten mir solche lang, und erst mein Kommando, »fallen Anker« löste die spannnende Erwartung! In diesem Augenblick, als der Stapellauf nun so glücklich beendet war, wollte mir alles Kommende nichtig und gering erscheinen gegenüber dem was hinter mir lag, was auch die Zukunft bringen mochte an Mühen und Arbeit, die Krönung des Werkes sah ich mit diesem glücklichen Ausgang als vollendet an. — —

Schon bald nach dem Osterfeste hatten die Engländer, mit aller Kraft den Bau ihrer kleinen Schiffe fördernd, mit der Aufstellung des Flußdampfers »Dove« begonnen, der auch zu dieser Zeit soweit fertiggestellt worden war, daß die Probefahrt abgehalten werden konnte; der Bau eines ihrer Kanonenboote war auf unserer Leichterwerft erst soweit vorgeschritten, daß sie uns nicht gut mehr überholen würden, obgleich ihre Arbeiten im Vergleich zu unseren eine Kleinigkeit genannt werden konnte.

Die nicht zur Ausführung gekommene Absicht des Majors von Wißmann, sein Schiff, am Tanganjika-See zu erbauen, ließ dem Leiter des englischen Unternehmens, Kapt. Robertson, nun seinerseits den Entschluß fassen, mit dem zweiten Kanonenboote dieses Projekt zur Ausführung zu bringen, welches, wenn es vonseiten der englischen Regierung genehmigt worden wäre, für die an diesem See längst eröffneten Handelsbeziehungen Englands ein starker Stützpunkt sein mußte, und der zu dieser Zeit schon stark in Vorbereitung befindliche Plan, den englischen Einfluß in der Längsaxe Afrikas zu entfalten, würde durch die Stationirung eines solchen Machtobjekts auf dem Tanganjika-See nur gefördert worden sein. Aber aus politischen Gründen wohl wurde die Ausführung dieses Planes vereitelt und es mußte auch das zweite Fahrzeug in Mpimbi erbaut werden.

Die Beziehungen zu einander, welche von Eltz und Kapitän Robertson verbanden, waren überaus herzliche, und schon in Anbetracht unserer den Engländern so vielfach geleisteten Dienste, war es wohl kein zu großes Entgegenkommen, wenn, um uns viel Zeit und Arbeit zu sparen, der Raddampfer »Dove« unser Schiff bis nach Fort Johnston schleppte. Zur Abfahrt wurde der 14. Juni festgesetzt; die Zwischenzeit aber benutzen wir, um mit vieler Mühe den auf Grund liegenden Schlitten wieder herauszuholen, weniger des Holzes, das immerhin gewissen Werth besaß, als der eisernen Bolzen und Klammern wegen, die verwendet worden waren; denn der Werth dieses Metalles wächst je weniger davon vorhanden ist. Unsere beiden Dampfkessel, der eine noch nicht ganz vollendet, mußten, da sie durch ihre Schwere das Schiff zu sehr belasten würden, zurückbleiben und sollten von dem kurz vor dem Stapellauf noch Port Maguire abgegangenen Leichter später nach Fort Johnston, wo deren Einsetzen stattfinden sollte, übergeführt werden.

Wesentlich nur leichte Sachen, als vorräthig gebrannte Kohlen etc. wurden an Bord genommen. Ich war mehr darauf bedacht das leere Schiff, das hinten 3 Fuß 4 Zoll, vorne 2 Fuß Tiefgang hatte, auf ebenen Kiel zu bringen, und erreichte dieses auch, weniger durch Anhäufen vorläufig unnöthiger Gegenstände, als durch eine Anzahl Leute, diese waren wenigstens eine nach Willkür bewegliche Masse, und auch nöthig, weil wir über die Stromschnellen nicht mit leichter Mühe würden hinwegkommen können.

Die Fahrt flußaufwärts, dank des geringen Tiefgangs unseres Schiffes, ging gut von Statten, erst die Stromschnelle bei Perisi wurde ein Hinderniß über das hinweg wir nach schwerer Arbeit das leere Schiff zu schaffen vermochten; wieder in tiefes Wasser gelangt, war die Kraft der »Dove« nicht ausreichend, den wirbelnden Strom der nächsten Stromschnelle zu überwinden, und von den Strudeln gefaßt, wurden beide Schiffe auf die Sandbänke geworfen. Mit Warp- und Buganker die Schiffe wieder abgeholt, erforderte es am nächsten Morgen die äußerste Anstrengung mit Dampf und Menschenkraft vorwärts zu kommen, namentlich lag beim Mißglücken die Gefahr vor, auf die unter Wasser liegenden Felsblöcke getrieben zu werden, und um nicht Gewonnenes zu verlieren, mußten mittelst Anker und langen Leinen die gefährlichsten Stellen passirt werden.

An Lionde vorbei, das von den einst an beiden Ufern des Flußes liegenden großen Dörfern, nichts mehr aufwies, als nur zerstreute Hütten, mitten darin die beiden englischen Forts, bot dieses nur den Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Ungehindert, da auch der Wind zu unseren Gunsten war, erreichten wir Werra. Am dritten Tage aber im Malombwe-See, führte Kapitän Robertson, meinend, es müsse eine gerade Durchfahrt geben, sein Schiff so in den Schlick hinein, daß es Stunden währte, bis der flachgehende Dampfer wieder frei war, unser Schiff aber mußte rückwärts aus der zähen Masse geschleppt werden. Am Nordende des Sees, wo wir einst, durch die vorgelagerten Sandbänke behindert, mit den Booten der Vorexpedition viel Scherereien gehabt hatten, gelang die Durchfahrt besser, als ich gedacht. Als wir aber den Schirefluß wieder erreicht hatten, gaben die Engländer aus Mangel an Feuerholz es auf, uns weiter zu schleppen, und den ganzen vierten Tag gebrauchte ich mit unsern langen Bambusstangen das Schiff bis in die Nähe von Fort Johnston zu bringen.

Weit unterhalb des Forts, an sumpfigen Wiesen hatten wir eine Anlegestelle angewiesen erhalten, und meine erste Arbeit war es neben der Herstellung eines Dammes, für Europäer und Schwarze eine Unterkunft am Lande zu beschaffen. Aber wie schon früher erwähnt, war es nicht rathsam sich aus dem Bereich des Fort zu entfernen, da die feindlich gesinnte Bevölkerung in den nicht allzufernen Bergen Gelegenheit suchte und fand kleinere Trupps zu zerstreuen und abzufangen. Holz in der weiten Umgegend war nicht erhältlich, so war ich gezwungen unsern Bedarf vom Fuße der Berge holen zu lassen und die zu diesem Zwecke ausziehenden Leute zu bewaffnen oder denselben zum Schutz eine starke Eskorte mitzugeben. Als der Damm dann auf sumpfigen Wiesengrund fertiggestellt worden war, wurde es noch nöthig, auch für den aus unsern Masten später aufzurichtenden Bock, mit dem die schweren Dampfkessel eingesetzt werden sollen, festen Halt und Untergrund zu schaffen, mußte doch diese schwere Arbeit hier vorgenommen werden, weil das Seeufer bei unserer Station zu flach war. Schon waren etwa 14 Tage verflossen und noch immer nicht war der Leichter, der zunächst die Kessel und Schiffsmasten bringen sollte, eingetroffen. Sonst brauchte Brückner von Mpimbi bis zum See nur 7 bis 8 Tage und jetzt mußte der heftig wehende Süd-Ost-Passat um so mehr die Reise fördern, als er auf der ganzen Strecke fast den Gebrauch der Segel gestattete. Um so auffälliger war es, daß der Leichter, längst nun fällig, nicht ankam, statt dessen aber traf Ottlich mit einigen Leuten am 16. Tage ein und brachte die Nachricht, das Fahrzeug sei vorne im Malombwe-See festgerathen, aber schon, als er mit einem vorüberfahrenden Boote seine Kameraden verlassen habe, hätten sie es frei gehabt, in spätestens zwei Tagen müßten sie ankommen. Die Zeit aber verrann und kein Leichter kam — am zwanzigsten Tage von Besorgniß nun erfüllt, daß irgend etwas passirt sein mußte, da auch in den letzten Tagen ein äußerst stürmischer Wind geweht hatte, machte ich mich mit unseren Booten auf und fuhr zum Malombwe-See. In heißer Mittagsgluth, um welcher Zeit ich den See erreichte, brütete eine Dunstmasse über die weite spiegelglatte Fläche, und daher konnte ich, so weit ich auch mit scharfen Gläsern die sichtbaren Ufer absuchte, nichts entdecken. Am späten Nachmittag nach Fort Johnston zurückgekehrt, beschloß ich, mit genügend Proviant versehen, am nächsten Morgen, wenn es nothwendig werden sollte, selbst bis zur Station Werra zurückzufahren, um dort Erkundigungen einzuziehen, denn nun hegte ich nur noch wenig Hoffnung, das Fahrzeug unversehrt auffinden zu können. Desto überraschender war es für mich, am nächsten Tage — noch hatte ich nicht den Malombwe-See erreicht — den Leichter vom starken Winde getrieben, herankommen zu sehen und auf demselben alles in guter Ordnung und alle wohl und munter zu finden.

Als Grund der Verzögerung und des langen Ausbleibens erfuhr ich nun Folgendes: Nochmals inmitten des Sees festgekommen, hatte die Besatzung mit hereinbrechender Nacht die Versuche, das Fahrzeug wieder aus dem Schlick herauszubringen, aufgeben müssen; eine Sturmböe von langer Dauer habe den Leichter dann in der Dunkelheit abgetrieben und, machtlos gegen die Gewalt des Windes, wären sie immer weiter, dem südöstlichen Ufer zu, fortgedrängt worden und hätten am nächsten Morgen nicht mehr gewußt, wo sie sich eigentlich befanden. Nun, gänzlich vom Schlammmeer umgeben, war selbst der starke günstige Wind nicht im Stande, den Leichter fortzubringen, und was das Schlimmste, auf solche unliebsame Verzögerung nicht rechnend, wäre ihnen der schon knappe Proviant ausgegangen. Um nun die beträchtliche Zahl der Soldaten und der Besatzung bei Kräften zu erhalten, hatten sie sich aus den Schiffsmasten, den Deckplanken etc. ein Floß herstellen müssen und damit versucht, das nicht allzuferne Land zu erreichen. Nach gelungener Landung sei dann eine Zahl Bewaffneter aufgebrochen und habe, von der Noth getrieben, in der weiten Wildniß nach menschlichen Wohnstätten gesucht, und in einem am Fuß der östlichen Berge aufgefundenen Dorfe zum Glück reichlichen Proviant aufkaufen können.

Nach der Rückkehr der Ausgesandten hatten sie dann soviel Lasten als das Floß zu tragen fähig gewesen auf dieses geschafft, um ihr Fahrzeug zu erleichtern, und am Abend vorher erst, nach vieler Mühe, sei es gelungen, tiefes Wasser aufzufinden; dann die Nacht hindurch, mit günstigem Winde segelnd, hätten sie alles daran gesetzt, um nur vorwärts zu kommen. Zufrieden, daß meine Besorgniß, der Leichter könne mit seiner werthvollen Ladung eventuell verloren gegangen sein, unbegründet gewesen war, sandte ich sofort nach unserer Ankunft einen Eilboten zum Lager, der die Anzeige zu machen hatte, der Leichter sei angekommen, denn dessen langes Ausbleiben hatte auch dort bei allen schon Besorgniß erregt.

Die Aufrichtung und Auftakelung des aus den beiden Masten hergestellten Bockes, mit dem die schweren Kessel nun eingesetzt werden sollten, erforderte große Umsicht, da an diesem ein Gewicht von über 80 Centner mit starken Flaschenzügen (Taljen) hochgezogen und in das Schiff niedergeführt werden mußte. In nahezu senkrechter Stellung mußte dem Bock ein starker Stützpunkt vom Lande aus gegeben werden und, da nichts in der Nähe war, woran die Drahttaue befestigt werden konnten, sah ich mich genöthigt, den gewünschten Halt durch einen vergrabenen Anker herzustellen. Da das Schiff nicht nahe genug an das Ufer heranzubringen war, mußte ich, wenn erst ein Kessel aufgehißt sein würde, dem Bocke eine beträchtliche Neigung geben können, wodurch aber auch eine sehr straffe Anspannung der nach dem Lande führenden Taue verursacht wurde, und es lag die Gefahr vor, der Anker könne in dem losen Wellsand, der hinter dem sumpfigen Uferstreifen angehäuft lag, nachgeben. Dies zu verhüten, ließ ich so tief graben, bis fester Grund gefunden war und hier durch Einrammen von Pfählen eine Art Verhau herstellen, hinter welchem der schwerste Buganker einen starken Halt finden konnte.

Mit großer Vorsicht und dem vorhandenen Material, wie ich solches seinerzeit zu diesem besonderen Zweck beordert hatte, wurde die Arbeit beendet; das Einsetzen der Kessel begann und war nach zwei Tagen, verzögert nur durch die ungünstige Lage des Schiffes, glücklich, ohne besondere Zwischenfälle, ausgeführt.

Donnerstag, den 6. Juli, nachdem unser kleines Lager bei Fort Johnston aufgegeben war, brach ich ganz früh mit dem Schiffe auf, um es zum Südufer des Nyassa-Sees, nach unserer Station Port Maguire überzuführen. Das Fort passirt, streckte sich zur Rechten das mächtige Dorf Mponda längs dem hier höher gelegenen Ufer aus, zur Linken hingegen nur sumpfige Niederung mit Schilf, Busch und Rohr bestanden, die landeinwärts bis zum Fuße der Berge zu einem mächtigen Dickicht überging über das hinweg nur zahlreiche Fächerpalmen ihre stolzen Kronen in den Lüften wiegten. Bald lag die letzte Krümmung des Schire hinter uns, und noch ehe wir die Barre erreicht, öffnete sich schon ein Ausblick auf den See. Ein Bild voll Schönheit und Eigenart lag vor unseren Augen ausgebreitet; erhebend wirkte die weite, nach Norden zu unbegrenzte Wasserfläche. Als sähe man den Spiegel eines gewaltigen Meerbusens im Sonnenglanz und tiefster Ruhe vor sich liegen, eingefaßt von gewaltigen Bergmassen, die in weiter Ferne verschwindend, wie Inseln auf den Fluthen des Sees erschienen. So weit das Auge reicht, sieht man noch die Ufer an beiden Seiten; die hohen Bergketten, höher und höher anstrebend, treten scheinbar zurück, und am Horizont, wie Punkte verschwindend, scheint ein Meer ohne Grenzen ausgedehnt zu liegen.

Und in der That, hunderte englische Meilen weit erstreckt sich diese Wassermasse — den Wunsch, auf diesen Fluthen gewiegt unbekannten Fernen zuzustreben, erweckt der Anblick jener gewaltigen Bergformen, wie die Natur sie hier aufgebaut hat — unabsehbar verschmelzen Land und Wasser, und lassen ahnen, daß dieses terra incognita für uns noch Schönheiten aufzuweisen hat, die bei weitem das übertreffen, was hier vor unseren Augen ausgebreitet liegt.

Am Ausfluß des Sees fand ich die vorgelagerte Barre flach und schwer passirbar, daher mußten sämmtliche Leute in das Wasser, theils um das Schiff zu erleichtern, theils um es mit Leinen an aufgefundenen tieferen Stellen durchzubringen. Nach viel Mühen und stundenlanger Arbeit gelang auch dies, und darauf längs dem Seeufer hinziehend, erreichten wir am selben Tage die deutsche Station.

Unsere Station Port Maguire in 14° 24´ 26´´ S. Br. und 35° 23´ 30´´ Östl. Länge, dicht am Südufer des Sees gelegen, macht, wenn man die Verhältnisse, unter denen sie erbaut worden, in Betracht zieht, einen guten Eindruck; entschieden besser als das Fort der Engländer, Fort Johnston. Die nach Norden gelegene hohe Bastion, die tiefen Gräben, welche zum Schutz aufgeworfen und deren Ränder dichte Dorngebüsche einschließen, sowie der hohe künstlich aufgeführte Wachtthurm sind ganz imposant. Ein hoher breitästiger Tamarindenbaum mitten im Fort, in dessen Schatten Zelte und Hütten aufgebaut sind, trägt auch viel dazu bei, das Fort einladend zu machen. Ringsum, namentlich landeinwärts, ist der dichte Busch niedergehauen, selbst lange Wege in diesem gelichtet, um freie Aussicht zu haben. Da die Fächerpalme hier in bedeutenden Mengen vorhanden ist, deren schlanker astloser Stamm (eigentlich nur ein dichtes Zellengewebe, umgeben von harter Rinde) sich besonders zu den Bauten eignet, so wurden solche für die Bastionen so verwendet, daß Stamm an Stamm aufgerichtet einer Mauer glich, hinter welcher die Sandmassen angeschüttet und mit Dornhecken gekrönt wurden und selbst dem verwegensten Feinde das Eindringen verwehrt hätten; denn die scharfen Stacheln halten fest was sie gefaßt und zerreißen dem die Haut der hindurchzudringen wagt, wofür die nackten Eingeborenen natürlicherweise berechtigte Scheu haben.

Es sollen nach Aussage, als Doktor Röver dieses Fort anzulegen begann, anfänglich von den feindlich gesinnten Bergbewohnern, mehrere Versuche unternommen worden sein, den Anbau hier zu verhindern. In größeren Trupps zum Angriff vorgegangen, gelang es ihnen auch, einige der angeworbenen Arbeiter abzufangen, natürlich um solche armen Teufel als Sklaven zu verkaufen; sonst aber war die anwesende Militairmacht stark genug sie immer zurückzuschlagen, bis sie durch Verluste klug gemacht weitere Belästigungen aufgaben und sich in ihre Gebirgsheimath zurückzogen, wohin ihnen zu folgen bis jetzt noch kein Europäer gewagt hat und vorzudringen vermochte. Es wäre auch wohl nicht rathsam gewesen, ohne eine starke Macht hinter sich zu haben, die kriegerischen Stämme anzugreifen. Die Engländer nach der Besitzergreifung dieses weiten Gebiets haben es unternommen, sind aber gründlich mit Verlust von einem Geschütz und Waffen zurückgeschlagen worden; selbst einige Europäer sind zeitweilig gefallen und seither alle weiteren Versuche, die Gebirgsstämme unter Botmäßigkeit zu stellen, aufgegeben worden, wenigstens so lange, bis die Engländer kräftig genug sein werden, die Feinde zu Paaren zu treiben und ihre Macht zu brechen. Für jetzt ist Fort Johnston der einzige Stützpunkt, über dessen Umkreis hinaus die englische Macht aber illusorisch.

Zur Sicherheit, solange die Besatzung noch schwach war, hielt Dr. Röver seine kleine Macht im Fort, um aber in dieser entlegenen wilden Gegend nicht gänzlich des Amüsements zu entbehren, hatte er und Herr Franke sich mit einheimischen Hausthieren umgeben, als Hühner, Ziegen, Tauben und Hunden, sowie verschiedene Arten zahmer Affen. Alle diese Thiere im Fort in Freiheit gesetzt, waren es die Affen, die immer die unglaublichsten Dinge ausführten, und durch ihre Possirlichkeiten eine ganze Gesellschaft unterhalten konnten. Spielten die Hunde zusammen, waren auch bald die Affen dazwischen, sie entrissen flink und gewand, diesen ihre Spielsachen, als Stücke Zeug oder Papier, um dann damit von den Hunden verfolgt, auf einen erhöhten Gegenstand zu springen, wohin diese ihnen nicht folgen konnten. Aus dem Bereich der bellenden Hunde gekommen, kehrten die Affen diesen ihr Hintertheil zu und kratzten sich, sprangen aber sofort, sobald die Hunde sich abwandten, auf deren Rücken und die Balgerei ging von Neuem los; lief einer der Hunde, hing sich ein Affe an dessen Schwanz und ließ sich mitschleppen, bis der Hund wüthend gemacht den Affen zu fassen versuchte, aber gewand sprang dieser über und unter dem Hunde und spottete dessen Bemühen.

Wollten die Hunde sich nicht zum Spielball der unbegreiflichen Affenlaunen hergeben, begnügten die Affen sich mit den Hühnern; ganz leise heranschleichend, faßten sie die Schwanzfedern derselben und ließen sie erst los, wenn die Hühner Zeter schrien. Auch die Tauben, die auf dem Baume nisteten und sich gerne zwischen den Hühnern aufhielten, verschonten sie nicht.

Aber nicht genug damit, war niemand in der Nähe, holten die Affen sich von unserm im Freien unter dem Baume aufgeschlagenem Tische alles mögliche herab oder rissen gar das Tischtuch sammt allem was darauf war in den Sand. Wurden kleine Flaschen, Saucen, oder Pickels vermißt, konnten wir sicher sein, daß einer der Affen diese irgend wohin verschleppt hatte. Unangenehmer aber noch war es, wenn es einem der Affen einfiel in einem Zelt oder Behausung Unordnung zu schaffen; nichts war vor ihrer Neugierde sicher, und hatte ein Affe Zeit und Muße gehabt, sich mit den Habseligkeiten eines Europäers vertraut zu machen, dann ade Gemüthlichkeit, der Betroffene war zum Mindesten fuchswild und schwor dem Uebelthäter das Genick zu brechen, wenn er ihn nur hätte bekommen können!

Höchst possirlich und zum Lachen reizend, waren die Vorstellungen, häufig aber doch die Dreistigkeit der Affen lästig, stand z. B. jemand vom Stuhle auf, so lag derselbe entweder im nächsten Moment umgeworfen im Sande oder der Sitz der Feldstühle war verzerrt. An Strafen und Greifen war kaum zu denken, die Thiere sind zu gewand und schnell, sie lesen auch im Auge des Menschen was dieser für Absicht hat; kein Schmeicheln, kein Locken hilft, sobald der Affe etwas merkt, was ihm nicht geheuer scheint, und keinem gelang es, eines der Thiere zu fassen, wenn die Absicht vorlag, für ausgeführte Streiche ihnen das Fell zu gerben.

Die Arbeiten am Schiffe wurden nach der Ueberführung sogleich wieder aufgenommen und sobald die Aufrichtung der Verschanzung beendet war, konnte ich mit dem Einlegen des Decks beginnen, während Maschinenmeister Spenker mit seiner Kolonne ausschließlich die Maschine und Kessel montirte. Wochen harter rastloser Arbeit waren es, bis alles soweit vollendet, daß ich mit dem Einsetzen der Masten anfangen konnte, und ohne jegliche seemännische Unterstützung auch die Auftakelung beendete, wobei nur ein ehemaliger schwarzer Matrose mir nennenswerthe Hilfe zu leisten im Stande war.

Der Auf- und Ausbau der Kajüten, die vielen hundert Theile, die zur Ausrüstung eines Schiffes gehören, dies alles an seinen Platz gebracht, nahm auch viel Zeit in Anspruch; doch einer Arbeit, das Abdichten des Deckes, wurden wir durch die Gefälligkeit von Kapitän Robertson, der seine schwarzen Zimmerleute uns zur Verfügung stellte, überhoben. Die Ausführung aller dieser Arbeiten nach Gebühr zu beurtheilen vermag nur ein Fachmann und kann ich es füglich unterlassen in Details näher einzugehen, da hier nicht mehr wie es in Mpimbi der Fall war, große Nebenarbeiten auszuführen waren, obwohl auch diese nicht minder Besonnenheit erforderten und an Mühen gewiß kein Mangel war. Die Temperatur während der Monate Juli, August am Lande glühend heiß, wurde auf dem See theils durch das Wasser, theils durch zeitweilig abwechselnde Winde in etwas abgekühlt, namentlich wenn die frische Brise von den Bergen herabwehte. Aber auch sehr heftige Böen, die plötzlich über die sonst ruhige Wasserfläche hinfegten, wirbelten die Fluthen auf und an Deck des Schiffes, wo die Feldschmieden in Thätigkeit waren, fegte der Wind die glühenden Holzkohlen herab und versetzten die nackten Arbeiter in nicht geringer Aufregung, sobald die heißen Kohlentheilchen ihnen auf der Haut brannten.

Die Luftströmung, (Passatwinde) die vom indischen Ocean herüberwehte, wurde hier schon durch die fast parallel laufenden hohen Gebirgszüge, die den großen Nyassa-See einfassen, abgedrängt und nahm schließlich eine Süd-Nord-Richtung an, so daß die zu Zeiten sehr heftigen Winde, längs dem ganzen See fegten und die Fluthen gleich Meereswogen aufwühlten. Seltener nur in dieser Zeit, wenn für ein oder zwei Tage heftiger Nord-Ostwind geweht hatte, trat gegen die Regel, nachts keine Stille ein, sondern der Wind sprang nach Norden über, der dann die Wassermassen gegen das südliche Ufer warf, und langrollende weißköpfige Wogen brausten heran. Hätte jemals der Nordwind solche Stärke erreicht wie aus süd- und nordöstlicher Richtung, alle unsere vom Ufer bis zum Fort errichteten Bauten würden unter Wasser gesetzt und vernichtet worden sein. Schon gegen die im Verhältniß doch nur schwachen Wellen waren wir nicht imstande unsere mit Mühe hergestellte Werft, die bis zum tieferen Wasser hinausgebaut worden war, zu schützen; in den drei eingetretenen Fällen wurde diese jedesmal theils ganz oder theilweise zerstört d. h. die Sandmassen zwischen den eingerammten Pfählen wurden weggewaschen. Gleich beim ersten Auftreten dieser ungewöhnlichen Winde, mußte das Schiff weiter vom Lande verankert werden, da es durch die Wellen gehoben, den Grund berührte.

Jedesmal beim Wechsel des Mondes, Voll- oder Neumond, traten in der Atmosphäre Veränderungen ein, und zwar wehte der Passatwind, der vorher von Windstillen unterbrochen gewesen, zu diesen Zeiten stets sehr heftig auf, oder wurde durch ebenso starken Gegenwind aufgehoben. Die Wissenschaft hat in Abrede gestellt, daß auf noch so großen Binnengewässern die Erscheinung von Ebbe und Fluth möglich sei, ich kann aber auf meinen Beobachtungen fußend, die positive Behauptung aufstellen, der Nyassa-See weist zu den angeführten Perioden Fluth und Ebbe auf! Die Fluthwelle stieg und fiel während 2 bis 3 Tagen regelmäßig, das Niveau des Sees am Südufer hob und senkte sich 6 Zoll in 12 Stunden, es trat die Fluth stets um 3/4 Stunden später ein, und zwar in dem Verhältniß später, als der Mond um diesen Zeitunterschied später im Zenith eintrat; nur das Auffallende war bei dieser Erscheinung, daß, wenn der Zeitpunkt des direkten Zusammenwirkens von Sonne und Mond gekommen, erst genau sechs Stunden später Hochwasser war, also eine Verspätung eintrat, die ihre Erklärung darin finden würde, daß die bekannte Einwirkung der Sonne und namentlich die des Mondes auf der Erdoberfläche, die Wassermassen des unergründeten Sees in der Mitte, wo derselbe die größte Breite hat, aufhielte und deren Zurückfluthen dann, namentlich am Südende, die Fluthwelle erzeugte, um wiederum nach Verlauf von 6 Stunden Ebbe eintreten zu lassen.

Ich war bei dem ersten beobachteten Auftreten dieser Erscheinung geneigt, den stark wehenden südlichen Winden solche Einwirkung zuzuschreiben, da diese naturgemäß die Wassermassen nordwärts treiben mußten und eine Zurückfluthung derselben erst nach eingetretener Windstille, also mit Sonnenuntergang, gestatteten. Längeres Beobachten aber, und nicht immer zu diesen Zeiten mitwirkende Winde zeigte, daß diese Vermuthung falsch war; und sofern noch nicht bekannte Ursachen diese auffällige Erscheinung einer Ebbe und Fluth hervorbringen, muß der Einwirkung der Sonne und des Mondes diese zugeschrieben werden, als sich schlechterdings keine andere Erklärung dafür finden läßt, so auffällig es auch ist und mit der Annahme, daß ein Binnengewässer von beschränkter Ausdehnung keine Flutherscheinungen haben kann, in Widerspruch steht. Einmal aufmerksam darauf geworden, sind von englischer Seite an verschiedenen Punkten die gleichen Beobachtungen gemacht und wenn später die englischen Kanonenboote wegen ungenügender Wassertiefe auf der Barre ein Einlaufen in den Schire unmöglich fanden, wurde der Eintritt des Voll- oder Neumondes abgewartet, dann machte die für zwei, selbst drei Tage zu bestimmter Zeit auftretende Fluthwelle erst ein Passiren möglich.

Wie sich übrigens bei der Beschreibung des Sees ergeben wird, zeigt dieser in seiner ursprünglichen Bildung sowohl, wie auch noch in seiner heutigen Beschaffenheit soviel Auffälliges, daß er jedem ernsten Beobachter zu tiefem Nachdenken Veranlassung geben muß.

Das Lagerleben, wie solches nur natürlich war, bot auf die Dauer herzlich wenig Abwechslung und jeder, dem eine ernste zweckmäßige Thätigkeit zugewiesen war, konnte sich glücklich schätzen; denn die Langeweile, ohne geistige Anregung, wie es hier der Fall, mußte zu einer Plage werden. Auch lag eine Beschränkung gewissermaßen darin, daß dem Jagdsport, es waren Elephantenspuren und Antilopen gesehen worden, nicht nachdrücklich gehuldigt werden konnte, da die feindlich gesinnte Bergbevölkerung dem einzelnen Jäger eine Annäherung zu den nicht fernen Wildständen unmöglich machte. Nur Sonntags, wenn das einzige Boot, das wir zur Verfügung hatten, frei war, konnten Jagdausflüge unternommen werden, wobei es einmal Herrn Wyneken gelang, ein mächtiges weibliches Flußpferd zu erlegen, das auch, wie gewöhnlich nach drei Stunden an die Wasseroberfläche gekommen, von den Leuten zur Station bugsirt wurde, und hier, als selbst mit langen Tauen der Fleischkoloß nicht aufgeschleppt werden konnte, sämmtliche Atonga und Soldaten bei Feuerschein und Laternen das Thier langsam strandaufwärts kugelten. Der Ueberfluß an Fleisch, das in Streifen geschnitten am Feuer oder in der glühenden Sonne getrocknet wurde, diente, trotzdem über hundertfünfzig Mann sich in das Thier getheilt, noch als Tauschartikel und die im Lager verkehrenden Mpondaleute schleppten mächtige Erdtöpfe voll Pombe, Mehl und andere Erzeugnisse heran, um sich gleichfalls an der selten gebotenen Delikatesse gütlich thun zu können.

Die Krokodile, die hier in den größten Exemplaren vertreten sind und niemals gestört werden, waren auf den fischreichen Gründen in beträchtlicher Zahl vorhanden, und zogen die Eingebornen mit ihren aus Baumbast gefertigten Netzen zum Fischen aus, mieden sie wohlweislich Stellen, wo die gepanzerten Unthiere zu vermuthen waren. Nie gejagt und verfolgt, waren diese Thiere anfänglich sehr dreist, erst als sie vom Schiffe aus mit heißem Blei recht unangenehme Bekanntschaft gemacht hatten, hielten sie sich von diesem und dem Ufer etwas fern.

Der See, der überhaupt an seinen Ufern äußerst fischreich ist, namentlich im Süden beherbergt er neben dem stark vertretenen Pelikan auch eine ganze Anzahl Fischreiherarten, ebenfalls bemerkten wir mehrmals am Ausfluß des Sees die äußerst vorsichtige Fischotter; es gelang, jede Thierart, wenn wir es ernstlich wollten, zu erlegen, nur das kostbare Fell dieser großen Otternart haben wir nie zu erlangen vermocht.

Gelegentlich habe ich früher erwähnt, daß unsere Soldatentruppe aus verschiedenen Völkerstämmen zusammengesetzt war unter denen in gewisser Beziehung eine strenge Absonderung sich bemerkbar machte, was namentlich in Bezug auf den Glauben, soweit bei einigen überhaupt von Religion die Rede sein kann, der Fall war. Abessinier als Christen, Egypter, Sudanesen und Somali als strenggläubige Mohamedaner, Suaheli auch zu solchen gerechnet, nur mit dem Unterschied, daß sie die Lehren ihres Propheten weniger streng beachteten und last not least Angehörige einiger Stämme Inner-Afrikas, die dem Ahnenkultus zugethan waren. Selbstverständlich mußten unter so verschiedenen Typen Gegensätze zu Tage treten, die nur durch strenge Handhabung der Disziplin in etwas ausgeglichen werden konnten, was auch immer gelang, nur in einem Falle waren Strenge und selbst Strafen zwecklos. Bedacht darauf, daß die Umgebung eines Lagers, oder wie hier unser Fort, durch die Exkremente so vieler Menschen nicht verunreinigt würde, was an und für sich schon unangenehm, mehr aber noch Krankheitsstoffe hervorbringen konnte, wurden stets zur allgemeinen Benutzung Latrinen erbaut. Indes wie sehr den Leuten auch die Nothwendigkeit derselben nahegelegt wurde, sie umgingen doch das strenge Gebot. Da durch Zwang nun keine allgemeine Benutzung einzuführen war, weil der strenggläubige Mohamedaner nicht denselben Ort besuchen wollte zusammen mit dem Giaur, so wurde für jeden Stamm eine besondere Latrine erbaut; diese aber wurden doch nur so lange benutzt, als scharfe Aufsicht ein Umgehen unmöglich machte.

Hier in der Umgebung des Forts nun, wo gleichwohl solche Vorkehrungen getroffen wurden, war es für die Leute leicht sich dem Zwange zu entziehen, da dichter Busch eine strenge Aufsicht vereitelte, und die Folge wäre eine Verpestung der Luft gewesen, wenn nicht ein kleiner Käfer sich der schnellen Beseitigung der Exkremente unterzogen hätte. Diese äußerst zahlreich hier vertretene Käferart, wühlte nämlich unter jedem Abfall den Boden fort, sodaß derselbe in eine Höhlung versank, die wieder mit Erde verschlossen, nun den Thieren als Brutstätte diente. Aber wie sehr am Lande hierdurch auch einer Verseuchung vorgebeugt wurde, gegen die Verunreinigung des Wassers war schwerer anzukämpfen. Ich kann die in den letzten Wochen unseres Aufenthalts vorgekommenen Fälle schwerer Dyssentrie, die mehrere Europäer, darunter auch mich befallen, bei einigen Schwarzen sogar tödlich verliefen, nicht direkt darauf zurückzuführen, als sofort beim Auftreten dieser gefährlichen Krankheit alle Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden, indes die Keime mußten doch in dem benutzten Wasser, welches wir nur aus dem See selbst schöpfen konnten, gelegen haben, und wie nöthig eine strenge Aufsicht war, erhellt daraus, daß unsere Diener und Köche aus Faulheit und Bequemlichkeit dicht am Strande Wasser schöpften, sobald sie sich unbeobachtet glaubten, wurden sie ertappt und es gab für solche grobe Nachlässigkeit gelegentlich Strafe, kam es ihnen noch sonderbar vor, daß der weiße Mann sie zwang, möglichst weit vom Ufer entfernt reines Wasser zu schöpfen. Jedenfalls war es unablässig nothwendig bei der Zubereitung unserer Speisen den schwarzen Köchen und ihren Gehülfen scharf auf die Finger zu sehen.

Mittlerweile war unser Dampfer soweit fertiggestellt, daß wir an die zu unternehmende Probefahrt denken konnten, die gleich bis Monkey-Bai am Nordende der Halbinsel Livingstonia gelegen, nebenbei der sicherste Hafen im ganzen Nyassa-See, ausgedehnt werden sollte. Ich stimmte diesem Plane auch zu, namentlich weil schon wenige Tage später der größte Theil unserer Handwerker, die doch auch gerne vorher noch eine kleine Fahrt mit dem Schiffe machen mochten, an dessen Herstellung sie mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft so brav gearbeitet hatten, zur Entlassung kommen sollten.

Ein Aufschieben war also nicht gut mehr möglich und am 10. August, einem gerade sehr unfreundlichen Morgen, als mit Sonnenaufgang schon ein äußerst heftiger Nord-Ostwind eingesetzt hatte, lichteten wir die Anker. So lange wir noch im Schutze der Ufer uns befanden, wo der starke, halb von vorne wehende Wind die Fluthen des Sees noch nicht aufzuwühlen im Stande war, ging es auch einige Meilen mit halber Dampfkraft gut vorwärts, aber als wir erst freies Wasser gewonnen und uns den felsigen Boazuru-Inseln genähert hatten, rollten die Wogen so mächtig gegen den Bug und die Seite des Schiffes, daß das Wasser gleich Sprühregen über die hohe Kommandobrücke gefegt und dieses, so leicht wie es noch war, ein Spiel der Wellen wurde. Es rollte und stampfte in die aufgeregte See, daß Jeden, der nicht ganz taktfest war, die Seekrankheit heimsuchte. Die anfänglich fröhlichen Gesichter der meisten wurden blaß und bleich und Gott Neptun forderte unerbittlich den ihm schuldigen Tribut. Hätte nur mit dem schlechten Feuerholz eine größere Dampfspannung erreicht werden können, Wind und Wellen hätten uns nicht abgehalten, doch noch Monkey-Bai zu erreichen; aber je weiter wir kamen, desto schwerer wurde die See und hemmte die an und für sich nur mittelmäßige Geschwindigkeit des Schiffes so, daß, wollten wir die 36 Meilen lange Distanz zurücklegen, wir bei solchem Wetter erst am späten Nachmittag den Hafen hätten erreichen können.

Ungünstig zwar, unter solchen Witterungsverhältnissen, und keineswegs zufriedenstellend war, als wir gegen 2 Uhr Nachmittags die Station wieder erreicht, die Probefahrt verlaufen; ein jeder aber war doch davon überzeugt, daß der Nyassa-See, wenn der Sturm seine Fluthen aufgewühlt hat, kein ganz ungefährliches Gewässer sein müsse. Nach dem zu urtheilen, was er uns in dem langgestreckten Golf gezeigt, mußte inmitten des Sees selbst, bei südlichem Sturm, eine wilde gefährliche See laufen. Die englischen Kanonenboote haben denn auch, da sie nur darauf berechnet waren, auf wenig bewegtem Wasser zu laufen, nie sich hinauswagen dürfen, um mit Wind und Wellen den Kampf aufzunehmen; in der Periode der heftigen Winde, die vor und nach der großen Regenzeit auftreten, mußten sie immer erst ruhiges Wetter abwarten, ehe sie eine Fahrt unternehmen konnten, denn in bewegter See rollten sie so heftig, daß es nicht rathsam war, mit ihnen irgend welches Risiko zu unternehmen; war doch selbst der »H. v. Wißmann« oft nicht im Stande, gegen die hohe See anzudampfen.