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Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. cover

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Chapter 22: 18. Die Fahrten auf dem See und die Ankunft in Langenburg.
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About This Book

A first‑hand account of an inland steamship expedition that details the logistics of transporting disassembled vessel components overland, erecting camps and a shipyard, assembling and outfitting the steamer, and conducting its launch and maiden voyages on Lake Nyassa. The narrative follows marches between encampments, methods of transport including rail transfer, episodes of local unrest and combat, and practical problem‑solving during construction. Interwoven are descriptive observations of the lake, coasts, inland settlements, and regional plant and animal life, with attention to the labour, engineering and navigational challenges encountered throughout the campaign.

18. Die Fahrten auf dem See und die Ankunft in Langenburg.

Auf dem Nyassa-See nun, bereit dessen weitgezogene Grenzen zu erforschen, stark und bewehrt jedem Feind zu trotzen und den Kampf aufzunehmen mit den Elementen, lag das schöne Schiff und harrte der Stunde, wo es die Fluthen durcheilen und die entfaltete deutsche Flagge zu fernen Küsten und zu unbekannten Volksstämmen tragen sollte. Das große Werk, unternommen und vollbracht von einer kleinen Schaar deutscher Männer, die keine Gefahren und Entbehrungen scheuend, ihr ganzes Können für die Ehre des deutschen Namens eingesetzt, war vollendet. Das größte Schiff auf den Binnengewässern des gewaltigen Kontinents lag im Sonnenglanz auf der silberglänzenden Fluth und stolz wehte im Sturm, wie im Hauch des Zephyr-Windes, von seinen Masten nun die stolze deutsche Flagge, die unüberwunden vor keinem Feinde je sich senken möge!

Auf den Fluthen des in trügerischer Ruhe schlummernden Sees, dessen Grenzen in unabsehbare Ferne gerückt erscheinen, wiegt sich das schöne Schiff, bestimmt, ein Schrecken zu sein dem gewissenlosen Sklavenräuber, den unter dem harten Joche aber seufzenden Völkern ein starker Schirm und Schutz; es soll die Fesseln zerreißen, in die Willkür und Despotenmacht der Araber die wehrlosen Stämme zum Hohn und Schmach der Menschheit geschmiedet haben. Ein Träger der Zivilisation, soll es den in tiefster Lethargie versunkenen Völkern eine neue Aera und einen Morgen goldener Freiheit verkünden! Groß zwar werden auch hier noch die Opfer sein und gewaltig der Kampf, aber auch die Zeit wird kommen, wo in den fruchtbaren Thälern der mächtigen Gebirge und an den sanften Abhängen bewaldeter Höhen friedlich und ohne Furcht auf saftigen Gründen der schwarze Hirte sein Vieh wird weiden können, nicht mehr sorgend, daß er einem heimtückischen Ueberfall erliegen kann und Weib und Kind dem harten Sklavenloos verfallen weiß.

Alle Europäer nun, zu deren beschleunigten Abreise zur Heimat eilige Vorbereitungen getroffen wurden und die am 13. August mit unserem Leichter abreisen sollten, waren bitter enttäuscht, als mit der am 11. eingelaufenen »Domira« Major von Wißmann nicht ankam. Die meisten hatten ihren Führer seit Beginn der Expedition nicht wieder gesehen und gewiß verständlich war es, daß jeder gerne für sein Streben und seine Mühen ein Wort der Anerkennung mit auf den Weg genommen hätte; manches wäre geklärt und manch bitteres Empfinden wäre zerstreut worden. Nach den Nachrichten zu urtheilen, die vom Norden des Sees, wo Leutnant Bronsart von Schellendorf als derzeitiger Chef der Station Langenbuch fungirte, sollte Major von Wißmann sich auf dem Rückmarsch vom Tanganjika-See befinden; laut einer schriftlichen Ordre hatte der Major auch die bestimmte Absicht, selbst zu kommen, denn der Befehl, keine Fahrt mit dem Schiffe zu unternehmen, bevor er nicht eingetroffen sein würde, bestätigte dies.

Die Abreise der Steuerleute und der Handwerker, sowie einige unserer Soldaten, die gleichfalls mit entlassen wurden, erfolgte am bestimmten Tage unter Leitung von Dr. Röver, der den Transport übernommen und gleichfalls die Heimreise angetreten hatte. Zurückgeblieben und in Gouvernementsdiensten übergetreten waren von Eltz, als Stationschef, die beiden Maschinisten Spenker und Engelke, ebenso Zander und ich als Führer des »H. v. Wißmann«. Also aufs Aeußerste eingeschränkt und nur das absolut nothwendige Personal zurückbehalten, war nach der Abreise der Herren Wyncken und Prince mit der »Domira«, die entschlossen waren auf der Steavenson-road, die Straße zum Tanganjika-See, dem Major entgegen zu gehen, unser Fort »Port Maguire«, im Gegensatz zu der früher vorherrschenden Lebendigkeit, todt und still, vor allem, als ich erst mit der Schiffsbesatzung mich an Bord heimisch eingerichtet hatte.

Eine wenige Tage später unternommene zweite Probefahrt, ergab ein ganz anderes Resultat, als die erste, unter ungünstigen Verhältnissen ausgeführte. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Schiffes betrug 9 Seemeilen die Stunde, keines der englischen Schiffe hat diese Fahrt erreicht, sodaß der »H. v. Wißmann« nicht nur der größte, sondern auch an Schnelligkeit unerreicht geblieben ist. Der Befehl des Majors, der Dampfer habe seine Ankunft abzuwarten und soll keine Fahrt vorher unternommen werden, gab mir nach so langer schwerer Arbeit nun Muße, das Schiff erst recht in Stand zu setzen, vor allem strebte Spenker dahin, unsere elektrische Maschine in Betrieb zu bringen und alle Räume mit Glühlampen zu versehen.

Auch unsere Atonga, soweit sie noch in einer Stärke von annähernd 100 Mann im Fort beschäftigt worden waren, drängten nun, da ihre Zeit abgelaufen war, immer entschiedener in ihre Heimath zurückbefördert zu werden, was eines Theils nicht möglich, als ich keine Fahrt machen durfte, anderen Theils weil für ihre Abbezahlung nicht genügend Zeug und andere Stoffe vorhanden waren und damit erst begonnen werden konnte, nachdem von Blantyre das Bestellte eingetroffen war. Die Leute, die nun schon ein halbes Jahr lang brav für uns gearbeitet hatten, nun noch länger zu halten, dafür lag kein Grund vor, und so wurde beschlossen, die 500 Mark Passagegeld, die eine Beförderung der Leute mit der »Domira« gekostet hätte, unser Schiff verdienen zu lassen.

Am 29. August lichteten wir die Anker, um die erste längere Tour bis zur Mitte des Nyassa-Sees anzutreten. Erst nachdem die niedrigen, eng aneinander liegenden Felsenmassen der Boazuru-Inseln passirt waren, die, kahl und unfruchtbar, nur Seevögeln und zeitweilig Fischern zum Aufenthalt dienten, war es möglich, einen Ueberblick über die zum Theil dicht an den See herantretenden Bergmassen zu gewinnen. Die vorspringenden Bergkegel, als Satobe, Mwmama, im Norden von Livingstonia, die nur durch sehr enge Passagen vom Festlande getrennten Inseln Mbibue, Domwe, 2000 Fuß hoch, fallen besonders auf. Das Innere der Halbinsel, von Höhenzügen durchzogen, die vielfach durchbrochen sind und dadurch den Anschein erwecken, als wären es verschiedene Bergketten, zeigt von der Tiefe der langgestreckten Thäler bis zu den Höhen der höchsten Berge überall eine üppige, wilde Vegetation, selbst die Niederungen am See, als die ausgedehnte Malabwe-Bai etc, umschließen dichter Urbusch. Rechts erscheinen die Ufer flacher, sind aber in ihrer ganzen Länge von ansteigenden Hügelketten eingefaßt, die landeinwärts höher und höher aufstreben, bis sie als mächtiger Gebirgskamm sich dem Ufer des Sees allmählich wieder nähern.

Näher zur Nordspitze von Livingstonia gekommen, erscheinen hier die steil aus dem See aufstrebenden Felsenmassen eng zusammengedrängt ein kompaktes Ganzes zu bilden von 1500 bis über 2000 Fuß Höhe, selbst die vorgelagerten Felseninseln, 200 bis 300 Fuß hoch, scheinen auf geringe Entfernung noch mit den waldgekrönten Höhen verbunden zu sein, so dicht liegen diese unter Land. Die Wassertiefe inmitten des Golfs ist eine beträchtliche und nimmt von den Boazuru-Inseln, wo diese 60 bis 100 Fuß beträgt, schnell zu, schon an der Nordspitze der Domwe-Insel ist sie 150 bis 200 und über Kap Maclair hinaus 300 bis 600 Fuß.

Wie ein ausgesprengter schmaler Durchstich, der die hohen Bergmassen von einander trennt, in welchem Felstrümmer umhergestreut liegen, erscheint die tiefe Einfahrt zur Monkey-Bai; sie öffnet sich erst sobald man die vorgelagerte Insel Pundsi querab peilt und man sich inmitten der etwa 150 m breiten Oeffnung befindet. Die Kursänderung von West nach Süden läßt dann das Schiff in der etwa 60 m breiten Einfahrt zwischen Land und der Insel Pundsi gelangen, und die vielleicht 600 m tiefe Bai, rechts von einer 1500 Fuß hohen steilen Bergwand eingefaßt, liegt wie ein herrliches Bassin vor dem erstaunten Auge offen da. Die Wassertiefe von 60 Fuß vermindert sich erst, wenn man dicht unter dem flacheren Strand, der nach Süden zu den Ausblick auf eine sich ausbreitende dicht mit Baum und Busch bestandene Ebene freigiebt, angelangt ist, der Anker fällt dann auf eine Tiefe von 24-30 Fuß.

Ein stillerer abgeschlossener Ankerplatz, wie diese kleine Bai läßt sich kaum denken. Umschlossen von Felsen, ist fast allen Winden der Zutritt verwährt, höchstens bei starkem Südwind fegt derselbe stoßweise von den Bergen herab und kräuselt die sonst immer ruhige Fluth. Am aufsteigenden Strande und zum Theil dicht unter die kahlen Felsmassen liegen die zerstreuten Hütten der Eingebornen, die um nichts besser oder schlechter wie alle anderen Behausungen der Einwohner dieses Landes sind, trotzdem hier die Bewohner als reich gelten müssen. Sie haben, seitdem überhaupt die Schifffahrt auf dem Nyassa-See eröffnet und als Feuerungsmaterial Holz benöthigt wurde, hier eine Holzstation errichtet und betreiben den Verkauf der aufgestapelten Holzmassen an die einlaufenden Schiffe; nebenbei sind sie noch gute Seeleute und jedes Schiff, das eingeborene Besatzung braucht, rekrutirt solche in dieser Bai.

Das Erscheinen eines so großen neuen Schiffes rief nicht geringe Verwunderung bei den Eingebornen hervor. Ein förmlicher Ansturm erfolgte aber, als ich den von hier stammenden Kapitao Kambajalika mit dem Auftrage an Land sandte, er solle einige tüchtige Leute, namentlich Heizer (Leute die schon mit der »Domira« gefahren hätten) aussuchen und an Bord bringen. Viele nun, zum größten Theil aus Neugierde, wollten sich anwerben lassen und immer mehr kamen, so viel ihrer auch abgewiesen wurden. Die zwei vorhandenen Kanoes reichten nicht aus, die Stellung suchenden zwischen Land und Schiff hin- und herzubefördern, und mehrere, kurz entschlossen, schwammen einfach an Bord; namentlich 8-10jährige Jungens, wenn sie mit Mühe das hohe Schiff erklommen hatten, präsentirten sich, pudelnaß und die scharzbraune Haut von Wasser triefend, in Adamskostüm und baten darum als Boy (Diener) angenommen zu werden, und nicht eher gab sich die kleine Gesellschaft zufrieden, bis sie Gelegenheit fanden ihr Anliegen mir vorzubringen, erst wenn ich ihnen gesagt, ich brauche keinen Boy, waren sie befriedigt und verschwanden.

Ich war einzig zu dem Zwecke nur in Monkey-Bai angelaufen, um für die Reise Brennholz anzukaufen, fand aber wider Erwarten nicht genügend Holz am Strande vor und mußte mir an sieben Bootsladungen, für die ich 70 Yard Zeug bezahlte, genügen lassen. Es ist nur ein Tauschhandel, der Besitzer eines Holzstapels erhält stets so viel Zeug als dieser Stapel lang ist, und von Rechtswegen muß das Holz so hoch aufgeschichtet sein, als das Zeug breit ist. Der Bequemlichkeit halber hatte ich den Atongas erlaubt, für die Nacht an Land zu logiren. Um uns nun am Abend das Treiben am Strande etwas näher zu besehen, ließ ich ganz plötzlich den elektrischen Scheinwerfer auf die zerstreut umherliegenden Gruppen richten. Das helle Licht, das blitzschnell erstrahlte, erleuchtete die dunklen Hütten, aus denen Weiber aufkreischten und Kinder schrien, selbst die Ziegen und Hühner vom blendenden Strahl getroffen, schreckten aus ihrer Ruhe auf. Furcht war das erste Empfinden, das diese noch nie gesehene Erscheinung auf Mensch und Thier hervorbrachte, und hätten die Atonga die Einwohner nicht beruhigt, diese hätten der Ursache dieses Lichtes irgend welche dämonischen Kräfte zugeschrieben; so aber bald aufgeklärt darüber, daß nur der weiße Mann solches Licht erzeuge, blieb wohl nicht ein Bewohner in den Hütten; mit staunender Bewunderung sahen sie sich vom Licht umstrahlt, das im nächsten Moment wieder einen anderen Gegenstand taghell erleuchtete. Das Licht vom Dorfe fort zu den Berghöhen geleitet, wo jeder Baum zu unterscheiden war, über Wasser und an den Ufern lang huschend, und wieder blitzschnell über die erstaunten Gesichter fliegend, machte auf diese unwissenden Naturkinder einen nachhaltigen Eindruck.

Unser nächstes Ziel, welches ich am anderen Tage zu erreichen hoffte, war Kota-Kota, wo einige Polizeisoldaten des englischen Gouvernement abgesetzt werden sollten, die die Eintreibung der fälligen Steuern bis zu meiner Rückkehr vorzunehmen hatten. Da nämlich das weit ausgedehnte Gebiet des mächtigen Häuptlings Jumbe unter englischen Protektorat gestellt ist, war auch hier schon eine Art Abgabe eingeführt worden, die wie überall nicht gutwillig gezahlt wurde, sondern erst eingetrieben werden mußte, deshalb hatte die Bevölkerung als Kopfsteuer, ein gewisses Quantum Reis, der in den sumpfigen Niederungen am Fuße der Berge in vorzüglicher Qualität kultivirt wurde, zu entrichten.

Monkey-Bai (14° 4´ S. Br., 35° 4´ 0´´ Öst. Länge) verließ ich am nächsten Morgen und dicht unter den steil aus dem Wasser aufstrebenden Felsmassen hinfahrend, erweiterte sich bald, als Kap Maclair passirt war, der mächtige See und der Livingstonia-Golf mit den vereinzelt umhergestreuten Inseln, als Elephanten-Island, Tumbi, Malere, Mamkowa-Inseln, lag vor uns offen. Von hier setzten wir den Kurs auf den weithin erkennbaren Berg Risu, ein vereinzelter Bergkegel, der scheinbar wie abgetrennt von der kompaktem Gebirgsmasse, am See lagerte und erreichten jenen Ort, wo Major v. Wißmann seiner Zeit die Verfolgung einer Dhau aufgenommen hatte, welche durch ihre Besatzung in dem Augenblick zum Kentern gebracht, als ein Warnungsschuß die Fliehenden zum Streichen des Segels aufforderte. Kap Rifu, so kann ich den Felsvorsprung nennen, lag bald hinter uns und direkt auf die Bentje-Inseln steuernd, sahen wir plötzlich im klaren Wasser Grund unter dem Kiel; die Tiefe von 90-24 Fuß abnehmend, zeigte es sich, daß die weit zurückliegende Kuturu-Bai sehr schnell abflachte. Ich hätte mich zu einer näheren Untersuchung wohl nicht sogleich eingelassen, wenn nicht weit in die Bucht hinein eine Dhau in Sicht gekommen wäre, die offenbar mit dem leichten Winde das Ufer zu erreichen suchte und zu entkommen strebte. Leider unbekannt mit den Tiefenverhältnissen, mußte ich, als immer flacheres Wasser gelothet wurde, vorsichtshalber die Fahrt des Schiffes mindern und sah mich schließlich genöthigt, da ich mit dem Geschütz die Dhau noch nicht erreichen konnte, die Verfolgung aufzugeben. Das Fahrzeug, unzweifelhaft mit einer lebenden Fracht nach Losefa, dem Sklavenhafen am gegenüberliegenden Seeufer, bestimmt, entkam und lag wohlgeborgen in einem der sumpfigen Creeks, ehe ich mich mit langsamer Fahrt dem Ufer beträchtlich genähert hatte. Zwischen Kuturu und Losefa befindet sich eine bekannte Araberfähre; vom ersteren Ort werden die weit aus dem Innern herbeigeschleppten Sklaven nach Losefa übergeführt und von dort durch portugiesisches Territorium weiter bis zur Küste.

Mit schlauer Berechnung sind auch hier im Nyassa-See von den Arabern die flachsten verborgensten Winkel ausgesucht, um das schmähliche Gewerbe ungehindert betreiben zu können; die Schleichwege über die Untiefen hinweg sind nur den Führern der Sklavendhaus bekannt, und gelingt es nicht, auf freiem Wasser die Menschenräuber zu überraschen, entkommen sie unbelästigt.

Ich sah die Unmöglichkeit ein, mit dem großen Schiffe dem Ufer näher zu kommen, deshalb suchte ich mir den Weg ins tiefe Wasser zurück und den felsigen Bentje-Inseln näher gekommen, nahm die eigenthümliche Beschaffenheit derselben meine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch.

Die Hauptinsel, ein runder 500 Fuß hoher, vollständig kahler Kegel, scheint nach allen Seiten hin wie abrasirt; am Fuße nur befindet sich ringsum ein Kranz verkrüppelter Bäume und Sträucher und zeigt wie wenig die Vegetation hier hat Fuß fassen können. Auch die nach Südost abliegenden zwei niederen kaum 100 Fuß hohen Massen bilden, getrennt von einander durch schmale Passagen, ein Conglomerat von übereinander gethürmten Felsmassen. Was aber das Eigenthümlichste ist, diese niedrigeren Inseln erscheinen auf jeder Entfernung wie mit Schnee bedeckt, und Baum und Strauch spärlich vertreten, bieten das Bild einer eintönigen Winterlandschaft dar. Der Grund dafür ist der, jedes Felsstück, jeder Baum ist mit einer Guanoschicht überdeckt und infolgedessen erscheint alles weiß. Tausende Vögel, als Cormorane, Pelikane, Fischadler, Gänse und Enten etc. haben hier ihren Aufenthalt und Brutstätte. Keines Menschen Fuß betritt diese Inseln, kein Geräusch, als die nur oft wild gegen die steilen Felsen anstürmenden Wogen des Sees, stört die Thiere hier; da Nahrung in Ueberfluß vorhanden ist, so konnten sich die friedlich bei einander hausenden Vogelarten keinen gelegeneren Ort auswählen. Aus großer Tiefe aufstrebend, sind diese Felsen eine starre todte Masse und es war dicht unter Land kein Ankergrund zu finden; erst später als Forschungsreisen gemacht wurden, gelang es mir an der Nordseite, geschützt gegen den südlichen Wind, einen sicheren Zufluchtsort zu finden.

Die Gebirgszüge, die unterhalb Kap Rifu schon weiter zurücktreten und erst einige Meilen landeinwärts schnell bis 6000 Fuß ansteigen, lassen infolgedessen die ganze Küste auf eine beträchtliche Strecke nordwärts flach verlaufen und ebenso verflacht auch der See, obwohl auf einer Seemeile Abstand immer noch genügend Wassertiefe ist. Von 12 Fuß schnell zunehmend, bis 60, fällt der See bis zu hunderten von Fuß plötzlich steil ab und meine über 500 Fuß lange Lothleine hat selten nur den Grund berührt. Da das Wasser klar ist, so läßt sich jede Veränderung in der Tiefe leicht wahrnehmen, was für mich vorerst von großem Vortheil war, weil ich auf diesen unbekannten Gewässer vorsichtig sein mußte.

Schon dunkelte es, als wir uns den weitausliegenden Sandbänken vor Kota-Kota, die im Laufe der Zeiten niedrige Inseln geworden sind, näherten, und als diese nach Weisung des Kapitaos Kambajalika, der mehrmals hier schon gewesen war, umsteuert waren, mußte der geringen Tiefe wegen, wohl 2 Seemeilen vom Ufer entfernt, geankert werden. Wie überall im Nyassa-See, der seit seiner Entstehung eine sehr beträchtliche Tiefe hat, wo solche Verflachungen sich finden, sind diese Anschwemmungen durch im See mündende Flüsse, die das Material von den Bergen herabschwemmen, entstanden. Und wie bedeutend die Zufuhr sein muß erhellt daraus, daß, wo immer sandige Ufer oder sumpfige Niederungen sich finden, diese im Laufe der Jahrtausende auf dieselbe Weise gebildet wurden.

Obgleich es ganz dunkel geworden war, ehe das Schiff sicher zu Anker lag, wollte ich dennoch für die Landung der schwarzen Polizeisoldaten nicht den Morgen abwarten, sondern, um Zeit zu gewinnen, ließ ich sogleich das Boot in Bereitschaft setzen, und geleitet von dem Wunsch, den berüchtigten und gefürchteten Häuptling Jumbe bei dieser Gelegenheit auch kennen zu lernen, übernahm ich die Führung des Bootes selber.

Jumbe's Residenz, sowie das ganze Dorf Kota-Kota ist durch hohe Bäume und Gebüsch verdeckt und deshalb auch dieser verborgene Sklaventransport für jeden Unkundigen schwer aufzufinden. Zwischen hier und dem am anderen Seeufer gerade gegenüberliegenden Orte, Mluluka wurde seit langer Zeit die Sklavenausfuhr mittelst mehrerer Dhaus aufrecht erhalten; und ob auch englischerseits das Verbot erlassen war, der Menschenhandel habe aufzuhören, so waren die Sklavendhaus den Eigenthümern doch nicht genommen worden, vielmehr setzte Jumbe unter dem Schutze der englischen Flagge das schmähliche Handwerk fort. Denn wohl Protektor des weiten Gebiets, waren die Engländer doch nicht Beherrscher des gewaltigen Sees geworden, einfach aus dem Grunde, weil es ihnen bisher an Schiffen gefehlt hatte. Meine Unkenntniß des Weges und die Dunkelheit machten eine genaue Orientirung unmöglich, bald saßen wir auf Grund, bald befanden wir uns in tiefem Wasser und erst nach einer Stunde, als die scharfen Augen meiner Leute drei auf den Strand geholte Dhaus entdeckten mußten wir nahe Kota-Kota sein, wir hörten auch bald menschliche Stimmen am Strande, die das sich nähernde Boot anriefen.

Als wir mit dem Boote landeten, war ich sofort von einer Anzahl schwarzer Gestalten umzingelt, die meine Frage nach der Behausung des Häuptlings mit der Gegenfrage beantworteten, was das für ein Schiff sei, was da draußen liege; erst als hinter mir die bewaffneten Soldaten herangekommen waren, änderte sich das Benehmen der Kerle und mehrere, jetzt aufgefordert uns den Weg zu weisen, weigerten sich nun nicht mehr. Das Gerücht von der Ankunft eines weißen Mannes hatte sich mit Blitzesschnelle im Dorfe verbreitet und von allen Seiten strömten die Bewohner herbei. Dem Hause des Häuptlings nahe gekommen, waren vor und unter der vorgebauten Veranda schon hunderte Eingeborene versammelt, sodaß ich durch eine Phalanx von Neugierigen mußte, geleitet von entgegengesandten Boten, die den Weg freihielten. Zum Eingang gelangt, stand unter dem Vorbau, umgeben von seinem Hofstaat, der Häuptling, ein alter schwarzbrauner Araber, der meinen Gruß, »Jambo, Fumo«, mit dem Gegengruß »Jambo sana, bwana« erwiderte und mir die Hand reichend, lud er mich ein, neben ihm auf ausgebreiteten Matten und schmutzigen Polstern Platz zu nehmen.

Erst jetzt, beim flackernden Lichte einiger von Sklaven herbeigebrachten Talgkerzen, konnte ich mir diesen Sultan näher anschauen, der mit untergeschlagenen Beinen, umgeben von seiner ganzen Pracht, würdevoll auf seinem Throne saß. Alt und verfallen, das Gesicht voller Runzeln, der vorstehende Oberkiefer mit den schmutzigen, von immerwährendem Betelkauen rothen Zähnen, saß die zusammengedrückte Gestalt, fortwährend von hohlem Husten geplagt, vor mir und suchte sich einen Anstrich von Würde und Macht zu geben. Nicht die abschreckende Häßlichkeit, vielmehr der lauernde, trotz des matten Auges noch grausame Blick war es, der mich abschreckte, und das Vorurtheil, welches ich gegen diesen Menschenhändler gefaßt hatte, noch bestärkte. Auch später, wenn ich durchaus mit diesem Halbaraber verhandeln mußte, schwächte sich der erste Eindruck nicht ab. Seine geriebene Pfiffigkeit, mit welcher er mich später bewegen wollte, ihm Zucker, Mehl und Salz für einen Elfenbeinzahn zu überlassen, als wenn ich den Werth eines solchen nicht zu schätzen wüßte, wirkte unangenehm. Dieses Lockmittel, ein Wink mit dem Zaunpfahl, das Gewünschte ihm als Geschenk zu überlassen, beachtete ich aber nicht, worauf er mir wüthend sagte: »Die Engländer geben es mir dafür, warum giebst Du es nicht?«

Peinlich berührt durch die versammelte Menschenmenge, die dicht um uns zusammengedrängt, jedes Wort auffing und mich neugierig anstarrte, beeilte ich mich, ohne viel Worte zu machen, dem Häuptling das für ihn bestimmte Schreiben zu übergeben. Die 15 Minuten, welche vergingen, ehe von den Schriftkundigen die arabischen Zeichen entziffert wurden, waren eine Tortur. Während des darauf folgenden Disputs mit den Polizeisoldaten spielte Jumbe, der alle werthvolleren, ihm von Europäern gemachten Geschenke neben sich liegen hatte, anhaltend mit einer Weckeruhr, deren Glocke er erklingen ließ; er setzte diese bald vor, bald neben sich, und mir wollte es scheinen, als sollte dieses Hantieren eine Aufforderung für mich sein, auch mit meinem für ihn bestimmten Geschenk herauszurücken.

Endlich, als nach meiner Ansicht alles was nöthig gesagt war, auch meine Frage, ob die Soldaten hierbleiben sollten, bejaht wurde, übergab ich dem Häuptling zwei Maskattücher und empfahl mich, um aus dieser Gesellschaft fortzukommen. Mit wiederholtem Händedruck begleitete mich der alte Sünder bis zum Ausgang; die Höflichkeit schien sich nach dem Werthe des Geschenkes zu richten, denn auch die Vornehmsten streckten ihre schwarzen Patschen aus und wollten diese gedrückt haben. Sicher durch das Labyrinth von Hütten zum Strande geleitet, war ich froh, als ich mit meinem Boote in die Dunkelheit hinaus fahren und den Weg wieder zu dem fernab ankernden Schiffe suchen konnte.

Am nächsten Morgen setzte ich die Reise fort und folgte nordwärts steuernd, der niedrigen, landeinwärts mit dichtem Busch und Gras bestandenen Küste. Die weite tiefe Bucht von Marenga Sanga abschneidend, war ich gegen 3 Uhr Nachmittags in die Nähe der felsigen, steil aus dem See aufsteigenden Makusa-Hügel, die isolirt von dem weit zurückliegenden Gebirge abgetrennt liegen, angelangt und ankerte hier am Bestimmungsort Bandawe, in der sehr flachen Bucht zwischen dem Festland und einigen großen Granitblocks. Da diese Bucht offen und ungeschützt ist, so bieten die vorspringenden Felsen nur Schutz gegen den südlichen Wind; die westlichen Winde, die seltener und nur zur Regenzeit zuweilen mit einer Böe auftreten, sind fast immer schwach. Gefährlich nur wird der zu Zeiten äußerst heftige Südost-Wind. Fast immer ist eine langgezogene Dünung wahrzunehmen, die schnell zu hoher See anläuft, sobald aus der genannten Richtung der Wind zu wehen beginnt, und dann ist es nicht rathsam mehr, in Bandawe zu ankern, da es auch völlig ausgeschlossen ist, den Versuch zu wagen, hier landen zu wollen. Zugänglich für Boote ist nur ein schmaler Uferstreifen, denn große Steinblöcke, die durch das stetig anspülende Wasser stark zerklüftet sind und am Strande liegende Felsmassen machen bei Seegang eine Annäherung gefährlich.

Beim Betreten des Strandes fällt es einem auf, daß der freie Sand vollständig mit Glimmertheilchen durchsetzt ist, und namentlich wenn die Strahlen der Sonne darauf fallen, sieht es aus, als wären Millionen Silberstäubchen umhergestreut, die im Sonnenlichte blitzen und funkeln, ein Zeichen, daß die vom Zahn der Zeit oder anderen Einwirkungen allmählich zerstörten Felsmassen Glimmer in Mengen enthalten haben.

Wie überall, wo der »H. v. Wißmann« zuerst erschien, erregte das Schiff das Staunen der Eingeborenen und was Beine hatte, war am Strande versammelt. Fast mehr noch stieg die Verwunderung, als die gelandeten Atonga, mit reichen Schätzen heimgekehrt, ihren Landsleuten erzählten, woher das große Schiff gekommen sei und wie sie dieses hätten mit erbauen helfen. Umlagert von der Menschenmenge konnte ich mich am Strande kaum derer erwehren, die Lust bezeugten, an Bord zu arbeiten, und nur, wenn ich ihnen bedeutete, daß sie mitkommen könnten, wenn sie für die Engländer arbeiten wollten, dämpften die meisten ihre Neugierde, das wollten sie doch nicht. Hauptsächlich um Feuerholz zu erhalten, welches an Bord stark abgenommen hatte und womit ich nicht nach Monkey-Bay zurückkommen würde, war ich schon mit einem der ersten Boote an Land gegangen, um mit den Eingeborenen zu unterhandeln, damit sie mir solches in genügender Menge beschafften. »Kumi, Kumi« (Holz, Holz), hallte der Ruf, und bald stürzten Frauen und Kinder fort, aus dem Dorfe Holz herbeizuschleppen. Meine Andeutung, sie möchten die Knüppel, denn anderes Holz brachten sie nicht, nur aufzustapeln, ich würde ihnen dann am andern Tage mit Zeug bezahlen, war ihnen neu. Bald sah ich ein, daß solche Art Bezahlung hier nicht angebracht sei und so mußte ich mich bequemen, jedem Einzelnen sein bischen Holz mit Salz abzukaufen.

Wäre mir die Methode, für Salz oder Perlen Holz aufkaufen zu können, bekannt gewesen, hätte ich mir von ersterem einen Vorrath mitgenommen, und zwar nicht unser gutes Kochsalz, sondern von dem Erdsalze, wie es im Süden die Mpondaleute aus einer salzhaltigen Erde zu gewinnen wissen, das sie verhältnißmäßig billig verkaufen. So aber war ich nun gezwungen, für jedes Stückchen Holz eine Prise Salz zu bezahlen, das alle Weiber und Kinder gleich Zucker aufleckten. Raffinirt aber gingen sie dabei doch noch zu Werke; denn anstatt für ein ganzes Bündel Holz dem entsprechend eine Quantität Salz zu empfangen, mußte für jedes einzelne Stückchen ihnen eine Prise bezahlt werden, und meistens, da meine Leute es nicht so genau nahmen, kamen sie besser dabei weg.

Für zehn Pfund Salz kaum drei Boote voll schlechtes Holz zu erhalten, das war mir denn doch ein Bischen zu wenig, und hier wenigstens habe ich nie wieder mich zum Ankauf von Feuerholz verleiten lassen. Die drei Tage, welche ich hier in Bandawe bleiben mußte, um die Anwerbung neuer Atonga abzuwarten, die von schwarzen Kommissionären für das englische Gouvernement ausgeführt werden sollte, benutzte ich dazu, um der schottischen Mission, oben auf den Makusa-Hügeln erbaut, einen Besuch abzustatten. Von einem Führer geleitet, stiegen wir anfänglich durch verkrüppeltes Gebüsch auf schmalen Fußpfaden aufwärts und kamen bald zu einem langen regelrechten Weg, der zur Höhe des Bergkammes führte. Das erste, was sich hier den Augen darbot, war eine lange Reihe nach europäischer Art ausgeführter Häuser.

Etwa 400 Fuß auf dem zur Straße erweiterten Weg fortgeschritten, stand ich vor dem gefälligen Wohnhause des Leiters der Mission, Dr. Elmslie, einer netten schottischen Cottage, wie die Engländer ihre Landhäuser zu bezeichnen pflegen. Aufs Freundlichste von dem Doktor und dessen Gattin begrüßt, erkannte ich bald, wie die Nachfolger Livingstons unermüdlich und muthig vorwärts schreiten auf der Bahn, die der große Forscher sie gewiesen, das Wort des Heils verkündend den Völkern, die, in Nacht und Unglauben befangen, so schwer Christi Wort und Lehre begreifen können. Bereitwillig und mit berechtigtem Stolz konnte Dr. Elmslie mir sein seit etwa zehn Jahren begonnenes Werk zeigen und erklären; gab die beträchtliche Anzahl der Missionszöglinge schon Zeugniß von seinem Wirken auf geistlichem Gebiet, so erregte seine Vielseitigkeit, als Lehrer, Arzt und Bauleiter, ebensoviel Bewunderung. Alles was man sah, nur aus den Mitteln hergestellt, die das Land bot, war hier mit großem Verständniß eine kleine Industrie geschaffen worden. Jeder Ziegel ist selbst gebrannt, jedes Fenster (außer Scheiben), Thür, Tisch und Schulbänke ist aus dem Holze gefertigt, das vom Gebirge herbeigeschafft und in der Säge- und Tischlerwerkstatt bearbeitet worden war; alle Bücher, Lehr- und Schulhefte, sowie Bibel und Gesangbücher sind in der Sprache der Atonga gesetzt und gedruckt, und das alles ist unter Aufsicht weniger Europäer von den Zöglingen der Mission ausgeführt worden; man muß zugeben, daß der Leiter solcher Anstalt wirklich Großes gewollt und geschaffen hat. Aber nicht auf Bandawe allein, der Zentrale, ist das Wirken beschränkt, sondern weit landeinwärts im Gebirge liegen die kleineren Stationen zerstreut. Ausgebildete Lehrer und Prediger lehren in den Dörfern ihren schwarz-braunen Brüdern, was sie von den weißen Männern gelernt und begriffen haben. Langsam zwar, aber mit nie erschlaffender Energie, wird das Christenthum eingeführt und verbreitet.

Mit ganz besonderem Geschick weiß Dr. Elmslie das Interesse der Eingeborenen auch dadurch zu wecken, daß er alljährlich eine Ausstellung im Schulgebäude veranstaltet, zu der ein Jeder berechtigt ist beizusteuern, und zwar alles was von den Händen der Eingebornen selbst gefertigt ist, als Bogen, Pfeile, Speere, Pfeifen, Thongefäße, Messer etc. wird geordnet und wer seine Sachen verkaufen will, dem steht es frei. Die besten Arbeiten aber werden prämiirt, und mit wie großem Interesse die Bevölkerung sich solch nützlicher Beschäftigung hingiebt, wie jeder bestrebt ist, mit Geschick etwas Originelles und Schönes anzufertigen, das habe ich später selbst auf einer solchen Ausstellung gesehen und beurtheilen können. Ein wahres Museum von hunderterlei Dingen, lernt man erst hierdurch die Kulturstufe, auf welcher die Bevölkerung steht, recht beurtheilen.

Die Atonga, die ebenso wie alle anderen Stämme am Nyassa-See dem Ahnenkultus huldigen, haben vielfach die Gewohnheit, in ihren im Urwald angelegten Totenhainen, die Verstorbenen fest in Matten genäht, im Gezweige mächtiger Baumriesen aufzuhängen, und abergläubisch, glauben sie, daß die Grabstätten von den Geistern der Todten belebt werden, daher ist das Betreten derselben nur den Medizinmännern und Zauberern gestattet, die auch nur allein es wissen, wo solche Leichen verbleiben; kann freilich die Hyäne, die die frischen Gräber aufzuscharren liebt, nicht herankommen, so sind es die Raubvögel, die ihre scharfen Schnäbel daran versuchen.

Am Fuße der Berge, die etwa acht Seemeilen nördlich von Bandawe zum See herantreten und von Cap Chirambo in Gebirgsformation übergehend, eine hohe ununterbrochene Felsenkette bis Cap Mschewere 10° 25´ S. Br. bilden, haben die Atonga auf fruchtbarem Boden ihre Tabakpflanzungen angelegt, deren Erträge es ihnen gestattet, wie früher erwähnt, so weite Wanderungen bis nach Blantyre zu unternehmen, wo sie sich als Arbeiter und Träger verdingen; auf dem ganzen langen Wege also nur durch Austausch gegen Tabak sich ihren Lebensunterhalt erwerben können.

In der Nacht vom 2. zum 3. September unternahm ich die Einschiffung der neu angeworbenen Atonga, 176 Mann, verließ mit Tagesanbruch Bandawe und wollte noch am selben Tage Kota-Kota, von wo die dort gelandeten Polizeisoldaten wieder abgeholt werden mußten, erreichen. Der südliche Wind, der während der letzten Tage frisch geweht, hatte aber den See ziemlich unruhig gemacht, sodaß das Schiff gegen Wind und Wellen nur mit mäßiger Geschwindigkeit vorwärts kam und wir daher zu der 65 Seemeilen langen Strecke nahezu 11 Stunden gebrauchten. Soviel ich noch am selben Abend vom Ankerplatz aus erkennen konnte und was mir die von Kota-Kota zurückkehrenden Bootsleute bestätigten, lagen anstatt 3 Dhaus deren 2 nur noch vor dem Dorfe und so war ich etwas überrascht, am anderen Morgen etwa zwei Meilen nördlich vom Schiffe, die dritte Dhau vor Anker liegen zu sehen. Nun wurden mir die unauffälligen aber eingehenden Erkundigungen, welche Jumbe an jenem Abend an mich, mehr noch an die Polizeisoldaten gerichtet hatte, klar, denn ihm schien besonders daran gelegen zu sein, genau zu erforschen, wann ich wohl zurückkommen würde und wann wohl die »Domira« passiren könnte. Wahrscheinlich also wollte der alte Fuchs sich vor Ueberraschung sichern, was ihm leider auch gelungen ist, da sicherlich die Fracht, welche er nach Mluluka mit seinem Fahrzeug befördern wollte, gewiß nicht zollfreie Waare gewesen sein mag.

So oft ich auch den Nyassa-See kreuz und quer durchfahren, wie scharfe Ausguck ich auch nach Sklavendhaus gehalten habe, niemals gelang es mir oder einem anderen Schiffe eine solche aufzubringen, immer fand ich die Dhaus wohl geborgen am Strande liegen und keine Handhabe war gegeben, dieselben wegzunehmen oder zu zerstören.

Mein erster Impuls war, die zwar auf neutralem Gebiet liegende Dhau Jumbes einer eingehenden Besichtigung zu unterziehen und sie wegzunehmen, wenn sich irgend ein Anhalt dafür bieten sollte, daß mit derselben Sklaven befördert worden wären. Allein als ich den Kurs des Schiffes auf diese richtete und meine Absicht erkannt war, ging die englische Flagge hoch, und mir bekannt, daß Jumbes Fahrzeuge unter solchen Schutz gestellt waren, durfte ich nicht fremdes Eigenthum anrühren. — Welchen Lärm hätten wohl die Engländer geschlagen, wenn ihre selbst auf einem Sklavenschiff geführte Flagge, als was ich diese Dhau wohl mit Recht ansehen mußte, niedergeholt worden wäre; zu sehr unliebsamen Erörterungen mindestens hätte solcher Gewaltakt geführt. Diese Bedenken, mehr noch, daß eine Untersuchung der Dhau jedenfalls resultatlos verlaufen würde und namentlich der große Holzmangel an Bord ließen mich davon abstehen.

Als der Kurs wieder südwärts gegen die hohe See gerichtet war, mußte ich nun mit der Thatsache rechnen, daß in wenig Stunden unser Holz verbrannt sein würde und unbedingt ein Ort gefunden werden mußte, wo es möglich war, solches zu schlagen, betrug doch die Distanz bis Monkey-Bai noch 75 Seemeilen und gegen Wind und See lief das Schiff, ohne genügend Ballast, kaum 5 Knoten Fahrt.

Einige meiner Leute, die den See schon befahren hatten, bestätigten mir, daß an den steilen Bergabhängen der Ostküste, deren Conturen am fernen Horizont sich abhoben, viel Holz zu finden sei, aber keiner wußte einen einzigen Ort anzugeben, wo mit Sicherheit könnte geankert werden. Soviel nur wußten sie, daß am Fuße der Felsenmassen kein Grund zu finden sei, kein Schiff, weder die »Domira« noch »Ilala«, jenes kleine Dampfboot, welches noch Livingston selbst zum See gebracht hat, liefe jene Gebiete an, und niemals hätte mit dem feindlichen Volksstamm der Yao, der die ganze weite Küstenstrecke und Gebirge bewohne, eine Verbindung stattgefunden. Auch ein Heizer, ein gepackter strammer Neger, ein Yao, Katiolola mit Namen, konnte mir keine Auskunft geben, und bestätigte nur die Angaben des Kapitao Kambajalika, daß mit seinen Landsleuten im Guten und Bösen nicht viel anzufangen sei, wir jedenfalls mit einem feindlichen Empfang zu rechnen hätten.

Schon weit in den See hineingesteuert mit der festen Absicht auf gut Glück die Ostküste anzulaufen, machten mich die Aussagen der Leute doch stutzig, und obwohl ich nichts zu fürchten hatte, da hinlängliche Vertheidigungsmittel, Geschütz und Gewehre an Bord waren, so war das Risiko doch zu groß, denn vorläufig wußte ich nur, daß die Wassertiefe dicht unter Land 180-600 Fuß betrug.

Kurz entschlossen — es blieb mir auch nichts anderes übrig — richtete ich den Kurs des Schiffes nun direkt auf die Westküste zu und im flacheren Wasser, auf eine Seemeile Abstand vom Lande südwärts laufend, fand ich endlich gegen 1 Uhr Nachmittags einen einigermaßen guten Ankerplatz. Daß ich mit dem Schiffe nicht eher hatte herankommen können, lag daran, weil die ganze Strecke, von 5 Meilen unterhalb von Kota-Kota bis wo die Bentje-Inseln in Südost-Richtung gepeilt wurden, also 12 Meilen lang, mit tausenden ober- und unterhalb der Wasserfläche liegenden Rocks und Steinen besäet war und es den Anschein hatte, als hätte der Zahn der Zeit oder eine andere Naturkraft hier eine einst kompakte Felsenmasse in Trümmern gelegt. Selbst die Ankerstelle war von solchen großen Steinen umgeben und nur Raum genug, daß das Schiff vor seinem Anker schwoien konnte. Sobald eine genügende Zahl der Atonga an Land gesetzt war, unternahm ich mit den Leuten eine Streife durch die nähere Umgebung, fand auch an den Ufern eines in der Nähe befindlichen kleinen Flusses viele Bäume, jedoch zu wenig trockenes Holz. Weiter landeinwärts, in einem mehrere Acker großen dichten Buschwald fanden wir zwar mächtige abgestorbene Bäume, allein das Unterholz war zu dicht, um an ein Fällen geeigneter Stämme denken zu können, auch war es aus dem Grunde schon nicht rathsam, in diesem zu verweilen, weil Schlangen und giftiges Ungeziefer den Beinen und nackten Körpern der Atonga gefährlich werden konnten. Besser gelang es uns außerhalb des Busches aufgefundene Stämme niederzulegen und zu zersägen, sodaß wir bis zum Abend einige Boote voll Holz am Strande aufgestapelt hatten. Während an Ort und Stelle das Zerkleinern des Holzes vorgenommen wurde, was bei hellen Feuern geschah, die genährt und unterhalten wurden durch herbeigeschleppte trockene Blätter der Fächerpalme, kam eine Kolonne von etwa 100 Atonga anmarschirt, die für die Nacht hier rasten wollten. Es waren Leute, die den weiten Weg von Blantyre zu Fuß zurückgelegt hatten, um in ihre Heimath zurückzukehren, und uns stolz ihre Schätze zeigten, den Lohn halbjährlicher Arbeit. Was mir besonders aber auffiel, war, daß sämmtliche Capitaos mit neuen Vorderlader-Gewehren abbezahlt waren, somit von den englischen Händlern, für die diese Leute gearbeitet hatten, das bestehende Verbot, »an keinen Eingeborenen Waffen zu verkaufen«, wieder einmal umgangen worden war.

Auf meine Erkundigungen hin erfuhr ich auch den Namen dieser Ortschaft: »Molomba«; es habe hier einst, wie ein Capitao mir versicherte, ein größeres Dorf gestanden, das von Sklavenhändlern überfallen, die die Bewohner getödtet oder weggeführt haben, von den Flammen zerstört wurde.

Unsere Feuer, hell in der sternklaren Nacht über die Wasser aufleuchtend, hatten wohl einige Flußpferde herbeigelockt, die ihr dumpfes Grunzen ob der Störung in ihrem sonst so stillen Gebiet ertönen ließen und nicht übel Lust bezeugten, das zwischen Schiff und Land hin und herfahrende Boot anzugreifen, auch als ich um 9 Uhr Abends an Bord zurückkehrte, tauchten mit dieser löblichen Absicht zwei Kolosse neben dem Boote auf und erst einige zugeschickte Kugeln ließen die aufgeregten Thiere in die Tiefe verschwinden.

Am nächsten Tage, der See war ruhig und die im Sonnenlicht blitzende Wasserfläche spiegelglatt, dachte ich die Bentje-Inseln zu umlaufen und direkt nach Monkey-Bai zu fahren, doch da Spenker, der Maschinenmeister, im Zweifel war, ob unser Holzvorrath ausreichen würde, so hielt ich auf Leopard-Bai, wo mehr Holz zu finden sein sollte. Wir ankerten hinter dem Berge Rifu auf 300 Meter Entfernung vom Lande, auf 12 Fuß Tiefe, weil die langgesteckte kleine Bai versandet und flach, eine weitere Annäherung für den Dampfer nicht gut gestattete.

Kap Rifu ist durch eine Ebene, etwa 2000 Meter breit, von dem über 2000 Fuß hohen Gebirgsstock Mont Isenga und dessen Ausläufer getrennt und erhebt sich dicht am See in felsigen Massen; hinter diesem Kap aber liegt das feindliche Dorf Kuturu, daher war es eigentlich etwas gewagt, hier zu landen, zumal der Dorfbevölkerung, Freunde und Verbündete des am andern Seeufer herrschenden mächtigen Häuptlings Makangila, nicht zu trauen war; denn immer besorgt, ihr Hauptgeschäft, die Sklavenausfuhr zwischen Kuturu und Losefa, durch die Europäer gefährdet zu sehen, standen sie gegen die Engländer stets in Waffen. Waren doch bei Pandimba, wenig unterhalb Losefa, wo früher die Domira einmal mit Streitkräften landete, um die Macht Makangilas in dem Sklavenport zu brechen, die Engländer unter Verlusten zurückgeschlagen worden (Kapitän Maguire wurde hier getödtet). Sobald alle verfügbaren Leute an Land geschafft und Vorkehrungen getroffen waren, etwaige feindliche Absichten der Bewohner Kuturus zu verhindern — die an Bord befindlichen Suaheli standen Vorposten — ging ich mit der Mannschaft, den Gängen der Flußpferde im dichten Rohr und Gebüsch folgend, vor, bis die vorgelagerte Niederung durchschritten, wir am Fuße der gewaltigen Felsmassen nach trockenen Bäumen Umschau halten konnten. Nirgends habe ich solch ein Chaos von Steinmassen gesehen, wie hier, die zu tausenden dicht am Fuße dieser Felswände zerstreut lagen. Ueber und nebeneinander gethürmt, schienen diese Granitmassen wie von Gigantenhänden umhergeworfen zu sein; haushohe Blöcke, durch die ungeheure Kraft der Sonne in Verbindung mit Feuchtigkeit senkrecht durchspalten, ließen erkennen, wie allmählig im Laufe der Zeiten das Zerstörungswerk vorgeschritten ist. In klaffende Spalten dieser riesigen Steinblöcke zwängte ich mich hinein und konnte dann sehen, wie schnurgerade diese harte Masse durchspalten war, und kühn behaupten kann ich, daß kein Sprengstoffe im Stande gewesen wäre, in gleicher Weise solche gewaltigen Blöcke mitten durch zu sprengen. Dies Conglomerat von umhergestreuten Felstrümmern, von der 2000 Fuß hohen steilen Gebirgswand abgesprengt, konnte nicht ein Produkt der alles zerstörenden Zeit und der einwirkenden Sonnenkraft sein, vielmehr, worauf ich eingehend zurückkommen werde, hat hier, wie überall an den Felsmassen, die den See umgeben, in grauer Vorzeit eine ungeheure Gewalt ihre Kraft erprobt.

Leopard-Bai hat der Forscher diese kleine Bucht benannt und mit Recht, denn in dieser Steineinöde, in den labyrinthartigen Gängen giebt es für das gefährliche Raubtier keinen besseren und sicheren Zufluchtsort. Die Ebene zwischen Rifu und Tsenga, von allerlei Wild belebt, das diesen einzigen Zugang zum See offen hat, um nächtlicher Weile zur Tränke zu kommen, ist für den Leoparden und Panther ein ergiebiges Jagdgebiet. Dumpf hallte in mancher Nacht das zornige Knurren dieser großen Katzen an der Felswand wieder, und habe ich auch nur einmal hier am Tage den schleichenden Räuber gesehen, so vernahm ich zu Zeiten, wenn ich hier vor Anker lag, in den stillen Stunden der Nacht doch immer jene, vom Echo über das Wasser getragenen Laute.

Nach längerem Suchen fanden wir in genügender Zahl trockene Bäume, nur Schwierigkeit machte es, das Holz von der Höhe herab und zwischen die Steinmassen hindurch zum Strande zu schaffen, aber viele Hände machen der Arbeit bald ein Ende — so war auch bis zum Abend unser Bedarf reichlich gedeckt.

Die Methode der Atonga, im freien Wasser Fische zu fangen, lernte ich hier auch kennen; erblickten sie einen Schwarm abertausend kleiner Fische im flachen Wasser, die vor dem Boote herflohen, sprangen sie, wenn zahlreich genug, in das Wasser und sich schnell im Halbkreis vertheilend, trieben sie solche vor sich her, indem sie gleicherzeit ihre Lendentücher als eine Art Netz benutzten, sie fingen auf diese Weise eine beträchtliche Zahl fingerlanger Fische. Primitiv, oder gar nicht gereinigt, wurden die getödteten Thiere dann auf dünnen Stäben aufgespießt und meistens sofort an Feuern geröstet. Die Eingeborenen sind stets sehr begierig nach Zündhölzern, die ihnen die Mühe ersparen, auf ihre Weise Feuer zu machen, darum bieten sie auch für eine Schachtel einen beträchtlichen Gegenwerth; haben sie aber keine Zündhölzer, wird auf einem weichen Stückchen Holz ein zugespitzter Stab von hartem Holz senkrecht aufgesetzt und dieser dann zwischen den flachen Händen schnell gequirlt, es erzeugt die rasche Reibung Rauch und Feuer auf dem weichen Holz und eine Hand voll trockenes Gras ist schnell in Flammen gesetzt. Auf dem Marsche haben sie meist immer einen glimmenden Holzscheit, der zum Bedarf mitgeführt, die Mühe des Feuermachens ihnen erspart, droht die schwache Gluth zu erlöschen, schwingt der Träger das Holz durch die Luft und facht es so von neuem an.

Da unsere Expedition von Kolonialfreunden mit manchem Gegenstand bedacht worden war, worunter auch große Fischnetze, so habe ich später solche häufig benutzt, um, wo es angängig, prachtvolle Fische uns zu fangen. Karpfen, Bleie und andere, unsern besten Fischen in der Heimath zu vergleichen, wählten wir am liebsten aus der großen Zahl aus, was nicht verzehrt werden konnte wurde geräuchert; nur darauf mußten wir achten, ehe jede Art uns bekannt war, daß wir keine giftigen Fische wählten. Waren es auch nur wenige Arten, so war es doch rathsam bei der Auswahl jedesmal einen Eingeborenen hinzuzuziehen. Einst vom Norden des Sees zurückkommend, hatte ich fast 200 Eingeborne verschiedener Stämme an Bord, für die ich nirgends genügend Proviant hatte aufkaufen können, auch wider Erwarten durch Wind und Seegang aufgehalten, erreichte ich erst Leopard-Bai, als ich mit dem Schiffe schon vor Port Maguire sein sollte. Da die Leute hungrig waren (seit zwei Tagen hatten sie nichts mehr zu essen gehabt) äußerten sie den Wunsch an Land gehen zu dürfen, sie wollten versuchen sich Fische zu fangen. Ich hatte kaum Zeit und Gelegenheit gehabt, in dieser Bai fischen zu können, daher glaubte ich, ein Versuch würde nicht schaden und mit 26 Mann im Boot begann ich unser Netz im weiten Bogen auszustellen. Darauf wurden alle Leute ins Wasser geschickt, damit sie an den Flügeln des Netzes aufgeschlossen, dieses an Leinen strandaufwärts ziehen sollten, und bald sah ich, daß eine Unmasse Fische gefangen waren.

Eitel Jubel und Freude war es, solch einen Reichthum durch einen einzigen Zug erhalten zu haben; bei der Vertheilung an Bord ergab eine flüchtige Zählung 530 Fische, die zum größten Theil noch am selben Abend verzehrt wurden.

Nachdem Monkey-Bai am nächsten Tage erreicht worden war, wurde dort so viel Feuerholz als möglich aufgekauft, auch überzeugte ich mich auf welche Weise die Eingebornen so viel trockenes Holz gewinnen können, da in so wenig Tagen eine beträchtliche Masse herangeschafft worden war. Ihre Methode ist einfach genug. Sie wissen nämlich, daß grünes Holz ihnen nicht abgenommen wird, deshalb lösen sie die Borke von vielhundert Bäumen und lassen diese absterben und dann erst, wenn die Stämme ausgetrocknet sind, werden sie gefällt. Zurückgekehrt nach Port Maguire, warteten wir unthätig auf die Ankunft des Majors von Wißmann, der nach den letzten Nachrichten bestimmt mit der Domira eintreffen wollte. Indes als am 15. September die Domira zurückkam war der Major nicht an Bord, vielmehr nur der Befehl, der »H. v. Wißmann« sollte so viel als möglich von den Beständen des Lagers an Bord nehmen und dann die Reise nordwärts nach der Station Langenburg antreten.

Zwei Tage später, am 17. September, mit mehreren Passagieren an Bord, unter denen ein deutscher Missionar, Herr Wolf, der für die Missionsstation Wangemannshöhe bestimmt war, verließ ich die Station und über Monkey-Bai direkt weiter, fuhr ich unter der hohen steilen Felsenküste an der Ostseite des Sees entlang, der größten Insel im Nyassa-See Likoma zu. Die ganze Küstenstrecke von Malambe Point 13° 25´ S. Br. bis Cap Mala 12° 12´ S. Br. erscheint, wenn man geraden Weges, ohne den Einbuchtungen zu folgen, auf einige Meilen Abstand vorbeifährt, als eine mächtige Gebirgskette, die immer höher nach dem Innern zu ansteigt, bis solche zu dem 6-7000 Fuß hohen Plateau übergeht.

Einen reizvollen Anblick gewährt es im hellen Sonnenlicht über die tiefblaue unergründete Fluth hinsegeln zu können; der See, vom frischen Ostwinde leicht bewegt, der die schneeweißen Segel des Schiffes straff aufbläht, war es gewiß nicht zu verwundern, wenn, wo immer wir dem Lande nahe kamen, die Eingebornen in hellen Haufen herbeiströmten, um dieses noch nie gesehene Schauspiel näher zu betrachten. Auch auf den Beobachter macht die wechselvolle großartige Scenerie einen erhebenden Eindruck; gleich einem gewaltigen Meerbusen liegt der See ausgebreitet da, Nord und Süd eine unbegrenzte Wasserfläche und nur nach Westen heben sich die Bergmassen des Angoni-Hochlandes in schwarzblauer Färbung über dem Horizont empor.

Da auch ich noch ebenso unbekannt war mit der ganzen Küste wie der Kapitao Kambajalika, der mir nur den Hafen von Likoma 12° 7´ S. Br. und 34° 45´ O. Lg. näher zu bezeichnen wußte, so mußte ich in der Dunkelheit, 6-1/2 Uhr Abends über Cap Mala hinaus weiter dampfen und versuchen, die von diesem Punkte aus erst sichtbare Insel Likoma noch zu erreichen. Tiefe Nacht war es, als das Schiff zwischen Rocks und vorliegende Felseninseln hindurch langsam in die ziemlich offene Bai einfuhr, und erst dicht unter Land fiel der Anker auf 30 Fuß Wassertiefe.

Im Sonnenlichte des neuen Morgens aber zeigte sich dem erstaunten Blick ein neues Bild voll eigenartiger Gestaltung; nicht hohe aber desto zerrissenere Felsmassen, bestreut mit bröckelndem Gestein, kegelförmige Hügel, deren Kronen abgerundet, die alle ein gleichmäßiges Aussehen hatten, ließen die Inseln fern und nah wie ein großes Trümmerfeld erscheinen. Jahrtausende haben hier wenig Einfluß geübt, als auf den kahlen Felsen nur eine kümmerliche Vegetation Fuß gefaßt und ein spärlicher Baumwuchs seine Wurzeln im harten Gestein geschlagen hat. Auffällig waren nur nahe dem Strande einige mächtige Baobab-Bäume, Zeugen grauer Vorzeit, die ihre viele Jahrhunderte alten Kronen in den Lüften wiegten.

Vom Ufer aufwärts führte ein primitiver Weg zu der nach Norden von hohen Felsen geschützten Mission »Universities Mission«. Der flache große Platz ist von einer Felssteinmauer umgeben; hin und wieder nur einige Büsche und niedrige Bäume, bietet er dennoch dem Besucher einen überraschenden Anblick dar, ganz anders als wie man sich die Anlage einer großen langjährigen Missionsstation denken würde. Vollständig unregelmäßig, ohne jeglichen Plan oder Symmetrie, liegen die aus Baumstämmen mit Rohrwänden und Grasdächern kunstvoll errichteten Häuser der Missionare zerstreut umher, jedes Haus, mit Absicht getrennt, für sich allein, ebenso das Schulhaus, die Zimmer- und Schmiedewerkstatt, die Druckerei und ganz zurück die große, aus Steinen aufgeführte Kirche mit einem mächtigen Grasdach über die starken, aber primitiven Mauern. Die ganze Anlage wird auf Jeden anfänglich einen unschönen Eindruck machen, aber bedenkt man, daß auf der Insel kein anderes Material vorhanden ist, vor allem, wie in Bandawe kein Lehm- und Thonlager, so muß man doch zugeben, es ist mit großem Geschick und Benutzung der gebotenen Mittel viel gethan worden. Seit Begründung der Mission im Jahre 1876 war die Lage der Häuser von vornherein eine andere gewesen, aber seitdem im Jahre 1892 eine Feuersbrunst die ganze Station, einschließlich der Kirche bis auf den Grund zerstört hatte, hat namentlich der Archdiakon Mapple eine möglichst getrennte Lage aller Bauten eingeführt, um so dem verheerenden Element nicht wie früher ein schnelles Umsichgreifen zu ermöglichen. Jeder Tropfen Wasser muß durch die weiblichen Zöglinge vom See heraufgeholt werden, die mit Gefäßen auf den Köpfen, das köstliche Naß, wie es klarer und reiner kein Brunnen liefern könnte, aus der Fluth schöpfen, und so ist es wohl erklärlich, daß aus Mangel an Wasser ein einmal ausgebrochenes Feuer nicht mehr eingedämmt werden kann.

Aufs Freundlichste jetzt und zu jeder Zeit, so oft auch der »H. v. Wißmann« in Likoma zu Anker lag, von den Missionaren begrüßt, war es mir ein um so lieber Aufenthalt, als eine gewisse Herzlichkeit und gegenseitiges Wohlwollen uns Deutsche mit den englischen Missionaren verband. Wochenlang haben später der Bischof Hornby, Dr. Robinson und andere mit dem deutschen Schiffe Erholungsreisen auf dem See gemacht, und dem uneigennützigen Streben, der für das Christenthum hier in so weltentlegener ferner Gegend wirkenden Männer kann man nur alle Hochachtung zollen.

Wie schon beim ersten Anblick Felsen und Felstrümmer ins Auge fallen, so bleibt diese Erscheinung auf der ganzen großen Insel sich überall gleich. Der wenig fruchtbare Boden verspricht nur einen mäßigen Ertrag, und etwas erstaunt war ich, zu hören, daß diese doch über 2500 Einwohner zählt; freilich, ein großer Theil der Bedürfnisse wird mittelst Canoes von dem 6 Seemeilen entfernten Festlande herübergebracht und zu Zeiten, wenn die Ernte kümmerlich ausgefallen ist, soll sich ein enger Handelsverkehr zwischen Insel und Land entwickeln. Auch mächtige Häuptlinge am Festlande üben eine gewisse Oberhoheit noch über die Bevölkerung aus und öfter haben die Missionare unerhörte Ansprüche derselben ernstlich zurückzuweisen. Schlimm für die Bewohner der Insel ist es, daß eine Unmenge giftiger Schlangen, denen im Felsgestein nicht beizukommen ist, hier sich aufhalten, und keine Woche soll vergehen, in welcher nicht mehrere gebissen werden. Das Gift der Schlangen ist unbedingt tödtlich, dennoch werden viele von den Missionaren gerettet, wenn sie sich sofort zur Mission bringen lassen; vernachlässigte Fälle ziehen manchen, sobald sie zu spät einsehen, daß die Kunst ihrer Zauberer sie nicht retten kann, ein langes Siechthum zu. Zum Beispiel, wenn Giftzähne in der Wunde geblieben, versucht der Medizinmann solche auf folgende Weise zu entfernen: zuerst nimmt er von vier verschiedenen Wurzelarten kleine Stückchen, kaut diese mit etwas Holzkohle und Salz zu einem Brei und saugt dann, die Mischung im Munde behaltend, so lange an der bezeichneten Stelle, wo die Giftzähne sitzen sollen, bis durch Beißen und Quetschen mit den Zähnen diese herausgedrückt sind. Die Giftzähne hebt der Medizinmann sorgsam auf, um sie mit irgend einer Daua (Medizin) zu vermischen, die als ein Mittel gegen den Schlangenbiß betrachtet wird. Die Thätigkeit der Missionare beschränkt sich nicht auf Likoma allein, vielmehr an der portugiesischen Küste, den Orten Kaango, Utonga, Umba, Panzo, Pachia, Msomba und andere sind Kirchen und Schulen errichtet, wo Zöglinge als Lehrer und Prediger schon fungiren. Die nothwendige Verbindung mit der Hauptstation unterhält der kleine Missionsdampfer »Charles Janson«, ein flinkes Fahrzeug, mit dem der Prediger, Mr. Johnson, immerwährend von Station zu Station unterwegs ist.

Mit der ganzen Küste weiter nordwärts völlig unbekannt, konnten mir auch die Missionare keine nähere Auskunft geben, als nur den Rath, da ihres Wissens nirgendwo Feuerholz zu erlangen sei, das Schiff mit solchem genügend zu versehen. Den mir in Vorschlag gemachten Plan, lieber einen Tag zu versäumen und nach dem Festlande, dem Orte Kaango hinüber zu laufen (12° 5´ S. Br. 34° 51´ 45´´ O. Lg.) und dort gegen Salz und Perlen Holz einzutauschen, acceptirte ich um so lieber, als dort der Bedarf reichlich gedeckt werden würde und wir dem aus dem Wege gingen, vielleicht irgendwo an der Küste Holz suchen zu müssen.

Am 20. früh setzten wir die Reise fort und fuhren unter der hohen steilen Felsenküste auf einen Abstand von etwa 5 Meilen entlang, möglichst direkt von Cap zu Cap, wie ich die vorspringenden Bergmassen bezeichnen kann. Einen schönen Anblick gewährten die Conturen der über 7000 Fuß hohen Gebirge, tiefe Schluchten und Thäler öffneten sich, von steilen Felswänden stürzten aus gewaltiger Höhe Wasserfälle herab, die im Sonnenlichte gleich Silberfäden erglänzten, durch den Sturz in die Tiefe aber Wasserdämpfe erzeugten, in denen sich die Farben des Regenbogens in reinster Klarheit spiegelten. Zwar Berg und Höhen mit dichtem Busch und Baumwuchs bestanden, zeugte dennoch die Oberfläche der Felsen von der gewaltigen Zerstörung der Wassermassen; die reißenden Sturzbäche, die im wilden Laufe alles mit sich nehmen, haben tiefe Furchen in die ursprünglichen Formen gegraben und nur die Spitzen der Granitmassen zeigen noch die uralte Formation. Bis zum Abend hatten wir 90 Seemeilen zurückgelegt und auf 10° 50´ S. Br. angelangt, suchte ich an verschiedenen Stellen, wo eine kleine oder größere Bucht einigen Schutz versprach, einen Ankerplatz, allein meistens auf ein bis zwei Schiffslängen dem Ufer nahe gekommen, lotheten wir noch 25, 20, 15 Faden Wassertiefe (1 Faden = 6 Fuß) und völlige Dunkelheit war eingetreten, ehe an einem ungeschützten Platz weniger Wasser gefunden wurde. Wo immer das Schiff so nahe dem Ufer kam, liefen die Eingebornen, die furchtsamen Wampotto, mit ihrem geringen Hab und Gut in die Berge und verbargen sich hinter Felsblöcke; sie haben wohl noch nie einen weißen Mann, noch nie vorher ein Schiff gekannt, das gleich einem grauen Ungethüm so schnell daher kam, darum scheuchte der erste Anruf auch die waffenführenden Männer hinweg und alles Winken und Rufen war vergeblich. Von Furcht und Schrecken aber wurden sie erst erfaßt, als ich einsehend, alle Liebesmüh sei vergeblich, die dumpfheulende Dampfpeife zog, deren mächtiger Ton ein hundertfaches Echo an den Felsen weckte. Auch aus dem Dorfe, vor welchem wir schließlich Ankergrund gefunden hatten, flohen die Bewohner.

Hier zuerst zogen die Pfahlbauten, von denen viele Ueberreste im nördlichen Theil des Sees noch vorhanden sind, die Aufmerksamkeit auf sich; viele im Wasser eingebohrte lange Pfähle dienten früher dazu, die Hütten der Eingebornen zu tragen, die dicht aneinander gedrängt, ein ganzes Dorf ausmachten. Ein solches war für die von ihren Feinden hart bedrängten Küstenbewohner dann eine sichere Zufluchtsstätte, da der herankommende Gegner im Wasser ungeschützt, den Pfeilen und Speeren der Vertheidiger ausgesetzt, sich nicht weiter vorwagen durfte und sich mit dem aufgegriffenen Vieh, einigen Gefangenen, die in die Sklaverei geschleppt wurden, begnügen mußte.

Seit der Zeit, daß die mächtigen Wagwangwara, die armen Wakissi und Wampotto tributpflichtig gemacht haben, sind die Pfahlbauten in Verfall gekommen, wenigstens selten nur findet man noch eine Hütte auf solchen erbaut. Um die aberhundert Pfähle, die zu einem Dorf benöthigt wurden, im harten Grunde fest einzubohren, bedienten sich die Eingebornen folgender Methode: der oft nicht gerade Baumstamm wurde nach unten zu angeschärft, dann fest aufgesetzt und mit primitiv an diesem befestigten Hebeln fortwährend gedreht, bis der Pfahl fest und sicher stand.

In der Voraussetzung, daß der nächste Tag uns bei guter Zeit nach der Rambira-Bai, Station Langenburg bringen würde, die Distanz von annähernd 70 Seemeilen glaubte ich bequem zurücklegen zu können, eilte ich am nächsten Morgen nicht zu sehr, sondern, nicht allzu weit von Amelia Bai, heute Wiedhafen, suchte ich, vorsichtiger unter Land laufend, die große Bai und ihre Umgebung näher in Augenschein zu nehmen, zumal ich ohne Karten, ohne jeglichen Anhalt mich vorläufig auf flüchtig, im Vorüberfahren aufgenommene Skizzen zu orientiren suchen mußte. Von Cap Bango tritt das hohe Livingstone Gebirge unmittelbar zum See heran und von hier in ununterbrochener Linie heben sich die 2 bis 3000 Fuß hohen Felsmassen steil und direkt aus dem See empor. Manche Bucht und mancher Felsvorsprung unterbricht die Küstenlinie, aber nirgends findet sich ein geschützter Punkt, außer in der Kaiser Bai, wo ein Schiff mit Sicherheit ankern könnte, wenn die Wassertiefe unter Land nicht zu groß wäre.

In reicher Abwechslung zogen die Berg- und Gebirgsformationen vorüber, vom Fuß bis zum Gipfel mit Busch und Baum bestanden; an Stellen, wo tiefe Bergschluchten sich aufthaten, aus welchen donnernd die Sturzbäche in Cascaden ihre Wasser über Fels und Stein springen ließen, konnten wir im Schutze mächtiger Baobab- und Tamarindenbäume auch Hütten Eingeborner bemerken, die idyllisch am Fuße majestätischer Bergriesen in einer großartigen erhabenen Natur hingestreut lagen. Schon war der Nachmittag weit vorgerückt und noch immer wollte die Station Langenburg nicht in Sicht kommen, bis endlich, als ich noch im Zweifel war, ob es nicht besser sei mit dem Schiffe weit von Land abzulaufen und die Nacht auf dem See zu verbringen, öffnete sich, als wir eine Strecke weiter gelaufen waren, plötzlich eine weite Thalschlucht; die Gebirgsmassen schienen wie durchgespalten, und mit Recht vermuthete ich, daß die vorausliegende Landzunge die Mündung des Rambira-Flusses verdecken könne. Immer weiter öffnete sich das Thal, ein Wald von mächtigen Bäumen bedeckte die niedrige Landmasse und bald darauf erblickten wir am Ende derselben das starke Fort Langenburg. Dicht unter Land auf die jetzt auch offene Mündung des Rambira-Flusses zusteuernd, fand ich, als überall das Loth keinen Grund erreichte, daß an der südlichen Seite ein Ankern unmöglich sei und erst als die Sandspitze passirt war öffnete sich die eigentliche Bai. Dem Fort gegenüber, das hier dicht am Ufer aufgebaut ist, vermeinte ich, müsse sich hier auch Ankergrund vorfinden, allein nur noch 120 Fuß vom Strande entfernt, fand ich noch 100 Fuß Wassertiefe vor, so sah ich mich genöthigt, hier das Anker fallen zu lassen. Dieses konnte natürlich an dem steilen, gleich dem Abhang eines Berges, abschüssigen Grund keinen festen Halt finden, und sollte nicht jeder Wind außer dem Nord-West-Wind das Schiff abtreiben können, mußte es mit starken Leinen vom Heck aus am Lande festgehalten werden, zu welchem Zwecke auch schon festeingerammte Pfähle vorhanden waren. Solche Lage, das Schiff hatte hinten 2 Fuß, vorne 65 Fuß Wasser unter dem Kiel, war nicht angenehm, und manche schlimme Nacht, wenn aus dem Rambira-Thal stürmische Ostwinde von den Höhen niederbrausten, oder der Nord-West-Wind das Schiff auf den Strand drängte und dieses in der aufgewühlten See stampfte, habe ich hier mit der Mannschaft in Sturm und Unwetter durchgemacht. Die Behauptung, die gewaltigen Binnenseen Inner-Afrikas seien flach, wenigstens die Annäherung für Schiffe meistens unmöglich, ist hier auf dem Nyassa-See völlig unbegründet.

Bald darauf kam auch der derzeitige Kommandant des Fort, der Sergeant Bauer, an Bord, in dem wir einen Gefährten begrüßen konnten, der über ein Jahr von uns getrennt, in blutigen Kämpfen am Tanganjika-See und anderen Orten mit dem Major weite Gebiete durchzogen hatte. Er benachrichtete mich auch, der Major und sein Adjutant, Dr. Bumiller, seien nicht allzufern, vielleicht in der neu angelegten deutschen Missionsstation Ikombi oder in deren Nähe, darum wurde sofort ein Bote abgesandt, der den Herren die Ankunft des Schiffes melden sollte. Die Veste Langenburg ist eine Staketenpalisade, ein umfangreiches Viereck besetzt mit dreifach hintereinander im Boden eingesetzten 20 Fuß langen Pfählen, von denen 7000 Stück verwendet worden sind. An den ausliegenden Bastionen, bewehrt mit Schnellfeuer- und Maximgeschützen, den vielen natürlichen und angebrachten Schießscharten, würde es jedem Feinde schwer fallen, heranzukommen. Was übrigens die Sicherheit der Station anbetrifft, so ist, wie ich mich später überzeugen konnte, bei der geringsten Vorsicht ein Ueberfall ausgeschlossen, die zu der Landzunge führenden Pässe im Rambira-Thal sind im Nothfalle schon mit wenigen zuverlässigen Leuten bequem zu halten; ein Angriff auf die Station selbst, wie sie von Major von Wißmann erbaut worden, würde mit einer kleinen entschlossenen Schaar stets zurückgewiesen werden können. Auch liegt eine Gefahr vor den im Gebirge und am See wohnenden Wakinga und Wakissi nicht vor, viel zu armselig und nicht sehr zahlreich sind diese kleinen Stämme, als daß sie je an einen ernstlichen Widerstand denken könnten.

Eine prächtige Lage hat die Station auch in sofern, als zwei mächtige breitästige Tamarindenbäume sehr viel Schatten spenden durch deren dichtes Gezweig die glühenden Pfeile der Sonne nicht hindurchdringen; in der Messe oder im Hause des Majors war immer ein kühler und angenehmer Aufenthalt. Uebrigens sind nach der Methode der Wakonde alle Häuser erbaut, die Wände bestehen nicht aus Gras oder Rohr, sondern zwischen horizontal gelegtes Bambusrohr, sind breite Bananenblätter eingezogen wodurch dem Aeußeren der Bauten ein gefälliges Aussehen gegeben wird. Auffällig war, alle Soldaten mit verbundenen Füßen umhergehen zu sehen, und erfuhr ich durch Nachfrage bald, daß hier der gefährliche Sandfloh stark vertreten sei, dessen Eindringen in die Haut nur durch eine dichte Umhüllung verhindert werden kann. Kein Schuhzeug sei dicht genug; das mit bloßem Auge nicht sichtbare Thier, setze sich mit Vorliebe unter den Zehen fest, und wird nach Eintreten des anfangs geringen Schmerzes dieses nicht sofort entfernt, vermehrt sich unter der Haut das Thierchen derartig schnell, daß häufig der Verlust eines Zehen, selbst des Fusses die Folge der Vernachlässigung ist. Ohne Ausnahme, trotz großer Vorsicht und Reinlichkeit, haben wir Europäer alle daran zu leiden gehabt; mit Sicherheit konnte man nur über den Sand gehen, wenn derselbe naß oder feucht war, und jeden Morgen wurde im Fort gesprengt. Ein schöner Anblick war es, die stattliche Heerde Kühe, Ziegen und Schaafe aus den Bergen herabkommen zu sehen, zum großen Theile Geschenke der Wakonde Häuptlinge an den Major. Frische Milch, die reichlich vorhanden, war ein köstlicher Labetrunk, der nach so langer Zeit uns gespendet wurde.

Um Mittag des nächsten Tages den 22. September 1893 traf Major von Wißmann auf der Station ein und sah hier zum ersten Male sein Schiff, das nach Jahr und Tag nun doch vollendet, nach so vielen Widerwärtigkeiten und Hindernissen sich stolz auf den Fluthen des Nyassa-Sees wiegte. Die Hauptaufgabe der großen Expedition war glänzend gelöst, eiserner Wille und und unermüdliche Thatkraft bezeugten an diesem Werk wiederum mit wie weitschauendem Blick der beste Kenner Afrikas die Aufgaben einer nationalen Kolonialpolitik aufzufassen und auszuführen verstand! Mit berechtigtem Stolze konnte unser Führer auf den Abschluß seines großen Unternehmens schauen und, um seiner Freude den würdigsten Ausdruck zu geben, befahl er das Schiff im Schmucke seiner Flaggen und in duftiges Grün zu kleiden, die glückliche Vollendung und die Ankunft des H. v. Wißmann sollte gebührend gefeiert werden.

Die Masten und Raaen mit Grün geschmückt, darüber im Sonnenlichte die Flaggen, Deck und Kommandobrücke ein einziger Laubwald, nahm sich das Schiff in solchem Schmucke ungemein prächtig aus. Lichtkronen aus Laub gewunden erhellten die auf der Brücke errichtete Tafel und was an Vorräthen noch vorhanden war wurde herbeigeschafft, selbst die Restbestände an Cognac und Wein wurden nicht geschont und davon eine duftende Annanasbowle gebraut. Eine kleine Zahl aus den Mitgliedern der Expedition war es nur, die sich hier um ihren Führer versammeln konnte, eine kleine Schaar Deutscher lauschte im Sternenschimmer der Tropennacht den Worten und dem Dank, welchen Major v. Wißmann allen, die treu in jeder Lage ihm zur Seite gestanden, aussprach, er schloß mit einem Hoch auf den Schutz- und Schirmherrn der Deutschen im In- und Auslande und jubelnd hallte unter dem Hurrah, der Donner der Geschütze, das Hoch auf den deutschen Kaiser an den Felsenwänden des Livingstone-Gebirges wieder, ein mächtiges Echo weckend, wie solches über die Fluthen des Nyassa-Sees noch nie zuvor gebraust! —