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Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. cover

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Chapter 23: 14. Die Küste und das deutsche Gebiet am Nyassa-See.
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About This Book

A first‑hand account of an inland steamship expedition that details the logistics of transporting disassembled vessel components overland, erecting camps and a shipyard, assembling and outfitting the steamer, and conducting its launch and maiden voyages on Lake Nyassa. The narrative follows marches between encampments, methods of transport including rail transfer, episodes of local unrest and combat, and practical problem‑solving during construction. Interwoven are descriptive observations of the lake, coasts, inland settlements, and regional plant and animal life, with attention to the labour, engineering and navigational challenges encountered throughout the campaign.

14. Die Küste und das deutsche Gebiet am Nyassa-See.

In Verbindung mit den nach wenigen Tagen schon aufgenommenen Entdeckungsfahrten längs der ganzen Küste des deutschen Gebietes, will ich versuchen alles zusammenzufassen, was mir über Land und Völker bekannt geworden und was ich aus eigener Erfahrung während der Zeit kennen gelernt und beobachtet habe, während welcher ich den »H. v. Wißmann« auf dem Nyassa-See führte. Die gewaltige, großartige Natur, hier in hehrer Majestät entfaltet, birgt soviel des Unbekannten, daß man mit vollem Interesse den Schöpfungen einer vorweltlichen Periode nachzuforschen bestrebt ist; nicht die unerforschten Tiefen des mächtigen Sees, die noch kein Senkblei ergründete, in dessen klarem Gewässer sich das Azurblau des wolkenlosen Tropenhimmels widerspiegelt, nicht die senkrecht aufstrebenden Felsenwände, die gigantisch in kolossalen Massen aufgethürmt, sich in die weite Ferne verlieren, allein sind es, welche Bewunderung und Staunen hervorrufen, vielmehr, da viele Jahrtausende noch nicht die Spuren einer einst gewaltigen Umwälzung, wie wir solche wohl ahnen, aber nicht erfassen können, verwischt haben, bieten sich dem Auge des Beobachters Räthsel auf Räthsel dar, zu deren Lösung darum die rechte Handhabe fehlt, weil alle Behauptungen auf ungewisse Vermuthungen aufgebaut sind und mit Recht kann in wissenschaftlicher Beziehung Afrika noch immer als der dunkle Erdtheil bezeichnet werden. Ehe ich mich aber auf das Feld ungewisser und unbewiesener Thatsachen begebe, eine bloße Theorie aufstelle, will ich vorerst die Wirklichkeit zu schildern suchen.

In südwestlicher Richtung von Langenburg in 10° 0´ S. Br. liegt am Westufer des Sees der Haupt-Handels- und Stapelplatz Karonga; eine einfache Niederlassung, wie alle in das Innere Afrikas vorgeschobene Posten, von gewöhnlich nur zwei Europäern ohne sonstigen militärischen Schutz besetzt. Am Strande erbaut, ist die Anlage und Wahl des Ortes keine glückliche zu nennen, schon deshalb nicht, weil die Annäherung zu Wasser für Schiffe und Boote eine schwierige und zu Zeiten unmögliche ist; weitabliegende Riffe, mit nur wenigen Ausläufern, auf denen ein Schiff ankern kann, findet es nirgends vor der von heftigen Süd- und Südost-Winden aufgewühlten gefährlichen See hier Schutz, und das Sicherste ist es, wenn keine zwingende Nothwendigkeit vorliegt, in der Periode der Passatwinde lieber die offene See während einer stürmischen Nacht zu halten, als vor Anker einen plötzlich auftretenden Sturm auszureiten. Zweimal war ich gezwungen es thun zu müssen, solche Situation ist aber in dunkler Nacht, wenn die schwere See über das Schiff hinwegbrüllt, die Ankerketten aufs Aeußerste durch den Anprall der Wogen straff gespannt werden und der Bug des Schiffes in die schäumenden Wellen unablässig eintaucht, keine angenehme.

Der »Domira« erging es hier einst bei heftigem Südwind sehr schlecht; nachdem die Ankerketten gebrochen waren, wurde das Schiff aufs Riff geworfen und wochenlanger Arbeit mit hunderten von Schwarzen bedurfte es, das gänzlich leere Schiff, zum Glück nicht schwer beschädigt, wieder abzubringen. Die ganze nördliche Küste des Sees, von der Pankanga-Bucht bis herum nach Langenburg bietet gegen die einzig zu fürchtenden Südwinde keinen Schutz. Die Wogen des tiefen, über 325 Seemeilen von Nord nach Süd sich erstreckenden Sees, brüllen, vom Sturme aufgewühlt, mit furchtbarer Gewalt gegen das nördliche Ufer und schützten nicht hohe natürliche Dämme die weite mit dem Niveau des Sees gleichliegende Konde-Ebene, die Wellen müßten sich über das fruchtbare Land ergießen. Cap Mshewere, 10° 30´ S. Br., der letzte nördliche Felsvorsprung des Angoni-Hochlandes, das oberhalb Pankanga-Bucht steil aus dem See aufstrebt, bildet den Abschluß der am See vorgelagerten Felskette dieses Gebirgsstocks. Nördlich von diesem Cap tritt es weiter und weiter zurück und vom Ufer des Sees bis zum Fuße der Berge erstreckt sich eine wellenförmige hügelige mit dichtem Busch bestandene Ebene. Gleichwie überall an der Westküste des Sees, wo die Gebirgsmassen zurückliegen, die verflachenden Ufer eine Annäherung nur auf 2 bis 500 Meter gestatten, so sind auch hier von der oberhalb Cap Mshewere liegenden Mdoka-Bucht nordwärts bis zum Kiwira-Fluß, auf dieser Küstenstrecke mehr oder weniger Sandanhäufungen vorgelagert, entstanden und gebildet durch das Material, welches die Flüsse und Bäche aus den Bergen herabschwemmen. Die bedeutendsten befinden sich bei Kaiguni, Karonga und an der Mündung des Saisi-Flusses. Das landschaftliche Bild dieser wilden, pitoresken Gegend, von den armen Wakamanga bewohnt, deren Dörfer vereinzelt am Seeufer oder im dichten Busch versteckt liegen, bietet als Urwildniß nichts erfreuliches für das Auge, zumal von einer Kultur noch keine Rede sein kann, wiewohl die ziemlich gut bewässerte Ebene und die Abhänge der Berge einen ertragreichen Boden vermuthen lassen.

Erst unterhalb Karonga, einige Kilometer von der englischen Station, finden sich von Arabern angelegte Schambas, namentlich eine ausgedehnte Pflanzung dem uns befreundeten Araber Mirambo gehörend, von welcher wir, wenn Zeit und Umstände es gestatteten, unsern Bedarf an Zwiebeln, Salat etc. deckten. Major von Wißmann hatte Mirambo als Dolmetscher und Führer in seine Dienste genommen und soweit ich diesen Araber beurtheilen kann, konnte ein begrenztes Vertrauen in dessen Gesinnung uns Deutschen gegenüber gesetzt werden, besonders da er den Major schon früher und nicht nur von Hören-Sagen kennen gelernt hatte. Uebrigens sind die Araber seit Jahrzehnten hier ansässig und haben sich etwa 8 Kilometer hinter Karonga einen festen Stützpunkt errichtet, der im Jahre 1880-81 von den vordringenden Engländern vergeblich berannt wurde; war auch nach dem Friedensschluß die Macht derselben gebrochen und die Sklavenausfuhr von dem westlichen Ufer, von Pankanga aus nach Amelia-Bai unterbrochen, so leiteten sie nun die Karawanen doch ungehindert durchs Gebiet der Wakonde, am Fuße des Livingstone-Gebirges entlang, dann im Rambirathal aufwärtssteigend, gewannen sie portugiesisches Territorium, in welchem sie eine noch heute mit ihnen sympathisirende Bevölkerung und Schutz und Beistand bis zur fernen Küste am indischen Ocean finden. Die Engländer, ohnmächtig dem schändlichen Gewerbe zu wehren, auch als Händler nur darauf bedacht ihre Stationen soweit als möglich nordwärts den Tanganjika hinauf vorzuschieben, um den Elfenbeinhandel möglichst nach Karonga abzulenken, haben erst vor Kurzem, seitdem ihre Kanonenboote den Nyassa-See befahren, mit der unbequemen Nachbarschaft hinter Karonga aufgeräumt und den Arabern wenigstens den Sklavenhandel auf dem See selbst verleidet.

Wie ertragreich und lohnend der Handel mit Elfenbein ist, der neben anderen Produkten meistens am Westufer des Tanganjika-Sees, ja selbst von der Ostseite aus deutschem Gebiet, von den vereinzelt auf der weiten Strecke vertheilten Händlern eingetauscht wird, erhellt daraus, daß ich selbst 1893 theils in Karonga, theils in Fort Johnston, nach meiner Schätzung 15 Tons = 300 Centner prachtvoller Elfenbeinzähne habe zur Verschiffung gelangen sehen und kann nicht umhin darauf hinzuweisen, mit welchem Vortheil das englische Kapital auch in den entlegentsten Theilen Afrikas zu arbeiten versteht. Es ist die deutsche Bedächtigkeit, die ein langsames aber sicheres Vorgehen empfiehlt, und man will nicht erkennen, daß, wo andere Nationen mit Riesenschritten vorwärts dringen, wir auch gleichberechtigt eintreten können und theilnehmen müßten an den Früchten, die jene ernten. Wie ganz anders, mit wie viel großartigerem Erfolge würde die koloniale Bestrebung, die Länder im Innern Afrikas uns zu erschließen, gefördert worden sein, wenn der geniale Gedanke des Majors von Wißmann, auf den gewaltigen Binnenseen Afrikas die deutsche Macht durch starke Schiffe vertreten zu sehen, die allmählich dem aufblühenden Handel bahnbrechen und schirmen sollten, nicht durch zagende Bedächtigkeit fast illusorisch geworden wäre; die Wege hat er wohl gewiesen und gezeigt, daß es vollbracht werden kann. Da der deutsche Besitz ein werthvolles Objekt ist, worauf so oft und leider so vergeblich die besten Kenner Afrikas hingewiesen haben, so ist es gewiß an der Zeit uns der Erkenntniß, das Versäumte doppelt eifrig nachzuholen, nicht mehr zu verschließen. Durch bedächtige Zögerung finden wir auf allen Wegen erstarkte Gegner vor, die sich das Errungene nicht leicht streitig machen lassen; aber vielleicht ist dieses erst nöthig, um für die deutsche Energie ein Sporn zu sein auch hier thatkräftig einzutreten in den Kampf mit der Konkurrenz, und es erkannt wird, daß sich auch hier im Ringen und Streben für des deutschen Volkes Wohl ein weites Feld eröffnet.

Die Thatsache, daß ein deutsches Schiff auf den Seen Inner-Afrikas vielen nur als ein geringes Werthobjekt bis jetzt erscheint, da wir leider unsere Handelsbeziehungen mit den Völkern des inneren Afrika noch nicht eröffnet haben sondern anstandslos den Engländern freies Feld lassen, Handel und Macht ihrerseits immer weiter auszudehnen, so ist es wenigstens ein Machtobjekt, das schirmen und schützen kann, was wir besitzen, und würdig die Flagge des deutschen Reiches, die über weite ausgedehnte Gebiete entfaltet ist, repräsentirt. Bezeugt die deutsche Energie aber auch hier einst, wie sie es im Dienste fremder Völker und Nationen so oft glänzend bewiesen, daß der befähigste Kulturmensch der Deutsche ist, dann, und die Zeit liegt nicht so fern, wird das Hochplateau des Central-Afrikas, die Gebirge, Thäler und Höhen, dem deutschen Fleiße ihre Schätze erschließen, eine Kultur entfalten, wie wir solche uns nicht haben träumen lassen.

Die Steavenson-road, die alte vom Nyassa- bis zum Tanganjika-See führende 225 englische Meilen lange Karawanenstraße, windet sich, etwa 5 Meilen hinter Karonga, auf heute bequemeren Pfaden zum Hochplateau, das zwischen diesen Seen gelagert liegt, hinan, und soll der einzige gangbare Weg sein, da vom deutschen Gebiete aus, durch die am Fuße des Gebirgsstocks zerstreut liegenden Felsentrümmer, kein geeigneter Pfad zur Höhe führt. Indes es würde sich wohl doch von der Konde-Ebene aus ein Weg finden lassen, längs den, von demselben Plateau entspringenden Flüssen Songwe, Saisi und Kiwira, die sich durch die Felsenmassen einen Weg gebahnt haben. Es kommen vorläufig nur Träger in Frage — also ein deutsches Handelsunternehmen würde unabhängig von den Engländern und wahrscheinlich unter viel besseren Bedingungen ins Leben treten können, wenn, was die erste Vorbedingung ist, eine sichere Straße vom Nyassa-See bis zur Küste am indischen Ozean eröffnet sein wird. Die gut bewässerte Ebene oberhalb Karonga, welche von den Flüssen Kukuru, Lufira, Kaporra durchzogen wird, zeigt schon bei flüchtiger Beobachtung eine äußerst reiche Vegetation, welche einestheils auf den fruchtbaren Boden zurückzuführen ist, anderntheils darauf, daß hier die Unsitte, Grasflächen durch Feuer zu zerstören, wie es sonst überall üblich und wodurch weite Waldbestände mit vernichtet werden, nicht gebräuchlich ist.

Die englische Missionsstation Njerenya, auf einem dem weit zurückliegenden Gebirge vorgelagerten hohen Hügelrücken erbaut, zeugt als Kulturstation auch in agrikultureller Hinsicht von der bedeutenden Ertragfähigkeit des Bodens, und ohne Frage eignen sich die Gebirgsabhänge zur Anlage von tropischen Pflanzungen und Plantagen, zumal auch auf den Höhen ein für den Europäer leidlich gutes Klima gefunden wird. Eine Gebirgswelt voll wilder Schönheit ist es, die der Fluß Songwe, der als deutsche Grenze festgesetzt ist, durchzieht; durch die granitenen mit Feldspat stark durchsetzten Felsenmassen sich hindurchwindend, ist er gleichfalls eine Scheidegrenze der hier in der Ebene vorhandenen Volksstämme. Während die an seinen Ufern zahlreiche Bevölkerung durch den Ansturm der verwüstenden Araberhorden auf beständige Abwehr bedacht sein mußte, ist diese in den Gebieten der heutigen Häuptlinge Makirime, Makjembe, Makinsa weniger der völkervernichtenden Plage ausgesetzt gewesen. Auch haben die eingewanderten kriegerischen Zulustämme nach allmählicher Eroberung des Nyassa-Hochlandes vor dieser Barriere Halt gemacht, und die Urbevölkerung, ein muskelöser schlanker Volksstamm von dunklerer Hautfarbe als die Zulu, hat die reiche Ebene behaupten können und ist nicht durch scheußliche Sklavenjagden dezimirt worden.

Was im Allgemeinen von den Wakonde gesagt werden kann, so haben sie neben der markanten kriegerischen Eigenschaft einen hervorragenden Sinn für Ackerbau; der fruchtbare Boden lohnt hundertfach die geringe Mühe und Arbeit, welche seine Bearbeitung erfordert. Die Gärten in schöner Gleichmäßigkeit angelegt, zeugen von Kunstsinn und Fleiß, der darauf verwendet ist. So auch sind die Hütten, eigentlich kleine, bunt bemalte Häuser, von angenehmen Aeußern und peinlicher Reinlichkeit im Innern, was man sonst in den Negerhütten nirgendswo findet. Mit Vorliebe in einem Bananenwald erbaut, bieten die Häuschen ein idyllisches Bild und dort wo die Bevölkerung eine dichtere, an den Ufern der Flüsse, reiht sich Haus an Haus zu beiden Seiten, und auffällig ist die Symmetrie, die in der Anlage langer Straßen vorherrscht. Das Weib steht auch bei den Wakonde auf einer höheren Stufe, es ist nicht wie bei den übrigen Volksstämmen die Sklavin und Arbeiterin des Mannes, sondern nimmt hier einen gleichberechtigten Platz ein und theilt die meisten legalen Rechte des Mannes, vor Allem steht die Frau eines herrschenden Häuptlings, »Mwehe« genannt, in hohem Ansehn und besitzt einen beträchtlich ausgedehnten Einfluß.

Auf Grund solcher gesitteten Anschauungen fällt dem männlichen Theil denn auch eine beträchtliche Arbeit zu; als besondere Spezialität mag die Verfertigung von Waffen erwähnt werden, die, neben anderen hervorragenden Eigenschaften dieses Volkes, von künstlerischer Fertigkeit Zeugniß geben. Die Nkonde-Speere sind berühmt und mehr als 20 verschiedene Arten von auffallend schöner Arbeit in Gebrauch. Schon bei flüchtiger Untersuchung findet man, daß die Gebirgsmassen sehr eisenhaltig sind, es liegt so zu sagen auf der Oberfläche und mit leichter Mühe sammeln es die Bewohner, denn eisenhaltige Steine, wie ich mich selbst habe überzeugen können, liegen in großer Zahl an den Abhängen des Livingstone-Gebirges zerstreut umher. Einfache Hochöfen sind es, die zur Gewinnung von reinem Eisen zur Anwendung kommen. Aus Thon fest aufgeführte Röhren, die mit einem starken Mantel umgeben sind, werden solche zum Theil mit zerkleinertem Eisenstein, zum Theil mit Holzkohle angefüllt; am Boden befinden sich meistens drei Feueröffnungen, die die Luftzirkulation ermöglichen. Die in Gluth gerathene Kohle entwickelt solche enorme Hitze, daß in verhältnißmäßig kurzer Zeit das flüssig gewordene Eisen abfließt. Erkaltet, muß der Ofen meistens niedergebrochen werden; die Ausbeute an Eisen aber, wenn auch nicht groß, verlohnt doch die gehabte Mühe.

So primitiv wie diese Prozedur, ist auch die Bearbeitung des Eisens; zum Schmiedehammer dient ein Stein, zum Ambos ebenfalls, der Blasebalg aber ist ein Ziegenfell. Einer getödteten Ziege wird das ganze Fell so abgezogen, daß nur die Hals- und Beinöffnungen vorhanden sind; in eine der letzteren wird dann ein kurzes Bambusrohr befestigt und damit dieses an der Feuergluth nicht so leicht verbrennt mit Eisen umgeben, alle anderen aber werden fest zugebunden. Die Halsöffnung nimmt der Bläser so in die Hand, daß er die Luft nach Belieben eintreten lassen kann und zwar, wenn geschmiedet wird, drückt er mit Knie und Armen den Balg zusammen, wodurch die Luft schnell durch das Bambusrohr austritt und das Feuer schnell anfacht. Geschick und Uebung mit Ausdauer, machen es möglich das zähe Material selbst auf so einfache Weise zu bearbeiten. Man sollte meinen ein aus weichem Eisen hergestellter Gegenstand, Speer oder Messer, könne keine scharfe Schneide erhalten, jedoch durch das unausgesetzte Hämmern der so kleinen aneinander geschweißten Eisentheilchen wird doch eine beträchtliche Härte erzielt, obschon die Methode, auf einfachere Art Eisen zu härten, den Bewohnern dieser Gegend noch unbekannt ist.

Weiter nördlich, in das Gebiet des Kiwira und Mbaka-Flusses steigt die tiefliegende Konde-Ebene allmählich an und man gelangt in die Region der Krater, die amphitheatralisch sich über die ganze weite Strecke von der Felsenwand des Livingstone-Gebirges bis zu den genannten Flüssen erstrecken; hier hat die zersetzte Lava einen überaus ertragfähigen Boden hinterlassen und die denkbar reichste Vegetation blüht auf dem Trümmerfeld erloschener Vulkane. Zudem fördert reichlicher Regen selbst in der eigentlichen Trockenperiode das Wachsthum der Flora ungemein, Bananen, Palmen (Fächerpalme), Bamboo, Schlingpflanzen etc. bedecken überall den Boden. Durchfurcht von langgestreckten Thälern, die sich zum Nyassa-See erweitern, hebt sich zu einer Höhe von 4000´, vielfach in Kegelform und umgeben von zerklüfteten Massen, das vulkanische Plateau über die Konde-Ebene empor; Lavaströme, Aschenfelder, heiße in Thätigkeit befindliche Schwefelquellen geben der ganzen, im Schmucke überreicher Vegetation erscheinenden Gegend einen ausgesprochenen plutonischen Charakter.

Im Innern der erloschenen Krater, deren weite ausgedehnte Oeffnungen heute mit Wasser ausgefüllt sind, haben sich mehr oder weniger umfangreiche Seen gebildet, belebt mit Fischen, wilden Enten etc., sogar auch Flußpferde haben sich in diese abgelegene in wilder Schönheit prangende Einsamkeit zurückgezogen. Die bedeutendsten dieser Seen sind der Kiangururu, Itende, Kisiwa, neben einer ganzen Anzahl kleinerer von unbedeutender Ausdehnung, die jedoch nach Lage der einzelnen Kraterkegel über das weite vulkanische Gebiet zerstreut liegen. Gleich Zwergen aber, müssen diese einst Feuer und Flammen speienden Berge, gegenüber den Vulkanen Rungwe und Kieyo, erscheinen die heute wie alle anderen todt und erloschen, ihre mächtigen bis zum Gipfel dicht mit Bamboo und anderen Pflanzen bewachsenen 9000´ hohen Häupter, als isolirte Bergkegel, über ihre weite Umgebung empor heben, und versetzt man sich zurück in die graue Vergangenheit, müssen hier plutonische Kräfte in ausgedehntestem Maße gewirkt haben.

Wie erwähnt bewohnen die weite Ebene die Wakonde und zu diesen gehörig die Awanzakuisa und Wundale, näher dem Livingstone-Gebirge die Wa-Tukwa, in deren Gebiet die deutsche Missionsstation Wangemannshöhe erbaut ist.

Sitten und Gebräuche dieser hier lebenden Volksstämme weichen von einander wenig ab und was ich anführen will, gilt im Allgemeinen für alle. Bemerkt wurde schon, daß die Bevölkerung ein schlanker, muskulöser Menschenschlag ist, in ihrer Weise der harten Arbeit zugethan, dabei treu und offenherzig; freimüthig geben sie Versprechen ohne sich bewußt zu sein, daß solche gehalten werden müssen. Dem Gaste, der Einkehr hält, bringt der Wirth ein Bananenbündel, das er zur Sättigung herbeiholt. Zum Abhacken der oft recht schweren Fruchtbündel bedienen sie sich eines eigenartig geformten Handmessers, dessen praktische Anwendung jeder Europäer zugestehen muß. Verstümmlungen an Armen, Beinen, Ohren oder Lippen, wie solche barbarische Strafen bei fast allen afrikanischen Völkern in Gebrauch sind, findet man unter diesen Stämmen kaum, obgleich sie auch nicht gänzlich von diesen Gebräuchen frei zu sprechen sind. Vorgekommen soll es sein, und wahrscheinlich wohl öfter, daß beim Tode eines großen Häuptlings mit diesem Leute lebendig begraben worden sind, jedoch ist diese Unsitte zumeist auf den verhängnißvollen Einfluß ihrer Zauberer zurückzuführen, die neben den Priestern (Waputi) unbeschränkte Macht besitzen.

So zum Beispiel üben an einigen Orten alte Zauberer eine extraordinäre Gewalt über die Bevölkerung aus; ihr Thun und Treiben im Dunkeln gehüllt, sprechen sie in Versammlungen nur des Nachts, zu denen allein die Ersten des Stammes Zutritt haben. Während einer solchen, vorher bestimmten Zusammenkunft müssen alle anderen Stimmen schweigen und jedes Feuer ausgelöscht sein. In Wundale glaubt die Bevölkerung, daß ein Zauberer sogar die Macht besitzt, Löwen als Boten des Uebels auszusenden, wohin es ihm beliebt. Haben Streitigkeiten stattgefunden und eine Partei verweigert eine gütliche Beilegung, so sendet er die Löwen, die nach dem Glauben in dem hohen Grase, welches die Behausung des Zauberers umgiebt, gleich Hunden leben sollen, aus und läßt den Viehstand der Unfolgsamen zerreißen. Natürlich ist dies nur eine berechnete Spekulation des unnahbaren Weisen, der mit seinen Helfershelfern in Löwenfelle gekleidet, Uebels zu thun imstande ist, zumal der krasse Aberglaube der Eingebornen ihm kein Hinderniß in den Weg legt. Uebrigens bedienen sich auch die Zauberer bei anderen Stämmen mit Vorliebe des Hyänenfelles und führen nächtlicher Weile in solcher Verkleidung ungehindert ihre meist bösen Absichten aus.

Die alten Begräbnißstätten »Isyeta« genannt, dichte und undurchdringliche Waldreviere, deren Dickicht kein Sonnenstrahl zu durchdringen vermag, sind geheiligte Orte, wo ihre Voreltern begraben liegen sollen; diese werden nur von den Waputi (Priestern) betreten, um dort in Zeiten der Bedrängniß zu den Geistern der Vorfahren zu beten. Antwort bringen ihnen die Awa-raghusi (Propheten), denen, wenn Krieg oder Seuche den Stamm heimgesucht hat, von den Priestern das Blut und der Kopf eines Bullen geopfert wird.

Eine eigenthümliche Art, sich über den Tod eines ihrer Angehörigen Gewißheit zu verschaffen, ist bei allen Stämmen im Norden des Nyassa-Sees Sitte, mit Ausnahme der im Kriege Gefallenen, nämlich: ist jemand verstorben, wird von einem schon älteren Angehörigen des Todten diesem sogleich mit einem scharfen Bamboohölzchen der Leib soweit aufgeritzt, daß die Eingeweide hervortreten, dann nach einer eingehenden Inspiezirung derselben wird der Verstorbene sofort vor dem Hause in sitzender Stellung vergraben. Selbstverständlich weichen dabei die Zeremonien von denen anderer Volksstämme wenig ab. Treten Seuchen auf, namentlich die gefürchteten Pocken, werden die Todten bei größerer Sterblichkeit außerhalb der Dörfer an entlegenen Orten begraben, aber schon nach Verlauf eines Jahres werden die Gräber von den betreffenden Angehörigen wieder in einer gewissen Nacht geöffnet und die Gebeine in dichten Gebüschen zu Haufen umher gestreut, sodaß hauptsächlich in Wundale, überall die Gebüsche mit bleichenden Menschenknochen voll sind.

Haben diese Stämme, vor allen die Wakonde, ihre Geschicklichkeit in der Bearbeitung von Eisen bewiesen, so sind sie doch nie darauf verfallen ihre Kleidung zu verbessern, sofern überhaupt von solcher die Rede sein kann, da die Frauen allein nur im bescheidensten Maaße des Feigenblattes sich bedienen, wenn auch nicht gerade dieses, weil es nicht erhältlich, so doch mit feinen Geweben, welche die Fächerpalme und auch Bananenstämme ihnen liefern, und die ganze Bekleidung ausmachen.

Besonderer Erwähnung verdient noch die Aufführung eines Hochzeitsreigen bei den Wakonde. Die Braut wird von den jungen Mädchen und Frauen am Hochzeitsmorgen am Bache, nachdem ihr die Haare abgeschoren worden, was mit so primitiven Werkzeugen als ihre Messer es sind, eine ziemlich schmerzhafte und umständliche Prozedur ist, gebadet und mit Oel eingerieben. Der einzige Schmuck, da von einem Brautgewand aus Mangel an einem solchen Abstand genommen werden muß, die Braut sich also fast in Eva-Kostüm präsentirt, ist ein Kranz von rothen Blumen um den Kopf gewunden. Darauf hält aus dem Kreise der Frauen eine würdige Matrone an die Braut eine Ansprache, die dieser die ihrer wartenden Pflichten aufzählt; dann rangiren sich die Brautjungfern, meistens zehn an der Zahl, vor und hinter der Braut, nachdem dieser vorher ein Körbchen mit Korn, in welchem ein kleineres, ebenso gefüllt und auf dieses wieder ein Topf mit Erde steht, überreicht und auf deren Kopf gesetzt worden ist. Alle legen die Hände auf die Schultern der Vorstehenden, und so umgeben von Palmenblätter tragenden Frauen setzt sich der Zug im Gänsemarsch nach dem Dorfe in Bewegung. Ein leiser Gesang, nach dessem Rhythmus marschirt wird, wobei die Körper in taktmäßiger Bewegung sich hin und her wiegen, ertönt; die mitziehenden Weiber aber suchen rechts und links umher um die Braut und den Zug vor einem vermeintlichen Feind zu schützen.

Zum Dorfe gelangt, geht der leise Gesang in ein anhaltendes ohrbetäubendes Geschrei über, bis aus dem Dorfe eine Schaar bewaffneter junger Männer auf die Gruppe einstürmt, die, geführt von dem Bruder der Braut, sich zu derem Schutze, die Speere schwingend, bereitstellt. Eine andere Schaar, geführt von dem Bräutigam, stürmt nun auf erstere ein mit der Absicht durchzubrechen und sich der Braut zu bemächtigen; ein unblutiger Kampf mit wildem Kriegsgeschrei beginnt nun, alle wehren den Bräutigam ab, bis die Weiber die Braut in Sicherheit gebracht haben, dann erst stellt ihr Bruder den umhersuchenden jungen Mann mit den Worten: Wen suchst du? — Meine Braut! ist die Antwort. — Wenn du sie findest, willst du mit ihrem Volke leben und ernten? — Der Bräutigam antwortet: Laß mich suchen meine Braut und finde ich sie, will ich mit ihrem Volke leben, ich will kämpfen vereint mit diesem und als Beweis gebe ich dir meine Waffen. Die beiden Führer tauschen die Speere, heben sie über ihre Köpfe und brechen sie entzwei, die Stücke in das Gras werfend. Nun verbinden sich beide Parteien und ein endloses Suchen nach der Braut, die von den Weibern gut verborgen gehalten wird, beginnt, das oftmals bis in die sinkende Nacht fortgesetzt wird; bei Tanz und Gelage feiern sie dann die Nacht hindurch. Am anderen Morgen aber gehen die jungen Mädchen von Haus zu Haus und sammeln Geschenke für das junge Paar ein.

Was ich Näheres über die große Konde-Ebene gesagt, der Beschaffenheit und Fruchtbarkeit des Landes, so ist diese für uns ein nicht zu unterschätzender Besitz; reich an Erzeugnissen afrikanischer Kultur, kann man solche als eine Vorrathskammer betrachten. Die Ackerbau treibenden fleißigen Stämme daselbst haben auch, was für viele andere der Untergang gewesen, bisher die Sklaverei von sich fernzuhalten gewußt, selbst die Araber gewannen keinen bedeutenden Einfluß, auch nicht mit Waffengewalt, und heute unter deutschem Schutz verspricht das Kondeland für die Zukunft, nach friedlicher Entwicklung der gesegneten Fluren, in Wahrheit eine Perle unserer Besitzungen zu werden.

Nicht nur an Naturerzeugnissen reich, als mehrere Arten Bananen, Erbsen, Bohnen, Bataten und Gartenfrüchten, war früher, ehe die durch Afrika ziehende furchtbare Viehseuche den Viehbestand mit Einschluß der gewaltigen Büffelheerden fast vernichtet hatte, in der Konde-Ebene der Reichthum an Rinder ein sehr großer; mächtige Heerden weideten an den Abhängen der Gebirge, wo heute fast nur Ziegen und Schafe zu sehen sind. Eine geraume Zeit wird es währen, bis durch sorgsame Nachzucht der Viehbestand sich wieder gehoben hat; sonst war ein Stück Rind den Bewohnern von sehr geringem Werthe, für ein wenig Kupfer- oder Messingdraht schon erhältlich, jetzt aber sind einem glücklichen Besitzer seine Rinder nicht mehr wohlfeil.

Wie eine von mir mit Sorgsamkeit aufgenommene Karte zeigt, erheben sich die Sanddünen, ein Schutzwall für die dahinter tiefliegende Ebene, erst in der eigentlichen Wißmann-Bay aber so hoch, daß, vom Mastkorb des »H. v. Wißmann« aus, diese nicht zu überblicken waren, höchstens sind die Dächer der in grünen Bananenhainen zerstreut liegenden Häuser und Hütten und die Kronen gewaltiger uralter Baobobbäume zu erkennen.

Steil zur großen Tiefe fallen die Ufer ab, und es kann schon an den Mündungen des Mbaka- und Lufirio-Flusses kein Ankergrund mehr gefunden werden, auch unter den mit ganz schmalem Vorland fast senkrecht aufstrebenden Felsenmassen des Livingstone-Gebirges ist es möglich, auf nur ganz geringem Abstand vom Lande mit dem Schiffe entlang zu laufen. Ueberall aber auf dem verwitterten Gestein zeigt sich eine reiche Vegetation, vor allem an den Ausflüssen einiger Sturzbäche, die sich aus gewaltigen Felsenschluchten in den See ergießen; entsprungen dem höchsten Felsengebiet, stürzen sich die Wasser die steilen Granitwände herab und bilden auf Terrassen kleine Seen und Strudel, in welchen Fische und andere Thierarten zahlreich leben. Vornehmlich die Felsschlucht, vor welcher die deutsche Missionsstation Ikombe im Schatten mächtiger Tamarinden- und Baobobbäume erbaut ist, bietet einen wildromantischen Anblick; herausgerissen, abgesprengt, gleichsam als hätten Gletschermassen in grauer Vorzeit hier ihre Kraft erprobt, thürmt sich Fels auf Fels, die Schlucht verengend, in welcher das kalte kristallklare Wasser eines Baches brausend hinfließt.

Neben dieser ist oberhalb Langenburg, 3/4 Stunden von der Station entfernt, eine ähnliche Schlucht, tief und weit ragen die Felsen in mächtiger Form empor, Giganten, an deren Fuß abgestürzte Blöcke zerstreut liegen. Eine Exkursion mit dem Major hierher einst unternommen, zum Zwecke, in dem hohen Waldbestand, der die steilen Höhen krönt, einen schönen schlanken Flaggenmast für die Station auszusuchen, trat uns hier so recht die erhabene, großartige Natur vor Augen. Die Felsenwand in der Nähe von Langenburg geht mehr zur abgerundeten Bergform über; durchschnitten vom Rambirathal, erheben sich die Granitmassen keine tausend Fuß von der Station entfernt, fast senkrecht bis zu einer bedeutenden Höhe, dicht bestanden mit Bäumen, zwischen denen grüne Matten sich leuchtend hervorheben, saftige Weidegründe für das Vieh. Ein grausig-schönes Bild aber ist es, in der Rambiraschlucht aufwärtssteigend, tief unter sich die braunen Fluthen des Flusses wilddonnernd von den Bergwänden herabstürzen zu sehen; mit rapider Schnelligkeit wirbeln sie dahin und färben zur Regenzeit weit hinaus in den See dessen klare Wasser, daß der meinen könnte, auf eine Sandbank laufen zu müssen, welchem die Ursache dieser Erscheinung unbekannt ist.

Die ausgedehnte Landzunge, von der Felswand bis zur äußersten Spitze ist 1500´ lang und etwa 600´ breit, querdurch bis zum Flusse, ist sie einzig nur gebildet durch das Material, welches der Fluß aus dem Gebirge zugeführt und abgelagert hat; es haben Lehm und Thonschichten, vermengt mit Granitgeröll, allmählich dieses Vorland entstehen lassen. Die Frage, wieviel Jahrtausende hat wohl der Rambirafluß gebraucht, diese Erdmassen hier abzusetzen, muß unbeantwortet bleiben, da solche einen Zeitraum umspannen würden, der für die für die Ewigkeit erbauten Felsenmassen ein Nichts, für das Fassungsvermögen des Menschen aber ein ungeheurer sein muß!

Die ganze Fläche, die 6 bis 8 Fuß über dem Niveau des Sees liegt, bedecken verschiedenartige Bäume und Sträucher, wovon einzelne, Tamarinde etc. für die Bewohner willkommene Früchte bieten. Der kleine Bananenwald aber, am Ufer des Flusses auf sehr fruchtbarem Erdreich angelegt, thut das Seine dazu, das schöne Bild, wie es hier die Urnatur geschaffen, zu vervollständigen.

Am Strande und weit aufs Land haben Wind und Wogen Sandflächen gebildet, wo spärlich dürftige Kräuter und Gras nur fortkommen können; jedoch der Untergrund muß ein kompakter sein, was aus dem hinter der Station aufgefundenen thon- und lehmhaltigen Erdreich zu schließen ist. Diese Funde, wovon heute Ziegel gebrannt werden, um die Station und Wohnungen aus Stein zu erbauen, sind von vorzüglicher Qualität und vor langer Zeit, als der Fluß noch eine nordwestliche anstatt wie jetzt südwestliche Richtung gehabt, abgelagert worden.

Die Verbindung mit der sehr reichen Konde-Ebene, die meistens mit den Booten oder Kanoes hergestellt wurde, hat es bis jetzt noch nicht nothwendig erscheinen lassen, nur auf den Ertrag des Landes angewiesen zu sein, gleichwohl sind bereits Anpflanzungen und Gärten angelegt worden, doch an eine Ernte ist wegen der alles zerstörenden Heuschreckenschwärme, die das ganze Central-Afrika überfluthet haben, in diesem Jahre (1894) nicht zu denken, nur die wenigen auf Rambira ansässigen Wakissi gewinnen ihre geringen Bedürfnisse dem zum Theil spärlichen Boden ab. Ich hatte hier auch Gelegenheit, die Geschicklichkeit der Wakissi-Frauen zu beobachten, wie sie kunstgerecht aus freier Hand ihre großen Vorrathtöpfe aus Thon formen, und nach dem dazu verwendeten Material zu urtheilen, mußten ihnen Thonlager von überaus guter Qualität bekannt sein, die sie uns aber weder zeigen, noch deren Lage angeben wollten. Obgleich die Station Langenburg zwar geschützt gelegen ist, haben doch die Winde freien Zutritt, ihr kühlerer Hauch lindert die erdrückende Hitze und während der Nächte weht häufig ein kalter Luftstrom von den hohen Bergen herab, zuweilen brechen auch sturmartige Böen aus dem Rambirathal hervor. Das Klima ist als ein mittelmäßig gutes zu betrachten, obwohl Fiebererscheinungen nicht ausgeschlossen sind; zwar starben hier in 1-1/2 Jahren zwei Mitglieder der Expedition, Eben und Zander, beide aber nur infolge geschwächter Gesundheit und weil sie den ärztlichen Rath, Afrika zu verlassen, nicht befolgt hatten. Die günstige Lage der Station, am Fuße des Gebirges, würde es gesundheitlich sehr empfehlenswerth erscheinen lassen, wenn auf den hohen Bergabhängen, wegen der freieren und frischen Luft dort oben, Wohnstätten für Europäer errichtet würden; ist das Felsenterrain auch sehr zerrissen und schwierig zu begehen, so sind die Vortheile doch nicht zu unterschätzen! —

Bald nach unserer Rückkehr von der ersten Forschungstour beabsichtigte Major von Wißmann mit dem Schiffe eine Reise südwärts anzutreten, und so lichteten wir am 26. September die Anker.

Von Rambira südwärts, heben sich die Felsenwände wieder steil aus dem See empor und man kann auf einen Abstand von weniger als hundert Fuß ungehindert mit jedem Schiffe längs der Küste entlang fahren; nur an Stellen, wo Sturzbäche, Kies und Erde im Laufe der Zeiten angesammelt oder kleinere Schluchten solchen freieren Spielraum zur Ablagerung dieses Materials gelassen haben, wird durch das so gebildete Vorland ein größerer Abstand nöthig. An solchen Orten hat aber auch die Vegetation zur freien Entwicklung genügend Raum gefunden und hauptsächlich an solchen Stellen haben sich Wakissi ihre Wohnstätten errichtet. Schutz- und rechtlos, bisher von ihren Feinden hart bedrängt, lebt dieser Volksstamm zum großen Theil nur von Fischfang; sie bestellen aber auch an lohnenden Orten, wo sich die Felsabhänge zur Anlage eignen ihre Felder, in denen als eine Art Wachtposten immer einzelne Hütten errichtet sind, zum Schutz gegen die räuberischen Wagwangwara, die das Hochplateau und die Thäler des Gebirges bewohnen. Häufig genug nehmen diese den armen Wakissi ihre Ernte weg, dazu zerstören Schaaren großer Affen, welche wir häufig genug auf den Höhen und am Strande zu sehen bekamen, gelegentlich die Felder. Ueberall an der Küste, wo abgelagertes Vorland die Anlage größerer und kleinerer Dörfer gestattet, sowie in zurückliegenden Buchten, haben sich die Wakissi niedergelassen, sie treten einzig nur mit ihren Nachbarn, den höher im Gebirge wohnenden Wakinga und Wagogo in Verkehr, die sich zur Sicherheit und Schutz meistens an isolirt stehende Bergkegel angebaut haben, um im Fall der Noth auf schwer zugängliche Abhänge sich zurückzuziehen, sobald die raublustigen Wagwangwara sie heimsuchen, gegen die sie machtlos sind. Wohl zahlreich genug, sammeln sie sich doch zur Abwehr der Feinde nur selten, auch meistens erst, wenn den Wegelagerern ein Ueberfall gelungen ist und solche mit ihrer Beute längst entkommen sind.

Als die hauptsächlichsten Ortschaften der Wakissi wären Mbimbi, Waboja, Bifungo (Busse-Hafen), Pamboeja und Bopingo (Kroyser-Bucht) zu erwähnen, letztere ein tiefer Landeinschnitt von bedeutender Ausdehnung. Die mächtigen Felsenmassen erscheinen hier getrennt und weit ins Land erst, über abgerundete hohe Hügel hinweg, steigt das Gebirge wieder in massiven Massen auf. Eine ruhige stille Bucht, offen nur gegen westlichen Wind, würde hier ein guter Hafen sein, wenn nicht die Wassertiefe, 950 Fuß und mehr, bis dicht unter Land 40 bis 50 Meter vom Ufer, so enorm wäre; steil gleich den Felsenwänden fällt das Ufer ab und ein Anker findet nirgends festen Halt; die Nächte, welche ich in dieser Bucht gezwungen war zu verbringen, kann ich mit zu den ungemüthlichsten rechnen.

Erwähnenswerthe Abwechselungen bietet weiter südlich die steile Küste nicht, außer der wechselvollen Scenerie der Bergformationen, Zeugen einer vieltausend Jahre zurückliegenden Zeitperiode, der zersetzenden Kraft der Wasser, die das harte Gestein allmählig tief durchfurcht haben, wäre nur noch der in Felsschluchten und an den Abhängen wild und üppig sprießenden Vegetation Erwähnung zu thun. Mit Kap Bango auf 10° 27´ S. Br. als letzten Felsenpfeiler, schließt die kompakte Gebirgsmasse des Livingstone-Gebirges plötzlich ab; von hier auf eine Strecke von 37 Seemeilen südwärts, sind dem (Amelia-Bai Windhafen) wieder zurückfallendem Hochgebirge, das seine Ausläufer auf 11° 3´ S. Br. erst zum See vorschiebt, zerrissene Hügelketten und Flachland vorgelagert.

Man muß, wie ich im nächsten Kapitel zeigen werde, auf die Vermuthung kommen, daß dieses plötzliche Abbrechen der soliden Granitmassen nicht auf ursprüngliche Bildung zurückzuführen ist, vielmehr ein Ausgleich zerstörender Kräfte stattgefunden hat, da auch das gegenüberliegende Kap Mschewere — der See ist hier am schmalsten, nur 22 Seemeilen breit — ebenso abbricht; während von diesem Kap nordwärts Hügel und flaches Land das Ufer des Sees bilden, ist solches von Kap Bango südwärts der Fall.

Am Morgen des 28. September, mit dem Schiffe dicht unter die massiven steilen Felsen hinziehend, das Wasser des Sees hier tiefblau und ruhig, konnten wir weitab von der Küste die vom heftigen Ostwinde stark aufgewühlten Fluthen beobachten, während am Kap Bango selbst aus der tiefen Amelia-Bai ein stürmischer Wind herausfegte, sodaß, als wir auf keine hundert Fuß Abstand um dieses herumsteuerten, wir plötzlich von der Gewalt des Windes erfaßt, mit Mühe nur unsere Sonnensegel zu bergen imstande waren. Stoßweise mit furchtbarer Gewalt gleich Wirbelböen faßte der Wind das Schiff und erst weit in die tiefe Bucht hinein wurden die Windstöße minder heftig.

Zur Linken die starren Felsenmassen, lag vor uns ein öder Sandstrand, der aus zermalmten Granit, Gneis und Feldspat bestand, während halb zur Rechten, einen Vorsprung in die Bai bildend, hohe abgerundete, isolirt liegende Bergkegel vorgeschoben waren, die im Gegensatz zu den zerrissenen Felsenthürmen des Gebirges die Vermuthung erwecken können, als wären sie hier aufgethürmt worden, oder ihre solide Granitmasse habe den Ansturm einer verheerenden Gewalt, welcher minderhartes Gestein hat weichen müssen, erfolgreich widerstanden.

Als wir uns dem Sandstrand näherten, wollte es scheinen, als erstrecke sich von diesem in die Bai hinein ein flacherer Grund, der auf genügendem Abstand vom Lande dem Schiffe guten Ankergrund bieten würde, allein näher und näher gekommen berührte das Loth erst ganz nahe dem Lande auf 120 Fuß Tiefe den Grund; dicht am Strande noch 6 Fuß Wasser, fiel auch hier das Ufer wie überall bisher, gleich einer steilen Bergwand ab. Wohl ankerten wir hier, da Major v. Wißmann mit der Bevölkerung sich in Verbindung setzen wollte, aber nur durch ein am Strande eingesetztes Warpanker war es möglich das Schiff vor dem Abtreiben zu bewahren; hätte ein anderer als der starke östliche Wind geweht, wäre es unmöglich gewesen hier zu verbleiben. So Schutz verheißend und ruhig die weite Bai auch erschien, nirgendswo in derselben fanden wir, außer in gefährlicher Nähe des Landes, Ankergrund und es für rathsam haltend lieber nochmals einen Versuch zu machen, ob nicht unter dem flach und weit in den See sich erstreckenden Südufer solcher zu finden sei, lichteten wir nach mehrstündigen Aufenthalt wieder Anker d. h. nachdem der Halt am Lande dem Schiffe genommen war, trieb dieses mit 100 Fuß Kette, einfach ab, da das Anker ohne zu fassen abrutschte.

Günstiger gestaltete sich die Lage unter dem flacher verlaufenden Südufer der Bai insofern, als Tiefen von 18-45 Fuß auf eine Entfernung von 100 Meter vom Strande gefunden wurden und darüber hinaus erst das Loth kein Grund mehr fand, indes für diesmal und später war es nöthig ein Anker auf flacherem, das andere auf tieferem Wasser fallen zu lassen, um sowohl gegen südlichen als nordwestlichen Wind gesichert zu liegen.

Der große Luhobu-Fluß, der in weit größerer Ausdehnung als der Rambira sich aus einer Felsschlucht des Gebirges herauswältzt, hat ebenso wie letzterer im Laufe der Zeiten dieses ausgedehnte Vorland gebildet; Thon, Lehm und Granitgeröll, durch viele Bäche von den Bergen in dessen Bett geschwemmt, lagerte sich dieses Material immerwährend an der Mündung des Flusses ab und von keiner Strömung hinweggeführt, konnte sich solche Landzunge auch hier bilden. Von den starken Südwinden zusammengeweht, gleich niedrigen Dünen, liegt der leichte Sand am Ufer der Bai aufgethürmt eine weite Strecke bedeckend, während das Gebiet, welches der Fluß in der von ihm gebildeten Ebene durchfließt, viel niedriger ist, hier aber auch die Thon- und Lehmschichten unbedeckt sind. Wanderungen durch diese mit spärlichem Baumwuchs, desto reicherem Busch und Gras bestandene Anschwemmung längs dem Ufer des Luhobu, ließen es mir wegen der von der Sonnengluth zerrissenen harten Morastschicht als wahrscheinlich erscheinen, daß der Fluß in der Regenzeit seine Ufer weit überschwemme und dadurch auch die Ablagerung der zugeführten Thon- und Granitmassen begünstigt werde. Reich bebautes Land fand ich nur an der Mündung des Luhobu, wo eine Ortschaft Mikamira von armseligen Wakissi angelegt ist; diese sind den Wagwangwara tributpflichtig, was aber diese armen Menschen eigentlich zahlen blieb mir ein Räthsel. In der Bai selbst fand ich noch 3 Pfahldörfer, verfallen und abgerissen, und habe ich später, um Feuerholz hier zu erhalten, die über Wasser stehenden Pfähle abschlagen lassen. Die Wakissi haben also aus den früher schon angeführten Gründen auch hier ihre Zufluchtsstätten auf dem Wasser gänzlich aufgegeben.

Amelia-Bai, einst der Stapelplatz für die Sklaveneinfuhr, welche, als die gegenüberliegende Deep-Bai und Pankanga-Bucht noch nicht den arabischen Händlern verschlossen war, hier in voller Blüthe stand, eignet sich durch die Verbindungswege mit der Küste nach Liudi, Mikindani wohl am besten zum Ein- und Ausfuhrhafen, wenn die zwingende Nothwendigkeit an uns herantritt einen Verkehrsweg zum Nyassa-See eröffnen zu müssen. Die Route würde uns unabhängig von der englischen Konkurrenz hinstellen, was freilich erst denkbar, wenn das deutsche Kapital weniger zurückhaltend, thatkräftig von der Regierung unterstützt, sich hier ein lohnendes Feld seiner Thätigkeit sucht. Wohl ist es heute noch schwierig die gedachte Route zu eröffnen, als feindliche Volksstämme ein großes Hinderniß sind, dennoch, wenn gleich wie an der Küste des indischen Ozeans, im Hochland am Nyassa-See starke Positionen diese schützten, würde bald durch die Entfaltung des deutschen Ansehens dieses beseitigt sein. Empfehlenswerther noch wäre der Wasserweg im reichen Gebiet des Rowuma-Flusses, dessen Quellen zum Theil im Gebiet der Wagwangwara liegen. Zwar ist dieser Fluß nicht allzuweit von seiner Mündung aufwärts schiffbar, auch sind Katarakte unüberwindliche Hindernisse, die umgangen werden müßten, indes eine eingehende Untersuchung würde wohl ein besseres Resultat ergeben als bisher angenommen worden ist, denn kann der Rowuma auch mit dem Zambesi und Schire nicht gleich gestellt werden, so muß er doch zu Zeiten, wenn seine Wasser hochgeschwollen sind auf weite Strecken schiffbar sein — ruht doch selbst auf dem Zambesi und Schire in der trockenen Jahreszeit die Schifffahrt fast gänzlich und nur Boote halten den Verkehr aufrecht — in welcher Ausdehnung und Großartigkeit aber blüht auf diesen Flüssen der Verkehr und Handel schon empor! —

Arm an Wasserstraßen ist Deutsch-Ostafrika wohl, die vorhandenen aber werden und müssen der vordringenden Kultur als Verbindungswege dienen, da naturgemäß in der Zukunft an diesen zuerst der Aufbau lohnender Niederlassungen sich vollziehen wird. Sind erst die Bewohner des centralen Afrika zur Kulturarbeit bekehrt, werden und müssen reiche Gebiete sich erschließen lassen und neben dem jetzt bevorzugten Hochland von Usambara, Usagara etc. wird sich sowohl im Gebiete der großen Seen, wie in den Flußgebieten ein reicher, ertragfähiger Handel entwickeln.

Wie insgesammt alle das Nyassa-Hochland bewohnenden Volksstämme, Ngoni, Yao, Atonga etc. kein enggefügtes Staatswesen bilden, sondern in Settlements zusammen gezogen patriarchalisch regiert werden, den mächtigsten der Häuptlinge, dessen Macht nach seiner Gefolgschaft beurtheilt wird, als Oberhaupt des Stammes anerkennen, so ist ein Gleiches im deutschen Gebiet bei den Wagwangwara der Fall. Als kriegerische Zulustämme, haben sie die Urbevölkerung vertrieben und vernichtet, oder sie durch das Sklavensystem in sich aufgehen lassen, die heutigen Ueberreste sind Wakissi und Wampotto, armselige, durch beständige Furcht verkommene Existenzen. Schnell genug haben die erobernden Zulu, angelockt durch reichen Verdienst, den gewissenlosen arabischen Sklavenhändlern Gehör geschenkt und dadurch in gewissem Sinne weite Strecken entvölkert. Was aber mehr, stark mit Negerblut vermischte Abkömmlinge der Araber und auch der Ausschuß der intelligenteren Küstenbevölkerung, als Suaheli und Makua, haben sich großen Einfluß auf die angestammten Häuptlinge zu erringen gewußt, eigentlich zu Herren gemacht, als jeder Häuptling zum größten Theil die Rathschläge seiner verschlagenen Rathgeber befolgt, seinen Stamm und Volk also der Willkür solcher Fremden dadurch preisgiebt.

Was thun wir jetzt, wo der mächtige weiße Mann den Sklavenhandel uns zerstört! Die Folge aber ist, daß die schlecht berathenen Stämme sich auflehnen werden gegen die Herrschaft der Europäer, bis sie zu ihrem Schaden erkannt haben, daß der weiße Mann doch der mächtigere ist. Ganz Central-Afrika ist dem Einfluß der Araber unterworfen gewesen, die ihre Herrschaft mit Geschick gefestigt hatten, sie sind auch heute noch, wo der Arm des Europäers sie noch nicht erreicht hat, in Wahrheit die Herren und von den Eingebornen weit mehr gefürchtet wie dieser, dessen Kommen sie nur als ein Eindringen auffassen und eben nicht begreifen, mit welchem Rechte der weiße Mann ihren ihnen liebgewordenen Erwerb durch Sklavenraub zu zerstören kommt. Der echte Araber, wo er seine Herrschaft bedroht und seinen Einfluß gefährdet sieht, wird, wenn er sonst nichts zu fürchten hat, sich diese durch Nachgiebigkeit dem Europäer gegenüber zu erhalten bestrebt sein; es ist weniger die Existenzfrage, die ihm sich dem Mächtigeren beugen heißt, vielmehr befürchtet er den Boden unter seinen Füßen zu verlieren, wenn er die eng durch Jahrhunderte verknüpften Bande mit der Bevölkerung freiwillig aufgiebt. Mit Recht muß er fürchten, wenn ihm nicht ein Schein ehemaliger Macht mehr verbleibt, vogelfrei zu werden, sobald die so lange geknechteten Völker das Joch abschütteln und zum Bewußtsein ihrer Menschenwürde erwachen. Gerieben und schlau, an Intelligenz dem Europäer nicht nachstehend, begnügt er sich mit der Hoffnung, die alte verderbliche Macht wiedergewinnen zu können, da er, doch nicht mit den Machtverhältnissen der europäischen Nationen so vertraut, diesen von allen Seiten andringenden Sturm auf seine Herrschaft nicht für dauernd hält.

Unbewußt macht er den Werdeprozeß, die ihm die fortschreitende europäische Kultur aufzwingt mit durch, und klug genug, beugt er sich, gebietet doch die politische Klugheit schon, mit ihm ein Bindeglied sich zu erhalten, das an Macht und Einfluß beschränkt, durch sein Ansehen leichter die Kulturaufgaben lösen hilft, bis die Organisation durchgeführt, der kulturfeindliche Mohamedanismus weichen und verschwinden muß.

An den vorwiegenden Hauptpunkten der Karawanenstraßen haben die Araber sich festgesetzt, so auch an der Route Lindi-Amelia-Bai und als mächtigster Häuptling der Wagwangwara kann der Araber Raschid bezeichnet werden. Sklavenhändler im eigentlichen Sinne, gewann er mit seinen Anhängern doch die Herrschaft und hat vielfach zum Verdruß unabhängiger Häuptlinge seinen Einfluß geltend zu machen gesucht. Er war Eigenthümer jener Sklavendhau, die Major von Wißmann in Amelia-Bai unerwartet weggenommen hatte und zu deren Wiedererlangung er alles Mögliche aufstellte, was aber, so lange der Major am Nyassa-See weilte, vergeblich war. Erst später, um dessen Gesinnung gegen uns Deutsche zu ändern, wurde ihm solche von anderer Seite zurückgegeben. Die Wegnahme seiner Zeit hatte folgende Bewandniß: Major von Wißmann, in Amelia-Bai gelandet, ging, da ihm hier mitgetheilt wurde, daß Schaaren großer Affen die Felder der Eingebornen an den Bergabhängen zerstören, was auch auf Wahrheit beruhte, auf Jagd. Während seiner Abwesenheit wollte die Besatzung einer im Fluß verborgenen Dhau diese in Sicherheit bringen, was auch gelungen, wenn sie nicht gesehen worden wäre und Hornsignale den Major schnell zurückgerufen hätten, der sofort mit einem Boote die Verfolgung aufnahm und die Dhau mit sich nach Langenburg führte. Ich habe sie dort später noch aufgeriggt, was aber wohl unterblieben wäre, wenn der Major das Fahrzeug wieder hätte zurückgeben wollen.

Das Gebirge fällt hinter Amelia-Bai etwa 15 km zurück, es umschließt im weiten Bogen die vom Seeufer ansteigenden Hügelketten, zwischen denen ausgedehnte Busch- und Grassavannen sich hinziehen. Erst unter dem 11. Breitengrade treten die Felsen wieder zum See heran, sind aber eine steile zerbröckelte Masse, insofern als am Fuße dieser nur wenige Seemeilen langen Felswand, Felsentrümmer mit Sandstein abwechseln und hat Major von Wißmann dies das »Zwölf-Hafenkap« benannt. Hier war es, wo dem Major die schnell vom südlichen Wind aufgewühlte See sein großes, schwerbeladenes Stahlboot auseinanderbrach, als er nach Gründung der Station Langenburg, und bevor er seinen an kriegerischen Erfolgen reichen Marsch zum Tanganjika-See antrat, die erste Entdeckungstour längs der deutschen Küste unternommen hatte. Zum Glück dicht unter Land, konnte das sinkende Boot, an dem die Verbindungsschrauben einer Sektion mit lautem Knall zum Theil gesprungen waren, noch zwischen die Felsenrocks auf den Strand gesetzt werden. Da die Soldaten und die Mannschaft zu schwach waren, das schwere, 50´ lange Fahrzeug aufzuziehen, so kann man sich denken, daß an der unwirthlichen Küste die Situation keine angenehme gewesen ist, dazu boten die zersprengten Steinmassen gegen die See auch nur geringen Schutz. Der Major mußte die Fahrt südwärts hier abbrechen und war nur zufrieden, mit dem beschädigten Boote die Station Langenburg wieder erreichen zu können.

Gleich, wie hinter Kap Bango die große Amelia sich öffnet, so wird auch hier hinter dem letzten abgerundeten Felskegel dieses Gebirgsausläufers eine weite Bucht frei, und nur weiter südwärts faßt die flache Küste mächtige Felsentrümmer ein. Es war am späten Nachmittage des 29. September als wir dieses Zwölf-Hafenkap passirten, schon hatten wir auf dem in südsüdöstlicher Richtung wieder vorspringendem Lande den Kurs gerichtet, als sich die dem niederigen Lande vorgelagerten Felsen als Inseln erwiesen, und zur näheren Orientirung steuerten wir nun in die Bucht hinein.

Meinem Vorschlage, die Hauptinsel Neu-Helgoland zu benennen, stimmte der Major auch zu, und ob auch nicht in Form und Ausdehnung dem so theuer erkauften Eilande im deutschen Meere (Nordsee) entfernt ähnlich, wird die Felsenmasse im Nyassa-See dieses doch weit überdauern, da ihr massiver Granitbau der Zeit und den Fluthen widerstehen wird. Was kaum zu erwarten war, nach den Erfahrungen, die wir an der ganzen Küste gemacht hatten, fanden wir hier unter dieser Insel einen prächtigen geschützten Ankerplatz, zu dem nur westlicher Wind und See Zutritt haben, die aber nie so stark auftreten, daß sie hier ein Schiff gefährden würden; ich kann neben Monkey-Bai diesen Ankerplatz als den besten im ganzen See bezeichnen. Die Insel wird durch einen etwa 50´ hohen Hügelrücken aus massive Granit gebildet, neben dem mächtige ungezählte Steintrümmer umhergestreut liegen, an der Süd- und Ostseite sind sogar vorzügliche Bootshmäfen durch Steinbarrieren entstanden.

Der Name dieser Insel, die etwa 1/4 deutsche Quadratmeile groß ist, soll, wie ich später erfahren habe, Mpuulu sein, wahrscheinlicher aber ist sie unbenannt, als solche Benennung sich mehr auf den Häuptling oder den Volksstamm bezieht. Auf den Felsen und zwischen den Steinmassen eingezwängt, liegen die Hütten der kaum einige Hundert zählende Bewohner; ein umgestülpter Trichter, auf kurzen Pfählen ruhend, sind solche die denkbar primitivste Behausung und mehr einer dunklen rauchgeschwärzten Höhle, denn menschlichen Wohnungen ähnlich, in deren Innern man hinein kriechen muß, so niedrig ist der Eingang. In beständiger Furcht vor den Wagwangwara, wagen sich die Bewohner nur auf das Festland, wenn die Luft rein ist oder sie ihre dort befindlichen Felder bestellen müssen; aber nur die Weiber, von mit Speer und Bogen bewaffneten Männern beschützt, führen diese Arbeit aus. Ihr einziger Reichthum ist eine zahlreiche Ziegenheerde, früher auch Rindvieh, die lustig auf den Felsen und Steinblöcken umherspringt; bei jedesmaliger Annäherung unseres Schiffes aber aus übertriebener Furcht schnell zusammengetrieben und mit Kanoes über den tiefen die Insel vom Festlande trennenden 200 Fuß breiten Wasserarm gebracht wurde, bis die Einwohner schließlich einsahen, daß sie von uns für ihre Habe nichts befürchten brauchten.

Der Häuptling, ein alter weißhaariger Greis, klagte uns oft seine Noth; ihre Feinde nehmen ihnen die Ernte weg und schutzlos wie sie seien, könnten sie sich nur auf ihre Insel flüchten und den Räubern den Uebergang, hinter Steinen gedeckt, verwehren. Die einzige Vegetation, außer spärlichem Gras, die auf dem steinigen Grund hat Fuß fassen können, sind die Papaya-Bäume. In ziemlich beträchtlicher Anzahl aus den Felsenspalten, wo sich mit der Zeit eine Humusschicht gebildet hat, herausgewachsen, heben sich ihre schlanken Stämme bis 6 Meter hoch, mit der palmenähnlichen Krone über die spitzen Hüttendächer empor. Zwar geben diese Bäume nicht viel Schatten dafür aber eine wohlschmeckende große melonenartige Frucht, deren saftiges Fleisch mit Vorliebe von uns Weißen gegessen wurde.

Ueberall an der Küste, wo wir gelandet und mit der Bevölkerung in Verbindung getreten sind, waren wir bestrebt Holzstationen errichten zu lassen, indem wir den Eingebornen für ihre Mühe guten Verdienst in Aussicht stellten, allein wirklichen Erfolg hatte ich später nur hier auf Neu-Helgoland wo, nachdem die Inselbewohner ihre Scheu vor uns verloren hatten und ihren Vortheil erkannten, wir immer unsern Bedarf decken konnten. Soweit ich konnte unterstützte ich auch diese Wakissi, namentlich, um es ihnen anfänglich zu ermöglichen auf dem Festlande sich freier zu bewegen, gab ich dem Häuptling auf dessen wiederholtes Bitten etwas Pulver, damit er im Nothfalle seine beiden uralten Steinschloßbüchsen auch laden konnte; zwar waren diese kaum als Schreckmittel gut genug, für den alten Mann aber immer noch ein großer Schatz. Meine Weigerung ihm nicht eher Pulver zu geben, als bis er mir gesagt, wofür er solches verwenden wolle, beantwortete er die Frage stets damit, daß er dann auch kein Holz beschaffen könne, die Wagwangwara würden seine Leute hindern solches zu schlagen — schließlich kam er aber doch mit den beiden Donnerbüchsen zum Vorschein.

Woher diese stammten und wofür er solche erhalten blieb mir unbekannt, sehr fehl aber geht man wohl nicht mit der Annahme, daß solche von Sklavenhändlern für lebende Waare einst gezahlt worden sind. Die Gewißheit, daß auch hier der Sklavenhandel immer noch in Blüthe steht, da es an den Küsten dieses Sees vorläufig unmöglich ist mit den wenigen Schiffen solche streng zu bewachen, ließ mich einst, als ich unerwartet Neu-Helgoland anlief und hier ein großes vom Westufer des Sees, also 36 Seemeilen, von Uziza herübergekommenes Kanoe vorfand, strenge Nachforschung halten und erst auf die Versicherungen des Häuptlings und der Kanoebesatzung, die einen plausiblen Grund anzugeben vermochten, gab ich es wieder frei. Obwohl mir es nicht recht einleuchten wollte, daß die Leute solche gefährliche Fahrt in einer Nußschale quer über den See nur unternommen haben sollten, um hier Proviant einzutauschen, konnte ich doch absolut nichts Verdächtiges finden und keine Handhabe war mir gegeben diese Seefahrer und ihr Fahrzeug mitzunehmen. Bemerkenswerth war auch, daß unter der Bevölkerung sich Männer und Knaben befinden, deren Ohrlappen mit einem Speer durchlöchert sind, ein Zeichen, daß sie früher geraubt und als Sklaven bei den Wagwangwara gelebt haben, die auf verschiedene Art ihre Freiheit wiedergewonnen und den Weg zur heimathlichen Insel zurückgefunden hatten. Die Bekleidung beider Geschlechter ist auch hier die denkbar primitivste, ein Stück von einem Ziegenfell oder ein Grasbündel die einzige Bekleidung; bei jüngeren und Kindern das Naturkostüm. Muscheln und Perlen ist der einzige Schmuck, wenn solcher erreichbar ist, den sie sich gestatten können, erst als der Holzhandel eine gewisse Quelle des Reichthums für sie geworden war, kleideten sich die Bewohner auch etwas anständiger.

Zu eingehenden Nachforschungen veranlaßten mich die hier an der Nordseite der Insel, wo das Wasser fast immer ganz ruhig ist, auf den am Lande freiliegenden Felsblöcken gefundenen Wasserzeichen. Scharf abgegrenzt gaben diese an, wie hoch der See zu verschiedenen Zeitperioden gewesen sein mußte — waren die über Wasser gebliebenen Theile des Gesteins rauh und verwittert von grauschwarzer Färbung, sind die damit bedeckt gewesenen noch weiß und rein. Ein ganz unregelmäßiges und zwar immer plötzliches Zurücktreten des Sees hat stattgefunden und die Höhe dieser wie mit einem Lineal so scharf gezogenen Linien ergab, daß das Niveau des Sees 12-15 Fuß höher gelegen hat; auch der alte Häuptling versicherte mir, der doch lange zurückdenken konnte, sie hätten früher mit ihren Kanoes viel weiter heranfahren können als heute. Untrügliche Merkzeichen, wogegen kein Einwand erhoben werden kann, gaben mir diese viel zu denken, zumal ich auch an weitentfernten Orten z. B. Monkey-Bai gleiche gefunden hatte — ich werde bei der Beschreibung und muthmaßlichen Entstehung des Nyassa-Sees später darauf zurückkommen und zu beweisen suchen, was wohl zu solcher auffallenden Erscheinung die Ursache gewesen sein kann.

Da der Wasserweg zwischen Festland und Insel tief genug war, dem »H. v. Wißmann« die Durchfahrt zu gestatten, so sahen wir hier, an der Südseite der Insel, wie zerrissen und umhergestreut die Felsenmassen im und über Wasser lagen und wie tiefe Höhlungen an der Südwestseite die See ausgespült hatte. Die flache Küste ist weithin förmlich mit 100´ hohen Felsblöcken eingefaßt, Rocks- und Steininseln nebeneinander gethürmt, bieten ein wüstes Trümmerfeld. Ebenso lassen weit vom Lande abliegende Rocks- und Steinmassen vermuthen, daß der Zahn der Zeit allmählich diese Granitfelsen zerstört hat; nur zwei mächtige Massen zersplittert und zersprengt, ragen noch zusammenliegend aus bedeutender Tiefe steil empor. Diese mehrere Meilen lange Strecke, mit Felsen unter und über Wasser besät, hat Major von Wißmann die Prager-Insel, Rock und Riff benannt; weiter südlich, einige Felsen als der Schloßstein und die Mehlsäcke, runde Granitkegel mit Guano bedeckt, erhielten ihrer Form wegen diese Namen, den Abschluß dieser eigenartigen Felsenbildungen und Steinmassen macht erst die zwei Seemeilen vom Lande entfernt liegende Insel Lundo. Zwar bewohnt, wie auch die Prager-Insel, und auch mit sehr spärlicher Vegetation bestanden, sind beide ein öder Steinhaufen nur; der eine halbe Quadratmeile große Flächenraum dieser Insel erscheint wie ein hoher von Felsblöcken aufgethürmter Granithügel. Von hier bis zur weiten Mbampa-Bucht, 4 Seemeilen südlicher faßt ein hoher isolirter Bergrücken die Küste wieder ein, der steil abbrechend in getrennter Hügelform die Bai umschließt. Isolirt aber und steil aus dem See aufragend, hebt sich der über 1000´ hohe Mbampa-Berg, der die Bucht im Süden abschließt, von seiner Umgebung ab; eine massiv und festgefügte Granitmasse. Läuft man in diese Bai ein, glaubt man einen prächtigen, gesicherten Hafen vor sich zu haben, aber auch hier täuscht die spiegelglatte, tiefblaue Fluth, und am steil aus großer Tiefe aufsteigenden Ufer erst findet sich unsicherer Ankergrund; wenigstens hatte es seine Schwierigkeit den »H. v. Wißmann« auf genügenden Abstand vom Lande fest zu verankern. Auf den getrennten, schwer zugänglichen Rocks an der Einfahrt zur Bai unter dem Mbampa-Berg, haben sich die Eingeborenen zurückgezogen, nachdem auch hier die ehemaligen Pfahlbauten von ihnen verlassen worden waren, sie schufen sich eine feste Position hinter den aufgethürmten Steinmassen, wo sie leicht genug ihr bischen Eigenthum vor der Raublust der Wagwangwara schützen können. Uebereinstimmend mit den Wakissi, haben die hier und südlicher lebenden Wampotto die unzugänglichsten Orte an der Küste sich als letzte Zufluchtsstätte ausgesucht, und wohl wäre deutscherseits es als eine ernste Pflicht aufzufassen den Raubzügen der Wagwangwara energisch Einhalt zu gebieten und den in steter Furcht lebenden Stämmen ein starker Schutz zu sein, damit sie wieder aufathmen und ihres Lebens froh werden könnten. Sicherlich fügen sich die mächtigen Wagwangwara nicht gutwillig und Strafexpeditionen werden nothwendig sein, aber je eher sie wissen, daß ihr verwerfliches Treiben Ahndung und Vergeltung findet, desto besser ist es. Sehr furchtsam und ängstlich zeigten sich diese Wampotto, die kaum jemals in näherer Berührung mit Europäern gekommen waren, und viel später erst wurden sie vertrauter; kamen sie auch längsseits des Schiffes mit ihren Kanoes, währte es doch lange, ehe sie es wagten dasselbe zu betreten. Als Beweis dafür diene folgender Vorfall. Drei Meilen von Land in etwa südwestlicher Richtung hatten wir als letzten Ausläufer eines unterbrochenen Felsenriffs einen hohen Granitblock gesehen dessen Umgebung der Major näher zu besichtigen wünschte. Das Riff sowohl, als auch der Felsen ragten aus tiefem Wasser auf, zwischen denen es möglich war überall mit dem Schiffe durchzufahren, so waren wir bis auf 100 Fuß dem Felsen nahe gekommen, als zwischen dem nächstliegenden Felsenriff zwei Kanoes, die zum Fischen ausgezogen waren, in Sicht kamen. Nothgedrungen, um wieder freies Wasser zu gewinnen, mußten wir den Kurs des Schiffes auf diese richten, kaum aber sahen die Fischer das Schiff näher kommen und sich eine übertriebene Vorstellung von solchem Seeungeheuer wohl machend, das ohne Segel und Menschenkraft so schnell herannahte, ließen sie ihr Netz im Stich und paddelten aus Leibeskräften der etwa eine deutsche Meile entfernten großen Insel Nuangwe zu. Diese unbekannte Insel war aber auch unser Ziel und wieder im freien Wasser, mußten wir bald genug die Kanoes überholen. Als die Fischerleute einsahen, daß sie vor dem schnelllaufenden Schiffe nicht fliehen konnten, legten sie die Kanoes Seite an Seite, besetzten die eine Nußschale die andere gaben sie preis, und mit 8 Mann aufrechtstehend, jagten sie über das stille Gewässer dahin. Aber auch diese Mühe war vergeblich, das Schiff, in dessen Kurs sie unbegreiflicher Weise verblieben, kam ihnen näher und näher; schließlich als ihre Anstrengungen vergeblich waren, warteten sie, zu viele in der Nußschale um sich setzen zu können, in Ruhe ihr vermeintliches Schicksal ab; wir aber wichen dem Kanoe aus und zogen an ihnen vorüber. Beim ersten Anruf indes sauste das Kanoe wieder durch die Fluthen und die geängstigten Menschen gaben die Flucht nicht eher auf, bis wir weit von ihnen entfernt waren.

Vermuthlich hatten die Leute uns Weiße als Araber und Sklavenjäger angesehen und unnöthige Furcht hatte sie kopflos gemacht; uns aber hatten sie gezeigt, mit welcher Gewandtheit sie ihre Kanoes zu handhaben verstehen. Aufrechtstehend und mit aller Kraft paddeln, in einem kaum acht Fuß langen ausgehöhlten schmalen Baumstamm, der durch die geringste unregelmäßige Bewegung zum Kentern gebracht werden mußte, war es nur das taktmäßige Arbeiten Aller, durch das das leichte Fahrzeug im Gleichgewicht gehalten werden konnte. Mit der Zeit werden sie sich wohl an den Anblick eines großen Schiffes gewöhnen, namentlich wenn sie eingesehen haben werden, daß ihnen kein Leid geschieht und die Furcht vor dem weißen Mann unnöthig war.

Für die auffallende Erscheinung der plötzlich abbrechenden und wieder zum See herantretenden isolirten oder kompakten Gebirgsmassen, während landeinwärts an beiden Seiten des Sees, ununterbrochene zusammenhängende Gebirge hunderte Meilen Süd und Nord sich hinziehen, werde ich versuchen, eine Erklärung zu finden und namentlich auf die Bildung der Inseln, ohne Ausnahme öde Steinmassen, hinweisen.

Im Gegensatz zu den Gebirgen, die zum Theil terrassenförmig ansteigen, mit fruchtbaren Thälern, Bergen und Abhängen, wo mit Vorliebe die Gebirgsstämme sich angebaut haben, sind einzelne Ebenen öde und unbewohnt; obwohl mit dichtem Buschwald und Gras bestanden, scheint der Mangel an genügender Bewässerung hierfür die Ursache zu sein. Solchen Anblick gewährt das hinter Mbampa-Berg südwärts sich hinziehende Gelände, in der Regenzeit grün und blühend, in der Trockenperiode von der Sonnengluth verbrannt, trübe und einsam. Nur wenige elende Wampotto-Dörfer, meistens an Stellen erbaut, wo Felsenreste aufgethürmt liegen, zeigten sich hier am Ufer des Sees, aber Versuche, mit den Bewohnern in Verbindung zu treten, waren völlig nutzlos, da unbegreifliche Furcht sie vertrieb.

Im Gebirge, das hier 10 bis 12 Kilometer vom See zurückliegt, öffnet sich eine weite Schlucht in Südost-Richtung an deren Ende bis zum See verlängert gedacht, da sonst kein auffallendes Objekt vorhanden war, bestimmte Major von Wißmann einen zum Strande heranreichenden Hügel, auf 11° 29´ S. Br. und 34° 46´ O. Lg., als das Grenzkap; von diesem, die gedachte Linie durch die Schlucht fortgesetzt, sollte diese die deutsche Grenze ergeben. Von hier, wo nun die portugiesische Küste beginnt, treten die Gebirgsmassen von 11° 37´ S. Br. bis 11° 56´ S. Br. wieder zum See heran und bilden von 11° 56´ S. Br. in weitem Bogen zurückfallend, hier die zweitgrößte Bucht im Nyassa-See, so daß, wenn man von Norden kommt und sich dicht unter dieser steilen Felswand befindet, erst nur die 14 Seemeilen von der Küste abliegende Insel Kissimulu, 12° S. Br. und 34° 35´ O. Lg., ein hoher abgerundeter Felskegel mit nach Süden verflachendem Lande, gesehen werden kann, ehe die größte aller Inseln, Likoma, vier Minuten südlicher in Sicht kommt.

Die Bevölkerung dieser Inseln, der Küste und des Hochlandes, sind hier die Anyanja, unter denen es den Missionaren gelungen ist, die Worte des Heils zu verkünden, und in vielen Dörfern schon hebt sich aus dem Wirrwarr der Hütten, das Dach einer Kirche, weithin erkennbar, hervor. Unter den Orten Bakobon, Njafua, Kango, Utonga, habe ich die beiden letzteren nur besucht, namentlich Utonga mehrmals, das an den Ufern des gleichnamigen Flusses gelegen, in einer furchtbaren Wildniß sozusagen verborgen liegt. Perlen und Salz waren hier die eigentlichen Tauschartikel für Holz, Hühner und Eier aber solcher Handel war meistens ein langweiliges Geschäft, da meine Leute oft mit den Weibern nicht handelseinig werden konnten.

Ueberaus weit würde es führen, wollte ich in gleicher Weise, wie bisher das deutsche Gebiet, auch die Länder und Völker am ganzen Nyassa-See beschreiben. So interessant und wissenswerth es auch ist, was die Natur hier geschaffen und aufgebaut hat, wie auch das Leben und Treiben der Völker, so muß ich mich doch darauf beschränken, nur in großen Zügen das Wichtigste anzuführen.

Von Kap Mala 12° 12´ S. Br. verläuft das Gebirge in ununterbrochener Linie längs der Küste südwärts, wenn auch nicht in so kompakten Massen wie das Livingstonegebirge, und dieses ganze portugiesische Gebiet ist gut bevölkert, vornehmlich von den Anyanja- und Yao-Stämmen. Während aber Deutsche und Engländer bestrebt waren, ihre Macht auf dem See und in ihren Gebieten zu festigen und zu entfalten, thut der Portugiese absolut nichts; eine Küstenstrecke von über 120 englischen Meilen, 11° 29´ S. Br. bis 13° 30´ S. Br., mit dem weiten ungeheuren Hinterland, ist für ihn vollständig ein terra incognita. Anzuführen wären als die bedeutendsten Orte noch die Pango-Bucht 12° 25´ S. Br., die Msumba-Bai 12° 35´ S. Br. und der Mtengula-Hafen 12° 46´ S. Br.

Msumba, neben Kota-Kota und Makangilas Sitz der größte Ort am See, (es wird gesagt 30000 Anyanja sollen hier leben, wenigstens so weit ich mich orientirt habe, kann diese Zahl annähernd richtig sein, denn das mächtige Dorf ist ein unentwirrbarer Knäuel von Hütten), kann mit der Rambira-Landzunge verglichen werden, nur ist diese weiter und ausgedehnter. Mächtige Bergkegel von 1000-3000 Fuß ragen landeinwärts gleich steilen Wänden auf, bis zum Gipfel mit Wald bedeckt. Das fruchtbare Land wird von hunderte Weiber und Männer, die täglich zur Saat- oder Erntezeit in die Berge ziehen, bestellt, Heerden von Ziegen, Schafen, selbst noch Rinder weiden an den Abhängen. Geschützt vor den heftigen Südwinden, auf gutem Ankergrund, liegt hier ein Schiff sicher; alle Bedürfnisse, Ziegen, Hühner, Eier, selbst Honig, 3 Pfund etwa für 1/4 Meter Zeug, vor allem Brennholz sind erhältlich, deshalb war Msumba für uns meistens Haltestation. Die ersten Male, als ich hier zum Holzkauf anlief, erhielten wir für unser Zeug auch gut gestapeltes Brennholz, später jedoch, gleichwie in Monkey-Bai, verlangten die Verkäufer schon für die Hälfte denselben Preis und als ich diesen ihnen zu geben mich weigerte und nördlicher in der Pango-Bucht den Bedarf deckte, wurden sie unverschämt.

Einmal auch, meine Leute sollten Eier und Mehl am Strande aufkaufen, wiesen diese viele angefaulte zurück; ich kam gerade dazu, als die Leute mit den Weibern schon in Streit gerathen waren, weil diese absolut für ihre faulen Eier, gleich denen, die gute gebracht hatten, auch ein Stückchen Zeug haben wollten. Sofort ließ ich den Einkauf abbrechen, und während ich mich noch mit dem schwarzen Missionslehrer über den Ankauf einiger Perlhühner verständigte, umgeben von einer großen Zahl aus Gewohnheit mit Speer und Bogen bewaffneter Männer, drängte sich einer zu mir heran und hielt mir mit der Frage: Sind diese nicht gut? drei Eier vors Gesicht. Etwas erstaunt über solche Dreistigkeit prüfte ich dennoch ein Ei, fand aber, daß es schlecht war, und alle zurückweisend hieß ich den Burschen seiner Wege gehen — indessen hielt er mir aber wieder andere unter die Augen und nun, in solcher Handlungsweise eine Provozierung sehend, schlug ich ihm die Eier aus der Hand und eine schallende Ohrfeige hinterher. Schon eng umschlossen und auch waffenlos, drängte nun die Menge auf mich ein, während der Gezüchtigte wie ein Rohrsperling schimpfte. Hätte der Missionslehrer mir nicht den Rücken gedeckt, wäre es nun wohl zu einem ernsten Konflikt gekommen — ehe aber noch ein thätlicher Angriff erfolgte, rief der Kapitao Kambajalika: Fast den weißen Mann nicht an, es sind mehr Wasungus (Europäer) auf unserm Schiff, die viele Gewehre haben, sonst geht es euch sehr schlecht. Diese Worte thaten ihre Wirkung und die Leute, noch nicht sehr gereizt, auch zurückgehalten von dem Lehrer, öffneten den Kreis und ich konnte ungehindert ruhig mein Boot erreichen. Die Bewohner Msumbas sind zu oft mit Europäern, den Missionaren, in Verbindung getreten, die Ausschreitungen wohl rügten aber nie straften, deshalb wagte ein übermüthiger Bursche nun mal, die wahre Natur des Negers herauszukehren und den Versuch zu machen, ob denn jeder Europäer nur freundliche Worte selbst für Ungezogenheiten habe.

Weiter südlich liegt der tiefe felsige Hafen von Mtengula, 12° 45´ S. Br.; eigentlich durch eine Thalöffnung von einer gebirgigen Halbinsel gebildet, er bietet, nach SSW offen, zwar nur wenig Schutz, dafür aber einen wildromantischen Anblick durch die steilen, fast senkrecht aufsteigenden Felswände und der üppig wuchernden Vegetation. Mluluka 12° 57´ S., ein Sklavenhafen, wie schon erwähnt, gegenüber Kota-Kota gelegen, wird durch das vorgelagerte Danger-Riff schwer zugänglich und verdient als Wohnsitz des mächtigen Häuptlings Kalanje, dem Aliirten des Häuptlings Jumbe, keiner besonderen Erwähnung. Von hier weit landeinwärts haben, wie nördlich von Mluluka, die englischen Missionare auf dem Berge Unangu eine Station errichtet und sind die einzigen Europäer, die es gewagt haben, sich in des Löwen Höhle niederzulassen. Gewiß gefahrvoll ist das Unternehmen, da die Yao's gedroht haben, jeden Weißen zu tödten, wenn ihnen, wie angekündigt, ihre Sklavendhaus genommen werden; sie begreifen nicht, warum ihnen der einträgliche Handel zerstört werden soll und werden blutige Rache üben, wenn es geschieht.

Der Portugiese scheint ohne Bedenken das allmählige Vordringen der Engländer auf seinem Gebiet zu gestatten und fürchtet scheinbar deren wachsenden Einfluß nicht, ich meinestheils aber betrachte neben der unverkennbar segensreichen Thätigkeit dieser Missionare und ihrem hohen edlen Streben solche Stationen doch gewissermaßen als politische Fühlhörner, denen bald der Handelsmann folgt und englische Macht und Kapital dann schnell überwiegenden Einfluß gewinnt; das moralische Uebergewicht wird aber im Nothfall durch einige Kanonen schnell in ein positives umgewandelt werden. Die Erfahrung hat es gelehrt, daß der Sohn Albions sich wenig an das Eigenthumsrecht anderer Nationen kehrt und schwerlich das wieder freigiebt, worauf er seine Hand bereits gelegt hat. Das arme Portugal sieht den mächtigen, rücksichtslosen Gegner in seinem Gebiete vordringen und kann in seiner Ohnmacht es nicht hindern! —

Einen unverkennbaren Einfluß, welche Macht das Kapital besitzt, kann man auch in Central-Afrika bemerken, denn heute sind durch die englischen Kanonenboote alle Sklavendhaus weggenommen oder zerstört und doch haben die Yao's ihre Drohung nicht wahrgemacht, selbst Yumbe's Reich ist konfiszirt worden, deshalb mag man sich fragen — welches Equivalent haben die klugen Engländer den Häuptlingen geboten für den erträglichen Sklavenhandel, den sie zerstört haben! einfach genug, der Handelsmann dringt vor mit seinen Waaren und ebnet die Wege! — Geld ist Macht. — Trotz alledem aber ist die englische Macht dennoch in diesem ungeheuren Gebiet viel zu schwach, dem Unwesen ganz zu steuern, die feindliche Bevölkerung leistet demselben allen nur erdenklichen Vorschub; feindlich gesinnte Häuptlinge, als Kassembe etc., in unzugänglichen Bergen, schüren das Feuer der Empörung und ist auch der Sklavenhandel über den See hinweg fast unmöglich, werden die arabischen Händler nun südwärts ziehen und im Gebiet Mpondas den Schirefluß zu überschreiten suchen, so portugiesisches Territorium gewinnend, wo sie vorläufig noch ihre Waare an den Mann bringen können.

Längs der steilen Felsenküste südwärts am Kap Malambe vorbei, bogen wir in die Zirambo-Bai ein und fanden hinter Losefa vor Pandimba eine Dhau Makangilas liegen. Ein leichtes wäre es gewesen, uns dieses Fahrzeuges zu bemächtigen, aber hier, schon auf englischem Gebiet, hätte ein Eingriff nur zu unliebsamen Erörterungen führen müssen, als dann unsere liebenswürdigen Vettern den Mund wieder mal recht voll genommen hätten. Da uns auch bekannt war, daß in Kürze mit Makangila abgerechnet werden sollte, so hatten wir keine Veranlassung, den Kriegsruhm der Engländer zu schmälern, obgleich die am Strande versammelte Menge in nicht wiederzugebender Weise höhnend die Waffen schwang. Unser Zweck nur war, die niedrige, durch Sandbänke und Untiefen schlecht zugängliche Küste kennen zu lernen, deshalb dampften wir ohne Aufenthalt vorbei und weiter über Monkey-Bai nach unserer Station Port Maguira, wo wir am 6. Oktober anlangten.