20. Der Nyassa-See.
Da Port Maguira sowohl zu Lande als auch zu Wasser eine beträchtliche Strecke von Fort Johnston entfernt liegt und gänzlich isolirt ist, hätte in diesem, um es zu schützen, eine genügende Besatzung zurückbleiben müssen, deshalb war Major von Wißmann mit der Anlage einer neuen Station oberhalb Fort Johnston, wo Herr von Eltz sich ein Stück Land, direkt am Schire gelegen, von den Engländern ausbedungen hatte, einverstanden; und da nun diese Station aufgegeben werden sollte, erfolgte daraufhin die Einschiffung der gesammten Bestände. Zurück blieben nur, unter Befehl von Zander, diejenigen Soldaten, welche nach erfolgter Uebergabe des Schiffes und der Station Langenburg an das Reich mit dem Major zur Küste zurückkehren sollten.
Am 10. Oktober schon traten wir die Reise nordwärts wieder an und jetzt, unter der Westküste des Sees entlang laufend, ankerten wir zunächst in der Papendula-Bucht; dann, über Kap Maklair hinaus, unter der felsigen Elephanteninsel, die nach Aussage der Eingeborenen mit Elephanten bewohnt gewesen sein soll, entlang, untersuchten wir südlich von Leopard-Bai, zwischen den Inseln Marenje und Mankowa den See und die Küste eingehend.
Der um diese Zeit frische Südwind, anstatt erst gegen 9-10 Uhr Morgens, wie es sonst der Fall, plötzlich aufzuspringen, um mit Sonnenuntergang wieder still zu werden, wehte mit zunehmender Stärke auch des Nachts, und fast kann ich sagen, den schwersten Sturm, den ich während meines langen Aufenthalts am Nyassa-See durchgemacht habe, war der vom 12. bis 14. Oktober 1893. Mit vollen Backen blies der entfesselte Sturm über die beiden niedrigen Inseln der Bentje-Gruppe, unter denen wir Ankergrund und Schutz gefunden hatten, mit einer Gewalt, daß ich besorgte das Schiff könnte von dem ziemlich steil abfallenden Grund abgetrieben werden. Auch Major von Wißmann, der diese Nacht am Lande im Zelt verbrachte, fand es am Fuße des hohen Bergkegels im höchsten Grade ungemüthlich. Wären wir gezwungen gewesen, am nächsten Morgen gegen die wilde See andampfen zu müssen, würden wir wohl schwerlich vorwärts gekommen sein, so aber liefen wir vor derselben und dem Sturme, mit einer Geschwindigkeit von über 11 Knoten die Stunde durch die schäumenden Fluthen. Trotz dieser Geschwindigkeit überlief uns dennoch die See und Wasserberge brüllten an den Seiten des schwerrollenden Schiffes auf, ihre Schaumkronen über das Hinterdeck ergießend, die zuweilen die hochgehißten Boote gefährdeten. Der Aufruhr der Elemente, wie man es hier kaum vermuthet hätte, bot ein grausig-schönes Bild, man konnte sich versetzt denken in den Ozean, wo die langrollenden Wogen fast weniger gefährlich sind wie hier, weil das süße, und darum leichtere Wasser des Sees schneller und wilder aufgewühlt wird und die kurzlaufenden Seen deshalb auch gefährlicher werden.
Hinter den Bänken vor Kota-Kota fanden wir erst wieder Schutz und ruhig Wasser. Kaum hatte Jumbe aber die Ankunft des Majors erfahren, als er selber an Bord kam und dem ihm wohlbekannten »bwana mkuba« begrüßte, auch bat er den Major ihm gegen einen seiner abtrünnigen Häuptlinge zu helfen, der sich mit seinem Anhang in einer Boma innerhalb Kota-Kota fest verschanzt hatte und die Jumbe trotz seiner zahlreichen Krieger nicht zu stürmen imstande war; namentlich wollte er, daß vom Schiffe aus die Boma bombardirt werden sollte. Diese Bitte mußte ihm natürlich rundweg abgeschlagen werden, da es Sache der Engländer war, ihren Schützling und Alliirten aus der Klemme zu befreien und nichts weiter konnte geschehen als daß wir ihn auf der Rückreise abholen und nach Fort Johnston bringen konnten, wo er sich bei seinen Freunden Hilfe und Assistenz erbitten könnte. Es geschah auch, und sobald die Kanonenboote »Pionier« und »Adventurer« fertig gestellt waren, war ihre erste Aktion die Feinde Jumbes zu vertreiben.
Major von Wißmann folgte der Einladung Jumbes und stattete diesem einen Besuch in dessen Barasa (Behausung) ab, eigentlich nur um sich dieses Nest Kota-Kota mal näher anzusehen. Jumbe aber, der diese Ehre zu schätzen wußte, hatte seine gesammte Kriegsmacht aufgeboten, an die 3000 Mann, und ließ die beliebten Kriegstänze aufführen. Ein wilder Tumult ist es gewesen, den die durch den Tanz halb unsinnig gewordene Menge verursachte, fortwährendes Schießen mit alten Donnerbüchsen, wildes Geheul, Ngomaschlagen etc.; es konnte einem Zuschauer der Appetit vergehen, namentlich, wenn Hunderte zugleich mit gesenkten Speeren einherstürmten und erst wie eine wilde Fluth plötzlich standen und zurückwallten, wenn die Speere fast den Zuschauer berührten. Kaltes Blut, ein fester Blick und keine Furcht bei solchem eigenartigen Spiel ist es, was den Kriegern an dem Fremden imponirt, der desto höher in ihrer Achtung steigt je ruhiger er dem unvermeidlichen Tod entgegen sieht, wenn das Spiel mit solchen gefährlichen Waffen ernst gemeint wäre. Gut thut man auch, solchen Schauspielen bald den Rücken zu kehren, ist der Gast auch sicher und würde ihm kein Haar gekrümmt werden, so kann man doch der unberechenbaren Leidenschaft solcher Krieger nicht vertrauen.
Eine fruchtbare gut bewässerte Ebene ist es, die hinter Kota-Kota zwischen den Flüssen Chamimbe, Chukapulu und Chiningola bis zum hohen Gebirge sich ausbreitet, gut bebaute Schamben, Reisfelder etc. bestätigen dies, auch heiße Schwefelquellen südlich von Kota-Kota entquellen dem Boden, deren Werth keiner zu schätzen weiß. An der flachen Küste nach Bandawe zu, muß ich einen Ort in der Marenga-Sanga-Bucht erwähnen, den ich später öfter, um dort Holz zu kaufen, anlief. Ein felsiger Bergkegel, mit zerstreuten Rocks umgeben, hebt sich am sandigen Rande der Ebene, zerklüftet und zersprengt, gleich einem Wartthurm von seiner Umgebung ab, hinter diesem auf flachem Grund, getrennt durch einen Wasserarm, befindet sich erst das Dorf des Häuptlings Mbiwis. Einen ungesunderen, schmutzigeren Ort als dieses Dorf habe ich kaum je angetroffen, schon das morastige Wasser, schwarz und übelriechend, über welches ich mit einem elenden Kanoe gesetzt wurde, verpestet die Luft. Zur Berathungshütte gekommen, fand ich um diese eine ganze Zahl mit allerlei Gebrechen behaftete Kranke auch Krüppel vor; da ich dies nicht erwartet hatte, weil ich eigentlich etwas anderes erforschen wollte, wurde mir auf meine Frage, was diese wollen, gesagt, der weiße Mann habe Dhaua (gute Medizin) die jedem helfen würde und ich möchte ihnen doch helfen und solche geben.
Ich sah mir auch die mit scheußlichen Wunden Behafteten an, fand bei einigen Elephantiasis und vollständig vertrocknete Gliedmaßen vor — doch was konnte ich dagegen thun? Absolut nichts. — Die offenen Wunden waren meistens durch irgend eine Verletzung entstanden, durch Unreinlichkeit und namentlich durch die schrecklichen Fliegen entzündet und sehr schlimm geworden, so daß bei den meisten schon Knochenfraß eingetreten war. Um nun aber doch nicht achselzuckend mich abzuwenden, weil jede Hilfe unmöglich war, ließ ich diesen Unglücklichen wenigstens sagen, was sie thun sollten. Durch den Dolmetscher rieth ich ihnen, die Wunden jeden Abend und Morgen mit warmen Wasser auszuwaschen und solche immer mit dem Zeuge, das ich geben werde, gut verbunden zu halten. Keine Fliege noch Schmutz darf hineinkommen, wenn sie dieses thun, werden die Schmerzen abnehmen. Ich zeigte ihnen darauf, wie sie es zu machen hatten und ließ die Elendsten sogleich von deren Angehörigen reinigen, mit herbeigeschafften Carbolwasser die Wunden auswaschen und dann verband ich sie. Auch wies ich sie an, zu den weißen Männern nach Bandawe zu gehen, das von hier nicht so weit entfernt ist, dort finden sie Hilfe, wenn sie thäten was der Msungu ihnen sagt. Dr. Elmslie, dem ich den Zustand in diesem Dorfe gelegentlich mittheilte, war aber mit mir auch der Ansicht, daß sie erst die Hilfe des Europäers suchen werden, wenn ihre Medizinmänner durch Beschwören und anderen Hokus-Pokus sie nicht mehr helfen können, überhaupt jede Hilfe zu spät ist — auch werden sie keinen Rath genau befolgen und darum meistens elend zu Grunde gehen.
Tintatsche, etwa eine Stunde oberhalb Bandawe gelegen, ist das Hauptdorf der Atonga und ist der Ort, wo wir unsere Arbeiter sowohl, als auch die von der englischen Administration gewünschten, anwarben; auch an anderen Orten, wenn sich welche meldeten, nahm ich solche mit, die gewillt waren einen halbjährlichen Kontrakt einzugehen, denn zu Zeiten war der Arbeitermangel im Schirehochland sehr fühlbar und daher jeder Mann den Engländern willkommen, die gerne die Passage und Unkosten bezahlten. Jedesmal, wenn ich vor Tintatsche vor Anker ging, war der Andrang der Atonga groß und ein sehr bewegtes Leben entfaltete sich bei solcher Anwerbung auf und um dem Schiffe, eine Flottille von Kanoes fuhr beständig ab und zu und brachte immer neue Bewerber, namentlich halbwüchsige Jungens priesen sich in großer Zahl an, die aber zurückgewiesen werden mußten. Ergötzliche Scenen spielten sich auch ab, wenn im Gedränge mehrere dieser leichten Fahrzeuge kenterten; aber ob im Wasser oder im schwankenden Kanoe, blieb diesen lustigen Naturkindern einerlei.
Ein Höllenspektakel ist natürlich dabei unausbleiblich, auch werden die Leute leicht zudringlich; einmal machten sie mir den Spaß denn doch zu bunt, und die dumpfheulende Dampfpfeife ertönen lassend, hatte der laute Schall einen wunderbaren Effekt, wo sie auch standen, hoch oder niedrig, im Nu waren sie über Bord gesprungen und suchten das Weite.
Die Küstenstrecke von Kap Chirombo bis Mschewere, etwa 90 englische Meilen, ist nun wieder eine steil anstrebende, gewaltige Bergmasse, unterbrochen von tiefen Schluchten, als der Uziza-Bucht, Neu-Helgoland gegenüber, der Benzantze-Bai 11° 7´ S. Br., der Pankanja-Bucht und Deep-Bai, letztere ein gewaltiger NN.-W. in das Land eindringender tiefer Busen. Hier speziell sind die Gebirgsmassen getrennt, als habe ein verheerender Strom die Felsen weggefegt und vernichtet, so erscheint vom Hochlande her ein geebnetes Bett herunter gegraben zu sein, nur langgestreckte, runde Hügelkuppen erheben sich in demselben, gleich starren mächtigen Wogen. Ueberreste sind der Pankanga-Kegel und Trümmermassen als die Mtawale-Insel und weit vom Lande abliegende Rocks. Keinen Schutz bietet die nach Süden offene tiefe Bai, ganz dicht unter Land ist erst Ankergrund zu finden, auch wird es für ein Schiff unmöglich, sich gegen die zu Zeiten einlaufende schwere See dort zu halten. Geeigneter ist die nur wenige Meilen nördlicher, der Amelia-Bai gegenüberliegende Pankanga-Bucht, die nördlichste englische Militärstation; wenigstens ein guter Ankergrund ist in dieser zu finden, und brandet auch oft die See vom heftigen Ostwind hineingetrieben über die Steine und Felsen, die überall umhergestreut liegen, sodaß ein Landen fast unmöglich ist, liegt ein Schiff doch weit genug vom Lande und mit guten Ankern sicher genug. Eine besonders auffallende Form zeigt der Mont Waller, Peri oder Mjonce genannt, der das Kap Nikuru 10° 43´ S. Br. bildet, und an den hohen Gebirgsstock sich anlehnt; nahezu 3000´ hoch, scheint derselbe terrassenförmig aufgethürmt worden zu sein, wenigstens liegt dazu die Vermuthung nahe, als derselbe nicht mit den massiven Felsenmassen eng verbunden ist und eine andere Zusammensetzung des Gesteins aufweist.
Nach der werthvollen Steinkohle ist schon vielfach in den Nyassa-Ländern geforscht worden, bis jetzt aber vergeblich und fragt es sich, ob nicht Mont Waller solchen Schatz bergen sollte. Mir sind vom Agenten der Station Pankanga Mr. Crawshay große auf der Oberfläche des Berges gefundene Stücke gezeigt worden, wonach anzunehmen wäre, wenn, wie es den Anschein hatte, diese Stücke wirkliche Kohle war, ein Abbau möchte vielleicht lohnend sein, indes schon die ganze Bildung der Gesteinmassen läßt die Annahme, daß möglicher Weise compacte Kohlenlager gefunden werden könnten, unwahrscheinlich erscheinen, als unter den Granitmassen der mächtigen Gebirge alles andere nur nicht Kohle zu vermuthen ist, und müßte Mont Waller in Form und Bildung so verschieden eine Ausnahme machen. Abzuwarten bleibt, ob an Ort und Stelle, wenn erst ernstlich an eine genaue Untersuchung herangegangen wird, bessere Kohle, als die mit Gestein stark durchsetzten Beweisstücke ergaben, gefunden wird, welchen Versuch man aber wohl erst dann unternehmen wird, wenn das Brennholz für die Schiffe schwerer zu erlangen ist; vorläufig, so lange die Höhen dicht mit Baum und Busch bestanden sind, ist Mangel an Holz ausgeschlossen.
Als wir am 15. Oktober nach Langenburg zurückgekehrt waren, hatte Major von Wißmann erwartet, die Herren Wyncken und Lieutenant Prince, die auf eine Expedition nach dem Sultan Marara schon längere Zeit abwesend waren, bestimmt anzutreffen, da er die Station an das Reich übergeben und seine Heimreise baldmöglichst anzutreten gedachte. Wider Erwarten war dies nicht der Fall und erst 5 Tage später traf die Abtheilung in Langenburg ein, aufgehalten am Wege durch die nothwendige Erstürmung einer Boma, die ein den Deutschen und Marara feindlich gesinnter Häuptling besetzt hielt.
In den Morgenstunden unter Kanonensalut von Fort und Schiff, der aufmarschirten, präsentirenden Sudanesenkompagnie wurde die deutsche Reichsflagge im Fort gehißt, und weithin hallte das Hoch auf den deutschen Kaiser. Darauf lichtete H. v. Wißmann sofort die Anker und der Kanonendonner von Fort Langenburg grüßte zum letzten Male den scheidenden Führer, der seine schwere Aufgabe und sein Werk so glänzend beendet hatte.
Einen großen, kühnen Plan, der leider nicht in Erfüllung gehen sollte, hatte Major von Wißmann gehegt, nämlich: den Rachezug gegen die Wahehe, die bisher ungestraft sich ihres Ueberfalls und der Vernichtung der Zelewkischen Expedition noch immer rühmen konnten, wollte der Major von hier aus mit seiner kampfgeübten Truppe ins Werk setzen. Die zahlreichen Stämme auf dem Livingstone-Gebirge, vor allem die Wagwangwara sollten südwärts in das feindliche Gebiet einfallen, auch Marara, unser Aliirte und früherer Sultan der mächtigen Wahehe, war bereit, mit tausenden seiner Krieger vorzugehen, und die deutsche Besatzung Taboras von Norden heranziehend, erübrigte es nur noch, das ebenfalls von der Küste aus über Mpwapwa und Kilwa starke Kolonnen zum Angriff vorgingen und das schönste Kesseltreiben wäre fertig gewesen — dieser großartige Plan aber, der unter Führung des Majors zur vollständigen Unterwerfung der Wahehe geführt hätte, kam jedoch nicht zur Ausführung. Auch andere Vortheile wären uns aus solchem gemeinsamen Vorstoß erwachsen, z. B. würde das Ansehen der deutschen Macht mit einem Schlage gehoben worden sein; die Völker hätten nicht nur unsere überlegenen Waffen, sondern auch die zielbewußte Führung gesehen und selbst als unsere Bundesgenossen uns fürchten gelernt. Die voraussichtlich kommenden Kämpfe, wenn die Gebirgstämme sich gegen die Autorität der deutschen Macht später auflehnen werden, würden unterbleiben und minder heftig sein, die Folge wird sein, daß sie nun erst an sich selbst erfahren, wie Widerstand und Rebellion gestraft wird. Zwar hat Seine Excellenz Freiherr v. Schele den Wahehe später eine exemplarische Lektion ertheilt, ihre stärkste Veste gestürmt und zerstört, allein sie werden sich schwerlich fügen lernen und uns noch viel zu schaffen machen. Ueber Karonga südwärts laufend, ankerten wir am Abend des 23. Oktober zwischen den Felsenroks unterhalb Panganga, vor der Insel Mtawale; hier aber dem heftigen Ostwind und der schweren See ausgesetzt, war es eine schlimme Nacht, die wir verbringen mußten. Am nächsten Morgen wurden wir durch die breitseits anrollenden Wogen, die das Schiff überspülten, gezwungen, den Kurs zu ändern um unter der Ostküste Schutz zu suchen, und so erreichten wir über Likoma, Msumba, Monkey-Bai am 29. Port Maguire.
Da die neue Station am Schire nun bald beendet war, befahl der Major, Fort Maguire zu demoliren, und schon nach zwei Tagen war der Ort, der so lange uns Schutz und Aufenthalt gegeben, nur noch ein Trümmerhaufen. Am 31. Oktober 1893, nachdem nun auch der »H. v. Wißmann« dem Reiche übergeben und die Flagge gewechselt worden war, verließ Major v. Wißmann unter dem Salut der Schiffsgeschütze den deutschen Boden, das Hurrah der Besatzung war den Scheidenden der letzte Gruß!
So hatten denn nun auch die letzten Theilnehmer der großen Expedition Abschied genommen, der Major, Dr. Bumiller, de la Fremoire und Franke — die Schaar der schwarzen Kämpfer war gelichtet und mancher brave Soldat vom Feinde oder dem tückischen Fieber hingerafft, ruhte in fremder Erde, und doch sollte schon nach wenigen Tagen einer der Bravsten, der tollkühn oft im Kampfe den feindlichen Kugeln sich preisgegeben und unerschrocken dem Tode so oft ins Auge geschaut hatte, rasch und unerwartet hingerafft werden. Der Vetter des Majors von Wißmann, de la Fremoire, gesund und hoffnungsfroh, lag, ehe noch Matope erreicht worden war, sterbend darnieder. Schnell erlöste ihn der Tod und er fand die Ruhe und ein einsam Grab am Waldesrand hinter Matope — sein Andenken wird aber in allen denen fortleben, die ihn lange Jahre als einen tapfern, lieben Kameraden gekannt und schätzen gelernt haben.
In nun neue Verhältnisse und mit dem Schiffe in Reichsdienst übergetreten, machte ich mit dem H. v. Wißmann noch manche Reise, den Nyassa-See kreuz und quer durchziehend; viel Interessantes fand ich an manchen Orten und widmete meine Aufmerksamkeit namentlich der Beschaffenheit des Sees und seiner umwohnenden Bevölkerung. Ueber letztere will ich, so weit meine Erkundigungen und Nachfragen vornehmlich bei den Missionaren genau genug sind, einiges über deren Sitten und Gebräuchen sagen, vorher aber bemerken, daß das, was ich in kurzer Schilderung erwähne, nur ein Bruchtheil dessen ist, was eigentlich über die Völker der Nyassa-Länder gesagt und geschrieben werden könnte, auch ziehe ich es vor, nur das anzuführen, was ich aus eigener Erfahrung und Urtheil kennen gelernt habe, sowie was mir von Männern verbürgt worden ist, die inmitten dieser Völker schon lang leben und gewiß sich ein maßgebendes Urtheil angeeignet haben.
Zulustämme im eigentlichen Sinne, wie verschieden auch ihre Namen, sind heute vorwiegend die Bewohner der Nyassa-Länder; an Zahl groß und gleich allen Zulus kriegerischen Sinnes, haben sie die Urbevölkerung verdrängt oder vernichtet und sich in den reichen Gebieten des Gebirgslandes festgesetzt. Natürlich hat die allmählige Eroberung und Besitznahme nicht damit ihren Abschluß gefunden, vielmehr nachdrängende Stämme vertrieben die ersten wieder oder solche besiegt, gingen in den stärkeren schließlich auf. Ein periodisches Wandern, Verdrängen und beständiges Kämpfen um den Besitz ist auch heute noch Gebrauch und aus Erzählungen älterer Eingeborenen kann man entnehmen, wie hart und heiß von vielen Häuptlingen um einen beneideten Besitz gestritten wurde, ehe z. B. die Ngoni sich das ganze westliche Land erobert hatten.
Was Gebräuche und Sitten anbetrifft, worauf ich speziell eingehen werde, so ist für diese ein gleicher Ursprung anzunehmen, als fast alle Stämme des Nyassa-Hochlandes gemeinsamer Abstammung sind. Das Familienleben vor allem, bei zivilisirten Völkern die stärkste Stütze eines Staates, weicht hier weit von der christlichen Auffassung über solches ab und namentlich die Ehe wird bei diesen Völkern ganz anders beurtheilt, nicht in dem Sinne wie wir sie aufzufassen gewohnt sind. Leicht löslich von Seiten des Mannes, ist die Ehe meistens nur ein Uebereinkommen, oft ohne eine besondere Zuneigung von Seiten der Frau, was der Fall, wenn der Mann ein Polygamist ist und schon mehrere Frauen hat. Die Vielweiberei ist jedem gestattet, der imstande ist, der erwählten Schwiegermutter, vor allem deren Bruder, das eigentliche Haupt einer Familie (der Vater hat kein Verfügungsrecht über seine Töchter), das übliche Brautgeschenk, bestehend in Zeug, Ziegen etc., zu machen, auch sich verpflichtet, von Zeit zu Zeit bei der Ernte oder einem Hausbau zu helfen. Polygamie wird in dem Sinne als zu Recht bestehend angesehen, als dadurch der Mann zurückgehalten wird, Ehebruch zu begehen, der hingegen für eine überführte Frau meistens verhängnißvoll ausfällt. Nach der Verheirathung mit einer dritten oder vierten Frau lebt der Mann zunächst mit dieser längere Zeit, dann aber verläßt er sie, um bei einer andern zu wohnen und ist er dieser auch überdrüssig, kehrt er zurück, oder geht die Reihe herum, so daß außer der einen, bei welcher er sich aufhält, die anderen angewiesen sind, sich von ihren Blutsverwandten unterhalten zu lassen. Die nun so allein und unbewachten Frauen erliegen sehr oft der Versuchung sich schadlos zu halten und schenken einem Verführer nur zu willig Gehör, obwohl sie wissen, daß eine Entdeckung für beide Theile schlimme Folgen haben kann. Nur zu oft, und das ist das Verwerflichste bei solcher Polygamie, beschuldigt mit und ohne Grund der nach langer Abwesenheit zu einer seiner Frauen zurückkehrende Mann diese des Ehebruchs. Selten wird die Frau, außer wenn sie überführt ist, eingestehen, sich vergangen zu haben; doch auf bloße Verdachtsgründe hin steht dem Ehemann das Recht zu (wir würden es einfach als vorsätzlichen Mord bezeichnen) seine Frau zu zwingen, »pande« Gift zu trinken. Giebt sie es wieder von sich und bleibt am Leben, wird sie als unschuldig angesehen, stirbt sie aber und ihre Unschuld wird nachgewiesen, tritt häufig von seiten ihrer Verwandten die Wiedervergeltung ein, die dann für den Mann gewöhnlich von schlimmen Folgen begleitet ist.
Fällt bei solcher Beschuldigung der brutale Zwang fort und handelt der Mann in Uebereinstimmung mit den Verwandten seiner Frau, wird einem Hunde oder Huhn »pande« gegeben. Bricht solches Thier das Gift wieder aus, wird die Anklage als falsch angesehen, stirbt es aber, bekennt die Frau ihre Schuld und nennt auch vielleicht den Verführer, ob sie aber wirklich schuldig ist oder nicht, gegen das Ergebniß eines solchen Urtheils giebt es keinen Widerspruch. In solchem Falle, wenn durch Vergiftung ein Thier stirbt, also die Schuld erwiesen ist, beansprucht noch der Mann eine Entschädigung, welche die Verwandten seiner Frau aufzubringen haben — er erhält meistens das Brautgeschenk zurück — was dann gleichbedeutend mit einer Scheidung ist; wird hingegen solche nicht gegeben oder verlangt, erhält die Frau eine schwere körperliche Züchtigung.
Um eine Scheidung herbeizuführen bedarf es aber nicht immer so triftiger, oft gewiß frivoler Gründe, es genügt auch, wenn der Mann erklärt, daß dies oder jenes Weib ihm überdrüssig ist; auch machen sich die betroffenen Frauen nicht viel Kopfzerbrechen darüber, welche Gründe den Mann veranlaßt haben, sie verlassen zu wollen, vielmehr ist ihnen eine Veränderung häufig willkommen, da gemeinhin einer geschiedenen Frau die Wiederverheirathung gestattet ist; nur in Fällen, wenn sie fürchten müssen, begangene Untreue könnte nachgewiesen werden und sie würden, solche leugnend, gezwungen »pande« zu trinken, nehmen sie die Sache durchaus nicht so leicht. Von gegenseitiger Zuneigung kann daher, weil die Sitte der Polygamie kein rechtes Familienleben möglich macht, keine Rede sein oder doch nur in den seltensten Fällen. Hingegen auf solche Art verlassene Häuptlingsfrauen, denen das Recht der Wiederverheirathung genommen ist, zeigen sich viel erregter und untröstlicher. Ein großes soziales Uebel ist die Polygamie wohl bei allen afrikanischen Völkern und hindert wesentlich die Verbreitung des Christenthums, weil dieses der eingewurzelten Unsitte entgegen treten muß.
Der verbrecherischen Sitte, den Gifttrank, den im Verdacht der Untreue stehenden Weibern, aufzuzwingen, kann leider nicht entgegen getreten werden, aus dem Grunde schon, weil noch die Macht der Europäer in diesem ganzen großen Gebiete so gut wie belanglos ist und bekannt gewordene Fälle der strafenden Gerechtigkeit unerreichbar sind. Auf den Inseln Likoma und Kissimulu allein, wo englische Gerichtsbarkeit eingreifen konnte, wurden zwei Uebelthäter erfaßt. In dem einem Falle war ein Mädchen gezwungen worden »pande« zu trinken und, da es als unschuldig befunden wurde, zahlte der Ankläger die übliche Strafe, in dem anderen wurde das Gift einem Hunde eingegeben. Beide Anstifter hatten aber ihre That mit mehrmonatlicher harter Gefängnißstrafe zu büßen, was, da die Strafe solchen unbegründeten Anschuldigungen auf dem Fuße folgte bei der Bevölkerung einen nachhaltigen Eindruck machte.
Obgleich diese Volksstämme in moralischer Hinsicht auf eine tiefe Stufe stehen, ist doch in ihnen das Bewußtsein lebendig, daß Unmoralität Uebels im Gefolge haben kann, z. B. ist die Ansicht bei den meisten Stämmen, als Angoni, Atonga, Tumbuka, Chewa und andere vorherrschend, daß je nachdem in einem Dorfe mehr oder weniger Ehebrecher wohnen, die Bewohner, im Falle einer ausgebrochenen Pockenepedemie, auch demgemäß von der Seuche befallen und weggerafft werden. Ein Dorf von dem gesagt wird, es ist »ufudumele« (warm) hat einen schlechten Ruf d. h. alle die erkranken sterben auch, »umakaza« (kalt) aber ist ein solches, in welchem die Seuche wenige Opfer fordert. Nach dem Glauben der Angoni hassen sich Ehebruch und Pocken und wer solches Vergehen begangen hat stirbt durch die Pocken oder andere für ihn. Betritt ein Ehebrecher eine Hütte in welcher Erkrankte liegen, müssen diese sterben; es wird gesagt, derselbe ist mit Feuer eingetreten. Zutritt zu einem Pocken-Kranken haben nur dessen nächste Anverwandte, versucht hingegen ein mit solchem Vergehen Beschuldigter diesem dennoch nahe zu kommen, wird angenommen er habe es absichtlich gethan und der Eintritt wird ihm eventuell mit Gewalt verweigert. Erkranken in einer Familie mehrere, werden die noch Gesunden beschuldigt, sich vergangen zu haben, denn der Glaube, für andere leiden und sterben zu müssen, ist zu tief eingewurzelt, als daß er erschüttert werden könnte.
Die in Europa mit vollem Recht verpönte Sklaverei, die zu unterdrücken die zivilisirten Völker sich verbunden haben, ist den meisten Laien doch nur als ein verabscheuungswürdiger Handel bekannt, unternommen von arabischen Händlern, deren Horden, vornehmlich durch plötzlichen Ueberfall, wehrlose Stämme und Dörfer vernichten und die eingefangenen Menschen gleich dem Vieh zur oft fernen Küste treiben. Weniger bekannt sind die Ursachen, um welcher willen häufig Eltern ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen, Freie und Häuptlinge bestrebt sind sich durch den Menschenhandel zu bereichern. Weit verbreitet über Afrika ist diese Unsitte, speziell aber will ich hier anführen wie sich die Völkerstämme des Nyassa-Hochlandes hierzu verhalten!
Der friedlichen Arbeit, dem ehrlichen Handel abhold, sind es namentlich die Jav's und Wagwangwara an der Ostküste des Nyassa-Sees, die den Menschenhandel mit Vorliebe betreiben und denen jedes Mittel recht ist, wenn sie nur Sklaven erlangen und erwerben können. Schutz- und rechtlos ist in diesen Ländern der Schwächere und der Willkür des Stärkeren preisgegeben, so z. B. gelüstet es oft einem Häuptling auf Menschenraub auszugehen, ein fremdes Dorf im nächtlichen Ueberfall auszurauben oder sich der arglos auf den Feldern arbeitenden Bewohner zu bemächtigen. Gelingt der Ueberfall oder Raub, werden die Gefangenen schleunigst hinweggeführt, und ehe vielleicht Hilfe nahen könnte sind sie aus dem Bereich ihrer Freunde. Wohl wissend, das die Ueberfallenen zu schwach sind, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, lassen sich die Räuber mitunter später auf Unterhandlungen ein und geben die Gefangenen gegen ein entsprechendes Lösegeld, Ochsen oder Ziegen, wieder frei; war es jedoch auf Sklaven abgesehen, weisen sie dieses zurück und dann bleibt nichts anderes übrig als die gefangenen Männer durch Knaben auszulösen. Die betroffenen Familien müssen zunächst einen der Ihrigen zu veranlassen suchen für den Vater, Onkel etc. in die Sklaverei zu gehen.
Gewöhnlich trifft das Loos solche, die eine Sklavin zur Mutter haben, trotzdem sie ebenso gut Blutsverwandte der Geraubten sind, wie die Kinder einer freien Frau, einer aber muß gehen und die bittere Nothwendigkeit zwingt die unfreie Mutter ihr Kind zuerst wegzugeben. Ist eine Familie aber nicht imstande solches Opfer zu bringen, findet sich meistens doch jemand der für ein Stück Rind etc. einen Sklaven hergiebt; unerläßlich jedoch wird solch Lösegeld, wenn es gilt einen Häuptling oder sonst Angesehenen des Stammes wieder zu befreien. Gewiß wird man in solcher Handlungsweise große Herzlosigkeit sehen können, aber die Familienbande durch Polygamie, durch die überall zu Recht bestehenden Sklaverei gelockert, werden solche Opfer nicht allzuhoch veranschlagt und vorherrschend ist die Anschauung, daß es besser ist große Opfer zu bringen, als sich der erwachsenen Männer berauben zu lassen. Solche Räubereien, so häufig sie auch vorkommen, geben den Ueberfallenen wenigstens Gelegenheit sich ihrer Haut zu wehren und werden einzelne auch hinweggeführt leiden dadurch doch nicht alle; andere Fälle aber sind ernster, und schlimm steht es erst, wenn heimtückische Feinde vor der Ernte die Felder zerstören oder verwüsten und die Bewohner eines Dorfes verhindern sich Nahrung zu suchen; unerbittlich zieht dann der Hunger ein und überliefert die Einwohner auf Gnade oder Ungnade ihren Feinden. Solches Treiben mächtigerer Stämme bringt über ganze Distrikte häufig genug Noth und Elend; schlimmer aber noch ist es, wenn eine allgemeine Hungersnoth eintritt, dann wandern wankende Gestalten viele Meilen, um nach den Masukafrüchten zu suchen, die neben oft giftigen Wurzeln und anderen Pflanzen die einzige Nahrung bilden. Von solchem harten Loos werden häufiger die Stämme an den Ufern des Nyassa-See's heimgesucht, weniger die im Hochland wohnenden, und wenn dann die Noth am höchsten gestiegen ist, kommen, um nur ein Beispiel anzuführen, die Yao's zur Küste mit Waffen und geringem Vorrath und geben namentlich den hungernden Kindern ein wenig zu essen, verlangen aber, wenn solches Almosen angenommen wird, sofortige Bezahlung dafür und, da die Halbverhungerten absolut nichts zu geben haben, führen sie solche mit sich in die Sklaverei.
Eine grausame Methode ist es, für ein Stückchen Cassava (Wurzel) oder eine Hand voll Korn ohne Mitleid den Hungrigen die Freiheit zu nehmen, aber zu solchem Zweck gerade ist der Yao gekommen und läßt sich die günstige Gelegenheit, auf so billige Art Sklaven zu erhalten, darum nicht entgehen. Bringt der herzlose Käufer größeren Vorrath, dann wird oft, um nur für Tage den Hunger stillen zu können, ein Glied einer Familie ihm für wenig Essen verkauft — die Armen sagen sich, es ist besser, daß einer geht, für den die bittere Noth ein Ende hat, denn daß sie alle sterben — wenigstens für kurze Zeit haben sie etwas besseres als Gras, giftige Wurzeln und Wasserpflanzen zu essen! Freilich trifft zuerst das harte Loos den Unfreien, aber auch der Freie wird in Zeiten höchster Noth nicht geschont, und einem harten Geschick sind die Verkauften verfallen, die vielleicht doch nicht die Ihrigen vor dem Hungertode haben bewahren können. Allein wie allgemein auch der bittere Zwang den Menschenhandel begünstigt und es den Anschein hat, als würden die Bande des Bluts ohne viel Mitgefühl zerrissen, so kommt es doch noch häufiger vor, daß viele lieber dulden und sterben, ehe sie ihre Kinder verkaufen — die Mutterliebe ist oft stärker als die bitterste Noth — und bietet der eigennützige Yao seinen verhängnißvollen Bissen an, weigern sich trotzdem viele, solchen anzunehmen und widerstehen der Versuchung; denn die Kinder retten, heißt sie auf immer verlieren. — Der Neger liebt die Scholle, auf der er geboren, ob er sie willig oder unfreiwillig verlassen muß, sein ganzes Sinnen bleibt doch für lange Zeit darauf gerichtet, wieder zu ihr zurückkehren zu können und scheut dafür keine Noth noch Gefahr; lieber leidet und hungert er mit den Seinen, theilt Freud und Leid mit den Gespielen, als daß er auf lange Jahre sie verlassen sollte, auch wenn ihm die Aussicht winkt, sein einziges Begehren erfüllt zu sehen, seinen Magen immer füllen zu können.
Oft habe ich die Erfahrung gemacht, daß, wie häufig auch die Eingeborenen sich erbieten mit einem Europäer zu gehen, sie dies nur unter der Bedingung thaten, in nicht allzu langer Zeit wieder zu ihrem Heimatsort zurückkehren zu dürfen und auf dem »H. v. Wißmann« war das längste Engagement nur 3 Monate; wohl kamen die Leute wieder, sobald sie ihren Verdienst aufgezehrt, oder sie Lust zur Arbeit hatten, indes anhaltend zu arbeiten, dazu waren sie nicht zu bewegen. Ob sie auch meilenweit über Berg und Hügel wandern mußten, nichts hielt diejenigen, welche Urlaub bekamen, zurück, auf wenige Stunden nur bei den Ihrigen weilen zu können.
Was die Liebe zum Heimathlande anbetrifft, die den Neger beseelt, wird dieser als Freigegebener erst recht die Macht des weißen Mannes schätzen lernen, wenn derselbe ihn zurückzusenden vermag von wo ihn ein grausames Geschick hinweg geführt hatte, das aber sollte, wenn irgend angängig, immer geschehen, denn dann, welchen Begriff von Dankbarkeit der Neger auch immer haben mag, wird er sie dem weißen Manne entgegen bringen. Abgesehen nun von der Art und Weise, wie die Stämme unter sich mit Gewalt oder List sich in den Besitz von Sklaven zu setzen wissen, wäre noch anzuführen, daß für jedes Verbrechen, welches irgend jemand begeht, dessen ganze Familie haftbar gemacht wird; der Thäter selbst geht straflos aus, sobald er einen Sklaven oder einen Verwandten als Sühne stellen kann; oder auch, glaubt nur ein Glied einer Familie an Hexerei — übrigens ein weiter Begriff bei diesen Stämmen — so haften alle Angehörigen für dieses, und ebenfalls ein näherer Verwandter muß in die Sklaverei wandern; solche Opfer aber, für die in diesen beiden Fällen niemand ein Lösegeld zahlt, werden gelegentlich an Sklavenhändler verkauft. Weit und breit im portugiesischen Gebiet leben die Yao in zahlreichen, mächtigen Stämmen und haben sich mit Vorliebe ihre ausgedehnten Dörfer an hohen Bergen angebaut, z. B. Unangu, Mangoche, Mtonga, Lisali u. a. Ein Handelsvolk im gewissen Sinne, da der Sklavenaustausch ihr Haupterwerb ist, lieben sie es, in Karawanen zur Küste zu ziehen, sie sind vielfach mit den bekannten Wanjamwesi verglichen worden, denen auch ein gewisser Wandertrieb inne wohnt. Den Bedarf an Zeug und Pulver gewinnen sie einzig durch den Handel mit Sklaven, auf welche Art aber sie sich solche beschaffen, habe ich zu zeigen versucht.
Die Yao's, die von den Stämmen am Nyassa-See sehr gefürchtet werden, haben den Namen »Angulu« erhalten, welcher so viel als Ostwind bedeutet, denn so wie dieser die trockenen Blätter von den Höhen in mächtigen Wirbeln niederführt, fegt er auch nach Ansicht derselben die Yao's von dem Gebirge herab. Kühnheit und Intelligenz kann dem Yao nicht abgesprochen werden, die angeborene Grausamkeit aber, um welcher er gefürchtet ist, hebt seine guten Eigenschaften wieder auf; viele bezeichnen ihn auch als verrätherisch und feige, doch so viele ich kennen gelernt habe, waren sie letzteres nicht und namentlich als unerschrockene Jäger sind sie muthig und besonnen. Mit Speer und Pfeilen allein treten sie dem Löwen und Elephanten entgegen, wagen sich so nahe an die gefährlichen Thiere heran, daß ihre Waffen zur Geltung kommen müssen, und gewiß als furchtlos muß man den bezeichnen, der es unternimmt, sich unter den Leib des mächtigen Vierfüßlers zu schleichen, der die Stelle sucht, wo er gewandt und schnell den breiten Speer in den Körper des Thieres zu stoßen vermag, das tödtlich getroffen zusammenbricht.
Höchst verderblich auf den Charakter der Yao's einwirkend ist der regsame Verkehr mit der Küstenbevölkerung, schnell haben sie sich dem Einfluß gewissenloser Suaheli untergeordnet, die der Ansicht huldigen, daß sie das Elitevolk aller Bantustämme sind, mithin nur verächtlich über die im Innern wohnenden denken und solche auch, als tief unter ihnen stehend, demgemäß behandeln. Die Untugenden der Küstenbevölkerung sich aneignen zu können, rechnet sich der Yao zur Ehre an, und wunder nimmt es daher nicht, wenn er zum Theil verrätherisch und hinterlistig geworden ist. Die Berather der Häuptlinge sind die Suaheli und Halbaraber, oft der Schrift kundig und äußerst verschlagen, haben sie sich genugsam unentbehrlich zu machen gewußt; verleiteten zu Menschenraub und Verwüstungen nur zu oft diejenigen, welche ihnen ein willig Ohr geschenkt haben.
Trotzdem die Yao's sich beständig in den Haaren liegen und sich gegenseitig in blutigen Fehden zu schwächen trachten, zu welchem der geringste Vorfall Veranlassung geben kann, mehr aber auf den Neid der Häuptlinge unter sich zurückzuführen ist, wächst doch ihre Macht und Einfluß, und wären die drei mächtigsten Häuptlinge Kalanje, Makanjila, Mponda, überhaupt alle, sich einig, sie könnten heute noch die Europäer aus dem Lande jagen — vor ihren ungezählten tausenden Kriegern müßte das Häuflein weißer Männer weichen.
Gleicherweise sind die Yao auch für die Wangwangwara unliebenswürdige Nachbarn, wiewohl letztere ihnen auch sicherlich nichts schuldig bleiben und gegenseitiges Berauben der Felder und Dörfer zur Gewohnheit geworden ist. Als Beispiel sei hier die charakteristische Ansicht Häuptlings »Songea« angeführt, der einst zu Ehren seiner anwesenden weißen Gäste Tanz, Singsang und Trinkgelage aufführen ließ und sich diesen gegenüber in seiner ganzen zweifelhaften Würde zu zeigen bemüht war. Seine um ihn in großer Zahl versammelten Krieger redete er folgendermaßen an: ihr seht hier die weißen Männer, wenn es solche nicht gäbe, hätten wir kein »Calico« (Zeug) und gäbe es kein Calico, könnten die Yao-Karawanen solches nicht ins Land bringen, gäbe es aber nun keine Karawanen, woher in aller Welt sollten wir dann Zeug stehlen und uns bereichern? Somit ist es also klar, daß der weiße Mann ermuthigt werden muß, in unser Land zu kommen, er muß respektirt und geachtet werden und niemand soll ihn tödten, geschieht es dennoch, werden wir kein Zeug mehr bekommen, auch die Quelle verschließen, von woher der weiße Mann sich solches beschafft oder in seiner Weise anderen wegnimmt.
Ermuntert durch den Beifall seiner Zuhörer fuhr Songea fort: Du siehst, Mzungu (Europäer), meine Krieger, wenn sie Karawanen begegnen, flößen namentlich den mit Zeug beladenen Trägern solche Furcht ein, daß die einfältigen Yao ihre Lasten wegwerfen und eiligst fliehen, thun diese aber so was Unvernünftiges, ist es doch erklärlich, daß meine Leute, die nie etwas mögen umkommen lassen, die Lasten natürlich aufnehmen und nun als ihr Eigenthum betrachten — darin kann der weiße Mann doch auch nichts Unrechtes finden, nicht wahr? — und in der That findet solches Beispiel nur zu willige Nachahmer.
Da der Aberglaube unter den Negerstämmen stark verbreitet ist, meist religiöser Natur, so werden die Handlungen des Einzelnen wie auch ganzer Stämme durch denselben beeinflußt, und unter vielen Abweichungen sei ein Beispiel hier erwähnt und zwar, wie die Yao sich verhalten, wenn sie beabsichtigen, kürzere oder längere Wanderungen zu unternehmen. Jedes Unternehmen, welcher Art es auch sei, geschieht gewöhnlich mit Zustimmung des Häuptlings und der Aeltesten eines Stammes, und so ist es denn Gebrauch, sich über den glücklichen Ausgang eines solchen Garantien zu verschaffen. Zu diesem Zwecke sendet der Häuptling einen kleinen Korb mit Mehl zu dem Grabe seines Vorgängers, der dort niedergelegt wird und daselbst für mehrere Tage verbleiben muß. Wird nach dieser Zeit der Korb nun in derselben Verfassung gefunden, so ist dieses ein gutes Omen und Vorbereitungen zur Reise werden getroffen, hingegen ist das Mehl zerstreut und der Korb leer gefunden worden, ist dieses ein schlechtes und der Aufbruch wird verschoben. Es wird also nach dem Glauben des Ahnenkultus dem Geiste des Verstorbenen die Entscheidung überlassen, um so zuversichtlicher, als keiner es wagen würde, ein solches Grab zu berühren.
Die Ceremonien beim Begräbniß eines Häuptlings, der gewöhnlich in seinem Viehkraal begraben wird, sind ebenfalls eigenartig. Von allen Seiten strömen die Männer herbei und bezeugen durch lautes Lamentiren ihre Trauer; im Kraal versammelt, schauen sie dem Aufwerfen des Grabes zu, während dessen unaufhörlich das »Baba bè! Baba bè!« erschallt. Ist alles beendet, wird der Verstorbene in Zeug gerollt und aus seiner Hütte gebracht, dann ordnen sich vor dem Zuge dessen Weiber, die mit großen Federbündeln geschmückt sind. Mit lautem Wehklagen eröffnen sie die Prozession und krauchen auf Knieen und Händen dem Zuge voran bis zum Grabe; hierauf weichen sie mit lautem Klagen bis hinter die Linie der in weitem Umkreis dicht gedrängt sitzenden Männer zurück. Sodann wird der Todte in sitzender Stellung, das Gesicht nach Osten gewendet, in seinem Grabe postirt; ist dies beendet, ist es für die Zuschauer, meistens Krieger, das Signal, mit wildem Geschrei aufzuspringen, sich dicht um das Grab zu drängen und, ihre Schilde über die Köpfe haltend, dem Todten durch lautes Klagen die letzte Ehre zu erweisen. Dann kommen die Jüngeren an die Reihe, truppweise zum Grabe tretend, bis alle ihrem verblichenen Häuptling den letzten Tribut gezollt haben. Darauf werden zu dessen Füßen eine Masse Zeug, vielleicht in Jahren aufgespart, Kochtöpfe, Trinkgefäße, Matten und Pfeifen gelegt, und sind genug Liebesgaben gespendet, damit der tote Häuptling nicht mit leeren Händen bei den Geistern seiner Vorfahren zu erscheinen braucht, wird das Grab geschlossen. Die Sitte aber erfordert, daß noch Tage lang um den Todten geklagt und lamentirt wird und namentlich geberden sich dabei die Weiber, als hätte der Verlust sie ihrer Sinne beraubt.
Eines von Interesse möge noch angeführt werden, und zwar das Verhalten der Angoni in Fällen schwerer unbekannter Krankheit. Liegt jemand ernstlich erkrankt darnieder, gehen die Verwandten zunächst zu einem Wahrsager, »Itschanusi«, und suchen von diesem zu erforschen, welche Art von Krankheit es sein möge, die einen der Ihrigen befallen hat. Vor dessen Hütte angelangt, rufen sie den Wahrsager an mit »Yebobani«, d. h. wir haben eine Angelegenheit für dich. Darauf ordnet der Itschanusi seine Instrumente, bestehend aus Ziegenknochen, Theile eines Elephantenhufes, Holzstücke und den Rinden verschiedener Fruchtarten. Eine überall erhältliche Pflanze, genannt »Itschitùta Kazana«, reibt er sodann in den Händen und zieht mit dem Munde deren Duft ein, was zur Folge hat, daß er den Athem mit Geräusch gleich einem schwachen Bellen ausstoßen muß. Hierauf wirft er die Instrumente mehrmals auf den Erdboden, ruft nach Beendigung dieser Prozedur die Leute zu sich in die Hütte und, da er nicht wissen kann, ob der Kranke ein Mann, Weib oder Kind ist, verlegt er sich zunächst aufs Rathen. Trifft der Wahrsager das Richtige, rufen alle laut »Siyavuma« — du hast recht — und knipsen mit dem Zeigefinger und Daumen, räth er hingegen falsch, wird das Siyavuma nur leise gesagt und der Wahrsager weiß, daß er auf falscher Fährte ist. Ist das Geschlecht des oder der Kranken auf diese Weise schnell festgestellt, dann nennt er eine Anzahl Krankheiten, unter denen eine wohl die richtige sein wird.
Zwar ebenso klug fast als vorher, befolgen doch die Rathsuchenden die Weisung des Itschanusi, nämlich erst den »Amadhlozi«, den Geistern der Vorfahren ein Opfer zu bringen und dann die Hilfe des Medizinmannes in Anspruch zu nehmen. Sind sie zu ihrem Dorfe zurückgekehrt, wird also eine Kuh, Ziege oder auch »Ulofioko«, d. i. Korn, woraus Bier bereitet wird, den Amadhlozi geopfert — Schafe werden den Geistern nicht angeboten. Kommt der Medizinmann, ordnet dieser ebenfalls an, eine Kuh, Ziege oder Huhn zu schlachten; ist eines dieser Thiere gewählt, wird das Fleisch zerschnitten und in einen Topf mit der mitgebrachten Medizin gethan, der Inhalt der Gedärme oder des Magens, »Umswani« genannt, wird hinzugefügt und dann die unappetitliche Mischung gekocht und dem Kranken zum Essen vorgesetzt. Hilft diese Mischung dem Kranken, zahlt er später dem Doktor für dessen Mixtur eine Kuh oder Ziege, auch der weise Rathgeber, der »Itschanusi«, geht nicht leer aus. Eine Art Krankheit, eigentlich Nervosität, begleitet von Schlaflosigkeit, »Amalombo« genannt, wird folgendermaßen kurirt: eine stark pfeffermünzhaltige Pflanze wird in einem Gefäß mit Wasser gekocht, dann legt man die Kranke (meistens Frauen werden davon befallen) nieder, stellt neben ihr das Gefäß und deckt beide dicht zu, so daß der heiße Dampf den Körper erwärmen muß. Der Medizinmann, der solches Mittel angeordnet hat, schlägt nun seine Ngoma (Trommel), nach der die Angehörigen oft vom Sonnenuntergang bis zum nächsten Morgen tanzen und singen. Das Resultat ist, daß meistens die Kranke nach solcher Schwitzkur schließlich aufspringt und an der eigenartigen Lustbarkeit theilnimmt. Darauf bereitet man die wie oben schon erwähnte Medizin und die Krankheit gilt als gehoben. Somit käme hier eine Methode in Anwendung, die in letzter Zeit auch in Europa versucht worden ist, daß nämlich Musik Kranken die Schmerzen lindern und sie auch beruhigen kann.
Eingehend, und soweit es zum vollen Verständniß des nun Folgenden dienen kann, habe ich mich bemüht, ein anschauliches Bild von der Beschaffenheit des Nyassa-Sees, den Küsten, Gebirgen und Inseln zu geben. Mit Hilfe der von mir möglichst genau angefertigten Karte, vornehmlich der nördlichen Hälfte des Sees, wird es leicht sein, genau zu verfolgen, was ich im besonderen über die vermuthliche Entstehung dieses gewaltigen Sees anführen werde. Vielleicht werden die Ansichten gelehrter Geologen weit von einer Theorie abweichen, die nur auf Vermuthungen beruht, jede andere hat jedoch denselben Anspruch, als die muthmaßlich richtige zu gelten. Aber ein Gebiet, das vor wenig Jahrzehnten noch ein terra incognita war, über das wenige Forscher nur unter Mühen und Gefahren gesammelte Auskunft geben konnten, kann so lange in wissenschaftlicher Hinsicht als unbekannt gelten, so lange es nicht, wie hier der Fall, wissenschaftlich erschlossen ist. Zweifelhaft und unzuverlässig waren die Ueberlieferungen der alten Egypter, erst die Forschungen der Jetztzeit bestätigen die bezweifelte Sage von der Existenz gewaltiger Gebirgsmassen im Herzen Afrikas, auch das sagenhafte Mondgebirge wurde dadurch aufgeklärt, wohl haben kühne Handelsleute schon vor Jahrtausenden die mächtigen über die Wolken hinaus ragenden Höhen gesehen, aber Kunde von dem ausgedehnten ungeheuren Seeengebiet, eingebettet in das felsige Hochgebirge, wie auf der Erde nicht annähernd ein gleiches, brachten sie nicht.
Wer diese Gewässer geschaut im Sonnenglanz ein Silbermeer, in stiller friedevoller Nacht, wenn vom Firmament das Sternenheer in hehrster Pracht herniederleuchtet, eine Wunderwelt, deren Glanz erhöht wird durch die in der Ferne auf den Bergen sich gleich glühenden Schlangen hinwälzenden Feuer, und weiter zurück in tiefblauer Färbung die Gebirge gleich schlafenden Riesenmassen liegen sieht, die wie ein Wall in unabsehbarer Ferne diese zu Zeiten spiegelglatten Fluten umschließen, fühlt sich versucht, in die Geheimnisse der Natur, die hier Werke von gewaltigen Formen geschaffen hat, einzudringen. »Nyanya Ya Nyenyesi« See der Sterne haben mit stolzen Worten die Eingeborenen den Nyassa-See genannt; keine Ueberlieferung aber giebt Aufschluß, woher diese Benennung stammt, nur unter den vielen Fabeln, welche meistens den Eingeborenen als Einleitung zu ihren Gesängen dienen, deutet eine auf die mythische Entstehung des Nyassa-Sees hin — so dunkel und unklar aber, daß solche einfach als eine schwache Vorstellung, wie sich die Eingeborenen die Entstehung dieses Sees gedacht, aufgefaßt werden muß — ihnen sowohl wie uns bis zur Stunde ein ungelöstes Räthsel! —
Vor langer, langer Zeit, so erzählt die Sage, war der See nur ein schmales Gewässer, zu diesem kam aus dem fernen Westen ein Mann mit silbernem Scepter und wählte sich aus der Bevölkerung am See ein Weib, das er beredete ihm nach seiner entlegenen Heimat zu folgen; es sagte auch zu und auch ihr Bruder war bereit seine Schwester zu begleiten — dies aber wollte sein Schwager nicht dulden und verwehrte es ihm — darauf nun, als er seine Schwester wegziehen sah über den See, weinte er bitterlich, wurde dann aber sehr ungehalten und schlug mit seinem Stock das Wasser, bis dieses anschwoll und die Fluthen alles bedeckten; dafür nun mußten die Geschwister sterben, konnten auch nicht im Tode vereint bleiben, da die Fluthen den Körper des Weibes zum fernen Norden, den ihres Bruders nach Süden hin trieben.
Es ist nutzlos, hieraus irgend etwas muthmaßen zu wollen, da wir mit Bestimmtheit annehmen müssen, daß die Entstehung des Nyassa-Sees, wie überhaupt des ganzen ungeheuren Seeengebietes, in prähistorische Zeit zu verlegen ist. Die Ansicht, die langgestreckten Thäler im Hochlande des zentralen Afrikas seien Erdsenkungen, entstanden durch zusammenstürzen gewaltiger Bergmassen, hat wohl die Wahrscheinlichkeit für sich; jedenfalls aber müssen zwischen den ungeheuren kompakten Gebirgsmassen, große ausgedehnte Ruinen vorhanden gewesen sein, die, wie ich nachzuweisen versuchen will, durch eine verheerende Gewalt erweitert und vertieft worden sind, ehe sie mit Wasser angefüllt, die heutigen Seeenbecken darstellen konnten. Denn ragen auch unberührt wie es scheint, die Bergspitzen der Gebirgsmassen in ihrer ursprünglichen Gestalt hoch in die Lüfte, muß man doch, da die Felswände steil und senkrecht noch unter Wasser abfallen, nach einer weiteren Erklärung für die Vertiefung suchen.
Ein Beobachter darf nicht auf beschränktem Gebiet nach Anhaltepunkten suchen für eine Idee oder Theorie, wenn wie hier ein ungeheures Gebiet in Frage kommt, auf welchem sich Vorgänge abgespielt haben, die nur mit weitem Blick, sozusagen aus der Vogelperspektive, ganz erfaßt und beurteilt werden können, sondern muß sich vergegenwärtigen, was in Jahrhunderttausenden geschehen und sich verändert haben kann, mit Berücksichtigung der unabänderlichen Naturgesetze, die im Kleinen wie im Großen schaffen und zerstören. Die Auffassung des Geologen Sir Roderick Murchisons über Afrika möge hier, soweit sie Anwendung findet auf das, was ich angeführt habe, Platz finden: Darnach ist Afrika unser ältester Kontinent, der nie wieder, wie alle übrigen, seit seiner Geburt aus dem Flammenmeer unseres Globus durch Wasser getauft und verjüngt worden ist, also nichts von dem Reichthum, den die anderen Kontinente von den Ozeanen empfangen haben, ist ihm zu theil geworden. Es ist das ärmste Land geblieben, weil es seit der Eisperiode nie wieder unter Wasser gesetzt war. Es steht bis zum heutigen Tage, ein Produkt plutonischer Hitze und eisiger Kälte, ein unvollendetes Werk der Natur, tot, während andere Kontinente ihre Jugend erneut haben.
Abgesehen nun von den massiven starren Felsenmassen, die, wo immer sie zum See herantreten, gleich granitenen Mauern sich aus diesem erheben, zeigen doch viele Strecken, wo solche durchbrochen sind, ein Chaos übereinander getürmter Granitmassen, oder vereinzelte Bergkegel isolirt stehend, lassen vermuthen, daß sie ursprünglich zu einer zusammenhängenden Kette gehört und zu fest gebaut, einer verheerenden Gewalt widerstanden haben. Gebirgszüge, wie die tiefen Einschnitte als Denp-, Amelia-, Mbampa-Bai etc. zeigen, sind einfach von ihrer Basis weggefegt worden, Ueberreste nur, Rocks und einsame Bergkegel als Zeugen einer vorgeschichtlichen Zeit sind übriggeblieben.
Vergegenwärtigen muß man sich, um die Möglichkeit solcher Vorgänge zu verstehen, daß unser Erdball verschiedene Stadien durchgemacht hat, große Verschiebungen stattgefunden haben, sogar mächtige Kontinente in die Tiefe der Ozeane versunken, andere gehoben sind, auch was die Wissenschaft erwiesen, die Kälte- und Wärmezonen ganz anders auf der Erdoberfläche vertheilt gewesen sind als heute und hierauf fußend, muß das Hochgebirge Zentral-Afrikas in einer Ausdehnung Nord und Süd von über tausend englischen Meilen mit einer starren Eisdecke bedeckt gewesen sein. Dieses Hochland, in seiner großen Ausdehnung heute der Ursprung aller bedeutenden Ströme und Flüsse Afrikas, war also ein einziges Eisfeld von dem, Strömen gleich, in gewaltiger Breite die Gletscher nach verschiedenen Richtungen ausgingen und den vorrückenden Eismassen widerstanden selbst die soliden Felsmassen nicht. Der Hauptstrom, von Nordwesten her in südlicher Richtung vordrängend, kam von dem Hochland zwischen Tanganjika- und Nyassa-See herunter; alles vor sich her zermalmend, brach sich seine Gewalt an den Granitfelsen des Livingstone-Gebirges. Wie anzunehmen, ragten über das ungeheure Eisfeld, das sich langsam aber mit unwiderstehlicher Gewalt südwärts zwischen die Gebirgsmassen fortschob, die Vulkane Rungwe und Kieyo hoch empor, während das heutige erstorbene Kratergebiet auf 4000 Fuß Höhe, nur von kleineren Eismassen durchzogen wurde und erst in einer späteren Zeitperiode nach jahrtausendlanger Thätigkeit vielleicht, die heutige Form hinterließ.
Diesem großen von Nord bis Westen, also die Konde-Ebene bis Cap Mschwere ausfüllenden Eisstrom widerstand, wie erwähnt, die ganze Gebirgsstrecke im Osten bis Amelia-Bai und welch ein tiefes Bett hier die Eismassen gegraben haben erhellt daraus, daß längs dem ganzen Livingstone-Gebirge die Tiefe des Sees noch über tausend Fuß betragen muß, da ich nach dem Ergebniß, welches meine Tieflothungen ergaben, solche Tiefe voraussetzen kann. Von Osten haben nur vereinzelte Gletscher die Felsenwand durchbrochen, der breiteste wäre, welcher sich in die Kayser-Bucht »Bopinga« ergossen, sonst erwähnenswerth sind nur einzelne tiefe Schluchten, das Rambira-Thal und andere.
Zwischen Cap Mschwere und Cap Bango, der schmalsten Stelle des Sees, mußten sich die Eismassen aufstauen; zwei andere Ströme, einer von Westen aus der Deep-Bai, der andere von Osten aus der Amelia-Bai, verhinderten die freie Bewegung, und hier zuerst, vor der Pankanga-Bucht, sind am Rande der Gletscher mächtige Felsblöcke abgewälzt worden, sogar die Begegnung des westlichen Stromes mit dem südwärts dringenden Hauptstrom hat Massen auf Massen getürmt und die starren Granitmassen der Pankanga-Hügel, der Insel Mtwele und der vielen hier zerstreut liegenden Rocks, von der Zeit und den Fluthen allmählich zerstört, sind dadurch gebildet worden. Selbst Mont Waller, der eigenthümlich geformte Bergkegel, muß auf diese Weise entstanden sein. Felsenmassen und Moraine auf den Rücken dieses Gletschers liegend, von weit her mitgeführt, konnten seitwärts abgelagert werden, zumal ein Eisstrom sich nicht in seiner ganzen Ausdehnung vorwärts schiebt, sondern den Schwerpunkt gewöhnlich in seiner Mitte hat, also die Ränder desselben auf lange Zeit vielleicht bewegungslos liegen bleiben. Auch der isolirte Bergrücken, hart am Rande der Amelia-Bai, besteht zum Theil aus aufeinandergetürmten Felsblöcken; unzweifelhaft hat sich an der zu fest fundirten Granitmasse der im Verhältniß nur kleine Eisstrom getheilt, den Bergrücken nur abgerundet und mitgeführte Felsentrümmer auf diesem abgelagert und zurückgelassen.
Betrachtet man aufmerksam die Karte des Nyassa-Sees, ist das auffällig, daß, wo immer die Ufer des Sees von mächtigen Granitmassen gebildet sind, fast genau dieselbe Strecke am gegenüberliegenden Ufer Flachland oder niedrige Hügel bilden, also die Gebirgszüge auf 15-20 Kilometer zurücktreten. Um nur einige Punkte zu bezeichnen: es befindet sich z. B. an der Westküste von Cap Nikuru bis Chirambo eine zusammenhängende Felsenwand, die nur in der Benzantze-Bai und in der Uziza-Bai von Gletscher durchbrochen wurde, ungefähr 60 Seemeilen lang von 10° 40´ bis 11° 39´ S. Br. Dieselbe Strecke an der Ostküste von Cap Bango bis zur etwas südlich von der deutsch-portugiesischen Grenze wieder zum See herantretenden Gebirgskette besteht mit Ausnahme des 12. Hafenkaps und des isolirten Mbampa-Berges aus flachem Vorland, wiewohl, wie ich früher erwähnt, auch hier eine gleich enorme Wassertiefe gefunden wird. Durchbrochener freilich zieht sich, namentlich von Cap Mala bis Cap Malambe, eine kompackte Felsenmasse längs dem See, während die Westküste von Cap Chirambo bis zum Cap Rifu, außer den Makusa-Hügeln (Bandawe) den Sani-Hügeln, südlich von Kota-Kota, flach ist. Der links von Cap Maclair bis nahe zum Schirefluß tiefe Busen hat dagegen westlich wieder Felsen und östlich dem Gebirszuge vorgelagertes Flachland.
Die Frage nun, wie so weite flachere Strecken an beiden Seiten des Sees gebildet wurden, da doch angenommen werden kann, daß zusammenhängende Felsenketten von Nord bis Süd vorhanden gewesen sind, muß damit beantwortet werden, daß der breite Eisstrom, wo er an der einen Seite Widerstand gefunden, an der anderen weniger solide Massen fortriß und dadurch den seitwärts auf beiden Seiten vom Hochland herab andrängenden gewaltigen Gletschermassen den Weg frei machte. Wo immer aber die Eismasse durch den gewaltigen Gegendruck zum Stillstand kamen, häuften sie mitgeführte Felsentrümmer über einander, wovon die klarsten Beweise die öden Felsenkonglomerate an der Ostküste geben, als die Insel Neu-Helgoland, Prager, Lundo-Inseln und die Küste bis Mbampa-Bai einsäumenden Felsentrümmer. Vor der gegenüberliegenden Uziza-Bai findet man das gleiche, wenn auch nicht in so ausgedehntem Maße, wo ebenfalls Rocks und Inseln zurückgeblieben sind. Die solide Granitmasse des Mbampa-Berges, umsäet mit Felstrümmern, die sogar bis auf 5 Seemeilen vom Lande ab liegen, konnte, da der die heutige tiefe Bai gebildete Gletscherstrom zu schwach war, sie zu erschüttern, auch dem Druck des Hauptstroms widerstehen und ganz dasselbe ist an der Westküste wiederum mit den soliden Makusa-Hügeln der Fall gewesen. Die großen Inseln Likoma und Kissimulu: wie ich in der Beschreibung erwähnt, ein Conglomerat von Felsen und Hügeln, öde und arm, hat auch hier der von ostwärts herandrängende Gletscherstrom zu der Anhäufung dieser kolossalen Felsmassen beigetragen, wenigstens, da hierzu die granitene Unterlage vorhanden war, konnte auf dieser die mächtigen Felsblöcke mit Steingeröll und Moraine abgelagert werden; auch hier ragen mächtige Felsblöcke aus großer Tiefe auf.
Des weiteren sind der Sani-Berg, Cap Rifu, vor allem die eigenthümlich gestalteten Bentje-Inseln zu erwähnen, ihre Entstehung und Isolirung sind aus denselben Ursachen hervorgegangen. Das Trümmerfeld von Kota-Kota sowohl, wie auch das in der Leopard-Bai zeugt davon, welche Gesteinmassen die Gletscher mit sich geführt haben, und dennoch sind alle erwähnten nur ein kleiner Bruchtheil von denen die der Hauptstrom auf seinem Rücken fortgeführt hat. Ein größeres Hinderniß fand der Eisstrom erst am heutigen Cap Maklair; ohne Frage waren es hier die massiven Felswände, die eine gewaltige Anstauung der Eismassen verursachten und schließlich zu einer Schpaltung führten, die die Bildung der beiden tiefen Einschnitte zur Folge hatte.
Natürlich ist es, daß die Spaltung des mächtigen Eisstromes nun eine größere Ablagerung zur Folge hatte, Felsentrümmer und Morainen in Massen, vielleicht schon vom fernen Norden mitgeführt, häuften sich an, wodurch Inseln, Berg und Hügelketten am Rande des Eisstromes gebildet wurden, die zum Theil die ganze Oberfläche der Halbinsel bedeckten. Der östliche Strom wälzte sich nun längs der hohen Gebirgswand in südöstlicher Richtung fort, Berg und Felsenketten auf seinem Wege durchbrechend, bis in dem heutigen Schirwadistrikt seine Macht durch mehrfache Spaltungen gebrochen war, die einzelnen Arme aber zermalmte Felsentheile und Moraine aufstapelten. Vorausgesetzt ist, daß das heutige Zambesi-Schire-Gebiet in jener Zeitperiode ein tief einschneidender, vielleicht noch weit über den Moramballa-Höhenzug hinausreichender, wenn auch flacher Bestandtheil des indischen Ozeans gewesen ist, in welchem die Eismassen als Eisberge abflutheten.
Der westliche Strom hingegen drang südwärts vor, längs dem heutigen Kirks-Höhenzuge, dessen Verbindung zwischen Cap Maklair und Cap Rifu schon vom Hauptstrom zermalmt wurde, ehe es zur Spaltung desselben gekommen war. Kaum 10 engl. Meilen südlicher durchbrach er dann die Felsenkette, um den heutigen Malombwe-See gelegen und wälzte sich zum jetzigen Schire-Hochland fort. Eine Spaltung dieses Armes muß hier wiederum stattgefunden haben, da der östliche Strom sich im heutigen Michiru-Thal aufwärts schob — thatsächlich aufwärts, als man erstens die Mächtigkeit des Gletscherstromes in Betracht ziehen und zweitens sich vergegenwärtigen muß, daß vom Nyassa-Hochland bis hierher ein starkes Gefälle die Gewalt des Eisstromes begünstigte — und bei Blantyr den Durandi-Höhenzug durchbrach. Der andere, der sich über und neben die Murchison-Fälle (den Katarakten) fortwälzte, spaltete sich in viele Arme und füllte, zum Stillstand gekommen, durch die Erd- und Steinmassen das heutige Schire- und Zambesithal aus.
Die heutige Fruchtbarkeit des Schire-Hochlands, die mächtigen Thonlager um Blantyr, abgelagert in tiefen Schichten, daneben gewaltige Bergriesen aufgebaut aus granitenem Gestein, sind alles nur Ergebnisse jenes Gletscherstromes, dessen Gewalt gebrochen, hier Moraine in Massen aufhäufte.
Es ist ein kühnes Facit, zu dem man gelangt, auch nur möglich, wenn die heutige Gestaltung dieses weiten Gebietes als Folge einer viele Jahrtausende währenden Eisperiode zugeschrieben wird; ob darnach auch ein langsames oder plötzliches Schmelzen der Eismassen stattgefunden, jedenfalls hat die Kraft fließender Wasser das Werk vollendet, deren Gewalt um so größer sein mußte, als vom heutigen indischen Ozean bis zum Nyassa-Hochland das weite Terrain terrassenförmig ansteigt. Diese Wasserkraft hat denn auch im Laufe der Zeiten sehr viel verwischt, nicht nur, daß unablässig Material herabgespült wird, tiefe Furchen im harten Gestein gegraben worden sind, mußte zur Zeit, als die Eismassen verschwanden, die Kraft der fließenden Wasser eine ungeheure gewesen sein, die überall in Massen angehäufte Moraine weggeführt und an geeigneten Stellen abgelagert haben.
Ehe nach der Eisperiode Zeit und Wasser dieses alles vollbracht, ehe die heutige, muthmaßlich schon vor Jahrtausenden geschaffene Lage der Ländermassen beendet, waren die Grenzen des Nyassa-Sees in grauer Vorzeit ganz andere; weit ausgedehnt bis zu den im Norden und theilweise im Osten und Westen zurücktretenden Gebirgszügen bespülten die Fluthen fast ein Drittel an Flächenraum mehr als heute, namentlich, wenn man sich den im Verhältniß kleinen Malombwe-See mit dem Nyassa verbunden gewesen denkt. Der Malombwe-See, einst ein tiefes Becken, ist heute nahezu ausgefüllt. Mit wenig Mühe findet man die verschiedenen Stadien heraus, in denen sich der Nyassa-See befunden hat, da zu verschiedenen Zeiten die wellenförmigen Ablagerungen ganz bedeutende gewesen sind. Selbst der Abfluß dieses Sees, der Schirefluß, lag früher weiter östlich, dicht unter den hohen Bergen, Niederungen und Sümpfe lassen sein altes Bett heute noch erkennen.
Es bleibt späterer eingehender Forschung überlassen, diese Theorie, die wie jede andere noch gleiche Berechtigung hat, anzuerkennen oder zu verwerfen, wenigstens habe ich, aufmerksam gemacht, die mir gebotene Gelegenheit benutzt und mit prüfendem Blick, wie es niemand vorher sich hat angelegen sein lassen, nach Beweisen für diese gesucht. Wohl kann es gleichgültig sein und wird dem Laien wenig interessiren, wie dieses mächtige Seeengebiet entstanden ist, doch sieht man selbst die Werke der Natur, hat sich das Verständniß dafür durch weite Wanderungen geschärft, hat man das Walten schaffender Kräfte gesehen und beobachtet, werden überall auf der Erde tiefernste Fragen an einem herantreten, und man fühlt sich versucht zu forschen und nach einer Lösung zu suchen. Entschieden würde eine genaue Untersuchung der Tiefenverhältnisse des Nyassa-Sees, die heute noch gänzlich unbekannt sind, so daß ein vollständiges Bild, sich daraus ergäbe, welches die Beschaffenheit des Beckens klar erkennen läßt, dahin führen, der Wahrheit, zum mindesten der Wahrscheinlichkeit näher zu kommen, auch die Erforschung des tiefen Tanganjika-Beckens, über 100 deutsche Meilen lang, müßte ungemein zur Entstehungsursache des weiten Seeengebietes beitragen; meine zeitweilig auf dem Nyassa vorgenommenen Lothungen, da ich, wo es drauf ankam, keinen Grund gefunden, geben keinen Anhalt.
Die früher schon angeführten, in Stein gegrabenen Zeichen, die ich auf Neu-Helgoland, in Monkey-Bai und an anderen Orten beobachtet hatte, nach denen der See 12-15 Fuß höher gewesen ist, ja selbst nach Aussage alter Eingeborener soll derselbe noch in diesem Jahrhundert mehrere Fuß gefallen sein, lassen kein zweifeln und deuteln zu, wie mit einem Lineal so scharf sind sie abgegrenzt; die verschiedenen Linien aber lassen auf ein ganz unregelmäßiges Zurücktreten des Sees schließen.
Sind nun diese Zeichen Jahrtausende alt oder nicht, das wäre die nächste Frage, dann aber mußten an steilen Felswänden, wo die Fluten des Sees ungehindert anprallen, tiefe Auswaschungen im Gestein zu finden sein, was in der Höhe von 12 Fuß und darüber nicht der Fall ist, die ich gefunden, liegen 4-5 Fuß über dem heutigen Niveau des Sees. Und wäre dem so, daß der See solche Höhe gehabt hat, kann dieses nur vor sehr langer Zeit gewesen sein, denn dann müßten die schon benannten Ebenen, als Konde, Rambira, bei Amelia und im Süden alle unter Wasser gestanden haben, was freilich auch einst der Fall war, da diese erst durch Anschwemmungen entstanden sind; dann aber müßte ein solch gewaltiger Zeitraum die Zeichen, nach meiner Schätzung höchstens Jahrhunderte alt, auf diesen Granitblöcken verwischt haben.
So bleibt nur die eine Annahme übrig, daß hier, wie auf vielen Orten unserer Erde, geheime Naturkräfte, und zwar erst in neuerer Zeit, die Ländermassen periodisch gehoben haben, die es auch bewirkten, daß, wie wir es von den ersten Forschern wissen, der Schire- und der Zambesi-Fluß, die ein bedeutend tieferes Bett gehabt haben, heute flach und zu Zeiten unpassirbar sind.
Eine eigenthümliche Erscheinung auf dem See, meistens in der nördlichen Hälfte, sind die Kungu-Fliegen; zu Milliarden vereinigt erscheinen sie wie Rauchwolken, die vom Winde bis zu den Wolken säulenartig emporgewirbelt werden und aus der Ferne gesehen wie Wasserhosen aussehen. Oft zählte ich, soweit das Auge reichte, bis dreißig dieser Schwärme und ging später, da ich aus Neugierde unliebsame Bekanntschaft mit diesen Thierchen gemacht hatte, diesen wohlweislich aus dem Wege.
Als ich solche Erscheinung zum ersten Male sah, steuerte ich direkt in solche Wolke hinein, aber nur bis in die äußere Peripherie dieser wirbelnden Masse gekommen, war es unmöglich, noch die Augen aufzuhalten, selbst die Haut wurde wie mit Nadeln gespickt; im Moment war das ganze Schiff mit lebenden und todten Fliegen bedeckt, die der Wind zu kleinen Haufen zusammenfegte.
Wahrscheinlich auf dem Wasser erzeugt, enden sie auch wieder darauf, so daß, wenn solche Masse in sich zusammengefallen ist, weite Wasserstrecken vollständig mit todten Fliegen bedeckt sind; fegt der Wind eine Wolke aber auf das Land, dann verschwinden Baum und Strauch für einige Zeit, Schluchten und Einschnitte sind wie mit einer braunen Dunstmasse ausgefüllt, so dicht ist die Masse der Fliegen. An bewohnten Orten klatschen bei solcher Gelegenheit die Eingebornen die Fliegen mit den Händen zusammen und zu Kügelchen geformt, werden dieselben gegessen.
Nicht minder unangenehm ist eine Art Eintagsfliege, etwa 1 Centimeter lang, die während der Abendstunden unter Land dem Lichte zueilen und zu Tausenden verbrannt niederfallen; nichts konnte vor denselben geschützt werden und mit manchem Löffel Suppe wurde solches Thierchen als Zugabe verzehrt. War der elektrische Scheinwerfer des »H. v. Wißmann« in Thätigkeit, dann wirbelte es in dessen grellem Schein von unbekannten Nachtschwärmern, und wäre es möglich gewesen, solche zu fangen, manch seltenes Exemplar würde gefunden worden sein.
Zu bestimmten Monaten nur, und, wie ich beobachtet habe, während der Regenzeit, treten diese Fliegenschwärme auf, ebenso erscheint das sonst tiefblaue Wasser des Sees für einige Zeit schmutziggelb, es blüht, würde man sagen können, ob dieses aber hier zutrifft, ist eine offene Frage, wiewohl nicht unwahrscheinlich, als selbst tiefe stillstehende Gewässer häufig solche Erscheinung aufweisen.
Gefährlich für ein Schiff werden auch die vom wirbelnden Winde erzeugten Wasserhosen. Der Wasserdampf, bis zu den Wolken geführt, bildet nach der Entwicklung einen ungeheuren Trichter, in welchem das Wasser spiralförmig in die Höhe gezogen wird, die auf- und niedersteigenden, man kann sagen fallenden Massen, erzeugen auf dem Wasserspiegel im weiten Umkreis eine schäumende, zischende Brandung und erst wenn die Wolke schwarz und genügend mit Wasserstoff gesättigt ist, stürzt der Trichter in sich zusammen. Ratsam ist es nicht, sich in die Nähe einer Wasserhose zu wagen, mit großer Geschwindigkeit vor dem Winde eilend, können sie mitunter einem Schiffe, das nicht zu fliehen vermag, höchst gefährlich werden.