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Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. cover

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Chapter 25: 21. Schluß.
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About This Book

A first‑hand account of an inland steamship expedition that details the logistics of transporting disassembled vessel components overland, erecting camps and a shipyard, assembling and outfitting the steamer, and conducting its launch and maiden voyages on Lake Nyassa. The narrative follows marches between encampments, methods of transport including rail transfer, episodes of local unrest and combat, and practical problem‑solving during construction. Interwoven are descriptive observations of the lake, coasts, inland settlements, and regional plant and animal life, with attention to the labour, engineering and navigational challenges encountered throughout the campaign.

21. Schluß.

Mit der Uebergabe des »H. v. Wißmann« an das Reich hörten die bisher ununterbrochenen Fahrten auf, das Schiff der Station Langenburg zur Verfügung gestellt, wurden nun regelmäßige Touren eingerichtet und als Postschiff verließ der Dampfer an bestimmten Tagen sowohl die Station im Norden, als auch Fort Johnston im Süden; Passagier- und Güterbeförderung wurden ebenfalls nach einem bestimmten Tarif geregelt. Alle Stationen am See erhielten die Hauptpost durch den deutschen Dampfer und lief derselbe deshalb sämmtliche von Europäern bewohnte Orte an, als Karonga, Bandawe, Likoma und später noch das im Gebiete Makangilas neuerrichtete Fort Maguire.

Im Oktober 1893 schon, nachdem die englischen Kanonenboote in Kota-Kota den dortigen Aufstand gegen Jumbe gebrochen, wurden nach Eintreffen der erwarteten indischen Soldaten, 100 Sikhs, in Fort Johnston große Vorbereitungen getroffen, allen Ernstes nun mit dem unbotmäßigen Yao-Häuptling Makangila abzurechnen; der früher schon mit der »Domira« unternommene aber zurückgeschlagene Angriff auf Pandumba bei Losefa, wobei Kapitän Maguire gefallen war, sollte nun erneuert werden, auch ebenfalls mit dem zwischen Kuturu und Losefa bestehenden Sklavenhandel energisch aufgeräumt werden. Die gesammte Streitmacht der Engländer, die Truppen unter Major Edwards, die Schiffe, wozu die »Domira« und die kleine »Ilala« herangezogen wurden, unter Befehl vom Kapt. Robertson, wurde dirigirt durch den Kommissar Mister Johnston und in Monkey-Bai zusammengezogen. Unvermuthet sollte der Feind überrascht und geschlagen werden.

Wohl unterrichtet von der Annäherung einer Sklaven-Karavane, die von Kuturu nach Losefa über den See setzen wollte, führten die Engländer ein Manöver aus, wodurch die vorsichtigen Araber vollständig getäuscht wurden, und zwar passirten die Kanonenboote nordwärts steuernd Kap Rifu, um, aus Sicht gelaufen, in der Dunkelheit unter den Bentje-Inseln zu ankern. In der Meinung die Luft sei rein, beschleunigten die Araber ihre Abreise mit zwei Dhaus, um möglichst weit im Dunkel der Nacht zu kommen; allein in frühester Morgenstunde, ihre Fahrzeuge hatten noch nicht Kap Rifu passirt, tauchten unvermuthet die Schiffe auf und schnitten ihnen den Rückzug ab, so daß sie, auch von Leopard-Bai umgangen, eine Zuflucht auf dem Berg Rifu suchen mußten; nach zweitägigem Widerstande, abgeschnitten von jeder Hilfe, ergab sich mit seinem reichen Elfenbeinvorrath und seinen Sklaven denn auch der Führer der Karawane.

Was ich früher schon angeführt, bestätigte sich hier wiederum, die Sklaven, von den Arabern eingeschüchtert, bezeugten alle, daß sie nur freiwillig mit ihren Herren zur Küste zögen, sie seien keine geraubte Sklaven und die Araber nur Elfenbeinhändler. Furcht vor grausamer Strafe, die der Sklavenhändler über die Wehrlosen verhängt, wenn er geschädigt wird, schließt diesen den Mund. Sklaven, die noch nie einen Europäer gesehen und dessen Macht nicht kennen, verrathen ihren Herrn selbst dann nicht, wenn sie erkennen müssen, daß deren Einfluß über sie gebrochen worden sei, sie wählen lieber die Sklaverei als die Freiheit, denn wer schützt sie vor der weitreichenden Rache der Sklavenjäger; recht- und schutzlos in diesem Lande, wenn der Europäer sie wieder ziehen läßt, nimmt ein anderer ihnen wieder die Freiheit und ihr Schicksal wird nur ein um so traurigeres.

So weit ich unterrichtet bin, mußten aus diesem Grunde die Engländer die gefangenen Araber mit ihrem Elfenbein ruhig ziehen lassen, da diesen nicht nachgewiesen werden konnte, daß ihre Träger geraubte Sklaven waren, nur die beiden Dhaus, Makangila gehörend, wurden konfiszirt. Die Zahl der Angreifer auf Pandumba zu verstärken, war auch Jumbe verpflichtet worden, mit hunderten seiner Krieger sich am Kampfe gegen Makangila zu betheiligen. Plötzlich und überraschend geschah der Angriff auf Pandumba und Losefa, und ob der zahlreiche Feind auch die Landung zu verhindern suchte, gegen das Feuer der Schiffe und der indischen Soldaten hielt er nicht Stand. Er sammelte sich zwar und unternahm nach Art der Neger immer wieder zwecklose Vorstöße, indes da die Engländer nun einmal festen Fuß gefaßt hatten, schickten sie, geschützt durch ein schnell errichtetes Fort (Maguire benannt), die tausende Feinde immer mit blutigen Köpfen heim.

Längs der ganzen Küste, am Strande und auf den Hügeln waren die zahlreichen Dörfer nur Brandruinen; die Einwohner waren geflohen und die sonst so belebte Küste öde und verlassen. Aber auch dieser langwierige Kampf ging zu Ende; nachdem Major Edwards die Feinde mehrmals empfindlich geschlagen und Makangila die Macht der Europäer erkannt hatte, nahm er die Friedensbedingungen an. Jumbe und dessen Krieger, die herzlich wenig geholfen hatten, und die die Engländer sich beeilten mit der ersten Gelegenheit wieder los zu werden, nahm ich, Fort Maguire anlaufend, an Bord des »H. v. Wißmann« und brachte sie nach Kota-Kota zurück und war selber herzlich froh, als ich erst diese Gesellschaft mit Sack und Pack gelandet hatte. Ein halbes Jahr später schon war Jumbe, der nicht mehr Herr über seine widerspenstigen Häuptlinge zu werden vermochte — die Engländer mochten den alten Sünder auch wohl nicht mehr schützen —, entthront und starb, seiner Würde und Macht entkleidet, bald darauf. Sein Nachfolger Jumbe II., ein noch junger Mensch, erfreute sich nicht lange der Herrschaft, denn durch einen Akt brutaler Grausamkeit, indem er 5 Fremde, Leute eines anderen Stammes, die sich seit längerer Zeit in Kota-Kota niedergelassen hatten, tödten ließ, auch ansässige europäische Händler gefährdete, verfiel er bald dem Verhängniß.

Er hatte nämlich nichts Geringeres geplant, als die Engländer zu tödten und dann gegen die englische Macht einen Guerillakrieg zu eröffnen. Dieser Plan aber blieb nicht unentdeckt, zu offen zeigte der junge übelberathene Tyrann seine Absichten, und als eines Tages der »H. v. Wißmann« mit dem englischen Magistrat Mister Nikol in Kota-Kota einlief und dieser sehr bald von allem unterrichtet war, erklärte er den jungen Häuptling, der ihn ohne Scheu, auf seine Macht pochend, am Lande empfangen hatte, sofort für verhaftet. Zwar setzte der Häuptling mit seinem Gefolge seiner Gefangennahme Widerstand entgegen, war aber bald nach kurzem Messerkampf von den zur Vorsicht mitgenommenen indischen Soldaten (Sikhs) entwaffnet und überwunden. Als nun am nächsten Morgen noch die Kanonenboote einliefen, bemächtigte sich der Bevölkerung eine solche Panik, daß alle Einwohner aus der Stadt in die Berge oder zu den Schambas flohen, das Wenigste, was sie erwarteten, war, ihre Hütten in Flammen aufgehen zu sehen.

Bei einer Untersuchung der zahllosen Hütten wurden wohl 10 Centner Pulver gefunden, welches Quantum für den beabsichtigten Aufstand angesammelt worden war. Um nun für die Folge den Gefahren vorzubeugen, Leben und Eigenthum durch die Willkür eines Häuptlings gefährdet zu sehen, wird bald in Kota-Kota ein englisches Fort jeden Widerstand beseitigen und auch die Sklavenausfuhr wird für die Zukunft unmöglich gemacht werden. Während der Zeit noch, als die endlosen Festlichkeiten, Pombetrinken und wilde Tumulte, zu Ehren des neugewählten Oberhauptes stattfanden, kam hier ein Fall des krassesten Aberglaubens vor. Ein junger Mann, der der Hexerei beschuldigt ward, hatte sich, wie es bei solchen Fällen der Brauch ist, auf ein Gottesurtheil berufen und »pande« trinken müssen, und wie immer, stets zu spät, kam dieser Vorfall zur Kenntniß der Europäer. Man muß den Neger, wenn in ihm der Fanatismus geweckt worden ist, gesehen haben, um von solchen Scenen sich eine Vorstellung machen zu können; in Wahrheit, schwarze Teufel in Menschengestalt sind es, ohne Mitleid und Erbarmen, die gegen den- oder diejenige wüthen, welche durch ein solches Gottesurtheil schuldig befunden und verdammt werden. Der Schwerkranke wurde zwar den Händen der fanatischen Horde entrissen und gepflegt, starb aber trotz aller angewendeten Gegenmittel bald.

Als der Todte darauf seinen Verwandten ausgeliefert worden war, damit er von diesen begraben werde, übergaben dieselben statt dessen den Körper einer Anzahl junger Männer, die ein Tau am linken Fuß des Verstorbenen befestigten und ihn mit wildem Halloh aus der Stadt schleiften. Außerhalb derselben, an einem Orte wo zwei Wege sich kreuzten, ließen sie ihn liegen, bedeckten den Toten mit trockenem Gras und legten an dieses Feuer, wodurch er dann scheußlich entstellt wurde. Um die Wegschaffung und Beerdigung des Körpers zu erzwingen, mußte erst auf den betreffenden Häuptling, in dessen Distrikt solche Scheußlichkeit verübt worden war, ein ganz energischer Druck ausgeübt werden, ehe dieser sich bereit fand den Toten beerdigen zu lassen.

Auf diesen Vorfall hin wurden alle Häuptlinge und Aeltesten, die das pande-Trinken nicht verhindern oder zur Anzeige bringen würden, mit schweren Strafen bedroht, und dafür verantwortlich gemacht, wenn solches nicht unterbliebe.

Erst Ende November 1893 kehrte ich mit dem Schiffe nach Langenburg zurück und fand dort die Herren Prince und Wyneken auch zur Abreise bereit. Da der Kompagnieführer Prince den kühnen Plan gefaßt hatte, von Amelia-Bai aus quer durch das Gebiet der Wagwangwara zu marschiren, so hatte ich dort anzulaufen und bis zum Abmarsch der kleinen Karawane zu warten. Es bedurfte aber vieler Unterhandlungen, ehe von Seiten des Arabers Raschid die Erlaubnis zum Durchzug erlangt werden konnte und dieser hätte niemals solche gegeben, wenn nicht seine gestellte Bedingung, die ihm von Major Wißmann genommene Sklavendhau wieder zu geben, erfüllt worden wäre. Nicht minder schwierig war es, Träger zu erhalten, weil von den Wakissi und Wampotti keiner zu bewegen war weiter als bis zum Fuße des Gebirges mitzugehen. Erst als nach Tagen der Unterhändler Mirambo zurückgekehrt war, konnte der nicht ungefährliche Marsch längs dem Luhobu-Fluß aufwärts angetreten werden. Eine größere Schwierigkeit aber stellte sich dem kühnen Unternehmen nochmals entgegen. Nämlich ehe noch der Weitermarsch vom Hauptsitz Raschid's angetreten werden konnte, gelangte die Nachricht dorthin, daß eine Araber-Karawane in der Konde-Ebene durch deutsche Soldaten (Sudanesen) ausgehoben und nach Langenburg geführt worden sei; Herr von Eltz hätte derselben Träger und Elfenbein abgenommen und sie dann ziehen lassen.

Aus einem an mich gerichteten Schreiben des Leutnants Prince, das Mirambo, den ich auf der Rückreise von Amelia-Bai wieder abholte, mir übergab, ersah ich, wie sehr das Unternehmen gefährdet gewesen war und der glückliche Ausgang der endlosen Verhandlungen allein dem Eingreifen des Arabers Mirambo zu danken sei.

Mit der abgefangenen Araber-Karawane hatte es indes folgende Bewandniß: schon weit in das Gebiet der Wakonde vorgedrungen, versuchte eine große Sklavenkarawane das Livingstone-Gebirge zu erreichen, um auf einsamen Pfaden das Gebiet der Wagwangwara zu durchziehen und so Sklaven und Elfenbein in Sicherheit zu bringen. Allein die Wakonde sandten frühzeitig Boten nach Langenburg und hielten die Karawane, die einmal das Gebirge erreicht, sicher entkommen wäre, unter allerlei Vorwänden auf. Die Araber aber, doch wohl davon unterrichtet, sandten ihrerseits ebenfalls eilige Nachricht dorthin und ließen um ungehinderten Durchzug bitten; Sklaven hätten sie nicht, nur Träger für ihr Elfenbein. In kluger Voraussicht, daß sie in Sicherheit sein würden, ehe vom Fort aus ihnen Halt geboten werden könnte, da die Entfernung ziemlich groß war, hatten sie ihre Boten erst abgesandt, als sie befürchten mußten, gänzlich aufgehalten zu werden.

Wahrscheinlich ist, daß die Araber gewußt haben, daß der »H. v. Wißmann« zur Zeit weit im Süden sich aufhielt, ein schnelles Eingreifen also nicht befürchten brauchten, aber unbekannt muß es ihnen gewesen sein wie schwach das Fort besetzt war — thatsächlich machten nur 15 Soldaten, einige Sudanesen und der Rest Suaheli, die ganze Besatzung aus — sonst, da sie wohl bewehrt und zahlreich genug waren, würde es dem abgesandten Sudanesenchaus und seinen 3 Untergebenen schwerlich wohl gelungen sein die ganze Karawane nach Langenburg zu bringen. Wohlbedacht war es, daß Herr v. Eltz zu solcher Aufgabe keine Suaheli mitgesandt hatte, denn mit den Arabern sympathisirend, wäre, wenn diesen die wirkliche Stärke des Forts verrathen worden, das Aufhalten der Karawane und deren Ueberführung nach Langenburg der kleinen Truppe wohl nicht möglich geworden. Es gelang indes und stellte sich heraus, was die Wakondeboten berichtet, daß es eine Sklavenkarawane war. Mit Vorsicht, da Herr v. Eltz seinen Suaheli nicht allzusehr trauen durfte, wurden allen bewaffneten Männern zunächst die Gewehre abgenommen, dann wurde die Karawane im Bereich der Geschütze gelagert und eine Untersuchung eingeleitet, wer von den Arabern im Besitze von Sklaven sei. Ueber 200 Weiber und Kinder konnten als geraubte Sklaven frei gemacht werden, darunter nur 5 junge Männer, alle übrigen, vornehmlich die Träger des Elfenbeins, bezeugten, daß sie keine geraubten Sklaven seien und mußten deshalb den Arabern zurückgegeben werden.

Entschieden ungünstiger, namentlich für die Sklaven-Besitzer, wäre die Sache ausgefallen, wenn Herr v. Eltz eine entsprechende Macht hinter sich gehabt hätte, oder wenn wenigstens der »H. v. Wißmann« vor Langenburg gelegen hätte; keinesfalls würden dann die Sklavenjäger, die nach Recht und Gerechtigkeit für das Elend, welches sie über Hunderte unschuldiger Menschen gebracht, den Tod verdient hatten, so glimpflich weggekommen sein. Somit war es jedenfalls das Richtigste, die äußerst erbitterten Sklavenjäger mit den Elfenbeinhändlern, die Elephantenzähne und Waffen wieder zurückerhielten, weiterziehen zu lassen, und möglichst schnell solche Gesellschaft abzuschieben, weil ihre Zahl der Besatzung der Station nahezu zehnfach überlegen war, und es gewiß auch nicht rathsam war durch längeres Aufhalten den Arabern Gelegenheit zu geben, vielleicht einen Ueberfall zu versuchen; für die kleine Mannschaft würde es sehr schwer geworden sein einen nächtlichen Ansturm auf die Pallisaden abzuschlagen, und hätte bei dem ungleichen Kampf die Araberhorde möglicherweise das Fort überlaufen. Mit Recht führte Herr von Eltz an, daß er in solchem Falle den Suaheli nicht habe vertrauen können.

Wie richtig die Vermuthung gewesen, die Araber könnten vielleicht doch einen Handstreich unternehmen, zeigte sich, als in Wirklichkeit ein solcher geplant worden war, und zwar hatte sich die Kolonne in der ersten Nacht nicht weit das Rambirathal aufwärts gelagert, um durch einen nächtlichen Ueberfall sich wieder in den Besitz der Sklaven zu setzen. Wie eine zuverlässige Nachricht ergeben hat, war der Führer besonnener als die rachedürstenden Sklavenjäger und weil keine rechte Einigkeit erzielt wurde, unterblieb ein Angriff auf die Station.

Es war gewiß ein schwerer Verlust den die Räuber erlitten hatten, als sie ohne ihre Sklaven abziehen mußten; sie trachteten daher sich durch Jagden auf die im Gebirge wohnenden Wakinga schadlos zu halten, fanden aber solchen ernsten Widerstand, daß sie unter Verlust von Trägern und Elfenbein fliehen mußten.

Weit her vom Innern Afrikas, wo diese Räuberhorden die friedlichen Dörfer überfallen, die Männer, Väter und Brüder der befreiten Sklaven erschlagen lagen, wurden diese Opfer unmenschlicher Raubgier in die Sklaverei und einem ungewissen Schicksal entgegengeführt. Wie viele der Unglücklichen, in die Sklavenscheere gespannt, sind wohl am Wege niedergesunken, kraftlos und schwach, die selbst der unbarmherzige Treiber nicht mehr mit harten Schlägen vorwärts bringen konnte, und wurden verlassen in der Wildniß, ein Raub der Hyänen und anderer Thiere. Kann auf monatelangem Marsch, oft Hunger und Durst erleidend, eine Mutter, erschöpft und unfähig, ihr Kind, neben der ihr aufgebürdeten Last, nicht mehr nähren oder tragen, reißt ihr ein Unmensch den Säugling fort und schleudert das hungernde Wesen ins Gebüsch am Wege, um dann noch die Unglückliche mit Peitschenhieben weiterzutreiben. Barmherzig ist noch der zu nennen, der einen Sklaven, wenn er absolut nicht mehr fort kann, den Gnadentod giebt — der Gefesselte kniet nieder und ein Schlag mit dem schweren doppelschneidigen Dolch macht dessen Leiden ein Ende. —

Hier hatte man den Müttern nur die Säuglinge und die kleinsten Kinder gelassen, sonst alle Bande mit grausamer Hand zerrissen. Was wunder, wenn sie mit stoischem Gleichmuth alles über sich ergehen ließen, selbst die Wiedergabe ihrer Freiheit für nichts achteten, in dem Befreier eher einen neuen Herrn als einen Wohlthäter erblickten. Was war die Freiheit noch werth für sie, wo man ihnen die Heimath und alles Liebe genommen!

Sieht man an Ort und Stelle dieses Elend, dann möchte man an das Schicksal die Frage richten, wann endlich werden die Völker Afrikas von dem furchtbaren Joch, unter dem sie seit Jahrhunderten seufzen und verkommen, befreit, wann wird die Macht der Araber gebrochen und ihrem schändlichen Gewerbe ein Ende gemacht sein! —

Segensreich ist das Wirken der Missionare, in ihrem Schaffen und Streben bethätigen sie die Liebe zur Menschheit und den Antheil, den sie an der Kulturarbeit haben, ist ein großer, es ist ein Pflichtgebot aller Kolonial-Staaten, den christliche Konfessionen das Feld frei zu geben, sie mit der ganzen Macht zu schützen; in dem Vertrauen, das sie sich durch stille mühevolle Arbeit erringen, liegt schon die hohe Gewähr für ein aufkeimendes Kulturleben. Dies erkennend, hat auch Major v. Wißmann den deutschen Missionaren im Norden des Nyassa-Sees freie Hand gelassen, ihnen Schutz und Beistand gewährt, soweit es in seiner Macht lag. Das dankten sie nun und nahmen in Ikombe und Wangemannshöhe die befreiten Sklaven auf, die auf die Dauer für die Station Langenburg eine Last geworden wären, insofern als die Verpflegungskosten für eine so große Zahl beträchtliche waren, auch lag es außer dem Bereich des deutschen Kommandos die Befreiten in ihre ferne Heimat zurücksenden zu können.

Um hier den Angriffen entgegen zu treten, denen Major v. Wißmann ausgesetzt gewesen, weil er konfessionelle Unterschiede gemacht haben soll, sei erwähnt, daß er den deutschen und den am Tanganjika-See wirkenden französischen Missionaren sein Schiff vorläufig auf ein Jahr zur Verfügung gestellt hatte, d. h. es wurde allen, welche mit dem »H. v. Wißmann« süd- oder nordwärts zu fahren wünschten, freie Passage gewährt, was schon allein in Betreff der bedeutenden Kosten große Anerkennung verdient, da eine gleiche Beförderung mit der langsamen »Domira« für den Betreffenden recht kostspielig war und ich selbst habe während der Zeit, in welcher ich den deutschen Dampfer geführt, eine ganze Anzahl Missionare befördert; trotz solchem beträchtlichen Ausfall an Passagiergeld aber doch noch in wenigen Monaten 8000 Mk. mit dem Schiffe verdient, so daß die Unkosten für Schiff und Station gedeckt werden konnten.

Die Bereitwilligkeit der deutschen Missionare, die armen Sklaven in ihre Obhut zu nehmen, führte dazu, daß so eingehend als möglich nachgeforscht wurde, in welchem Lande diese geraubt worden waren und das Resultat war, daß alle diejenigen, etwa 30 Weiber und 20 Kinder, die angaben, an der Grenze der englischen Interessensphäre aufgegriffen zu sein, zurückbehalten werden mußten, da der englische Vertreter in Dunp-Bai Mister Crawshay solche reklamirt hatte, um sie, wenn angängig, in ihre Heimath zurückzusenden. Viel zu ängstlich und nicht begreifend, was der weiße Mann mit ihnen vorhat, kam es vor, daß bei der Feststellung Mütter ihre Kinder irrthümlich zur Mission ziehen ließen und erst als die Einschiffung stattfinden sollte, nach diesen verlangten und weinend baten bleiben zu dürfen wo ihre Kinder sind, sie sahen nun erst ein, es würde eine Trennung für immer sein.

In Abwesenheit des Herrn v. Eltz, der am 13. Dezember auf die Nachricht hin, der Häuptling Marara sei gestorben, eilig hatte aufbrechen müssen, um, wie es von den Söhnen des Verstorbenen gewünscht wurde, aus ihrer Mitte den neuen Sultan zu wählen und einzusetzen, suchte ich der Schwierigkeit, die Mütter mit ihren Kindern wieder zu vereinen, dadurch abzuhelfen, daß, wo letztere nicht so schnell herbeigeschafft werden konnten, erstere auf ihren speziellen Wunsch zurückblieben und später ebenfalls der Missionsstation überwiesen wurden, bei welcher die halberwachsenen Kinder Aufnahme gefunden hatten. Die Einschiffung der Weiber und Kinder unternahm ich am 14. erst dann, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß alle, die bestimmt waren, den Engländern übergeben zu werden, keinen Wunsch mehr hatten, namentlich keine Mutter durch ihr eigenes Versehen von einem ihrer Kinder getrennt werde. Manch armes Weib, von übernatürlicher Furcht beherrscht, konnte aufgefordert nicht mal für sich sprechen, kroch auf Händen und Füßen heran und weinte nur, erst von den Schicksalsgenossen konnte mit Mühe erfahren werden, wie es um solches bestellt war und warum es weint.

Schrankenlose Furcht muß der Araber den geraubten Sklaven einzuflößen wissen, sonst ist es nicht verständlich, wie menschliche Wesen gleich gescholtenen und geschlagenen Hunden vor ihren Herren so sich beugen und im Staube kriechen können. Selbst das offenbare Wohlwollen, das der Europäer ihnen zeigt, selbst die Aufforderung aufrecht vor diesen zu stehen oder wenigstens zu sitzen fruchtet nichts, und wahrlich, jeden muß es mit äußerster Erbitterung gegen diejenigen erfüllen, die den freien Menschen solchen Sklavensinn einzuflößen vermochten. Herzlose Grausamkeit, die Beraubung alles dessen was solchen Geschöpfen einst lieb und theuer war, kann diese nur so tief beugen. Vor dem Richterstuhl menschlicher Gerechtigkeit müßten solche Räuber, die Feuer, Tod und Elend in die Hütten friedlicher, wehrloser Menschen tragen, niemals Gnade finden, unerbittlich dem Tode verfallen, der für all den Jammer und Elend kaum eine Sühne zu nennen ist; es sollte jeder erreichbare Sklavenjäger damit bestraft werden und so für seine Thaten büßen.

Mehrfach kam eine Kunde zu uns, die meines Wissens keine Bestätigung gefunden hat, daß weit im Innern Afrikas ein Volksstamm von heller Hautfarbe wohnen soll; kaum denkbar ist es, und befanden sich unter den geraubten Sklaven zwei, ein Mädchen und ein junger Mann, die ich für Geschwister hielt, von heller kupferbrauner Färbung. Auch diese gehörten zu der Zahl, welche ihre Heimat weit im Westen vom Nyassa-See liegend, bezeichnet hatten und auch an der englischen Administration in Pankanga ausgeliefert werden mußten. Ich war erst versucht, diese beiden für die Nachkommen eines reinblütigen Arabers zu halten, doch wiederum die Gesichtsbildung, die keinen Negertypus verrieth, ebenmäßig, hübsch sogar zu nennen, machte mich zweifeln, wozu die Annahme, daß, wäre meine Voraussetzung richtig gewesen, diese wohl nicht als Sklaven von den Arabern behandelt worden wären, das ihre beitrug, allein ich konnte nichts genaueres erfahren.

Noch am Abend des 14. Dezembers, nach einer stürmischen Ueberfahrt — zu allem schon ausgestandenen Leiden mußten die Weiber und Kinder noch die Seekrankheit kennen lernen — traf ich in Pankanga ein und übergab im englischen Fort dem in Abwesenheit des Mister Crawshay den Befehl führenden Sikhs Unteroffizier alle, dafür sorgend, daß ihnen Wohnung und reichlich Speise und Trank verabfolgt wurde.

In Bandawa angekommen erfuhr ich, daß etwa 20 Seemeilen südlich vor der Bana-Point, der Dampfer »Ilala« zusammengebrochen sei. Auf diese Nachricht hin, die von Eingeborenen vor mehreren Tagen schon an Dr. Elmslin überbracht worden war, beschloß ich dennoch unverzüglich aufzubrechen und das Schiff zu suchen, weil mir bekannt war, daß erstens an Bord der »Ilala« kein Boot sich befand und zweitens ein etwas heftiger Südost-Wind, der eine schwere See in der Marenga-Sanga-Bucht hineinfegen mußte, das Schiffchen äußerst gefährden konnte. Die ganze Küste von Bandawa südwärts und die große Bucht suchte ich ab, und schließlich fand ich den Dampfer noch unterhalb der Bana-Point auf flachem Wasser, in gefährlicher Lage vor.

Da es nicht möglich war, mit dem »H. v. Wißmann« der »Ilala« nahe zu kommen, war es das Erste, diese in tieferes Wasser zu bringen, dann erst wurde versucht ob wir den Schaden am Dampfkessel nicht repariren könnten. Dies indes stellte sich nach 36stündiger Arbeit als unmöglich heraus und dem Führer blieb nichts anderes übrig, als mein Angebot, sein Schiff nach Fort Johnston zu schleppen, anzunehmen. Zum Glück, was in dieser Jahreszeit seltener der Fall, behielten wir einigermaßen gutes Wetter, sodaß wir schon nach einigen Tagen ohne weiteren Unfall vor der Schirebarre ankern konnten.

Schon die Reise vorher, als ich kaum vor der Schirebarre vor Anker gegangen war, kam mit mehreren kleinen Kanoes, der mit der Bewachung der deutschen Nation betraute Suaheli Hamissi mit der überraschenden Nachricht an Bord, daß sowohl die deutsche, als auch die nebenliegende englische Handelsstation von Leuten Kassambe's und im Einvernehmen mit diesen, Mgonda-Leute, die Stationen überfallen hätten, aber, obwohl die Banden zurückgeschlagen wurden, wären die Angriffe doch nächtlicher Weile immer wieder erneuert worden. Mir blieb darauf hin nichts anderes übrig als von den für die englische Administration angeworbenen Abonga eine Anzahl guter Leute auszuwählen, alle gut bewaffnen und sie als Verstärkung in die deutsche Station zu legen; ich rechnete darauf, es würde den Feinden unbekannt bleiben, wieviel Gewehre in der Station seien und sie sich großer Gefahr aussetzen, wenn sie aufs neue einen Ueberfall versuchen sollten. Fast unter den Kanonen von Fort Johnston — die beiden Stationen liegen nur etwa 10 Minuten oberhalb desselben — wagten doch die Feinde, wohlunterrichtet wie schwach das Fort besetzt war, solche Angriffe und es blieb zum eigenen Schutz nichts übrig, als die unbeschützten Stationen ebenfalls durch Erdwerke und Pallisaden zu befestigen.

So war die Weihnachtsnacht herangekommen und in Sicherheit gewiegt, da seit mehreren Wochen alles ruhig geblieben war, hatten die drei auf der englischen Station anwesenden Europäer, wozu sich noch später der Führer der »Ilala« gesellte, auch ich war eingeladen worden, beschlossen, Christmas (Weihnachten) zu feiern.

Wie gewöhnlich, da der Engländer, die deutsche Sitte, einen Christbaum auszuschmücken, weniger kennt, besteht die Feier nur aus einem Festessen, das mit Whisky und Sodawasser oder anderen Getränken, wenn solche vorhanden und erhältlich sind, gewürzt wird. Mir lag an solcher Feier nichts, zumal ich an Bord einen provisorischen Christbaum ausgeschmückt hatte und es vorzog, mit meiner Mannschaft das Fest in deutscher, sinnigerer Art zu begehen, darum folgte ich der Einladung nicht, obwohl ich, hätte irgend ein Anzeichen vorgelegen, daß die Stationen gefährdet sein könnten, sicher Vorkehrungen getroffen haben würde, wenigstens die deutsche, nach Möglichkeit zu schützen. Fraglos war es, daß die Engländer scharf bewacht wurden und von Spionen umgeben waren, denn jeder nächtliche Angriff hatte gezeigt, wie gut die Feinde orientirt waren. So war es auch in dieser Weihnachtsnacht 1893. Die Europäer, die wohl nicht mehr recht taktfest gewesen, suchten erst in später Stunde ihre getrennten Lagerstätten auf um bald in festen Schlaf zu fallen. Da sie sich nur auf die fragwürdige Zuverlässigkeit zweier Wachtposten verlassen hatten, so wurden sie plötzlich durch heftiges Gewehrfeuer aufgeschreckt. Die Feinde, die durch Verräther unterrichtet waren und wohl im Glauben die Weißen würden zu einer schnellen Abwehr nicht fähig sein, hatten ihr Feuer auf die Lagerstätten der Europäer gerichtet und mit solcher Sicherheit, daß die Engländer nur durch Zufall den tödlichen Kugeln entgangen sind. Wie schnell aber auch die immer bereiten Waffen ergriffen und das Feuer auf die Feinde erwidert wurde, schneller war die Besatzung der deutschen Station; sie eilte zu den Erdwällen und, trotz der Dunkelheit, die Feinde auf dem rasirten Terrain hinter der englischen Station erkennend, eröffnete sie ein nutzloses Schnellfeuer, das aber doch die Feinde stutzig machte und diese zum eiligen Rückzug hinter deckendes Gebüsch veranlaßte.

Wohl war von Seiten der Angreifer versucht worden, Feuer an die Grasdächer zu legen, und hätten diese gebrannt, wäre der Ausgang des Kampfes wohl fraglich, zum mindestens der Schaden ganz enorm gewesen, diese aber zündeten zum Glück nicht, weil sie vom Regen durchnäßt waren, der am Abend vorher durch ein furchtbares Gewitter in Strömen niedergegangen war, das auch mich, auf der Fahrt nach dem Schiffe zurück, überrascht hatte. In früher Morgenstunde des ersten Festtages wurde ich durch Boten von den Vorgängen in der Nacht unterrichtet, und an Land gekommen, fand ich auf den Stationen alle noch in ziemlicher Aufregung. Eifrig wurde das Für und Wider erwogen, namentlich wie es den zahlreichen Feinden möglich geworden wäre, ihre Waffen so nahe den in den Häusern Schlafenden abzufeuern, was die Kugellöcher in den Wellblech- und Lehmwänden bezeugten. Die Posten, die nichts vorher bemerkt haben wollten, mußten entweder mit den Feinden im Einverständniß gewesen sein, oder was wahrscheinlicher, ebenso fest wie ihre Herren geschlafen haben.

Wie immer waren auch jetzt vom Fort unternommene Streifzüge im Urbusch vollständig nutzlos, längst hatten die flinken Feinde die sicheren Berge wieder erreicht und waren in Sicherheit, von wo sie wiederkommen, wenn ihnen die Gelegenheit günstig scheint und nicht eher werden solche Ueberfälle unterbleiben, als bis die Engländer stark genug geworden sind, mit dem Häuptling Kassembe gleichwie mit Makangila, abzurechnen.

Während der Regenzeit, die jetzt herangekommen war, liegen regenschwere Wolken über der weiten Fläche des Nyassa-Sees; starke Winde treiben die schwarzen Massen vor sich her, die tiefhängend, die mächtigen Felswände dem Auge entziehen. Plötzliche Sturmböen fegen mit rasender Gewalt von den Bergen herab und wühlen die leicht erregten Fluthen auf, Wind- und Wasserwirbel fliegen über diese hin, und im Gegensatz zum blinkenden Sonnenlicht liegt eine graue Dämmerung über die bald ruhigen, bald schaumgekrönten Wogen des Sees gebreitet. Nah und fern hallt der Donner, tausendfachen Wiederhall erweckend, und zuckende Blitze rings um den Horizont erscheinen wie hunderte glühender Schlangen, die das Wolkenmeer zertheilen. Die Atmosphäre ist mit Elektrizität überladen, die Luft schwül und drückend, bis das Unwetter hereinbricht mit einer Gewalt, wie nur die Tropenwelt sie kennt. Und unbeirrt durch alles dies zieht der »H. v. Wißmann« seine Straße, bald gegen Sturm und Wellen kämpfend, bald die beruhigten Gewässer durchfurchend.

Vor Likoma lagen wir in der Scheidestunde des Jahres 1893 zu Anker und begingen die Neujahrsfeier im Verein mit den englischen Missionaren an Bord des »H. v. Wißmann«. In mitternächtlicher Stunde donnerten die Geschütze, die an Felsen und Rocks von elektrischen Licht erhellt, tausendfachen Widerhall weckten, dem scheidenden Jahr zum Gruß knatterten die Gewehre und prasselnde Leuchtkörper zischten in die Lüfte, die bei dem am Strande versammelten Hunderten Staunen und Verwunderung hervorriefen.

Vor Langenburg eingetroffen, war der längere Aufenthalt daselbst in dieser Anfangsperiode der Regenzeit zuweilen recht unangenehm. Nordwestliche Winde, wenn auch nicht stürmisch, regten doch den See so auf, daß das dort vor Ankerliegen namentlich Nachts recht ungemüthlich wurde, dazu die furchtbaren Regenschauer, die über alle Beschreibung schrecklichen Gewitter. Die Feuerschlangen, die oft die dunkelste Nacht momentan wie mit magischem Lichte erhellten, zuckten unablässig aus der tiefhängenden Wolkenmasse hernieder, die an der Felsenwand des Livingstone-Gebirges sich aufgeballt; prasselnd folgte Schlag auf Schlag, der furchtbarste Donner hinterher, mit einer Gewalt, als würden die Felsen zersplittert, und der Furchtbarkeit der entfesselten Elemente steht Mensch und Thier schaudernd und zitternd gegenüber. Jeder Blitzstrahl, der in nächster Nähe des Schiffes herniederfuhr und heller als das Tageslicht die mächtige Dunkelheit durchzuckte, schien die hohen Masten des Schiffes treffen zu wollen. Obgleich keine unmittelbare Gefahr vorhanden, da gute Blitzableiter an denselben angebracht waren, so war es doch geradezu unheimlich, sich noch in geschlossenen Räumen, die nahe den Masten auf oder unter Deck lagen, aufzuhalten; der blendend zuckenden Gluth, die scheinbar aus einem wallenden Feuermeer herabfuhr, dem furchtbar wüthenden Elemente schaute man lieber im Freien zu. Schwefelgeschwängert war die Luft, schwer und drückend, wie ein Alp machte sie die Sinne befangen und selbst die That und Willenskraft erlahmte unter einem eigenthümlichen Gefühl der Bangigkeit, welches man nicht abzuschütteln vermochte. Auf den Ozeanen finden die wildesten Gewitterstürme, die rasenden Orkane und Pamperos etc., abgesehen von der alles zerstörenden Gewalt des Windes, sind mir die Entladungen der Elektrizität nie so furchtbar erschienen, wie hier auf dem Nyassa-See. — Reich und üppig sprießt die Natur, nun der Regen die durstige Erde durchtränkt hat, auf Bergeshöhen und in den Thälern blüht und grünt es, als hätte eine Zaubermacht mit einem Schlage schlummerndes Leben geweckt —, den Frühling brachte die Regenzeit. Korn und Erdfrüchte, als Mais, Mtama, Bataten etc., hat, auf reiche Ernte hoffend, der Bewohner Afrikas in die Erde gebracht, alles treibt mit Macht zum Licht empor und verspricht den erhofften Segen, der nicht ausbleiben darf, den die gütige Mutter Erde tausendfach spenden muß, sollen nicht viel tausend Menschenkinder, die keinen anderen Ernährer finden, noch kennen, durch Hunger und Elend zu Grunde gehen.

Und sie thut es auch, sie lohnt dankbar auch die kleinste Müh und Arbeit. Aber was sie überreich gespendet, was sie fast mühelos dem unter einer heißen Sonne geborenen Menschenkinde in den Schoß wirft, ist doch mitunter gefährdet ehe noch die Frucht zur Reife gelangt; dann dem Hunger preisgegeben, wenn die Vorrathskammern leer, steht der arme Neger und schaut der Vernichtung seiner Felder zu, der er, machtlos gegenüber, nicht Einhalt gebieten kann.

Die Heuschrecke ist sein schlimmster Feind, zu Millionen in blühende Gefilde einfallend, vernichten sie jede Hoffnung, keinen Grashalm, Blüthe noch Blatt verschonen sie, und ziehen sie wieder, lassen die Schaaren Schrecken und Tod zurück. Vom Tanganjika-See herunter waren die gefräßigen Thiere gekommen, an den Abhängen des Livingstone-Gebirges eingefallen und hatten der Ernte der Eingeborenen und aller Vegetation Vernichtung gebracht. Tausende schwirrten auf Strauch und Bäumen, tausende in der Luft umher, jeder Grashalm war dicht besetzt und zahllos die unersättlichen Nager; jeder Fußtritt im kahlgefressenen Grase, selbst noch an den dürren Stengeln, scheuchte hunderte auf, die gewaltigen Blätter der Bananen und deren wohlschmeckende Frucht wurden eine willkommene Beute, kahl ragt der saftige Stamm dieser herrlichen Pflanze in die Lüfte, ein trauriges Bild unglaublicher Vernichtung darstellend; selbst die abertausend jungen Keime der gewaltigen Baumriesen, Baobab und Tamarinden, verschonte das Thier nicht.

Welche Verheerung in kurzer Zeit die Heuschrecke anzurichten vermag, sah ich hier auf der Rambira-Landzunge und am Fuße des Gebirges zum ersten Male, und doch waren es nur kleine Schwärme, die sich hier niedergelassen hatten. Viel verheerender haben sie die Länderstrecken ostwärts heimgesucht: später auf dem Heimwege, im ganzen Schirethal fand ich nur ödes Land, Vernichtung überall, die die bitterste Noth und den Hunger im Gefolge haben mußte.

Am 9. Januar 1894 trat ich wieder die Reise südwärts an und war erst wenige Tage von Langenburg entfernt, als dort ganz unerwartet am 13. die Nachricht eintraf, daß Seine Exzellenz der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Freiherr von Schele, mit einer gewaltigen Expedition am nächsten Tage in Langenburg eintreffen werde.

Auf einer militärischen Expedition begriffen, war Freiherr von Schele von der Küste aus bis zum Fuße des Livingstone-Gebirges vorgedrungen und nun dem Nyassa-See ziemlich nahe, beschloß er, sich persönlich von der Lage der deutschen Station und den Verhältnissen am See zu überzeugen. Wohl war das Ueberschreiten des hohen Gebirgskammes mit 600 Mann keine Kleinigkeit, aber quer durch das Gebiet der Wagwangwara, an steilen Abhängen entlang den Weg suchend, erblickten die zahlreichen Theilnehmer — 17 Offiziere allein begleiteten den Gouverneur — auf der Höhe der Kayser-Bucht den im Sonnenglanz gebadeten Nyassa-See zuerst. Schwieriger noch ward der Weg von hier nordwärts, entlang den tiefen Felsengründen, und mehrere Maulthiere stürzten vom schmalen Gebirgspfad abwärts in die Tiefe, die aufgegeben werden mußten, da keine Möglichkeit vorhanden war, diese Thiere aus den Abgründen wieder herauszuschaffen.

Nach Eintreffen des Gouverneurs in Langenburg wurde unverzüglich ein Eilbote über Land nach Karonga gesandt, der, wie gehofft wurde, dort die Domira vielleicht noch antreffen könnte, die mir dann den Befehl zur sofortigen Rückkehr überbringen sollte. Allein nur einen Tag zu spät traf der Bote ein, und obwohl dem Schiffe noch bis Pankanga nachgeeilt wurde, war dieses auch schon von dort wieder abgefahren.

In voller Unkenntniß der Ereignisse im Norden (mir Nachricht zu senden, war ja ausgeschlossen), setzte ich meine regelmäßige Tour südwärts fort; selbst in Amelia-Bai, wo ich einer sich sammelnden Araber-Karavane den Bescheid bringen sollte, daß sie mit dem Schiffe später abgeholt werden würde, wußte man von der Annäherung der deutschen Expedition noch nichts.

Am Südende des Sees feierten wir am 27. Januar noch Kaisers Geburtstag, und zur selben Zeit als im Süden der »H. v. Wißmann« im Flaggenschmuck aus dem ehernen Mund der Geschütze dem deutschen Kaiser den Gruß entbot, brachte im fernen Norden des Sees der Kaiserliche Gouverneur Frhr. v. Schele auf Station Langenburg seinem Kaiserlichen Herrn ein Hoch aus, und der Mund der Geschütze sandte auch hier der deutschen Pioniere Gruß dem deutschen Kaiser zu.

Am 28. Januar brach ich erst wieder von Fort Johnston auf, erreichte am 2. Februar Amelia-Bai und war überrascht, hier eine ganze Anzahl Araber versammelt zu finden, mehr noch, als der große Häuptling der Wagwangwara Raschid selbst mit an Bord kam und mir ein arabisches Schreiben überbrachte, das vom 28. Januar die Unterschrift des Frhr. v. Schele trug und in Langenburg ausgefertigt war. Was mir kaum glaublich schien, mußte dem Schreiben nach wahr sein, und jeder Zweifel schwand, nachdem Raschid mir den Inhalt desselben in Kisuaheli übersetzt hatte; darnach theilte der Gouverneur Raschid mit, daß er beabsichtige, in den nächsten Tagen mit seiner Expedition aufzubrechen und von Amelia-Bai den Weg über das Gebirge wählen würde, er solle für Proviant etc. in seinem Gebiet Sorge tragen.

Direkt nach Langenburg zu dampfen war mir nicht möglich, weil ich eilige Post und Güter für Karonga an Bord hatte, kürzte aber, dort angekommen, den Aufenthalt nach Möglichkeit ab und setzte die Reise nach Einschiffung des französischen Bischofs Monsigneur Laschaploir und dessen Begleiter, die vom Tanganjika-See hier angekommen waren, fort. Gegen Abend des 3. Februar 1894 vor der deutschen Station eingetroffen, donnerte im Moment, als der Anker in die Tiefe rauschte, vom Schiffe der Kanonensalut für den Gouverneur, und ehe noch der Dampfer wie üblich befestigt war, kam Frhr. v. Schele zur Besichtigung an Bord. Unter der Zahl seiner Offiziere aber fand ich manchen alten Bekannten wieder aus jener Zeit, wo an der ostafrikanischen Küste unter Führung des Majors von Wißmann der große Araberaufstand blutig niedergeworfen worden war.

Tag für Tag hatte man sehnsüchtig auf die Ankunft des »H. v. Wißmann« gewartet und, obgleich ich mit dem Schiffe doch erst zur bestimmten Zeit eintreffen konnte, waren schon alle Vorbereitungen getroffen, mit dem großen Stahlboot und der von Major von Wißmann seinerzeit gekaperten Dhau wenigstens einen Theil der Expedition nach Amelia-Bai abzusenden, selbst nach Ankunft des Dampfers sollte dieser Befehl noch zur Ausführung kommen. Mit der unbeständigen Witterung besser vertraut als jeder andere, war es meine Pflicht, auf die Gefahr aufmerksam zu machen, welche für das offene Stahlboot eintreten mußte, sobald der See vom Winde erregt unruhig werden würde.

Auf die Hinweisung, daß es unter solchen Verhältnissen besser und sicherer sein werde, der Dampfer nehme die Fahrzeuge im Schlepptau, änderte Se. Exzellenz den Befehl und die Abfahrt wurde um einen Tag verschoben.

Seine Anwesenheit im Nyassa-See hatte der Gouverneur dazu benutzt, sich eingehend über die Beschaffenheit der Konde-Ebene zu orientiren, auch die deutschen Missionsstationen zu besuchen, wollte aber nun auch noch die deutsche Grenze, den Songwe-Fluß besichtigen, sowie sich die Lage der englischen Station Karonga ansehen. Demnach dampften wir in der Frühe des 4. Februar hinüber zur Westseite des Sees und, da eine Exkursion den Songwe hinauf geplant worden, wurde solche mit zwei Schiffsbooten unternommen, und eine in jeder Beziehung angenehme Fahrt in diesem reichen Gebiet war es für die Theilnehmer.

Die Einschiffung der Maulthiere, Esel, Geschütze und des gewaltigen Gepäcks begann am 5. früh, dazu war mit 27 Europäern und 380 Mannschaften der »H. v. Wißmann« recht schwer belastet. 200 Mann wurden im großen Stahlboot, der Rest in der Dhau untergebracht und gegen 11 Uhr Vormittags konnte die Abfahrt vor sich gehen. Frei von Rambira, war das Unangenehmste, die über Nacht aufgekommene südliche Schwell, gegen welche nun mit halber Maschinenkraft angedampft werden mußte, zu überwinden, oftmals mußte langsam gefahren werden, brach doch die See zeitweilig in das schwer beladene offene Boot hinein, sodaß unablässig eingeschlagenes Wasser ausgeschöpft werden mußte. Besser hielt sich die Dhau im Schlepptau, allein durch das lange Liegen am Strande leck geworden, nur nothdürftig von den Arabern abgedichtet, glaubte ich manchmal, sie würde sich nicht über Wasser halten können, wenigstens für die Mannschaft in derselben war es keine beneidenswerthe Arbeit, unablässig zu schöpfen, um nur des eindringenden Wassers Herr zu werden.

Es war nicht gut möglich die Nacht hindurch zu dampfen wegen der unbeständigen Witterung, daher wurde auch die Kayser-Bucht als das Endziel festgesetzt.

Gegen Abend erreichten wir denn auch die Bucht und zur Sicherheit, um nicht dem Strande zu nahe zu kommen, hatte ich schon den Anker auf 20 Faden = 120 Fuß fallen lassen, damit, wenn wie häufig Nachts westlicher Wind und See aufspringen sollte, der Hintersteven nicht auf Grund stoßen könnte; allein als um Mitternacht wirklich der Wind mit einer starken Regenboe einsetzte, gab das Anker an der steil zur großen Tiefen abfallenden Felswand nach und bald erschütterten heftige Stöße das Schiff. Es blieb hierbei nichts anderes übrig, als Kette einzuhieven, vielleicht daß der Anker auf geringer Tiefe wieder Halt fände, was auch zum Glück der Fall, und nur froh war ich, als gegen Morgen die See abnahm und der neue Tag heraufdämmerte.

Da der See am Morgen, wenigstens dicht unter der Felsenwand, ziemlich ruhig war, konnte früh schon die Reise fortgesetzt werden und ohne besondere Schwierigkeit erreichten wir gegen Mittag des 6. Februar die Mündung des Buhobu-Flusses, südlich von Amelia-Bai. Die Ausschiffung, da hier dem Lande nicht recht nahe geankert werden konnte, währte bis zum Abend, namentlich machten die Maulthiere und Esel uns recht viel Mühe.

Der Abmarsch der Expedition war auf den nächsten Morgen festgesetzt, deshalb entfaltete sich an dem Ufer des Flusses im provisorischen Lager ein recht reges Leben bis alles geordnet war, Soldaten und Träger vertheilt, und nach deutscher Art alles klappte. Zur Weiterfahrt mit dem Dampfer wurde nur Leutnant Fromm kommandirt, der die Verhältnisse auf dem Schire und Zambese erkunden und gleicherzeit den Transport eines erkrankten Unteroffiziers leiten sollte, sowie Doktor Lieder, der mit einer kleinen Zahl von Trägern von Mbampa-Bai quer durchs Land zur Küste marschiren und geologische Untersuchungen im südlichsten Theil des unbekannten deutschen Gebietes anstellen wollte.

Gleichzeitig am 7. früh, als die Trompete zum Aufbruch rief und die langen Kolonnen der Expedition sich in Bewegung setzten, lichtete auch der »H. v. Wißmann« die Anker und über Neu-Helgoland trafen wir noch selbigen Tages in der Mbampa-Bai ein. Hier landeten wir noch Dr. Lieder mit seinen Lasten und Leuten, der sein kleines Lager etwa 100 Meter vom Schiff entfernt am öden Strande aufschlug.

Tiefe Ruhe lag über Land und See ausgebreitet, selbst die Stimmen der Nacht tönten nur schwach aus der weiten Ebene herüber und nichts deutete darauf hin, daß der König der Thiere uns einen Besuch abstatten würde. In tiefster Ruhe und vermeintlicher Sicherheit lagen um das Zelt des Dr. Lieder dessen Leute, nach Negerart mit dem Lendentuche bedeckt, um sich so gegen die Stiche der Mosquito zu schützen, und schliefen fest auf dem kühlen Sande, dem Wachposten es überlassend, für ihre Sicherheit zu sorgen.

Plötzlich, es mochte zwei Uhr Morgens geworden sein, hallte ein wilder Schrei durch die Stille der Nacht, der, mit dem zugleich eröffneten Gewehrfeuer, alle Schläfer an Land sowohl wie auch an Bord jählings aufschreckte. Lauter aber als das Stimmengewirr und der Schmerzensschrei eines Mannes, tönte die gewaltige Stimme des Löwen, der grollend abzog, da ihm seine Beute, die er mit der Tatze geschlagen, entgangen war.

Schulter und Brust des überfallenen Mannes hatte der Löwe mit seinen scharfen Krallen aufgerissen, nur der Schmerzensschrei wilder Angst hatte den Menschenräuber stutzig gemacht, und ehe er seine Beute sicher gefaßt hatte, feuerte schon der Posten. Dr. Lieder hielt es für geboten, da der Löwe sich nicht gescheut hatte, bis in den Kreis der schlafenden Leute einzudringen, jetzt doppelte Posten der Sicherheit halber aufzustellen; war es auch ausgeschlossen, daß der Räuber einen neuen Versuch wagen würde, so gebot doch die Vorsicht, fortan achtsamer zu sein.

Bald hatte sich die Aufregung gelegt und tiefe Ruhe war wieder eingetreten, als plötzlich, noch mochten kaum 2 Stunden seit dem ersten Angriff verflossen gewesen sein, heftiges Gewehrfeuer die Nacht durchschallte. Wild brüllend, seinen Groll über den abermaligen Mißerfolg kundgebend, zog der Löwe ab. Die Posten, die jetzt wachsamer gewesen waren, hatten den schleichenden Löwen, der, geschützt durch die Dunkelheit, wieder ganz nahe gekommen war, rechtzeitig bemerkt, und ehe er zum zweiten Male, dann wohl mit besserem Erfolge, einen der Schläfer fassen konnte, scheuchten ihn die Stimmen und die Schüsse fort.

Man kann sagen, es war ein Glück, daß dem zum Sprunge bereiten Löwen keine der ersten Kugeln getroffen hatte, das Thier, jedenfalls von heftigem Hunger geplagt, hätte dann sicher, nur verwundet, wüthend angegriffen und außer denen, die er mit den Tatzen niedergeschlagen, würde er mit einem Unglücklichen doch entkommen sein.

Nun war es vorbei mit der Ruhe und als der junge Morgen anbrach, rüstete sich die kleine Schaar, um den ungastlichen Strand zu verlassen, wir aber wünschten dem kühnen Forscher, der sicher mancher Gefahr entgegen ging, eine glückliche Reise durch unbekanntes, unerforschtes Gebiet. Mehrfach habe ich der wilden Thiere Erwähnung gethan und namentlich auf die zahlreichen Leoparden und Panther, die uns überall am meisten belästigt hatten, hingewiesen, den Löwen aber als weniger gefährlich bezeichnet, weil dieser auf unserem Wege nicht in so großer Zahl aufgetreten ist.

Wohl ist das richtig, da der Löwe sich nicht so bemerkbar macht, auch nicht gleich dem Panther sich auf feigen Raub einläßt, vielmehr seine Stärke an ebenbürtigeren Gegnern, als Büffel etc., erprobt, und nicht der wehrlosen Ziege und dem Schafe nachstellt. Mit Stolz verschmäht der König der Thiere es, wenn seine markigen Glieder noch elastisch genug sind, die friedlichen Heerden zu gefährden, thut er es aber und treibt ihn der Hunger dazu, wählt er sich den starken Bullen aus und bringt ihn zu Fall, gefährlich nur wird er, wenn das Alter ihn drückt, die sehnigen Glieder erschlafft sind und er dem flüchtigen Wilde nicht mehr folgen kann, den Büffel nicht mehr im tödtlichen Kampfe angreifen darf; dann erst sucht er die Wohnstätten der Menschen auf, raubt in den Heerden und wird ein gefährlicher Menschenräuber, sobald er erst einmal Menschenfleisch geschmeckt hat.

Niemals, noch im Vollbesitz seiner Kraft, wird der Löwe, sofern ihn nicht wilder Hunger plagt oder er aufgestört und verwundet worden ist, sich aus Blutgier auf den Menschen stürzen. Wie alle Thiere, meidet auch der Löwe den Menschen, wenn er kann, wird aber der gefährlichste Gegner, wenn er gereizt zum Angriff übergeht.

In einzelnen Distrikten des Seengebietes ist der Löwe, der nie hier gejagt wurde, für die Bewohner eine Plage geworden, selbst Auswanderungen und das Aufgeben einzelner Ortschaften haben stattgefunden, nur weil zu häufig die Heerden gefährdet und Menschen geraubt worden sind, steht doch der Eingeborene dem Löwen fast machtlos gegenüber.

Die Eingeborenen wehren sich selbstverständlich nach ihrer Art und suchen durch vergiftete Pfeile, Fallgruben oder Gift sich des gefährlichen Feindes zu entledigen, was ihnen jedoch seltener gelingt; haben sie aber, schließlich zur Verzweiflung getrieben, den Zufluchtsort eines Löwen, der ihnen unaufhörlich Schaden zugefügt, erkundet, umstellen sie das dann meistens vom Raube übersättigte Thier, stören es auf, und suchen es zu tödten, oft freilich unter schweren Verlusten ihrerseits.

Die Engländer, als bekannte Sportsleute, haben sich, namentlich Offiziere der Kanonenboote, auf die gefährliche Löwenjagd gelegt, und meistens in dem hügeligen Terrain hinter der Pankanga-Bucht ist es Einzelnen gelungen dem Löwen nahe zu kommen.

Doktor M'ckay und Mister Crawshay hatten auch das Glück, einige zu erlegen, was mir aber letzterer bestätigte, ist, daß ein angeschossener Löwe nie direkt den Jäger angenommen hat, sondern, wenn auch langsam, stets entfloh. War der Schütze sicher, daß seine Kugel gut getroffen hatte, wurde erst nach Tagen eine allgemeine Treibjagd mit Hilfe der Eingeborenen unternommen, um das verendete oder dem Verenden nahe Thier im dichten Gebüsch aufzusuchen. Einst auch hatte Mister Crawshay eine große Löwin angeschossen und diese nach Tagen suchend, stieß einer seiner Leute unerwartet auf das sterbende Thier, das aber noch so viel Kraft besaß, den im ersten Augenblick höchst erschrockenen Mann anzufallen und mit den Zähnen und Tatzen an den Beinen arg zuzurichten, ehe dessen Rufe gehört und eine Kugel ihn aus den Krallen der wüthenden Katze befreite.

Schlimmer erging es Doktor M'ckay, derzeit an Bord des Kanonenbootes »Pionier«, auch einst in Port Herald mein freundlicher Arzt. Er hatte gehört, im Gebiete Jumbes, in der Nähe des »Livlezi-Flusses« sei eine Elephanten-Herde gesehen worden und machte sich auf, diese zu jagen; schon weit den Spuren gefolgt, traf er am 22. Oktober 1894 aber mit Löwen zusammen, und als ein kühner Jäger, der schon zweimal mit Erfolg dem König der Thiere entgegengetreten war, nahm er die gefährliche Jagd auf. Es gelang ihm auch, einen der Löwen zu verwunden und verfolgte das Thier, bis er nahe gekommen war, um es den Gnadenschuß zu geben.

In dem Augenblick, als der Löwe sich seinem Verfolger zugewendet hatte, feuerte Dr. M'ckay; das Thier war aber nicht tödtlich getroffen, es sprang, ehe er einen zweiten Schuß abzugeben im Stande war, vor Schmerz brüllend, auf ihn, riß ihn, seinen linken Arm zerbrechend, zu Boden und grub die Tatzen tief in die Schultern des Gefallenen ein.

Nach Aussage der Begleiter, die außer einem Diener, »Musa« mit Namen, auf Bäumen geklettert waren, hat nun ein furchtbarer Kampf stattgefunden; der Löwe, von Blutverlust schon sehr geschwächt, versuchte die Kehle des Doktors zu fassen, was dieser mit dem rechten Arm und Hand abzuwehren suchte, dabei rufend, daß Musa feuern solle.

Die kurzen Augenblicke, die vergangen waren, ehe der Diener zum Schießen kam, hatten aber hingereicht, daß der Löwe den Unglücklichen gräßlich zurichten konnte, und erst, als die Kugel das Thier getroffen, ließ dieses von dem Doktor ab und wandte sich dem neuen Gegner zu, brach aber bei diesem Versuche zusammen. Sobald der Doktor mit Hilfe des Dieners hochgerichtet war, sah er wenige Schritte entfernt den gewaltigen Löwen liegen, und obgleich er fühlte, daß dieser ihm die Todeswunde beigebracht hatte, wollte er doch Sieger bleiben. Er hieß den Diener vor ihm niederknien, faßte mit der schwer verletzten Rechten seine ihm entfallene Waffe und diese auf der Schulter des treuen unerschrockenen Schwarzen ruhen lassend, gab er dem sterbenden Löwen den Gnadenschuß, der dem zähen Leben der mächtigen Katze ein Ende machte.

Jetzt der grimme Feind besiegt und todt, verließen auch dem kühnen Jäger die letzten Kräfte; schrecklich von den Tatzen des Löwen zugerichtet, schwand diesem das Bewußtsein, eine Wohlthat, die die brennenden Schmerzen auf dem beschwerlichen 15 englische Meilen langen Wege bis zum provisorischen Lager an der Küste linderte. Von seinen Leuten behutsam getragen, konnte dort dem Doktor nur die Hilfe zu Theil werden, welche der Sikhsposten zu leisten im Stande war, und so starb er nach zwei Tagen, ein Opfer seiner Kühnheit, betrauert von allen, die ihn gekannt haben. Seine Ruhe aber fand er auf dem Missionskirchhof der Insel Likoma, wohin ihn der Tags darauf zurückkehrende »Pionier« gebracht hatte.

Nun kam auch bald für mich die Stunde, Abschied zu nehmen, das große Werk war vollendet, in rastloser Arbeit das Mögliche erstrebt; zwei Jahre waren wieder hingegangen in Kampf und Streit, in Mühen und Gefahren, und so konnte auch ich mit dem Bewußtsein, die ganze Kraft und Können für die Ehre des deutschen Namens eingesetzt zu haben, zufrieden von der Stätte der Arbeit scheiden und die Schritte heimwärts lenken. Nachdem unsere Ablösung in Fort Johnston gegen Ende März eingetroffen war, fuhr ich mit Spenker in einem Missionsboote flußabwärts nach Matope und als das Schiregebirge überschritten war, setzten wir die Fahrt auf dem Schirefluß unterhalb der Katarakte stromabwärts nach Chilomo fort, wo wir uns auf einem Flußdampfer einschifften und mit solchem Chinde und den Ozean wieder erreichten. Was ich aber auf diesem langen Wege (einen Monat gebrauchten wir bis zur Küste vom Nyassa-See) an Elend und Verderben gesehen, welches die Heuschrecken über das ganze Land gebracht hatten, will ich zusammenfassen, indem ich dem Empfinden Ausdruck gebe, mit welchem ich aus eigener Anschauung die Vernichtung gesehen.

Der Hunger, der grausamste Feind der Menschheit, zieht vernichtend, schlimmer als der unerbittliche Krieg, durch ungeheure Gefilde Afrikas, deren Bewohner, abgeschlossen von allen Mitteln, — die niedrige Kulturstufe, auf der sie stehen, hat solche ihnen noch zu wenig an die Hand gegeben — dem bleichen Tod in das Angesicht schauen und unter Qualen, wie sie die lebhaftigste Phantasie nicht zu ersinnen vermag, dahinsterben. Hohlwangig bis zu Skeletten abgezehrt, vom bittersten Schmerz, wie ihn nur der Hunger bereiten kann, gefoltert, schleichen die wankenden Gestalten über die von der Sonnengluth ausgedörrte Erde hin, oder in rauchgeschwärzten Hütten liegend, ergeben sie sich in das unvermeidliche Schicksal.

Kein Grashalm, keine Erdfrucht, die sonst in Zeiten der Noth den Hunger gewehrt, bis die nächste Ernte Ueberfluß an Allem gebracht, ist mehr zu finden, um den furchtbaren Schmerz in den Eingeweiden zu lindern; überall Vernichtung, soweit das Auge schweift, nur öde, harte Grasstengel, selbst für den Urheber all' dieser unsäglichen Qual unverdaulich, absolut nichts hat die gierige Heuschrecke, zu Millionen einfallend, verschont, jedes keimende Pflänzchen an Mais, Mtama oder Erdfrucht ist vernichtet, und die Ernte, die einzige Lebensbedingung, die der Neger kennt und wofür er noch arbeitet, ist zerstört.

Der Vernichtung ist alles Pflanzenleben und mit diesem auch des Menschen Existenz preisgegeben. Heben sich auch Abertausende dieser unersättlichen Nager von einem vernichteten Distrikt hinweg, um anderen blühenden Gefilden dasselbe Loos zu bereiten, so lassen sie doch die junge Brut zurück, die das Werk vollenden und durch Hunger schließlich der eigenen Vernichtung anheimfallen. Unsäglich traurig ist der Anblick einst blühender Anpflanzungen, leer sind längst die Vorrathskammern, die der Ueberfluß einst gefüllt hatte, und der bittere Hunger treibt die Eingeborenen hinweg, um vielleicht unbarmherzigen Feinden in die Hände zu fallen, die alle Bande trennend den Aermsten das Sklavenloos bereiten, aber bitterweh thut der Hunger — selbst das herbste Loos scheint dem Menschen leicht, wenn er dadurch nur dem grimmen Feinde wehren kann!

Zwar erklärt der Eingeborene den Heuschrecken nicht minder den Krieg, und in solchen Fällen kennt die Noth kein Gebot, in Massen werden sie über Feuer geröstet, verzehrt, aber ohnmächtig steht er doch schließlich dem schrecklichen Feinde gegenüber, der selbst, wenn er alles zerstört hat, auch den Menschen nicht mehr als Nahrung dienen kann.

Auf dem hochgeschwollenen Schireflusse, der pfeilgeschwind seine schmutzig grauen Fluthen über dem starken Gefälle dahinwirbelte, suchte ich an vielen Stellen für meine Leute Nahrung, aber wenig konnten die Uferbewohner nur geben, denn am Zerstörungswerke arbeiteten auch hier die Heuschrecken, die Hungersnoth mußte kommen, keine Menschenmacht konnte hier mehr Einhalt gebieten.

In Chilomo an der Mündung des Ruo-Flusses bot sich mir ein abschreckendes Bild furchtbarer Zerstörung dar, die Gräben waren thatsächlich fußhoch mit todten Heuschrecken angefüllt, auf deren Leibern die junge Brut wimmelte, und jeder Fußtritt des Menschen in dem abgenagten Gestrüpp scheuchte Tausende auf, die, unfähig zu fliegen, sich an die kahlen Stengeln klammerten und noch gierig nach Nahrung suchten, die Luft war verpestet, und selbst der Mensch floh vor dem Würger Tod; so sind weite Strecken von dieser furchtbaren Plage heimgesucht und sie forderte ungezählte Opfer!

Der Schirefluß ist während der Regenzeit unberechenbar, er hatte im Februar 1894 schon eine abnorme Höhe erreicht und war hier bei Chilomo 19 Fuß hoch so plötzlich gestiegen, daß die große Handelsniederlassung gefährdet wurde, ebenso schnell fiel er auch, sonst wäre wohl der durch die fessellosen Fluthen entstandene Schaden sehr groß geworden. Die Stromschnelle bei Ziu-Ziu, die wir 1892 mit so vieler Mühe passiren mußten, war jetzt ganz verschwunden, die Insel Pinda überschwemmt, und jenes versandete Flußbett, worin der »Pfeil« lange Zeit festgelegen hatte, durch die starke Strömung wieder schiffbar geworden; überhaupt waren die Ufer des Schire streckenweise ganz verändert und mir bekannte Punkte, wo wir einst mit der Expedition gerastet hatten, unkenntlich geworden. Auffällig aber war es, welchen großen Aufschwung der Handel und Verkehr in kaum zwei Jahren auf dem Zambesi und Schire genommen hatte. Schon in Katunga sah ich, daß die dort lagernden Güter, zum Theil nach dem Nyassa- und Tanganjika-See bestimmt, nicht bewältigt werden konnten, in Chilomo überzeugte ich mich, daß hier das Gleiche der Fall war, Häuser und Schuppen waren mit Waaren überfüllt.

Zwischen hier und dem aufblühenden Misongwe waren allein 4 neue Stationen errichtet, und trotz der an Zahl mehr als das Doppelte zugenommenen Flußdampfer, der vielen Leichter, war der Waarenandrang nicht zu bewältigen. Zwar war durch Konkurrenz das Privilegium der einstigen African-Lakes-Comp. durchbrochen worden, die Handel und Verkehr allein in Händen gehabt, dennoch, durch die Macht des englischen Kapitals, erkennend, welche hohe Bedeutung die Wasserstraße Zambesi-Schire gewinnen werde, nahm dieselbe Gesellschaft, nur unter neuem Namen, den Kampf erfolgreich auf.

Ein thunlichst gehütetes Geheimniß von englischer und zum Theil von portugiesischer Seite war einst die Schiffbarkeit des Chinde-Armes zum Zambesi, erst die Wißmann-Expedition brachte allgemeine Kenntniß hierüber und dieser namentlich ist der ungeahnte Aufschwung des Handels zu verdanken. Die Engländer, die Portugals Besitz sozusagen sich dienstbar gemacht haben und die deutsche Konkurrenz fürchten, warfen ihr allgewaltiges Kapital auf dieses Gebiet und eroberten es mit der bekannten Rücksichtslosigkeit.

Der Ort Chinde, zur Zeit, als wir mit der deutschen Expedition dort lange gerastet, bestand fast nur aus wenigen Negerhütten; zurückgekehrt fand ich eine Stadt vor, die sich mit Hilfe des englischen Kapitals unglaublich schnell entwickelt hatte; vom Tanganjika-See bis zur Chinde-Mündung hat der Engländer alles an sich gerissen, die Konkurrenz, die ihm entstanden, fürchtet er nicht mehr.

Hat sich doch leider das vorzügliche deutsche Transportmaterial, Dampfer und Leichter, auf dem Zambesi-Schire, weil das deutsche Kapital zu bedächtig, zögernd vorging, den Engländern auch noch zur Verfügung gestellt, womit, wenn entschlossener der deutsche Handel hier vorgegangen und der mächtigen Expedition unmittelbar gefolgt wäre, nicht blos ein ebenbürtiger Konkurrent dem Engländer erwachsen wäre, sondern auf der internationalen Wasserstraße hätte deutscher Einfluß sich schnell ein ertragreiches Feld erobert, was um so dringender geboten war, als der mit so enormen Kosten und Mühen am Nyassa-See erbaute Dampfer »H. v. Wißmann« dann nicht blos ein Machtobjekt, sondern dem deutschen Handel auch eine starke Stütze geworden wäre.

Mit der schnellen Entwicklung des Landes steigt der Verkehr und Bedarf, immer mehr erschließen sich die reichen Quellen, die Wohlstand und sichern Gewinn versprechen. Selbst Portugal, den Reichthum seiner Kolonie nicht ahnend, durch seinen schlimmsten Gegner, den Engländer, der es überall abzudrängen sucht, erst darauf aufmerksam gemacht, rafft sich auf; Zuckerplantagen, die ölhaltige Erdnuß etc. werden am Zambesi und Schire angelegt und angebaut. Die Morambala-Berge kultivirt, versprechen wie das Schire-Hochland für Kaffee etc. ein ergiebiges Feld, und namentlich ist es hier ein Deutscher, Herr Wiese, der für Portugal gewaltige Anstrengungen macht.

Liegt es auch im Interesse der Deutschen Ostafrikanischen Kolonie möglichst unabhängig vorzugehen auf eigenem Gebiet, und direkte Handelswege mit den großen Seeen herzustellen, so war doch das Natürlichste, vorerst den gewiesenen Weg zu gehen und in doppelter Beziehung für den deutschen Kaufmann geboten, hier festen Fuß zu fassen und den friedlichen Konkurrenzkampf aufzunehmen, als erstens, wo England reiche Früchte erhofft, blühen uns solche nicht minder für die Zukunft, und zweitens, unter der Aegide des deutschen Schutzes wäre das deutsche Kapital eine Macht geworden, das, wenn über kurz oder lang der Fall eintritt, daß Portugal seine Kolonie aufgeben muß, den englischen Uebergriffen Halt gebieten konnte. Nichts liegt im Interesse der deutschen Kolonie näher, als zu verhindern, daß einst der Rowumafluß deutsch-englische Grenze wird. Noch ist es an der Zeit, das reiche und fruchtbare portugiesisch Ostafrika für uns zu sichern, ehe englische Handelspolitik uns den Weg verlegt und wir einen geschulten Gegner finden, der rücksichtslos vorwärts schreitet.

Es ist eine dringende Pflicht, und jede Verzögerung bringt Gefahr, auch hier mit aller Kraft das Feld zu behaupten, schnelles Entschließen und rasches Handeln ist erforderlich, denn mit Riesenschritten schreitet die Entwicklung fort und Deutschland sollte gewonnenen Einfluß nicht gefährden dadurch, daß dem englischen Kapital auf streitigem Gebiet der Vorrang gelassen wird, was wir versäumen, wird voraussichtlich für immer uns verloren sein.

Sehr oft schon ist von manchem berufenen Kenner unserer afrikanischen Besitzung ein warmer Apell an das deutsche Volk und dessen Vertreter gerichtet worden; mit felsenfester Ueberzeugung wurde für die Rentabilität der deutschen Kolonien eingetreten und gefordert, schneller und energischer vorzugehen. Die Eigenart und Bedächtigkeit der deutschen Natur aber folgte den lockenden Rufen nicht; vor allen jene Kreise, die durch überseeische Handelsbeziehungen und Erfahrung die Berufensten gewesen wären, zögerten, dem freien Kaufmanne schien die Entwickelung seiner Handelsprinzipien nicht sonderlich förderlich unter der strengen Aufsicht eines bureaukratischen Systems, das mit dem Militarismus Hand in Hand gedeihliche Zustände zu schaffen sich bemühte. Bedenkt man aber, daß beide Kategorien nur so positiv dauerndes schaffen können — wie es der Aufbau des preußischen und deutschen Staates auf solcher Grundlage bewiesen — wird sich auch in den deutschen Kolonien, langsam zwar aber sicher, System auf System aufbauen und der rechte Weg gefunden werden; die Zugehörigkeit zum Mutterlande wird eine dauernd bindende dadurch werden, und nicht wie im Kolonialreich England sich nach erfolgtem Aufblühen, der Wunsch nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit frühzeitig regen.

Obwohl, und das sei ausdrücklich betont, der deutsche Kaufmann, der im Auslande einen freien unbefangenen Ueberblick für sein Streben gewonnen, sich durch ein gewisses Vorurtheil noch beengt fühlt, wird doch, sobald sich auf Grund gemachter Erfahrungen ein bestimmtes Kolonialsystem herausgebildet hat, wozu mit der Ernennung des Herrn Majors von Wißmann zum Gouverneur von Deutsch-Ostafrika glücklicherweise der Anfang gemacht ist, schließlich sich damit befreunden und seine Erfahrung und Kapital, woran es bisher so vielfach gemangelt hat, in die deutschen Kolonien hineinwerfen. Die Nothwendigkeit, eine beschleunigte Erschließung des deutschen Gebietes durch zeitgemäße Verkehrswege in die Wege zu leiten, tritt immer zwingender hervor, durch sie aber wird auch das reiche Seeengebiet, wo dem deutschen Geist und der deutschen Arbeit ein weites Feld sich öffnet, schnell erschlossen werden.

Der Deutsche, durch seine Beständigkeit und Fleiß, ist der beste und geeignete Kulturarbeiter der Erde, was er ja schon tausendfach bewiesen hat und unter dem Schutze des mächtigen Vaterlandes, unter dem Schutze einer seebeherrschenden, wehrkräftigen und starken Marine wird er auch die deutschen Kolonien, das größere Deutschland über See, zur hohen Blüthe bringen; hoffen wir solches für die Zukunft, und möge das Werk, wofür die deutschen Pioniere, vor allem Major von Wißmann, gerungen und gestrebt haben, dem Vaterlande und dem deutschen Volke zum dauernden Segen gereichen! —