WeRead Powered by ReaderPub
Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. cover

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Chapter 6: 2. Bis zum Lager von Ntoboa und die Erbauung desselben.
Open in WeRead

About This Book

A first‑hand account of an inland steamship expedition that details the logistics of transporting disassembled vessel components overland, erecting camps and a shipyard, assembling and outfitting the steamer, and conducting its launch and maiden voyages on Lake Nyassa. The narrative follows marches between encampments, methods of transport including rail transfer, episodes of local unrest and combat, and practical problem‑solving during construction. Interwoven are descriptive observations of the lake, coasts, inland settlements, and regional plant and animal life, with attention to the labour, engineering and navigational challenges encountered throughout the campaign.

2. Bis zum Lager von Ntoboa und die Erbauung desselben.

Die Entdeckung und der befundene Beweis, daß die gepanzerten Unholde so kühne Menschenräuber sind, sollte manchem der Krokodile von unserer Seite Verderben bringen, und als ein Gaudium betrachteten wir es, wenn durch einen guten Schuß solch ein mächtiges Thier todeswund sein Heil in der Flucht suchte, oder auch auf der Stelle getödtet, als Trophäe in das Lager geschleppt wurde. Viel Unheil haben sie auch uns zugefügt, mancher unserer Leute wurde ein Opfer eigener Unachtsamkeit und eine Beute der gefrässigen Räuber, indes abgesehen von denen die ich selbst geschossen, hat jedes Mitglied der Expedition mehr oder weniger den Krokodilen nachgestellt und jeder Menschenraub ist an ihnen furchtbar gerächt worden.

Die Bemühungen des Majors in Vicente Proviant und Holz zu erhalten, waren von gutem Erfolg gekrönt; schon am nächsten Morgen brachten Eingeborne Canoes mit Brennmaterial und schließlich lebendes Vieh, als Schafe und Ziegen. Aus den Aeußerungen des Majors aber war zu entnehmen, daß die Portugiesen die Gelegenheit beim Schopf genommen und sozusagen mit Gold sich ihre Gefälligkeit hatten aufwiegen lassen. Am 21. früh, nachdem noch großer Apell angesagt und abgehalten, die zurückbleibenden Kranken und ihr Wärter genügend mit Proviant versehen worden waren, setzten wir unsere Fahrt flußaufwärts mit frischem Muthe fort.

Voraussichtlich, wenn nicht zu große Hindernisse zu überwinden waren, konnten wir an diesem Tage noch Schupanga erreichen. So weit wie der Fluß für den vier Fuß tiefgehenden »Pfeil« befahrbar war, ging es denn auch Volldampf vorwärts; wir konnten rechnen, als um 3 Uhr Nachmittags die Häuser der portugiesischen Station in Sicht gekommen waren, nach kurzer Zeit diesen Ort zu erreichen. Ein Creek, der zur Rechten in den Fluß mündete und ein Arm des Hauptstromes war, (hier ebenfalls wie bei Vicente unter denselben Verhältnissen ein Inselgebilde hat) hatte aber durch vorgeschobene Sandbänke, welche durch die Kreuzung der beiden Strömungen entstanden waren, in dem über tausend Meter breiten Flußbett nur eine sehr schmale Wasserstraße freigelassen, durch deren Windungen der »Pfeil« mühsam geleitet werden mußte.

Immer noch war es uns bisher gelungen, unter anscheinend ebenso schlechten Verhältnissen den »Pfeil« und die Boote hindurch zu bringen, hier jedoch schien jeglicher Versuch vergeblich zu sein; wieder und wieder rück- und vorwärts arbeitete die Maschine mit aller Kraft, nach Stunden hatten wir kaum einige hundert Meter gewonnen. Endlich, nachdem wir bis oberhalb der Mündung des Creeks gelangt waren, und unmittelbar unter der hohen steilen Uferbank der erwähnten Insel tieferes Wasser gefunden hatten, glaubten wir das Schlimmste überwunden zu haben; indes war die schmale Fahrstraße auch tief, so konzentrirte sich hier die ganze Kraft der Strömung und unser Dampfer, gehemmt durch seine Last, war nicht im Stande diese zu überwinden.

Wie oft wir auch die Versuche erneuerten, mit der zulässig höchsten Dampfspannung die Maschine arbeiten ließen, kamen wir doch nur bis zu einem bestimmten Punkt, an welchem der Wirbelstrom so rasend war, daß er Dampfer und Boote im Kreise drehend, augenblicklich aus dem Kurse schleuderte und mit sich hinweg riß; erst in ruhigem Wasser gelang es, Dampfer und Boote wieder gegen den Strom zu richten. Schon zogen die Schatten der Nacht herauf und mahnten uns bedacht darauf zu sein, ein Nachtquartier zu suchen; aber vor uns die wilde Strömung, hinter uns Sandbänke und flaches Wasser, war es unmöglich das Land zu erreichen. Aufs Neue ging es vorwärts, wir sollten und mußten hindurch; mit langen Bambusstangen stand die Mannschaft auf allen Booten zum Schieben bereit und auf ein gegebenes Zeichen tauchten die Stangen in die Tiefe, Menschenkraft vereint mit Dampfkraft suchte Herr der rasenden Strömung zu werden! Alles vergeblich, aus dem Kurse gedrängt lagen Dampfer und Fahrzeuge im Augenblick breitseits im Strome, jeder verzweifelten Anstrengung spottend und trieben machtlos den Sandbänken zu.

Was bei früheren Versuchen uns dieser Gefahr entgehen ließ, war der Umstand, daß jedes Mal die Strömung den Dampfer nach der offenen Wasserseite zu abgedrängt hatte und mit vorwärts arbeitender Schraube konnten wir so den Untiefen entgehen. Dieses Mal jedoch riß der Wirbelstrom die Fahrzeuge rechts herum; das Vordertheil des Leichters nun an das Ufer gedrängt, verursachte eine große Hemmung, und da die rückwärts arbeitende Maschine nicht im Stande war, diese zu überwinden, so lagen wir in wenig Minuten auf einer Untiefe in der Mündung des Creeks so fest, daß ein Abbringen der Boote die größten Schwierigkeiten machen mußte. Langes Besinnen in dieser schlimmen Lage konnte verhängnißvoll werden, auch befürchtete ich, sollten wir den Leichter nicht mehr frei bekommen, während der Nacht ein Versanden desselben, was bei den losen vom Strome leicht angehäuften Sandmassen immerhin möglich war.

Schnell wurde der »Pfeil« von seiner Last befreit, und nachdem der Dampfer wieder freieres Wasser gewonnen, mit dem Ausbringen eines schweren Ankers begonnen, was uns nach vieler Mühe denn auch gelang. Wie aber vorauszusehen war, konnte der Anker in dem losen Grund keinen Halt gewinnen, denn fünfzig Mann holten diesen durch den Sand, ohne auch nur den Leichter etwas aus seiner Lage zu bringen. Ein zweiter Versuch ergab dasselbe Resultat, und schon sollte eine Schlepptrosse zum »Pfeil« gebracht werden, um mittelst der Dampfkraft einen Erfolg zu erzielen, als plötzlich hinter der nächsten Biegung die beiden englischen Kanonenboote »Herald« und »Mosquito« in Sicht kamen, die unsere Lage bemerkend, so nahe als möglich zu uns hinüber steuerten und zu Anker gingen.

Da die Führer beider Schiffe dem Major persönlich bekannt waren, war wohl anzunehmen, daß ein Ersuchen um Hülfeleistung nicht abgeschlagen werden würde. Bald wurde denn auch vom »Herald«, Kapitän Robertson, ein Boot abgesandt, das Erkundigungen einziehen und den Major zwecks näherer Rücksprache an Bord bitten sollte. Im Kommando der Erste, wies Kapitän Robertson bald darauf den »Mosquito« an, querab unserer Boote sich gut zu verankern und den Versuch zu machen, zuerst den Leichter mittelst Ankerwinde frei zu bringen.

Doch die beträchtliche Entfernung zwischen Schiff und Leichter, dazu der starke Strom, machten das Herüberbringen einer langen starken Leine sehr schwierig. In weitem Bogen wurde diese von der Strömung fortgeführt, sodaß, als endlich der Leichter erreicht war und ich das Tau gut befestigt hatte, die Kraft und die Spannung desselben beim Einholen so gewaltig wurde, daß es entzwei riß und die Arbeit nochmals von vorne begonnen werden mußte. Beim zweiten Versuch wurde das Tau nicht mehr direkt durch die Strömung zum Leichter geführt, sondern erst eine Strecke geradeaus stromaufwärts gefahren und dann mit aller Kraft die Strömung durchrudert. Auf diese Weise wurde nicht zu viel Leine von den Wassermassen weggeführt, und es gelang, als die Ankerwinde in Thätigkeit gesetzt worden war, das Tau durch die aufgewendete Kraft über Wasser zu bringen. Es bedurfte zwar einer bedeutenden Anstrengung, den Leichter wieder frei zu machen, jedoch, als derselbe erst nur wenig vom Grunde gelöst war, machte es weiter keine Schwierigkeit, ihn gänzlich abzuholen und längsseit des »Mosquito« zu bringen. Ebenso machten wir auch die Sektionsboote frei, von welchen der »Herald« je eins an jeder Seite nahm und darauf über die Untiefen weiter dampfte, gefolgt vom »Mosquito«. So gering war die Entfernung von dem Orte, zu dem wir zu gelangen getrachtet hatten, noch gewesen, daß nach etwa 10 Minuten schon alle Fahrzeuge an einer gut geschützten Stelle anlegen konnten.

Wie schon erwähnt worden, ist die Konstruktion der »Stern-wealer« (Hinterraddampfer) für solche Flüsse, von so ungleicher Tiefe wie der Zambesi, die beste, die des »Pfeil« dagegen, so kräftig das kleine Schiff auch war, bewährte sich nicht, einzig allein dadurch, weil der Tiefgang von vier Fuß ein zu großer, freilich nach Art der Konstruktion auch nicht viel verringert werden konnte.

All die Hemmungen im Vordringen und der Zeitverlust wurden durch diesen Uebelstand hervorgerufen, wäre hingegen der Tiefgang des »Pfeil« nur 2-2-1/2 Fuß gewesen, dann hätte ein wesentlich anderes Resultat erzielt werden können, wenigstens wäre ein Uebereinkommen unterblieben, das uns in der momentanen Nothlage zwar von großem Nutzen, allein den Engländern einen unschätzbaren Vortheil sicherte.

Kurze Zeit nach unserer Ankunft gelangte auch der »Pfeil« zum Anlegeplatz, der, nun ledig seiner Last, mit besserem Erfolg die tiefe, reißende Strömung zu überwinden im Stande gewesen war. Sehr bald loderten die Wachtfeuer im weiten Kreise auf, an welchen die ermüdete und hungrige Mannschaft noch um 10 Uhr das einzige warme Essen an diesem Tage sich bereitete; auch wir Europäer, auf dem Sandboden hockend, ließen uns die karge Mahlzeit, gebratene Süßkartoffeln und aufgewärmte Wiener, gut schmecken, welche unsere Diener noch in Eile hergerichtet hatten. Es bedurfte aber beständiger Aufsicht und häufig selbstthätiges Eingreifen unserseits, wenn wir unsere Speisen reinlich und nach Umständen sauber zubereitet wissen wollten, denn der Neger kann es nicht recht einsehen, warum der weiße Mann in Betreff der Reinlichkeit so penibel ist und er so oft bei ertappter Unsauberkeit gescholten wird.

Wie friedlich auch die Nacht ringsum war, in der wir Stärkung zur neuen Thätigkeit und Arbeit zu finden hofften, so war doch der kleine blutdürstige Quälgeist, der »Mosquito«, hier in unheimlicher Anzahl vertreten und ein böser Störenfried. Zu jeder Abendstunde und in jeder Nacht waren diese Mückenschwärme unsere schlimmen Feinde, die uns die nothdürftige Ruhe raubten und deren empfindliche Stiche noch obendrein schmerzhaft waren. Das einzige Mittel gegen diese unglaublich zudringlichen Peiniger ist das dichtgewebte Mosquitonetz, das freilich diese kleinen Thierchen von einer direkten Belästigung abhält, indes ist ihr scharfes Summen nicht minder unangenehm und wer sich nicht eines festen Schlafes erfreuen konnte, dem hielt das singende Schwirren wach, bis trotzdem die Natur ihr Recht forderte.

Die Erfahrung, und namentlich das Festkommen der Fahrzeuge, hatte gelehrt, daß unser »Pfeil« trotz seiner starken Maschine und sonstiger guter Eigenschaften, für die Folge der Expedition keine sehr wesentlichen Dienste werde leisten können, nur soweit, als die Wasserverhältnisse es gestatteten, war er uns von großem Nutzen; der stromaufwärts immer flacher werdende Fluß setzte selber diese Grenze fest. Dieser Umstand bewog wohl hauptsächlich Major von Wißmann, den gemachten Anerbietungen der Engländer zuzustimmen, und nach den später in Kraft getretenen Abmachungen sollten diese in folgender Weise zur Ausführung gelangen.

Die beiden englischen Schiffe haben der deutschen Expedition ihre Unterstützung zu gewähren und diese zunächst bis Misongwe, dem größten Handelsorte am unteren Zambesi zu bringen. Von dort setzen die Kanonenboote ihre angefangene Reise den Schire aufwärts fort, kehren später zurück und bringen das gesammte Material der Expedition bis nach Port Herald, bis wohin der Schire in dieser Jahreszeit noch befahrbar sein würde. Major von Wißmann schafft in der Zwischenzeit seine Expedition mit Hülfe des »Pfeil« von Chinde nach Misongwe resp. dem Orte, wo die Nothwendigkeit gebietet, ein Lager zu beziehen. Ist nun nach einigen Monaten diese Arbeit vollendet und bis nach Port Herald alles hinaufgeschafft worden, erhalten die Engländer zwei unserer großen Leichter zur freien Verfügung, vermittelst welcher sie das Material für ihre Kanonenboote bis Katunga schaffen können.

Mit dem Grauen des nächsten Tages, sobald alles wieder eingeschifft worden war, holten wir die Leichter und Boote über die den ganzen Fluß sperrende Untiefe bis zum Ankerplatz der englischen Schiffe; eine mühevolle Arbeit aber war es, denn oft saßen die Fahrzeuge fest und es gelang erst diese vorwärts zu bringen, wenn Anker an langen Tauen aufgebracht worden waren; wollte auch dieses nichts helfen, mußten alle Mann in das zwei Fuß tiefe Wasser, um zu schieben, gleicherzeit aber auch, um die Last des Bootes zu vermindern.

Als der Leichter längsseit der »Herald« gebracht war, suchte das Schiff tieferes Wasser zu gewinnen, aber, abgedrängt durch die Strömung, saß es bald auf Grund und hatte, nachdem der Leichter wieder freigegeben war, Mühe genug, selbst flott zu werden. Dem »Mosquito« gelang es besser, an jeder Seite ein Sektionsboot, wurde die Steuerfähigkeit dieses Schiffes nicht so beeinträchtigt, deshalb gaben wir das kleinere unserer Boote an den »Herald« ab und der »Mosquito« nahm den Leichter auf; endlich nach vielen Windungen, bald rechts, bald links tiefere Stellen suchend, gelangten wir in freieres Wasser.

Oberhalb Schupanga dehnen sich weite Waldflächen aus, die bis zum Ufer herantreten und dem weiten Gebiete einen freundlicheren Anblick gewähren, als wie die bisher durchzogenen trostlosen Einöden, die nur mit Rohr und Gras, seltener Busch und Baum, bewachsen waren. Man darf sich unter der Bezeichnung Wald hier noch nicht eine Vergleichung mit den Forsten der Heimath vorstellen, denn, verwachsene Baumarten, untermischt mit schlanken Stämmen, nehmen die Beschaffenheit eines Urbusches an; keine Hand verhindert das Emporschießen des Unkrauts, der Schlingpflanzen etc., und in wilder Ueppigkeit sprießt die Vegetation empor, oft für Mensch und Thier undurchdringlich.

Etwa zwei Stunden oberhalb Schupanga, unter einem steilen bewaldeten Ufer, fanden wir die Holzstation. Hier sind jederzeit wenigstens einige Stapel Holz zu erhalten, die ein Halbportugiese verkauft, der den Ertrag dem Gouvernement einzuliefern hat.

Diese Mischlinge, dunkler fast als die Eingebornen selbst, kaum daß noch europäisches Blut in ihren Adern nachweisbar wäre, sind furchtbar stolz auf ihre Abstammung, und würde man versucht sein, sie mit dem Neger auf derselben Stufe stellen zu wollen, die bloße Andeutung nur wäre schon eine schwere Beleidigung und ihr Haß nicht ganz gefahrlos. An Gestalt sind sie fast klein und schmächtig, sie haben aber im Laufe der Jahrzehnte unter den Bewohnern des weiten Gebietes großen Einfluß erlangt, und, da vornehmlich das Beamtenthum durch sie vertreten wird, sind sie die besten Kenner der Verhältnisse, aber auch nicht minder schlimme Schatzmeister, die vom Eingebornen nehmen, was erhältlich ist. Da der Holzvorrath hier nicht beträchtlich war, bei weitem nicht den Bedarf der drei Dampfer deckte, so hatte ich gemäß der vom Major erhaltenen Ordre, sämmtliche Leute nach unserer Ankunft mit Aexten und Sägen ausgesandt, um Holz herbeizuschaffen. War bis dorthin, wo das Fällen abgestorbener Bäume sich lohnte, auch eine Strecke zu gehen, hatten wir doch nach einigen Stunden schon einen beträchtlichen Haufen Brennholz zum Ufer geschafft.

Inzwischen, um die Mittagsstunde, war auch der »Pfeil« mit dem Major von Wißmann angelangt, dieser hatte, da er absolut die Bank bei Schupanga nicht passiren konnte, einen weiten Umweg machen müssen, und in dem erwähnten Creek, der auch mit dem Hauptstrom in Verbindung stand, eine schmale, aber tiefere Fahrrinne gefunden. Uebrigens ist gerade an diesem Orte, wo der Fluß sich in drei Arme theilt, eine schlechte von vielen Untiefen verlegte Passage; das Fahrwasser ändert sich unausgesetzt. Nach Wochen findet man eine früher passirbare Stelle ganz versandet vor, ohne daß stärkere Strömungen Einfluß gehabt hatten, der lose Sand wird eben bald hier, bald dort abgelagert.

Ich war der Ansicht, daß wir uns tüchtig mit Holz für eine größere Tour versehen müßten, weil bis Misongwe kein Holzplatz weiter vorhanden ist; allein die Engländer, die das vorräthige Holz vom Portugiesen aufgekauft, hatten bald ihren Bedarf gedeckt und wünschten, um nicht Zeit zu verlieren, nun ihre Fahrt fortzusetzen. Daraufhin gab der Major Befehl, mit dem Heranschleppen von Holz aufzuhören und mit soviel Aexten als vorhanden wären sofort das Zerspalten und Zersägen vorzunehmen. Hätten wir ahnen können, wie schwierig das weitere Vordringen werden sollte, wie nach kurzer Distanz unüberwindliche Hindernisse sich uns in den Weg stellen würden, ein solches Hasten und Eilen wäre unnöthig gewesen. Wohl wußten die Engländer, daß voraus noch die schwierigste Stelle im ganzen Fluß zu passiren sei, hofften jedoch, die Boote über die Untiefen bringen zu können, sofern nur der »Pfeil« im Stande sein würde, allein hinüberzukommen.

Um 2-1/2 Uhr Nachmittags, nachdem die englischen Schiffe die Boote, der »Pfeil« den Leichter längsseit genommen, setzten wir unsere Fahrt flußaufwärts fort. Im Kielwasser des leitenden »Herald« folgend, ging anfänglich alles gut von Statten, bis nach etwa ein und einhalbstündiger Fahrt das erste Hinderniß uns entgegentrat. Eine schmale tiefere Rinne, welche den breiten Fluß quer durchschnitt, gebildet durch angeschwemmte mächtige Bäume, deren Gezweig noch hoch über Wasser emporragte, konnten wir wegen der sich kreuzenden Strömung nicht schnell genug passiren, und seitwärts abgedrängt, kam der Leichter auf Grund, und ehe noch die Taue gelöst werden konnten, auch der »Pfeil«. Während dessen wir nun uns aus der unangenehmen Lage mittelst Anker und Leinen zu befreien suchten, dampften die Kanonenboote voraus, kamen ihnen aber, als wir nach einer Stunde etwa folgen konnten, wieder näher. Der Grund dieser Verzögerung war bald ersichtlich, die beiden Schiffe, trotz 2-1/4 Fuß betragenden Tiefganges, waren nicht im Stande gewesen, eine über die ganze Wasserfläche sich ausdehnende Untiefe zu passiren und hatten sich nach vergeblichen Versuchen so fest gesetzt, daß sie nicht mehr rück- noch vorwärts konnten.

Für uns war diese Wahrnehmung eine schlechte Aussicht, den vier Fuß tiefgehenden »Pfeil« hinüberzubringen, denn was die flachgehenden Schiffe nicht vollbringen konnten, mußte für den »Pfeil« eine Unmöglichkeit werden.

Indes so leicht ließ sich Major von Wißmann durch entgegentretende Hindernisse nicht abschrecken; ehe das Unmöglich von ihm anerkannt wurde, mußte auch der ernstlichste Versuch gescheitert sein. Das Wollen und Müssen, gepaart mit Energie, war eine mächtige Triebfeder, die das ferne Ziel durch feste Willenskraft immer erreichbar scheinen ließ, so viele und große Hemmungen natürlicher oder anderer Art sich auch entgegenstellen mochten.

Nicht lange erst die Zeit durch Ueberlegen verschwendend, wurde nach Angabe des Lootsen die Fahrrinne aufgesucht und dann Versuch auf Versuch gemacht, um diese Untiefe zu passiren. Bald rechts, bald links von dieser, wo immer nur der Peilstock einige Zoll Wasser mehr ergab, arbeitete der »Pfeil« mit vollster Dampfkraft vorwärts; allein alles Mühen war vergeblich. Darauf wurden viele unserer Leute nach allen Seiten ausgesandt, um die Tiefe des Flußbettes zu untersuchen, und, als nahe einer großen Sandbank eine etwas tiefere Stelle gefunden wurde, ging es nochmals vor. Plötzlich aber saß der Leichter fest, durch die Maschinenkraft vorne auf den Grund hoch geschoben, brachen die Befestigungen; der »Pfeil«, ebenfalls gehemmt, erlitt durch den erschütternden Ruck am Inventar Beschädigungen; alles, was nicht fest versichert war, fiel an Deck, die starken Regelingstangen und Sonnensegelstützen brachen oder wurden stark verbogen.

So ging es also nicht; der Leichter wurde losgelöst und mir fiel die Ausgabe zu, denselben wieder flott zu machen. Der Major aber versuchte aufs Neue, mit dem »Pfeil« allein durchzukommen.

Gewaltige Anstrengungen wurden noch gemacht, nichts unversucht gelassen, um trotz alledem eine Durchfahrt zu erzwingen; hier aber scheiterte die größte Energie und Willenskraft an einem natürlichen Hinderniß, dem gegenüber der Wille machtlos war. Brachten wir nicht den »Pfeil« hinüber, war ein weiteres Vordringen, wenigstens bis Misongwe, wohin schließlich die englischen Schiffe, nachdem sie diese Untiefe nach angestrengster Arbeit überwunden hatten, unsere Boote gebracht hätten, zwecklos. Schließlich, als das Unmögliche nicht möglich gemacht werden konnte, gab der Major weitere Anstrengungen auf und kehrte zum Leichter zurück.

Was nun? Auf ein Steigen des Flußes in dieser Jahreszeit war nicht zu rechnen, im Gegentheil, derselbe konnte leicht noch mehr fallen. Der praktische Gedanke, den »Pfeil« zwischen Leichter und Boot zu heben, war ausführbar, indes, da es sich um mehr als einen Fuß handelte, so konnten wir das schwere Schiff mit unsern einfachen Mitteln nicht hoch winden, es blieb also nicht anderes übrig, als den Rückzug anzutreten, oder zu bleiben wo wir waren.

Das nahe, etwa fünfzehn Fuß hohe und steile Ufer, unter welchem eine Strecke weit tieferes Wasser gefunden wurde, eignete sich nicht besonders zum Lagerplatz; bis zu der vor wenigen Stunden verlassenen Holzstation zurückzukehren, wo die Uferbeschaffenheit fast dieselbe war, schien, nach den schon überwundenen Schwierigkeiten, noch weniger rathsam, so, kurz entschlossen, wählte der Major von zwei Uebeln das kleinere.

Weitere Schwierigkeiten, den »Pfeil« und Leichter unter Land zu bringen, boten sich nicht mehr; bald lagen auch die Fahrzeuge durch ihre Anker wohl befestigt am Ufer. Nachdem wir darauf die steile Uferwand erklommen hatten, suchten wir uns oben einen Platz zum Nachtquartier. Eine weite Grasfläche, im Hintergrunde Busch und Baum und 6-8 Fuß hohe Termitenhügel, war das einzige was sich unsern Blicken darbot, sonst kein lebendes Wesen im weiten Umkreise sichtbar. Das etwa mannshohe Gras verhinderte auch, genügende Umschau zu halten, und erst am nächsten Tage erfuhren wir, daß eine kleine Strecke flußaufwärts, verdeckt durch den nächsten Urbusch, das Dorf Ntoboa liege.

Es war in der glühenden Sonne eine heiße Tagesarbeit gewesen, die hinter uns lag, dennoch, bis zur sinkenden Nacht, mußten die von den englischen Schiffen weit über die Untiefe geschleppten Sektionsboote herangeschleppt werden, und die Bootsführer, Proviantmeister Illich und Sergeant Bauer, hatten vollauf zu thun, den ihnen zugegangenen Befehl, die Boote zum Lagerplatz zu bringen, auszuführen.

Die Erbauung eines großen Lagers an diesem Orte wollte Major Wißmann den Umständen anheim stellen und erst nach Rücksprache mit den englischen Schiffsführern eine Rekognoszirungstour bis Misongwe unternehmen, die ihm über die Wasserverhältnisse des Flusses weiter oberhalb Aufschluß geben sollte. Auch sollte der nächste Tag erst entscheiden, was gethan werden müßte, nachdem nochmals ein letzter Versuch gemacht wäre, und ob wir denn wirklich vor diesem Hinderniß Halt machen müßten und es absolut keine Möglichkeit gäbe, durchzudringen. Wie vorauszusehen, mißlang ein erneuter Versuch abermals; die unternommene Tour flußaufwärts ergab ebenfalls ein negatives Resultat — so den Verhältnissen Rechnung tragend, beschloß der Major nach seiner Rückkehr, diesen Ort, den ich inzwischen hatte säubern lassen, als Stapelplatz beizubehalten.

Die Leitung und Aufsicht der hier vorzunehmenden Arbeiten sowie der Befehl über die ganze Mannschaft wurde mir übertragen, weil der Major beabsichtigte, nach Chinde zurückzukehren und den nächsten Transport abermals zu leiten. Seine Anwesenheit war dort auch nothwendiger als hier, da in Chinde fast das ganze Personal der Expedition noch des Aufbruchs harrte.

Zunächst nun galt es, da wir die schwere Ladung des Leichters, bestehend zum Theil aus der zerlegten Feldbahn, nicht den steilen Abhang hinauf schaffen konnten, das Ufer abzutragen und etwa 5 Fuß über der Wasserlinie eine Art Plattform herzurichten, worauf das Material gelagert werden konnte; Sachen, als Proviant und Schiffsinventar, wurden ganz hinaufgeschafft, um sie besser unter Aufsicht zu haben. Bei den sofort in Angriff genommenen Erdarbeiten stießen unsere Leute unvermuthet auf gefährliche Schlangen, die unter den Wurzeln kleiner Sträucher oder in Löchern ihren Aufenthalt hatten. Es stellte sich heraus, daß wir es mit einer Art der sehr giftigen Kreuzotter zu thun haben und mehrfach wurden 60-70 cm lange Thiere getödtet; war diesen Schlangen wegen ihrer Gefährlichkeit nicht anders beizukommen, wurde dem Reptil durch einen Schrotschuß der Kopf zerschmettert. Kleinere, d. h. junge Schlangen dieser Art, fast immer in Gemeinschaft mit den Alten aufgefunden, konnten wir mit Spaten und Hacken leichter erlegen. Uebrigens war gegen den gefährlichen und nicht selten tödtlichen Biß dieser Kreuzottern große Vorsicht von Nöthen, daher ließ ich es nie zu, daß die zu Erdarbeiten kommandirten Leute mit bloßen Füßen umherliefen; die Gefahr, gebissen zu werden, war zu groß und ärztliche Hülfe unerreichbar.

Als einen sehr günstigen Umstand konnten wir die Zutraulichkeit der Eingebornen betrachten, selbst die Häuptlinge erschienen im Lager und wurden stets reichlich beschenkt entlassen. Der Vortheil lag dabei auf unserer Seite; denn wie kostspielig hätte die Heranschaffung von Proviant für so viele Leute wohl werden müssen, wenn wir nicht gegen Zeug und Perlen hätten Lebensmittel eintauschen können. Als später die ganze Expedition hier versammelt war, kamen sogar weit im Inlande ansässige Portugiesen, angelockt durch eventuellen Verdienst, um mit uns Handelsgeschäfte zu machen.

Während der beiden Tage, an welchen in rastloser Arbeit das Entlöschen der Fahrzeuge bewerkstelligt wurde, konnte an dem Ausbau des Lagers nicht gedacht werden, und, um nur Schutz zu finden, hatten die Soldaten sich, zu je zwei, aus Baumzweigen und Gras provisorische Hütten erbaut; auf beschränktem Raum vertheilt, boten diese den Anblick eines Karawanendorfes.

Die Abreise des Majors war auf Sonntag, den 24. in der Frühe, festgesetzt, indes das geplante Heben des »Pfeil« zwischen Leichter und Boot verzögerte diese bedeutend; es gelang auch den Dampfer um 6 Zoll höher zu winden, was zwar ein Passiren der Untiefe bei Schupanga möglich machte, sonst aber von keinem wesentlichen Vortheil gewesen ist.

Im Vergleich zu dem mühsamen Vordringen gegen Strom und Hindernisse, ging die Rückfahrt sehr schnell von statten, bald waren Dampfer und Boote unsern Blicken entschwunden, da die Windungen des Flußes jede Fernsicht raubten.

Zurückgekehrt zum Lager trat nun an mich die ernste Pflicht heran, nach bestem Wissen und Können, wie der mir gewordene Befehl lautete, ein Lager zu erbauen, speziell aber darauf zu achten, daß die täglichen Exerzitien, wie sie das Reglement vorschrieb, ausgeführt werden; die Handhabung strenger Disziplin ist die Garantie des Erfolges. Unter meinem Befehl waren 67 Mann und drei Europäer gestellt, eine beträchtliche Zahl, wenn diese in ihrer Gesammtheit als Arbeitskraft hätte Verwendung finden können; allein Hauptzweck waren militärische Uebungen, nach diesen kamen erst täglich einige Stunden Arbeitszeit in Frage. Und zieht man die glühend heiße Sonne in Betracht, die vom wolkenlosen Himmel sengend niederbrennt, Körper und Geist erschlafft, mußte die Zeit ausgenutzt werden, sollte das Werk gethan sein.

Die nächste Aufgabe war, Stellen, wo ich Wohn- und Wachhäuser zu bauen gedachte, von dem hohen schilfartigen Grase reinigen zu lassen, auch mußte schleunigst ein Exerzierplatz geschaffen werden, der den übenden Soldaten freie Bewegung gestattete; denn es war in der That in weitem Umkreis nichts als Baum, Busch und Gras. Diese Grasmassen übrigens auszuroden, war keine Kleinigkeit, als mir indes diese Arbeit zu langsam von statten ging, ließ ich mit Faschinenmesser große Flächen niederhauen, dann das in glühender Sonne bald getrocknete Gras in Brand setzen und die Feuersgluth vernichtete unglaublich schnell, wozu sonst viele fleißige Hände Tage lang gebraucht hätten. Oefter zwar vom Winde angefacht, waren wir nicht im Stande, der Feuersgluth eine Grenze zu setzen, trockene Halme und Laub, welches in Massen unter den Bäumen angehäuft lag, wurde ein Raub der Flammen. Soviel Vortheil hatten wir aber doch davon, hatten wir im Busch mit Messer und Axt nicht vordringen können, konnten wir es nach solchem Brande weit bequemer, und wurden auch längst abgeerntete Mtamafelder mit vernichtet, so konnten wir es leider nicht ändern; der Schaden war auf unserer Seite, insofern wir das benöthigte Rohr aus größerer Entfernung herholen mußten.

Mit dem Niederbrennen des Grases im Lager und nächster Nähe war die Arbeit nicht gethan, im Gegentheil, die Vernichtung schaffte dem jungen Nachwuchs nur Luft und überaus reichlich sproßen, namentlich nach einem Regenschauer, die neuen Keime empor. Es mußten daher die tief im Boden sitzenden Graswurzeln ausgerodet werden, um dem Wachsthum Einhalt zu thun. Da ich nun nicht die Zeit, sowie ausreichende Kräfte zur Verfügung hatte, erbat ich mir von einem Häuptling eine Anzahl Frauen, die mit ihren Feldhacken das Terrain schnell und geschickt reinigten. Wie bei den meisten afrikanischen Völkern auf den Schultern des Weibes alle schwere und unbequeme Arbeit ruht, so war auch hier keiner der in der Nähe des Lagers träge herumliegenden Eingebornen zu dieser Arbeit trotz reichlicher Bezahlung zu bewegen.

Mir lag viel daran, bis zur Rückkehr des Majors, möglichst alle nothwendigen Häuser und Schuppen fertig gestellt zu sehen, waren doch noch reichlich über 200 Soldaten, außer den hier anwesenden, unterzubringen; jedoch, überschritt ich auch zuweilen das vorgeschriebene Reglement und sandte Abtheilungen unter Aufsicht bis weit in das Land hinein, um zum Häuserbau passende Baumstämme heranzuschaffen, so war der Ertrag doch so ungenügend, daß ich mich schließlich genöthigt sah, das hier verbliebene zweite Stationsboot auszurüsten und in die Wälder oberhalb Schupangas zu senden. Ein Arm des Zambesi, in früherer Zeit, nach den Aussagen der Eingebornen zu urtheilen, der eigentliche Fluß, führte auf der gegenüberliegenden Seite weit in das Land hinein, und für Boote noch befahrbar, konnte der große Waldbestand leicht erreicht werden.

Zur Abschließung und Einfriedigung des Lagers benutzte ich das bereits erwähnte Mtamarohr; dasselbe wurde in Furchen aufrechtstehend eingegraben, durch querliegende Stengel dann verbunden, erlangte solcher Zaun genügende Festigkeit; nur einen Eingang ließ ich, der von einem Posten unter Gewehr bewacht wurde, so war eine Kontrolle der ein- und auspassirenden Leute möglich. Die nächste Umgebung des Lagers wurde, so weit es angängig, so rasirt, daß ungesehen sich schwerlich jemand dem Lager nähern konnte.

Die Aktivität der Soldaten wurde des öfteren durch nächtlichen Alarm geprüft, was hier freilich nur eine Uebung war; wie oft aber mußten sie später unter Major von Wißmanns Führung ernste, schwere Kämpfe durchmachen. Auch ein Theil der jetzt unter meinem Kommando stehenden mußten in schwerer Zeit mit mir ausharren und blutigen Kampf bestehen, namentlich die Sudanesen.

Gelang es mir auch nicht ganz, in der gedachten Weise das Lager fertig zu stellen, was einzig seine Schwierigkeit in der Heranschaffung des benöthigten Bauholzes hatte, so war doch alles zur Aufnahme und Unterbringung des nächsten Transportes bereit. Eine regelrechte Treppe zum Fluße gebaut, erleichterte den Aufstieg, in der Front am Ufer fanden Zelte und Proviantschuppen ihren Platz und im Hintergrunde lagen die langen Wohnhäuser der Soldaten. In der Mitte war ein großer freier Platz geblieben, der zunächst als Exerzierplatz Anwendung fand, bis später außerhalb des Lagers ein besserer geschaffen wurde.

Die Termitenhügel, von denen im Lager sechs vorhanden waren, hatte ich vorläufig noch unberührt gelassen, einestheils weil sich der Bau dieser kleinen Thierchen, aus einer festen, harten Thonmasse bestehend, für Hacke und Pickaxt zu fest erwiesen hatte, anderntheils weil alle Hügel, entsprechend ihrer Höhe, in der Basis den gleichen Durchmesser hatten, woraus man schließen kann, daß es angestrengter Arbeit bedurft hätte, solch einen Bau dem Erdboden gleich zu machen. Um das wunderbare Treiben dieser etwa einen Zentimeter langen Ameisen besser zu beobachten, deckte ich die Kuppe eines oder mehrerer Hügel mit Axtschlägen so ab, daß alle bis in die Spitze führenden Gänge frei lagen, während aber die Thonmasse selbst hart und fest blieb, waren die Wandungen der Gänge feucht und weich. Sobald Licht und Luft zum Bau Zutritt fanden, zogen sich die in den Gängen arbeitenden Thiere zurück; war durch das Freilegen eine Brutkammer geöffnet worden, scheuten die Arbeiter keine Gefahr, sondern waren nur darauf bedacht, die jungen Ameisen oder Eier schleunigst in Sicherheit zu bringen.

Da diese Thierchen in völliger Dunkelheit leben, so habe ich sie am Tage keine Arbeit verrichten sehen, denn die geschlagenen Oeffnungen blieben frei, sobald aber, was bei allen dieser Art der Fall, die Nacht hereinbrach, begann eine rastlose Thätigkeit und ausnahmslos war jeden Morgen auch die kleinste Oeffnung mit noch weichen Thonmassen vermauert. Am Fuße eines Hügels, wo auch die Wandungen entsprechend stärker sind, ergaben geöffnete Stellen wunderbare Gänge. Die Kommunikation war der Art, daß die fingerdicken Wandelgänge nach allen Richtungen hinführten; ein Labyrinth von Röhren, worin nur ein solches Thier, durch seinen Instinkt geleitet, sich zurecht zu finden im Stande ist. Eigenthümliche Erscheinungen waren die Zellen, eigentlich faustgroße Höhlungen, zu und von denen eine beträchtliche Anzahl Wege führten, in denen die Arbeiterameise sehr geschäftig hin und her lief. Erklärlich ist diese Regsamkeit, wenn man bedenkt, wie sorgfältig die Ameisen ihre Nachkommenschaft bewachen und erziehen, und ausschließlich gilt diese Thätigkeit den in den Zellen angehäuften Eiern, die in morschem Holzmehl gebettet liegen, gleichsam als sollte beim Eintritt in das Leben der jungen Brut durch vorwaltende Sorgfalt reichliche Nahrung geboten werden.

Wohl kaum denkbar ist es, daß diese abertausend Eier (wo immer auch der Bau geöffnet wurde, fanden sich solche in großer Menge vor) von einer Königin herstammen sollten, im Gegentheil, dazu müssen eine ganze Anzahl fortpflanzungsfähiger Thierchen existirt haben, wenn man auch zugeben kann, daß in solchem Arbeiterstaat nur einer die Königinwürde zuerkannt wird.

Die Lebensbedingung der Termiten beruht auf dem Vorhandensein von Holz, das ausschließlich ihnen zur Nahrung dient, darum, wo immer ein Hügel von diesen Thieren gebildet worden, ist vorauszusetzen, daß ein halb oder ganz abgestorbener Baum an jenem Orte gestanden hat; der umbaute Stamm und die Wurzeln dienen dann für lange Zeit als Nahrung.

Der größte in einer Ecke des Lagers befindliche Hügel von 17 Fuß Höhe, der in der Basis etwa 60 Fuß Umfang hatte, war in der erwähnten Weise um einen mächtigen zum Theil noch grünenden Baum aufgeführt worden. Es ist wohl anzunehmen, da die Erdmassen körnchenweise aus der Tiefe heraus aufgeführt worden sind, daß es eines langen Zeitraumes bedurfte, solche Hügel aufzuthürmen, und wie ausgedehnt müssen die Gänge und der Bau unter der Erdoberfläche noch sein, wenn man bedenkt, was für ein Volumen solch ein großer Hügel ausfüllt.

Bis zur Spitze dieses erwähnten Hügels ließ ich später noch eine Treppe führen und, die Kuppel etwas abflachend, einen Ruhesitz dort oben herrichten, das mächtige schattige Gezweige des Baumes bot einen angenehmen Aufenthalt, und höher im Geäst bot sich eine vorzügliche Aussicht auf die Umgebung dar.

Die Beschaffenheit der obern Erdschicht scheint für die Ansiedelung der Termiten eine Hauptbedingung zu sein, denn nirgend wo anders als im Lehm oder thonhaltigen Boden fand ich sie vertreten, dort aber auch in solcher Anzahl, daß man der vielen Bauten wegen diesen die Bezeichnung Termitendorf beilegen könnte; öfter liegen diese Hügel so nahe zusammen, daß zwei oder mehrere in eins vereinigt schienen; hatte dazu die Vegetation auf solchen Hügeln Fuß gefaßt, ließ ihre Ueppigkeit kaum noch die Einzelheit derselben hervortreten. An anderen Orten und zu anderer Zeit, wenn wir an das flüchtige Wild uns heranzupürschen suchten, boten diese Hügel in den Grasgefilden oder an der Waldlisiere gute Aussichtspunkte und Deckung.

Das Dorf Ntoboa, von unserem Lager durch einen ausgedehnten Busch getrennt, hatte ich öfter Gelegenheit zu betreten, namentlich, wenn ich die ausgesandten Soldaten bei ihrer Arbeit zu kontrolliren oder anzuweisen ging. In der weiten, das ganze Dorf umschließenden Umzäunung, waren auch die einzelnen Gehöfte, aus Häuser oder Hütten bestehend, mit einem Rohrzaun umschlossen, so daß die einzelnen Familien von einander völlig getrennt, jede ihren besonderen Besitz inne hatte. Ein Anwachsen solcher geschlossener Familien geschieht auf folgende Weise: ein sich verheirathender junger Mann hat fortan sich der Familie seines Schwiegervaters eng anzuschließen und muß seine Hütte in dessen Gehöft erbauen oder aus Mangel an Platz dicht daneben; die Interessen sind hinfort die gleichen, gemeinsames Ackerland, gemeinsame Jagd und Arbeit, soweit von letzterer bei den Männern überhaupt die Rede sein kann.

Die ungewöhnliche Erscheinung, peinliche Reinlichkeit in einem Negerdorfe vorzufinden, überraschte mich hier sehr, in der That waren die freien Plätze im Dorfe rein und sauber, wie eine Tenne fest und glatt und gereichten den Bewohnern zur besonderen Zierde. Ernst und zurückhaltend, wie die Bewohner dieses Dorfes waren, kann ich kaum behaupten, daß wir in näherer Beziehung zu ihnen getreten sind; mit weiser Bedachtsamkeit hielten sie sich von uns fern, wiesen auch den sonst unverfrorenen Suaheli in seine Schranken zurück. Traf ich aber auf meinen Gängen Faulenzer im Dorfe herumliegend an, kamen solche öfters nicht ohne handgreifliche Verwarnung weg, was äußerst nothwendig war, um das vorherrschende gute Einvernehmen der Einwohner mit uns aufrecht zu erhalten.

Erwähnenswerth sind die wenigen Häuser im Dorfe, welche von einer besonderen Kunstfertigkeit und Geschmack Zeugniß ablegen. Die Art der Herstellung erinnerte mich an die Wohnhäuser der Marschall-Insulaner im fernen stillen Ocean und sind, im Gegensatz zu den runden Hütten mit aufgesetztem Grasdach, eine besondere Erscheinung. Fast überall dort, wo Termitenhügel in der Nähe, bekleiden die Eingebornen die Wände ihrer Hütten innen und außen mit dieser vorzüglichen Thonmasse, diese gewährt hinreichenden Schutz gegen die kalte Nachtluft, die im Verhältniß zur heißen Tagesgluth recht empfindlich sein kann.

An Abwechslung, soweit es Gäste betraf, die im deutschen Lager kurze Rast hielten, fehlte es nicht, Engländer, Portugiesen, selbst ein Deutscher, Herr Dr. Merensky, vom Nyassa-See zurückkehrend, nahmen die gebotene Gastfreundschaft dankend an; konnten wir doch jetzt noch, im Beginn unserer Expedition, die Gäste angemessen bewirthen. Von dem Kommen des letzteren Herrn unterrichtet, hatte schon Major von Wißmann mir den Auftrag ertheilt, denselben nicht vorüberziehen zu lassen ohne wenigstens mit ihm gewisse Punkte besprochen zu haben, sollte sich aber Herr Dr. Merensky bewegen lassen, des Majors Rückkehr im Lager abzuwarten, würde er dieses als eine besondere Gefälligkeit zu schätzen wissen. Aber so gerne Dr. Merensky seine lange Reise auch unterbrochen hätte, gestattete die Nothwendigkeit ihm nur einen kurzen Aufenthalt zu nehmen, und ich, meinerseits wissend, der Major könne nicht mehr allzufern sein, ersuchte ihn, auf seiner Weiterreise, wenn angängig, dem Wunsche des Majors zu entsprechen und eine Unterredung herbeizuführen.

Das Lagerleben in den Grassteppen und Waldungen Afrikas besitzt, abgesehen von gewissen Entbehrungen, einen eignen Reiz. Es lassen sich aber doch, selbst in einer so unwirthlichen Gegend, diesem angenehme Seiten abgewinnen. Das halbe Kriegerleben, das wir führten, bedingte schon, daß die Waffe unser beständiger Begleiter war, diese daher zu gebrauchen und ihrer sicher zu sein, lag in dem Bestreben aller, und ich meinerseits suchte dieses dadurch zu fördern, daß, sofern Zeit und Umstände es gestatteten, Preisschießen abgehalten wurden.

War der Gewinn, etwa eine Flasche Cognac, als Preis auch gerin, so war es mehr die Ehre, gelegentlich der beste Schütze zu sein, als daß der ausgesetzte Preis des Siegers ausschließliches Eigenthum geblieben wäre, vielmehr war eine kameradschaftliche Vertheilung allgemeiner Gebrauch. Anregender als Scheiben und Flaschen abschießen war es für uns, wenn ein Krokodil das Zielobjekt abgeben konnte.

Es muß für diese Thiere ein wonniges Behagen sein, sich von der glühenden Sonne den Körper durchwärmen zu lassen und sich dem sorglosen Schlafe hinzugeben, dazu von Vögeln, die stets am Ruheort des Thieres sich aufhalten, die Parasiten absuchen, ja selbst am Gaumen des mächtigen Rachens die Ueberreste einer Mahlzeit herauspicken zu lassen, und ob diese kleine behende weißgraue Vogelart auf dem Rücken oder Kopf des Krokodil herumläuft und Nahrung sucht, nie wird das mächtige Thier seinen gefiederten Pflegern etwas zu Leide thun; vielmehr scheint das Geschrei, welches dieser Vogel erhebt, sobald etwas Auffallendes sich zeigt, ein Warnungsruf zu sein, um seinem Freunde eine Gefahr rechtzeitig anzuzeigen.

Flußpferde sahen wir hier nur vereinzelt auf den entfernteren Sandbänken sich tummeln, selten, daß eines sich so weit vorwagte, um von unsern weittragenden Kugeln erreicht zu werden, aber das Grunzen dieser Kolosse tönte durch die Stille der Nacht und weckte im Verein mit der Hyäne, die ihr Lachen bald hier bald dort erschallen ließ, uns aus dem Schlummer.

Bemerkenswerth ist eine hier schon vorkommende Adlerart, ein schwarzbrauner, kräftiger Vogel mit scharfen großen Fängen, hoch in den Lüften kreisend, erspäht sein scharfes Auge die Beute, und sieht er sich unbeachtet, schießt er pfeilgeschwind aus der Höhe nieder, und mit den Krallen ein Huhn, Ratte oder sonstigen Abfall fassend, eilt er schnellen Fluges davon. Anfänglich hielt ich diese Vogelart für schädlich und schoß sie aus den Lüften oder von den Baumästen nieder, allein bald erkannte ich die Nützlichkeit dieser Thiere und schonte sie hinfort. Ein Beispiel davon, daß die Natur nichts Unnützes geschaffen, hatte ich in dieser Vogelart wieder vor mir; wir Menschen sehen nur leider die Schädlichkeit gewisser Thiere, nicht ihren Nutzen und führen gegen solche Geschöpfe einen ungerechten Krieg, forschen und suchen nicht zu ergründen, was die ewige Weisheit vorbedacht hat. Nicht nur, daß dieser Vogel den schlimmen Nagern, von welchen wir in der Folge viel zu leiden hatten, ein grimmiger Feind war, bewährte er sich vielmehr als eine Art Polizei, die auf Reinlichkeit äußerst bedacht war; denn alle Abfälle, welche achtlos fortgeworfen wurden, den Ratten und Mäusen ein willkommenes Futter, wurden von diesem im und außerhalb das Lagers aufgesucht, und wurde auch ein Hühnchen, das zuweilen achtlos herumlief, mit aufgegriffen, war doch der Verlust im Gegensatz zum Vortheil nur ein geringer.

Der Ricinuspflanze, die in dieser Gegend stark vertreten ist, begegneten wir überall, meistens in Form eines kleinen Bäumchens oder einer Staude mit lappigen Blättern; die Früchte rundlich, an ihrer äußeren Schale mit weichen Dornen besetzt, enthalten in den bohnengroßen Samen das so viel benutzte Oel. Die Nützlichkeit dieser Pflanze scheint den Eingebornen hier nicht sonderlich bekannt zu sein, wenigstens konnte ich solches aus meinen Erkundigungen schließen, eine Verwerthung indes mußten sie aber doch dafür haben, wenn auch nicht in dem Sinne wie wir; es ist jedoch schwer, dieses zu erfahren. Die Geheimnisse kennt der gewöhnliche Neger nicht und die klugen, also z. B. die Medizinmänner, verrathen sie nicht.

In diesem Monat Juli trat schon ein merklicher Unterschied zwischen der heißen Tagesgluth und den kühlen Nächten ein, solche Abkühlung hatte häufig dichte Nebel zur Folge, die erst am frühen Morgen der mächtiger durchdringenden Sonne zu weichen begannen. Am Abend, nach des Tages Mühe, saßen wir oft am Ufer des Zambesi und schauten auf die murmelnden Gewässer und die weite Wildniß hinaus, unter dem glänzenden Sternenhimmel in solcher Tropennacht gedachten wir der fernen Heimath, bis der Trompeter Ruhe im Lager blies und Jeder in Zelt oder Hütte den erquickenden Schlummer suchte. Nichts als der Schritt des Postens unterbrach die Stille der Nacht; nur zuweilen wurde die Hyäne der Störenfried, aber man gewöhnt sich an die Stimmen der Natur und achtet schließlich nicht mehr so sehr darauf.