3. Im Lager von Ntoboa.
Am Sonntag, den 7. August, wurde von dem zur Ausguck aufgestellten Posten in früher Stunde der zurückkehrende Transport gemeldet und nach wenigen Stunden traf Major von Wißmann im Lager ein, mit ihm die Hälfte des Expeditions-Personals. Nach kurzer Besichtigung der vollendeten Arbeiten und Inspizirung der unter Gewehr aufmarschirten Soldaten, traten bald darauf sämmtliche Mannschaften an, und das Entlöschen der Leichter wurde mit möglichster Eile ausgeführt, denn Herr von Eltz sollte schon am nächsten Morgen mit den leeren Fahrzeugen nach Chinde zurückkehren.
So groß und den Verhältnissen entsprechend ich auch das Lager angelegt hatte, war es doch bei so bedeutendem Material und der nun an Zahl beträchtlichen Mannschaften etwas beschränkt, namentlich mußte der Exerzierplatz außerhalb desselben verlegt werden, da zum Aufstapeln und Hantiren des Proviantes hinreichender Raum geschaffen werden mußte. Die Vertheilung und Zusammenstellung desselben leitete Dr. Bumiller; mußte doch eine große Sorgfalt auf unsere Vorräthe angewendet werden, um nach Jahr und Tag, so gut wie im Anfang, mit allem versehen zu sein. Namentlich waren es sogenannte Wochenkisten, die aus dem Nothwendigsten zusammengestellt wurden, und die später, wenn erst die Expedition weit vertheilt sein würde, jedem Mangel vorbeugen sollten.
Was die noch auszuführenden Arbeiten anbetraf, welche der Major vor seinem Auszuge zu einer Jagd-Expedition, die er bald darauf in Begleitung des Sergeanten Bauer und einer genügenden Anzahl Soldaten unternahm, bestimmt hatte auszuführen, so leitete ich diese nach wie vor. Bedenkt man aber, mit welchem Zeitaufwand und Schwierigkeiten das Baumaterial herangeschafft werden mußte, so kann man sagen, daß rege Thätigkeit gewaltet haben mußte, um in solch kurzer Zeit, auf solchem Terrain, ein kleines Dorf, wie es unser Lager im Anblick darbot, entstehen zu lassen.
Mit dem größeren Bedarf an Lebensmitteln wuchs auch der Verkehr mit den Eingebornen, und hatten wir bisher nur die nähere Bekanntschaft der am Fluße selbst lebenden Eingebornen gemacht, so lernten wir nun auch weit im Inlande wohnende Stämme kennen. Auffällig war die vorherrschende Unreinlichkeit bei diesen Leuten, was wohl daraus zurückzuführen ist, daß vielfach Mangel an Wasser sie die Wohlthat des Waschens entbehren läßt. Bei den Frauen und Mädchen tritt diese Nachlässigkeit um so eher hervor, als namentlich ihre Kopffrisur meistens mit Asche und Sand bedeckt ist. Sie besitzen einen gewissen Stolz darin, diese nach eigenartiger Methode aufzuputzen, nämlich das kurze krause Haar wird in möglichst langen Strähnen geflochten, wozu, nebenbei gesagt, schon eine Art Kunstfertigkeit gehört, dieses fertig zu bringen, und damit diese herunter hängen bleiben, bedienen sie sich daran gehängter Gewichte, verfertigt aus der Masse, welche die Termiten aus der Erde heraufschaffen.
Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, fünfzig und mehr solcher Strähnen an den Schläfen, Vorder- und Hinterkopf herumbaumeln zu sehen, und, da solche Frisur nicht alle Tage vorgenommen werden kann, vielmehr wohl recht lange vorhalten muß, so ist es erklärlich, daß man, wie wir zu Lande sagen würden, Petersilie auf der Kopffläche säen könnte.
Jener Jagdausflug, von welchem der Major nach sechs Tagen zurückkehrte, war ein überaus ergiebiger gewesen. Die Theilnehmer berichteten von Schaaren edlen Wildes, das sich sorglos in den weiten Grassavannen und lichten Wäldern aufhält, und einem guten Schützen es leicht sei, an die Beute heranzukommen. Büffel, Kudus, Zebras, Wasser- und Riedböcke, ja selbst der Elephant wäre beschlichen worden. An Beweisen für die Eifrigkeit der Jäger fehlte es auch nicht, eine Anzahl großer Antilopen, stattlicher als unsere Hirsche, brachten sie noch mit, und so lange der Vorrath reichte, hatten wir im Lager für mehrere Tage Fleisch, vor allen war den Soldaten solche Abwechslung hoch willkommen.
Hatten wir bisher nur erst wenige Strapazen durchgemacht, welche ich als gering bezeichnen kann im Verhältniß zu denen, die unser warteten, so äußerte das Klima sich doch in der Weise, daß es allmählig die Widerstandsfähigkeit des Körpers untergrub und Fieberanfälle waren selbst unter unsern Soldaten keine seltene Erscheinung. So ergab es auch die Nothwendigkeit, daß ich, weil selbst Major von Wißmann und Dr. Bumiller erkrankt waren, das Kommando im Lager für längere Zeit zu übernehmen hatte.
Wie bereits vorher erwähnt, hatten wir viel von den Nagethieren und Ameisen zu leiden, und, was Vernichtungswuth anbetrifft, muß ich den unscheinbaren Thierchen den Hauptantheil zusprechen, denn jede Kiste, jedes Stückchen Holz, das unvorsichtiger Weise auch nur für eine Nacht ohne Unterlage auf den Erdboden gestellt worden war, wurde angefressen und sie waren im Stande, dreiviertelzöllige Bretter in wenig Tagen zu zerstören. Selbst der Inhalt der Kisten, sofern Holztheile darin enthalten waren, blieb nicht verschont.
Es ist unglaublich, aber thatsächlich wachsen die weißen Ameisen aus dem Erdboden hervor. Z. B. der Boden, worauf eine Kiste gestellt wurde, ist fest und hart; kein Anzeichen eines Lebewesens läßt sich auch nur voraussetzen, und doch, in einer Nacht wimmelt es schon von abertausend kleiner weißer Wesen, die in dem Holze lange Furchen gezogen haben, worin man einen Finger hineinlegen könnte. Der Boden ist von einer von diesen Thierchen abgesonderten Substanz feucht und lehmhaltig, geeignet, an dem Holze zu haften und gar bald bauen sie verdeckte Gänge aus diesem Stoffe außerhalb auf, um so von allen Seiten einen Gegenstand, der ihren scharfen Nagewerkzeugen verfallen ist, zu umschließen. Die Vermehrung dieser Ameisen muß in das Unglaubliche gehen, wo ihnen die Vorbedingungen zur Existenz geboten sind, sonst ist es nicht zu verstehen, wie sie so zahlreich in solch kurzer Zeit auftreten können; ich habe oft den Erdboden untersucht und nichts gefunden und doch waren diese schlimmen, unvertilgbaren Thiere vorhanden.
Was nun noch Ratten und Mäuse anbetrifft, so hatte hier eine förmliche Einwanderung stattgefunden, denn, angelockt durch reiche Vorräthe, wie solche im Lager an Mais und Mtama aufgestapelt lagen, waren diese Nager, die im weiten Umkreise auf den Feldern der Eingebornen ihren Wohnort hatten, herbeigeströmt, und bald in Schuppen und Hütte, Zelt und Lagerräumen eingenistet, so daß an ein Austreiben nicht mehr zu denken war.
In den Grasdächern und Wänden war ihnen nicht beizukommen, wir mußten wider Willen den unliebsamen Gästen Freiquartier geben und es geduldig uns gefallen lassen, wenn es Nachts einzelnen beliebte, über Gesicht, Brust und Füße Spaziergänge zu unternehmen; mit Geschicklichkeit sprangen sie von den Dachsparren herunter auf das Bett, und, aufgeschreckt aus dem Schlafe, schlug man wohl nach jener Stelle, allein die gewandten Vierfüßler waren weit hinweg. Unangenehmer schon wurde es, wenn sie an den Nägeln der Fußzehen ihre scharfen Zähne probirten, wobei sie es nicht so genau nahmen und etwas Haut mitfaßten, was für den Schläfer dann eine etwas unangenehme Empfindung war. Diese hier ziemlich furchtlose, man könnte fast sagen unverschämte Gesellschaft, zwang uns, die hier weniger benutzten Mosquitonetze wieder auszuspannen, um so vor den nächtlichen Besuchern einigermaßen geschützt zu sein.
Gestattete es mitunter meine Zeit, daß ich mit den Leuten die Proviantsäcke, zwischen denen die Ratten namentlich Standquartier genommen hatten, auseinanderwerfen konnte, dann ging es vielen an das Leben. Ein doppelter Cordon von mit Stöcken etc. bewaffneten Leuten umstand den Lagerplatz und jedes Thier, das diesen zu durchbrechen suchte, wurde erschlagen; der Vernichtung entgingen nur solche, die sich in den Erdlöchern oder in den Säcken selbst geflüchtet hatten. Es war nichts Seltenes, daß auf solcher Jagd 70 und mehr Ratten getödtet wurden.
Köstliche Scenen mit Halloh und Geschrei gab es bei solcher Gelegenheit stets von seiten der Soldaten; gelang es einer Ratte, die nicht entweichen konnte, Zuflucht in das Hosenbein eines Mannes zu finden und am nackten Körper hinaufzulaufen, dann sprang dieser wie besessen umher, bis einer seiner Kameraden die Ratte erfaßt und ihr durch kräftigen Druck das Lebenslicht ausgeblasen hatte. Konnten die gejagten Thiere nicht mehr am Boden entschlüpfen, versuchten sie oben hinauszukommen. Wahre Kraftproduktionen führten sie aus, indem sie auf die Schultern eines gebückten Mannes sprangen und von hier, sobald dieser durch die Berührung emporschnellte auf den Kopf oder Rücken des nächsten, und solchen kühnen Springern gelang es öfter, zu entkommen. Während solcher Jagd kreisten hoch in den Lüften die Adler und erspähten scharfen Auges die Beute; eine ermattete Ratte, wenn sie es wagte, über eine freie Stelle zu laufen, um eine Zuflucht zu finden, war bald in den Fängen der pfeilgeschwind niederschießenden Vögel; selbst so weit ging der Jagdeifer dieser Polizisten, daß sie sich nicht scheuten, ihre Beute selbst in der Nähe des Menschen zu erfassen und solche in die Lüfte zu entführen.
Am Abend des 18. August, als in dunkler Abendstunde von Schupanga Signalraketen die Ankunft des neuen Transportes anzeigten (welches Signal wir vom Lager aus durch helles Feuer beantworteten), brachten gleichzeitig Boten von Misongwe die Nachricht, daß die beiden englischen Kanonenboote »Herald« und »Mosquito« dort eingetroffen seien, auch zufolge wichtiger Nachrichten die Gegenwart des Majors von Wißmann dort erwünscht erscheine. Daraufhin, sobald am nächsten Morgen der Transport das Lager erreicht hatte und mit dem sofortigen Entlöschen begonnen worden war, versuchte der Major mit dem »Pfeil« die Untiefe vor Ntoboa zu passiren, was auch, da vom »Pfeil« alles überflüssige Inventar an Land gebracht war, dieses Mal gelang.
An dem bereits erwähnten Vertrage, der uns die Unterstützung der Engländer sicherte, wurde nichts geändert, vielmehr nun zur sofortigen Ausführung geschritten. Zurückgekehrt von Misongwe am 19., sollte der »Pfeil« im Verein mit den Kanonenbooten am 20. früh flußabwärts nach Schupanga gehen, wo nach Ausschiffung einer Kompagnie Soldaten für alle Schiffe Brennholz zu schlagen sei; inzwischen sind beim Lager zwei Leichter und die großen Sektionsboote zu beladen, mit welchen die Kanonenboote dann flußaufwärts den Schire zu gewinnen suchen und so weit vordringen würden, als es die Wasserverhältnisse irgend nur gestatten sollten. So lautete der Tagesbefehl!
Ueberraschend für mich aber war die mir vom Major gemachte Eröffnung, daß ich mit dem »Pfeil« flußabwärts zu gehen und den letzten Transport von Chinde heraufzuführen habe; nicht als scheute ich mich, diese Aufgabe zu übernehmen, sondern der hierdurch vereitelte Wunsch, mit vorwärts gehen zu können, war eine unerwartete Ueberraschung. Im Uebrigen, da ich wußte, daß dieser letzte auch der schwerste Transport sein würde, dessen Führung der Major dem in Chinde noch weilenden Obersteuermann nicht anvertrauen mochte, sonst nur als Führer Herrn von Eltz übrig hatte, über dessen Person er aber bereits anders verfügt, konnte ich es nur zur Ehre anrechnen, das Schwerste ausführen zu sollen.
Sobald der »Pfeil« zur Abfahrt bereit und ich mich vom Major verabschiedet hatte, dampften wir flußabwärts zunächst nach Schupanga, um uns dort mit genügend Brennholz zu versehen. Schnell, mit Hülfe der zur Verfügung stehenden Kräfte, war diese Arbeit gethan und sodann die Thalfahrt antretend, kamen wir, unbehindert durch Leichter oder Boote, sehr rasch vorwärts. Einige Male nur nahmen wir uns die Zeit, auf Sandbänken liegenden Krokodilen wohlgezielte Kugeln zuzusenden; zwei dieser mächtigen Unthiere fielen uns denn auch dadurch zur Beute, daß es ihnen nicht gelang, das schützende Wasser zu erreichen, wir nahmen das größte mit nach Chinde, wo wir am nächsten Nachmittag anlangten, um solches den noch dort weilenden Sudanesen als willkommene Abwechslung ihrer Mahlzeiten, zu überlassen.
Ich fand die beiden letzten Leichter nahezu beladen vor, sah aber ein, daß, wenn, wie der Befehl lautete, alles mitgenommen werden sollte, ein Ueberfüllen der Fahrzeuge die Folge sein würde, dazu mußte so viel Brennholz, als nur irgend unterzubringen war, eingeschifft werden, um nicht wieder durch Mangel daran am Vorwärtskommen behindert zu sein. Deshalb, während des zweitägigen Aufenthalts, ließ ich alle entbehrlichen Kräfte noch von Dr. Bumiller herangeschafftes Holz zersägen, selbst die Häuser und Hütten niederreißen und die Stämme auf den Fahrzeugen unterbringen. Obschon vom Fieber schwer geplagt, das während einiger Tage im Körper wühlte, hatte ich doch die mir gewordenen Aufträge nach bestem Können auszuführen, namentlich forderte die Unterbringung und sichere Heimbeförderung eines entlassenen Mannes mit einem englischen Schiffe, viel Aufwand an Zeit. Nach Einschiffung der gesammten Mannschaft aber und Verabschiedung vom portugiesischen Kommandanten zögerte ich mit der Abreise nicht mehr, setzte auch im letzten Augenblick die Ueberreste des großen Lagers in Brand, so daß nur Staub und Asche an der Stelle zurückblieb, wo lange Zeit eine gewaltige Expedition Rast gehalten hatte.
Ich hatte des Oefteren schon bemerkt, wie jähzornig veranlagte Naturen leicht sich fortreißen ließen wegen geringfügiger Dinge die Leute zu strafen, wozu ihnen Niemand ein Recht noch Gewalt gegeben hatte; ihren Jähzorn an dem Einzelnen, der das Mißfallen erregt, aber dann nur freien Lauf ließen, wenn sie sich unbeobachtet glaubten. Dieses zügellose Sichgehenlassen dem Schwächeren gegenüber war ein Beweis, wie gering der Neger in der Achtung solcher Europäer steht, daß er zum Prügelknaben ihrer Launen dienen mußte. Ich erwähne dieses hier nicht, um einzelne Fälle, die sehr selten nur bei uns vorgekommen sind, besonders zu markiren, sondern will im Allgemeinen nur darauf hinweisen, daß man einen großen Fehler begeht, wenn das Bewußtsein der Menschenwürde, das auch den auf der untersten Kulturstufe stehenden Wesen innewohnt, mit Füßen getreten wird. Der Neger, soll er aus seiner stoischen Ruhe aufgerüttelt und als ein thätiges Glied in der großen Völkerfamilie gerechnet werden, bedarf der Erziehung; er ist ein Naturkind, das nicht willig den Segnungen der fortschreitenden Zivilisation die Arme öffnet, sondern eher gesonnen ist, gewaltthätig ihr entgegenzutreten. Solcher Widerstand nun, sobald er in Form einer offenen Empörung auftritt, muß, selbst mit Gewalt, niedergehalten werden, dem Unterliegenden aber dann auch die Erkenntniß, daß er im Unrecht gewesen, zum Bewußtsein kommen und nicht der Uebermacht und egoistischen Zwecken hat weichen müssen.
Vornehmlich fällt heute noch die größte Aufgabe den vordringenden Pionieren zu; sie als Träger der Zivilisation sind berufen, die Saat zu säen, die zu der Erkenntniß führen soll, daß der mächtige weiße Mann gekommen ist, nur ein Helfer und ein Freund, nicht aber ein Unterdrücker zu sein.
Stellen wir uns auf den Standpunkt des Negers, so erscheint auch uns alles Fremde als ein Eindringling in liebgewordene Gewohnheiten und Rechte, und unwillig werden wir fragen, mit welcher Berechtigung zwingt uns der Mächtigere davon zu lassen? Darum, solchen natürlichen Widerstand allmählich zu brechen, bedarf es diesen Naturkindern gegenüber eines freundlichen Entgegenkommens, ohne dabei im geringsten der Ueberlegenheit des Europäers etwas zu vergeben. Strenge und Gerechtigkeit müssen jeder Handlung zur Richtschnur dienen, sollen einestheils dem Naturell der schwarzen Rasse, das bei vielen Stämmen sehr üble Gewohnheiten aufweist, Zügel angelegt, im anderen Falle aber das empfindliche Rechtsgefühl nicht verletzt werden. Der Neger wird willig eine ihm zudiktirte Strafe auf sich nehmen, wenn er gethanen Unrechtes sich bewußt ist.
Ueberall, nicht blos gegen die schwarze Rasse allein, wird gegen diese Hauptbedingungen einer Kulturaufgabe arg verstoßen und hauptsächlich von solchen Elementen, hervorgegangen aus europäischen Nationen, denen Recht und Unrecht ein zweifelhafter Begriff ist. Aus eigener Anschauung kann ich aber die Behauptung aufstellen, daß die Deutschen unter allen andern Völkern Europas, welche eine Kolonisirung anderer Erdtheile übernommen haben, die humansten sind; brachte doch deutsche Arbeit und Ausdauer fremde Kolonien zu hoher Entwickelung und Blüthe; hoffentlich werden Humanität und Gerechtigkeit auf Gebieten, wo die deutsche Nation nun ihre Aufgabe zu erfüllen hat, reiche Früchte tragen: bei der Erziehung noch tiefstehender Völkerstämme werden diese zur unerlässlichen Bedingung.
Mit der einlaufenden Fluth, die weit hinauf im Zambesifluß ihren Einfluß geltend macht, brach ich in den frühen Nachmittagsstunden des 24. August von Chinde auf. Schnell zogen wir mit der günstigen Strömung die bekannte Straße und erst am eigentlichen Flusse, an jener Stelle, wo wir früher mit dem Major Rast gehalten, wurde Nachtquartier genommen.
Mit dem Anbruch des neuen Tages, nachdem die leichten Nebel zerstreut und glitzernd die Sonnenstrahlen auf den Fluthen Silberfäden woben, zogen wir weiter, und mit Geschick die Untiefen meidend, kamen wir trotz der schweren Last, welche der »Pfeil« mit sich schleppte, schnell vorwärts. Meine Absicht, uns mit frischem Proviant zu versehen, der in Chinde nicht zu erschwingen gewesen war, wollte ich nun in einer bewohnten Gegend ausführen, allein wir sahen am rechten Flußufer keine Dörfer, und schließlich dem Rathe des Lootsen folgend, der uns sichere Aussicht auf Wildpret gemacht hatte, legten wir am nächsten Tage frühzeitig genug an einer steilen Uferwand fest, um dann auf gut Glück die Umgegend zu durchstreifen. Nur in Begleitung des Maschinisten drangen wir geraden Weges, so gut als Busch und Gras es zuließen, landeinwärts und gelangten zum Bette eines in dieser Jahreszeit trockenen Flusses. Dieses, tief in das Gelände eingeschnitten, zeugten Wurzeln und Baumreste davon, mit welcher Gewalt die Fluthen in der Regenzeit hier ihre verheerende Wirkung auszuüben im Stande sind. Wildromantisch, eine Urlandschaft im wahren Sinne des Wortes, fanden wir im Flußbette, den Spuren von Büffel, Zebra und Antilopen folgend, zu beiden Seiten desselben undurchdringliches Gebüsch und Rohr; schließlich, als keine Aussicht sich bot, in kurzer Zeit eine Grassavanne zu erreichen und die Spuren des Wildes immerfort noch den in der Ferne sichtbaren Höhenzügen zuzustreben schienen, zeitweilig durchkreuzt von Panther- und Löwenspuren, bogen wir, als wir im Urdickicht zur Linken Gänge von Flußpferden bemerkten, seitwärts in diese ab, in der Hoffnung, wenn wir ins Freie gelangt wären, auf ersehntes Wild zu stoßen.
War anfänglich das Vordringen in den sehr dunklen Gängen noch einigermaßen angängig, so lange niedergetretenes Rohr das Ausschreiten nicht sehr behinderte, wurde dieses fast zur Unmöglichkeit, als tiefe Löcher, Wurzeln und Schlingpflanzen fortwährend den Füßen Hindernisse entgegensetzen. Gebückt unter Strauchwerk und Aeste, die unvermuthet in das Gesicht schlugen, oft auf allen Vieren vorkrauchend, drangen wir vor und fast that es uns schon leid, solchen äußerst beschwerlichen Weg gewählt zu haben.
An einem Kreuzweg angelangt, der fast rechtwinkelig den Wildpfad, auf welchem wir bisher gegangen waren, durchschnitt, überlegten wir, ob eine Umkehr nicht besser sein möchte, denn noch wußten wir den Weg zurückzufinden; mußten auch bedenken, daß bald der Tag zur Neige ging und wir in einer Wildniß uns befanden, die während der Nacht sicherlich manch Unangenehmes bieten konnte.
Unser Jagdeifer hatte eine beträchtliche Abkühlung durch die aufsteigenden Bedenken erfahren, und sicherlich hätten wir den zurückgelegten weiten Weg nochmals gemacht, auf einen zweifelhaften Erfolg verzichtet, wenn nicht auf dem erwähnten Kreuzweg in unserer Nähe ein Warzenschwein plötzlich ausgebrochen wäre und grunzend in demselben das Weite gesucht hätte. Das Thier hören und sehen machte alle Bedenken schwinden, so schnell als es der nun bessere Weg gestatten wollte, ging es hinter dem Wilde her; aber ob es uns auch nahe kommen ließ und dann erst immer wieder durch das Gebüsch brach, gelang es doch keinem von uns, zum Schuß zu kommen.
Einsehend, daß solches Jagen ziel- und zwecklos war, stand ich, als das Thier in einem dichten Rohrgebüsch verschwand, davon ab und überlegte, wo wir uns nun eigentlich befanden; da wir vom Kreuzwege im Jagdeifer abgekommen, stiegen Zweifel auf, ob wir nach solchem Hin- und Herjagen den verlassenen Weg wiederfinden würden. Bedenklich schnell ging der Tag zur Neige, das erkannte ich an den Schatten, welche am Himmelsgewölbe heraufzogen, sobald der dichte Busch, unter welchem wir noch immer wanderten, einen Ausblick gestattete. Die Ueberzeugung, daß wir uns gründlich verirrt hatten, gewannen wir bald, und die ernste Frage, was nun thun, wo jede Aussicht auf Orientirung uns genommen, war schwer zu beantworten. Soviel aber ließ eine kurze Ueberlegung uns rathsam erscheinen, daß nur schnelles entschlossenes Handeln uns aus dieser bedenklichen Lage befreien konnte; denn das wußten wir, die nahezu zweistündige Wanderung im Urdickicht und auf Wildpfaden hatte uns weit vom Lagerplatz entfernt. Das Beste war, nach Möglichkeit eine bestimmte Richtung inne zu halten und im lichteren Gehölz schnell fortzukommen suchen, wenigstens irgendwo hinaus hofften wir noch vor Einbruch der Dunkelheit zu kommen, und, als hätte uns ein guter Stern geführt, sahen wir endlich wieder Sonnenschein durch das Dunkel der Blättermassen blinken. Mit frischeren Kräften drangen wir durch das Gehölz und standen bald am Saume einer großen Grasebene, die sich wie ein Keil zwischen dem Urwald, der links und rechts sich unabsehbar hinzog, hineingeschoben hatte. Wären wir vom Ausgangspunkte nur etwas nördlicher oder südlicher gegangen, an diesem Abend hätten wir schwerlich das Sonnenlicht wiedergesehen.
Weiteres als längs der Waldlisière den Weg uns zu bahnen, blieb nicht übrig und berechnend, daß wir vom Flusse aus immer eine nördlichere Richtung innegehalten hatten, hielten wir für rathsam, links zu gehen. Goldener Abendsonnenschein lag über Wald und Busch, doppelt das Herz erfreuend, zumal das düstere Waldesdunkel schon eine trübe Stimmung hervorgerufen hatte, und so lange uns das Tagesgestirn noch Licht spendete, hegten wir die Hoffnung, noch eine menschliche Wohnstätte zu erreichen. Müde und namentlich von Durst gequält, eilten wir vorwärts und, wenn ich mich nicht allzusehr täusche, hätten wir ganz links abbrechen müssen, um wieder zum Flusse zu gelangen. Aber nochmals in das Waldesdunkel uns hineinzuwagen, obwohl den Weg dadrin zu suchen uns nicht viel schwerer gefallen wäre als außerhalb, hielten wir doch für bedenklich. Wo ein erhöhter Punkt in dem unebenen welligen Terrain eine freiere Aussicht gestattete, machten wir kurze Rast; bei solcher Gelegenheit nun erblickten wir eine Heerde stattlicher Wasserböcke, die zu uns herüberäugten, sonst bei unserm Anblick weiter keine Unruhe zeigten, und wohl wäre es möglich gewesen uns im hohen Grase heranzupürschen, wenn die Jagdlust nicht gänzlich geschwunden wäre.
So begnügten wir uns damit, beide Gewehre ziellos auf die etwa 500 Meter entfernt stehenden Thiere abzufeuern, was sie zwar erschreckte, jedoch keineswegs in die Flucht jagte. Weithin durch die Stille des Waldes brauste ein mächtiges Echo, erschreckt flatterten größere und kleinere Vogelarten aus den Zweigen der Bäume auf, und als wäre verborgenes Leben geweckt, so lebhaft kreischten und zwitscherten Vogelstimmen durcheinander.
Durch all diesem Geräusch aber hatten wir einen uns vertraulichen Ton vernommen, der dem lauschenden Ohr wie Musik erklang und in uns die Zuversicht erweckte, doch heute noch Menschen auffinden zu können. Das Bellen eines Hundes, ganz schwach vernehmbar (soviel ich unterscheiden konnte, von der linken Seite kommend), machte alle Bedenken, fortan noch das tiefe Walddunkel zu meiden, hinfällig und nochmals die Gewehre abfeuernd, tauchten wir in das Dickicht, bahnten uns hierin den Weg so gut es eben gehen wollte und suchten in der Dunkelheit vorwärts zu kommen.
Die Gewißheit, doch noch eine menschliche Niederlassung zu finden, ließ uns im Vordringen nicht der verwobenen Schlingpflanzen, Sträucher und Dornen achten; wollte es absolut nicht mehr gehen, bahnte das Messer den Weg. Nach halbstündiger Wanderung wurde es lichter um uns, bis endlich, als schon längst die Sonne zur Rüste gegangen, eine offene weite Grasfläche uns freie Aussicht gestattete. Die Vermuthung, daß, wenn wir wiederum unsere Gewehre abfeuern würden, das Bellen eines Hundes uns die einzuschlagende Richtung angeben würde, erwies sich als richtig; dieser folgend, führte uns der Weg durch bebautes Ackerland, über Wassergräben und durch Buschwerk und schließlich in ein an einer Sumpfniederung liegendes kleines Dorf.
Ein sehr seltener Gast schien hier der weiße Mann zu sein, wenigstens machte unser Erscheinen auf den Bewohnern den Eindruck von Furcht und Besorgniß; niemand war zu sehen, nur einige weißbärtige alte Männer erwarteten uns in der Nähe der ersten Hütten und erkundigten sich nach unserm Begehr. Soviel ich mit Hilfe der Suahelisprache mich verständlich machen konnte, erklärte ich unsere Lage und ersuchte die Dorfältesten uns Führer zum Zambesifluß zu geben, damit wir zu unserm Lagerplatz (worüber sie schon Kunde erhalten) in dunkler Nacht zurückkehren könnten. Ob unserem Wunsche willfahrt werden würde, konnte ich aus den Unterhandlungen nicht entnehmen, der Einladung aber, in der Hütte des Häuptlings uns niederzulassen, leisteten wir um so lieber Folge, als wir herzlich müde und abgespannt waren. Nackte Kinder, ihre Neugierde nicht bezwingend, kamen aus den Hütten hervorgekrochen, bald folgten die Mütter und nicht lange dauerte es, so waren wir von Jung und Alt umlagert, selbst die Dorfschönen in der denkbar primitivsten Kleidung brachten uns auf geäußertem Wunsche Wasser und Maiskolben.
Freundlicher noch gestaltete sich das Verhältniß, als ich einige portugiesische Kupfermünzen unter die Kinder zu vertheilen begann; auch abgeschossene Patronenhülsen waren ein begehrter Artikel und, um dem Drängen nachzugeben, feuerten wir einige Schüsse noch ab, wenigstens einige Alte damit erfreuend, die solche Hülsen als Schnupftabackdosen benutzen wollten. Hühner, Eier, Bohnen, Erbsen und Mais brachten die Frauen herbei und bezeugten dadurch ein großes Zutrauen zu uns, daß sie solche gekauften Dinge den bestellten Führern übergaben, die ihnen das als Kaufpreis ausbedungene Stückchen Zeug am anderen Tage mitbringen sollten.
Ohne unsererseits noch irgendwelche Lust zu bezeigen, nochmals einen Jagdzug zu unternehmen, erboten sich die Jüngeren wiederholt, uns in dieser Nacht nach einer Gegend zu führen, wo wir allerlei Wild in Schaaren sehen würden; namentlich, wenn wir uns geduldeten, den Morgen auf dem Anstand abzuwarten, könnten wir die von der Tränke zurückkehrenden Thiere sehr leicht erlegen; auch seien Elephanten noch am vorhergehenden Tage gesehen worden, mächtige Thiere mit großen Zähnen. Auf meine Frage, warum sie selber nicht jagen gingen, brachten sie Pfeil und Bogen herbei. Mit diesen ihren Waffen, meinten sie, verwunden sie wohl ein Thier, aber so weit es auch verfolgt würde, gelänge es ihnen nur sehr selten, desselben habhaft zu werden.
Dem Umstande, daß die Pflicht uns rief, mußten wir alle Lockungen, die zu neuer Jagdlust reizten, hinten ansetzen und uns von den freundlichen Dorfbewohnern verabschiedend, folgten wir bald darauf den mit Proviant bepackten Führern in das nächtliche Dunkel hinaus.
Sonst wohl erglänzte vom Himmelszelt das Sternenheer in leuchtender Pracht und der Schimmer des Lichts erhellte die einsamen Pfade, heute aber, nach Sonnenuntergang, hatte regenschwangeres Gewölk allmählich tiefe Finsterniß über die Erde gebreitet, durch welche wir mühsam den schnell voranschreitenden schwarzbraunen Männern zu folgen suchten. Nach zweistündiger Wanderung durch Gras und Busch wurden wir durch das zum Ausbruch gekommene Gewitter gezwungen, naß und müde, unter Bäumen Schutz zu suchen, und als aufs Neue auf schlüpfrigen Wegen in der rabenschwarzen Dunkelheit eine Stunde marschirt worden war, hörten wir, am hohen Uferrand des Zambesi stehend, unter uns die murmelnden Wasser des Flusses.
Sicher hatten bis hierher die Führer den Weg zu finden gewußt, nun aber fragte es sich, hatten wir uns flußauf- oder -abwärts zu wenden, um wieder zu den Fahrzeugen zu gelangen! Gewehrschüsse, die schon mal den Ausschlag gegeben hatten, thaten wiederum ihre Schuldigkeit; bald kam die Antwort, und dem Schalle nach uns stromaufwärts wendend, mußten wir mit großer Vorsicht durch unwegsames Gestrüpp einen Weg uns bahnen. Mehrmals noch beantworteten wir die abgegebenen Signale einer uns entgegengesandten Patrouille und herzlich froh waren wir, nach beinahe siebenstündiger Abwesenheit, nach einem überaus beschwerlichen Marsche, die müden Glieder auf den Feldbetten ausstrecken zu können. Der Obersteuermann hatte, durch unsere lange Abwesenheit besorgt geworden, schon nach eingebrochener Dunkelheit in verschiedenen Richtungen Leute ausgesandt, um uns aufzusuchen; alle aber, bis zum trockenen Flußbett gelangt, hatten erklärt, daß es kein Weiterkommen gebe, ihre Signalschüsse wären auch nicht beantwortet worden und sie hätten ein weiteres Suchen aufgeben müssen.
Nachdem am nächsten Morgen die Führer für ihre Dienste reichlich entschädigt worden waren, zogen wir weiter in den goldenen Morgen hinein, mit Muße die wildromantische Scenerie bewundernd, die in immer neuen Bildern vor uns auftauchte.
Noch keinem der vorhergegangenen Transporte war es gelungen, so schnell und ohne ernste Hindernisse zu überwinden, solche Tour zurückzulegen, deshalb konnten wir von Glück sagen, mit unserer schweren Last, nach kaum nennenswerthen Aufenthalt, schon am vierten Tage in die Nähe von Schupanga gekommen zu sein, und hätte das stark versandete Flußbett hier nicht zu einem unfreiwilligen Aufenthalt uns gezwungen, hätte ich mit Sicherheit voraussetzen können, bis zum Abend des 28. August Ntoboa noch zu erreichen. Wünschend, zu der vor uns liegenden schweren Arbeit einen ganzen Tag vor mir zu haben, unterbrach ich die Weiterfahrt an diesem Sonntag Nachmittag, und nach genügender Orientirung, wo wohl am besten durchzukommen wäre, vergnügten wir uns während des Restes dieses Tages, auf Krokodilen und Wasservögeln Jagd zu machen.
In der Frühe des nächsten Morgens, als alles zur Weiterfahrt vorbereitet war, unternahmen wir die schwere Aufgabe, den »Pfeil« und die Leichter über die sich weit erstreckende Untiefe hinüberzubringen. Aber schon nach kurzer Zeit wurde der durch den losen Sand sich wühlende »Pfeil«, so mächtig auch die Maschine arbeitete, steuerlos und, einmal von der starken Strömung seitwärts abgelenkt, war kein Halten mehr; selbst alle Anker wurden durch die Kraft der Strömung fortgerissen bis im tieferen Wasser die Steuerfähigkeit erst wieder hergestellt werden konnte. Immer wieder ging ich zum neuen Versuch vor und achtete nur darauf, wenn solcher mißlang, daß die Fahrzeuge zur linken Seite vom Strome abgelenkt wurden, um eine rechtsliegende flachere Stelle zu vermeiden. Indes beim vierten Versuch anstatt das Kommando »voll Dampf voraus« auszuführen, fühlte der Maschinist sich veranlaßt, die Maschine rückwärts schlagen zu lassen und ehe noch das richtige Kommando zur Ausführung kam, hatte die Strömung die Fahrzeuge an der unrechten Seite gefaßt; kein Anker noch Maschinenkraft konnte das Verhängniß ablenken, nach Sekunden schon saß ein Leichter auf Grund, mit gewaltigem Druck schoben die Wassermassen alles höher und höher hinauf, bis im Sande festgewühlt, an ein Freikommen nicht mehr zu denken war.
Mühselig war die Arbeit, welche nun begann. Hätten die Anker in dem Wellsand nur Halt finden können, wäre solche in etwas uns erleichtert worden, aber alle Versuche schlugen fehl. Nach Stunden waren wir erst soweit, den »Pfeil« von den an seinen Seiten liegenden Leichtern zu befreien. Bis zum späten Nachmittag wühlten alle Mann unter dem Schiffsboden den Sand hinweg, bis schließlich ein Bett gegraben war, in welchem der Dampfer sich etwas bewegen und sich darauf, ehe noch die Dunkelheit hereinbrach, aus der schlimmen Lage befreien konnte. Trotz der herrschenden Abspannung brachte ich noch lange Leinen vom nun freiliegenden »Pfeil« bis zu den Leichtern, um ohne Aufenthalt am nächsten Morgen mit dem Abschleppen beginnen zu können.
Diese Ausführung meiner Absicht vereitelte aber nochmals der starke Strom, indem, als wir im besten Zuge, einen Leichter bereits freigeschleppt hatten, dieser das Fahrzeug so hin- und hergieren machte, daß kein Halten war und die Fahrstraße, an und für sich eng, bedingte bald ein Berühren des Grundes, so daß die Leine brach, und, ohne es verhindern zu können, der Leichter in einer noch schlechteren Lage zu liegen kam. Beim angestellten Versuche, diesen aus solcher zu befreien, gerieth auch der »Pfeil«, weil dessen Anker nicht halten wollten, mit auf Grund und die schwere Arbeit begann von Neuem.
Von der Holzstation oberhalb Schupanga, wo der »Herald« nach seiner Rückkehr von der ersten Tour Station gemacht, hatte Kapt. Robertson unsere angestellten Versuche, über die Untiefe hinwegzukommen, bemerkt, er sandte auch am anderen Tage ein Boot und ließ bedauern, uns keine Unterstützung bringen zu können, da er in Folge einer Havarie in der Stromschnelle des Ziu-Ziu seine Maschine hatte auseinandernehmen müssen.
In den Vormittagsstunden dieses Tages, als wir bereits einen Leichter wieder frei gemacht hatten, kam auf eine Nachricht hin, die vom »Herald« nach Ntoboa gesandt worden war, Dr. Bumiller mit Unterstützung an; diese frischen Kräfte, der Mannschaft auf den Fahrzeugen an Zahl noch überlegen, förderten das Werk ungemein, und ehe noch am Horizont die Sonne entschwunden, hatten wir wohlbehalten unser Lager erreicht.
Während der Dauer unserer Abwesenheit hatte sich in der Nähe des Lagers ein Vorfall ereignet, der die ganze umwohnende Bevölkerung in Aufregung gebracht hatte. Nämlich das seltene Erscheinen der Krokodile, die von unserer Seite arg verfolgt worden waren, hatte die Eingebornen ihre sonst beobachtete Vorsicht vergessen lassen und sorglos, wie diese Naturkinder sind, hatten sich wieder junge Mädchen beim Wasserholen bis in den Fluß hineingewagt. Diese Unvorsichtigkeit, der so oft schon junge Menschenleben zum Opfer gefallen, wurde hier wieder die Ursache eines Unglücks.
Die Menschenräuber, die mit zäher Ausdauer auf ihre Beute warten, wählen sich so gute Verstecke, daß selbst das scharfe Auge des Negers diese nicht entdeckt und nur dadurch, wenn ein Krokodil zum Athemholen die Nase über Wasser hält, dieses leicht bewegt oder auch ein sehr geringes Geräusch durch Lufteinholen verursacht, wird der Bewohner dieser Flußufer stutzig gemacht, er weiß dann, daß der grimme Feind in der Nähe ist und er meidet solchen Ort, wo das Verderben lauert, dem er machtlos gegenübersteht.
In diesem Falle nun war ein junges Mädchen einem solchen Unthier zur Beute gefallen; kein Jammer half von Seiten der Angehörigen. Mochten auch noch so viele Männer mit Pfeil und Bogen oder alten fast unbrauchbaren Feuerbüchsen dem Unholde auflauern, dieser blieb verschwunden, wenigstens aus dem Bereiche der für ihn eigentlich unschädlichen Waffen. Einen andern Eindruck hatte dieser Vorfall aber auf die im Lager anwesenden Europäer gemacht, fast als wäre die Parole »Tod und Verderben dem Krokodil« ausgegeben worden, so schonungslos wurden diese Thiere zusammengeschossen und namentlich von Seiten des Leutnants Bronsardt von Schellendorf manches getödtete Krokodil ins Lager gebracht.
Wie es der Zufall wollte, schoß auch der Sergeant Eben auf einer Sandbank, unterhalb Ntoboa ein gewaltiges Krokodil, das von den bei solchen Jagden nun stets anwesenden Eingebornen, die stets ein Jubelgeschrei anstimmten, wenn ein Räuber sein Leben lassen mußte, geöffnet wurde und wider Erwarten als das Thier erkannten, welches das junge Mädchen geraubt hatte. Die Beweise dafür waren leicht an den im Magen des Krokodils gefundenen Schmuckstücken, welche das unglückliche Opfer getragen, erbracht. Der glückliche Schütze, konnte sich nun den Dankesbezeugungen der Bewohner kaum entziehen, sie brachten ihm von ihrer geringen Habe alles mögliche zum Geschenk, meistens Eßwaaren, denn wenig mehr haben diese einfachen Kinder der Natur zu geben. Wenigstens wird für lange Zeit die Erinnerung an die hier rastende deutsche Expedition, die einen wahren Vernichtungskrieg gegen den furchtbaren Feind eröffnet hatte, in den Eingebornen lebendig bleiben.
Laut Bestimmung des Majors, der schon am 22. August mit dem ersten Transport, bestehend aus zwei Leichtern und den Stationsbooten, geschleppt vom »Herald« und »Mosquito«, nach dem Schirefluß aufgebrochen war, hatte ich abermals das Kommando im Lager zu übernehmen, sobald auch Dr. Bumiller abgereist sein wird, was am Freitag, den 2. September mit dem von mir heraufgeführten Transport geschehen soll. Der Dampfer »Pfeil« aber unter Kommando von Eltz sollte versuchen, so gut oder schlecht es gehen wollte, der Expedition zu folgen, um später vielleicht noch im tieferen Schirefluß von Diensten sein zu können. Major von Wißmann hatte die Absicht, den vollständig zusammengesetzten Dampfer, trotz aller Schwierigkeiten noch nach einem der Seen zu bringen, nicht aufgegeben und wäre nur, was leider nicht der Fall, das Fahrzeug zerlegbar gewesen, d. h. die Platten mit Schrauben anstatt Nieten aneinander befestigt worden, so hätte diese mit Leichtigkeit ausgeführt werden können und großen Nutzen hätte uns der »Pfeil« gebracht.
Es war am 4. September, dem Geburtstage des Majors, kurz nachdem ich im Lager Apell abgehalten und meine Mannschaft auf 5 Europäer, 42 Soldaten, 21 Bacharias sowie einige Diener festgestellt hatte, als von Misongwe die Nachricht eintraf, daß der »Pfeil« nur mit der größten Schwierigkeit bis zu diesem Orte habe gebracht werden können und in Folge der schweren Anforderungen, welche an die Besatzung gestellt werden mußten, sei diese weggelaufen.
Mich überraschte diese Thatsache nicht, denn so weit ich die Eingebornen beurtheilen konnte, wurden ihnen übermäßig an sie gestellten Anforderungen leicht überdrüssig und sie ließen lieber ihren Lohn im Stich, als dem Europäer noch weiter zu folgen, der sie, ihrer Meinung nach, schlecht behandelte. Einen Ersatz aus den hier vorhandenen Bacharias sollte ich nun stellen — zwar mußten die abgetheilten Leute dem Befehle Folge leisten und nach Misongwe marschiren, aber höchst ungern nur mochten sie gerade an Bord dieses Fahrzeuges Dienste thun.
Es ist eigentlich zu verwundern, daß trotz des in den Dörfern so massenhaft angehäuften feuergefährlichen Materials so selten große Brände entstehen, schon deshalb, da doch in jeder Hütte fast Tag und Nacht Feuer glimmen, die so leicht dazu Anlaß geben könnten. Im Lager war gerade tags zuvor durch die Unvorsichtigkeit der Köche Feuer entstanden, das durch den herrschenden Wind schnell zur wilden Gluth angefacht, die Küche, den angrenzenden Zaun und das Wohnhaus der Diener augenblicklich in Asche gelegt hatte, auch das Dach meines Wohnhauses wurde in Brand gesetzt. Es gelang aber den vereinten Anstrengungen, des Feuers noch Herr zu werden, ehe große persönliche Verluste an Eigenthum entstanden waren.
Ich will hier noch die meteorologischen Verhältnisse dieser Gegend, die gleichzeitig für das weite Zambesibecken Geltung haben können, in ein Gesammtbild zusammenfassen. Die Temperatur in den Monaten Juli bis Oktober ist eine wechselvolle, die Nächte sind empfindlich kalt und der stark fallende Thau, durch eine bedeutende Abkühlung erzeugt, trägt viel zu dieser Kälte mit bei. Bis 12° auch 7° Reaumur fiel das Thermometer, wogegen es in der Tagesgluth bis über 38° Reaumur im Schatten stieg, so daß der starke Wechsel körperlich sehr empfunden wurde und auch gesundheitlich nachtheilige Folgen hatte. Die starken Nebelgebilde steigen erst in den frühen Morgenstunden auf, hüllen alles in einen undurchsichtigen Schleier, bis die Sonnenstrahlen mächtig genug geworden sind, diese Wasserdünste aufzusaugen, dafür aber die Millionen Thautropfen, an den erfrischten Grashalmen, Blüthen und Blätter hängend, wie ebensoviele Diamanten glitzern machen.
Leichte Wolkenbildungen am Horizonte lassen auf die erwähnten Dunstgebilde zurückführen, denn ausnahmslos verschwanden sie wieder, sobald das Tagesgestirn am Himmelsgewölbe seine Strahlen mächtiger entsendete, und im tiefen Azurblau, von Licht durchfluthet, erschien die Atmosphäre. Von Anfang August stellten sich in den Nachmittagsstunden starke südwestliche Winde ein, die durch ihre Stärke, namentlich durch die mitgeführten Staub- und Aschentheile, von Savannenbränden herrührend, höchst unangenehm wurden. Oftmals nahm die Sonne durch die in der Luft schwebenden feinen Staubtheilchen eine gelbe Färbung an, die schon lange vor Untergang in eine blutrothe überging; aber bald vor bald nach dem Sinken der Sonne legte sich auch der Wind und in den ersten Abendstunden herrschte darauf eine überaus wohlthuende Ruhe in der ermatteten Natur.
Die Savannenbrände, von den Eingebornen entzündet, verursachen am Tage mächtige Rauchwolken, die zuweilen die Sonne selbst verdunkeln, am Abend aber zu einem Flammenmeer anwachsen, das Lawinen gleich seine Feuerwogen fortwälzte und für den entfernt stehenden Beobachter zu einer großartigen Erscheinung wird. Wie gewaltige Wachtfeuer ringsum lodert die Gluth, alles vernichtend, was durch die Sonnenhitze ausgedörrt oder abgestorben ist; selbst ausgedehnte Waldbestände fallen der Vernichtung anheim und was schlimmer, der junge Baumwuchs, in seiner Entwickelung gestört, geht ein, sobald nicht ganz besondere Terrainverhältnisse ihn schützen, darum sind auch die weiten Steppen so häufig mit nur verkrüppelten Bäumen hin und wieder bestanden, wo sonst die Bodenverhältnisse doch günstig genug für einen Waldbestand sind.
Auch, was höchst bedauerlich, die Bewohner in der Nähe einer baumreichen Gegend vernichten durch Feuer allmählich ganze Bestände, nur um den ertragreicheren Boden, der von der Sonnengluth noch nicht ausgedörrt worden ist, für ihre Saaten benutzen zu können.
Die so überreiche Üppigkeit der Tropenländer, gefördert durch die regengleichen Niederschläge während der Nächte, bedingt auch, daß schon nach wenig Tagen die Flächen, worüber die Feuerwogen vernichtend hingeeilt sind, in einem neuen grünen Kleid erscheinen und für die Wildheerden deckt die Natur aufs Neue den Tisch. Angelockt durch das schmackhafte junge Grün wagen sich denn auch Büffel und Antilopen in die Nähe menschlicher Wohnungen, und zu solchen Zeiten gelingt es dem Neger häufiger, mehr durch List als durch seine Waffen, der gestellten Thiere habhaft zu werden.
Die Abendstunden im Lager, wenn kühl und erfrischend die Nacht herniedersank, waren häufig der stillen Betrachtung geweiht; oftmals lauschte das Ohr dem Konzert, das die Frösche fern und nah anstimmten und erwachten in späterer Stunde die Stimmen der Natur, dann klangen die Worte des Forschers J. Thomson durch den Sinn, der im Einklang alles gebracht, was an Empfindung die Natur in der Menschenbrust geweckt hat, er sagt: Wenngleich unser Ideal von den Tropenländern in Betreff der allgemeinen Charakterbilder durch weniger glänzendere Ansichten herabgestimmt wird, so wird doch unsere Erwartung in einer Beziehung schier übertroffen. Mögen die Dichter mit Vorliebe bei dem sommerlichen Zwielicht und dem sanftdämmernden Abend der gemäßigten Klimate verweilen und mit Entzücken die wechselnden Farbentöne und die sich leise entfaltenden Reize besingen, so gebe ich doch nach Allem der Dämmerung der Tropenländer den Vorzug mit ihrer unvergleichlichen klaren Atmosphäre und ihrer überaus lieblichen und erfrischenden Kühle, deren wohlthuender Eindruck durch die brennende Hitze und den blendenden Glanz des vorausgegangenen Tages noch erhöht wird.
Das tropische Zwielicht ist allerdings kurz, aber um so reizender. Die längere Wohlthat des Zwielichts der gemäßigten Zone ist hier zusammengedrängt und verstärkt, so daß jeder Sinn entzückt wird. Zu dieser Zeit ertönt die sanfte Stimme des Tepe-Tepe aus den benachbarten Gebüschen, die dumpfe Stimme der Eule und des Frosches dringt an unser Ohr, die Cikaden blasen in ihre hellen Pfeifen zu dem nächtlichen Konzert, wozu das Johanniswürmchen und der kometenartige Leuchtkäfer die Scene erleuchten. Alles dieses fand ich bestätigt auf allen Wegen — sieht man aber das Absterben der Natur und ihr Wiedererwachen, wenn Ströme des Regens nach sengender Gluth auf die Erde niederfließen und neues Leben wie mit einem Zauberschlage wecken, dann wird die Ueberzeugung wachgerufen, daß der jungfräuliche Boden noch für abertausend Wesen Raum und Nahrung hat und jede Arbeit mit reichem Segen lohnen wird.