4. Bis zum Lager von Port Herald.
Die Räumung des Lagers von Ntoboa ging schnell vor sich, nun am zweiten September, Sedanstag, schon der zweite Transport flußaufwärts abgegangen war, auch bestand meine Hauptaufgabe darin, alles bereits zu halten, um bei der Rückkehr des »Herald« ohne Aufenthalt die Leichter beladen zu können. Den Engländern lag nicht minder viel daran, das Lager von Ntoboa aufgebrochen zu sehen, da sie, sobald der letzte Transport bis Pinda gebracht sein würde, nach einer späteren Verfügung des Majors, dort schon zwei Leichter erhalten sollten, mit welchen sie ihre im Anfang Oktober in Chinde eintreffenden Kanonenboote für den Nyassa-See, flußaufwärts zu schaffen gedachten. Aus diesem Grunde schon beschleunigte der »Herald« seine Auf- und Niederfahrt nach Möglichkeit und, als das Schiff am 7. unerwartet zurückkam, wurde alles daran gesetzt, in einigen Tagen zur Abreise fertig zu sein. Nach einem mir gewordenen Befehl sollte ich versuchen, alles noch vorräthige Material zu expediren und das Lager aufzugeben; es sollte hierdurch den Engländern entgegengekommen werden und dieser Transport nach ihrem Wunsch der letzte sein.
Zwar versuchte ich es, Befehl und Wunsch zur Ausführung zu bringen, was bei der Tragfähigkeit der Fahrzeuge nicht schwer war, allein nahm auch der englische Kapitän die sehr tief beladenen Leichter an, so war es doch nicht rathsam, nach den gemachten Erfahrungen damit eine so weite Tour zu unternehmen; bei einem Unfall, der sehr leicht auf solchen unsicheren flachen Flüssen, wo Baumstämme und auch Steine gefährlich werden konnten, passiren konnte, würde mich die Verantwortung getroffen haben, und wäre uns ein Fahrzeug gesunken, der Verlust an Material etc. wäre kaum zu ersetzen gewesen.
Darum ging ich nicht weiter, als die Sicherheit gebot; es war besser, der »Herald« machte noch eine Fahrt, als daß wir durch Uebereilung uns schweren Schaden zufügten, den zu ersetzen die Engländer sich sicherlich nicht verpflichtet gefühlt hätten.
Am 10. früh verließen wir das Lager, wo ich zwei Europäer und zehn Soldaten zur Bewachung zurückgelassen hatte. Unter der kundigen Leitung des englischen Führers, der lange schon mit den Verhältnissen des Flusses vertraut war, erreichten wir noch gegen Abend Misongwe, nach einer mühevollen Fahrt, insofern mühevoll, als verschiedene Male, um über Untiefen hinwegzukommen, alle Mann, ca. 70, in das Wasser und Anker ausbringen mußten, mit deren und des Dampfes Hülfe dann das Hinderniß überwunden wurde.
Misongwe, als Hauptstapelplatz des unteren Zambesi, war zu dieser Zeit nur von einigen holländischen, portugiesischen, vor allem indischen Händlern bewohnt, die ausschließlich mit dem Hinterlande Handelsgeschäfte betrieben und namentlich eingetauschte Erdnüsse, etwas Elfenbein etc. als Ausfuhrartikel zur Küste beförderten; im Uebrigen verspricht dieser Platz für die Zukunft an Bedeutung zu gewinnen, als die fortschreitende Entwickelung des internationalen Handels auf dem Zambesi-Schire, Misongwe zu einem Knotenpunkt erheben wird.
Die Beschaffenheit der Ufer bis zur Mündung des Schire zeigt keine besondere Abweichung, nur daß das Flußbett durch seine Breite eine größere Anhäufung von Sandbänken gestattete und dadurch die Schifffahrt bedeutend behindert wird, auch, namentlich wo enge Fahrstraßen, besonders unter den steilen hohen Ufern, macht der starke Strom ein Vorwärtskommen recht beschwerlich. des Moramballa-Gebirgstocks näher zum Flusse heran, hingegen zur Linken verlieren die Höhenzüge sich in die Ferne, da sie vom Oberlauf des Zambesi an, dessen Ufer sie dort bilden, allmählich zurücktreten.
Der tiefere Schirefluß verursacht an seiner Mündung in den Zambesi eine Anstauung der Sandmassen, so daß es schien, ein Vordringen den Zambesi höher hinauf wäre unmöglich, und thatsächlich können auch in dieser Jahreszeit nur Boote noch die vielen schmalen Fahrrinnen zwischen den Sandbänken passiren. Sicher ist, wäre die Strömung des Schire nicht stark genug, in diesem weiten Gebiet eine Fahrstraße offen zu halten, daß wohl kaum in der regenarmen Zeit ein Dampfer bis hierher vordringen würde.
An der Mündung des Schire liegt die portugiesische Station Schamo; eigentlich nur eine Telegraphenstation und von Bedeutung insofern, als sie den Knotenpunkt zwischen der Drahtlinie Chilomo-Quilimane bildet.
Die Hoffnung, beim Eintritt in den Schire einen besseren Fahrweg zu finden, erwies sich anfänglich als irrig, vielmehr wurde durch zerstreutliegende Felsmassen im Flußbett das Fortkommen erschwert. Es wurde daher vorgezogen, lieber über eine Untiefe von Sand den Weg zu nehmen, als Gefahr zu laufen, an den harten Steinen die Böden unserer Leichter zu durchstoßen, hatten doch die englischen Dampfer gerade hier des öfteren nicht unerhebliche Leckagen erhalten. Das Hinüberwarpen über solche Untiefen verursachte mehrmals längeren Aufenthalt, und wurde es dabei nöthig, daß alle Leute in das Wasser mußten, hatte ich immer aufzupassen, damit keiner zurückblieb, denn in tieferes Wasser gerathen, hätte der starke Strom einen schlechten Schwimmer bald hinweggeführt. Die Verengung der Fahrstraße weiter hinauf bedingte auch eine größere Tiefe und am Fuße der Moramballa-Berge, die bisweilen das Ufer einfaßten, traten uns keine Hindernisse mehr entgegen.
Hier, wo der Fluß zwischen hohen Ufern sich hindurchzwängt, sein Bett rein und tief ist, ging auch die Fahrt schnell von statten; was aber nebenbei einen überaus wohlthuenden Eindruck machte, war die großartige wilde Natur in ihrer imposanten Schönheit, die zur Zeit, wenn die Regengüsse neues Leben gezaubert haben, wahrhaft erhebend wirken muß. Baum und Strauch verdeckt bis zu den Gipfeln der Berge hinauf das zerklüftete Gestein und diese, von Schlingpflanzen durchwoben, lassen schon jetzt erkennen, welch ein Reichthum an Blüthenpracht die Frühlingszeit entfalten wird, auch die tausendfältigen Glockenblumen der Lianen im hohen Ufergebüsch müssen einen herrlichen Anblick abgeben.
Das gegenüberliegende Ufer, aus hartem Sandboden bestehend, fällt streckenweise steil zum Flusse ab und an solchen Stellen haben viele hundert buntgefiederte Vögel sich tiefe Löcher gegraben zum Aufenthalt und Brutstätte. Das Geräusch, welches der herannahende Dampfer verursachte, scheuchte diese Thiere aus ihrer Ruhe auf und in großen Schwärmen umkreisten sie das Schiff, flatterten ängstlich hin und her und gaben durch kreischende Schreie zu erkennen, daß sie um ihre Heimstätten besorgt sind, namentlich, wenn wir ganz dicht unter dem Ufer liefen, machte die vermuthete Gefahr die Vögel rein blind. Weiter den Fluß hinauf, nachdem das Gebirgsterrain passirt ist, bieten die Ufer nicht mehr die gleiche Abwechslung, hingegen sahen wir häufiger die schlanken Stämme der Fächerpalmen, deren Kronen sich stolz im Winde wiegten. In der Nähe von Pinda aber krönte ein lichter Wald die hügeligen Ufer und einen herrlichen Anblick boten die schlanken hohen Stämme, als wären es lauter Säulen von einem grünen Dome überdacht.
Die Insel Pinda, Station der African-Lakes-Comp., wird durch den eigentlichen, jetzt aber wegen Mangel an Wasser unpassirbaren Schirefluß und einem Arme desselben, den sogenannten Ziu-Ziu, gebildet. Letzterer wälzt seine Wassermassen am Zusammenfluß dieser Arme über ein starkes Gefälle und erzeugt dadurch eine rasende Stromschnelle, deren Kraft, als wir die starke Strömung durchschneiden mußten, so groß war, daß sie Schiff und Leichter einfach aus dem Kurse warf und so gegen das gegenüberliegende Ufer preßte, daß es viele Mühe kostete, frei zu kommen. Beim ersten Versuche, diese Stromschnelle zu passiren, geriethen die beladenen Leichter mitsammt dem »Herald« in große Gefahr, der Wirbelstrom riß alles mit sich weg, und gegen das steinige Ufer geschleudert, verlor der »Herald« sein Boot; von einem Leichter flog einer von unseren Soldaten, durch die gewaltige Erschütterung herabgeschleudert, in die gurgelnden Wasser, die den Unglücklichen in die Tiefe zogen und nicht wieder zurückgaben.
Was bei jener ersten Durchfahrt dem »Herald« mißlungen, gelang dem »Mosquito«. So wurde denn beschlossen, daß der »Mosquito« von Pinda bis Port Herald den Transport weiter befördern sollte, hingegen der »Herald« von Ntoboa bis Pinda diese Arbeit vollende.
Nach vielen Mühen und Aufwand großer Kräfte hatte der Major es doch durchgesetzt, seine beladenen Leichter durch die wirbelnde Strömung durchzubringen. Dieses große Risiko aber mochte Herr von Eltz, der bis hierher mit dem »Pfeil« gekommen war und wegen dessen zu großen Tiefgang die Stromschnelle nicht passiren konnte, nicht übernehmen und der folgende Transport wurde, etwas oberhalb der Strömung, ausgeladen und die Lasten dann quer durch die ca. 400 Meter breite Insel nach dem Ziu-Ziu-Arm geschafft. Nach erhaltener Kenntniß dieser Vorgänge hatte ich auch keine Lust, einen Kampf mit den tückischen Wassergeistern aufzunehmen und hielt es für besser, die viel schwierigere Arbeit des Hinüberschleppens nach dem Lager ausführen zu lassen, als die Riskanz zu laufen, einen unersetzlichen Schaden zu erleiden. Demgemäß beauftragte ich den Obersteuermann, der hier das Kommando während meiner Abwesenheit führte, die Arbeiten zu leiten und kehrte schon am 13. September mit dem »Herald« und den beiden leeren Leichtern nach Ntoboa zurück.
An jener Stelle, nicht fern von der Mündung des Schire, wo Felsen und Steine den Fluß und die Passage beengten, glaubte der Führer des »Herald« mit den nur sechs Zoll tiefgehenden Fahrzeugen durchkommen zu können, er wollte die schwierige Ueberfahrt vermeiden; allein das Fahrwasser war zu eng und der dem Schiffe zur Linken befestigte Leichter wurde mit voller Wucht auf einen unter Wasser liegenden großen Felsblock getrieben und blieb unbeweglich sitzen. Zweistündiger schwerer Arbeit bedurfte es, um den Leichter wieder flott zu machen, und wenn auch der Boden etwas stark verbäult worden war, so hatte doch die Güte des Eisenmaterials einem Durchbrechen widerstanden.
Es ist übrigens keine Kleinigkeit, mit dem Strome flußabwärts zu fahren, die Geschwindigkeit wird, namentlich wo Stromschnellen sich gebildet haben, oft so groß, daß es bedeutender Umsicht und Ruhe des Führers bedarf, sein Schiff in der Gewalt zu behalten und den gefährlichen Untiefen rechtzeitig auszuweichen.
Ntoboa am 15. erreicht, ließ ich den Rest der Expedition am selben Tage noch verladen und, zur Abreise bereit, erwartete ich die Rückkehr des »Herald« von der Holzstation.
In dieser Jahreszeit, in welcher die Wasserverhältnisse des Zambesi so schlecht waren, waren auch die Fahrten der beiden Passagierdampfer der African-Lakes-Comp. eingestellt worden und als Transportmittel wurden nur offene Boote verwendet, die, zum Schutze für Europäer, im Hintertheil mit einer Holzbude versehen, allenfalls sehr beschränkten Aufenthalt boten. Aber auf einer beinahe dreiwöchentlichen Tour bis Katunga dem Reisenden eine Qual wurden insofern, als ein solcher nur in liegender Stellung darin Unterkunft finden konnte. Die Besatzung eines solchen Bootes besteht aus 12-16 Mann, die einem Capitao unterstellt ist, sie sind verpflichtet, für geringes Entgelt solche weiten Touren auszuführen, entziehen sich aber öfters durch Desertiren der vereinbarten Abmachung und lassen den Reisenden, der neben seinen schon gezahlten 400 Mark betragenden Reisegeld solche Unannehmlichkeiten mit in den Kauf nehmen muß, auf dem Trocknen sitzen.
Von solcher Mißgunst des Geschickes waren zwei Engländer betroffen worden, die, schon tagelang von ihrer Besatzung verlassen, mit Hülfe ihrer Diener das Boot hatten vorwärts gebracht, bis sie schließlich am 15. das deutsche Lager erreichten und mich dringend um Unterstützung baten. Was die erbetene Hülfe anbetraf, so konnte ich den Engländern nur in der Anwerbung neuer Leute behülflich sein; berief deshalb den Häuptling von Ntoboa in das Lager und ersuchte ihn um Stellung von Leuten, war aber über die überaus hohe Forderung erstaunt, welche der Häuptling, noch dazu zur Hälfte in Baar, sogleich ausgezahlt haben wollte. Einem solchen Ansinnen gegenüber brach ich die Unterhandlung sofort ab, den Engländern rathend, wenn sie nicht ihr Geld wollten los sein, ein gleiches zu thun; die gestellten Leute würden doch nur eine kurze Strecke das Boot flußaufwärts bringen und dann desertiren, vielleicht sie dann in einer noch schlimmeren Lage zurücklassen.
Das Natürlichste war nach einem solchen Mißerfolg, ihnen den Vorschlag zu machen, sich an Kapitän Robertson mit der Bitte um Mitnahme zu wenden, wenigstens so weit, bis ihnen Hülfe werden konnte; indes die für mich nicht überraschende Antwort war, daß solches Mühen vergeblich sein würde, aus dem Grunde, weil ein Engländer dem anderen nur selten eine große Gefälligkeit erweisen wird, das help yourself (hilf dir selber), klingt aus jeder selbst höflichen Abweisung heraus, wenn nicht persönliches Interesse dem Gewährenden anderen Sinnes macht, im Allgemeinen ist der krasse Egoismus Ausschlag gebend. Einen Erfolg versprächen sie sich nur, wenn ich ihr Fürsprecher sein wollte, im anderen Falle müßte die unerhörte Forderung des Häuptlings angenommen werden.
Ich kannte Kapitän Robertson noch zu wenig, um über seine Gesinnung seinen Landsleuten gegenüber urtheilen zu können, setzte aber voraus, daß er als Offizier, sofern es seinen Instruktionen nicht zuwider, Bedrängten seine Hülfe nicht versagen würde und ich hatte mich nicht getäuscht, was mir aber auffiel, war das geringe Entgegenkommen gegen diese beiden Beamten der African-Lakes-Comp. Der Engländer ist eine schwer zugängliche Natur, von der deutschen Gutmüthigkeit besitzt er herzlich wenig, ist er aber einmal aufgethaut, kann er im Umgang wiederum auch sehr angenehm und gefällig sein.
Auf langwierigen und beschwerlichen Expeditionen in das Innere Afrikas hat der Führer immer damit zu rechnen, daß mehr oder weniger die Schaar seiner Gefolgschaft durch Deserteure gelichtet wird, ein Uebelstand, dem er nicht im Stande ist, abzuhelfen und in eine üble Lage gerathen kann, wenn er keinen Ersatz findet. Major von Wißmann hatte sich deshalb, um solcher Eventualität vorzubeugen, von jeher mit ganz fremden Volksstämmen, als Sudanesen, Abessinier, Somali, umgeben, diese fanden von den Eingebornen bei einem Fluchtversuch keine Unterstützung, wurden eher verrathen und setzten sich daher solcher Gefahr schwerlich aus. Anders war es mit der angeworbenen Zulukompagnie, diese Leute, dem Militärdienst abhold, suchten gelegentlich in kleineren Trupps zu entkommen, sie fanden auch überall Stammverwandte (da die Bevölkerung nur eingewanderte Zulustämme), und so blieb eine Verfolgung meistens erfolglos, weil sich kein Verräther fand, den die ausgesetzte Belohnung verlockt hätte.
Bei meiner Rückkehr nach Ntoboa wurde mir die Mittheilung gemacht, daß vier Deserteure in Misongwe von einem Europäer aufgegriffen seien, die er einer Eskorte nach Ueberweisung der ausgesetzten Belohnung ausliefern würde. Meine Pflicht war es, die Leute holen zu lassen und, streng bewacht, mit mir zu führen, bis ich sie ausliefern konnte.
Am 16. früh kam der »Herald« zurück, und während die Leichter längsseit befestigt wurden, ließ ich noch das ganze Lager in Brand stecken. Hell loderte die Gluth empor im weiten Viereck, dem Ungeziefer, das sich so fest eingenistet hatte, kaum einen Ausweg lassend, als Ratten, Mäuse und Schlangen. Letztere, einzelne Prachtexemplare, kamen zischend aus den brennenden Wohnhäusern der Soldaten, wo sie unter deren Kitandas (primitive Bettgestelle) sichere Zuflucht gefunden hatten, hervor, um blitzschnell wieder hinter einer noch stehenden Wand zu verschwinden, bis auch hier das schnell um sich greifende Element sie abermals verjagte. Die Jagd auf die fliehenden Ratten übernahmen die zahlreich in den Lüften schwebenden Raubvögel, und diese Jäger zu beobachten, wie sie manchen erfolgreichen aber auch manchen vergeblichen Stoß auf die Schutz suchende Beute unternahmen, war ein Vergnügen.
Zum Abschied hatte sich fast das ganze Dorf Ntoboa eingefunden. Am hohen Ufer versammelt, sahen die uns vertraut gewordenen Bewohner den Vorbereitungen zu und, als langsam die Fahrzeuge vom Ufer sich lösten, riefen sie uns ihren Abschiedsgruß zu, begleitet von Händeklatschen. Die Stätte aber, jetzt in Feuer und Rauch gehüllt, wo ich so lange gestrebt und gewirkt hatte, wird bald wieder durch das üppig emporschießende Gras und Kraut unkenntlich gemacht sein, die Termieten werden wieder in Frieden ihre Hügel aufbauen können, und sollte nach langer Zeit einer von uns diese Stätte wieder suchen, würde es eines guten Orientirungssinnes bedürfen, sie aufzufinden, sofern sie nicht von der zu Zeiten hochschwellenden Fluth des Zambesi bereits verschlungen ist.
Im Verlaufe dieser letzten Reise nach Pinda ist nichts Besonderes zu bemerken; schon aus dem Grunde wurden die bekannten Hindernisse schnell überwunden, als die Fahrzeuge, nur leicht beladen, das Fortkommen des »Herald« wenig behinderten. Weit über Misongwe hinausgekommen, rasteten wir für die erste Nacht an einer öden Stelle des linken Flußufers und, wie immer auf der Fahrt, konnten die Leute erst Abends abkochen; bei dieser Gelegenheit nun, als die Dunkelheit längst hereingebrochen war, gelang es den vier unter Aufsicht eines Postens stehenden Zulus, als dessen Aufmerksamkeit durch eine kleine Streiterei unter den Suaheli für einen Augenblick von ihnen abgelenkt wurde, dem ringsum hohen Grase sich zu nähern und plötzlich darin zu verschwinden. Der gleich darauf fallende Alarmschuß brachte alles in Bewegung und eine wilde Verfolgung begann. Aber sei es, daß die schnellfüßigen Zulus ihre Verfolger in der Dunkelheit zu täuschen wußten oder, schneller als diese, ihnen entgingen, keiner wurde von den Zurückkehrenden eingebracht, sogar Nachzügler mußten erst durch die zum Sammeln blasende Trompete herbeigerufen werden, da solche sich in der weglosen Grassteppe verlaufen hatten.
Der Grund zu dieser nochmaligen riskanten Flucht war wohl vornehmlich die Furcht vor der zu erwartenden Strafe, die freilich nun bei einem abermaligen Abfassen nicht allzu gering ausgefallen wäre und wohl haben die Flüchtlinge bis zur gänzlichen Erschöpfung, geschützt durch die Dunkelheit, ihre verzweifelte Flucht fortgesetzt.
In Pinda nach einer schnellen Reise angelangt, hatte ich laut Befehl die beiden Leichter, sobald dieselben entlöscht waren, dem Führer des »Herald« zu übergeben, mit welchen derselbe auch nach kurzem Aufenthalt seine Rückreise nach Chinde antrat.
Inzwischen waren von Port Herald die ersten vom Major von Wißmann dorthin gebrachten Leichter zurückgekehrt, auch zum Theil vom Obersteuermann schon beladen. Nach dem Herüberschaffen des letzten Transportes vom Anlegeplatz nach unserm provisorischen Lager, wobei zum ersten Male die mitgeführten zweirädigen Karren uns gute Dienste leisteten, ließ ich die Fahrzeuge noch mit den werthvollsten Schiffstheilen fertig laden und führte darauf diesen Transport mit Hülfe von etwa vierzig Eingebornen den Ziu-Ziu-Arm hinauf bis zur nächsten Stromschnelle, oberhalb welcher der »Mosquito« wartete. Des starken Stromes wegen mußten die Leichter von den Leuten an langen Leinen gezogen werden, was durch die vielen Gebüsche, welche die Uferwand krönten, eine langwierige schwere Arbeit war, abgesehen davon, daß flache Stellen im Flusse, deren Umgehung nothwendig, nicht minder zeitraubend und schwierig. Der etwa nur drei Kilometer lange Weg konnte somit erst nach vielen Stunden angestrengtester Thätigkeit zurückgelegt werden.
Pinda als Station ist von nur geringer Bedeutung, einzig als ein Uebergangspunkt zu betrachten, welchen hier die Nothwendigkeit errichten ließ, zumal die Stromverhältnisse des Schire in dieser Gegend gerade eine eigenthümliche Beschaffenheit aufweisen. Ein weites Gebiet, von verschiedenen Armen durchzogen, vertheilen die Wassermassen des Flusses, sodaß in der trockenen Jahreszeit von einem eigentlichen Schirefluß hier keine Rede sein kann; die Fahrstraße, welche diese Bezeichnung verdient, war versandet und unpassirbar.
So vielen Veränderungen unterworfen, läßt sich kaum mit Bestimmtheit sagen, welchen Weg die nächste Hochwasserfluth einschlagen wird, irgend ein Arm kann durch unbekannte Zufälle von der Fluth gewählt werden, der durch die starke Strömung schnell vertieft, dann als Schirefluß betrachtet werden muß. Illusorisch wird die Pinda-Station, sobald dieser Fall eintritt, ihre Lage aber auch durch das rapide Anwachsen der Wassermassen sehr gefährdet, da nicht selten die ganze Insel überschwemmt und ein rechtzeitiges Verlassen des einsamen Blockhauses für die Bewohner zur Nothwendigkeit wird. Soweit ich gehört, soll die ganze Insel im Januar 1893 von der furchtbaren Strömung weggeschwemmt worden sein und der Fluß ein neues Bett sich gegraben haben, wenigstens fand ich bei meiner Rückkehr eine ganz veränderte Fahrstraße vor; auch nimmt es keinem Wunder, wer die gewaltige Kraft fließender Wassermassen zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, daß solche Veränderungen hier in der Wildniß stattfinden können.
Um noch einmal unseres Schleppdampfers »Pfeil« hier zu erwähnen, so hatte dessen Thätigkeit für uns bereits in Ntoboa aufgehört; derselbe, bis Pinda gebracht, war für denselben das Passiren der Stromschnelle unmöglich und, nach vergeblichen Versuchen, sich doch noch durch den nächsten flachen Arm des Schire hindurchzuwinden, hatte der Dampfer sich so festgerannt, daß an ein Zurück bis zur nächsten Hochfluth nicht mehr zu denken war. Major von Wißmann, durch triftige Gründe veranlaßt, verzichtete später ganz auf den »Pfeil« und dies um so eher, als sich die Hinüberschaffung des schweren Körpers auf den ausgewaschenen Wegen des Schiregebirges, nach dem oberen Schirefluß, als eine pure Unmöglichkeit erwiesen hatte.
War auch die Stromschnelle, bis wohin ich die beiden Leichter am Abend des 20. September hatte schaffen lassen, nicht so gefährlich und reißend wie die untere, machte doch das Hinüberbringen der Fahrzeuge oberhalb der starken Strömung von einem Ufer zum anderen sehr viel Mühe. An langen Leinen von einem Ufer abgefiert, an dem anderen eingeholt, und dieses über eine Flußbreite von etwa 450 Meter, galt es dazu jeden Leichter von den gefährlichen Untiefen fernzuhalten. Als die Ueberführung vollendet, war ich durch das viele Zurufen und Schreien so heiser geworden, daß ich kaum noch ein Wort hervorbringen konnte. Veranlassung dazu gab die stupide Gleichgültigkeit der Eingebornen, die, wenn sie nicht angetrieben wurden, mit größter Seelenruhe zusehen konnten, wie ein Fahrzeug Gefahr lief, verloren zu gehen. Nur je ein Europäer war auf den Leichtern, die dazu sich mit den Leuten nicht verständigen konnten, und ich froh war, als nach vierstündiger Arbeit das englische Schiff erreicht wurde.
Für die späteren Transporte hielt es der englische Führer, Kapitän Nuott, auch für angemessen unter dem rechten Ufer sein Schiff hinzulegen, damit wenigstens die Ueberführung der Fahrzeuge oberhalb der gefährlichen Stromschnelle nicht mehr nöthig würde, auch schon aus dem Grunde, als nicht immer eine umsichtige Leitung dabei sein und dadurch einen Verlust verhindern konnte.
Die Weiterfahrt des »Mosquito« gegen den starken Strom, in dem zuweilen kanalartigen Flußbette gestaltete sich zu einer überaus schwierigen. Oft, wenn die Strömung zu stark, die gegenarbeitende Maschinenkraft nicht mächtig genug war, diese zu überwinden, wurden die Fahrzeuge vom Strome seitwärts gedrängt und, um dann eine Katastrophe zu verhindern, mußten sofort die Anker fallen gelassen werden, bis dadurch die Steuerfähigkeit wieder hergestellt, schließlich ein Ueberwinden der wirbelnden Wassermassen möglich wurde. Indes im Laufe des ersten Tages waren diese Schwierigkeiten überwunden. Darauf in einem schmaleren, doch von Hindernissen freiem Bette, ging die Fahrt flußaufwärts gut von statten; zwischen ziemlich hohen, häufig steilen Ufern, deren Böschung mit Rohrried und langem Gras bewachsen war, sodaß die üppig emporgeschossenen Pflanzen selten nur einen Einblick in die dahinter liegenden Landflächen gestatteten, hinziehend, erreichten wir eine zu beiden Seiten des Flusses sich ausdehnende Grassteppe. Mit der Bezeichnung Moramballa-Marsch hat man diese weite Ebene, den Tummelplatz fast aller im zentralen Afrika lebenden größeren Thiere, die rechte Benennung gegeben. Nichts als Rohr und Gras, kein Baum noch Strauch bringt irgend welche Abwechslung in diese Einöde, soweit auch das Auge schweifen mag, bis zum Fuße der fernen Berge, dasselbe Einerlei.
Zu Zeiten des Hochwassers wird die wenig über dem Niveau des Flusses liegende Grasebene in einen weiten See und Sumpf verwandelt; tiefe Gräben durch die Uferwand gebrochen, leiten als natürliche Kanäle die Wassermassen beim Fallen des Flusses wieder ab, und verjüngt sprießt aus dem fruchtbaren Boden die überreiche Vegetation empor, ein grüner Tisch anfänglich, den die Natur mit vorsorgender Hand für ihre Wesen gedeckt hat.
Die Ufer zur Linken, meistens höher gelegen, und mit hohem Gesträuch oft so bedeckt, daß dieses weit überhängend mit seinen Zweigen bis auf den Wasserspiegel reicht und es unmöglich wird, durch die zahllosen Schlingpflanzen, Winden, Lianen etc., die alles wie ein dichtes Gewebe verbinden, hindurchzudringen. Tausende weiße, blaue und rothe Blüthen in reicher Pracht zieren die grüne Wand, zwischen denen an den äußersten Spitzen der ruthenartigen Zweige der goldgelbe Webervogel sein eigenthümliches Nest erbaut hat, das, wie an einem Faden hängend, vom Winde bewegt über dem Wasser schwebt.
Durch das Geräusch des vorbeikeuchenden Dampfers werden aus diesem dichten Gebüsch häufig silbergraue Vögel, die in behaglicher Ruhe im kühlen Schatten wahrhaft herrlicher Lauben weilten, erschreckt und aufgescheucht und nur wenige Schritte vom Leichter entfernt, flattern sie auf, kaum wissend, wohin sich wenden, wenn ihnen der Weg zur eiligen Flucht abgeschnitten erscheint.
Die Annahme, daß in dieser blühenden Pracht eitel Friede zu herrschen scheint, wird schon widerlegt, wenn man aufmerksam den in hohen Lüften kreisenden Raubvögeln zuschaut. Bald schießt pfeilgeschwind der Beherrscher der Lüfte zur Erde nieder, um sofort sich wieder zu heben und in seinen scharfen Krallen die Beute zu entführen; allein diese wird ihm, weniger von Seinesgleichen, als von einem anderen Feinde, streitig gemacht. Ein heißer Kampf beginnt, kreischende Schreie, niederflatternde Federn, zeugen von der Erbitterung, mit welcher gekämpft wird, und fast immer muß der Jäger seine Beute fahren lassen, um den wüthenden Angriffen des Feindes sich erwehren zu können. Neugierig, welche Waffen dem schwächeren Angreifer von der Natur gegeben sind, womit er im Stande ist, den adlerartigen größeren Raubvogel zu besiegen und in die Flucht zu jagen, schoß ich zwei dieser Kämpfer aus der Luft herunter und fand, daß der Gegner an den Flügelknochen einen etwa 1-1/2 Centimeter langen nadelspitzen Auswuchs hatte, mit welchem er leicht tiefe Wunden dem Stärkeren beibringen konnte.
Vom hohen Deck des »Mosquito« zuweilen über die Ufergebüsche wegschauend, erblickten wir mitunter friedlich grasende Wasserböcke und Zebras; furchtlos äugten diese stattlichen Thiere zu uns herüber, und machte sie auch der Knall eines Gewehres stutzen, so wußten sie in ihrer Sicherheit doch noch nicht, wie vernichtend die treffende Kugel wirken konnte.
Oberhalb dieser weiten Grassteppe, auf dem nun allmählich ansteigenden Terrain, änderte sich die Scenerie; Baum und Sträucher, untermischt mit menschlichen Wohnstätten, hin und wieder am Ufer kleine Bananenanpflanzungen, gaben der Landschaft einen etwas freundlicheren Anstrich. An dieser Scheidegrenze einer fruchtbareren Gegend und der ungeheuren Steppe, sahen wir auch zu unserer Linken den hier errichteten Grenzpfahl. Die an demselben befestigte Tafel besagt in englischer Sprache, daß flußabwärts portugiesisches, flußaufwärts englisches Gebiet zu finden sei. — Unauffällig wie dieses einem Beobachter auch erscheinen mag, frägt man sich doch unwillkürlich, was soll wohl Portugal mit der viele Meilen umfassenden Grassteppe machen, die sich fast quer durch das Land bis zum Zambesi-Fluß erstreckt und wie erwähnt, zur Regenzeit nur einen weiten Sumpf bildet; eine Heimstätte wilder Thiere zwar, doch für menschlichen Aufenthalt völlig ungeeignet! — Englische Politik hat auch hier wieder den Beweis geliefert, daß Nehmen praktischer ist als Geben und das schwache Portugal muß seinem mächtigen Konkurrenten, übertrumpft durch erzwungene Verträge, weite Landstrecken überlassen, auf denen England unbehindert große Thätigkeit entfalten, auch wie überall die Fahrstraßen in seiner Hand behalten kann, die zu entwickelungsfähigen Ländern führen und, wenn es aus politischen Gründen belieben sollte, den internationalen Verkehr verschließen kann.
Etwa 500 Meter flußaufwärts von dieser Grenze liegt am anderen Ufer die portugiesische Zollstation. Gleich wie die Grashäuser europäischer Ansiedler in diesem Lande, ist auch diese Station ebenso primitiv erbaut, und bedeutete nicht die wehende Flagge, daß solcher Bau ein Staatsgebäude ist, würde es seines Aussehens halber kaum Beachtung finden. Zwecks einer Zollrevision und Ausfertigung von Papieren hatten wir hier anzulegen.
So kurz der Aufenthalt bei dieser Zollstation auch war, bot sich mir doch Gelegenheit, das Fell einer 13 Fuß langen Wasserschlange, die von den Eingebornen erlegt und abgeledert wurde, zu erstehen. Der Umfang dieses höchst gefährlichen Reptils betrug durchschnittlich einen Fuß und, abgesehen von dessen giftigem Biß, soll solch ein Thier die Knochen eines Menschen mit Leichtigkeit zerbrechen können. Das Fell, vollständig mit Fischschuppen besetzt, die auf dem Rücken ganz klein, allmählich bis zum Bauch die Größe eines Fünfpfennigstückes annehmen, haben oben eine schwarzbraune Färbung, wohingegen die Schuppen nach unten ins Gelblich-weiße übergehen. Nur zwei Exemplare gleicher Größe habe ich gesehen, sonst aber dieses Thier in seiner Freiheit zu beobachten weiter keine Gelegenheit gehabt, da es höchst wahrscheinlich nur dort sich aufhält, wo die Wildniß seine Lebensbedürfnisse befriedigen kann und das wäre hier in dem Moramballa-Marsch.
Als besonders auffällig war für mich weiter flußaufwärts an der linken Seite die Anlage einer Reihe neuer Dörfer am Flußufer; eine Erklärung dafür kann nur gegeben werden, wenn die Behauptung, daß eine beständige Auswanderung portugiesischer Untertanen nach englischem Gebiet stattfindet, sich als richtig erweist. Ein triftiger Grund dazu wäre die Ausbeutung der Eingebornen durch die portugiesischen Mischlinge, die in der Eigenschaft als Beamte, schlecht oder gar nicht besoldet, diesen Ausfall durch Erhebung doppelter Steuern zu decken suchen; mithin könnte man es den Bewohnern dieses Distrikts nicht verdenken, wenn sie sich auf fremdes Gebiet niederlassen und unter einer geordneteren Verwaltung das ihnen zugewiesene Land bebauen. Eine Kopfsteuer erläßt der Engländer ihnen zwar auch nicht, der Gefahr aber, mehr zahlen zu sollen, sind sie doch überhoben.
Etwas höher den Fluß hinauf passirten wir das große Dorf Tomba, das an Ausdehnung das größte, welches ich an den Ufern des Zambesi und Schire, mit Ausnahme vielleicht von Misongwe, gesehen habe. Auch hier bestätigte die Aufführung einer beträchtlichen Anzahl neuer Hütten, daß es an regem Zuzug nicht gefehlt hat. Und nach der Zahl der Bewohner zu urtheilen, die, wie überall, durch eine fremdartige Erscheinung angelockt, zu Haufen an dem Ufer sich versammelten, war die Einwohnerzahl eine sehr beträchtliche.
In den Tropenländern veranlaßt die immer üppig blühende Natur den flüchtigen Beobachter zu der Annahme, daß ein Wechsel der Jahreszeiten eigentlich an der Pflanzenwelt spurlos vorübergehe; allein lebt man längere Zeit in den Tropen, wird eine solche hinfällig, da man in sehr vielen Fällen einen Erneuerungsprozeß beobachten und das Absterben der Natur als Winterperiode bezeichnen kann. Es sind nur Schmarotzer und Schlingpflanzen, die ein immergrünes Kleid tragen und durch ihren Blüthenreichthum diese Erscheinung verdecken, darum, so kurze Zeit ein solcher Uebergang auch währt, kann man ihn doch als eine Ruhe und Erholungspause betrachten, in welcher die Pflanzenwelt neue Kraft und Säfte sammelt, die der Regen dann zur reichsten Entfaltung bringt.
Noch abwechslungsreicher gestalten sich weiterhin die Ufer des Schire, bald hoch, bald Senkungen zeigend, die naturgemäß einer Ueberschwemmung ausgesetzt waren. Hier hat sich der Fluß durch langwelliges Terrain den Weg gebahnt, das von den sogenannten Port Herald-Bergen ausgehend, bis in diese Ebene seine Fortsetzung gefunden hat.
Am nächstfolgenden Tage wurde Port Herald erreicht, das, wollte man aus der Benennung dieses Ortes einen Schluß ziehen, eine Art Hafen vorstellen könnte; indes dergleichen Anlagen waren nicht vorhanden, auch in nichts von anderen Uferstellen abweichend — und nur landeinwärts erblickte man die primitiven Gouvernementsgebäude, die alle auf Pfeiler erbaut sind, hoch genug, um bei einer Ueberschwemmung dieses Terrains vom Wasser möglichst verschont zu bleiben. Nur am Ufer ist eine Art Warte, worin ein beständiger Posten stationiert war, der das Passiren eines jeden Bootes zu verhindern hatte und jedes zum Anlegen, wenn nöthig, zwingen mußte, bis es untersucht und einen Freipaß zur Weiterfahrt erhalten hatte. Hier, wo nun ein Sammelpunkt des ganzen Transportes gedacht war, hatte Major von Wißmann etwas weit zurück ein offenes Lager erbauen lassen, das während seines kurzen Aufenthalts den Anforderungen entsprach, jedoch einer bedeutenden Erweiterung bedurfte, sollte es für den Haupttransport genügend sein.
Durch das langsame Vordringen der Expedition in seinen Plänen behindert, hatte Major von Wißmann den Beschluß gefaßt, sich von dem Transport zu trennen und vorauszueilen, um für geeignete Lagerplätze und sonstige Hilfsmittel, die das Fortkommen fördern sollten, zu sorgen. In diesem Sinne wurde eine Militärexpedition und eine Transportexpedition gebildet, erstere bestehend aus der gesammten Militärmacht, mit Abzug der benöthigten Schutztruppe für den Transport, etwa fünfzig Soldaten, und neben Dr. Bumiller als Adjutanten, aus Leutnant Bronsart v. Schellendorf, Proviantmeister de la Fremoire und Illich nebst den drei Sergeanten Bauer, Krause und Eben. Als Führer der Transportexpedition war Freiherr von Eltz später ernannt und ich ihm mit dem gesammten Schiffs- und Handwerkerpersonal beigegeben worden. Dr. Röver und Maler Franke, die anfänglich noch zur Vorexpedition gehörten, hatten sich, nachdem der Major das Schiregebirge überschritten, dem Transport anzuschließen, da es namentlich für den einzigen Arzt angebrachter schien, bei der größeren Anzahl Europäer zu verbleiben.
Nach meiner Ankunft in Port Herald und Uebernahme des Kommandos verließ von Eltz bald darauf das Lager, um gemäß einer Bestimmung des Majors denselben nach Chilomo zu folgen, wo eine Entscheidung über die Führung des Transportes und über den Führer getroffen werden sollte, mir aber lag es ob, nach der Zurücksendung der entlöschten Leichter das Lager zum Theil umzubauen und wie ich es in Ntoboa gethan, vollständig durch eine Schutzwand abzuschließen. Durch die Bereitwilligkeit des englischen Beamten Mr. Piel wurden mir zur Ausführung dieser Arbeit die benöthigten Kräfte gestellt und das Material zum Bau der Häuser in nächster Nähe findend, gelang es mit dem guten Willen der Eingeborenen die ganze Arbeit in fünf Tagen zu vollenden. Das Eine hatte ich mir zum Prinzip gemacht, worauf ich auch streng geachtet, daß die Eingeborenen gut behandelt wurden, vor allem gegen dieselben keine ungerechten Ausschreitungen vorfielen, darum auch stellte ich nur solche Europäer an, von denen keine Uebereilung zu erwarten war. Der Neger, in solchem Punkte empfindlich, entzieht sich seiner Verpflichtung und man hat nur den Schaden und das Nachsehen, im anderen Falle aber ist er willig, und liegt es dann an dem Europäer denselben zur Arbeit anzuhalten.
Weitere Transportmittel, als die beiden Leichter, die zwischen Pinda und Port Herald nun die Heranschaffung des Materials mit Unterstützung des »Mosquito« zu bewerkstelligen hatten, standen uns nicht zur Verfügung; auch was wir über die Wasserverhältnisse des Schire oberhalb Port Herald in Erfahrung gebracht, lautete nicht günstig, sofern von nun an nur leicht beladene Fahrzeuge im Stande sein sollten weiter vorzudringen. So lag es denn nahe, den Plan mit der Feldeisenbahn vorzunehmen, die wir von der Küste mit herauf gebracht hatten, näher in Erwägung zu ziehen, der auch sicher sehr viel für sich hatte, als alles Material zu gleicher Zeit fortgeschafft werden konnte, wenn nur die Frage, woher so viele Arbeitskräfte nehmen, eine befriedigende Lösung gefunden hätte. Von Seiten der englischen Beamten, des Administrators Mr. Steavenson und Piel, wurde uns zu diesem Zwecke die möglichste Unterstützung zugesagt, indes ihr Einfluß reichte auch nicht so weit die umwohnenden Häuptlinge durch ein Gebot zur Stellung einer bestimmten Anzahl Leute zu verpflichten und nach einer einberufenen Versammlung war es klar, daß wir auf nicht mehr als zweihundert Mann würden rechnen können. Dieses unerwartete Ergebniß war darauf zurückzuführen, daß die Eingeborenen sich bereits anschickten ihre Felder zu bestellen; der gemachte Einwand, diese Arbeit besorgten doch ihre Frauen, die Männer aber thäten das Wenigste dabei, fruchtete indes wenig, und anstatt der benöthigten fünfhundert Mann konnte nicht mehr als die bezeichnete kleine Zahl erlangt werden.
Im Allgemeinen war in dieser Jahreszeit die Arbeiterfrage eine schwierige, überall längs dem ganzen Schiregebiet; selbst Major v. Wißmann mußte sich aus diesem Grunde Beschränkungen auferlegen; seine Absicht, der Transportexpedition nach Möglichkeit Unterstützung zu senden, scheiterte gleichfalls.
Bevor nun die Transportfrage mit der Feldeisenbahn endgültig entschieden werden sollte, wollte von Eltz nach seiner Rückkehr und nachdem das gesammte Material von Pinda heraufgeschafft worden war, erst mit den Leichtern einen Transport bis Chilomo, wo der Major eine Hauptstation errichtet hatte, führen, um sich über die Wasserverhältnisse des Flusses genau zu orientiren, da eventuell von der Aufstellung der Bahn Abstand genommen werden könnte, wenn entgegen den Behauptungen, diese sich als besser erweisen würden. Allein die am 7. Oktober flußaufwärts bestimmten Leichter fanden eine kurze Strecke oberhalb Port Herald schon eine für die nur mittelmäßig beladenen Fahrzeuge unpassirbare Untiefe, sodaß es nöthig wurde, einen Leichter zurückzusenden, der entlöscht, den zweiten dann entlastete und die Fahrt fortgesetzt werden konnte.
Auf diese Nachricht hin, daß doch ein Fortkommen zu Wasser große Schwierigkeiten bieten wird, wurde in einer Unterredung mit von Eltz, bis zu dessen Lagerplatz ich am selben Tage noch geeilt war, beschlossen, trotz der geringen Mannschaft die uns zur Verfügung stehen würde, die Feldeisenbahn aufzustellen und schon am nächsten Tage ließ ich mit der Zusammensetzung des 400 Meter langen Schienengeleises beginnen. Den ganzen Schiffskörper, sowie die Feldbahn hatten wir im offenen Felde nahe dem Ufer gelagert, aus dem Grunde, weil das Transportiren so vieler schwerer Eisentheile nach dem entfernten Lager bedeutenden Kraftaufwand erfordert hätte, auch lag hier das Material, unter beständiger Aufsicht eines Wachtpostens gestellt, völlig sicher. Erforderlich wurde nun, da die Aufstellung der Bahn in der Nähe dieses Ortes vorgenommen werden mußte, zum Schutze der Europäer gegen die glühenden Sonnenstrahlen ein Schutzdach zu errichten unter welchem hindurch das Geleise bis zum Lager geführt, und hier im Schatten die Zusammensetzung der 32 Wagen beendet werden konnte. —
Gelegentlich bei der Vollendung eines für das Gouvernement fertig gestellten Hauses bot sich uns Gelegenheit den Tänzen der Eingeborenen, namentlich der am Bau betheiligt gewesenen, zuzuschauen. Und um der Sache mehr Effekt zu geben, luden die englischen Beamten die Dorfältesten ein, auf dem freien Raume inmitten des Häuserkomplexes ihre Festlichkeit abhalten zu wollen, mit der Zusicherung, daß ihnen dazu reichlich Pombe, einheimisches Bier geliefert werden sollte. Was an jedem Abend in den Dörfern, bei Mondenschein, selbst Nächte hindurch, im kleineren Maaße aufgeführt wurde, sollte hier einen etwas großartigeren Anstrich gewähren und wahrlich auf einen Zuschauer machte die eigenartige Scenerie einen wirksamen Eindruck.
Ein Nachtlager bei Granada könnte ich fast die bei Feuerschein und hellem Mondenlicht im weiten Kreise lagernde Versammlung bezeichnen, so pittoresk durcheinander lagen und hockten die schwarzen, nackten Gestalten. Die Feuer durch immer neue Zufuhr von trockenem Rohr häufig zur hellen Gluth angefacht, warfen über alle ihren rothen Schein, um zusammensinkend, diesem Schatten Platz zu machen. Die Häuptlinge und Aeltesten hatten, auf Matten sitzend, den engen Kreis der durch die Frauen und Mädchen gebildet wurde, geschlossen, zur Linken aber die Europäer auf herbeigebrachten Stühlen oder Kisten Platz genommen. Selbstverständlich war das versprochene Bier schon aufgefahren worden, und die stattliche Anzahl großer irdener Töpfe zeigten bald eine bedenkliche Leere und zeugten davon, daß die Zecher von dem gespendeten Trank den ausgiebigsten Gebrauch zu machen verstanden; weniger betheiligten sich die Europäer daran, nur, wenn eine junge Maid mit tiefem Knicks einen Trunk kredenzte, wurde derselben ein solcher nicht abgeschlagen, im Uebrigen begnügten wir uns mit einem Gläschen Schottisch-Whisky, dessen scharfer Geschmack durch Wasser gemildert wurde.
Der Tanz, ausschließlich nur von Frauen ausgeführt, begann mit einem kleinen Reigen nach dem Takte eines eintönigen Gesanges und begleitet durch Händeklatschen. Ein Dutzend Frauen dicht aufgeschlossen, bewegen sich im Kreise um die Vorsängerin und schlagen gleichmäßig mit Händen und Füßen den Takt zu dem Refrain, der von allen gesungen wird. Bald aber aufgemuntert durch die lobenden Zurufe der in großer Zahl versammelten Männer, vermehrt sich die Zahl der Tanzenden bis alle anwesenden Frauen theilgenommen haben. Allmählich geht der Tanz zu rascheren Bewegungen über; das tiefe Neigen der Körper, das Wiegen in den Hüften, das gleichmäßige Vor- und Rückwärtsschreiten, mit einer Präzisität ausgeführt, als geschähe alles nach Kommando, dazu das Stampfen mit den Füßen, die um die Knöchel mit Messingringe als Schmuck beschwert sind, wodurch ein eigenthümliches Rasseln verursacht wird, giebt dem Beobachter die Ueberzeugung, daß zu solcher Fertigkeit nicht nur ungewöhnliche Uebung gehört, sondern die eigentlich unharmonischen Gesänge mit diesen Bewegungen in Einklang gebracht sind.
Mehr und mehr giebt sich bei den Tanzenden eine Art Erregtheit kund, namentlich wenn sie durch Pantomimen ein Liebesspiel darstellen wollen, das durch schnelle Bewegungen der einzelnen Paare, durch rasches Abwenden von einander und wieder dichtes Aufschließen ermüdend wirken muß, aber nicht eher ist ein solcher Tanz beendet, als bis alle Zeichen völliger Ermattung zeigen. Tritt eine Vorsängerin ab, nimmt eine andere sofort deren Platz ein und je nach dem aus dem Stegreif hergesagten Text werden die Körperbewegungen lebhafter oder langsamer.
Schließlich in Schweiß gebadet, sodaß die schwarzbraune Haut im Feuerschein glänzend erscheint, werden die scharfen Ausdünstungen der Körper für das empfindliche Geruchsorgan des Europäers lästig, sofern nicht schon der durch das fortwährende Stampfen erzeugte Staub den Weißen den Rückzug antreten ließ. Wie empfindungslos und abgehärtet bereits die Säuglinge sein müssen, erhellt daraus, daß auf dem Rücken der Mütter in einem Tragetuch gebunden, das gleicherzeit auch die ganze Bekleidung der Frau ausmacht, bei all den raschen Bewegungen, die solch ein Tanz erfordert, in guter Ruhe schliefen; ob der Kopf des Kindes auch bald rechts bald links zu liegen kam, oder fortwährend, oft nicht unsanft, hin- und hergeworfen wurde, das störte die kleinen Schläfer nicht. Uebrigens bei allen Arbeiten, welche die Frau in Feld oder Hütte zu verrichten hat, trägt sie das Kind in dieser Weise mit sich und die Natur muß wirklich den Schädel des Negers ungemein dick und fest gebildet haben, sonst könnte nicht schon ein nur wenige Tage altes Kind den glühenden Strahlen der Sonne ohne jede Bedeckung ausgesetzt werden können; einer Sonnengluth die unfehlbar den Tod eines Europäers herbeiführen würde, wollte er sich auch nur kurze Zeit ohne Kopfbedeckung derselben aussetzen.
Eine besondere Beachtung verdient noch das devote Benehmen der Frauen den Männern gegenüber, diese knieten jedesmal besonders vor dem Höherstehenden, bei Ueberreichung eines Trunkes nieder und verharrten in dieser Stellung solange, bis ihnen das Gefäß zurückgegeben wurde und dann sich noch verneigend, bezeugten sie durch Füßescharren ihre Reverenz. Mit nur geringen Unterbrechungen wurden die Tänze fortgesetzt; die späte Stunde, die zur Ruhe mahnen sollte, kennt der Eingeborene nicht, vielmehr so lange nicht die Pombetöpfe geleert oder Trunkenheit ihn umsinken macht, wird bei Tanz und Ngomaschlag (Trommelschlag) oft bis zum frühen Morgen Singsang und Trinken fortgesetzt. Es ruft ihn ja auch keine Pflicht noch Arbeit, und sorgenlos kann er in seiner Hütte den Tag verschlafen, und, wenn der Vorrath reicht, am Abend wiederum das Gelage fortsetzen.
Die Tage im Anfang des Oktobers waren hier fürchterlich heiß, es war als wenn die Atmosphäre ein glühender Ofen wäre. Aus Rücksicht auf die Gesundheit der Europäer ließ ich oft mit der Arbeit schon um 10 Uhr Morgens aufhören und erst um 3 Uhr Nachmittags wieder beginnen, denn selbst im Schatten erschlaffte der Körper dermaßen, daß es zu einem Gebot der Nothwendigkeit wurde, durch Ruhe neue Kräfte zu sammeln. Wenige Tage nur dauerte diese ausnahmsweise glühende und trockene Hitze; eine Veränderung und Abkühlung mußte in Kürze erfolgen, worauf auch die Wolkenbildungen am Abend schließen ließen, die sich aber immer wieder vertheilten; bis urplötzlich eines Nachmittags von verheerendem Sturm getrieben, das Unwetter hereinbrach. Furchtbar äußerte sich die Naturgewalt, daß es dem Menschen dabei unheimlich werden konnte; aus den sehr tiefhängenden Wolkenmassen zuckten unaufhörlich Feuergarben über das ganze Himmelsgewölbe, glühenden Schlangen gleich, die die schwarzen Massen spaltend, in der Tiefe eine Hölle von Feuer momentan erblicken ließen; dazu der rollende Donner, der dem zuckenden Blitzstrahl unmittelbar folgte, schien Himmel und Erde mit schrecklichem Krachen zerspalten zu wollen. Die Atmosphäre mit Elektrizität überfüllt, durch das zuckende Feuermeer mit Schwefeldämpfe gesättigt, wurde durch den niederströmenden Regen aber bald abgekühlt, und die tagelang wie ein Alp drückende Luft wurde leicht und rein. Die niederstürzenden Regenmassen würde man als einen Wolkenbruch bezeichnen, wenn solche Wassermengen in den gemäßigten Zonen sich über die Erde ergießen, in den Tropen indes ist es keine ungewöhnliche Erscheinung und nichts Seltenes, daß in kurzer Zeit die betroffene Gegend einem weiten See gleicht. Sind dazu im Terrain Gefälle vorhanden, dann werden durch das abfließende Wasser fließende Bäche erzeugt, welche im Stande sind, große Mengen Erde mit fortzuführen. Um angelegte Wege vor Vernichtung zu schützen, müssen solche mit Seitengräben versehen werden, sonst wird häufig eine mehrwöchentliche Arbeit in dem kurzen Zeitraum von einer Stunde zerstört. Gegen solchen Regen und damit verbundenen Wirbelsturm waren unsere Grashäuser nicht widerstandsfähig genug, das Wasser drang überall hindurch und was das Schlimmste, das Unwetter brach so plötzlich herein, daß wir kaum darauf vorbereitet waren, wenigstens eine solche Erfahrung noch nicht gemacht hatten.
Es gab nun mit einem Male zu viel zu schützen, Kisten und Säcke, sonst immer im Freien lagernd, mußten bedeckt oder unter Dach gebracht werden, was für die zitternden Schwarzen eine höchst unangenehme Arbeit war, da der Eingeborene nichts so sehr scheut, als den Regen und irgendwo sich von den auf seiner nackten Haut niederfallenden Tropfen zu verbergen sucht; so ist mit ihm auch nur wenig anzufangen, ja ist selbst nicht abgeneigt, den Europäer in heikler Situation zu verlassen und der Weiße, der nicht Einfluß genug besitzt, sieht sich plötzlich allein.
In wenig Sekunden bis auf die Haut durchnäßt, suchte ich mit einer Anzahl Leute das Nothwendigste vor dem strömenden Regen zu schützen, allein diese Abkühlung, die einem die Zähne klappern machte, trug mir ein heftiges Fieber ein, das erst nach mehrtägigem Krankenbett zu weichen begann.