Sie schwiegen. Chu seufzte: „Du mußt uns führen, Wang. Tu, wie du willst.“
Wang schüttelte den Kopf: „Ich führe euch nicht. Wenn ihr meinen Willen habt, will ich euch auch führen. Ihr müßt mir zustimmen, gleich und in diesem Augenblick. Und ihr werdet nicht zögern, und die im Dorfe sind, werden nicht zögern, denn im Grunde spricht ja keiner von euch anders. Ihr schäumt nur noch so, wie ich selber früher, liebe Brüder. Geht mit mir. Wir sind Ausgestoßene und wollen es eingestehen. Wenn wir so schwach sind, sind wir doch stärker als alle anderen. Glaubt mir, es wird uns keiner erschlagen; wir biegen jeden Stachel um. Und ich verlaß euch nicht. Wer uns schlagen wird, wird seine Schwäche fühlen. Ich will euch und mich schützen; ich werde nach Schan-tung wandern und den Schutz der Brüder von der Weißen Lilie erbitten, wie Chu will. Aber ich beschütze keine Räuber und Mörder. Wir wollen sein, was wir sind: schwache hilfsbedürftige Brüder eines armen Volkes.“
Ma-noh hielt den großen Wang an den Schultern umschlungen; er flüsterte heiß: „Und ich will mit dir wandern; ich will ein schwacher armer Bruder sein unter deinem Schutz.“ Die andern hatten still dagesessen, sich lange angeblickt. Dann warfen sie sich, erst Chu, darauf die vier vor Wang mit der Stirn an den Boden.
Die Hütte des Ma-noh leer.
Die Krähen und großen Raben hüpften über die Stiegen durch die offene Tür, saßen auf dem Herd, der noch warm war, zerrten mit ihren Schnäbeln an den dicken Binsenmatten. Zwei graue Zibetkatzen ließen sich an den Schwänzen vom Dach herunter, warfen sich mit einem Schwung langgestreckt mitten in die aufgehäuften Tuch- und Pelzlagen, wühlten unter ihnen herum; unter den Reflexen des Abendlichts blitzte ihr glanzvolles fleckiges Fell. Ein dicker Rabe schaukelte auf dem leeren Regal und sah nach unten; als die größere der beiden Katzen an die Wand gedrückt kurzbeinig sich in die Höhe zog, rauschte er unter ängstlichem Flügelschlagen und grellem Krächzen auf, an die Decke, zur offenen Türe hinaus.
Im Dorfe gingen um dieselbe Abendstunde die Wegelagerer einer hinter dem andern in das Haus des Bauern Leh, das zu den vier Häusern gehörte um die Eiche am Eingang des Dorfes. Auf dem hinteren Hofe stand eine weite leere Scheune, die von den Bauern zu Versammlungen benutzt wurde. Die offenen breiten Tore an den Längsseiten ließen weite Lichtmassen herein.
Was auf dieser Versammlung besprochen wurde, in der Scheune, in welcher ein schwerer Geruch von verfaultem Stroh, muffigen Menschenkleidern und Ochsenmist herrschte, ist kurz berichtet. Wang war nicht anwesend; Ma-noh hatte ihn den langen Weg, wo sie zusammen die goldenen Buddhas und die süß lächelnde Kuan-yin aus Bergkristall heruntertrugen, nicht allein gelassen; sie saßen in jener Gerätekammer zusammen und sprachen.
Ma-noh war von einer Kette losgebunden; überglücklich, ungeschickt und possierlich. Seine alte Gereiztheit klang peinlich in seiner Stimme; er hatte einen Kampf zu bestehen mit seinen Grimassen, seiner Redemanier, plötzlichen Affekten, die bodenlos geworden waren, und die er mit sich herumschleppte, wie ein krankes Tier seinen Winterpelz in das Frühjahr. Er kannte mit dem feinsten Gefühl seine Aufgabe, Wang zu beobachten; sah mit Angst die Gefahren, die Wang drohten; sah im Hintergrund die Furcht Wangs vor der Anbetung der Vagabunden. Sie blieben bis in die Nacht in der dunklen kalten Kammer. Ma-noh konnte mit Freude verfolgen, wie sich in Wang das väterliche und herrschaftliche Gefühl für die Brüder, die ihm vertrauten, fest und fester setzte.
In der Scheune berichteten die fünf Abgesandten, was sie mit Wang-lun beraten hätten und was ihnen Wang gesagt hätte. Vermochten fast Wort für Wort zu wiederholen. Sie standen in der Mitte des zugigen Raums; die Männer drängten sich um sie. Was die Boten berichteten, wirkte ungeheuer.
Neuer Überfall, Bogenschüsse in ihre Masse hinein hätten nicht so stark erregen können. Bei einigen, die sich abseits von den übrigen zu bewegen pflegten, kamen hohnvolle Bemerkungen auf von Bonzenwirtschaft; sie hielten sich geduckt, als sie sich umringt fanden von leidenschaftlichen Gebärden, stillem Vorsichhinstarren, hastigem Ausfragen, gedankenvollem Hin- und Herspazieren.
Die von Ma-nohs Hütte herunterkamen, strömten eine unablenkbare Sicherheit aus; sie standen eingekeilt; aus dem Haufen klang immer ihr: „Wang hat recht.“ Diese Boten, vom alten Chu bis zu dem ungeschlachten langen Burschen, welcher das blutige Fell in Ma-nohs Hütte getragen hatte, wurden angestarrt, umgangen von ihren Bekannten; man faßte sie an die Hände, man lechzte sie aus, staunte ihre Ruhe an. Wang, der ein paar Häuser entfernt in der Kammer hockte, an die jetzt alle dachten, rief man nicht; man hätte ihn ungern gesehen; er sollte dies alles nicht ansehen, dieses Herumgehen, dieses Zweifeln, diese Ratlosigkeit; man fürchtete das Auslöschen aller Lampen durch ihn.
Den meisten kam Wangs Plan wie ein Rausch, dessen man sich erwehrt. Es war eine Generalabsolution, die ihnen erteilt wurde. Sie sollten, geschützt einer durch den andern, durch die Provinz wandern, betteln, arbeiten, an keinem Ort sich lange aufhalten, in keinem geschlossenen Hause wohnen, keinen Menschen töten; sie sollten niemandem wehtun, keinen betrügen, nicht rachsüchtig sein. Wer will, solle die mildesten Götter anbeten, die Götter des Cakya-muni, die Ma-noh und Wang vom Berge heruntergetragen hätten. Man würde Großes, so Großes erreichen durch dies alles, daß es gar nicht ausgesprochen werden könne: die Augen der fünf Sprecher wurden klein vor Überschwenglichkeit und Heimlichkeit. Besonders der ungeschlachte Bursche hatte jetzt etwas Hölzernes, Ungelenkes in seinem Wesen, sprach abgerissen, war stark gebunden in seiner Haltung, als wäre er plötzlich versunken, fände sich in seiner Haut nicht zurecht. Die andern fragten, was man denn erreichen werde, nicht neugierig oder skeptisch, sondern lüstern, aufgewühlt; aber die Boten Wang-luns schnitten darauf nur ein befangenes Lächeln; es schien sich um Geheimnisse zu handeln, in die auch sie noch nicht eingeweiht waren oder die so stark waren, so stark. Die Frager schwiegen selbst, im Gemüt beängstigt und zugleich erschauernd.
Sie hatten das Gefühl der Rückkehr und zugleich des Abkettens. Die sich nicht beherrschen konnten und Opfer ihrer Begierden geworden waren, diese verbrauchten Weltverächter und kalten Ironiker, wurden am ehesten gepackt von dem Plane. Sie waren leer, trieben und rollten sich durch ein wechselvolles erbärmliches Leben, gutmütig, an vielem interessiert. Diese waren einer Bannung am ehesten zugänglich, denn sie verloren und gewannen nichts, waren völlig widerstandslos, da sie nichts beschäftigte. So tapfer sie sich in den furchtbarsten Lagen benahmen, so unerschrockene Beschützer, Angreifer sie waren, so waren sie am wehrlosesten, wo sich eine ernsterstarrte Miene zeigte und ein Gefühl strömte. Es wickelte sie ein; sie liefen ihm nach, sie bettelten hinter ihm her; sie tobten in Wut und glaubten sich um ihr Eigentum betrogen und verloren, wenn es vor ihnen auswich. Sie waren die verlässigste Avantgarde jeder, jeder Lehre. Sie gingen in der Scheune herum, witzelten unverändert. Sie konnten kaum die Worte der Boten lange hören, sie waren so innig gefangen, gequält von jedem Zuviel; sie schämten sich ihrer Veränderung.
Die Glücklichen, die aus dem Drangsal des Bürgerlebens geflohen waren, hörten erregt, daß man zurückkehren wolle. Sie sollten verzeihen, sie wurden gedrängt, sich zu erinnern. Sie waren es, die tief beschäftigt herumgingen, oft zuhörten, oft sich umsahen und die Stirnen falteten. Sie empfanden ganz leise einen Puff: man drängte sie. Der wüste Schwall ihrer Erlebnisse und Verwicklungen stand vor ihren Augen; sie hatten einen Ekel davor wie vor einer Schlangengrube. Sie sollten verzeihen, niemandem wehtun: das sollte die ganze Wirrnis lichten. Sie hielten sich an die Boten, sie hingen an ihren Lippen, klagten innerlich. In ihnen tauchte das Rachegefühl auf, heilend, versöhnte sie mit sich und den andern; sie würden durch die alten Gassen gehen, Brüder eines geheimen Bundes, furchterregend, ohne wehezutun. Es zog sie in dem Augenblick, wo sie daran dachten, an die Orte hin, sie sahen sich wandern; die Rolle des Anklägers verlockte sie. Sie sollten zurückkehren; das gab ihnen den Schwung der Erwartung; sie hielten sich an die Boten, hingen an ihren Lippen, sehnten sich.
In den Ecken standen mürrische Gesichter; junge und ältere, die miteinander nicht sprachen, an den Knöcheln kauten, Stückchen Stroh vom Boden aufhoben und zwischen die Lippen zogen. Solche finsteren Gruppen bildeten die verjagten Gesellen, welche sich elend unter den Vagabunden fühlten, denen sie sich notgedrungen anschlossen und die bösartig unter ihnen geworden waren. Ihnen konnte man eine offene Quelle zeigen, und sie wagten nicht durstig sich hinzustürzen, sooft waren sie schon zerschlagen worden; sie sahen in einer gewohnheitsmäßigen Verbissenheit ruhig zu, wie die andern tranken, sie, unter den Ausgestoßenen Ausgestoßene. Sie wußten nicht ob sie mitgalten, ob sie Brüder von Brüdern sein dürften. Erst als sich die lächelnden verschämten Witzbolde unter sie mischten, wo sie sich am sichersten fühlten, lösten sich ihre Mienen. Es gab unter allen, die in der Scheune Wangs Botschaft, diese alten herzlichen Dinge, hörten, keinen, dessen Herz sich mit ihrem an Verlassenheit und Weiche hätte vergleichen lassen. Wo man an ihre Herzen mit einer Nagelspitze ritzte, sprang alles Blut hervor. Sie waren unendlich verschüchtert. Sie schmolzen unter Wangs Worten; es gab unter ihnen einige ältere, die sich umarmten und mit ihrem Schluchzen die tönende Scheune erfüllten. Mit einer jungfräulichen Zagheit ließen sie zu, daß die andern sich ihnen näherten, und hatten noch später eine erinnerungsschwere Scheu vor ihren neuen Brüdern. Einige von ihnen, außer sich über das, was ihnen zuteil wurde, knieten vor den Boten nieder, nachdem sie sich durch den Knäuel geschoben hatten, bogen die Leiber zur Erde, sprachen unverständlich. Die Verzückung befiel sie, wo sie Brüder, schwache hilfsbedürftige Brüder schlimmer Vagabunden sein durften.
Die Wartenden, die Verführten, die Heimatlosen und Krüppel aßen Worte und Mienen wie ein süßes Gebäck. Sie fühlten sich wohlgeleitet; sie fühlten, ihnen geschähe Recht und man führe ihre Sache würdig vor aller Welt. Sie waren es, die schon lange am innigsten zu Wang standen und am meisten von ihm erwarteten; er war, wie sie glaubten, ihr Bruder mehr wie der der andern. Sie träumten mit offenen Augen und frohlockten innerlich.
Kein einziger von den vier, fünf Raubtiermenschen, die mit ihnen auf den Bergen gehaust hatten, befand sich mehr im Dorfe. Sie waren einzeln, sobald es wärmer geworden war, nach oben geschlichen, trabten auf den verschneiten Wegen, gruben ihre Höhlen und Hütten frei und warteten, warteten.
Als die fünf Boten spät in der Nacht in Wang-luns Haus traten, und ihm in der warmen Wohnstube, derselben, in welcher er mit dem Lederbeutel gescherzt hatte, zu erzählen anfingen von der Versammlung und dem Verlauf, sank Wang zitternd gegen den Tisch, hörte ohne zu fragen einen nach dem andern an.
Er sagte ihnen dann, was er vorhätte und was sie in den nächsten Wochen tun sollten. Er würde allein nach Schan-tung wandern; es würde Wochen, vielleicht einen Monat dauern, bis er sie wiedersehe. Prägte ihnen ein, sich zu zerstreuen, nur an einem oder dem andern Tage zusammenzukommen, sich nirgends lange aufzuhalten, aber immer voneinander zu wissen. Es stünde ihnen frei, andere, die ihresgleichen wären und sich zu ihnen hingezogen fühlten, aufzunehmen in ihre Gemeinschaft; aber darauf sollten sie keinen Wert legen, neue Brüder zu gewinnen. Sollten keine Früchte von den Bäumen reißen; sollten warten, bis sie selber fallen. Nur um sich sollten sie sich kümmern, dies könnte er ihnen nicht tief genug einprägen. Und dann sprachen sie den Rest der Nacht, ehe sie schlafen gingen, noch Geheimes und Himmlisches.
Es war keine Besprechung mehr. Nach den Erregungen des letzten Tages saßen sie in dem halbdunklen niedrigen Zimmer um den leeren Holztisch herum, die Arme aufgestemmt, mit dem Kopf ermüdet nach vorn übergesunken, starrten vor sich hin, atmeten. Sie schwiegen, und dann redete einer für sich, spann seine dunklen Gedanken aus, schwieg. Sie hatten manches gehört auf ihren Fahrten; es hielt sie wach, kundschaften zu gehen auf dem neuen Gebiet.
Einer erzählte von den großen Meistern Tung-gin und Ta-pe, welche auf Wolkenwagen stiegen, auf dem Regenbogen gingen und dann sich verirrten im Schoß des Nebels. Sie erreichten den Scheitel des Weltalls, ohne eine Fußspur zu hinterlassen im Schlamm und Schnee, sie warfen keine Schatten. Sie schritten über Berge und Felsen, bis sie zum Kun-lungebirge kamen, an die Pforte des Himmels; sie drangen in seine Umzäunung ein, sahen den Himmel über sich, einen Baldachin, die Erde unten, eine Sänfte.
Geheimnisvoll fing Wang selber an, leise zu sprechen von den Spitzen der Welt und den drei Juwelen. Er verstummte bald, wandte den Kopf wie beirrt suchend zur Seite zu Ma-noh. Ma-noh im Klostersingsang: „Cakya beschützt alle; der Maitreya kommt nach ihm, den erwarten die Frommen, des kostbaren Mondes weißen, majestätisch stillen König.“ Er summte entrückt von den Verwandlungen.
Jeder saß mit sich beschäftigt.
Als es hell am Morgen geworden war, nahm Wang Abschied nur von Ma-noh. Er lehnte ohne Begründung ab, sich begleiten zu lassen. Vor Ma tat Wang in der engen leeren Kammer das schweigende Gelübde; ließ sich die Scheitelhaare sengen, hielt seine Finger über eine Flamme, warf sein letztes Geld auf den Boden.
An demselben Tage, an dem die Bettler das Dorf verließen und sich nordwärts zerstreuten, trat Wang-lun seine Reise nach Schan-tung zu den Brüdern von der Weißen Wasserlilie an. Er wanderte ununterbrochen, oft sechzig bis siebenzig Li den Tag. Ein furchtbarer Schneesturm hielt ihn zwei Tage im Gebirge fest, ehe er in das Hügelland und die Ebene eintreten konnte.
Auf seiner beschwerlichen Wanderung brach dann der Frühling an. Die Stadt Yang-chou-fu sah den Bettler und beachtete ihn nicht; sie sah nicht lange später Anhänger dieses Mannes Entsetzliches in ihren Mauern leiden, fiel halb in Schutt. Er setzte über große Flüsse, über den Kaiserkanal und übernachtete einmal in Lint-sing, der Stadt, in der er sterben sollte. Während es Frühling wurde, näherte er sich den reichen, ihm wohlbekannten Gefilden am Westfuß des Tai-ngan. Man schälte noch auf den Winteräckern die Binsen ab, zog die langen Markstangen heraus; er dachte an Tsi-nan-fu, das nicht mehr fern war, und an Su-koh. Als der erste Regen fiel, begannen sie die Aussaat auf den Feldern, warfen Raps, Bohnen, Weizen. Das Brüllen der starken Pflugtiere, die nahen und weiten Lieder der Saatwerfer begleiteten Wang. Er zog weiter, südlich und östlich, umging das brausende Tsi-nan.
Seine Nahrung gewann er durch Betteln, Trägerdienste; auf dem Felde half er. In den größeren Dörfern und Städten trat er als Geschichtenerzähler auf, trug das Weckholz, den Würfel in der Hand, das ihm ein großer Lehrer namens Ma-noh verliehen habe; er hörte die Leute aus, warf seine Saat mit großer Kraft.
Er hatte Tschi-li verlassen, war wieder in Schan-tung, dem Lande, das den großen weisen Kung-fu-tse geboren hatte, den Wiederhersteller der alten Ordnung, die stählerne Mittelsäule des Staatsgebäudes; dem Lande, das auch durch Jahrhunderte die Geheimbünde hervorbrachte, welche Kaiser stürzten und furchtlos das notwendige Gleichmaß wiederherstellten, dessen dies Gebäude bedurfte. Das Land hatte einen ungeheuren Toten geboren, bot nun unablässig Lebendige auf, um zu bewirken, daß sein Fleisch, seine riesenhaften Knochen die Erde düngten, nicht breit auf dem kostbaren Boden laste. Die Geheimbünde waren die Spitzhacke, die Schaufel, die Barke der Provinz. Sie überlebten Regierungen, Dynastien, Kriege und Revolutionen. Sie schmiegten sich elastisch und windend allen Veränderungen an, blieben völlig in jeder Drehung unwandelbar und dieselben. Die Bünde waren das Land selbst, das sich mit blinden Augen lang hinstreckte; die Leute schacherten oben, feierten ihre Feste, vermehrten sich, besänftigten ihre Ahnen, Heerführer kamen, Soldatenvölker, kaiserliche Prinzen, Feuersbrünste, Schlachten, Sieg, Niederlage; nach einiger Zeit, einer unbestimmten Zahl von Monaten zitterte das Land in kleinen Schwingungen, Vulkanaugen warfen flammende, nicht zärtliche Blicke, Ebenen senkten sich; ein breitmäuliges Donnern; und das Land, beunruhigt, hatte sich auf die andere Seite zum Schlafen gelegt; es war alles wieder gut geworden. Es waren Jahrhunderte her, als die Mingherrschaft, die vom Volk getragene, echt chinesische, schwächer wurde, sich drehte, langsam verzuckte. In die schwere Zerrüttung des Reiches, bereitet durch Verbrüderung von Ohnmacht, Verbrecherwesen, Eunuchentum, griffen die Bünde ein; sie nahmen eisig den Hohn der Höflinge hin, die einen Knaben auf den Thron setzten. Dann erklärten sie ihm öffentlich den Krieg, bemächtigten sich des Landes; erschreckend weiß schimmerte in die Provinzen hinein die Wasserlilie Schan-tungs. Die Bünde hatten die glückliche Zeit der Mingkaiser nicht vergessen in den Jahrhunderten. Sagen schlangen sich um ihre Namen. Die Mandschus drückten nicht schwer; sie ließen das Volk gehen, wenn es sich nur beherrschen ließ. So große Kaiser die Mandschus dem Reiche gaben, die Unvergängliches schufen und unterstützten, so blieben sie den starren Genossenschaften Fremde, die nicht Recht haben durften. So milde, liebevoll und selbstvergessend die starken Fremden sich um das Volk bemühten, sie vermochten kein aufrichtiges Lächeln auf den Lippen der Frau zu erwecken, die sie auf Tod und Leben in den Armen hielten. Die Mandschu mußten erkennen, daß ihnen diese Herzen verschlossen waren. Es kam zu keiner Rachsucht. Sie hielten das Volk unter dem Schwert. Es fing an Gewalt mit Gewalt zu ringen. China, die Witwe, die sich in einer aussichtslosen Sehnsucht verzehrte, sammelte Freunde gegen den ernsten Gemahl. Zur Kühle trat Zorn, zur Enttäuschung trat Zorn.
Wang umging die grünen Weinberge am Westfluß des Tai-ngan. Als er die ersten Hügel des Gebirges hinter sich hatte, rastete er bei seinen alten Freunden aus der Tsi-nanzeit einige Tage. Einen verschmitzten jungen Töpfer, den er bei ihnen vorfand, schickte er nach Tsi-nan herunter mit einem Gruß an den Bonzen Toh, den Verwalter des Tempels des Musikfürsten Hang-tsiang-tse. Die Rückkehr des Boten konnte Wang dann nicht mehr erwarten. Der Töpfer fand den Bonzen nicht im Tempel; er hatte nach Wangs Mord an dem Tou-ssee seine Kammer verlassen und hielt sich in der Stadt verborgen, erst in den grünen Häusern, wo ihn eine Wang befreundete Dirne aufnahm, dann in einem Dörfchen jenseits des Flusses, wo er seine Fähigkeit des Ziselierens an Zinngefäßen auszuüben begann. Hier traf ihn der gewandte Töpfersmann. Der Schreck und die Freude bei der Nachricht ließ Toh den Stahlgriffel aus der Hand fallen. Er forschte bei versperrter Tür den jungen Menschen aus, der von Wangs ernstem, ja ehrfurchtgebietenden Auftreten berichtete und dessen Mission in Schan-tung ahnte. Beide, Toh und der Töpfer, gingen frühmorgens aus dem Dörfchen heraus. Als sie im Gebirge eintrafen, waren vier Tage seit der Abreise des Töpfers verstrichen und Wang einen Tag weitermarschiert, ohne zu sagen wohin. Erst viel später, in den Zeiten der letzten Not, sah Wang noch einmal seinen Lehrer und lernte noch einmal seine Anhänglichkeit kennen.
Die Birken und das lichte Haselgehölz in der schönen Berglandschaft, die der Mann aus den Nan-kubergen durchwanderte, schlugen aus. Kraniche segelten durch die Luft. Das Stoßen und Verhalten des Windes nahm ab; die Felsen wurden höher und kahler. Das Kohlengebiet von Po-schan kam näher. Ab und zu begegneten ihm lange endlose Züge von Maultieren, die kandierte Datteln, die süßen roten Früchte, in die Ebene hinunter schleppten.
Dann verbreiterten sich die Wege; auch die Berge traten auseinander. Dunkle weite Felder dehnten sich mit unregelmäßigen Löchern, Püngen, in denen die abgebaute Kohle zu Tag lag. Die Luft wurde, selbst bei Sonnenlicht, dichter und dunkler. An vielen Orten stiegen Rauchsäulen in die Luft, wie Balken, die das Gebiet abgrenzten und eingitterten. Die Straße war hart; runde Granitblöcke lagen herum. Der Boden ging wellig. Auf der nackten steinernen Ebene stand die große Stadt Po-schan.
Wang hatte von Chu die Adresse eines reichen Grubenbesitzers erhalten. Er traf den Mann in seinem ungeheuren festen Hause nicht an; er bereiste zu Handelszwecken, hieß es, die Nachbarschaft. Wang mußte seine Rückkehr abwarten. Er ging hinaus und vermietete sich als Arbeiter bei einer Grube. Sie standen zu fünf und zehn an den tiefen Schachten, mit geschwärzten Oberkörpern, zogen an mächtigen Winden. Im Takt, Hand hinter Hand an dem schlüpfrigen Lederriemen, zogen sie; ihr Gesang fiel gleichmäßig von Höhe zu Tiefe und stieg an, wie der Eimer mit Wasser und Kohle. Sie wohnten in der Ebene dicht zusammen in Lehmhütten.
Abend um Abend ging Wang herüber in die Stadt. Zwischen den Kohlenhaufen mußte er sich durchwinden, die wie spitze Hüte aussahen. Dann kamen leere abgezäunte Flächen, über denen ein erstickender Säuregeruch stand; hier kristallisierte in großen Gefäßen das Schwefeleisen an der Sonne, das sie aus einer Lauge von Schwefelkies gewannen. Am sechsten Tage traf der Besitzer ein, er hatte schon von dem fremden Arbeiter gehört, der Tag für Tag nach ihm fragte.
Chen-yao-fen war groß und breitschultrig, mit starkknochiger Stirn; hatte ein energisches Wesen, sprach in den kurzen dringlichen Sätzen der vielbeschäftigten; seine Fragen griffen unmittelbar an. Wang hatte solchem Manne noch nicht gegenüber gestanden. Er schwankte im Beginn des Gespräches; seine Sicherheit verließ ihn einen Augenblick; einige dunkle Erinnerungen aus seiner Betrügerzeit in Tsi-nan überhuschten ihn; er kam sich ertappt vor. Erst als er den Namen Chus ausgesprochen hatte, der Kaufmann verblüfft an ihn herantrat, und er, Wang mit Chen zu verhandeln anfing, schwieg alles unter kalter aufmerksamer Ruhe. Chen stand geraume Zeit, die linke ringgeschmückte Hand am Mund, still da, von dem Schicksal Chus erschüttert. Dann versperrte er die Türe, hieß den Gast, dessen Wünsche er nicht begriff, sich an einem kleinen Tisch vor dem Hausaltar setzen, bot ihm seine eigene Teetasse an. Wang, dessen Gesicht und Ohren Reste von Kohlenstaub bedeckten, trug sein Anliegen vor, knapp und einfach; welche Not sie in den Nan-kubergen gelitten hätten diesen Winter, wie sie in das kleine Dorf eingedrungen wären, wie die Bettler sich verbrüdert hätten und ihm folgten, was der Unterpräfekt von Cha-tuo gegen sie unternommen hätte. Sie würden untergehen, bäten um den Schutz der Vaterlandsfreunde, denn sie seien schuldlos, wie Chu.
Der Kaufmann, der die aufgerissenen Augen nicht von dem Mann ließ, welcher mit hängenden Armen und geschwollenen Fäusten dasaß und seine Sache hersagte, wie wenn es sich um eine Schale Reis handle, fragte nur, welcher Art der Schutz sei, den man ihnen gewähren sollte. Er erhielt zur Antwort: Druck auf die Behörden; im Notfall unmittelbare Aufnahme der Verfolgten und Eintreten für sie. Dann bat er schon mit leisen Worten Wang zu gehen, um keinen Verdacht zu erregen; morgen würden sie bei den Laugetöpfen, an denen er ein neues Verfahren ausprobe, das er auf seiner Reise kennen gelernt habe, sich in Ruhe weiter sprechen können. Wang verneigte sich und schwang die Hände, nachdem er auf das stündlich Dringende seiner Sendung hingewiesen hatte.
Der Kaufmann keuchte, als er allein war. Er verstand dies alles nicht, verstand nicht, warum Chu, der Schweigsamste von allen, der Hab und Gut liegen gelassen hatte, ohne ein Wort zu verlieren, sich diesen Vagabunden offenbart hätte, sie alle verraten hätte. Er warf sich in der Nacht. Als er sich morgens ankleidete, steckte er ein kurzes breites Messer in seinen Tabaksbeutel am Gürtel; wenn es sein müßte, wollte er den Sendboten bei den Laugetöpfen beseitigen. Chen war nichts weniger als totschlaglaunig; diese Sache erforderte ein augenblickliches Eingreifen. Um keinen weiter zu belasten, suchte er seine Freunde und Gildengenossen nicht auf. Er zündete Räucherkerzen an vor der Ahnentafel in seinem Wohnzimmer, gelobte hundert Täls zum Bau einer Pagode beizutragen, wenn diese Angelegenheit gut abliefe, rief seine Träger.
Seine Sänfte trug ihn bis an die Abzäunung der Felder. Dann schleppten die Träger zu zweien große eigentümlich geformte Tonkrüge mit einer bleischweren Masse gefüllt hinter ihm her, setzten sie auf seinen Ruf neben eine der flachen Laugeschalen ab, die groß wie ein Zimmer war. Eine schwarzbraune Flüssigkeit bedeckte ihren Boden, atmete einen zusammenziehenden ätzenden Dunst aus. Die Träger schickte Chen weg mit einer Handbewegung.
Wang kam, hockte auf Chens Wink neben ihn vor der Schale nieder. Beide wanden sich dünne Seidenschals, die neben Chen lagen, vor Mund und Nase.
Wieviel sie auf den Nan-kubergen seien?
Hundert, als er wegging, jetzt vielleicht vierhundert, vielleicht tausend.
Warum so ungewiß, vielleicht vierhundert, vielleicht tausend? Wodurch könnten sie sich so rasch vermehren?
Sie seien einer Ansicht. Sie litten alle viel. Sie beschützten sich gegenseitig.
Noch einmal, wer er sei, woher er stamme, welche Rolle er bei ihnen spiele?
Er heiße Wang-lun, sei der Sohn eines Fischers, aus Hun-kang-tsun im Distrikt Hai-ling, Schan-tung, gebürtig. Er führe sie; er hätte ihnen geraten, nichts zu tun gegen Bedrückungen, sondern als Ausgestoßene zu leben ohne Widerstand gegen den Weltlauf.
Was er damit bezwecke, der Führung, dem Raterteilen, was er mit alledem bezwecke? Warum sie sich denn nicht einfach in die acht Himmelsrichtungen zerstreuten, so lebten, ganz so lebten, wie er meine und wie es ja wohl entsprechend sei; statt sich zusammenzutun, die Aufmerksamkeit der Ortsbehörden auf sich zu lenken, Schutz fremder Genossenschaften zu verlangen und all das.
Wer sich zerstreue, verkäme, meinte Wang. Auch er hielte es für gut, daß die Brüder zusammenhielten; sie wären sonst in Kürze wieder Mörder, Seeräuber, Frauenschänder, Einbrecher. Es sei nicht genug, Wegelagerer zu sein, sondern man müsse wissen, auf welchem Wege man zu lagern habe.
Jetzt erst befiel den entschlossen dasitzenden Kaufmann ein Erstaunen. Er betrachtete den Mann neben sich, der ruhig Antwort erteilte und immer in die schwarzbraune saure Galerte blickte.
„Du hast deine Lauge vier Tage lang stehen, Chen. Es genügt nicht, daß du den Kies, den wir aus der Grube holen, wäschst. Du hältst die Lauge tagelang unter dem Sonnenlicht. Ein Kristallschwefel nach dem andern schießt auf, je mehr das Wasser abdunstet. Gieß deine Lauge in einen Bach: es wächst kein Kristall, Chen.“
An den nächsten Tagen stundenlange Unterhaltungen der beiden. In der letzten spielte Wang seinen Trumpf aus; daß er wohl den Schutz der Weißen Wasserlilie für seine Brüderschaft erbitte, aber nicht mit leeren Händen komme. Denn er bringe dem Bund ein ständig wachsendes Heer, auf das Verlaß sei. Wenn man die Saiten des Juch-kin zu stark spanne, hören sie auf zu klagen und zu tönen, springen wie ein Schwärmer um Neujahr dem Spieler an die Wange, pfeifen eine blutige Strieme hin.
Schwer entschloß sich Chen am Spätabend des vierten Tages Freunde zu sich einzuladen zu einer Mahlzeit auf den folgenden Tag. Und nachdem sie, sechzehn an der Zahl, drei Stunden diniert hatten, viele seltene Gemüse, Krebsschwänze, Pasteten, Hahnenköpfe, Hammelklößchen, gedünstete Nudeln, nachdem das zarte Gebäck, die Weine, Liköre und der Essig von den kleinen Tischen geräumt waren, mußte Chen seinen rauchenden Freunden von dem seltsamen Bettler aus den Nan-kubergen in Tschi-li erzählen.
Er erzählte erst scherzweise, anekdotenhaft von ihm, dann als die Gäste auf andere Dinge übergehen wollten, hielt er fest, und plötzlich war der Ton ihres Gespräches, nach ganz unmerklichen Wendungen, geändert, und das Gurgeln der Wasserpfeifen ließ nach. Es trat alles ein, was Chen gefürchtet hatte. Es gab Lachen, Entrüstung, Befremdung über seine Rolle; bei manchen, den klügeren, Angst und Versteinerung.
Sie saßen um die kleinen, dicht aneinander geschobenen Tische in dem prunkhaft erfüllten Wohnzimmer. Bunte Teppiche und Bambusmatten wärmten den Fußboden. Dunkel gebeizte Holzsäulen, zwei Reihen, stützten eine fein gefelderte Decke, von der eisengetriebene Lampen und Laternen herunterhingen an den Füßen von Greifen, aus den Mäulern von Drachen. Fleckige Orchideen lagen an jedem Platz. Ein ausgezogener prachtvoller Wandschirm verkleidete den Achtgenientisch an der Hinterwand des Hauses vor dem Hausaltar. Ein ungeheurer meterhoher Prunkspiegel war nach der Wand zu gedreht und zeigte auf seinem glanzigen schwarzen Holz Reiher, die über Wellen hinziehen, auf Felsen am Ufer sitzen, ganz klein am Firmament gegen Sonnenstrahlen auffliegen.
Chen-yao-fen saß in einfachem schwarzen Seidengewand unter seinen bunt geschmückten Gästen. Sie naschten Süßigkeiten, schluckten aus winzigen Teetassen, brachen Nüsse. Sie genossen die Weichheit und Leichtigkeit der Stunde, warteten auf die Schauspielerinnen, die Chen aus der Stadt zu mieten pflegte, und waren gar nicht geneigt, an Bettler aus den fernen Nan-kubergen zu denken. Als dann der Name Chus fiel, und daß Chu in den Nan-kubergen anscheinend von ihnen gesprochen hatte, wurde die Erregung, das Aufspringen, das Drängen um Chen allgemein. Das Klappern der feinen Bonbonschälchen hörte auf. Sie scharten sich an dem Wandschirm vor Chens Hausaltar zusammen.
Pelien-kao, die Weiße Wasserlilie, tagte.
Die Flüche auf Chu wurden laut. Man wollte Näheres, Näheres, Näheres wissen. Was denn, wie denn, warum denn? Die Erklärungen Chens wiederholten sich; man sollte die Anhänger der Wasserlilie in Tschi-li orientieren, auf die Entwicklung der Dinge aufmerksam machen, sie veranlassen, ihren Einfluß geltend zu machen, daß nichts gegen den neuen Bettlerbund geschehe, die Bettler im schlimmsten Fall selbst aufnehmen und verbergen.
Durch den heftigen Widerspruch der andern wurde Chen, der nicht ganz sicher sprach, gereizt, sprach mit großer Kraft und nicht ohne Spitzen. Man trennte sich auf das Verlangen vieler, die sehr bestürzt waren, kam überein, sich abends noch einmal zu treffen.
Es war Furcht, was die meisten dieser sechzehn Männer beherrschte. Ihre Sache sollte plötzlich ein Gesicht bekommen. Plötzlich: das war das Wesentliche; ohne Not, ohne Grund. Die Regierung Khien-lungs dauerte lange. Der Kaiser hatte eine harte, nicht ungerechte Hand. Es war gefährlich, aussichtslos gegen ihn Aufruhr zu erheben. Es war nicht die Zeit.
Abends flackerten die bunten eisengetriebenen Laternen und Lampen von der getäfelten Decke. Die Vorwürfe, die einzelne gegen Chen vorbrachten, waren heftiger als mittags. Daß er sich eingelassen hätte mit diesem Sendling, statt einem raschen Mann fünf Schnüre Käsch zu geben, dazu ein kleines scharfes Messer. Einer jammerte, weinte, gab sich und seine Familie verloren.
In der Finsternis schlug mit einem verabredeten Zeichen Wang an die Hintertür des Hauses. Neben dem Altar kam der große lumpenbekleidete Mensch hinter dem Wandschirm hervor, stand unter den erregten Kaufleuten. Er sagte fast wörtlich, was er Chen erzählt hatte. Als sie in ihn drangen, berichtete er, wie sie vom Berg laufen mußten, die armen und kranken Männer, die mit ihm auf dem kahlen Nan-kugebirge wohnten. Er sprach, als ob es ihn nicht beträfe. Einigen von den stolzen Kaufleuten kam der Gedanke: man füttert diesen verhungerten Burschen aus und schickt ihn mit ein paar Täls nach Hause. Sie beruhigten sich bei seinem Anblick, den sie genossen. Er sah wahrhaft nicht ängstlich aus, sie lächelten leise und nickten sich mit den Köpfen zu. Es mag sein, daß es ihm und den andern schlecht ging; die armen Teufel sollten nicht verkommen, keineswegs. Aber wozu dieser Lärm? Wegen ein paar Hungerleider bemüht man nicht Kaiser und Zensoren; wenn der Hwang-ho übertritt, kommen in einer Stunde zwanzigtausend Menschen um, und das Reich zittert nicht, und der Himmelssohn fährt sich nur einmal fragend über die Stirn. Es war ein Irrtum Chus, die Weiße Wasserlilie für eine Wohltätigkeitsanstalt zu halten. Wer wußte, was Hunger und entartete Gesellschaft aus ihm gemacht haben.
Die Erregung flaute ab, das Kopfschütteln wurde allgemein. Sie unterhielten sich miteinander, während Wang diesem und jenem Auskunft gab. Es war lächerlich dieses Argument, daß sich ihnen Scharen kräftiger Menschen anschlössen, wo sie doch nicht wußten, was mit ihnen tun. Man ließ sich nicht von hundert, von tausend Menschen hinreißen zu Dingen, die man nicht billigte.
Wang schwitzte, wischte sich nach Bauernart mit dem Handrücken Nase und Stirn, verbreitete unter die exquisiten Parfüme den beleidigenden Geruch der Landstraße. Er begriff die Lage völlig. In Chen, der gewohnt war zu befehlen, stieg der Zorn über seine Brüder auf, die sich in einer ihm unfaßlichen Weise abwandten, als bestünde keine Gefahr für sie, untereinander schon plauderten und herumgingen, als überließen sie den Mann und seine Sache ihm. Wangs und Chens Blicke begegneten sich.
Plötzlich lächelte der große zerlumpte Mensch, als er über die feinen Konfitüren auf den fünf runden Tischchen inmitten des Saals blickte. Pfiffig verbreiterte sich sein Mund, die gelben Zähne traten hervor; er drehte grinsend den Kopf nach beiden Seiten, indem er langsam unter höflichen Verneigungen die plaudernden Herren zerteilte und mit der Hand über eine gefüllte Porzellanschale fuhr, wie man das nackte Köpfchen eines Säuglings streichelt. Er hockte auf einem geflochtenen Schemel neben den Tisch nieder, aß mit feuchtem Schmatzen die Schale leer. Die Herren hinter ihm gurrten, kicherten, lispelten, stellten sich in kleinen Gruppen um ihn herum, boten ihm von einem Nachbartisch eine neue Schale, die er dankend abnahm. Er erzählte, wie schön und ausgewählt der Geschmack dieser Bonbons sei, nahm auf den Rat der Herren besondere Stücke aus der Schale und aß. Chen stand am Wandschirm still; die Blicke der lächelnden Herren kreuzten sich; man blinzelte sich an; es wurde vergnüglich.
Dann ließ Wang seine Beine herunter, ging um sein Tischchen herum und nötigte einen feinen Herrn, der ihm am freundlichsten Stücke angeboten hatte, — es war der jüngste, eben der, welcher sich über die neuste Wendung der Sache herzlich freute —, sich auf seinen strohgeflochtenen Schemel zu setzen. Der Herr ging amüsiert mit um das Tischchen, drehte aber vor dem Schemel, stehen bleibend und sich verfinsternd, den Kopf zur Seite und wandte Wang den Rücken. Der sprang vor ihn unter vielen Verbeugungen, wies mit unverändertem Lächeln auf den besetzten Tisch, pries die auserwählten Süßigkeiten. Als der Herr kalt ein paar Schritte an ihm vorbeiging, folgte Wang mit entzücktem Kopfnicken, bot ihm den Arm zur Stütze und die Schultern, um ihn zu dem Platz zu führen an dem Tisch mit den ganz unübertrefflichen Bonbons. Der streifte wortlos mit einer raschen Handbewegung Wangs Ellenbogen. Da umfaßte ihn seufzend der knochige Bettler aus den Nan-kubergen von hinten, trug ihn unbekümmert um sein kinderhaftes Schreien und Strampeln an den Schemel, setzte ihn mit einem Krachen darauf, drückte ihm die aufstrebenden Schultern herunter. Mit dem linken Arm umschlang er dem Herrn von hinten den Hals. Er wandte das wutkalte Gesicht nach allen Seiten, in Fischerplatt drohend, hielt in der rechten Hand das schmale fein ziselierte Messer, das der Herr zum Schmuck an seinem Gürtel getragen hatte, im Kreis um sich schlagend. Immer wieder lud er den jungen Herrn ein, zu fressen; bis der, gedrängt durch die halblauten Zurufe der andern, einen Bonbon nahm und schluckte. Wang zog seinen Arm von dem Hals des Mannes, rekelte sich offen und gähnte. Er spuckte einem fettleibigen älteren Herrn, der in der Mitte des Saales ganz allein erstarrt stand, den halbzerkauten Rest einer Dattel auf die bemalten Schuhe. Er begrüßte unter Totenstille den Hausherrn, den hohen ernsten Chen-yao-fen im schwarzen Seidenkleid, verneigte sich grinsend, versprach morgen wieder die Ehre des Empfanges zu erbitten, schlich um den Wandschirm und war zur Tür hinaus. Das Messer des angefallenen Herrn klirrte, geworfen gegen den Ebenholzrahmen des Wandschirmes.
Chen war der einzige, der während des Spiels alles erfaßt hatte; aber auch die andern, sofern sie nicht vor Bestürzung ohne Gedanken dastanden, wußten etwas Neues, was nicht sich deckte mit ihren Gesprächen. Es krachte im Zimmer, ein dumpfes Aufwuchten; der junge Herr war von dem Schemel, auf dem er noch hockte, ohnmächtig hintenüber gefallen; der umgestürzte Schemel lag halb unter seinen Beinen. Man lief zusammen, bemühte sich um den Bewußtlosen, der plötzlich erbrach, bald die Arme bewegte, sich hoch richtete und die trüben Augen zwinkerte. Es kam zu keinem lauten Gespräch. Die reichen Herren stellten, als wären keine Diener im Haus, peinlich die Ordnung im Zimmer wieder her, beseitigten mit seidenem Schal das Erbrochene. Man ging hin und her.
Chen-yao-fen, mit energischer klarer Stimme, sagte, es würde ihn beglücken, wenn die kostbaren Herren morgen oder in den nächsten Tagen wieder den Fuß über seine verwahrloste Schwelle setzen würden; heute bäte er sie nur noch, bei ihm zu speisen. Einer nach dem andern dankte; man konnte sich schwer trennen, schurrte zerstreut zu den Sänften.
Wang berührte mit keinem Wort den Vorgang in Chens Wohnung, als er den Kaufmann am folgenden Tag auf den Schwefelfeldern traf. Er setzte ihm auseinander, daß kein Mißverständnis darüber herrschen möge: die Brüder aus den Nan-kubergen bäten um keinen Schutz, sondern um Anerkennung und Brüderschaft. Sie seien an sich stark, aber sie könnten gefährlich werden: und dies sollte verhindert werden. Während sie Zusätze zur Lauge in die Pfannen gossen, drang Chen tiefer in die Vorstellungen Wangs ein; seine Ansichten über die Armut, sein Glauben an die goldenen Buddhas wurde ihm deutlicher; er dachte, während er sich vor den blauen Dämpfen das Gesicht mit dem Schal einhüllte, über das Tao, jenen starren unbiegsamen Weltlauf nach, der Anfang und Ende von Wangs nicht ganz klaren Gedanken war. Es waren Schwärmer, die unter der Not, den Behörden, den stolzen Kung-fu-tseanhängern bald Entsetzliches leiden würden. Das heimische alte Tao klang ihm so freudig aus Wangs Gesprächen entgegen.
Als sie nach stundenlangem schweigenden Dahocken und Rühren aufstanden und Chen die Hände schwang, wußte Wang, daß er die Weiße Wasserlilie gewonnen hatte.
Zweites Buch
Die Gebrochene Melone
Durch das westliche Tschi-li puffte der Name Wu-wei sanft wie ein Schwärmer; Schwirren, Verhallen zwischen Bergtälern.
Durch das westliche und südliche Tschi-li ging ein Ziehen, ein rheumatisches Unbehagen, im Arm, in der Schulter, über den Fußrücken, schmerzhaftes Zucken in einem Zahn, Nervenstechen über dem linken Auge.
Das westliche und südliche Tschi-li fühlte in diesem Frühjahr den warmen beunruhigenden Dampf um die Nan-kubettler.
Aus den Hundert, die das Dörfchen Pa-ta-ling verließen, waren nach ein paar Wochen mehrere Tausend geworden. Was man Vagabunden, Straßendieben, Verunglückten zutrug, war nichts als das Eingeständnis der Not. Es hieß nicht mehr wie in den Nan-kubergen: Wang-lun, der lange gefährliche Kerl aus Hun-kang-tsun in Schan-tung, hat sonderbare Sachen von den goldenen Fos erzählt; er hilft uns, er kann zaubern, wir wollen mit ihm zusammengehen. Die Menge predigte für sich. Entfernter wohnende Dorfleute, Pilger bis in die Ebene hinein hörten von den vielen Menschen, die Pa-ta-ling nach dem strengen Frost verlassen hätten und sich bettelnd, arbeitend, betend nach Süden vorschoben. Zuerst wurde behauptet, es handle sich um die Vagabunden und Strolche, welche die Pässe zum Wu-tai-schan unsicher machten; rasch verschwand dieses Gerede. Von Wang-lun erzählte man, er sei nach dem Kun-lungebirge auf einem blauen Pferde geritten, um der Kaiserin des Westlichen Paradieses die Gründung ihres Bundes anzuzeigen. Er sei nach Schan-tung gewandert, um das Goldwasser und die Perlen des ewigen Lebens zu holen. Diese Meinung erhielt sich am längsten. Man entwarf nach den Erzählungen der älteren ein sonderbares Bild von ihm. Man stellte ihn sich vor als einen sanftmütigen Mann, der mit ungeheurer Körperkraft begabt war, mit der er nichts anzufangen wußte. Von Zeit zu Zeit befielen ihn starke Dämonen, die er zu bezwingen gelernt hatte, da er eine furchtbare Zauberformel brauchte. Er hatte ein gutes Herz für die armen Ching-yin, sie sollten alle an seinen fabelhaften Gaben teilhaben.
Wang-lun hatte seinen Schatten hinterlassen, in dessen Dunkel der Bund lag. Ganz von selbst wurden ein paar Männer in den Vordergrund geschoben, an die sich die Menge hielt. Zwar schwang sich einer und der andere auf, aber dies geschah nebenbei. Jeder empfing seine Rolle.
Ngoh, aus Ta-ku in Tschi-li gebürtig, war durch seine Geschicklichkeit im Reiten und Bogenschießen und ein feines Wesen trotz seiner dreißig Jahre schon zum Jo-ki einer oberen Bannerschaft aufgerückt. Er trug mit Stolz, ohne zu prunken, den Mondstein auf der Mütze, die Tigerkatze im Brustschild; wenn er beim Schachspiel die weiche rechte Hand hob und der Perlmutterring am Daumen matt schimmerte, so wußten seine Mitspieler nicht, welche starke Seele ihnen gegenüber saß. Er hielt jahrelange Freundschaft mit einem weibisch geschminkten Schauspielerknaben, einem jungen Herrchen, wie man sich ausdrückte. Der Kaiser schätzte Ngoh sehr, wie Khien-lung überhaupt eine Vorliebe an den Tag legte für feine elegante Männer, die nicht widersprachen, gut turnen und schießen konnten, Sprödigkeit und Härte besaßen.
Infolge der Unerschrockenheit, die Ngoh bei einem damals vielbesprochenen Vorfall zeigte, kam er in den inneren Höflingsbetrieb der Roten Stadt zu Pe-king hinein. Er war mit seiner Abteilung gegenüber dem oberen Stadttor stationiert, wo auf den breiten Wassergraben, der die Kaiserstadt umzieht, das Tor des Wu-ti führt. Dicht an diesem Teil der Mauer, so daß Ngoh und seine Mannschaften von ihren Wachtürmen herüberblicken konnten, lagen die Paläste der kaiserlichen Frauen und der Nebenfrauen. Es verbreitete sich einmal im Herbst, zu einer Zeit, wo das Wasser des Grabens mit Fröschen, Fliegen bedeckt ist, das Gerücht, daß das kleine Kind einer Nebenfrau an Krämpfen gestorben sei, und ihr anderes Kind, ein junger Säugling schon krank liege. Ärzte und Priester bemühten sich, den Fieberdämon aus dem Kind zu bannen, das viel weinte, aber nicht den Namen des Dämons verriet.
Durch ein lautes Geschrei mehrerer Frauen wurde eines Nachts die Wache Ngohs alarmiert; in die Gärten eindringend bis vor den Pavillon der Nebenfrau, hörte Ngoh, daß man im Pavillon eben den Dämon des kranken Kindes gesehen hätte in Gestalt einer kleinen Fledermaus, welche der Mutter ins Haar schoß, dann über das hitzige Gesicht des Kindchens flatterte und zur Tür hinausfuhr. Ngoh erkannte aus der Beschreibung, an der Größe des Tiers, der weißlichen Bauchfärbung und aus der Richtung des Fluges, daß es sich um einen Schatten handele, den er selbst öfter an dem Wassergraben beobachtet hatte, in Gesellschaft einer Libelle und zweier brauner Kröten. Er postierte vor das Tor des Wu-ti zu Einbruch der nächsten Nacht sechs beherzte Männer seiner Truppe, die er mit Schilden, Pfeil und Bogen bewaffnete; er selbst stellte sich vor den Eingang des bedrohten Pavillons mit einem nackten Schwert.
Am Ende der ersten Nachtwache sahen die sechs Männer etwas aus dem Wasser aufschwirren; sie schossen ihre Bogen ab; die Frauen, durch den Lärm geängstigt, ließen Brander auf Brander los, um das Gespenst zu verscheuchen; weiß und grün strahlten die Raketen durch die finsteren Gärten. Der Dämon, nur geblendet, drang durch, umflog die Zypressen; Ngoh sah ihn in dem Licht eines Branders wie betäubt heranflattern. Er hieb auf ihn zu; man hörte ein Quaken und Kreischen. Die Bestie wandte sich, flog zurück. Ngoh verfolgte sie brüllend, mit dem Schwert fechtend; sie kamen vor das Haus des kaiserlichen Musikmeisters, eines Eunuchen; im Nu war die Bestie über der Mauer des Hauses verschwunden. Als noch die Frauen angelaufen kamen und das Licht der zitternden Lampions zunahm, erwachte drin der Beamte, trat im Nachtgewand erstaunt vor die Tür, fragte, was geschehen wäre. Ngoh schrie: „Der graue Fledermausdämon ist hinter deine Mauer geflogen.“ Entsetzt lief der schwerfällige Mann mit Ngoh und anderen in das Haus hinein; als sie schon in alle Winkel geleuchtet hatten, schlug sich der Musikmeister vor die Stirn, flüsterte, sie sollten einmal rasch neben dem Ofen im Wohnzimmer suchen.
Und da saß ein kleines Weib mit grünen Augen, der das Blut aus der Brust tropfte, mit dem Gesicht eines Affen. Sie war grau und sagte, sie wüßte nicht wie alt sie wäre. Man fragte sie näher aus, hielt sie an den Händen fest. Tu-schi, der berühmte Beschwörer der Roten Stadt, der sich diese Nacht bei dem bedrohten Pavillon aufgehalten hatte und mit in das Haus gedrungen war, gab ein Warnzeichen den Leuten, welche die graue Hexe hielten; aber es war zu spät. Sie hatte sich in eine schwarze Katze verwandelt, zerkratzte den Männern Hände und Arme. Tu-schi warf sich über sie; im Augenblick, als er über sie fiel, hatte er sich durch einen Blick in seinen achteckigen Handspiegel in einen weißen Tiger verwandelt, zerriß die Katze. Blutend schlugen und bissen sie sich am Boden unter dem Geheul der Weiber; da schlug Ngoh der Hexe den Kopf ab.
Er stand lachend da, freute sich blutrünstig über die schmale rote Lache am Boden, während die andern durch die finstern Gänge liefen, sich zu waschen und von dem Anblick des toten Dämons zu befreien.
Das Kind der Nebenfrau war gerettet. Ngoh erhielt vom Kaiser ein Pfefferminzsäckchen geschenkt.
Bei seiner nun folgenden Tätigkeit im inneren Hofdienst wurde Ngoh den Waffen rasch entfremdet; er mußte sich in die Intrigen, die Klatschträgerei, die Eunuchenatmosphäre einfügen. Er hatte schon eine gewisse spielerische und leidenschaftliche Richtung in sich, der er nun ausgeliefert wurde. Er verliebte sich in den vierzehnjährigen Jungen einer armen Gärtnerswitwe, namens King-tsung, stattete den Jungen völlig aus, nahm ihn zu sich in seine Wohnung, machte viele und feine Gedichte auf ihn. In den Zimmern des ehemaligen Soldaten lagen Schminktöpfe, Parfümflaschen, gestickte Überwürfe herum; der eitle Knabe, der ein weibisches Wesen hatte und nicht ohne gewisse Grazie war, lag auf den Knien des Dämonenbezwingers und ließ sich lächelnd von dessen demütigen Lippen küssen und Konfekt reichen.
Sie liebten sich, bis der Junge, der in seidenen Kleidern wie ein Prinz stolzierte, behauptete, Ngoh schenke einem andern Knaben mehr als ihm und davonlief. Tagelang weinte Ngoh fassungslos auf seinen Zimmern; die Gärtnersfrau brachte den Knaben zurück, der böse Streiche bei ihr gemacht hatte. Ngoh verzieh ihm, auch als er gestand, daß ein Eunuch ihm nachstelle und daß er schon Geschenke von ihm angenommen habe. Nach und nach erfuhr Ngoh Einzelheiten von dieser Freundschaft, erfuhr, um wen es sich handle und wurde darüber so betrübt und angeekelt, daß er wieder anfing, zu bitten, man möchte ihn zum Wachdienst auf der Mauer zulassen. Er war dabei keineswegs böse über den Jungen; aber der merkte eine Veränderung in der Art seines Freundes.
Und ob er nun durch den längeren Umgang mit Ngoh feiner und empfindsamer geworden war, er wurde zusehends stiller, verfiel in Schwermut, aß wochenlang kaum, lag in dauernder Abwesenheit. Der Hauptmann verzehrte sich an dem Bett seines Lieblings vor Schmerz, verließ die langen Wochen der Krankheit die Wohnung nicht. Endlich genas der Knabe. Ihre Freundschaft glühte, sie waren sich zugetan wie nicht zuvor. Man übersah zwar in diesem eigentümlichen Kreis die Merkwürdigkeiten der Menschen, aber über die Verliebtheit des tapferen ernsten Ngoh lachte man allgemein. King-tsung war ein großer verzärtelter Bursche; der Hauptmann behandelte ihn, als wäre er empfindlich gegen einen Windstoß, fuhr ängstlich bei dem bitteren Blick des Knaben auf.
Nicht dem Hauptmann, der zu sehr in seine Empfindungen versunken war, fiel das Naserümpfen der Umgebung auf. Der Knabe, noch von seiner Krankheit reizbar, geriet in Zorn über Ngoh, der ihn zum Gelächter machte, beschloß sich von ihm zu trennen, ließ sich willig von einem andern Hauptmann, der mit ihm über Ngoh spottete, kapern. Ngoh wanderte ohne Besinnung auf den Mauern der Tatarenstadt, fiel im Palast in eine lange Ohnmacht, raste; Freunde hielten den Mordlustigen zurück. Sie beruhigten den Mann schwer, dem noch nicht die Augen über sein sentimentales Verhalten aufgegangen waren.
Als er seine Verzweiflung heruntergedrückt hatte, sann er, was tun für sich. Heer und Soldatentracht war ihm verleidet; in der Roten Stadt mochte er nicht bleiben. Er ließ sich an das Flußtransportamt zu Süen-kwa am Yang-ho versetzen. Hier brachte er in eifriger Tätigkeit, mit Reiten, Segeln, Versemachen seine Zeit hin, wurde auf seinen Wunsch weitere drei Jahre da belassen, rückte in eine höhere Stelle auf, steigerte den Verkehr und die staatlichen Einnahmen während seiner Amtszeit nicht unerheblich.
Nach Schluß seines Dienstes in Süen-kwa machte er noch eine kleine Reise zum Besuch eines Oheims in Ta-tung; von dieser Reise kehrte er nicht wieder; man mußte ihn, nachdem er ein halbes Jahr gesucht war, aus den amtlichen Listen streichen. Es wurde ein Verbrechen der Nan-kuräuber angenommen. Aber Ngoh war zu den Wahrhaft Schwachen gegangen, eben in dem Augenblick, als sie aus dem Dörfchen zogen und Wang-lun sie verließ.
Dies war für die sonderbare Gesellschaft, die um die Schönn-i genannten Klippen herumpilgerte, um ostwärts nach dem berühmten Nan-kupaß zu wandern, der erste Augenblick des Schreckens und Staunens, als ein einsamer eleganter Mann auf seinem Maultier hinter ihnen trabte und mit zweien von ihnen zu plaudern anfing. Sie zogen durch das lange schmale Tal; der Reiter folgte. Ngoh folgte in einem unsichern Gefühl; es war im Grunde der Anblick eines jungen Burschen, den er mitten in dem Zug bepackter und zerlumpter Vagabunden erblickt hatte, der ihn fesselte und beunruhigte. Er wußte nicht, daß dieser Bursche eine Ähnlichkeit mit seinem treulosen Freund in der Roten Stadt hatte. Die Männer erzählten vieles; es schienen Sektierer zu sein, die den Behörden zur Last fallen würden. Mittags lagerte er, lachend über sich, aber irgendwie froh, hoffnungsfroh, unter den Gesellen, die ihn wie ihresgleichen behandelten.
Es war eine tolle Umgebung, in der er sich befand, er war beruhigt, in nicht faßbarer Weise angelangt. Sein Oheim in Ta-tung drängte nicht; man muß die Fische fangen, wenn sie kommen; und das Wetter war voll Pracht, schwer von Schnee, wie wenn ein Kind sich über einen Abgrund bückt, seine seidenen Überhänge, dünnen Schals werden bauschig von dem Wind aufgebläht, über seinen Kopf weg, man sieht nur die wallenden Schleifen, Tücher, bunten Schwellungen, glaubt dazwischen lustige verschmitzte Augen zu sehen, schlagende Hände, und ab und zu weht wirklich ein Ingwerduft herunter an eine saugende Nase.
Ngoh in der Mandarinenmütze, braunem dicken Pelzwerk, pelzbesetzten Schuhen kauerte neben einem Teekessel am Boden; sein Maultier neben ihm; eine einzige Tasse wanderte in dem Kreise der sechs Männer; Ngoh trank mit einem starken Vergnügen. Ehe es dunkel wurde und sie in Höhlen Feuerchen schlugen, sagte er mit leiser Stimme, daß er bei ihnen bleiben möchte.
An dem nächsten Tage trat die Notwendigkeit an ihn heran, sich zu entscheiden. Ma-noh erklärte ihm vorsichtig, daß sie die Geschenke aus dem Dorf aufgezehrt hätten; es müsse jeder für sich und für einige Schwache sorgen; ob er sein Pelzwerk verkaufen und gegen Reis und Bohnen eintauschen wolle in dem nächsten Dorfe, wenn er bei ihnen bleiben wolle. Der Priester überlegte dabei, wie der vornehme Mann mit den kühnen Augen auf dem Maultier aussehen würde, wenn er in dickwattierten Kitteln wie sie ginge und die Almosenschale ausstreckte.
Ngoh sagte nicht nein; er bat sich einen Tag Bedenkzeit aus. Er verlangte nur einen Tag Bedenkzeit, weil er das Gefühl hatte, als ob er ein Nachdenken über seine Situation nicht länger ertragen könnte; er wollte hindurch durch diese Wand. Er zog sich dumpf in sich zusammen. Die Gelehrsamkeit des Menzius hatte ihm nichts genützt, die Lieder des Schi-king kannte er auswendig mit ihren Kommentaren. Sie hatten nicht verhindert, daß ein großäugiger Knabe mit schlanken Beinen ihn verriet, ihn verhöhnte.
Brüllend brach es da wie ein Tiger in ihm aus, lief auf dem Wege vor ihm her; er könnte in starrer Wut zuschlagen, wenn er nur ein Schwert in den Händen hätte. Es sprang ihn wie ein Tiger an, den er mit gespreizten Fingern erwürgte, eine halbe Stunde als Leiche vor sich in den Händen hielt und schlenkerte. Ein großäugiger Knabe mit rotgeschminkten Backen; King-tsung. Er rang mit ihm, legte sich atemlos an die eisige Erde. Man ließ ihn still liegen.
Er kaute heftig, kaute mit zusammengeschlagenen Kiefern, so daß er das Spiel seiner Backenmuskeln fühlte, betrachtete angestrengt zwei grüne kantige Steine, die aussahen wie rohe Jade.
Aber es war doch unwahrscheinlich, daß sich hier rohe Jade auf dem Wege finden ließ; vielleicht hatte sie einer verloren.
Aber es war rohe Jade; hier handelte auch niemand mit rohen Jadesteinen.
Ngoh griff vorsichtig an seinem Mund vorbei nach einem und dann nach dem andern, fühlte sie in der geschlossenen Hand ab, wollte sie jedenfalls aufbewahren, in Süen-kwa, wo gute Steinschleifer wohnten, bearbeiten lassen.
Wenn sie gerieten, könnte er sie an einer Gürtelschärpe anbringen lassen in einer Weise, die er sich schon vor einigen Jahren ausgedacht hatte, zwischen einer grünen und lila Stickerei.
Ja, das konnte man mit diesen merkwürdigen Steinen machen.
Die beiden letzten Männer des Zuges bogen um eine Ecke der winkligen Straße, sie ließen sich beim besten Willen nicht mehr erblicken. Sie gingen jetzt vielleicht geradeaus, dann rechts und links, rechts und links.
Ngoh suchte.
Sie gingen vielleicht rechts und links.
Diese schneeschwere Luft, dieses neblige Grau an den kahlen Hängen, fuderhoch über dem Geröll, über das man trat, diese weiche gespenstige Masse, die sich nicht ausschütten und reinigen wollte. Man konnte sie mit den schaufelnden Armen nehmen, sich an die Ohren drücken.
Plötzlich fiel ihm ein: „Lotosblumenlampen, Lotosblumenlampen, heute zünden wir euch an, morgen seid ihr abgetan.“ Das Kinderlied flimmerte beharrlich in ihm und ermöglichte ihm, den linken Arm aufzustemmen, die Knie zu biegen, das linke Bein vorzustellen, zu gehen. Und schon bog er selbst um die Ecke des Weges, lief, so rasch er konnte, hinter dem Zuge her.
Er schloß sich vier Männern an, von denen einer, ein buckliger mit sehr klugem mageren Gesicht, vorgewölbten Augen, aus einer Sutra vorlas, langsam, so gut er bei seiner Atemnot konnte. Ngoh hörte auf das alberne Gewäsch. Die vier Männer kniffen aufmerksam Stirnen und Lippen zusammen. Der Fremde mischte sich nicht ein. Zwei grüne kantige Steine drehte er in den Händen her und hin, hob sie vor den Buckligen mit dem Sutrablatt, fragte, ob er glaube, daß dies Jadesteine wären. Der sah ihn an, dann prüften die vier ernst die Stücken, rieben sie gegeneinander, leckten mit der Zungenspitze daran. Sie schüttelten nacheinander die Köpfe; der Bucklige gab mit Ausdrücken des Bedauerns die Steine zurück.
„Ich wollte mir“, sagte Ngoh nachdenklich mit ihnen marschierend, „eine Schärpe mit grünen und blauen Stickereien machen lassen; daran sollten die Steine angebracht werden in einer Weise, die ich mir vor einigen Jahren ausgedacht habe. Aber wenn ihr meint, daß es keine echten Jade sind, so werde ich mir keine Schärpe machen lassen.“
Der Bucklige hob sein Sutrablatt, strich ein Quadrat in der Gebetspyramide darauf mit Holzkohle aus. „Wir wollen noch einmal die Sutra lesen von der Kleinen Überfahrt.“
Ngoh ließ den Tag bis auf den letzten Tropfen der Wasseruhr verrinnen.
Es war ein schöner, einhüllender Abend.
Er gelobte die Armut, die Ruhe, das Nichtwiderstreben. Verlangte keine Versuchszeit, flüsterte, er schlösse sich ihnen an; dabei machte er eine kühle abweisende Bewegung, eine einsargende glättende Bewegung.
Der sehnige Mann stand am nächsten Tage um dieselbe Zeit des Sonnenuntergangs dreißig Li von der Felsenkammer entfernt, in der Ma-noh ihm seine zobelverbrämte Mandarinmütze abnahm, den kostbaren langen Pelzmantel auszog. Er sah ärmlich aus wie alle. Die Männer kauerten auf dem grasbewachsenen weichen Waldboden; sie schöpften Hirse und Hundereis aus Kesseln, tunkten in Näpfe mit Essig.
In zwei drei Tagen war die Ebene erreicht; da mußte man sich trennen bei Tag, betteln. Die Städte kamen, Pe-king kam.
Ngoh hörte auf das metallene Klappern der Näpfe, Gefäße, Eßstäbchen.
Er schloß mit einem harten Ausdruck die Augen. Er schnappte krampfhaft Luft, saß gerade da.
Die auffälligste Wandelung der nächsten Wochen bewirkte der Zustrom von Frauen und Mädchen, der bald, nachdem man in die Ebene stieg, einsetzte. Wang-lun hatte gesagt, es sollte niemand, der Mensch war, von ihnen zurückgewiesen werden; wenn Frauen kämen, sollten sie getrennt von ihnen sich aufhalten, getrennt lagern; man sollte sich nicht durch Lüste in das Fieber des Daseins stoßen lassen; geschähe das öfter, so sei es besser, man schließe die Frauen aus. Dies war klar, und daran hielt man sich. Es war niemand gezwungen, bei den Wahrhaft Schwachen zu bleiben; wer glaubte, die Wanderung über die Erde ohne ihre kurzen glühen Süßigkeiten nicht zu ertragen, durfte umkehren.
Jenseits des Liu-li-ho kam Liu, ein tüchtiger etwas zappliger junger Mensch, der ein schwatzhaftes gutmütiges Wesen hatte, mit einer älteren Frauensperson nach einer zweitägigen Abwesenheit an. Man wollte für ein paar Tage in dieser sanftwelligen Gegend bleiben, traf sich abends in den verlassenen Ställen eines reichen Stierbesitzers unfern einer schlecht gepflegten Pagode. Daß ein Weib da war, sprach sich herum; daß Liu es mitgebracht hatte, erregte allgemeines Schmunzeln; zweifellos hatte sie ihn bewogen, sie zu heiraten.
Es war die kinderlose Witwe eines Teewirtes, die mit ihren schwarzen Pumphosen, schmutzigem Kittel und einem vergrämten breiten Gesicht vor der Stalltür erschien, nach allen Seiten Verbeugungen machte, süßliche Mienen zog. Sie hatte sich einsam gefühlt. Als ihr Liu unaufgefordert bei der schweren Arbeit half, beim Wasserschöpfen und Eimertragen, glaubte sie, er mache sich lustig über sie, war dann geschmeichelt, hörte sein maniriertes Gerede an von Wang-lun, von den Nan-kubergen, und daß sie in keine Klöster gingen, sondern überall auf den Straßen und Feldern wohnen würden. Und welch Zauberer Wang-lun sei; sie hätten so viel, so viel zu erwarten.
Die Witwe sah den jungen Liu, klagte ihr Los; Liu half, redete dies und das. Sie gab ihm ihr Zimmer zur Nacht, indem sie erzählte, sie hätte ein anderes; saß die Nacht auf dem Feld ihres Herrn in einem Schober, dachte, ob sie versuchen sollte, ihn zur Heirat zu bewegen.
Verführungskünste, die sie am nächsten Morgen beim Betreten ihres Zimmers übte, mißlangen; Liu merkte nichts; sie kam sich dumm vor.
Dann gab es ein Wetteschnattern zwischen beiden; sie fragte nach allen Männern an der Pagode, Liu antwortete, sie fragte, wiederholte, Liu wiederholte.
Als der zapplige Junge abends mit einem kleinen Reissack am Arm gehen wollte, nahm sie einen zweiten Reissack, sagte, sie würde mitkommen. Worüber Liu nicht erstaunt war, sondern erklärte, dies sei sehr schön, dann könne er ihr über Ngoh und Chu noch weiter erzählen; Ngoh sei nämlich ein erstaunlicher Mensch und werde bald mit Ma-noh Führer ihres Bundes sein.
Die Witwe war froh. Unter den Männern tat man gleichgültig und zuvorkommend zu ihr; Liu, der sich nicht um die Frau kümmerte, erwarb sich allgemeines Lob, worüber er sich freute. Die Frau pflegte in der nächsten Zeit zwei Kranke, denen die Füße erfroren waren, zimmerte einen Karren für sie, dessen Teile sie zusammenbettelte.
Nach vier Tagen ging sie in das Dorf herüber, half einem Schreiner beim Sägen den hellen Tag für ein paar Käsch, erzählte Bekannten von ihrem neuen Leben, kam mit ihrer fünfzehnjährigen schönen Nichte und einem dicken asthmatischen Weib, der Ehefrau eines Schmiedes, zurück. Auch diese blieben bei den Wahrhaft Schwachen.
Die Frau des Schmiedes war kinderlos, die Nebenfrau hatte sich völlig zur Herrin des Haushalts aufgeworfen; die rechtliche Frau fühlte sich ihres Lebens nicht sicher. Sie meinte, daß die Nebenfrau ihr eines Nachts einen Werwolf aufs Bett geschickt hätte; von der Zeit rühre ihre Atemnot her. Es kam ihr überhaupt nicht geheuer in dem erbärmlichen Hause vor, das nur aus einem stallartigen Zimmer hinter der Schmiede bestand. Daß das Kind der Nebenfrau nicht von dem Schmied herrührte, sondern von irgendeinem abscheulichen Wesen, dessen Natur sie noch nicht genau kannte, war ihr sicher. Die fünfzehnjährige Nichte jener Witwe war gut befreundet mit dieser jugendlichen Nebenfrau des Schmieds. Als die Witwe kam, von den Brüdern erzählte, die Schmiedfrau hoch erregt hörte, welchen kräftigen Zauber diese Männer verstanden, verabredeten sie und beschworen sich gegenseitig, daß sie sich nicht verlassen wollten; die Frau wollte aus der Wohnung heraus, die unter bösen Einflüssen stände, später zurückkehren, wenn sie starke Beschwörungsformeln gelernt hätte bei den Brüdern. Fest entschlossen sich so zu rächen stand das dicke Weib auf. Sie erklärte aber, als sie schon an der Hinterwand der Schmiede abends standen, die Nichte ihrer Freundin müsse mit. Sie säße oft sehr lange mit der Nebenfrau zusammen; aber unter der Diele des Wohnzimmers scharre eine große Ratte, und man könne nicht wissen, was in diesem Hause entstehe zwischen dem begehrlichen Tier und dem arglosen Mädchen.
So nahm denn die Witwe, beunruhigt und kurz entschlossen, ihre Nichte, die sich sträubte, aus dem Dorf, und sie zogen zu dritt nach der Pagode. Es war in den Scheunen schon ganz still; die drei legten sich in eine Ecke auf Bettzeug, das das junge Mädchen hatte unter beiden Armen mitnehmen müssen. Frühmorgens sammelte die Schmiedfrau seufzend und zerdrückt ihre Knochen; die Nichte kraxelte wie ein Hühnchen hinter ihr her, die sich resolut bei diesem und jenem Mann erkundigte, wer am stärksten von ihnen sei und was sie tun sollte. Ein zittriger Mann, der mit einem Stock in dem Sandboden stocherte und sich ein Loch für seinen Wasserkessel wühlte, gab ihr am umständlichsten Bescheid, ohne sie nur einmal anzublicken. Sie fühlte sich sehr angezogen durch das gelassene Wesen des Mannes, der ihr überall beistimmte. Er sagte, es würde wohl bald zu Ende sein mit den Werwölfen, Nachtmahren, wenn erst viele recht tüchtig gegen sie vorgingen. Die Wahrhaft Schwachen hätten ja noch zu ganz andern Sachen Beziehung; sie werde schon noch hören, für die Bündler sei alles nur eine Kleinigkeit, zweifellos Werwölfe seien eine Kleinigkeit. Zum Beispiel Wang-lun —. Er trat ihr auf den Fuß und bat sie weg zu gehen, weil er Platz brauche.
Die Frau, hoch befriedigt, hörte zu. Ihr gefiel besonders, daß offenbar jeder einzelne, Mann oder Frau, ohne Vermittlung eines kostspieligen Wu das Nötige bewirken könne.
Die Nichte kükelte steifbeinig, mit scheinheiligen Äuglein hinter der Schmiedfrau, ratschlagte, wann sie fortlaufen sollte. Wenn sie nur nicht zu Hause saftige Schläge erwartet hätten. Vielleicht verjagte oder verkaufte man sie. Chu sah sie im Vorübergehen mit ihren tränenschwitzenden Augen, einen Schleier vor dem flennbereiten Mund. Er lachte über dies wuschlige widerspenstige Mitglied. Sie vertraute sich ihm an, um ihn auszuhorchen. Er gab ihr Bescheid, daß sie keiner holen würde. Sie ging mit drei Männern schmunzelnd fort, die er beauftragt hatte.
Nonnen, Pilgerinnen, Bettlerinnen, Verunglückte jeder Art nahm der Bund in großer Zahl auf. Um die Zeit, als Wang-lun den Westfuß des Tai-ngan umging, die Binsenruten auf den Winteräckern geschnitten wurden und der erste Regen fiel, wälzte sich der Strom der Wahrhaft Schwachen in mehreren Betten durch die westliche und südliche Ebene von Tschi-li.
Aber weder die Aufnahme der Frauen, noch die Zersplitterung wurde von so großer Bedeutung für das Schicksal der Wahrhaft Schwachen, wie die Veränderung, die Ma-noh erlitt. Dieser ehemalige Fopriester von der Insel Pu-to-schan, Sonderling und Krähenfreund auf Nan-ku, hob sich draußen mit einer fürstlichen leidenschaftsvollen Gebärde auf, begrub unter dem Wallen und Stampfen seines entfesselten Stolzes einen großen Haufen der Wahrhaft Schwachen und sich selbst in der nördlichen Ebene von Tschi-li.
In Pa-ta-ling hielt Ma-noh nur gefesselt, was in Wang vorging. Ein Gefühl aus mütterlicher Angst, Ehrfurcht, Entzücken füllte den kleinen hageren Mann. Als Wang seufzte am Morgen und allein fortzog, blieb Ma-noh in völliger Ratlosigkeit. Er saß in der kahlen Gerätekammer, betrachtete seine aufgetriebenen Fingergelenke, die Buddhas, die er vom Karren hereingetragen hatte, die armgroße Kuan-yin mit den tausend Gliedern aus Bergkristall, die auf dem Fensterbrett stand. Strolche, Diebe und Mörder waren seine Gesellschaft; es hieß wandern, wandern. Vielleicht sah man ab und zu eine Zibetkatze, gleich der fetten alten, die jeden Abend mit der gepolsterten Schnauze gegen seine Tür stieß und wie ein Sperling piepste; sie lief jetzt wohl in seiner Hütte herum, schnüffelte, oder es nistete ein Strolch drinnen, pelzte dem verdutzten Getier Steine auf. Krähen gab es überall, man wird andere Krähen sehen. Was sollte er unter den Wegelagerern? Wang war nicht mehr da. Es hieß wandern, nicht widerstreben, wahrhaft: nicht widerstreben. Das Wort hatte keinen Sinn ohne Wang. Hohl blaffte die Lehre Wangs: „Was nützt alles Toben und Ankämpfen, wenn das Schicksal seinen Gang geht? Was nützt alle Anspannung, wenn das Schicksal mit Glück, Erfolg, Krankheit, Übersättigung nichts als ersticken kann?“ Das war ein sonderbarer Feiertagsstaat für Bettler!
Mißtrauisch, in sich versunken ging er mit den andern. Er sprach an dem Tage wenig. Ihm fiel, während er träumte, die letzte Nacht ein, und er hätschelte eine schlimme Sehnsucht nach der tiefen, harten Stimme Wangs. Erst schob er selbst den kleinen Karren mit seinen überdeckten Buddhas, lehnte es bissig ab sich helfen zu lassen. Nach ein paar Li als es aufwärts ging, erlahmten seine dürren Arme, er mußte die Deichsel abgeben. Die Müdigkeit steigerte seine Ungeduld, die ganz klein, quälend rasch an seinen Muskelbündeln wie an winzigen Gitarren zupfte. Er setzte sich auf einen runden Granitblock mitten auf den Weg.
Der Zug staute sich. Ma-noh merkte nach einer kleinen Zeit, da er mit den Blicken immer stier den Schneeboden schaufelte, daß alle haltmachten. Er wollte gereizt aufspringen, den Mann an seinem Karren anfahren, wurde durch die ernsten erwartungsvollen Mienen entwaffnet, sah um sich. Er gurgelte rasch: „Weiter.“ Rümpfte beschämt die Nase. Es war lächerlich: diese Leute warteten auf seine Befehle, durchtriebene Gesellen warteten auf den Wink eines Fopriesters, um zu wandern. Wie würde der große Prior auf Pu-to lachen! Er Bandenführer, Räuberhauptmann.
Erst jetzt fiel ihm ein, daß er an Wangs Stelle stand. Aber das wollte er nicht, er brauchte selber Wang. Im Augenblick ergriff das „Ich will nicht“, das Verlangen nach Wang auf eine gewaltsame Weise seine Därme, quetschte seinen Schlund hoch, melkte seinen Speichel. Verzweifelt drückte er die Arme vor die Brust. Er kam sich rettungslos verloren vor. Sein Gehirn schwindelte, seine Haut kochte bei der Vorstellung, daß Wang auf einmal weg sei und alles sinnlos geworden, die freudige Niederlage unter ihm, der Abstieg ins Dorf, die Wanderung der Massen vom Paß. Alles durchlöcherte, entleerte seine Brust, pfählte seine Wirbelsäule.
Er stand an Stelle Wangs: diese starklaunige, plötzlich anspringende Vorstellung schüttelte an ihm.
Er roch mit einer wabbligen Übelkeit im Munde sein altes Leben. Wang konnte ihm entgleiten: was sollte er tun? Er fürchtete sich, er greinte.
Nur sich besinnen, nur sich besinnen! Wo war Wang-lun? Die Strolche und Bettler um ihn debattierten. Ma hörte die heiligen Gedanken, die Wang aus ihm gesogen hatte. Über den einfältigen Männern lag der Rausch des gestrigen Tages und der Nacht. Er sah sie an, von seinem Trübsinn verschluckt; er arbeitete sich heraus, in Furcht zurückzufallen. Die weiche Stunde zwang er sich vor Augen, in der er den schneeschweren Himmel betrachtete und Wang zum erstenmal liebte. Er wollte das noch einmal erleben, nur dieses Erlebnis hatte Schwingen.
Den Strolchen näherte er sich; wieder sah er sich mit leiser Qual in der Rolle des Lauschers, im Anschmiegen, Anlehnen. Wie sollte er Wang finden? Sie marschierten, ihnen war der Fischersohn nicht fortgegangen. Ma mischte sich schamlos unter sie. Er schmeichelte ihnen, simulierte, damit die Strolche nichts merkten. Und unversehens atmete er ruhiger, unversehens hatte ihre freudige Sicherheit die Löcher seiner Seele verkleistert. Er zog seine schwarze Mütze aus Katzenfell über die Ohren.
Das unsichere Gefühl, daß die Männer, die er führen sollte, mehr von Wang besaßen als er selbst, verließ ihn in den nächsten Wochen nicht. Er war bisweilen nicht zu bewegen, eine Auskunft zu erteilen; es versenkte ihn in eine zahnwetzende Wut; ihm schien, als ob man ihn in Versuchung führen wolle. Man wollte ihm vorhalten, wer er war. Und wieder mußte er sich zwingen und zu seinem Erstaunen gewahren, daß die Brüder an nichts dachten, ihm vertrauten. Ja lächerlicherweise eine Ehrfurcht vor ihm hatten, die sich nicht viel von ihrer Empfindung gegen Wang unterschied. Er antwortete ihnen unter schmerzvoller Hemmung. Sie wollten, so schmählich es war, ersichtlich nichts zwischen ihm und sich; Wang-lun stand nicht zwischen den Bettlern und ihm. Sie boten sich selbst, freiwillig, drängend als Objekte an. Er empfand es als Unsauberkeit, daß er diese Männer anwies, als Schändung Wangs. Mit einer peinlichen gezwungenen Lüsternheit bewegte er sich unter ihnen.
Er gewöhnte sich. Das tägliche Handeln schliff überscharfe Empfindungen ab. Genötigt, sich stündlich zu äußern, zu entscheiden, kam er rasch in die Nähe zu den Brüdern, die sie brauchten, in die des Führers. Er wirkte. Mehr als Nachdenken befreite und löste das. Er schwamm über Widerstände. Er fühlte sich gesättigt, über Zweifel gehoben. Die Stunden von Nan-ku fingen an zu verdunkeln. Hart modellierten die neuen Aufgaben an ihm.
Die Lehre Wangs sprühte Kälte. Manche Charaktere, über die sie zuerst geworfen war, mußten aufs Heftigste gegen sie rebellieren. Ungeschickte, die jede Handfertigkeit verlernt hatten bei ihrem Gewerbe auf Nan-ku, in armen Gegenden nicht das Notdürftigste erbettelten, geschlagen, tagelang eingesperrt wurden: sie fanden sich mühselig, mißmutig zurück, waren schwer zu bewegen, unter Menschen zu gehen. Ihre schiefen Blicke sagten, daß sie bald an die Arbeit gehen würden, die sie gut verstanden. Ma-noh nahm sich ihrer an; es konnte nicht im Plane Wang-luns liegen, die Hände in den Schoß zu legen, unbarmherzig verderben zu lassen. Scharf waren andere zu überwachen: der wanderte freudig herum, zog morgens munter ab, stellte sich abends ein, belebt, vergnügt, zu vergnügt; er hatte einen Sippengenossen in einer nahen Ortschaft gefunden, genoß in Ruhe seine Gastfreundschaft. Ins Riesenhafte wuchs die Arbeit, als der Zustrom schwoll und man kaum erfuhr, wer kam, Namen, Schicksal, ob der Neuling nicht gegen die drei kostbaren Regeln verstoße, die Armut, Keuschheit, Gleichmut, was er erhoffe von dem Bund der Wahrhaft Schwachen. Damals traten ohne weiteres ausgebrochene Verbrecher in den Bund, um sich zu verkriechen; man mußte sie sich vom Leibe halten oder aufnehmen, je nach ihrer Art, verstecken oder verjagen. In dem einen Falle hatte man ihre Rache zu gewärtigen, im andern Nachforschung der Ortspolizei, der Präfekturbeamten. Gelegentlich bemächtigte sich die Polizei kurzweg einiger Männer und Frauen, die sie verdächtigte, Verbrecher zu beschützen.