Einmal ließ sich der wunderbare Mensch auch herbei, zu den Frauen des kaiserlichen Harems zu gehen. Unter einem Schirm von gelber Seide saß er in der offenen Sänfte; er hielt die Blicke gesenkt, um sich nicht zu besudeln durch das Anschauen der schönen Weiber; sie erschauerten unter seinen segnenden Händen und küßten sich, als er sie verlassen hatte, glücklich ihn gesehen zu haben.
Die Zeit des Aufenthalts in Pe-king neigte sich zu Ende. Da bemerkte man, wie der Wanderer vom Gnadenberge stiller und zurückhaltender wurde. Eine Müdigkeit lastete auf ihm. Er seufzte viel; aus seinen Versenkungen erhob er sich mit leeren, eingesunkenen Augen. Man fragte ihn nicht, in keiner Weise ließ man erkennen, daß man eine Veränderung seines Zustandes merkte. Es wäre auch gegen die geistliche Einsicht gewesen, zu trauern, da es ja dem lebenden Buddha freistand, seinen leiblichen Wohnsitz zu wechseln. Man wurde von einer menschlichen Angst um den gnadenspendenden Mann ergriffen. Ihn schien etwas zu drücken. Er rückte mit einer Äußerung zu dem Tschan-tscha Chu-tuk-tu heraus, zu diesem Bücherwurm, der ihn beschnüffelte, registrierte; es sei das heiße Klima und die eigentümliche Feuchtigkeit des Landes vielleicht ungünstig; er habe Verlangen nach den schwarzen Filzzelten und den Schneesteppen. Das war nur eine einzelne Bemerkung; der Pantschen Rinpotsche schwieg sich über sich aus.
Er war nicht von der Art der Frommen, die eine Leichtigkeit, Fröhlichkeit durch die Existenz begleitet; er schloß sich wenig an Kinder und harmlose Naturen an. Beim Anblick der runden Kinderaugen fror ihn. Wo die schweren Seelen waren, bettete er sich. Da wurde ihm leicht, er fühlte sich in guter Luft; ließ sich gehen, ließ sich strahlen. Er kannte von klein auf nur die härtesten und furchtbarsten Dinge, sah sich von Schicksalgeschlagenen umringt.
Und nun, in dieses kaum vorbereitete Riesenreich verschlagen, türmte und wackelte es von allen Seiten ungeheuer über ihn her. Ohne Ende streckten sich die Länder und Menschen. In einer Verwirrung beugte er sich. In dieser Verwirrung erschien er sich als ein Bauer, der dieses Land der achtzehn Provinzen bepflügen sollte, allein bepflügen sollte. Ein unsicheres Zittern, Schwirren, tiefinneres Schwindeln berührte seine Kopfhaut, füllte sein Gehirn wie ein Schwamm. Eine große Ermüdung fühlte er im Kreuz; sein Herz und seine Lungen schienen wie aus Holz in ihm zu hängen und gelegentlich zu klappern.
Vier Tage waren schon die Tore und Höfe des Klosters Kuang-tse geschlossen. Paldan Jische war krank. Er erinnerte sich in manchen Augenblicken des Klosters, das er zuletzt besucht hatte, mit dem Liegenden Buddha. Das Bild hatte sich seinen Augen sehr eingeprägt. Er lächelte; er konnte sich mit den Beinen nicht aus dieser Stellung herausfinden. Die Ärzte, die ihn begleiteten, tibetanische und mongolische, waren noch nicht zu einer Diagnose gekommen; fünfstündlich wurde einem andern die Gnade zuteil den Puls des Kranken zu betasten.
Bis am fünften Tage das Fieber ausbrach, im Gesicht des Heiligen kleine Blütchen, zarte Pusteln erschienen und mit Entsetzen von dem Ärztekollegium des Klosters die schwarzen Blattern erkannt wurden.
Mit einmal war das Licht aus der Menge der Kardinäle, Priester und Frommen gerissen. Die Hochbetitelten, die Magister, die Überströmenden, die Gesetzesfürsten, liefen durcheinander, Sandkörnchen und rollten nur, rollten. Aus den weihrauchdampfenden Korridoren lief das schreckliche Gerücht, wie eine schwarze Katze schleichend, heimlich sich an die Wände zur Seite drückend, die Höfe kreuzend, dann mit einem klatschenden Absprung der Hinterpfoten hoch, in eine beschwingte Fledermaus verwandelt, breiter, ein gelles Pfeifen ausstoßend, als klumpige, schwefelhelle Wolke am Horizont fliegend, den Himmel bedeckend.
Kia-king wechselte mit anderen kaiserlichen Prinzen am Krankenbett in Kuang-tse ab; der Kaiser selbst, schon unterwegs, ließ durch Eilläufer anordnen, dreihunderttausend Taels unter die Armen der Stadt zu verteilen. In Kuang-tse, dicht am Lager des vom Fieber Verbrühten, hörten die Messen nicht auf. Die Höfe klangen noch unter den Festpauken, den Zinken, weißen Trompeten, Glöckchen, Gongs, der blauweiße grelle Prunk der heiligen ausgestellten Gefäße lockte das Licht und die Menschenblicke an. Die Mönche zogen einen Wall um das Kloster mit Andachtswimpeln, Segensbäumen, Glücksschärpen. Die Menschenströme, von außen gegen das Kloster anbrandend, warfen Mauern aus Gebete tragenden Steinen um die Klosterwände aus.
Drin war es still. Der Buddha rang mit der Pockengöttin. Die spitzhütigen Bischöfe und Würdenträger, in Brokat und bunten Stiefeln, liefen matt und übernächtig umeinander; ein Fasten höhlte ihre Leiber aus.
In der kleinen Kuppelhalle des Tempels schauerten jeden dritten Tag Sodschongs, die großen Opferfeiern. Während auf den Klang der Posaune des Gesetzes sich vor der Klostermauer die Menschenmassen von Osten nach Westen in Bewegung setzten, schwerfällig vorrückten um die Mauern unter dem Scharren des Sandes, dem Klappern der Rosenkränze, dem gewitterartig anschwellenden Om mani padme hum, zerquetschten die Geweihten in der Kuppelhalle ihre Knie, lastend auf den Matten in langen Reihen, Gelbmantel hinter Gelbmantel. Murmeln, Glöckchenklingen, Vorbeten, Händeklatschen, brausende Instrumente. Schwermütig nahm der Tschan-tscha den kleinen Goldspiegel vom Altar, hob ihn. Der älteste Chan-po schwenkte das schnablige Weihwassergefäß, hielt in der Linken einen gebuckelten Teller. Und während der Tschan-tscha den Spiegel drehte, so daß der Schatten Buddhas hineinfiel, goß der Chan-po. Die Gemeinde hingesunken. Das zuckersüße Wasser lief über das Gesicht des Spiegels, tropfte in den Teller. Der leise Gesang bebte, von Hand zu Hand wanderte der gefüllte Teller. Die Priester bestrichen sich Scheitel, Stirn, Brust, und weinten.
Paldan Jische delirierte. Die Geschwüre krochen über seine Bronzehaut; flossen zusammen. Erst füllte sie eine gelbe Flüssigkeit, dann begann sie zu dunkeln, dickrötlich, schwarz zu werden.
Kia-king saß stundenlang am Fenster der Zelle und betrachtete das verschwollene, unkenntliche Gesicht, das dem weisesten Menschen angehörte, das Gesicht, in dem manchmal zwei ganz unirdische Augen sich von dem Verschluß hartkrustiger Lider befreiten und kühle helle Blicke an die blaue Decke sandten, wie die kristallenen Springbrunnen unter den Ulmen von Kun-ming-hu. Der feiste Prinz empfand einen stechenden Neid auf den Taschi-Lama, der sein Nachfolger im Vertrauen Khien-lungs geworden war. Aber er wurde wehrlos gegen den Fremden beim Beobachten dieser befreiten Blicke. Bis zu der Krankheit mied der Prinz nach der einmaligen Visite den Tibetaner, den er als gefährlichen Parasiten ansah, als König der gelben Pfaffen. Die Hingeworfenheit des Kranken machte den Prinzen geneigter; er beschnüffelte ihn, schließlich zitterte Kia-king unter dem Gedanken, daß sein Vater auch diesen Mann verlor. Kia-king tat Gelübde, damit Paldan Jische leben bliebe.
Die Ärzte bestrichen den Leib des Kranken mit Safran; sie banden seine Hände zusammen, hielten seine Ellenbogen und brannten siebenmal seine rechte und linke Seite mit dem trockenen Stengel von Moxaholz, das sie in Hanföl tauchten. Die Papierfenster bekritzelten sie mit roten Zeichen, die Wände, die Schwelle. Als die Krankheit zunahm, auch im Mund die Geschwüre platzten, duldeten die Doktoren, daß die sechs Tschoßkjong, naive volkstümliche Zauberer, denen der Taschi-Lama wohlwollte, eingelassen wurden.
Im Federfell, mit Vogelklauen, unförmigen Helmen, an denen der fünffache Totenkopf grinste, hüpften sie zu dritt im Zimmer vor dem Halbbewußtlosen herum, flüsternd, überzeugt, heute ihr Meisterstück zu verrichten. Sie riefen den furchtbaren Takma an.
Sie warfen das Bett umkreisend ein dünnes Pulver in die Luft.
Sie hielten eiserne Rasseln in den Händen; mit leisem Schüttern fuhren sie über den Kranken: „Die fünfundfünfzig, die auf der Stirn zusammenkommen, sollen alle verschwinden wie die Blasen der Blattern. Die siebenundsiebzig, die auf dem Hals zusammenkommen, sollen alle verschwinden wie die Blasen der Blattern. Die neunundneunzig, die auf der Brust zusammenkommen, sollen alle verschwinden wie die Blasen der Blattern.“ Sie wirtschafteten geraume Zeit in ihrer halsbrecherischen Art herum; trabten hintereinander heraus, über die Schwelle noch zu einer krausen Malerei hinkauzend.
In der Tat wurde der Heilige in den nächsten Tagen freier, er konnte den Mund mehr öffnen, schluckte kalten Tee.
Da langte Khien-lung an.
Auf dem Fensterplatze, den Kia-king eingenommen hatte, wartete der große Kaiser und rang um die Seele des Sterbenden.
Für Khien-lung gab es keine Zensoren, keinen Astrologenhof mehr; mit einer greisenhaften Einengung der Gedanken hielt er an dem Pantschen Rinpotsche fest, den er verantwortlich machte für den Aufruhr in den Nordprovinzen und der mit der Wahrheit, der eigentlichen Wahrheit zurückhielt. Ja, nur Paldan Jische konnte helfen.
Mit unbeweglichem Gesicht saß der Gelbe Herr hinter dem rotbemalten Papierfenster, wartete auf das Erwachen des Heiligen. Khien-lung, die Hände auf dem Schoß gefaltet, verfolgte jede Regung im Zimmer mit stummen Augen. Er war ohne die geringste Ungeduld. Paldan Jische konnte ihm nicht entgleiten.
Am folgenden Tage kam er wieder und wartete.
Am Nachmittag des dritten Tages hielt Paldan Jische die braunen Augen lange offen, unter der Maske der schwarzen Blatternkrusten hervorblickend, erkannte Khien-lung und bewegte die Lippen. Er erkannte auch die sechs Bischöfe, die in Bettlerkleidern an den Wänden standen und keinen Augenblick das Zimmer verließen, um beim Eintritt des Todes zugegen zu sein.
Khien-lung beugte sich zum Ohr des Kranken: „Ich traure, Eure Heiligkeit, daß Sie leiden in meinem Lande.“
Paldan Jische schien lächeln zu wollen. Er schüttelte den Kopf und gluckste.
Unbeirrt um das ungeheure Ereignis, das sich hier vorbereitete, die Trennung des Buddhas von seinem jüngsten Körper, redete dann der alte Kaiser. Er fragte oft, ob ihn der Kranke verstünde. Der nickte deutlich. Mit einer harten Bestimmtheit trug Khien-lung die letzten Ereignisse vor, den Aufruhr, die Ruchlosigkeit Miens. Paldan Jisches Augen wurden lebendig, während Khien-lung flüsterte. Der Heilige war in seinem Element, unter den schweren geworfenen Seelen. Als Khien-lung zu Ende war, sah er die Glocken der braunen Augen sich bewegen, aber die Lippen des Kranken zuckten ohne ein Wort zu bilden.
Der Kaiser richtete sich auf, warf den Kopf mit Strenge zurück.
Am nächsten Nachmittag saß er wieder am Bett des Heiligen. Die sechs Bischöfe standen unbeweglich in Bettlerkleidung an den Wänden, warteten. Dringlicher flüsterte der Kaiser, wiederholte den Bericht, faßte den Kranken bei den Handknöcheln, verlangte neuen Rat, versprach der Gelben Kirche Klöster in jeder Provinz neu zu bauen.
Der Kranke mühte sich nach Worten, lächelte. Nur der Blick sprach, schwieg. Der Zorn verzerrte das Gesicht des Kaisers.
Als der Kaiser am nächsten Nachmittag eintrat, fand er den Heiligen sitzend im Bett. Es standen nur vier Bischöfe barfuß an der Wand in braunen Kutten. Zwei stützten den Heiligen, der die Augen geschlossen hielt und sie unter der kissenartigen Schwellung von Wangen, Lidern, Stirn, nicht mehr öffnen konnte. Die beiden Kahlköpfe hielten ihn, denn er hatte Zeichen gegeben, daß er wandern wolle. Eine schwere Weihrauchwolke hüllte den Raum ein. In dem Nebel blieb der Gelbe Herr erstarrt stehen. Keinem Blick begegnete er. Der Heilige war mit dem Gesicht nach Westen gedreht worden. Khien-lungs Sänfte kehrte rasch zurück.
Zwischen dem Zickzack der Delirien, Verschleierungen, bunten Wirrsalen wachte und träumte Paldan Jische. Ein fleischschnürender Krampf, ein hohler Schwindel über Schlünden, eine klare federnde Helligkeit wechselten. Die große Ermüdung verdunstete. Die weißen Mauern des Labrang tauchten auf, die Dächer leuchteten in dem matten Gold. Der tote Dalai-Lama erschien und ging rasch unter seinem Schirm vorüber. Die Bilder bewältigen, Besinnung, Besinnung! Kurze Rast in weißen Sälen. Menschen, wieviel Menschen, auf Kamelen, Karren, tauchende sinkende Menschen. Hoftüren, Sänften, Gongs. Hilfe über dem Meere, große Boote, kleine Boote. Er schleifte riesengroß, unkörperlich seinen Glanzleib mit einer phosphoreszierenden Schleppe, war ein himmelhoher Pfeiler, der sich rund drehte. Ihn befiel kein Zittern. Er wußte nicht, ob es sein Empfinden war, das er empfand, ob es anderer, vieler, zahlloser Empfindungen waren. Schwebend. Schwebte geheimnisvoll zwischen sechs geheimnisvollen Silben.
Drei Tage und zwei Nächte hielten die sechs Bischöfe den Heiligen, der als Buddha sterben mußte. Sie stemmten sich zu zweien von hinten gegen seinen Rücken, der sich immer wieder rundete. Einer umfaßte den Kopf und trieb ihn hoch. Einer preßte die schilfernden Hände gegen die Brust und drückte oft die winkelspitzigen Ellenbogen dicht an den Leib. Einer schlug die Beine des Sterbenden übereinander. Der sechste bog die Sohlen, die flammendrot waren, nach oben um.
Am Morgen des dritten Tages verließ Amithaba den Körper Lobsang Paldan Jisches. Der tote Leib erstarrte in der Stellung des betenden Buddhas.
Wochen vergingen, bis der Leib Jisches die Rückreise nach Tibet antrat, Monate, bis er in Taschi-Lunpo, der tränenfließenden Stadt eintraf. Der Geist des Buddha wanderte schon längst über die geliebten Schneefelder, Grassteppen, streichelte die zottigen Yaks, irrte herum, suchte das Kind, in dem er seine neue Wohnung nehmen wollte.
Die Menschen in Pe-kings Kloster Kuang-tse umschlangen den ausgeglühten Leib des Lobsang Paldan Jische, Sohnes jenes tibetanischen Zivilbeamten. Sie balsamierten ihn ein.
Am Vormittag nach dem Tode hallten die kaiserlichen Gongs vor dem Kloster. In der weißen Totenkleidung stand Khien-lung ohne Gürtel, ohne Ring, mit kahlem Schädel vor der Samtbank, auf dessen Violett im gelben päpstlichen Ornat ein furchtbarer Buddha die Schenkel kreuzte, thronend in einer grausigen Ruhe.
Schwarze brandige Borken hingen in Fetzen von einem geblähten Gesicht herunter. Ein blutiger Schleim tropfte von Minute zu Minute aus dem Munde. Dicke runde Wülste durchquerten statt Lippen die untere Gesichtshälfte. Die Lider geschlossen; aber in eigentümlicher Weise hatte sich ihre Schwellung verloren, so daß neben der kloßförmigen Nasenwurzel zwei grünlich schimmernde Höhlungen sich in den Schädel senkten. Die Mitra mit den fünf edelsteinbesetzten Buddhabildern rutschte auf dem Kopf schief vor. Über den bestickten Goldbrokat der Brust sickerten die Schleimtropfen und rannen hinter die angelegten Ärmel.
Rechts und links von dem thronenden Buddha standen auf Tischchen die Opfer für den Toten, niedrige Reis- und Tonpyramiden. Räucherstäbchen brannten. Die Bischöfe, der Tschan-tscha stopften ihre Münder auf die Dielen.
Khien-lung verharrte minutenlang ohne Bewegung. Sein Blick schweifte nach dem Fensterplatz, auf dem er das Erwachen des Heiligen erwartet hatte, nach der Ostwand, wo sich am Boden die Holzklötze des Sterbebettes erhoben. In einer kalten Gelassenheit prüfte er die Züge des emporgestiegenen Lamas. Keinen Abscheu spürte er, verfolgte die langsame Entwicklung einer Blutblase auf der Unterlippe der Leiche und wie die ekle Flüssigkeit abquoll.
Dieser Mann war mit Recht gezeichnet. Sein Körper zerplatzte aus Eitergeschwüren. Er war nicht besser als die betenden Pfaffen. Sein Schicksal bewies es klar. Hier die Mongolenstadt, da die Blattern: man konnte es auf eine Wage legen. Der hingeraffte Pfaffenkönig vermochte nicht zu raten trotz der Bücherhaufen Kand-schur und Tand-schur.
Und da wurde Khien-lung unsicher. Seine Kälte zerbrach. Er fiel vor der thronenden Leiche auf die Knie und weinte, aber niemand im Zimmer wußte, daß er vor Wut über den Lama weinte, in tobenden Anklagen, weil der prunkende Weise ihn betrogen hatte. Khien-lung hatte sich in Verblendung auf das Eis dieses Betrügers locken lassen. Und der Gnadeüberfließende war ihm entwischt, ehe er ihn gestellt hatte. Blut hatte der Tote speien können, Trostblicke werfen, aber der hohnvolle Priester entschloß sich zu keiner Silbe.
Einen Sarkophag in Gestalt einer Reliquienpyramide befahl Khien-lung aus Gold herzustellen. Da hinein versenkte man den Körper Paldan Jisches. Die leer bleibende Höhlung und den Körper überschüttete man mit weißem Salz.
Es kamen die hundert Tage für Seelenmessen, an denen die nördlichen Provinzen, die ganze Mongolei teilnahmen. Ein ganzes Volk zerbrach in Schmerz um den entschwundenen Buddha. Und noch war man nicht in Tibet.
Der endlose Trauerkondukt setzte sich in Bewegung, nicht nach Norden, sondern Westen. Man drang mühsam durch die westlichen Provinzen; die Menschen schlossen sich um die goldene Stupa zusammen und hielten sie fest, als wäre sie eine Pagode, die den Ort beschützt. Weder Tag noch Nacht berührte der schwere Schrein mit der Leiche den Boden; von Schultern glitt er auf Schultern. Nachdem er in Kuang-tse unter Dröhnen der ungeheuren Posaunen aufgehoben war vom Boden, sank er in Taschi-Lunpo herunter, im weißen jammerberstenden Labrang, nach sieben Monaten und acht Tagen. Bei Kuang-tse wuchs im selben Jahre der Marmorobelisk, den Khien-lung dem Andenken des Heiligen widmete; der Stein von der goldenen Papstmitra gedeckt; der Opferaltar an einer Seite, umweht von langen Seidenwimpeln.
Zwei Tage nach dem Tode Paldan Jisches saßen in der kleinen Empfangshalle vor der Estrade des Himmelssohnes die Vertrauten Khien-lungs. Er selbst blickte viel zu den weitgeöffneten Fenstern hinaus. A-kui kauerte unten neben Chao-hoei, Song; auch Kia-king, dessen Höflichkeitsbesuch der Kaiser angenommen hatte, den er zu Audienzen berief, ohne ihn eines Gespräches unter vier Augen zu würdigen.
An kleinen Tischen gruppierten sich die zwölf Herren, lackierte viereckige Tische, um die schwarze Holzhocker standen, mit gelben und roten Kissen belegt. Ein größerer runder Tisch in der Mitte der unteren Halle trug die Platten mit Obstsorten, Melonen, Salat, gesalzenen Enteneiern. Die Schälchen mit den zahllosen Suppen verdrängten sich auf den Tischen, Schwalbennester, Haifischflossen mit Pilzen, Meerwürmer, Wurzeln des Nenuphar, Bambusschößlinge; Entenbraten mit Wallnüssen, gerösteter Schweinebraten in Stückchen. Mit Süßigkeiten, Mandeln, Melonenkernen schloß man. Die kaiserlichen Diener huschten mit Täßchen und Weinkannen. Allgemeines Verneigen, Schwingen der Täßchen, gemeinsames Setzen, Murmeln.
Die Saitenmusik begann. Es wurde gebeten, sich des Fächers zu bedienen. An der Längswand der Halle, gegenüber der kaiserlichen Estrade, war eine kleine Bühne geöffnet. Zu den näselnden Tönen unter Zutritt von Holzschlägern stiegen Tänzerinnen auf die Bühne; so feine schlanke Leiber sie hatten, es waren Eunuchen. Aus weichen Augen verhaltene verstummende Blicke; Wangen, Münder, Augenbrauen unter der Schminke geformt; Perücken und klingelnder schaukelnder Silberbehang der schwarzen Haare; schwarze Seidenkittel in bauschigen Falten, lockere gelbe Hosen, in grünen hohen Stiefeln aus Atlas belebte Füßchen. Nur ab und zu würdigte sie einer der Gäste eines Blickes. Sie stellten, zu Paaren tanzend, Pfauenfedern auf die Bühne, wanden sich blitzschnell hindurch, zerrten sich graziös zueinander, wippten in die Höhe über eine Feder weg und erstarrten auf einen spitzen Fuß aufspringend, drehten sich langsam auf den Zehen um sich selbst, während ihre winkligen Arme in die Höhe rangen, sich suchten und verschlangen.
Sie tanzten lautlos, ein Schattenspiel. Khien-lung richtete oft die Augen auf Kia-king, der wie immer allein saß und träumte.
Eine zarte Frauenstimme sang zur Geige und Laute hinter der Bühne. Wie es in dem alten Liede heißt: mit Tönen gedämpft, von Traurigkeit verschleiert, die tiefen Saiten wie die Flut rauschend, die oberen flüsternd, und als die Töne lebendiger wurden, glaubte man einen Perlenregen zu hören, der auf eine Marmorplatte fiel. Die klagende Stimme sang das Lied Tu-fus: „Ich bin bewegt von tiefer Traurigkeit und lasse mich in das dichte Gras nieder. Ich beginne, mein Schmerz tönt. Tränenüberströmt, tränenüberströmt. Ach, wer könnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder für sich durchläuft?“ Und wie es in dem alten Gedicht heißt: das Ende des Spiels glich einem zerbrochenen Gefäß, aus dem das Wasser hervorströmt; und zum Schlusse fuhr der Bogen über die Saiten, die unter einem einzigen Strich erzitterten, wie wenn man ein Stück Zeug zerreißt.
Khien-lung nickte. Der thronende blatternbesäte Buddha aus Tibet stand vor seinen Augen; Fetzen schwarzer brandiger Haut hingen von gedunsenen Backen; die sonst platte gerade Stirn beulte sich wie bei einem Wasserkopf. Als lebender Buddha von Taschi-Lunpo nach Jehol gewandert, als geschwüriger Fleischklumpen von Kuang-tse aufbrechend.
Geige, Laute und Frauenstimme sangen auf den Wunsch des Gelben Herrn noch dreimal das Lied Tu-fus von der Vergänglichkeit.
Dann erhob sich Khien-lung. Ein Eunuch stand neben Kia-king und flüsterte ihm ins Ohr. Tanz, Gesang, Schmauserei wurden unterbrochen vom feierlichen neunmaligen Berühren des Fußbodens.
Während in der Halle die Fröhlichkeit zunahm, die wilden Bändertänze zu der stachelnden Musik geschwungen wurden, Spieler in grünen und roten Säcken auftauchten, sich sonderbar umringten, gegeneinander wühlten, schritt der Gelbe Herr hastig neben Kia-king unter der unnahbaren Schwärze der Zypressen, die ihre finsteren Flammen, Säule neben Säule, zu dem rosigen Abendhimmel rauchten.
Khien-lung verlangte von seinem Sohne, dessen schokoladenbraunes Obergewand bei dem raschen Vorwärtsschreiten brandrote Falten warf, sich über das Vorkommnis zu rechtfertigen, das er kenne.
Kia-king seufzte, er antwortete nicht gleich; drückte seine Gereiztheit und Ungeduld herunter, wies leise auf seine Briefe hin, die er nach Jehol bei dem Hochverrat Mien-khos gerichtet hatte.
Das genügte Khien-lung nicht; er verlangte mündliche Rechtfertigung; das Wort „Entschuldigung“ entfuhr ihm und gab Kia-king einen Wink.
Der Kaiser wollte Frieden. Kia-king staunte. Es lag etwas Peinigendes in der Vorstellung, daß Khien-lung sich schwach fühlte.
Kia-king übertrieb seine Höflichkeits- und Ergebenheitsäußerungen, erklärte sich schlicht schuldlos, ohne den geringsten bitteren Ton anzuschlagen.
Der Kaiser brach in wilde Vorwürfe aus; sie seien hier in der Purpurstadt eine saubere Gesellschaft; nach dem Leben trachteten ihm seine Kinder, alle Ehrfurcht vor den Eltern sei hin; er könne Kia-king nicht stark genug versichern, wie genug er davon hätte, Vater von Söhnen zu sein, die die Gesellschaftsordnung kaum dem Namen nach kannten. Das Alter käme an ihn heran, sie hätten es richtig beobachtet. Das Verhalten seiner Kinder ekle ihn; er schäme sich für seine Kinder.
Ohne auf die Anklagen einzugehen, seufzte Kia-king, er habe gehofft, dem toten Paldan Jische sei es gelungen, die Unruhe des Vaters zu beheben. Ob nicht das große Lehrerjuwel ihm in Jehol geleuchtet hätte und den Weg beschienen hätte.
„Den Weg beschienen! Kia-king, wir sind keine jungen Knaben. Sieh einmal hin, wie mir dieses Juwel geleuchtet hat, bevor es erloschen ist: ja, hat es mich nicht betrogen, dieses Lehrerjuwel, bevor es erlosch? Die Präfekten schicken mir Berichte auf Berichte vom Aufruhr; ich freue mich, daß es so schön brennt. Und das ist Paldan Jische gewesen, der Pantschen Rinpotsche, der Weisheitsozean, die Kostbarkeit vom Gnadenberg. Es wäre dazu nicht so viel Weisheit nötig gewesen.“
Kia-king flüsterte, vorsichtig sondierend: „Der fremde Mann kennt nicht die Bodengeister unseres Landes. Er redet und erwägt mit Weisheit. Man kann kaum mit tibetanischer Weisheit östliche Menschen beruhigen.“
Khien-lung streifte seinen Sohn mit einem fremden Blick; er wurde finster, als er sich wieder den Zypressen zuwandte. So fremd ging er neben dem Kia-king, unter dessen Abwesenheit er gelitten hatte. Sie nahmen zum Entsetzen Kia-kings auf jener Bank unter der Thuje Platz, in deren Erde die Gespensterpuppe Mien-khos und der Dame Pei begraben war. Der Kaiser ließ sich wuchtig auf die kleine Holzbank fallen, streckte das Kinn vor, blickte auf die Erde, die er mit seinem Fächer anwehte, sprach weiter, während er Kia-kings Augen nicht losließ.
„Du sollst mein Nachfolger sein, Kia-king. Ich gebe die Hoffnung auf, einen besseren Nachfolger zu finden. Ich mag nichts mehr hoffen, ihr habt mir das vergällt. Hier, sieh, diesen kleinen Schlüssel, der zu meinem Schreibtisch paßt; wenn mich der Himmel rufen sollte, so wirst du meinen Schreibtisch öffnen und ein Schreiben im Buche Li-king finden, das dich zum Thronerben ernennt.“
Er fixierte immer weiter Kia-kings feistes gleichmütiges Gesicht. Kia-king blickte traurig vor sich hin; in seinem schlaffen linken Augenlid zuckte es: „Ich möchte nicht Ihr Nachfolger sein, Majestät. Ich sehe keinen Unterschied in Ihrer Art, Pou-ouang nach dem Ili und mich auf den Thron der Tai-tsings zu schicken. Sie klagen mich an. Ich habe es nicht verdient.“
Beide schwiegen. Das feine Singen aus der Halle der Gäste tönte herüber: „Ach, wer könnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder für sich durchläuft.“
Der Kaiser schien das Gespräch vergessen zu haben. Kia-king war tief erstaunt über den außerordentlichen Wechsel im Gesichtsausdruck des Vaters; es gab ein Hin und Her von kräftigster Anspannung und völliger Erschlaffung. Daß Khien-lung eingefallene Schläfen von Jehol zurückgebracht hatte, einen Mund, dessen Bewegung und Linien die Schärfe verloren hatte, merkte Kia-king erst jetzt. Zunächst schien der Kaiser die alte Impulsivität zu besitzen, aber es brach aus den Augen öfter etwas Hilfloses, Jammerndes, Ängstliches, das an Khien-lung neu war. Besonders erschreckte Kia-king jetzt ein manchmal auftretender lauernder, gehetzter Ausdruck, der sich regelmäßig vor der Apathie einstellte. Den Prinzen lähmte dieser Ausdruck selbst so, daß er sich kaum erwehren konnte, in seinem unklaren Unglücksgefühl davon zu gehen.
Er fragte, als er merkte, daß Khien-lung dauernd dem fernen Gesang lauschte: „Mein Vater hat lange Tage die Weisheitssprüche des Westens hören dürfen. Sie wollten davon sprechen.“
„Von Paldan Jische?“
„Ja.“
„Oder von dieser Bank? Sie gefällt mir mehr als Paldan Jische. Du kennst doch diese Bank? In einer Neumondnacht sind hintereinander diese drei, vier geschlichen: die halbblinde Dame Pei, der dicke Mien-kho, Pou-ouang, ein Kind mit einem Verbrecherherzen, die Frau Jing, die ich nicht kenne. Ich war der fünfte, Kia-king. Ich saß zwar in Jehol, oder in dem Kloster Ko-lo-tor und schlief; aber die Dame Pei hatte mich bezwungen, während ich schlief. Das ist möglich, daran ist nicht zu zweifeln; ich kenne es von meinen Krankheiten her, wenn ich mich verliere für ganze Wochen und mich wiederfinde. In die kleine Jadepuppe hat sie vermocht mich hinein zu quetschen, mich weggezaubert mit einer Handbewegung so oder so oder so; und dann trugen sie mich Lebendtoten hier vorbei an der Bank, hier herunter in die Erde. Damit der Vampyr eingesperrt, halberstickend an mir gut reißen könnte, was das Weib mir noch übrig gelassen hatte. Dabei stand Pou-ouang, mein Sohn, und Mien-kho, mein Sohn; ihre Augen glitzerten schon vor hungriger Freude, der kleine Pou-ouang, das Vieh Mien. Ich kann mir diese Nacht gut vorstellen. Wo warst du denn in dieser Nacht, Kia-king.“
„Bei der Nephritquelle am Wan-schou-schan.“
„Du warst in Wan-schou-schan. Ja, Ihr seid gut um mich, wo ich Euch brauche. Wenn die Toten nicht wären, wären wir ganz verlassen. Sie sind meine einzigen Freunde; ich hoffe auf sie noch immer. Die Schatten sind meine einzigen Freunde.“
„Ich fürchte, der Besuch des Tibetaners hat Eure Majestät sehr angestrengt. Sie blicken so erschöpft; Ihre Arme zittern.“
„Das war die Dame Pei, und Mien-kho, und Pou-ouang, die ganze Sippe. So weit haben sie es doch gebracht. Halb verrückt haben sie mich gemacht, daß ich vor Paldan Jische bettelte um einen Rat, und mich glücklich pries ihn zu empfangen, ich hier auf der Bank, mit den zitternden Armen, der Sohn Jong-tsings, der Enkel Kang-his. Das ist die Lösung dieses west-östlichen Rätsels. Ja, Pantschen Rinpotsche, dein hölzernes Zepter macht mich nicht beben, deine schwarzen Borken, deine Häutung ist mir viel interessanter. Entlarvt. — Ich zittere wohl viel, Kia-king?“
„Es mag an dem späten Nachmittag liegen. Wenn wir in die Halle zu den Gästen zurückgehen, wird meinem Vater besser werden. Oder wenn wir zu den Orchideen hinübergehen. Sie hatten früher eine Vorliebe für meine Orchideen. Wollen Sie sich erheben? Sie würden mir das größte Glück geben mit Ihrem Vertrauen, Vater. Ich habe nichts unterlassen und will nichts unterlassen Sie zu verehren. Wollen Sie sich erheben?“
„Suchen Sie etwas an der Erde? Ist Ihnen etwas hingefallen.“
Khien-lung hatte sich vornüber gebückt und wühlte mit seinem edelsteinbesetzten Fächer in der Erde.
„Nichts. Nichts ist hingefallen. Ich will dir nur zeigen, daß ich keine Angst habe. Mit der Dame Pei und dem schlimmen Mien kann ich es aufnehmen. Vor der Nacht fürchte ich mich nicht. Gestern nacht hättest du mich sehen müssen. Wie ich an den Wachen vorbei aus der Tür gegangen bin. Durch den Garten; keiner hat mich gesehen. Es brauchen nicht vier Menschen zu sein, um eine Puppe zu tragen; man hält sie in einem Leinentuch auf dem Arm wie ein Kind. Sie ist etwas schwerer, etwas kälter. Ich habe Pou-ouang selber oft so getragen; ich liebe Kinder sehr. Solche Puppe schreit auch nicht. Siehst du, Kia-king, ich habe die Stelle.“
Er bohrte mit Anstrengung in dem Boden; einige Stangen seines weißen Fächers zerbrachen und hingen lose beiseite. In dem Loch mußte er etwas erkannt haben; er griff hinein, rüttelte. Die Erde lockerte sich. Er zog ein weißes Tuch hoch an einem Ende; etwas schwarzes kam mit hoch; plötzlich rollte es auf dem Tuch fort. Kia-king sprang gleichzeitig mit dem Kaiser auf, der die Puppe von der Erde aufraffte und sie dem zurückweichenden triumphierend zeigte.
„Hab ich nun Furcht, Kia-king, oder hab ich keine Furcht? Du brauchst dich nicht zu ängstigen; das bin ich ja selbst; ich hab niemanden andern bezaubern wollen. Es liegt mir nicht daran, Euch, wie Ihr heißt, zu bezaubern; mit Euch werde ich schon fertig. Wie schön man mich hier ausgestattet hat. Die Dame Pei muß eine vorzügliche Schneiderin sein, daß sie meinen Kittel, mein Obergewand, meinen Gürtel, meinen Fächer, ja sieh, meinen Ring so genau nachmachen konnte. Wenn ich ein Dämon wäre und nicht wüßte, wer Khien-lung ist, würde ich mich selber verlaufen in dieses Ding hier. Schön ist die Figur, kostbar; Brüderchen, Brüderchen, bist du schön, lebendig! Kannst du mir deinen Ring schenken; wir wollen uns doch begrüßen, altes spätgeborenes Brüderchen aus Jade.“
Kia-king ächzte und schauderte. Er fürchtete sich die Figur in dem Leichentuch anzufassen und mußte sie Khien-lung entreißen.
„Vater, was soll das. Geben Sie mir die Figur. Es ist nicht recht, mit der Figur zu spielen. Tun Sie es mir zuliebe, Vater; man wird Sie und mich von der Halle aus sehen.“
Die feinen Geigentöne wehten wieder durch die Zypressen herüber. Der Gelbe Herr, mit freudig verzogenen Mienen, ließ nicht ab, die Puppe zu betrachten, an sich zu drücken: „Tu-fu hat unrecht, Kia-king. Zu guter Letzt hat Tu-fu unrecht, das freut mich. Wer könnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder für sich durchläuft. Ich kann ihn wandern, denn ich habe einen Kameraden gefunden, aus Stein. Ich weiß bald nicht, ob er es ist, der hier steht, oder ich es bin, der da gelegen hat. Wir beide, das ist sicher, halten zusammen, die Puppe und ich, Kia-king. Und finden den Weg des Lebens so erträglich. Opfere für uns, Kia-king, mein lieber Sohn, verehre uns gemeinsam. Und begleite uns beide nach meiner Wohnung herüber, nach unserer Wohnung.“
Es gelang Kia-king, dem Kaiser die Puppe aus dem Arm zu drehen, sie in das Loch fallen zu lassen.
Der Kaiser machte ein feierliches Gesicht, über das sich eine Erwartung spannte. Er sah gerade aus zu den Marmorpfosten seines Palastes herüber, ein verzücktes Hinhorchen, ein dankbares Neigen des Ohrs zu schwer hörbarem Geräusch.
Er wiederholte flüsternd: „Begleite uns herüber, lieber Kia-king, in unsere Wohnung. Wir werden deine Freundlichkeit nicht vergessen.“
Sie wechselten kein Wort mehr. Sie schlugen die Richtung nach dem Wohnhaus des Kaisers ein über die Marmorbrücke. Khien-lung aber wandte sich plötzlich nach der tönenden Gästehalle. Auf halbem Wege kehrte er um und folgte Kia-king.
Immer langsamer ging der Kaiser, je näher sie seinem Palaste kamen, vor dem die weißen und gelben Laternen brannten. Des verwirrten Kia-king Abschiedsgruß und Verbeugungen übersah er. Auf der Schwelle bückte sich Khien-lung, als wenn er unter etwas hindurchginge.
In dieser Nacht, die wieder eine Neumondnacht war, schlief Kia-king unruhig. Er träumte so wild, daß er schon um die dritte Nachtwache es auf dem heißen Ofenbett nicht mehr ertragen konnte, heruntertaumelte und sich in einer halben Schlaftrunkenheit ankleidete im völlig finsteren Zimmer. Erst als er völlig angezogen war und im Zimmer, auf den Tischen nach seiner Mütze suchte, kam er völlig zu sich, im Gefühl eines klebrigen zu hohen Gaumens, an dem er schnalzte, stand da und wunderte sich, warum er sich mitten in der Nacht angezogen hatte.
Er saß eine kleine Weile so im Finstern, ging ein paarmal zwischen Vasen, die am Boden standen, hin und her, verließ in einer plötzlichen Unruhe das Zimmer, und stand auf dem vorderen Hof.
Im Wachtelstall, dessen Umrisse er unsicher erkannte, gurrte und scharrte es, ein feuchter kalter Nachtwind fegte von Zeit zu Zeit durch die weiten Parkanlagen der Roten Stadt, die in einer solchen furchtbaren Dunkelheit lag, wie Kia-king nie gesehen hatte.
Sein Herz klöppelte und fauchte dünn; er wußte nicht, warum er hier stand und warum er die Baumwipfel betrachtete.
Er drehte sich langsam, um in sein Zimmer zurückzugehen, aber nach ein paar Schritten bemerkte er, daß dies nicht sein Plan war und daß er lieber hinausgehen wollte in den Park unter die Wipfel, um sich von seiner Unruhe zu entlasten.
Er schlurrte langsam durch das Hoftor auf den Weg. Die Kiesel knirschten unter seinen weichen Sohlen; er ging seitwärts auf den Rasen, um kein Geräusch zu machen; denn seine Schritte ängstigten ihn. Es ängstigte ihn, daß hier im Finstern einer ohne Begleiter schlich; und er wunderte sich dabei, wie es kam, daß dieser sich keinen Begleiter mitgenommen hatte.
Kia-kings Unruhe wuchs beim Vorwärtsschreiten; sie nahm bei jeder Wendung des Weges zu. Er wußte selbst nicht, nach welchen Grundsätzen er den Weg wählte. Er glaubte bei jedem Häuschen, das zwischen den Bäumen auftauchte, da zu sein; er wußte nicht recht wo, aber er war noch nicht da. In seiner großen Erregung seufzte er und rieb sich mit beiden Händen die Backen.
Die Wege lichteten sich; an riesigen schwarz fingernden Brunnen tastete er sich entlang. Da stand er plötzlich in sich geduckt da, die Arme wie ein Schwimmer zum Hals angezogen, die Augen zusammenkneifend.
Eine schwarze Erscheinung kam rasch über den Weg hergelaufen, er konnte sie nur an der gleitenden Bewegung erkennen; sie wollte an ihm vorüber, sie war schon vorbei. Da lief er hinter ihr her, erreichte sie in vier Sprüngen, hielt sie fest.
Es war eine Frau mit aufgelöstem Haar, die den Kopf gegen seine Brust stemmte, um ihn wegzustoßen.
Sie flüsterte: „Was hab ich dir getan?“
Er schlug ihr ins Gesicht, rang mit ihr zu Füßen einer Zypresse. Jetzt erkannte Kia-king, daß er in die unmittelbare Nähe des kaiserlichen Wohnhauses gekommen war.
Er keuchte ihr zu: „Dämon, wo warst du? Was hast du vollbracht? Nenn deinen Namen!“
Sie biß ihn in den Finger, sah ihn tückisch von unten an. Er warf das Gespenst gegen eine Baumwurzel; ohne daß es ein Geräusch gab, sie hielt sich an seinen Beinen fest.
Er konnte sie nicht bewältigen, und wie er ihr tückisches Lächeln bemerkte, fuhr ihm ein Grauen über den Rücken, daß er sich mit wilden Fußtritten von ihren Händen befreite, die Frau warf sich kreischend beiseite. Kia-king faßte nach ihrem Gürtel, da hatte sie einen festen Strick hängen, den sie ihm zu entreißen suchte. Aber rasch hatte er sie aufgestellt, ihre Hände in einer Schlinge gefangen und rannte in großen Sätzen, die leicht wimmernde Frau hinter sich, nach dem kaiserlichen Wohnhaus, das in die tiefste Finsternis eingesunken war, band sie, die sich sträubte und geiferte, mit Händen und Füßen an den Steinpfosten fest, die zum Fesseln der Elefanten dienten, blieb zitternd an der Türe stehen.
Er schob sich über die Schwelle. Ihm fiel ein, wie merkwürdig sich der Kaiser, diese schlanke kleine Gestalt unter dem hohen Torbogen gebückt hatte. Er mußte sich selber so bücken.
Khien-lung war an dem Abend nicht schlafen gegangen. Nachdem er auf seinem Schreibzimmer Blätter durchgesehen, Korrekturen an seinem großen Gedicht auf die Stadt Mukden angebracht hatte, aß er wenig zur Nacht. Aber es fiel den Hofmarschällen auf, wie viel Wein der Kaiser trank, daß er nach Beendigung der Mahlzeit stumm an der Tafel sitzen blieb, keine Kapelle, keinen seiner Vertrauten zum Morra befahl.
Verschlossenen Mundes, als säh er sie nicht, ging er an den purpurgekleideten anmutigsten Schönen seines Harems vorbei, die Hu zur Erheiterung der kaiserlichen Stimmung herbeigerufen, an die Tür des Speisesaals gestellt hatte. Die niederstürzende Reihe der Eunuchen und Dienerinnen passierte er mit raschen, dann wieder zögernden Schenkeln. Einmal hob er zu dem folgenden leuchtenden Kammerdiener die Hand, stieß hervor „A-kui“, besann sich, winkte ab.
Bei der Öllampe versuchte er in seinem Schlafzimmer zu lesen; es war ein Werkchen, das ihm Paldan Jische geschenkt hatte, eine tibetanische Schrift, die ins Mandschurische übersetzt war, mit dem Titel: „Das von dem Abgrunde des Zwischenzustandes befreiende Gebet.“
Er streckte sich auf ein Polsterbett, nachdem er die Diener entlassen hatte, schlief kurze Zeit mit den holzgerahmten Blättern ein, sah sich aufgewacht in dem breiten hohen Zimmer um, das von Ambragerüchen erfüllt war. Sein Kinnbart war zerdrückt und zusammengeklebt, eine Wange glühte, ihn fror an Händen und Füßen. Er schnüffelte. In seiner Kehle steckte eine heiße Bitterkeit.
Kein Geräusch draußen, es mußte schon späte Nacht sein. Khien-lung tappte von dem Polster an die Kante des offenen Bettes; sein Gürtel drückte ihn; er schnürte ihn auf und ließ ihn mit dem zerbrochenen Fächer und klirrenden Behängen auf den roten Teppich sinken, dessen goldene Orchideen am Boden Sterne aufblitzten, wie matte Scheiben hingedrückt ihre Fläche deckten.
Er bemerkte, daß er laut stöhnte und daß er wohl wieder krank würde, aber nur in manchen Augenblicken bemerkte er das. Dann wirtschaftete der taumlige Mann zwischen Schränken, Spiegeln und Vasen, suchte in Ecken, tastete mit den Fingern den Teppich ab, kratzte mit dem Daumennagel die eingelegten Blüten, machte, hingekniet, die Hand hohl und wollte die aufschimmernden Goldsternchen einfügen oder quetschen, um sich die Zunge mit ihnen abzureiben.
Eine kleine Bronzekuh in einem Winkel zupfte Gras. Khien-lung legte gebückt den rechten Arm, dessen Ärmel er hochstülpte, auf den eisigen Metallrücken, bewegte ein Bein und wippte an, als ob er das Tier besteigen wollte.
Die Blätter des tibetanischen Buches hob er auf. Auf den Polstern sitzend, drehte er die Tafeln um und um und wieder um, drückte sie laut wimmernd gegen seine Brust, so daß die Rahmen zerbrachen und seine Halskette abriß. Lauter winselnd wühlte er das Papier an sein Gesicht, schluchzte „Paldan Jische, Paldan Jische“, und fühlte, den Kopf so in den linken Arm verbergend, mit den blinden Fingern der rechten Hand nach den Perlen, die nacheinander von seiner Kette rannen, ihm über den Schoß liefen.
Der alte Herr suchte sie, hingleitend, auf dem Boden; kaum er eine Handvoll gefunden hatte, steckte er sie an die Stelle seines Gürtels, so daß sie sanft abrollten.
Versunken richtete er sich auf, schlürfte über den Teppich, murmelte: „Beten, beten. Paldan Jische, beten. Man bestiehlt mich. Beten, Paldan Jische.“
Er drängte sich am Fußende seines weißen Bettes gegen die Wand. Die Mauer war schrankartig vertieft; ein kleiner Aufbau mit der Ahnentafel füllte diesen Raum. Khien-lung rutschte seitlich vor dem Aufbau um; sein Winseln und Stöhnen, von der Höhe zur Tiefe gehend, klang wie der monotone Gesang eines Gefolterten. Der Kaiser, mit stumpfen Augen, tränentriefend, wandte sich nach seinem Bett, zog eine purpurne Decke herunter, zerrte sie hinterher nach der Wandvertiefung. Er stolperte, sich in das Tuch verstrickend, und hielt zweimal inne, weil unter seinen Sohlen Perlen knackten. Dann hob er das purpurne Laken auf und hing es mit unsicheren schüttelnden Händen über den Aufbau, stopfte es fest um die silberne Ahnentafel.
Er seufzte und ließ sich auf einen Hocker fallen, wo er still blieb, während ihm der Kopf auf die Brust sank und er von Zeit zu Zeit die Stirn runzelte und die Lider hoch zog. Er bewegte oft die Lippen.
Gleich nachdem der Wirbel der zweiten Nachtwache verklungen war, schwankte die Tür. Khien-lung beobachtete es angestrengt, ohne den Kopf anzuheben. Er hatte geglaubt, die Türe wäre geschlossen. Aber sie mußte offen sein, denn sie schwankte sichtlich. Auch die lockere Seidenspannung des hohen Wandschirms neben der Tür blähte sich. Zwei Perlen, dicht zu seinen Füßen, rollten weiter, von dem Schirm rollte eine große Perle weg. Als hinter seinem Rücken etwas klapperte, drehte sich der Kaiser um.
Eine schlanke Frau in rauchblauem Mantel ließ sich von einer unbeleuchteten Ampel herunter und konnte nicht gleich mit den Füßen den Boden finden. Von der Decke kam ein Luftzug; die Frau war von der Decke eingestiegen.
Mit zerzausten Haaren schwebte das Gespenst auf Khien-lung, der sich erhob, und schrie ihn, sich gegen seine Brust drängend, an: „Warum stehst du auf? Warum hilfst du mir nicht?“
Der Kaiser wich ängstlich zurück, bat um Entschuldigung, er kenne sie nicht.
Sie schlug ihren Mantel zurück; da hing an ihrem Gürtel ein Bündel dünner Seile. „Lauf nur weg,“ schrie sie weiter, „du kennst mich nicht? Auf wen wartest du denn hier. Mein Mantel ist zerschlitzt.“
Sie huschte, sich im Zimmer umsehend, an die Wandvertiefung: „Meine Kämme habe ich verloren.“
Sie zerrte das rote Laken von dem Aufbau herunter, der alte Herr lief bettelnd herbei.
Ein feines Klappern erhob sich in der Ahnentafel. Wimmernd suchte Khien-lung sie bei den Händen zu fassen. Unter höhnischem Lachen und Bläken der Zunge warf das Gespenst ein Seil um die Bronzeketten der Ampel, schleifte die rote Decke hinter sich, so daß Khien-lung auf dem gleitenden Stoff fehl trat und zu Boden dumpfte, verschwand durch den Türspalt.
Der Kaiser wälzte sich mühsam hoch, hinkte hustend, speiend, seine Brust haltend, an die Ampel, stieg auf einen Hocker, wand sich unter Schwanken den Strick um den Hals und stieß, die Schultern anziehend, den Stuhl mit schlagenden Beinen beiseite.
Als Kia-king in das trüb erleuchtete Zimmer kam, hing der Kaiser, mit den Füßen den Teppich streifend, an der Ampel. Die Tür war offen, eine rote Decke lag auf dem Gang vor dem Zimmer, mit einem Zipfel über der Schwelle. Die Schlinge war nicht fest geknotet. Der Körper sank durch seine Schwere, das gedunsene Gesicht mit dem schäumenden aufgesperrten Mund, den glotzenden Augen fühlte sich warm an. Ehe Kia-king in dem verwüsteten überheizten Raum eine Schere fand, plumpste der Körper auf den Teppich, mit dem Gesicht nach unten.
Kia-king troff der Schweiß juckend hinter den Ohren, um den Hals. Er knotete das Seil unter Khien-lungs Kinn auf, wälzte den Körper auf den Rücken, knetete die offene Brust, goß Wasser aus einem Weihbecken über die Stirn. Ein Spiegel, den er dem Kaiser vor den Mund hielt, überzog sich mit einem dünnen Hauch. Knistern und Röcheln stieg ganz von innen aus Khien-lungs Bronchien. In den hochgezogenen Lidern zuckte es; die hervorgequollenen Augen traten zurück und bekamen einen blanken Schimmer; das Herz, das nicht aufgehört hatte, langsam zu schlagen, verfiel in ein mörderisch überstürztes Tempo ohne Kraft.
Als Kia-king mit tränenschwimmenden blöden Blicken in einer Erschöpfung über den Teppich sank und das Morgengrauen im Zimmer die Röte des Ölflämmchens umstellte, stützte sich der Gelbe Herr mit beiden Armen auf, keuchte, hustete, stammelte. Er stand ganz auf, torkelte an das Fenster, wobei er sich mit den Händen seinen zerschnürten Hals hielt und rieb, knickte auf das Polsterbett, unsicher und unausgesetzt den ausgestreckten Kia-king betrachtend mit blutunterlaufenen Augen. Er rasselte stürmischer.
Den wollte er in der Nähe ansehen, den Menschen, der da feist schlief auf seinem Teppich; ei, der sich gefangen hatte, der Fuchs mit dem lahmen Bein. Der hatte sich gut gefangen; nicht einmal die Wachen hatten etwas bemerkt.
Stier und vorsichtig auf Kia-king losschleichend hielt er vergeblich seinen Atem fest, der kollerte und sägte. Da dunkelte ein Schwindel über seinen Rücken, zwischen die Schulterblätter gegen den Hinterkopf. Er segelte langsam um auf die Hände.
Kroch auf den vieren weiter, mit höllischem Vergnügen, schadenfroh, als er mit dem linken Daumenballen etwas Knackendes zerpreßte und die Hand aufhob. Er hielt sie dicht an das Auge, leckte den Perlensplitter mit der Zunge weg, spuckte ihn aus. Den Kopf schaukelnd duckte er sich eine Weile über den Splitter. Eine große Perle blinkte gerade vor ihm auf dem Teppich. Khien-lung verlängerte das Gesicht, riß den Mund auf. Er fuhr mit der Hohlhand sachte von oben über die Perle, als wenn er Fliegen fing, zog sich nach vorn, glotzte sprachlos abwechselnd auf den dicken Kia-king und die Hand unter sich. Dann tastete er zweifelnd mit der Linken nach seiner zerrissenen leeren Kettenschnur. Und breitbeinig, mit horizontalen Armen balancierend schwankte er aufrecht gegen Kia-king vor, die eine Perle in der Faust, die Brust kochend, raffte im Vorübergleiten von einem Tischchen einen zerbrochenen Buchrahmen, schlug hinstolpernd mit Fluchen, dumpfem Geschrei auf Kia-king ein. Kia-king schnellte hoch, kreischte; sie rangen.
Der Gelbe Herr brüllte heiser: „Der hat meine Perlenkette zerrissen, der Schuft, der Mörder, der dicke Dieb.“
Verzweifelt krächzte er, als ihn Kia-king umlegte: „Alle hat er zertrampelt. Meine schönen Perlen. Wache! Wache! Meine Halskette wirst du mir wiederbringen. Mord!“
Auf den Korridoren rumorte es; Lichtschimmer durch die Türspalte. Waffenklirren. Aufspringen der Türe. Der anschwingende Eunuch riß sie auseinander, löste ihre Finger, hob Kia-king an und fuhr ihm mit der geballten Faust in den Rachen. Zurückprallend beim Blick der erstickenden Augen erkannte der Mann Kia-king. Um Khien-lung, der sich wälzte, zwei Wachen. Der Prinz, ächzend, orientierte sie mit atemlosen Silben.
Der Kaiser brüllte auf dem Teppich, mit den Armen nach Kia-king greifend, schluchzte, jammerte, zeigte seine zerrissene Perlschnur: „Mörder! Meine Halskette wirst du mir wiederbringen. Haltet ihn fest!“
Schnappend tastete sich der Prinz an die kühle Luft.
An dem Steinpfeiler fand er den Strick angebunden, genau solch Strick, wie Khien-lung um den Hals trug; in der Schlinge steckte ein trockener vielzweigiger Baumast. Der Dämon hatte sich schon verwandelt.
Der krankhafte Zustand, in den Khien-lung verfallen war, dauerte zwei Wochen. Während dieser Zeit wurde der Knebelbart des Kaisers völlig weiß, sein Gesicht wie eine Mumie.
Als er genas, saß Kia-king bei ihm; der Kaiser erinnerte sich nicht an die Vorgänge der Nacht.
Der Schnee tanzte über der Purpurstadt; der Kaiser nahm wieder die Regierung in die Hand. Da sprach er in einem der riesigen Treibhäuser unerwartet einmal über die Sektenangelegenheit mit seinem Sohne.
Kia-king, völlig über die Entwicklung des letzten Sommers orientiert, schwoll von Vorwürfen gegen die Bündler über, die das Land zerrütteten und verarmten.
Khien-lung äußerte mit der Apathie eines Verfallenen, daß sich die Ahnen schlecht über ihn ausgesprochen hätten, daß der lamaische Papst nicht hätte raten können und wie schwer die Angelegenheit sei.
Da beschwor der Prinz seinen Vater, indem er ihn aus der Nähe des heißen Ofens führte, sich zu erinnern, wodurch sich das Reich unter seiner Regierung ausgedehnt hätte, ob durch Milde oder kriegerische Strenge, daß Kung-tse und andere Weisen Duldung empfohlen hätten, nicht aber gegen Rebellen. Ja es mache sich der Herrscher eines Verbrechens gegen seine Untertanen schuldig, der nicht Rebellen, welcher Art sie seien, mit dem Schwert und Beil niederschlüge.
Khien-lung stand mit dem abgefleischten Gesicht gegen eine Fächerpalme und pellte einen langen Rindenstreifen ab. Worüber also, meine Kia-king, seien die Ahnen erbost und hätten ihre Zeichen gegeben?
Über die Schwäche im Angriff, über die Nachlässigkeit der beteiligten Behörden; eine Warnung sei das Ereignis gewesen; eine Mahnung, an das Schicksal der achtzehn Provinzen zu denken, welches unabwendbar heraufziehe, wenn Neuerer, Schwärmer, Halbnarren und Schwindler ungestört das kenntnislose Volk beirrten. Und mit blitzenden Augen sprach Kia-king auf den Gelben Herrn ein, der öfter mit abwesenden Blicken das pralle mienenbewegte Gesicht seines Sohnes streifte. Es würde der ganze Westen über das Blumenland stürzen. Statt daß Tibet ein Tributreich des Ostens sei, unterliegen die achtzehn Provinzen den Hirngespinsten phantastischer roher Pfaffen. Die Lamas bedienten sich feiner Waffen. Und wie lange würde es dauern, dann würden die langnasigen Weißen aus Indien sich einstellen, und die rotborstigen Barbaren mit Knuten von den nördlichen Grenzen. Die klare uralte Weltregelung des Weisen von Schan-tung ginge verloren unter dem Schwall ungezügelter Träumerei westlicher Barbaren. Kung-tse müsse geschützt werden. Das Schwert müsse rechtzeitig gehoben werden.
Sie schleppten zwischen den Palmen und Kakteen ihre Leiber schwer atmend auf und ab. Ein Silberfasan stolzierte vor ihnen auf den wasserbetropften Marmorplatten; seine roten Füße setzte er mit einem plötzlichen gnädigen Entschluß; geziert bog er seinen blauschwarzen Hals, um den Glanz seiner Federn aufleuchten zu lassen. Vor dem bebuschten runden Stamm eines Ölbaums trennte sich Khien-lung von seinem Sohne. Die eingesunkenen Augen Khien-lungs, fältchenumrahmt, blickten unruhig. Er sagte zu Kia-king, dem er einen Arm auf die Schulter legte, er möchte sich zu den folgenden geheimen Beratungen einfinden.
In den folgenden Besprechungen, bald mit Kia-king, bald mit A-kui, Song, Chao-hoei, wand und bog sich der alte Kaiser, wie ein Lebensmüder, den man retten will. Er wollte diesen blitzartig erleuchtenden Vorschlag Kia-kings nicht annehmen; er hatte sich tief in hoffnungslose Verworrenheiten hinein verloren, es war eine heimliche selbstquälerische Freude, die ihn hier festhielt. Schwer wurde der Entschluß zu hoffen. Eine dunkle Scham kam hinzu, die des geretteten Selbstmörders vor dem Leben.
Die Deduktionen keiner Beratung hätten das vermocht, was dem feinen Takt Kia-kings gelang. Der Prinz schwieg über die früheren Ereignisse, ließ seine ganze Schlaffheit sinken, warb um den Kaiser, den er anbetete um dieses inneren Zwistes willen.
Als Khien-lung, halb geneigt zu folgen, heimlich erfreut über seinen Sohn, mißtrauisch wurde, griff Kia-king zu einem Gewaltmittel. Er zeigte sich betroffen über den Widerstand seines Vaters, stimmte ihm bei, verließ bei einem Besuch den aufgewühlten Kaiser mit nervösen Worten, unsicheren Bewegungen, blieb in seiner Wohnung.
Dem Kaiser, der ihn bald aufsuchte, gab er sich trostlos, weil es also wahr wäre, daß ihre glanzvolle Dynastie von den Ahnen verlassen sei. Der Gelbe Herr, ungläubig, starr, aufgespalten von einem Beilwurf, suchte sich angstvoll jammernd den Rest von Hoffnung zu retten, hielt stotternd Kia-king dieselben Argumente vor, mit denen ihm Kia-king gekommen war. Der feiste Prinz näselte, grapste tränenselig an den Gründen herum, beschnüffelte sie, vom Kaiser in jedem Atemzug, Wimpernschlag belauscht. Sie schoben sich ächzend hin und her, Khien-lung jeden Augenblick sein Todesurteil fürchtend, beide gegeneinander minierend und sich hitziger aufstachelnd, sich Entschlüsse abringend. Der Kaiser bot seine ganze blau und grün gewordene Verzweiflung auf. Er mußte das träge bockige Flennen seines Sohnes überwältigen. Bis Kia-king nachgab und sich gekränkt umwarf.
Das Spiel war gewonnen. Der Kaiser fühlte sich an Kia-king in einer dunklen Beziehung gekettet. Khien-lung grollte noch tagelang; man durfte mit nichts Politischem kommen.
Dann hatte er angebissen. Als wenn es von ihm käme, schleuderte er mit einem rauchenden Zorn den Wunsch einer gewaltsamen Unterdrückung der Rebellion in den Hohen Rat.
Drei Wochen vergingen nach jener Nacht. Da trugen Kuriere in die winterlichen Landschaften den Erlaß des Kaisers hinaus, der unter Mitwirkung des gesamten Ministeriums, unter Hinzuziehung der ältesten Prinzen und aller Zensoren formuliert war.
Die Kundgebung bestimmte die Anwendung des Ketzereigesetzes in verschärfter, genau angegebener Strenge auf die Sektierer der nördlichen Provinzen. Jeder Widerstand sollte als Rebellion gefaßt werden. In dem Erlaß klagte der Kaiser, auf wie schlechten Boden seine frühere Milde gefallen sei. Die sofort einzusetzenden militärischen Maßnahmen zur Unterdrückung des Aufruhrs würden erfolgen unter Chao-hoei, dem besondere kaiserliche Vollmacht und der Oberbefehl über die Provinzialtruppen der beteiligten Gebiete verliehen sei.
Das Land möge sich nicht beunruhigen.
Der Drachenthron würde die Lehren Kung-tses und des Himmels verteidigen.
Viertes Buch
Das Westliche Paradies
Die Veröffentlichung des winterlichen kaiserlichen Erlasses stieß auf keinen stärkeren Widerstand. Wenige östliche und südliche Präfekturen in Tschi-li unterschlugen die Befehle. Im übrigen brauste der Erlaß als ein Kampfruf über die nördlichen Provinzen.
Chao-hoeis Truppen, die gefürchteten Mordbrenner vom Ili, rückten in die nördliche Provinz ein. Ein paar hundert herumstreifende Brüder und Schwestern, auf die man in Rotten stieß, wurden ergriffen, nach ihrer Vernehmung hingerichtet, kleine Trupps, die Widerstand gegen die Gefangennahme leisteten, waren rasch umstellt, niedergeschlagen, nach Folterungen in Stücke zerschnitten. Es bedurfte zu diesen Ereignissen nur weniger Wochen, dann gähnte Chao-hoei in der nördlichen frierenden Provinz, konnte nicht nach Pe-king Unterwerfung melden und konnte nicht angreifen. Die Wahrhaft Schwachen waren vom sichtbaren Erdboden verschwunden. Überfälle auf gefangene Boten, Briefe bewiesen, daß sich die Geheimbündler in die Städte und Dörfer verschoben hatten, daß die Bevölkerung sie aufgenommen hatte und daß mit einem Schlage riesige Massen hinter den Wahrhaft Schwachen schwelten. Die Weiße Wasserlilie tauchte auf wie das Gespenst einer brutalen undurchdringlichen Menschenwand. Weder Chao-hoei, noch die Tsong-tous von Tschi-li und Schan-tung trauten sich zu prüfen, wie diese fürchterliche Freimaurerverbindung zu den Wu-wei-leuten stünde. Ein eisiger Winter brach an.
Es war nach dem letzten Kampf einer Bündlerrotte mit den Regulären, als sich fünf Händler aus jenem Dorf, bei welchem der Kampf stattgefunden hatte, aufmachten und mit ihren Segelkarren nach Süden zogen. Dieses waren entschlossene Brüder, welche Wang-lun holen wollten. Hochgetürmte einrädrige Karren ließen sie im frostprustenden Wind vor sich laufen, über den gefrorenen Schnee rollten sie wie auf Schienen. Nur zwei von ihnen verstanden den Dialekt der südlichen Provinz, in die sie reisten; aber die drei andern waren kräftige Burschen, die sich auf Schlagen und Landstraßenwälzen verstanden. Tang, einer von ihnen, war, als Ngoh anordnete, man solle sich verstecken, mit einer Anzahl anderer auf die Dörfer gelaufen, suchte Rebellion gegen die Mandschus zu schüren, erlahmte bei diesem Treiben. Er faßte es als ein Zeichen auf, daß er der letzten Umzingelung durch die Kaiserlichen entrann, überredete rasch seine Begleiter, mit nach Süden zu reisen zu Wang-lun. Er wußte von Ngoh den Aufenthaltsort Wangs. Nach einer Tagereise kehrten sie um; Tang suchte sich eine Legitimation zu verschaffen für Wang-lun. Bei dem Dorf wieder angelangt, fand man aber den alten Chu nicht mehr, der, wie er oft erzählte, auf den Nan-ku-bergen die Geburtsstunde des Bundes miterlebt hatte; bei der Plünderung des Dorfes hatte er sich verdächtig gemacht und nun lag der alte Fanatiker, dem bei dem zudringlichen Ausfragen die Galle übergelaufen war, neben einem geborstenen Maulbeerbaum im weichen Schnee und hielt seinen steifgefrorenen Kopf zwischen den Füßen. Sie warteten die Nacht ab, begruben den Körper hinter der Mauer des Magistrats, damit er der verräterischen Behörde Unglück bringe, wälzten den klebrigen Kopf in einen Salzeimer, den Tang an der Lenkstange seines Karrens führte und hatten nun die Legitimation, die sie brauchten. Viel ist später über die Fahrt dieser fünf einfältigen Brüder nach dem Hia-ho, wo Wang-lun wohnte, gefabelt worden. Wahr ist sicher, daß man in allen Städten und Orten hinter ihnen tuschelte; die Zopfschnüre, Lampen, Dochte, Federblumen, Seidentücher, Tabaksdosen, die sie verkauften, warf man nach ein paar Tagen weg in Angst behext zu werden; die, welche Süßigkeiten von ihnen gekauft hatten, behaupteten, Kriebeln in den Fingerspitzen zu spüren, Absterben der Zunge, und gaben sich Mühe zu erbrechen. Man erschrak über das rasche Erscheinen und Verschwinden der Händler; der enorm niedrige Preis, zu dem sie verkauften, erregte hinterher Verdacht, dazu der grimmige tiefsinnige Gesichtsausdruck Tangs, der über den Tod des alten Chu trauerte; auch die sonderbare Ängstlichkeit der fünf Wanderer. In ganz anderer Weise sollte drei Monate später Tang mit Wang-lun dieselben Ortschaften durchwandern; freudig still neben dem freudigen und stillen Wang-lun, beide im herrlichsten Frühling in die Mäntel taoistischer Doktoren gehüllt; sie schoben abwechselnd einen kleinen Handwagen mit geweihtem Zauberwerk; auch an der Deichsel dieses Wagens schaukelte der Salzeimer mit dem Kopfe des toten, hitzigen Chus, den sie neben seinem Körper vergraben wollten. Die Provinzen Tschi-li, Schan-tung und Kiang-su durchhetzten die fünf Händler, sie hielten sich an die Richtung des Kaiserkanals; das reiche Tiefland dehnte sich unermeßlich nach allen Seiten. Den Jubel des Neujahrsfestes, Lärmen, Knattern der Bambushölzer erlebten sie in Schan-tung; jeder Festtag ließ sie das Vorrücken der Zeit empfinden, blies in ihre Segel, kniff in ihre Waden. Tang trug viel Geld bei sich, das er unter Drohungen einem Kaufmann in Tschi-li abnahm, bevor er auf die Dörfer lief, sechs starke Barren Hacksilber, die er in den Boden seines Karrens versteckte unter einer Bretterlage. Sie mußten viermal ihre Warenbestände erneuern, sich selbst zweimal einkleiden auf dem Wege, um als Händler der Gegend zu erscheinen, die sie durchfuhren. In Kiang-su war es schon Frühling geworden. Zuletzt mußte man sehr langsam reisen, weil Chen, ein Natternhändler, einer der sprachkundigen des Zuges, beim Fang eines Tieres in den Hacken gebissen war; die feine Rißwunde flammte auf, heilte nicht, ja an manchen Tagen blühte das ganze Bein schwellend wie ein Kuchenteig. Die Häuser wuchsen höher, hatten weiße Stirnen, waren umrankt von Efeu, Kürbis, seltsamen breitblättrigen Pflanzen. Die Dachverzierungen wurden prächtiger. Dunkle Menschen begegneten ihnen, die sehr rasch, auffallend laut und weich sprachen. Auf vierrädrigen Büffelwagen holperten Bauern vorbei; breite Flüsse, welche die Einwohner verschieden benannten, schaukelten Städte von Booten, in denen die Menschen wohnten. Der schreckliche Hwang-ho wurde überschritten; über den Hwai-ho setzend, bogen sie östlicher ein. Sie näherten sich dem Hia-ho, dem seenreichen Gebiet nördlich vom Jang-tse-kiang, das sich in fruchtbarer Niederung vom Damm des Kaiserkanals bis an den meerabwehrenden großen Damm Fang-koung-ti erstreckte. In dem Marktflecken Fou-ngan, an der südlichen Grenze des großen Damms, sollte ein Mann namens Tai wohnen. Dies war Wang-lun. An den Grundstücken der großen Salzsieder knarrten die fünf Händler vorbei, ein reger Wasserhandel wurde hier getrieben. Auf dem Damm wogten die Pflanzungen von Baumwolle, Ölbohnen, Mais.
An einem stürmischen Mittag langten sie in Fou-ngan an, krochen in ihre Herberge, schliefen bis zum lichten Morgen. Tang machte sich an den Wirt, einen älteren schlauen Gesellen, der leise herumging, fragte ihn nach den Ortsverhältnissen, nach kaufkräftigen angesehenen Leuten, erfuhr dabei die Wohnung Tais, der eine Baumwollpflanzung besitzen sollte, zurzeit auf Fischjagd lag.
Die zunehmende Erkrankung des glücklosen Natternhändlers, sein überkochendes Fieber erübrigte eine Begründung für ihr langes Verweilen am Ort. Sie brachten ihre Karren in der Herberge unter, Tang schob seinen kostbaren Karren durch die lange Dorfstraße, die drei andern Männer liefen hinterdrein. Sie kauerten am Ufer des Jang-tse hin, der breit wie ein See in wilder Strömung nach dem Meere rollte. Sie hatten bis zum Abend lange Stunden Zeit, das schlammige gelbe Wasser zu betrachten. Wie in Tschi-li flogen die Tauben in Schwärmen über ihnen, tönend wie Äolsharfen; wunderbar fein klangen die Pfeifchen in ihren Schwanzfedern, wenn sie sich näherten. Niedrige Felsklippen faßten beiderseits dem Meere zu den Fluß ein, an den Felsbuchten gab es ein Schweben und Senken der Mandarinenten. Im Rücken der vier träumenden Händler tappste der Lärm, Wasserträger schrieen, die Saat wurde auf die Felder geschleppt, Bootzieher trabten nach den Querkanälen.
Gegen Abend sprangen die vier auf und rieben die Knie. Eine Flotte von vierzig flachen Dschunken näherte sich dem Dorf, legte an. Die Tschi-li-läufer stellten sich in die Gruppe der ausgestiegenen Fischer, die Körbe und Netze von den Fahrzeugen trugen. Frauen und Kinder zwitscherten den Damm herunter. Der Himmel schwankte und schwappte wie ein übervoller Bottich von Purpur, hochgelb, violett. Der Name Tai wurde von Trägern gerufen, ein riesengroßer Mann mit magerem Gesicht antwortete, der Korb nach Korb von den rüttelnden Planken eines Schiffes räumte. Die vier Tschi-li-läufer stießen sich im Gedränge. Sie legten einander die Arme um die Schultern und ihre beweglichen Augen glänzten. Lauter wurden die Schreie, das Scharren durcheinander, als die Fischer in die langen, schmalen Gehege uferentlang ihre Beute hoch aufgeschultert stampften. Tang stand schon mit seinen Freunden an dem Gehege des knochigen Mannes, wartete bis zum Ende des Verstauens. Sie folgten Tai, als er über eine sonnenbeschienene Bodenerhebung mit baumelnden, großen Händen allein ins Dorf stieg. Der Karren des breitschultrigen Tang querte seinen Weg. Tang bot dem wassertriefenden Barfüßler im Vorüberrollen einen großen roten Frauenschal an. Der Fischer: „Heb ihn hoch, sonst wird er naß.“
„Tut nichts“, meinte Tang.
„Aber unser Boden wird rot“, grinste der Knöcherne stärker, schlürfte an dem Karren vorbei. Sie fuhren hinter ihm her. Tang sauste quer über den Weg, der zwischen steile Tung-chu-bäume führte. Tai stehen bleibend, schrie dem ungeschickten Händler ein wütendes „Ho-oooh!“ zu. Der Händler aber seinen Karren festhaltend, der ihm im Schwung fortrollen wollte, riß mit der freien linken Hand den Salzeimer von der Deichsel: er wolle ihm noch etwas anderes anbieten; vorher hätte er sich vergriffen; dies hier färbe auch rot. Die schnüffelnde Nase des Fischers fuhr zurück vor dem auf der rosigen Salzkruste herausragenden Halsstumpf. Die drei andern Männer trollten herzu, hielten den zappelnden Karren. Tang stellte sich höflich neben den Fischer, dessen kleine Augen von einem zum andern hüpften. Den Eimer auf den Boden gesetzt, zog er am Stumpf den Kopf des alten Chu heraus, drehte noch im Eimer das Gesicht nach oben. Tai bückte sich tiefer, tiefer herunter, hockte ohne Wort neben dem Eimer, die Hand des Tang fortstoßend. Er schien Merkmale von dem stinkenden schwarzbraunen Leichengesicht abzuzählen: den kleinen zusammengeklebten Kinnbart, die geriefelte Haut, die dicken Augensäcke, den vorragenden Unterkiefer. Dann blickte er an dem Holz des Gefäßes entlang, stubbte den Leichenkopf zurück, sprang auf, wischte sich die Hände im Sand und ging, mit den Fäusten den vier drohend, die er „Strolche“ angiftete, mit langen Schritten zum Dorf hinüber.
In ihrer Herberge unterhielten sich die fünf in der Kammer des Natternhändlers. Tang mußte die andern beruhigen. Ob sie geglaubt hätten, die Sache wäre mit vier krummen Buckeln und einem Grinsen abzumachen.
Der Wirt wußte schon, daß sie sich mit Tai unterhalten hatten, daß er ihnen aber nichts abgekauft hatte. Er riet ihnen, sich ganz früh bei der Abfahrt der Kormoranfischer am Fluß einzufinden. Da strömten Frauen und Männer zusammen. Ihnen läge doch nicht gerade an Tais verschlossenem Beutel.
Als der scharfe Morgenwind über den Gelben Fluß seine prallen pfeifenden Luftsäcke entleerte, standen die vier unter den rüstenden Leuten. Dutzende lange Flöße schwankten auf dem Wasser, schmal, vorn wenig aufgebogen. Eine Anzahl glitt im weißgrauen Morgenlicht stromabwärts, von Männern, die auf dem Vorderteil des Schiffs mit Ruderstangen liefen, geführt. Als Tai über den Sand drei lange Schiffsstangen hinter sich schleifte, löste sich aus der Gruppe der vier Händler Tang gegen ihn zu. Gleichzeitig sah der Fischer sie an und rief. Sie sprangen zu. Nachdem sie Stangen und Netze auf sein Floß geworfen hatten, das eine große Breite aufwies, stiegen sie mit ihm auf das Floß. Er gab jedem der Männer, langsam um sie herum gehend, einen Platz und eine Stange. Vor jedem Platz auf den schwankenden Brettern stand ein hoher Korb, auf dem hinteren Floß schrieen und hüpften die abgerichteten Vögel, die Kormorane.
Während die Fischer der Strömung folgten, um Klippen und Sandbänke glitten, tauchten die Vögel, watschelten vor dem Floß, brachten feuchtigkeitsprühend Fische im Schnabel an, die sie in den Korb fallen ließen, nach ihnen hackten. Die rudernden Männer, torkelnd, breitbeinig, sprachen im Tschi-li-dialekt miteinander, ohne sich umzudrehen. Tai fragte, wo sie im Dorf wohnten und wo der Eimer wäre. Als Tang geantwortet hatte, unaufgefordert vom Tode Chus präludierte, Wang-lun gleichmütig ihn hieß, seine Arbeit zu tun, dann würde es ihm gut gehen, schwieg ihre Unterhaltung. Langsam schwammen sie, von Wang gesteuert, gegen eine schwarze senkrechte Uferklippe, ließen die übrigen Flöße vorüber. Das gelbe Element schäumte, rieselte unter ihren nackten Füßen, die Vögel flatterten.
Wang-lun drehte sich um: „Ich habe euch schon gestern gedroht. Ihr habt hier nichts zu suchen, mit dem Kopf des alten Chu. Ich werde euch ins Wasser werfen.“
Tang erwiderte, es sei einer von ihnen in der Herberge, sie fürchteten sich nicht.
Verächtlich fixierte ihn der Fischer, hieb abstoßend in die Klippe. Sie schwammen weiter über den Strom. Als sie ruhiger arbeiteten, schrie einmal Wang plötzlich: es sei eine Kinderei, eine Niedrigkeit, den Kopf des alten Chu durch alle Provinzen zu schleppen. Wozu? Wem sie damit einen Gefallen täten? Chu sei alt, erfahren, hätte genug Provinzen durchwandert, sie hätten ihm Ruhe gönnen können.
Tang erwiderte, Chu sei noch zuletzt unter die Kämpfer gegangen; er habe gewünscht, ruhelos weiter gegen die Füchse, die Pelzdiebe, die Mandschus zu kämpfen, und das wäre ihm jetzt gegönnt.
„Wodurch?“ fragte Wang.
Tang trat einen Schritt näher: „Das weißt du selbst. Er wirbt zum Kampf.“ Tangs Augen blitzten.
Wang-lun drohte: „Ich werde euch ins Wasser werfen.“
Tang höhnte: „Die Kormorane werden uns wieder in deinen Korb legen.“
Wang-lun: „Fressen werden die Haie euch.“
Wang-lun und Tang taumelten sich auf dem Floß mit geschwungenen Ruderhölzern entgegen. Tangs Holz sank. Der Mann warf sich auf die Knie: „Ich will ins Wasser springen. Verlangst du?“
Als der Fischer drohend verharrte, der Händler an den Rand des Floßes trat, schwirrten die Kormorane an und der Knöcherne kehlte dem Händler zu: „Geh an deinen Platz.“ Einige Vögel fraßen die zappelnden Fische im Flug; die Ruten pfiffen auf ihre Rücken; krächzend rissen die Kormorane die Schnäbel auf, die Fische schnellten blutend in die Körbe. Die Strömung riß heftiger an dem Floß; die Ruderer bremsten und rangen mit dem Wasser. Wangs Floß drehte langsam bei zu der übrigen Flottille, die vor einer eben mit platten Dächern auftauchenden Ansiedlung lag. Während sie mit den langen Stangen sich gegen den Flußboden stemmten, schoß der lange Fischer unter seinem ungeheuren Strohhut wilde Blicke auf die arbeitenden Händler.
Tang, der ihm am nächsten stand, rief er an:
„Wer hat euch auf mein Boot mitgenommen?“
„Du selber.“
Wang raste. Seine Steuerstange glitt seitwärts. Sie schwammen weiter.
„Ihr lügt, ihr seid allesamt Betrüger, Nichtstuer, Lungerer. Gesteht es doch. Was kommt ihr zu mir Arbeit suchen? Euere Körbe sind halbleer. Seht doch hin, wie die Kormorane schmausen, ihr Affen. Solche Leute brauche ich nicht. O, solche Halunken mußten mir in den Weg kommen; es gibt hier so viele tüchtige Leute.“
Er vergaß in seiner Wut völlig zu steuern, der junge Tang balancierte heran, bückte sich nach der Steuerstange, wurde von dem Fischer an der Schulter gepackt und hingeworfen. Triefend, wortlos schleifte Tang an seinem Korb, fing an zu zittern.