Der Bogen des Kaisers war über Länder und Zeiten gespannt, aber das Volk stak im Tagwerk; der Morgen stieg und der Abend sank, das Frühjahr schwoll an und der Herbst losch hin; der Mond lief sich voll und leer in der Sternenbahn, dem Dasein der Menschen die ewige Gleichung zu halten.
Ruhm brachten die Reisigen heim und die Kaufleute köstliche Waren; aber sie alle zu nähren, stand die Saat zur Ernte: von der kalten Meerküste bis an den Schneekranz der Berge hielt der Bauer die Scholle lebendig, darüber der Bogen des Kaisers im Himmelslicht glänzte.
Der in den einsamen Höfen nach Urvätersitte dem Gesinde vorstand, war der Freie der alten Gemeinde, ihm galten die Weistümer noch aus der heiligen Herkunft.
Im Namen des Schwertes war die Herrschaft des Kaisers geworden und im Zeichen des Kreuzes die Kirche; aber Kaiser und Papst konnten das Recht nicht beugen, das im Herkommen stand.
Als Friedrich der Kaiser fern war in Palermo, als Dienstmannenübermut und städtischer Trotz die Gewalt der Großen und Grafen bedrängten, als Willkür am Werk war, den Rechtsgrund im Reich zu zerreißen, wurde im sächsischen Land die Herkunft lebendig.
Eike von Repgow, ein Schöffe in Anhalt, hob den Stuhl des Gerichts an den Tag: er schrieb dem sächsischen Mann in der Sprache der Väter sein Recht aus der freien Gemeinde gegen den Zwang der unrechten Gewohnheit.
Da man zuerst Recht setzte – schrieb Eike von Repgow – war noch kein Dienstmann, und Jeder war frei, als unsere Vorderen her zuland kamen; denn die Unfreiheit geht wider Gott, ihm ist der Arme so nah wie der Reiche.
Kaiser und Papst halten die höchste Macht, sie können Gewalt mit Gewalt überziehen; aber das Recht steht über dem Königsschwert und über dem Krummstab, und die Gewohnheit des Unrechts kann die heilige Herkunft nicht beugen.
Den Sachsenspiegel hießen sie Eike von Repgows wehrhaftes Weistum; aber die Freien kamen vom Rhein und aus Schwaben, aus Bayern und Franken, in seinen Spiegel zu schauen: so wurde im Reich das Recht, so wurde im Richter der freie Mann wieder lebendig.
Huld und Treue
Einmal war Jedermann Bauer und Krieger gewesen, Herr seiner Hufe und Knecht seines Schwertes, wenn ihn die Hundertschaft rief.
Aber der fränkische Königsdienst lag lästig und hart auf den Hufen, so nahm der Bauer sein Eigen als Lehen von Einem, der ihm die Heerpflicht ablöste.
Der ihm sein Eigen als Lehnsherr ablöste, mußte für jede Hufe den Königsdienst leisten, drum nahm er Reiter in Pflicht, denen das Schwert besser zur Hand war.
So wuchs auf Freienmannsland der Lehnsbaum breit in die Äste: der Lehnsherrenast trug in der Mitte die Krone, der Ritterast hielt ihm zur Rechten den Wettersturm ab, der Bauernast aber zur Linken trug ihm die Früchte.
Vasallen wurden genannt, die gegen Zins- oder Schwertpflicht ein Lehen annahmen; aber das Schwert hielt frei, und der Zins machte hörig: der Reiter zur Rechten wurde ein Ritter, der Bauer zur Linken sank in die Fron.
Der König war oberster Lehnsherr, wer Reichslehen hatte, hieß sein Vasall; die Großen und Grafen gaben zu Lehen, sie waren Vasallen und Lehnsherren zugleich bis zu den Rittern hinunter: so war das Reich ein gewaltiger Turm der Lehnsherrenschaft, gebaut auf dem Wohlstand der Scholle, gekrönt mit dem goldenen Zepter.
Aber der Turm war kein Lohnbau; nicht die Bezahlung hielt seine Quadern mit kupfernen Klammern gefügt, Stein stand bei Stein in der Pflicht, vom Bauern hinauf bis zum König.
Huld und Treue waren die Klammern, Huld und Treue der alten Gefolgschaft; Treue dem Lehnsherrn, Huld dem Vasallen: wie sich die Jünglinge einst die Blutspur beschworen, so nahmen die Lehnsleute einander in heilige Pflicht.
Die Kirche lockte mit seliger Hoffnung und drohte mit ewigen Strafen; Huld und Treue stellten das irdische Dasein auf eigene Geltung; der Mann gab das Wort, und das Wort hielt den Mann; Himmel und Hölle konnten ihm nicht den Schwertriemen lösen.
Der Ritter
Der als Reiter zum Königsdienst ritt, den nannten sie bald einen Ritter, und einen Knappen den Knecht, der ihm die Waffen darreichte.
Aber der Ritterdienst hob seinen Stand über den Freien, kein Knecht durfte ihm danach Knappendienst tun.
Er wohnte nicht mehr im schlichten Gehäus der Gemeinde; er baute den einsamen Horst seiner Burg mit Mauer, Tor und Turm; er ritt auf den Straßen in eiserner Wehr, Helmzier und Schildzeichen hieß er sein Wappen.
Nur wer rittergebürtig war, durfte noch Ritter werden; sieben Jahre lang hieß er das Jungherrlein, sieben Jahre lang ging er als Page, sieben Jahre lang trug er dem Herrn als Knappe die Waffen: dann hob ihn die Schwertleite auf in den Ritterstand.
Den Ritterschlag nahm er zum Zeichen, daß seine Ehre nun keinen Schlag mehr erdulde; denn Ritter sein hieß nicht mehr, um Lehen Königsdienst tun: Ritter sein hieß der Christenheit selber den Waffengang reiten, und wie der Kaiser ihr Schirmherr war, so war der Ritter ihr Streiter.
Er ritt auf den Wegen des Abendlands und kam aus dem Morgenland wieder, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld trug er die Lanze: siegen gab fröhliche Tage; aber verlieren gab keine Schande, wenn der Schild rein blieb.
Denn reiten und stechen war seine redliche Kunst; wie ihn sein Lehnsherr rief, so tat er die Fahrt und gab sein Leben darein; die Treue allein war sein Teil an dem Handel und daß er untadelhaft standhielt.
Reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern sein Ruhm, sie treu und tapfer zu üben die Ehre: die Ehre stand über dem Helm als sein Stern; aber ein Kranz sank aus den Sternen, wenn er zum fröhlichen Stechen einritt in die Schranken.
Der Herold rief und das Volk staunte sehr, den rühmlichen Helden zu sehen; wie ihn die Wahl rief, wagte er fröhlich das Spiel und gab sein Leben darein, der stärkste und kühnste im Zweikampf zu sein und den Kranz einzuholen.
Denn die dem Sieger den Kranz auf das bloße Haupt gab, war die holdselige Frau; reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern sein Ruhm, sie treu und tapfer zu üben die Ehre: aber der Herrin unwandelbar zu gedenken, das gab der Kunst und dem Ruhm und der Ehre die blaue Blume zur Hand.
Tod und Teufel zum Trutz als Streiter der Christenheit reitend, war er der Himmelskönigin treuer Vasall: sie neigte in seliger Huld seinen Taten das Angesicht zu; sie gab ihm den Kranz, wie sie ihm einmal auf blutigem Feld den Balsam der Ewigkeit brachte.
Walhal war leer; Walküren kamen nicht mehr, auf Wodans Roß den Helden zu holen; Jesus war blutend und blaß in den Himmel gefahren, wartend des Tages, da seine Posaune das Weltgericht rief: die Himmelskönigin saß auf dem Thron, im süßen Wunder der Liebe den Ritter nicht zu vergessen.
Minnegesang
Der Ruhm des Ritters hing seinen Prunkmantel um, daß er den Frauen der Höfe gefalle; der Prunkmantel war mit den Säumen künstlicher Lieder bestickt und gewirkt auf dem Goldgrund der Minne.
Der Sänger hob wieder die Harfe, von Helden zu sagen; aber nun hallte es nicht mehr im Stabreim uralter Gesänge, auch saßen die Männer nicht mehr beim Mahl, den Sänger zu hören: höfische Sitte hatte den künstlich verschlungenen Reim in die Worte und in den Saal die tolosanischen Gebräuche der edlen Frauen gebracht.
Die gestern noch ritten und stachen, standen nun selber in reichen Gewändern und sangen den Frauen die Minne: zierliche Sprüche, die nach der Frauengunst zielten, gemessene Reime, die um den Beifall der Tönemeister rangen.
Der Minnegesang war das Schildzeichen höfischer Zucht und das Siegel des Ruhmes geworden; die Könige selber durften die Kunst nicht verschmähen.
Aber die Frauengunst wollte nicht immer den eigenen Preisgesang hören; der ihr den Spruch sagte, sollte der Held sein oder von Taten der Helden berichten: hinter der maßlichen Kunst stand die Brandung des Lebens und wollte die schäumende Lust der Schicksalsgewalt spüren.
Da wurde im Minnegesang wach, was unter der gläsernen Decke mönchischer Bildung den langen Winterschlaf hielt: Siegfried und Dietrich von Bern, Brunhilde, die unholde Frau, und Etzel, König der Hunnen, der die blonde Hildico freite, Randwer der feine, die blasse Ingunthis und Gundikars todwunde Mannen.
Aufstanden die Helden der Vorzeit im Gedächtnis der Sage, die riesigen Leiber zogen das Rittergewand an, Kreuzfahrer mischten die tollkühne Fahrt in das Königsgefolge, Huld und Treue standen als ewige Sterne.
Huld und Treue fand Heinrich der arme Ritter, als ihm die Magd herzinnig ihr Leben hingeben wollte, mit ihrem Blut das seine zu heilen, das an der Miselsucht krank war; reiner Wille vermochte das Wunder der Gnade zu zwingen.
Huld und Treue hielten der glückreichen Gralsburg die Tore behütet, und Parzival kam aus dem Wald, das Glück der Erwählung zu finden; aber der Knabe versäumte das Zeichen und mußte durch Zweifel und Schuld den weiten Weg reiten, bevor er die Tore zum andernmal fand.
Huld und Treue wurden von Tristan verraten, als ihm Isolde den Liebestrank reichte – Randwer der feine hob seine Augen zur schönen Schwanhild, die er dem König zu freien gesandt war – der König war greis, und Tristan war jung; er trank sein Schicksal sehenden Auges und büßte in schmerzlicher Süße die Schuld.
Huld und Treue streuten Gudrun, dem Königskind, Gold auf den Weg, da sie in langer Gefangenschaft Magddienste tat; an der kalten Meerküste stand sie, die Wäsche zu waschen, als endlich die Schiffe der Heimat die schmerzliche Wartezeit krönten.
Huld und Treue senkten die Wurzeln hinein in die dunkelsten Gründe, als Hagen, der treue, Siegfried, den treulosen traf; denn Siegfried der helle war hürnernen Leibes und in den Trug der albischen Mächte verstrickt; Hagen der finstere fand den Haß in der Huld und den Verrat in der Treue.
Huld und Treue brannten im Blutrausch der Rache, als die Burgunder ins Hunnenland ritten; Erzbildern gleich saßen die treuen Vasallen, Hagen und Volker, am Tor der Vernichtung und hielten Gunther dem König die letzte Wacht.
Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach hießen die Meister im Minnegesang; ihr Ruhm hing hoch an den Höfen, und fleißige Hände schrieben die Handschrift der rühmlichen Mären auf vielerlei Blätter mit ihren gepriesenen Namen.
Der aber Brunhild, Kriemhild und Gudrun das höfische Prunkgewand gab, der die Urwelt germanischer Sage aus der Vergessenheit löste, blieb im Dunkel der Tage.
Übergroß wuchs seinen zierlichen Worten die uralte Schattenwelt zu; er nahm und gab dem Schuldbuch der Götter Gedächtnis im Schicksal der Menschen und sank in Vergessenheit, indessen sein Lied die Flügel gewaltig aufhob, daß aller Minnegesang tief unter ihm blieb.
Walter von der Vogelweide
Zierliche Reime hielten zärtliche Worte umrankt und waren im Goldgrund der Minne züchtig gemalt mit höfischen Farben, als Reimar, der alte, Walter, dem Jüngling, den Minnegesang lehrte.
Aber der Jüngling aus armem Rittergeschlecht lernte anders zu singen und sagen als sonst ein höfischer Junker; von der Vogelweide war er genannt und bessere Weide als Brosamen fand er sein Leben lang nicht.
Früh war die Straße sein Saal und der Wald seine Kammer, auf allen Wegen des Abendlands sah er das fahrende Volk; da hörte er harschere Töne als die der höfischen Sitte.
Die Vögel sangen ihm Lieder, die Bäche pochten den munteren Takt, und der Wind in den Bäumen rauschte den Harfenton: eine braune Dirne im Arm, das war eine hellere Minne, als nach der Herrin zu schmachten.
Und Walter wußte der helleren Minne die Lieder zu singen wie keiner; Wald und Wiese wurden lebendig, wo ihm das Wort aus dem Mund sprang, und die Liebe fing an zu lachen, wo sein Lockruf ertönte.
Als Otto den Welfen der Bann traf – dem der Papst selber zur Macht verhalf, da er ihn brauchte, und den er verfluchte, da er ihm leid war – vergaß Herr Walter die Maße der höfischen Zucht; da sprang ihm der Zorn in die Kehle, und Rom hatte nicht solche Sprüche gehört, wie die von der Vogelweide.
Denn mehr als ein christlicher Ritter war Walter ein Mann von deutschem Geblüt; jach war sein Zorn, und sein Wort zückte schärfer als manchermanns Schwert.
Als seine Sprüche dem treulosen Rom um die Ohren sprangen, von fahrenden Schülern und frechen Rittern gesungen, da schlug die Stunde schrill in den Morgen, da trat in den Kampf der Schwerter und Listen die neue Gewalt, da wurde in Ehren und Zorn der deutsche Geist wach.
Da wurde Herr Walter, der Mann ohne Burg und Land, eine Stärke, der die Fürsten und Herren im deutschen Land zag oder zornig den Gruß gaben.
Und als er grau war, gab ihm der Staufer Friedrich der Zweite, der Todfeind der Kirche, in Würzburg ein Lehen; da saß die singende Seele der Deutschen im Alter und sagte der Zeit ihre Klage.
Das Feld war umbrochen, der Wald war verhauen, Weisheit, Alter und Adel hatten den Sitz an die Torheit verloren, das Recht hinkte sehr, die Scham war in Trauer, im Siechtum die Zucht, als Walter, der Weiser und Sänger der Deutschen, den Tod nahen fühlte.
In seinen Leichenstein waren vier Löcher gehauen, Brosamen den Vögeln zu streuen, daß sie kämen zur täglichen Weide und daß ihr Gesang dem Grab die Fröhlichkeit gäbe, die Walter im seßhaften Alter wehmütig suchte, weil seine fahrende Jugend so übervoll davon war.
Die Bürgerschaft
Der Turmbau der Lehnsherrlichkeit war auf den Wohlstand der Scholle gegründet; keine Burg stand anders im Land, als daß ein Ritter den Überfluß dessen verzehrte, was der Bauer dem Boden abrang.
Aber das Reich war noch immer das Land der neblichten Wälder: mühsam und zäh ging der Pflug in der Rodung, indessen die Fähnlein der Reichsritterschaft beutegerecht durchs Abend- und Morgenland zogen.
Das Reich war arm und ein Bauernland, karg und voll Krieger, bis ihm der Kaufmann die Arme freimachte, bis in den Städten der Handel den Reichtum, der Reichtum aber das stolze Gewerk der Bürgerschaft brachte.
Die Bürgerschaft wuchs an dem Lehnsherrenbaum, wie der Efeu am Eichenstamm wächst, und stand noch im üppigen Grün, als der Stamm ausgehöhlt und der rechte Ast schon verdorrt war.
Fremd und fein im Bereich der Bauern und Ritter schien ihr ummauertes Dasein dem Freienmann; aber die Mauern hielten der kommenden Freiheit die Tore gerüstet.
Der Bauer sank in die Fron, und der Ritter wurde sein Herr; der hörige Mann in der Stadt hob seinen Stand in den Stolz einer neuen Bedeutung: Stadtluft macht frei! stand über dem Tor, aber der Bürger machte sich selber die Luft.
Und als er frei war, nahm er die schönen Dinge der Freiheit anders zu Hand als der Ritter; der Ritter war Einer im Kreis seiner Burg, er aber war in den Mauern der Stadt die Gemeinschaft.
Er konnte mit hundert Händen das Seinige halten, mit hundert Augen und Ohren das Dasein bewachen; er konnte verhundertfacht fühlen und wollen und über die einzelne Tat das Richtmaß gemeinsamer Täglichkeit stellen.
So wuchsen Gassen mit Giebeln und Brunnen, so wuchsen Rathäuser steinern und stolz, so wuchsen Kaufhallen mit zierlichen Lauben, so wuchsen die bunten Stuben der Zünfte und der prunkende Saal der Geschlechter.
So wurden Schulen, die Kinder zu lehren, und Krippen der Wissenschaft, so wurden Bauhütten mit Zirkel und Richtscheit, so wurden Werkstätten, die schönen Gewerke und hohen Künste zu üben.
So wurden die Städte Lebensgewalten, so kam die Bildung der Bürgerschaft zu, so wurde der deutschen Seele neue Wohnung bereitet.
Die Zunft
Im Anfang hieß Bürger Insasse einer Burg sein; Hörige hatten im Dienst eines Großen ihr Handwerk zu üben und durften im Schutz seiner Torwächter wohnen.
Als danach die Burg eine Stadt hieß, weil aus dem Troß der Großen ein Hof und aus den Insassen eine Bürgerschaft wurde, hielten die Handwerker treulich die Schranken der Herkunft in Ordnung.
Eine Zunft hießen sie da den Kreis jeglichen Handwerks und schlugen den Zirkel um seine Gebräuche: die freie Gemeinde der Herkunft war die Gemeinschaft des Standes geworden, die alte Zucht hatte ein Alltagskleid angezogen, die Tapferkeit war in die Werkstatt gegangen.
Der Dachdecker hob seinen Spitzhammer, der Schmied seine Zange, der Zimmermann seine Stoßaxt im zünftigen Stolz; denn Dachdecker, Schmied oder Zimmermann sein, hieß in der Zunftehrbarkeit stehen.
Die Zunftehrbarkeit hielt Werkzeug und Arbeitsgebrauch heilig; wie die Schwertleite den Ritter, so machte der Zunftbrief den Meister; Geselle und Lehrling waren ihm Knappe und Page, und die Zunftstube war der Saal seiner Ehre.
Da stand die Zunftlade mit dem Zunftrollenpergament – die Bundeslade im Tempel der Juden stand so geehrt – da wurde die Zunft beschworen und der Zucht das Gericht gehalten, da war die Ehrbarkeit selbstgenügsam zu Haus.
Da wurde das Werk der fleißigen Hände geehrt, da wurden der Stolz und die Freude der ehrlichen Arbeit behütet, da stand die Kunst, etwas zu können, so hoch in der Gunst wie die Redlichkeit selber.
Denn nur auf ehrliche Arbeit durfte der Meister den Wohlstand gründen; Todsünde war Gewinn aus Handel und Zins, tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft.
Stuben der Selbstgenügsamkeit standen im Schatten der höfischen Hallen, bescheidene Hände hielten dem Ritter den Steigbügel hin: aber die Zucht gab der Sitte die Tür, hier wie dort war der Mann noch ein Wort, die Ehrbarkeit war die redliche Magd der Ehre.
Die Gilde
Tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft; aber im Rathaus stand die Waage, den Pfennig zu wiegen, in den Gewölben boten die Händler römische Seide und englisches Tuch feil: wo es der Zunft wohlging, hatte der Kaufmann den Wohlstand bereitet.
Denn die Stadt hielt den Markt für die Landschaft; Bauern und Ritter kamen zu kaufen, was Acker und Weide nicht gaben.
Schiffe brachten den Wein und Wagen das Tuch zu Gewändern, Saumtiere trugen Gewürz und feine Gewebe, auch köstliche Steine und Silber: die Gaben des Wohlstandes gingen dem Händler mit reichem Gewinn durch die Hände.
Für die Marktsicherheit sorgte der Stadtherr, aber draußen im Land war das Gut der Schiffe und Wagen gefährdet: unrechte Zölle, diebische Herbergen, gewalttätige Räuber lagen ihm auf, und schlechte Marktknechte brachten den Händler um seinen Gewinn.
So mußte der Stand dem Einzelnen helfen: den Zünften der Handwerker gleich hatten die Händler den uralten Geschlechterverband lebendig gemacht in den Gilden; die hielten der Waage daheim das Recht und den Nutzen und reichten mit silbernen Händen hinein in die Fremde.
In Wisby auf Gotland, in Nowgorod weit in der östlichen Kälte, in Venedig und London standen die stolzen Häuser der Gilde, und über das Reich war das Netz ihrer Geltung gebreitet.
Den Kaufmann des Kaisers hießen sie draußen den Gildegenossen; und wie der Ritterstand Ehre und Ruhm eintrug, so war der Kaufmann des Kaisers im Abendland ehrlich geachtet.
Der Ritter trug Lanze und Leben im Dienst der Lehensgewalt: sein Stand war mächtig, weil ihm der Einzelne Ehre und Tapferkeit zutrug; der Kaufmann saß in der Gilde geborgen, wo er auch war: der Einzelne galt in der Welt, weil ihm der Stand Schutz und Geltung verschaffte.
Der Ritter diente der Ehre, der Kaufmann dem Nutzen; aber die Gilde war auch ein Reis der freien Gemeinde: Huld und Treue zwangen den Pfennig, dem Taler der Gilde redlich das seine zu halten; und das Wort war ein Mann, auch im Nutzen.
Walpod
Walpod, ein wohlhabender Bürger in Mainz, sah mit Zorn, wie die Großen und Grafen das Reich in Unfrieden hielten, und wie die Hände der Ritter zum Raub lose waren; denn der staufische Traum war geträumt, und keine Kaisermacht hielt das Unrecht in Schranken.
Er rief die Bürgerschaft auf, selber ihr Recht in die Macht zu stellen; so schwuren sich Mainz und Worms den Bund, dem Oppenheim beitrat, Raub und unrechten Zöllen zu wehren.
Als der von Bolanden den Städten hohnlachte, sandten sie einen Hauptmann nach Ingelheim, den Räuber in seiner Burg zu fangen.
Die Grafen ritten zuhauf, ihm zu helfen; aber der Bischof von Mainz trat der Bürgerschaft bei: wie starkes Gewölk kamen die Heerhaufen der Städte von Norden und Süden über den blinkenden Hochmut der Grafen gezogen.
Von Basel bis Köln stand die rheinische Bürgerschaft auf, den siebenten Heerschild zu stärken: da mußte der Hochmut der Herren und Ritter den Bürgern in Mainz den Landfrieden schwören.
So stark wurde die Hand der Städte, daß sie die Fürsten und Bischöfe zwangen von Basel bis Köln, dem rheinischen Bund beizutreten: sein Banner und Schild stand auf den Straßen des Stromes hinauf und hinunter, Raub und unrechten Zöllen die Schärfe des Schwertes zu zeigen.
So stellten die rheinischen Städte Gewalt gegen Gewalt; so gab der Bürger Walpod von Mainz den Zünften und Gilden das Faustrecht, dem Faustrecht der Ritter und Grafen zu wehren.
So war dem siebenten Heerschild der Schatten geschwollen; er fiel in den fröhlichen Raub und die Händel der Ritter, als ob die Bürgerschaft selber die Kaisermacht wäre.
Die Hansa
Seit Heinrich dem Löwen war Lübeck die Fürstin der nordischen Länder; durch Friedrich den Sizilianer zur freien Reichsstadt erhoben, ließ sie den zweiköpfigen Adler über der kalten Meerküste flattern.
Lübisches Recht galt in den Städten der Ostsee, lübische Gilden hatten bis Bergen hinauf die stolzen Kaufhallen gebaut.
Lübeck, Wisby und Riga schlossen zuerst den Bund des gemeinen Kaufmanns gegen den dänischen König und wußten ihr Recht mit dem Schwert trotz Kaiser und Fürsten zu wahren.
Hansa, das ist Schar, hießen sie ihre Gemeinschaft, und so glückte dem lübischen Rat die Geltung der Schar, daß die Gesandten der Könige kamen, mit ihm zu verhandeln.
Aber danach war Waldemar König der Dänen, den sie Atterdag nannten; er trat dem hansischen Hochmut die Haustür ein: Wisby auf Gotland ging der Hansa verloren, die hansische Flotte wurde bei Helsingborg bitter zur Demut genötigt.
Fünf Jahre lang lag der hansische Hochmut darnieder, bis Winrich von Kniprode ihn wieder weckte: mit kluger Verhandlung und zündender Rede brachte der starke Deutschordensmeister die Städte der Ostsee noch einmal zusammen, das preußische Schwert an die Geltung der Hansa zu wagen.
So kam über Nacht die hansische Tagfahrt in Köln zustande: siebenundsiebzig Städte beschworen der Hansa den Bund; so übergroß wuchs die Macht der Kontore, daß Waldemar den Kampf nicht mehr wagte.
Im Frieden zu Stralsund wurde den Dänen die hansische Rechnung gemacht; die Kaufleute zwangen den König, mit gutem Silber zu zahlen, und waren hochmütig genug, nicht handeln zu lassen.
Seit dem Tag von Stralsund wehte die hansische Flagge über den nordischen Meeren; sie kam herein in den Hafen, wie der Fürst ins Gefolge, wie der Mond in den Sternenplan steigt.
Die hansischen Herren ließen dem Kaiser das Reich und den Fürsten die Ritter: sie blähten die Segel im Wind und hingen die Wimpel der Schiffahrt aus an den stolzen Rathäusern.
Die Welt war weit und der Reichtum stand in hundert Höfen gestapelt: die Hansa brachte ihn ein von den kältesten Küsten; Wikingerlust im Bürgerkleid saß in den reichen Kontoren, die Sagen tollkühner Fahrten standen vergüldet im hansischen Glück.
Dem Abenteuer der Staufer verbrannten im Süden die Flügel, das Abenteuer der Hansa trug Schnabel und Krallen des Reichsadlers noch manches Jahrhundert.
Rudolf von Habsburg
Als Richard der Reiche gestorben war, suchten die Kurfürsten lange, einen König der Deutschen zu finden; und als sie ausgesucht hatten unter den Fürsten und keinen fanden, wählten sie einen Grafen, Rudolf von Habsburg geheißen.
Er hatte dem Sizilianer klug und beständig gedient und war mit vielerlei Fahrten nützlich ins Alter gekommen, als die Kurfürsten ihn auf den Königsthron setzten.
Seine Macht war nicht groß, aber er hatte sein Gut beharrlich vermehrt und galt als Feldhauptmann viel; Friedrich von Zollern, der geschäftige Burggraf von Nürnberg, trug ihm die Gunst derer zu, die gleich ihm ein Königslehen besaßen.
Als sie ihn krönten zu Aachen in altertümlicher Weise, ritten die Grafen und Ritter in fröhlichen Scharen zum Fest, im Kaisersaal prahlte das Glück ihrer Stunde.
Sie dachten gegen die Fürsten ein neues Brett zu gewinnen, aber der Habsburger hatte gelernt, sich selber zu dienen; wie er als schwäbischer Graf mählich zu dem Seinen gekommen war, saß er als König im Sattel.
Mancherlei Mächte hielten dem Reich das Streitroß geschirrt; er mußte mit kluger Beständigkeit warten und mit der Krone Feldhauptmann bleiben.
Er mußte dem Papst in Demut geloben, dem staufischen Kaisertraum zu entsagen; er mußte den Städten den Landfrieden schwören und mußte den Fürsten das Schwert ihrer Händelsucht lassen.
Als er dem trotzigen König von Böhmen sein deutsches Königsrecht wies, blieben die Großen und Grafen daheim, und wenig Ritter zogen mit ihm, die Schlacht auf dem Marchfeld zu schlagen.
Der Habsburger aber gewann die Schlacht mit dem Zollern, und der stolze König von Böhmen lag tot auf dem Marchfeld: der Feldhauptmann war Herr in der Ostmark und säumte nicht, seine Söhne reich zu belehnen.
So war er selber ein Großer an Hausmacht geworden; aber sie zu behalten, mußte der Habsburger Feldhauptmann bleiben: das Feldlager war seine Burg und der Krieg mit den Kleinen sein tägliches Handwerk.
Um seine hagere Gestalt war kein Glanz, und die Krone saß schlecht auf dem Graukopf: die Kaiserpracht blieb mit den Staufern verschwunden, kein römisches Reich spannte fortan den Bogen der Macht über die Völker.
Aber die Bürgerschaft hatte das Schwert ihrer Ordnung, und das Volk war dem Habsburger günstig gesinnt, der die Raubritter aufhing und in schnurrigen Späßen als derber Spaßvogel umging.
Die Eidgenossen
Als Rudolf von Habsburg noch schwäbischer Graf war, hielt er zu Altdorf Gericht im Namen des Kaisers; denn die Waldstätten hatten den Brief des Sizilianers, der ihnen die Reichsfreiheit beschwor.
Rudolf von Habsburg war stark und gerecht, aber Albrecht, sein einäugiger Sohn ritt stolz in den Tag; er dämpfte den Hochmut der rheinischen Kurfürsten und lachte der trotzigen Bauern.
Er setzte den Waldstätten Ritter als Vögte; der Landammann durfte der freien Gemeinde nicht mehr im Namen des Königs Recht sprechen.
Aber die Waldstätten schwuren den Bund auf dem Rütli: Werner Stauffacher aus Steinen bei Schwyz, Walter Fürst aus Uri und Arnold von Melchtal in Unterwalden kamen zur Nacht auf die heimliche Wiese und schwuren im frühen Tag, keine Burg und keinen Vogt in ihrer Freiheit zu dulden.
Am Neujahrstag brachen die Berge ins Tal; mit Streitaxt und Morgenstern kamen die Bauern hinab in die Täler, die Burgen zu brechen: da wurden die Waldstätten frei von der habsburgischen Plage.
Sie schwuren noch einmal den Bund und nannten sich Eidgenossen; sie priesen den tapferen Schützen, der dem bösen Landvogt zu Küßnacht den Pfeil in das Herz schoß, und die Gewässer rauschten die Sagen vom wackeren Tell.
Aber zum Mai kam Albrecht der König geritten; das Gerücht seiner drohenden Rache ging in den Waldstätten um, als Johann von Schwaben, der Neffe, den harten Habsburger erschlug.
Da blies das Hifthorn der Habsburg den blutigen Mai, aber die Waldstätten grüßten das Frühjahr mit Freuden, denn nun war Heinrich von Luxemburg König, den Habsburger Hochmut zu dämpfen.
Sieben Jahre lang ging die Freiheit ins Land, bis Heinrich von Luxemburg starb, bis Leopold, der Herzog von Österreich, mit gepanzerten Rittern kam, die Eidgenossen in seine Hausmacht zu zwingen.
Aber die Waldstätten hatten die Wachen sorglich gestellt; als die gepanzerten Ritter gen Morgarten kamen, über den Ägerisee ins Schwyzerland einzubrechen, hatten die Bauern dem Habsburger Wolf die Falle bereitet.
Felsblöcke brachen ins Tal und schlugen blutige Quellen, der Morgarten wurde ein rauchender Anger, der See ein rauschendes Grab für den Hochmut der eisernen Ritter.
Zehnmal sieben Jahre gingen der Freiheit ins Land, und Wenzel war König, als wieder ein Leopold kam, die Eidgenossen zu zwingen; aber nun war die Bauernschaft mächtig und die Städte standen ihr zu.
Bei Sempach ritten die Österreicher an, Luzern zu berennen, und das Streitfeld war frei, die Hengste zu tummeln; das Fußvolk der Waldstätten hatte nach Urväterbrauch den Keil aufgestellt.
Die Ritter stiegen vom Roß, der drohenden Spitze des Keils mit ihren Panzern zu wehren: eine Mauer von Eisen stand vor den Bauern, mit Speeren gespickt, da mußte die Spitze stumpf werden.
Arnold von Winkelried aber machte sie scharf: gleich einer Garbe band er die Spieße in seinen sterbenden Leib und brach eine Gasse, darin sich der Keil gewaltig einbohrte.
Da hatten die Streitäxte Arbeit, die eisernen Bäume zu fällen; der Tag war heiß, und von den Streichen der Bauern getroffen, erstickten die Ritter in ihren Eisengehäusen.
Leopold selber, der Herzog, sank in den Haufen, die fliehenden Lanzenknechte mähte der Morgenstern hin: so mußte der Wolf dem Stier den Weidgang lassen.
Die deutschen Ordensritter
In Zank und Schimpf ging das Grab und das Heilige Land den Ordensrittern verloren; aber der Hochmeister Hermann von Salza brachte ihr Schwert über die heidnischen Preußen, da mähten die Ritter dem schwarzen Kreuz ihrer Weißmäntel eine fröhliche Ernte.
Indessen die Kurfürsten in Aachen Rudolf von Habsburg die Krone aufsetzten, bauten sie schon ihre feste Burg an der Nogat; als König Albrecht, sein Sohn, durch Mörderhand fiel, war ihre Zwingherrschaft so sicher gegründet, daß der Hochmeister selber ins preußische Land kam, in der Burg an der Nogat zu wohnen.
So wurde die Burg ein gewaltiges Schloß, Marien zu Ehren genannt, die Gralsburg der schwarzweißen Ritter.
Denn nun war der Hochmeister Reichsfürst geworden wie keiner: nicht Bischofs- noch Bürgergewalt galten im Preußenland, die Weißmäntel ritten den Zügel der Zucht, und wie sie Gehorsam gelobten, verlangten sie ihn.
Sie waren die eiserne Hand, der Hansa im Osten die Waage zu halten; Kurland, Livland und Estland, die reiche Küste der Ostsee, zwangen sie ein in den Ring ihrer Herrschaft und hielten den Ring in hartnäckigen Kriegen.
Denn herrschen und kämpfen war ihre Lust, weil es ihr Dienst und das Gelübde der Ordenspflicht war, über die Heiden das Kreuz und das Schwert zu bringen.
Als Winrich von Kniprode Hochmeister war, der gewalttätige listige Mann, stand ihre Schwertbrüderschaft höher in Geltung als sonst im Reich eine Macht; als er der Hansa den Frieden von Stralsund erzwang gegen den Atterdag, wehte die schwarzweiße Fahne stolz auf der Burg an der Nogat.
Da wurden die Säle der festen Marienburg weit, da hielten die Säulen dem Remter der schwarzweißen Ritter die Decke kunstreich gespannt, da waren die Höfe und Hallen geschmückt mit dem Reichtum des preußischen Landes wie das maurische Königsschloß der Alhambra.
Aber schon wehte der polnische Wind Sandwellen in ihre Gärten; der Eidechsenbund der Preußen weckte den Haß und den Widerstand gegen die Willkür der landfremden Ritter; und als der Tag von Tannenberg kam, wurde das schwarzweiße Banner rot im Blut der verlorenen Schlacht.
Wohl konnte Heinrich von Plauen die Burg an der Nogat noch einmal mit Tapferkeit halten; aber das Glück der schwarzweißen Ritter hatte die Zucht welk gemacht für das Unglück: im blutigen Remter der Marienburg hielten die polnischen Sieger das Nachtmahl.
Die Feme
Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber die Rosse der Ritter im Übermut gingen; aber die einsamen Höfe der Roten Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.
Die Gewalt hob das Schwert und das Gold in den prahlenden Tag, nur das Recht war stärker als Gold und Gewalt; wie der ewige Himmel hinter den rastlosen Wolken stand seine Herkunft hinter dem Tag und der schweigenden Nacht.
Draußen im Feld unter Bäumen war der steinerne Freistuhl gestellt; da hielt der Freigraf Gericht, ihm war der Blutbann des Königs gegeben, und die Freischöffen saßen ihm bei im uralten Femrecht der freien Gemeinde.
Da stand die Klage gelöst aus den bunten Kleidern der Welt, da war der Ritter ein Schelm, und der Bauer hob seine Hand über ihn, wenn seine Sache gerecht stand; denn jeder war frei im Gericht, wie er dem Recht untertan war.
Da wurde der Faden der Schuld abgewickelt Mann gegen Mann; und wie der Mann vor den Schöffen dastand, so war sein Schicksal verwirkt.
Denn nicht um die kleinen Dinge hatte die Feme den steinernen Stuhl aufgestellt, Tod und Leben sahen sich hart ins Gesicht, und der Strick war die Buße der Feme.
Wer die Ladung an seiner Tür fand, dem half nicht Gold und Gewalt; sein Dasein war fürder versiegelt, bis ihm die Feme das Siegel ablöste.
Der Freispruch der Feme löste das Siegel, oder der Strang schnürte es zu; dann lag ein Dolch bei dem Leichnam: Strick, Stein, Gras, Grein stand als Zeichen geschrieben, daß hier ein Femspruch vollstreckt war.
Um die Wissenden aber hatte der Eid das Geheimnis gelegt: die heilige Feme halten zu helfen und zu verhehlen vor Weib und Kind, vor Vater und Mutter, vor Feuer und Wind, vor allem, was die Sonne bescheint und der Regen benetzt.
Die Welt war des Unrechts voll, und die Gewalt ritt über die Straßen: aber ein Arm griff aus der schweigenden Erde, den Frevler zu packen.
Der Griff war hart und schnürte die Kehle zu, aber er kam aus dem Recht, und das Recht war im heiligen Boden der Herkunft lebendig wie das Korn in der Scholle.
Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber die Rosse der Ritter im Übermut gingen; die einsamen Höfe der Roten Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.
Der gemeine Mann
Die Zunftehrbarkeit hielt dem Handwerk den Zirkel geschlossen, aber die Zunftstuben wurden im Streit um die Macht die Brutnester der Empörung.
Denn die Macht in der Bürgerschaft war der Rat der reichen Geschlechter; sie waren die stolzen Ritter der Stadt, und wie der Burgherr den Bauer in Hörigkeit brachte, so hielten die reichen Geschlechter die Zünfte im Zwang ihrer Steuerbedrückung.
Aber als die Städte groß wurden und die Zünfte viel Volk waren, wollten sie selber im Rat sein und in der Bürgerschaft gelten.
Hitzige Meister und scharfe Gesellen hängten die Fahnen der neuen Zeit aus; die Selbstherrlichkeit der Geschlechter wurde bestritten, aus den Zunftstuben trat der gemeine Mann auf die Straße.
Er kannte das feine Waffenspiel nicht, er hatte nur seine Fäuste; aber die Fäuste waren in täglicher Arbeit gehärtet, und die Fäuste waren die Masse.
Rösselmann hieß der Schultheiß in Colmar, der die Ratsherrlichkeit der Geschlechter zuerst durch die Stadttore jagte und den Zünften das Regiment gab.
Den Rat wieder zu bringen, kam der König selber vor Colmar geritten; aber er mußte die Stadt mühsam berennen, ehe das Schwert seiner Ritter und Knechte der trotzigen Bürgerschaft Herr war.
Dem Schultheißen schlug der Henker das Haupt ab; aber der Hände blieben zuviel in den Zünften, sie alle zu stäupen.
In Worms und Köln, in Ulm und Speyer, in Münster und Lübeck blieben die Zunftstuben die Brutnester der Empörung; und eher ruhte die Bürgerschaft nicht im Streit um die Macht, bis die Zünfte im Rat waren.
Es wurde viel Gut vertan, und viel Blut floß in dem Streit; über der Bürgerschaft hingen die blitzenden Wolken von einem Gewitter ins neue; die Sonne der Zeit schien grell auf die Städte, und die Blumen des Wohlstandes wuchsen darin üppig und wunderlich hoch: der gemeine Mann in den Zünften wollte davon seinen Teil haben.
Die braunen Brüder
Als die Zünfte den Streit um die Macht anfingen, waren die Mönche des heiligen Franz nach Deutschland gekommen, eine Heuschreckenplage den geistlichen Großen, die Seele des Volkes zu fressen.
Die Predigt von Cluny war kleinlaut geworden, der Reichtum der Kirche hatte die Lehre der Einfalt und Strenge getrost überstanden; er gab dem Adel treffliche Pfründen und den Bürgern die rauschende Flucht seiner Feste.
Nun kamen die braunen Kutten des heiligen Franz, gegürtet mit einem Strick, barfuß und bettelnd, und brachten die fröhliche Botschaft der Armut.
Das Himmelreich war in der prahlenden Welt ein verborgener Garten: die aus den Sälen und Söllern des Wohlstandes kamen, fanden die Tür nicht, wohl aber die in den Kleidern der Armut einfältig gingen; denn eher ging ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich kam.
Jesus von Nazareth ging wieder um auf den Märkten und Gassen, lächelnd zu lehren und liebend zu helfen denen, die mühselig und beladen waren: aber den Händlern im Tempel warf er zornig den Wechseltisch um.
Der Bischof prahlte auf seiner Burg, die Kaufleute brachten ihm Pelze und köstlichen Wein, sie nahmen Zins von den Zünften und taten groß vor dem Volk: nun kamen die braunen Kutten und klagten den Reichtum an.
Sie waren selbst eine Zunft und die allergeringste, sie hielten dem Wohlstand der Städte den Bettelsack hin, sie sprachen die Worte der Straße und trugen die tägliche Not: so war die christliche Lehre zum andernmal wiedergeboren, aber nun klopfte sie sacht an die Tür der irdischen Wohnung.
Die Kirche hatte den Kreuzzug gepredigt und war mit blinkenden Rittern im Morgenland kläglich mißraten; die Barfüßer brachten das Wort in den Alltag des Abendlands, das Wort und die Tat ihres demütigen Lebens.
Albertus Magnus
Aber die Kirche hatte der braunen Einfalt die weiße Klugheit gesellt; indessen die Barfüßer den Bettelsack hielten, lehrten die Dominikaner das Kirchengeheimnis der göttlichen Dreiheit.
Die weißen Brüder hatten kein Eigentum, wie die braunen, und mußten sich von den Abfällen des städtischen Wohlstands nähren; aber sie gingen nicht auf die Straße und hielten zu den Geschlechtern.
Denn ihr Teil war die Lehre und Wissenschaft von den Dingen, darin der Kirchenglaube als Schatzhalter stand; sie brauchten die Stille gesicherter Stuben, und nur der Kampf gegen die Ketzer rief sie ans Licht.
Sonst saßen sie über den Schriften und suchten mit Eifer und Scharfsinn den Glaubensgrund ab; sie hielten dem zweifelnden Geist das Rüstzeug der Kirche blank und lehrten die geistlichen Schüler, das Rüstzeug zu gebrauchen.
Sie hießen ihn Albert den Großen, obwohl er kein Fürst oder Bischof, nur ein Lehrer und Mönch war: Albert von Bollstädt, von Herkunft ein schwäbischer Grafensohn, der bei den Dominikanern in Köln die Wissenschaft lehrte.
Juden und Araber hatten dem Meister das Wunder der Wirklichkeit aufgeschlossen: er kannte den Lauf der Gestirne und die magischen Kräfte des Mondes.
Er wußte das tote Geheimnis der Steine zu wecken und sah den Kreislauf der Säfte in allem lebendigen Dasein, er konnte die Kraft der Natur mit mancherlei Künsten ans Tageslicht locken.
So viel und bunt spielte die Macht seines Geistes die Wunder der Wirklichkeit vor, daß er ein Zauberer hieß; und als er ein schlohweißer Greis war, woben die seltsamen Sagen ihm selber ein Wunderkleid: der Teufel, so hieß es, habe die feinsten Fäden gesponnen.
Aber die Königin Jungfrau des Himmels hielt ihre huldreiche Hand über ihm, denn der Zauberer hatte der Kirche das künstliche Rüstzeug gefunden: aus dem Altertum stieg Aristoteles auf, der Priesterstaat zog in die Wohnung der griechischen Weltweisheit ein.
Der Geist der Scholastik fing an, die heidnischen Räume wohnbar zu machen für die kirchliche Selbstherrlichkeit: Albertus Magnus hatte den Einzug geleitet; der dem Volk ein Zauberer schien, war der Kirche sicher genug, ihn heilig zu sprechen.
Die fahrenden Schüler
Wo eine Schule stand, liefen die Schüler zu, und wo eine Schule berühmt war, kamen sie viel; als Albert der Große in Köln lehrte, konnte die Stadt die Scharen der Scholaren kaum fassen.
Eine Burse hießen die Schüler das Haus, wo sie Unterkunft fanden; hunderte summten da ein und aus, und die mönchische Ordnung konnte die Zucht nicht mehr halten.
Sie waren weither gewandert und brachten in Kleidern und Sitten den Straßenstaub mit; unterschlüpfend in Klöstern und Pfarrhöfen, bettelnd bei Bürgern und Bauern tauchten sie ein in den unreinen Strom der fahrenden Leute.
Auch fanden viele das Ufer nicht mehr: ohne Hoffnung, je eine Pfründe zu finden, der Ordnung entwöhnt, dem Wein und der Straßenliebe verfallen, zogen die lärmenden Scharen durchs Land und suchten die Stadt heim, wenn der Winter die Wege verschneite.
Goliarden hießen sie dann und waren die Füchse der fahrenden Leute; wo der Bettel versagte und der Diebstahl gefährlich war, half ihre List, Speise und Trank zu gewinnen.
Sie hatten alle einmal die Messe bedient, das Mirakel war ihnen geläufig; sie wußten die Wundersucht höhnisch zu stillen und hielten sich selber zum Spott das Beispiel der Kirche vor Augen.
Sie waren die Schnapphähne des Zweifels und wußten den Unglauben am Bratspieß zu wenden; sie sangen dem fahrenden Volk lateinische Lieder, aber das Faß stand unter den Füßen Mariens, die himmlische Liebe verlief sich in irdische Löcher.
Der Kirche gefiel ihre freche Art nicht, sie kehrte mit scharfem Besen die Bursen und machte den fahrenden Schülern die Türen der Klöster und Pfarrhöfe zu: aber die Straßen waren zu weit, und zuviel Scheunen standen daran.
Sie blieben die Füchse des fahrenden Volkes und mischten ihr schwarzes Kleid in die scheckigen Lumpengewänder; sie hingen der geistlichen Würde den Straßenlehm an und waren dem Kirchenbetrieb ihrer Tage ein frech und verwegenes Schalkspiel.
Das Volkslied
Unter der Linde war Tanz, und die fahrenden Schüler krähten ihr schnödes Latein; aber der mit der Fiedel wußte den Burschen und Mädchen andere Lieder zu singen.
Die Jungfrau Maria kam nicht darin vor, auch nicht die zierlichen Seufzer der Minne: ein Spaßvogel sang in gewürzten Reimen, wie er die Mädchen am Rhein, in Sachsen, in Schwaben und Bayern zur Liebe geneigt fand.
Das Lied war frech, und die Worte mußten den Tönen mitlaufen, aber die Täglichkeit lockte darin, und alle sangen den Reim, so sprang die Fiedel ins Blut.
Der Spielmann wußte noch andere Reime: von einem Geizhals, der sich mit Geld ein leckeres Weibchen einfangen wollte, von einem Knaben, den seine Buhlin betrog, von einer Spröden, die nie ihr Vergißmeinnicht fand.
Aber die kannten sie schon unter der Linde, Burschen und Mädchen sangen die Reime, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen des Dorfes abgingen; denn die Lieder der Fahrenden waren Feldblumen, die überall hingestreut überall Wurzeln schlugen.
Feldblumen und Blumen aus Urväterherkunft in Gärten gepflegt; denn immer noch blühte die Zeit, die vor dieser war, und die Seele des Volkes war heimlich getreu ihr Gärtner.
Dietrich und Hildebrand ritten die klirrenden Fahrten, und Siegfried sank in sein Blut, Schwanhild die schöne und Randwer der feine büßten die Liebe, Brunhild und Kriemhild kühlten die Rache.
Die fahrenden Spielleute kannten die alten Sagen und wußten die neuen, sie hielten die Reime und Töne lebendig, sie flochten die Rosen des Tages ein in den Kranz, der im Herzen des Volkes immergrün war.
So wurde aus alten und neuen Gesängen das Volkslied, von Burschen und Mädchen gesungen, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen des Dorfes abgingen.
Was der Seele des Volkes Gutes und Böses geschah, was in den Brunnen des Mitleids hinein fiel und was auf den rosigen Wolken der Mitfreude schwamm, hoben die zärtlichen Hände des Liedes ins ewige Dasein.
Die Meistersinger
Aber die Straße wurde dem fahrenden Volk nur gestattet, Kaufleute kamen mit Wagen und reisigen Knechten, Ritter zogen zu Hof, und Fürsten zur Jagd mit lautem Gefolge.
Auch saßen zur Herberge abends die Zunftgesellen da, die auf der Wanderschaft waren, mit feierlich stolzen Gesichtern; sie hielten sich fern von dem fahrenden Volk und hatten die eigenen Lieder.
Die Singschulen der Zünfte lehrten die Ehrbarkeit loben; und wie die Höfe den Minnesang, so pflegten die Meister das Preislied des ehrsamen Handwerks.
Denn die Zucht war das Schrittmaß der Zunft, wie das Springseil der fahrenden Leute die Lust war.
Sie hielt dem edlen Gesang peinlich das Tönegericht, sie lehrte die Worte im Reim künstlich verschlingen, sie stimmte die Laute, daß sie bescheiden im Mittelmaß blieb, und hieß das Gefühl in der Ehrbarkeit bleiben.
Gesellen- und Meisterstück gab sie zu singen, und über der Zunftlade standen die Regeln geschrieben, mit denen Frau Musika Hausordnung hielt.
So war die Singkunst im Rahmen rühmlicher Künste zünftig geehrt und im Richtspruch der Meister peinlich geordnet.
Aber das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, es lachte der lehrsamen Meister und lachte der täglichen Tugend.
Mit feierlich stolzen Gesichtern sangen die Zunftgesellen der Herberge ihren Preisgesang vor, indessen die Burschen und Mädchen in Reihen verschränkt singend den Abend abgingen und in den Büschen der fahrenden Leute die Nachtigall lockte.
Der Schwank
Das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, aber der Schwank saß mit den fahrenden Leuten in rauchigen Schenken, wenn irgendwo reiche Rast war.
Er sah das umzirkelte Dasein der sorgsamen Bürger und sah die Plage der Bauern, wie sie seitab von der Straßenfreiheit der fahrenden Leute dasaßen, gesichert vor Unbill.
Wetter und Wind zauste sie nicht in den Stuben, sie schliefen in Betten und waren geschützt vor den Hunden: aber sie sahen den Himmel nur durch die Fenster und kannten die Lust nicht, wie das wilde Getier, frei von Sorgen und Sachen, auf ihren Läufen zu sein.
Solcher Ehrbarkeit tat der Spott fahrender Leute ein Narrenkleid an: Schilda hieß er die Stadt seiner Schwänke, wo sie mit ihren Ratsherrn und Zünften selbstgerecht saßen und allem natürlichen Wesen entfremdet ihr Winkelgewerk hatten:
Die Schildbürger wollten ein Rathaus bauen und hatten die Fenster vergessen; daß der finstere Raum hell sei, schleppten sie Licht in Säcken herbei.
Die Schildbürger wollten das Gras auf der Stadtmauer abweiden lassen und legten der Kuh den Strick um den Hals; als dem gehängten Tier die Zunge heraus hing, brümmelten sie, daß es den Grasgeruch schmecke.
Die Schildbürger säten Salz auf den Acker, und als die Brennesseln aufgingen, spürten sie an den gebrannten Händen, wie stark das reifende Salz ihrer Saat sei!
So zog der Schwank der fahrenden Leute dem Bürger das Narrenkleid an; einer aber von ihnen ging aus, die Beschränktheit mit allerlei Possen frech zu verhöhnen.
Eulenspiegel war er geheißen, wo ein Schabernack spielte, hielt er die Pritsche, und wo er lachte, lachte das Volk mit; denn wo sein Schabernack saß, hatten ihm Dummheit und Bosheit der Bürger selber die Tür aufgetan:
Wenn er den Wirt mit dem Klang seines Geldes bezahlte oder als Schneidergesell die Ärmel wortwörtlich an den Rock werfen wollte, wenn er in Erfurt den Esel zu lehren versprach oder in Nürnberg die Kranken gesund machte: hatten die also Gefoppten sich selber zum Spott den Schaden verdient.
Es war die lustige Rache der fahrenden Leute an ihrem Todfeind, dem Bürger, der sie und die Menschennatur mit seiner Ordnung beschränkte; aber ihr Schicksal wuchs über den Schwank und den Schabernack trotzig hinaus, als der Doktor Faust seine Himmel- und Höllenfahrt machte.
Denn da brach der Trotz durch die Schranken; die Menschennatur mit Lohn und Strafe zu schrecken, hatte die Kirche Seligkeit und Verdammnis über die furchtbaren Seelen gebracht:
Aber der fahrende Mann beugte sich nicht vor Himmel und Hölle, er wollte sein Erdenteil haben; den göttlichen Mächten zu trotzen, die seine Menschennatur für ihre Zwecke mißbrauchten, schloß er den Pakt mit dem Teufel.
Da machte der Schwank die Tore des Schicksals breit auf, da trat der fahrende Mann hadernd vor Gott, daß er den Feigen und Furchtsamen hülfe, statt mit den Kühnen und Ketzern zu sein.
Die Bauhütte
So waren die Städte der Bürger gebaut: rund um das Weichbild der Stadt lief der Wehrgang auf starker Mauer, durch Zinnen gedeckt und an den Toren mit Türmen und steinernen Treppen gestaffelt.
Spitzige Giebel standen der Gasse entlang, hüben und drüben, und grämliche Tore sperrten die Höfe; die steinerne Halle am Markt trug dem Rathaus die schmuckreichen Säle.
Breit schwang sich der zackige First über die Giebel der Gassen, aber gleich einer Tanne ragte der Münsterturm über das Buschwerk der Dächer.
Weit aus der Ferne grüßte das steinerne Wunder den nahenden Wanderer; sein blaues Gespinst wuchs in die Nähe hinein mit ragenden Massen und stand mit Pfeilern und Pforten, mit Nischen und Narben zuletzt als fleißiges Menschenwerk da. Stein war geschichtet auf Stein, Maßwerk auf Maßwerk gezirkelt, die zackige Schnur seltsamer Krabben war sorglich gemeißelt, Standbilder priesen den Steinmetz und seine kunstreichen Hände.
Seitwärts im Schatten, unter der steinernen Brandung standen die Hütten der Bauleute geduckt; da pochten die Hämmer und klirrten die Eisen, da wurden auf breiten Brettern und Tischen die Risse gezirkelt, standfest und kühn den steinernen Wuchs zu planen.
Denn nun war der Turm nicht mehr die ragende Last runder Gewölbe, wie eine Garbe wurden die Halme dünn und gebrechlich zur Stärke gebunden, Halme aus zierlich behauenen Steinen, die steinerne Blume des Kreuzes zu tragen.
Die Bauleute waren Steinmetze geworden, und ihre Bruderschaft galt über den Zünften; die Bauhütte hütete Zirkel und Richtscheit als hohes Geheimnis.
Strenge Gebräuche und seltsame Zeichen hielten der Steinmetzenkunst uralte Weisheit lebendig: aus dem Morgenland war sie gekommen, durch den blutigen Wechsel der Zeiten heimlich gehütet, aber das Abendland brauchte sie neu im Zeichen des Kreuzes.
Im Zeichen des Kreuzes hielten die Hallen die Vierung, aber das Kreuz auf dem Turm war eine Blume geworden; himmlische Sucht und irdische Lust gaben einander die Hand im Geheimnis hoher Vollendung, das in der Bauhütte stolz und streng behütet war.
Die Schilderzunft
Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, sprach das Gebot; aber die Heiligen standen in Stein an den Pforten, und am Hochaltar hing, hölzern ans Kreuz geschnitzt, der Erlöser.
Auch waren Gewölbe und Wände bemalt mit den Bildern der kirchlichen Gnade; die heiligen Gestalten gingen in farbig getönten Gewändern, und die tröstlichen Zeichen der Himmelsverheißung schmückten die Felder der Vierung.
Tief aber glühten die Tafeln mit goldenen Gründen, darauf im Troß ihrer englischen Knaben die Himmelskönigin selber das bunte Farbenkleid trug.
Sie hielt das Kind auf dem Schoß und war ihm die lächelnde Mutter, wie sie der sündigen Menschheit die huldreiche Fürsprecherin war.
Ein Schild hießen sie solch eine Tafel, künstlich auf Goldgrund gemalt, und alle Schilder der Ritter waren in bunten Wappen gewirkt nicht so schön wie das Schild mit dem Bild der holdseligen Jungfrau.
Die kölnischen Meister der Schilderzunft kannten zuerst das köstliche Wunder, einem Spiegelbild gleich die süße Erscheinung zu malen, mit sauberem Pinsel auf eine Tafel von Holz; aber der Augenstern stand leibhaftig darin und lächelnd der liebreiche Mund.
Sie lockten das himmlische Wunder hinein in den staunenden Tag; Wirklichkeit wurde den Sinnen, was in den Worten der Priester und im Prunk ihrer Gesänge die gläubigen Herzen ahnend erfüllte.
Kunstreiche Meister und ihre Gesellen hoben das Werk ihrer Hände hoch in den Ruhm; die Schilderzunft kam ins Glück, als sie dem Himmel die Farben und seinem ewigen Glanz einen Schimmer zu stehlen vermochte.
Der Genter Altar
Aber die Wirklichkeit wollte den Tag, und der ewige Sinn sank im Wechsel der Sinne.
Die himmlische Ferne verschwand in der irdischen Nähe, und irdische Augen begannen sie warm und froh zu betrachten.
Gott saß im Himmel und hörte die englischen Heerscharen singen, aber der Mensch ging im Menschengewand, die Erde blühte mit irdischen Blumen, und wo eine Stadt war, füllte das Tagwerk die Gassen.
Ein Bürger zu Gent wollte der Kirche Sankt Bavo einen Schilderschrein stiften, und Hubert van Eyck kam aus Brügge, die Tafeln zu malen:
Gott Vater thronte als König des Himmels in einsamer Stille, nur das Lamm bot sich der gläubigen Anbetung dar, darüber die Taube des Heiligen Geistes die ewige Glorie strahlte.
So dachte Hubert van Eyck den Altar zu malen; er hatte die Tafeln mit sehnsüchtiger Andacht gestellt, da ließ ihm das Siechtum den Geist und die Hände ermatten.
Jan aber, sein jüngerer Bruder und Helfer, malte den Bilderschrein fertig; er kannte das Werkstattgeheimnis, mit zarten Lasuren die Gründe leuchtend zu machen, daß sie in gläserner Helle und frischer Farbigkeit standen.
Aber er liebte den Tag und die Wirklichkeit, und wo seinen Bruder die Sehnsucht der Ferne verzehrte, stand er getrost in der Nähe und sah das einzelne gern.
Er malte die Wiesen mit blühenden Blumen und malte den Himmel im zärtlichen Blau, er malte die Falten im Felsgestein und malte das Laub an den Bäumen.
Er malte den Reitern reiche Gewänder und ließ die Rosse stolzieren im Schmuck der Schabracken; er malte den singenden Engeln schwellende Lippen und gab dem Notenpult köstlichen Zierat.
Er malte Gott Vater im Prunkgewand seines Weltkönigtums; und daß seinen Tafeln die Herkunft des Fleisches nicht fehle, stellte er Adam und Eva hinein in gänzlicher Nacktheit.
Alles war naheste Wirklichkeit, mit fröhlichem Eifer betrachtet; alles war irdisches Glück, mit frohen Augen genossen; alles war sinnlicher Glanz, aus köstlichen Farben geflossen.
So zog das himmlische Dasein in Gent ein weltliches Bürgerkleid an; so fand sich die Kunst in den Tag, als Jan van Eyck in Sankt Bavo den frommen Altar seines Bruders zum fröhlichen Bilderschrein machte.
Der Spiegel der Wirklichkeit
Was in Sankt Bavo zu Gent geschah, wurde Saat allerorten: überall waren Bürger aus Wohlstand in Reichtum geraten und wollten Gott und sich selber zu Ehren den Kirchenschmuck mehren; überall hatte die Schilderzunft fröhlich zu schaffen.
Einen Altar zu stiften, wurde der Ehrgeiz des Bürgers, und seine Tafeln zu malen, das Meisterstück in der Zunft.
Wohl gab die Kirche allein die Legende, aber die Bilderkraft sprang aus der Schau und dem fröhlichen Tun des täglichen Lebens: die heiligen Männer und Frauen des Morgenlands mußten die Kleider und Sitten des Abendlands tragen.
So wurde die Herkunft der Christenlegende zum andernmal tapfer ins Deutsche versenkt: die Wälder und Wiesen der Heimat sahen die Jüngerschar schreiten, und die Burg des Herodes stand bei dem Münster der gotischen Stadt.
Aber so wurde die Heilige Schrift auch der Spiegel, in bunten Bildern das Leben der Bürger zu fassen, so wurden die kostbaren Schreine der Kirchen die treuesten Hüter der eigenen Wirklichkeit.
Da ritt der heilige Georg im blinkenden Panzer des Ritters, da wurde Lazarus wach auf dem Kirchhof der Kreuze, da stand das Bett der Maria behäbig an der getäfelten Wand, da war die Krippe im Stall nach heimischer Sitte aus Balken gefügt.
Wohl wuchsen auch Palmen, und Löwen waren den Heiligen treu, aber sie blieben fremd und verscheucht, indessen das heimische Gewächs und Getier sich unbesorgt breitmachte.
Bäuerlich fränkische Häuser, städtische Gassen und Stuben boten dem Bauer und Bürger den Vorwand des heiligen Lebens, unbekümmert und selbstgefällig ins Bilderdasein zu treten.
Sie waren linkisch, dem kirchlichen Schauspiel zu dienen, die Glieder fanden nur selten die rechten Gebärden, und die Gesichter wurden der heiligen Handlung nicht froh: aber sie taten ihr Werk mit Eifer, und wo sie das Marterzeug brauchten, verstanden sie seinen Gebrauch.
Nicht einer der Zunft hatte die fröhliche Meisterhand wieder, die den Altar von Sankt Bavo zum Spiegel irdischer Glückseligkeit machte; es war ein linkisch verstiegenes Dasein, grausam und vielmals verzerrt, und mehr eine Fratze als ein schönes Abbild der Welt.
Aber es war in die blühende Pracht gläserner Farben gegossen, und seine bunte Vielfältigkeit stand stark und verzückt im Licht der gläubigen Einfalt.
Der Altar von Isenheim
Der Bilderschrein hatte den Bürger ins Schaubild gestellt, Alltäglichkeit war das Gewand der heiligen Handlung geworden, da hob sich im Zorn eine Zauberhand, dem Himmel das Seine zu geben.
Matthias Grünewald hieß der mächtige Meister, Hofmaler des Bischofs von Mainz und ein Franke vom roten Main, der im Kloster zu Isenheim, droben im Elsaß, den Hochaltar malte.
Dem heiligen Vater der Mönche und Schutzherrn der Tiere, Antonius sollte der Altar geweiht sein; aber der Meister wollte den Urgrund aufreißen und im Mirakel die Quellen der brünstigen Heiligkeit zeigen.
Gott war in Schmerzen geboren und war gekreuzigt als Mensch, um aus der Nacht des irdischen Todes aufzuerstehen und strahlend zurück in den Himmel zu fahren.
Da waren die Tafeln zu klein, zu kläglich die Kleider der Täglichkeit, da mußten die Brunnen der Tiefe aufbrechen mit feuriger Fülle, da mußte das ewige Sein den glasigen Schein der irdischen Dinge durchleuchten.
Und so war die dreifache Tiefe des Altars gebaut: draußen die Tafeln von Golgatha, drinnen die Herrlichkeit Gottes, und erst, wenn die inneren Flügel aufgingen, kam der Heilige selber, dem der Altar gemalt war.
Gramvolles Dunkel lag auf der Welt, nur Golgatha stand in beinerner Helle, als ob ein Blitz den Himmel durchbräche, den gekreuzigten Gott zu beleuchten.
Aber kein göttlicher Dulder hing an dem Holz, ein gemarterter Mensch und ein blutrünstiger Leib der Verwesung.
Ein Schrei ging aus von den Frauen und verzagte im Abgrund; nur Johannes der Täufer stand da mit dem Lamm, der sündigen Menschheit das göttliche Opfer zu weisen.
Gewaltig war so der Deckel des Buches gebildet, der mitten wie Torflügel aufging, der schluchzenden Seele die Herrlichkeit Gottes und das Wunder seiner Geburt offenbarend:
Vier Tafeln ragten wie eine im Morgenrot glühende Wand vor den Augen der gläubigen Christen; Orgelgewalt und Gesang der Mönche schwanden hin in der Fülle farbiger Stimmen, wie ein Menschenruf übers Meer klingt.
Der Tempel der himmlischen Mutter stand in der Mitte, aus Licht und Farbe gebaut, und Lobgesang schwoll aus den englischen Räumen; die Jungfrau saß selig versunken davor mit dem Kind in der blühenden Landschaft, darüber Gott Vater im Himmel die Augen der Liebe aufmachte.
Zur Linken wurde der Jungfrau das Wunder der Gnade verkündigt, zur Rechten fuhr hell aus dem Kerker des Grabes der Heiland: ein glühender Ball brach in die Sterne der Nacht, darin die Lichtgestalt des Erlösers von allen Feuern des Himmels beglänzt war.
So übermächtig war der Glanz und das Glück der im Morgenrot glühenden Flächen, daß danach die Farbe nichts mehr vermochte: wenn sich die inneren Flügel auftaten, standen die Heiligen stumm als geschnitzte Figuren inmitten der grellen Erscheinung.
Nur auf den inneren Flächen der letzten Torflügel hatte der Meister das Glück und das Grauen der Weltentsagung gemalt: wie das Getier der Wüste dem heiligen Antonius diente, und wie das Höllengezücht ihn versuchte.
Erde und Hölle sprachen ihr Wort nach dem Himmel: die Erde lockte mit üppiger Landschaft; die Hölle schrie das grelle Getön ihrer scheußlichen Leiber; aber der Himmel stand hinter den Flügeln mit seinem ewigen Glück.
So war der Altar des fränkischen Meisters gebaut, darin der himmlische Zorn den Alltag verscheuchte: die Tiefe der brünstigen Seele brach auf und war kein schönes Abbild der irdischen Glückhaftigkeit mehr, weil das ewige Wunder nicht mehr den eitlen Traum der Täglichkeit weckte.