Der aus Steinen den gotischen Wunderwald machte, ließ aus dem heiligen Hain der erschütterten Herzen eine neue Gläubigkeit blühen.
Wie das Geflecht der Gurten und Rippen, das Laubwerk der Knäufe und Sockel die lateinische Messe mit gotischer Inbrunst umfing, so wuchs in der nordischen Seele der Gral der christlichen Sendung.
Die Kirche hat ihn als Ketzer verdammt, den Meister Eckhart von Köln, der unter den Christen der naheste Jünger des Herrn, der Gotteskindschaft des Zimmermannssohns seligster Nachfolger war:
Dominikaner und Prior des Predigerordens in Erfurt, Straßburg und Frankfurt; aber die Fackel im Maul seines Hundes war kein brennendes Feuer, nur leuchtendes Licht seiner in Gott weißglühenden Seele.
Darum verdammte er nicht und hielt seine Kutte nicht keuscher als sonst ein irdisches Kleid; er tat dem Leben kein Büßerhemd an, ging in den Himmel zu allen Stunden und sprach in den Wahn der weltflüchtigen Zeit sein weisestes Wort, daß gute Menschen das Leben lieb hätten.
«Nie würde ein Mensch, der Durst hat, so sehr zu trinken begehren, wenn nicht etwas von Gott darin wäre.
Dasein und Jungsein ist eins in der Ewigkeit; denn sie wäre nicht ewig, wenn sie neu werden könnte.
Was der Mensch liebt, das ist der Mensch: liebt er einen Stein, so ist er ein Stein; liebt er einen Menschen, so ist er ein Mensch; liebt er Gott – nun zage ich, weiter zu sprechen, ihr könntet mich steinigen wollen!»
So sprach der Meister Eckhart von Köln, lächelnd von Liebe und Weisheit, wie weiland der Herr, und hielt nicht ein, auch dies noch zu sagen, daß alle Liebe der Welt auf Eigenliebe gebaut sei: «Ließest du die, du hättest die Welt gelassen!»
Und ging auf den Straßen und Märkten wie Jesus im jüdischen Land; denn da die Lehre zum andernmal Wort ward, zerbrach ihr Frühling den gläsernen Grund des lateinischen Winters, aufquellend im Brunnen der eigenen Sprache.
Seine Predigt war deutsch und scheute sich vor der Alltäglichkeit nicht und hob aus dem Staub der Straße die Bilder des ewigen Lebens: «Sie fragen, was in der Hölle so brennt? Ich sage, das Nicht brennt in der Hölle, und sage ein Gleichnis:
Nimm eine brennende Kohle zur Hand! sprächest du da, die Kohle brennt mich, du tätest ihr Unrecht; denn hätte die Hand die Feuernatur der brennenden Kohle in sich, sie schmerzte nicht: so ist es das Nicht deiner Hand, was sie brennt!
Daß die Seelen von Gott geschieden sind durch ein Nicht der Natur, ist ihre Hölle; denn hätten sie göttliches Wesen in sich, was könnte sie brennen? Darum, wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr frei werden vom Nicht!»
In der Klosterkirche zu Köln stand der Mann mit dem weißen Bart vor dem Ketzergericht der christlichen Kirche; der naheste Jünger des Herrn war verklagt, und der Hohepriester des neuen Bundes zerriß den Rock im Rat seiner Richter.
Aber Gott nahm den Greis fort aus den Händen der Torheit und schenkte den Priestern die Schuld des zwiefachen Kreuzes. Er gönnte dem Meister der Demut, in Frieden zu sterben, und ließ der Gotteskindschaft des Zimmermannssohns seligsten Nachfolger eingehen ins ewige Licht.
Suso
Den sie als Bruder Seuß kannten von Schwaben bis nach Franken und dem die Gläubigen zuliefen wie vormals Johannes am Jordan, war eines Ritters Sohn aus Überlingen, der früh ins Kloster und als Jüngling nach Köln zum Meister Eckhart kam.
Da lernte er das Glück der Abgeschiedenheit und übte es so brünstig, daß er wohl zwanzig Jahre in seiner Zelle zu Konstanz blieb mit selbstgewählten Bußen, obwohl dem Knaben der Seewind und die Frühlingsblumen des Wunders holdeste Erscheinung waren.
Er tötete die Stunde, trank Lust aus Leid und lernte Gott lieben, bis ihm der Sinne Untergang der Wahrheit Aufgang wurde.
Dann endlich zog der Bruder Seuß mit grauem Bart aus seiner Wabe hinaus ins Menschenland, den Honig der ewigen Weisheit den Wartenden zu bringen.
So süß war seine Lehre und so beseligt sang sein Mund das Lob der ewigen Weisheit, wie nie die Stimme eines Predigers gesungen hatte.
Die nicht den Sinn verstanden, fühlten doch den Klang, der wie der Sang der Knaben, wie die farbigen Fenster und wie der Duft der Veilchen im Frühjahr war.
Darum hörten den Bruder Seuß die Frauen gern, hellhöriger als die Männer und dem Geheimnis der Brunnentiefe näher; sie liebten ihn schon, wenn seine Stimme gleich einer Nachtigall anschwoll im sursum corda der heiligen Messe.
Dann raffte er die Kreatur um sich aus allen Elementen, die bunten Vögel und die sanften Rehe, die stummen Fische und die stillen Falter, auch das Gewürm der Erde, das Laub und Gras der Wälder und der Wiesen, den Gries im Meer und alle Tropfen, die der Tau den Wiesen frühmorgens funkeln ließ, das Gestäube im letzten verirrten Sonnenstrahl und alle Glut der Berge; und schwollen an im Chor von tausend Tönen und fielen ein mit ihm: Empor zu Gott!
Er aber war nicht lässig in solcher Lust, er ließ die Stimme steigen gleich einem Strahl, ließ ihn zerstäuben und die Tropfen perlen, und jeder Tropfen sank in ein Herz; da wurden wach, die träge schliefen, und schraken auf, die in den Tönen die Bilder ihrer Wollust schmeckten, und traten in den Kreis der Kreatur und brachten ihren Tropfen dem Bruder Seuß, daß er ihn trüge: Empor zu Gott!
Auch die Gerechten, die dasaßen mit ihrer säuerlichen Pflicht und zwischen Gott und Kreatur den Hochmut ihrer Werke hatten, sie fühlten seinen Tropfen rinnen und zerschäumen in ihrer kalten Brust; das Herz brach auf und schäumte sein rotes Blut und wurde leicht von seiner Last der harten Menschenheit, und wurde Lust der Kreatur und flog der Stimme zu, der Stimme und dem Strahl: Empor zu Gott!
Der Gottesfreund
Was Eckhart, der naheste Jünger des Herrn, in Straßburg und Köln von der Ewigkeit lehrte, war nicht vergangen, weil es im Brunnen der eigenen Sprache Quellwasser blieb statt dem Latein der Scholasten.
Gottesfreunde hießen sie droben am Rhein die heimlichen Künder der Lehre; wie vormals die Jünger hielten sie abseits der Kirchengemeinde die frohe Botschaft lebendig, und wie die Jünger lebten sie zwischen Verfolgung und heimlicher Duldung ihr Dasein in Christo.
Die Hoffnung des Himmels, die Furcht vor der Hölle gaben der Kirche die Zügel, aber stärker als Hoffnung und Furcht war das Gewissen; und lange schon stand es bereit, vor Gott und der Menschheit das Recht und die Pflicht des evangelischen Daseins zu fordern.
Der aber ihr Meister war, kam und ging im Geheimnis: den großen Gottesfreund aus dem Oberland hießen sie ihn, Name und Herkunft blieben verborgen; kaum anders, als Jesus den Jüngern erschien, trat er hinein in den Kreis seiner Freunde als hohe und frohe Erscheinung.
Als Tauler in Straßburg, der Dominikaner, um seiner Redekunst willen berühmt war, bat ihn der Gottesfreund einst um eine Predigt, wie sich die menschliche Seele am höchsten und nächsten zu Gott aufschwingen möge?
Da wetzte der Meister sein Rüstzeug gelernter Scholastik und tat sich groß mit den Künsten der vierzigsten Beschauung und mit den vierundzwanzig Stücken, durch die der Geist erleuchtet würde vor Gott.
Aber der Gottesfreund lächelte nur und nannte es pfäffische Künste, den Wein mit Hefe zu mischen; denn Jesus der Zimmermannssohn habe zur Einfalt der Jünger geredet und solche Künste der Schriftgelehrten verachtet.
Darüber fiel der gelehrte Mönch in Trauer und Trübsinn und verlor alle Freude an seiner scholastischen Kunst, sodaß die Brüder sein Alter für schwachsinnig hielten und die Beichtkinder seiner lachten.
Zwei Jahre lang blieb er verstört und forschte viel in der Schrift und suchte Gott in der Demut, da ihn sein Hochmut nicht fand.
Als er dann wiederkam auf die Kanzel, ein tief geläutertes Gemüt, war er den Klugen völlig ein Spott, weil er kein Wort zu sprechen vermochte, nur bitterlich weinte.
Da trat ihm zum andernmal heimlich der Gottesfreund bei: Das war die beste Predigt vor Gott und deine Berufung, sein Wort zu verkünden! weil du selber den Weg zur Demut fandest, sei getrost, ihn den andern zu weisen!
So tat der Gottesfreund dem Dominikaner den Mund wieder auf; durch seine Lippen, nicht mehr lateinisch verkünstelt, floß fürder das Labsal des Wortes: Tauler, der evangelische Prediger stand auf der Kanzel zu Straßburg, der die Einfalt und Gnade gleich einem Becher den Dürstenden darbot.
Der aber das Wunder vermochte, der Gottesfreund schwand in die Ferne, aus der er kam, denen, die seiner bedurften, weise und wahrhaft und stark zu erscheinen.
Die gemeinsamen Brüder
Er war weder Priester noch Mönch, Gerhart Groot von Deventer; er hatte studiert in Paris wie andere Jünglinge auch, Theologie und kanonisches Recht, selbst die magischen Künste, und dachte behaglich zu leben von seinen Pfründen als Kanonikus oder Magister.
Da fand ihn das Wort von dem Einen, was not tut; er verbrannte die magischen Bücher, legte den silbernen Gürtel und das sarmatische Pelzwerk ab und ging in ein Kloster – doch ohne Gelübde – den Zweck seines Daseins zu finden aus dem Gewissen.
Als er ihn fand in der Schrift, zog er hinaus wie vormals die Jünger, der reichgewöhnte in ärmlicher Kleidung, nur im geringsten bedürftig, und fing an zu lehren im plattdeutschen Wort seiner Heimat.
So wurde der reiche Jüngling und stolze Magister ein dienender Mann der Einfalt; Priester und Laien hörten ihm zu und staunten der einfachen Rede und ihrer schlichten Gewalt, bis ihm der Bischof von Utrecht im Namen der Kirche zu lehren verbot.
Er hätte Freunde gehabt bis nach Rom, der Weisung zu trotzen; aber er folgte in billiger Demut dem Bischof, zog heim nach Deventer, statt der Großen die Kleinen zu lehren – wo das Salz noch nicht dumm war – und wurde ein Lehrer der Jugend, wie keiner vor ihm.
Da hingen ihm Jünglinge an und taten wie er, halfen ihm lehren, nahmen nicht Lohn und lebten gemeinsam; nicht mit dem Leinensack bettelnd, tätig und treu im Stegreif der Stände und demütig dienend, wo Hilfe und Pflege not war: nur im Genuß einfacher Freuden dem Weltleben fremd und im Gewissen der gotteinigen Seele.
Bald wurden der Brüder zuviel in Deventer, wo sie mit Gerhart dem mildreichen Meister gemeinsam ihr Eigentum hatten; so zogen sie aus in das Land und die Länder, lehrten die Jugend und lebten den Eltern ein Vorbild, daß Gott im täglichen Wirken, nicht nur im Kirchendienst fröhlich zuhaus sei.
Der aber ihr Meister blieb, Gerhart Groot aus Deventer, starb wie er lebte: einen Freund schlug die Pest, er pflegte ihn heil und starb an der Seuche, starb heiter und gütig im Kreis seiner Freunde.
Er ließ den schwächlichen Leib im vierundvierzigsten Jahr seines Lebens, aber die Brüderschaft blieb und blühte das Lächeln der evangelischen Weisheit in furchtsame freudlose Seelen.
Bis ihrer Tausende saßen im deutschen Land, Lehrer der Jugend und Brüder eines in fröhlicher Armut und selbstloser Arbeit gemeinsamen Lebens.
Konzil in Konstanz
Während im Norden die neue Gläubigkeit glühte, wuchs in den päpstlichen Gärten das Tollkraut der Zwietracht: drei Päpste regierten zugleich und verdammten einander, und der das Konzil nach Konstanz berief, der Neapolitaner Johann, war ein Seeräuber von Herkunft und Sitten.
In Konstanz sollte das Schmelzfeuer der Christenheit sein und wurde ein Jahrmarkt der Kirchenverderbnis: dreihundert Fürsten und Bischöfe samt dem Troß der Prälaten und Äbte, Grafen und Ritter, kamen an mit dem reisigen Volk ihrer Knechte, Roßbuben, Spielleute und bauten ihr Zeltlager rings um die staunende Stadt.
Alle Zungen Europas schollen im Seewind; Mönche, Gaukler und Dirnen der abendländischen Welt begingen die Gassen, die Heuschreckenschwärme fahrender Leute begafften die lustreichen Feste, indessen die Kardinäle den drohenden Völkern ein neues Kirchengewand zu nähen versprachen.
Es war ein schönes Turnier, das die Konstanzer sahen, draußen im Bühl vor den Toren der Stadt; aber der Vogel im Käfig, der Seeräuberpapst flog aus unterdessen; er ließ der bestürzten Stadt das verwirrte Konzil und dem Kaiser die Sorge zurück, den gefährlichen Geier zu fangen.
Der zollernsche Burggraf von Nürnberg ritt auf die Jagd und holte ihn ein, das Konzil zerbrach ihm sein päpstliches Siegel und Wappen; aber der Jahrmarkt der Kirche ging weiter und hatte sich schon sein frechstes Schaustück bestellt:
Im festen Schloß Gottlieben, wo der Bischof von Konstanz den gestäupten König der Kirche mit geistlichen Ehren bewachte, saß auf dem steinernen Turm ein anderer Vogel im Käfig: Johann Hus, der böhmische Rektor aus Prag und evangelische Priester, der aus der Schrift die Kirchenreform an Haupt und Gliedern verlangte.
Der Kaiser gab ihm freies Geleit und hieß den Ketzer verbrennen: im Münster zu Konstanz saßen die Fürsten um Sigismund und sahen dem Schauspiel zu, wie die hohenpriesterlichen Knechte dem Ketzer die Kleider der Kirche abrissen, wie sie den Blutzeugen Christi mit einer Narrentracht höhnten und seine Seele dem Teufel befahlen.
Sie kehrten die Asche des Ketzers zuhauf und streuten sie aus in den Rhein, sie grüßten das Kreuz und sangen zur Messe, sie wählten Martin den Fünften zum Papst, und der Kaiser führte dem Statthalter Christi den Zelter.
Sie zogen den Jahrmarkt des Kirchenkonzils mit Zeter und Zank und festlichen Fahnen noch hin bis ins dritte Jahr.
Und sahen die Flammen nicht draußen im Bühl vor den Toren der lustreichen Stadt, die lohende Flamme der Lehre, und hörten die Asche nicht flüstern im Rhein, die Asche der tapferen Treue.
Sie webten den Wahn ihrer Macht in den gleißenden Tag und hießen sich Christen; sie kannten die Leiden des göttlichen Dulders und sahen den Teufel nicht in den Fratzen der kirchlichen Henker.
Die schwarze Kunst
Die Krämerwaage dem Bürger, der Karst dem geplagten Bauer, das Schwert dem Ritter, dem Priester das Wort und den Mönchen die Schrift: so war die Ordnung der Welt, und das Wort im Schrein der heiligen Schriften gab der Kirche die Schlüsselgewalt.
Bevor die Kirche dem Ketzer den Holzstoß ansteckte, verbrannte sie zuerst seine Schriften; denn blieben die Blätter vom Teufel mit Tinte beschrieben, so war der Ketzer nicht tot: das Unkraut blühte neu aus der schwarzen Saat, und der Samen wucherte weiter im kirchenfeindlichen Wind.
Es ging aber in Mainz ein Knabe den grübelnden Weg seiner Jugend, der dem geistlichen Vorrecht der Schrift die Schranken zerbrechen und dem ängstlich behüteten Wort den Käfig aufmachen sollte.
Johann Gensfleisch hieß er, vom Gutenberg, aus Mainzer Bürgergeschlecht, der als Jüngling nach Straßburg kam und dort seine heimliche Werkstatt aufmachte.
Er kannte den Holzschnitt, wie er dem Bild und der Schrift einen Prägestock machte, auf hundert Blättern zu drucken, was der Holzschneider einmal aus seiner Platte heraus schnitt.
Er sägte das Holz mit dem Wort auseinander und hieß die einzelnen Buchstaben Lettern; er setzte die Lettern im Wörter zusammen, wie er sie brauchte, und druckte die Schrift.
Aber die vielen Lettern zu schneiden, war mühsam, auch zerbrach ihm das winzige Holz in der Presse; so nahm er Metall, und weil der Metallschnitt mühsamer war, dachte er seine Lettern in Formen zu gießen.
Das aber war eine fremde Kunst, die er nicht kannte, so mußte Jürgen Dritzehn ihm helfen; und während das Basler Konzil die Kirchenreform an Haupt und Gliedern verlangte, raubte das heimliche Handwerk der Männer in Straßburg der Kirche die Schrift.
Als sie in Unfrieden fielen, ging Gutenberg wieder nach Mainz, wo er den Fust, einen reichen Bürger bereit fand, den Druck einer Bibel zu wagen.
So trat der hitzige Traum seiner Jugend schön in den Tag: mit Gold und Farben bunt wie eine kostbare Schrift stand der Druck seiner Lettern sauber und klar auf den Blättern, und waren hundert Bücher, wo sonst nur ein einziges war.
Aber der Lohn wollte dem unsteten Mann nicht kommen, auch diesmal verschwand ihm der Segen des Werkes im Streit: von Mißgeschicken bedrängt, von Schimpf und Schulden beschattet, als Flüchtling schlechter Prozesse und Mietling schäbiger Pfründen trug sein fieberndes Leben die Pläne goldener Ernten ins leer geplünderte Alter.
Was in Straßburg mit Jürgen Dritzehn begann und in Mainz mit Fust und Schöffer dem mißlichen Mann sein Bürgerdasein verwirkte, das hörte mit Albrecht Pfister nicht auf: sie halfen dem seltsamen Meister die Werkstatt zu rüsten und klagten die Werkzeuge ein, wenn sie das Handwerk verstanden.
So starb er selber in Armut zu Eltville am Rhein, der dem Goldschmied Fust und seinem Schwiegersohn Schöffer die Goldquellen der schwarzen Kunst hinterließ; doch wie seinen Händen das Gold, zerrann das Geheimnis den Erben in hundert Schlupfwinkel der abendländischen Welt.
In Rom, Paris und Venedig schlugen deutsche Gesellen die schwarzen Werkstuben auf; bald hielten die Messen Europas gleich Ballen vlämischen Tuchs und lombardischen Seidenbandrollen gedruckte Bibeln und Heilsbücher feil.
Da waren sie nicht mehr allein in den Zellen, die neuen Gedanken hinter fiebrigen Stirnen, die schwarze Kunst half ihnen fort in die Köpfe und Herzen.
Krähenvögeln gleich flogen die Druckschriften aus in die Städte und Häuser der Bürger; und schon pfiff in der Andacht der heiligen Bücher die Spottdrossel kommender Zweifel und lachte der kirchlichen Schlüsselgewalt.
Die Humanisten
Das tausendjährige Reich der Kirche ging zu Ende; blaß und müde glühten die Verzückungen der Seele, und roter blühte die Saat der Sinnlichkeit: der Gottesstaat der Priester blieb den verheißenen Segen schuldig, die Erde trieb geschäftig die alte Fruchtbarkeit.
Wohl waren ihre Tage als Jammertal geschmäht: aber Kaiser und Kurfürsten zogen in den Krieg um Gold und Macht der Erde, Städte wurden groß und reich im Handel, auf den Meeren gingen ihre Schiffe und auf den Straßen ihre Wagen mit dem Gut der Erde, Rathäuser wurden Prunkhallen der Erdenbürgerschaft.
Auch die das Jenseits priesen, waren diesseits wohl zuhaus: in Pfründen und Kapiteln saßen sie und sorgten für ihr Teil; denn das Gelübde der Armut sperrte nicht die Schleusen, daraus der bürgerliche Reichtum in die Keller und Kammern der Klöster floß.
Die aber mühsam den Acker pflügten und sonst im heißen Tagwerk standen, sie sahen sich betrogen um die Ernte für einen Lohn, der nicht von dieser Welt war; und immer kühner hob die Frage das spöttische Gesicht, wieviel an diesem Zustand Gottes Wille oder kluge Lenkung geistlicher Hände wäre.
Durch den verschlissenen Teppich der Scholastik wurde der Boden wieder sichtbar, darüber ein Jahrtausend mönchischer Weltflucht sinnenfeindlich ging: Belladonnen blühten aus dem Unkraut der Ruinen, und Götterbilder hoben die Marmorleiber aus der verschütteten Vergangenheit.
Sie fanden ihre Tempelpracht zerstört, die Schönheit ihrer Glieder war zerbrochen; aber Mars und Venus reichten die verstümmelten Hände dem neuen Zeitalter hin: bestürzt und staunend sah die Menschheit die herrliche Gebärde.
Da tönten Stimmen wieder, die längst verklungen schienen; die Sprache Ciceros klang marmorkühl aus der Versunkenheit, den Götterbildern gleich an Gliederpracht, und war die Sprache einer Zeit, da weder Bischöfe noch Mönche, sondern Bürger den Staat bestimmten und das Brevier noch nicht das Brot der Bildung war.
Und wie die Marmorbilder nach ihrer Griechenheimat wiesen, so auch die alten Schriften: Hellas stand auf in Rom; noch einmal fragte Sokrates die listigen Fragen, und Platon gab ihm weise Antwort.
Die aber im Gehäus der mönchischen Scholastik dem ewig-jungen Fragespiel entzückt zuhörten, sie glaubten gern, daß nun die Tür ins Freie geöffnet wäre.
Als ob sie Totes wiedererwecken und Gewesenes zum andernmal gebären könnte, so wurde die Zeit trächtig vom Altertum.
Da dachte wieder ein Erdenmensch zu werden, der nur ein Prüfling für den Himmel gewesen war; er ließ die Heiligen und den Christ und fand sich selber in der Welt als Wagenlenker seines Schicksals; er maß die Bahn mit seinen Rossen und ließ die Räder rollen zum selbstgesteckten Ziel.
So wurden wieder Heiden in der Welt, und reiche Florentiner glaubten, noch einmal Bürger Roms und Günstlinge der Götter zu sein.
Sie redeten die Sprache Ciceros und hörten Platon und bauten sein Reich der schönen Menschlichkeit, sie sammelten mit Gold und List die Schriften der alten Heidenwelt und schrieben sie ab mit zierlicher Bemalung, wie vormals die frommen Mönche die Heiligenleben schrieben.
Und rafften um ihr Dasein einen Glanz, der unbesorgt von dieser Welt war, und setzten sich in ihre Dinge aus eigener Machtvollkommenheit, und wagten ihre Seele an jede Lust und schafften sich in Tat und Trutz und schöner Edeltierheit die Seligkeit der Erde.
Und sahen einen Papst in Rom, der vor den Römern noch einmal den Augustus spielte und ihrer Welt Prunkhalter war auf Petri Stuhl; und glaubten – wie die Knaben den Flaum der Freiheit fühlen – daß dies die Morgenröte einer aus dumpfer Furchtsamkeit und blinder Sucht erlösten Menschheit wäre.
Johann Reuchlin
Als Lorenzo, der Prächtige genannt, seinen Musenhof hielt, kam mit dem Grafen Eberhard ein junger Schwabe nach Florenz, der solcher Dinge ungewohnt den Reichtum und die Bildung der Medicäer scheu und selig genoß, als ob er wirklich in den Garten Platons gekommen wäre.
Er fand die Fürstin ihre Töchter lehren und die Knaben glühen im Glück der Wissenschaft, er lauschte dem Lorenzo im Gespräch der tiefen Dinge und sah den Traum der Bildung in einer Wirklichkeit erfüllt, die reich und reif als Ernte der neuen Menschlichkeit schien.
Als er heimkam in das Land der bürgerlichen Städte und der händelnden Fürsten, war Johann Reuchlin ein Humanist, wie all die anderen Schmetterlinge im Junglicht der alten Welt: sie hatten ihre Flügel in den Goldstaub des Altertums getaucht, da die verschmähte Erde noch im Glanz der Bildung verklärt war.
Johann von Dalberg, pfälzischer Kanzler und Bischof von Worms, tat seine Tür auf, die Schwärmer zu schützen; er holte sie als Lehrer nach Heidelberg, hielt sie als seine Hausgenossen und ließ sie Feste feiern in seinem Garten zu Ladenburg.
Und ob es karg war und einsames Männerwerk, kein Florenz der Frauen, ob sich im Stubeneifer der Goldstaub verlor: Johann Wessel und der Abt Trittheim, Agricola, Pirkheimer, Eitelwolf von Steine, sie alle, die der Geist nicht ruhen ließ im neuen Wind, sie fanden in Heidelberg den Ankerplatz für ihre Fahrten.
Auch jene, die sich – wie Conradus Celtis, vormals Konrad Pickel – Wundervögel glaubten, wenn sie den Schopf mit fremden Federn schmückten und ihren Namen lateinisch oder griechisch wohlklingend machten, die den deutschen Mund von neuem mit Cicero verstopften und aus der Weisheit den Dünkel der Gelehrsamkeit quetschten.
Den Leuchter aber der neuen Wissenschaft trug Johann Reuchlin, der sich auf griechisch Capnio, das heißt ein Räuchlein nannte; er war als Bundesrichter in Schwaben von den Ständen und Städten gleich geehrt und hieß des Kaisers Freund, obwohl er eines Boten Sohn und Singknabe des Markgrafen von Baden gewesen war.
Ihm gab Gesundheit rote Wangen und Wohlgestalt; er liebte, was gesittet und würdig war, und rüstig pflegte er den Ruhm, Maß und Milde aus Weisheit zu besitzen im Lehren und im Tun: so geriet sein Leben wohl, bis ihm der Pfefferkorn haßblütig in seine Asche blies.
Als der getaufte Jude dem Kaiser anlag, die Bücher der Hebräer als christenfeindlich zu verbrennen, und Reuchlin innig abriet, derlei zu tun, da fuhr ihm freilich der Zugwind der Zeit in das gepflegte Silberhaar.
Hoogstraten, der Kölner Ketzermeister, ließ die Meute los, daß die Hunde des Herrn den Freund des Kaisers als ketzerisch verbellten: da achtete der mild gelehrte Mann den Scheiterhaufen gering und hielt der Meute den »Augenspiegel« vor.
Und zitterte danach vor seinem eigenen Mut, als ihm die Kölner das tapfere Buch verbrannten, und schrieb besorgt um einen faulen Frieden.
Doch trat die schwarze Kunst dazwischen; ob sie in Köln sein kühnes Buch ins Feuer warfen, die Drucker brachten tausend Bücher für eines auf den Tisch, und jedes Buch rief einen Mann.
Die Zunft der Humanisten zog aus für ihren Vater, die Jugend ihrer Schulen bot den Kutten das Trutzgesicht.
Johann Reuchlin aber, der solchen Aufruhr ganz wider Willen rief, er rettete sein Silberhaar mitsamt der Würde und dem Gleichmaß gelehrter Meinung in ein umhegtes Alter; und lächelte erlöst, als danach der Mönch von Wittenberg die Meute auf sich zog und starb erschrocken, als Blitz und Donner die neue Zeit anriefen, der seine Wohlgestalt nicht mehr gewachsen war.
Maximilian
Es war ein Bischof und Kurfürst in Mainz, Berthold der weise und strenge; der wollte als Kanzler ein anderes Reich, denn daß die Willkür im Namen des Kaisers regierte.
Gesetz und Verantwortung sollten das Reich mit dem Kaiser verbinden; Fürsten und Stände sollten nicht länger im blutigen Streit ihrer Machthändel bleiben; der Kaiser sollte Verweser der Reichsmacht, nicht mehr die oberste Willkür sein.
Max aber der Kaiser, der letzte Ritter genannt, ritt in das Frührot der Zeit mit güldenem Panzer und glühender Tartsche, als ob der staufische Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.
Er hatte Marie, die Tochter des kühnen Burgunders gefreit und war nach der reichen Erbschaft in Flandern geritten; er hatte dem König von Frankreich Streit angesagt wie ein Turnier und hatte die spanische Krone gewonnen.
Das Abenteuer war seine Lust, über der Lust aber stand als sein Stern die Habsburger Hausmacht; der Reichtum der Stände und Städte im Reich sollte ihm seine Ritter bezahlen, die fürstlichen Herren sollten Vollstrecker und Zierat ungehinderter Kaisergewalt sein.
Berthold der Kurfürst war stolz und beständig und Max der Kaiser ein launischer Herr, sein Kyffhäusertraum war durch den Kanzler gehindert: in Lindau und Worms auf dem Reichstag standen die Fürsten, Stände und Städte hart gegen ihn.
Aber sein Habsburger Hochmut beugte sich nicht, mehr als die Wohlfahrt des Reiches galt ihm die eigene Hausmacht; kaum daß er den pfälzischen Feldzug gewann, wies er den Ständen sein Siegesrecht vor: als Berthold, der strengweise, starb, hatte der Kanzler sein Spiel gegen den selbstherrlichen Kaiser verloren.
Über dem Reich lagen die Schatten kommenden Unheils, der Bauer stand auf und die Bürgerschaft grollte: im güldenen Panzer mit glühender Tartsche ritt Max, der Kaiser, ins Frührot der Zeit, als ob der staufische Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.
Die Humanisten hießen ihn Freund, und die Fahrenden lobten ihn laut, weil ihn die Unrast plagte wie sie und weil er, seinem böhmischen Vater ungleich, die Schäbigkeit haßte.
Von Flandern bis Rom, von Wien nach Burgund staubten die Straßen von seinen Fahrten, und wo sein Rittertum galt, füllte der Dampf seiner Rosse die Gassen; das Gold lag nicht locker in seinen Händen, aber reich wurden die Ehren gegeben, wie er sich selber zu ehren verstand.
Den Theuerdank hieß er die Ruhmrede eigener Taten, prächtig gedruckt und mit prahlenden Bildern geziert; da war das ringende Leben der Völker nur eine Bühne, darüber der Kaiser sein wieherndes Roß ritt.
Die Fugger
Der Sohn eines Webers war nach Augsburg gekommen, zu weben und Handel mit Leinen zu treiben; eines Ratsherrn Tochtermann wurde er bald, saß selber im Rat und in der Zunft bei den Zwölfen.
Den reichen Fugger hießen sie schon seinen Sohn, aber der Reichtum saß nicht mehr am Webstuhl; sie waren Händler geworden, die Fugger in Augsburg, und Herren des Handels von Lübeck bis nach Venedig.
Über den Brennerpaß brachten die Wagen der Fugger den Handelsgewinn des Morgenlands her, Gold und Gewürze, Seide und Sandelholz; über den Brennerpaß gingen die Schätze des Nordens, Pelze und Bernstein; wo ein Handelsplatz war, standen ihre Kontore, und wo ein Handelsgewinn war, hielten die Fugger das goldene Becken.
Jakob, der Zweite genannt, hielt Hof wie ein Fürst; immer noch kamen die Wagen von Norden und Süden nach Augsburg, Ware zu tauschen, aber die goldene Schreibstube der Fugger war die Goldwaage des Reiches geworden.
Nicht mehr die Kaufleute allein kamen als Kunden der Fugger, Grafen und Fürsten brauchten Silber und Gold und brachten dafür ihre Rechte: so wurde Jakob der Fugger ein Bankherr, Zins und Segen des Bergbaus gemächlich zu ernten.
So wurde Jakob der Fugger ein Ritter; denn keiner lief ihm so eifrig zu wie Max, der Habsburger Kaiser: das Gold seiner Fahrten und seiner Pracht floß aus den Quellen der Fugger, so hing er dem Hüter der Quelle das Adelskleid um.
Aus Webern wurden die wahren Herrscher der Zeit, weil sie das jüdische Amt der Goldwaage erbten; tauschen und täuschen galt einmal gleich vor der Zunft, und der Zins war des Teufels: aus dem Boden des redlichen Handwerks wuchsen die Fugger geil in das Kraut der Geschäfte.
Sie zahlten dem Kaiser den Feldzug mit Talern und nahmen dem Volk seinen Pfennig dafür; sie wurden Reichsgrafen genannt und hatten das fürstliche Recht, silber- und goldene Münzen zu schlagen; sie wohnten in Schlössern und ließen die Reichsadler wehen über dem Prunk ihrer Tage.
Albrecht Dürer
Als Wohlgemut Meister der Nürnberger Schilderzunft war, brachte ein Goldschmied seinen Knaben zu ihm in die Werkstatt, weil der mit Eifer und Tränen zur Malerei wollte.
Albrecht Dürer war er genannt, hielt fleißig die Lehre, obwohl die wilden Gesellen des Meisters den zärtlichen Lehrling mit Hochmut und Schabernack plagten.
Nach seiner Lehre zog Albrecht Dürer gen Colmar, wo Martin Schongauer Meister der Stichelkunst war; er fand den Meister nicht mehr am Leben, aber er blieb als Geselle in Colmar, Straßburg und Basel und lernte so trefflich zu zeichnen, daß Menschen, Tiere und Bäume auf seinen Blättern leibhaftig dastanden.
Daß er selber in Nürnberg Meister der Schilderzunft würde, rief ihn der Vater endlich zurück und hatte ihm auch schon die Hausfrau gesucht aus gutem Geschlecht.
Aber der Sohn hob an zu ringen um reicheren Ruhm; er ließ die Frau und die Werkstatt und fuhr nach Venedig, begierig, die welschen Meister zu sehen und was sie mehr als die Deutschen vermöchten.
Da sah er mit Staunen, wie gut sie den Bau des menschlichen Körpers und die Gesetze der Räumlichkeit kannten: rechte Körper recht in den Raum zu stellen nach ihrer Bedeutung, das schien ihm danach die Richtschnur, ein Meister zu werden wie sie.
Aber er war kein Wechsler, er mußte zurück in die Nürnberger Werkstatt und mußte durch Mühsal die Wegspur suchen, wo jene mit lächelnder Leichtigkeit gingen.
Als er daheim war, fing er mit Holzschnitten an – Heiligenbilder machten sie so für die Messen, Bilder geschnitten in hölzerne Platten und abgedruckt auf geschöpftes Papier – er aber schnitt die vierzehn Blätter der Offenbarung Johannis.
Da thronte inmitten der sieben Leuchter Christus hoch in den Wolken, seine Hand blitzte Sterne, aus dem Mund ging das zweischneidige Schwert; da kämpften die Geister im Himmel, und Michael traf den teuflischen Drachen; da ritten die grausigen Reiter zu viert durch die brausende Luft, den vierten Teil der Menschheit vernichtend.
Wirr wie der Troß dieser Träume waren die Striche: zerknitterte Wolken mit schäumenden Rändern, geringelte Locken, zackige Faltengewänder, flatternde Engel und wehende Bäume füllten den schwarzweißen Raum seiner Blätter.
Da war noch einmal die gotische Welt, der Altar von Isenheim glühte hinter den Strichen; aber die Sehnsucht des Nürnbergers war auf die Klarheit gerichtet: wie der Mond aus Gewölk wollte das Werk seiner Hand in den Sternhimmel steigen.
Der Sternhimmel stand, und der Mond stieg tapfer hinauf in die ewigen Räume, aber das krause Gewölk hing ihm an; bis der Tod seine Hand still legte, rang Albrecht Dürer um Klarheit und blieb in den Wolken der neblichten Wälder gehindert.
Rechte Körper recht in den Raum zu stellen nach ihrer Bedeutung, das blieb seine Satzung: aber die Körper sperrten sich sehr, und der Raum schwand im Gedränge der Vielheit, bis seinem Alter das Bild der Apostel gelang.
Dem evangelischen Wort gleich im Aufruhr der Tage standen sie da und füllten den Rahmen mit einfacher Größe: alles war recht, Körper und Raum und Bedeutung, nur das Gewand der Empfindung war auf welsche Weise gefärbt.
Zwischen den Zeiten war seiner Seele die Weite verschüttet, Herkunft und Hingang rangen in all seiner Kunst um die Stärke, weil ihm kein Füllhorn der Gegenwart Überfluß schenkte.
Niemals gelang ihm der Guß aus der glühenden Schmelze, wie er dem Altar Grünewalds Inbrunst, Grauen und Seligkeit gab.
Aber wie Jakob zwang er den Segen, als er den Stichel ansetzte, die deutschesten Blätter in Kupfer zu graben.
Den Ritter zuerst, wie er hinaus ritt von seiner Burg, Tod und Teufel zum Trotz den Kampfritt zu wagen: da saß er selber zu Roß und war ein Sinnbild der Zeit, die mit gepanzerten Fäusten dem Geist wider die falschen Gewalten das Wegrecht zu zwingen gedachte.
Aber der Geist war in die Fesseln der Frage verstrickt; mit lahmen Flügeln der Melancholie saß die Mutter der Dinge und konnte der Faust des Ritters nicht folgen, weil ihre forschenden Augen den Irrweg erkannten: so war das zweite Blatt seiner Stiche.
Aber das dritte war dies: im engen Gehäus saß der Greis und schrieb seine Blätter; da war der Tod nur noch ein Schädel, der im Abendlicht zwischen den Büchern und Kissen – der Arbeit und Ruhe – dem Dasein gehörte; Reinecke Fuchs und der Löwe, Klugheit und Herrschergewalt lagen im Schlummer zu seinen Füßen, indessen die gläubige Einfalt ihr Tagewerk machte.
Drei Blätter in Kupfer gestochen: aber die alte und neue Zeit, Herkunft und Eingang des Geistes, waren darin mit deutscher Seele geschrieben.
Hans Holbein
Als Albrecht Dürer in Nürnberg die Melancholie machte, kam Holbein nach Basel, Sohn eines Malers in Augsburg und selber schon seiner Sache gewiß.
Ihm war die Weite nicht mehr verschüttet, und keine Wirrnis der Fragen hielt ihm den Willen gefesselt; er wollte das Werk seiner kunstreichen Hände, wie eine Schwalbe den Flug will.
Den rechten Körper recht in den Raum zu stellen, brauchte er Augen und Hände, nicht aber das Richtmaß schwieriger Gedanken, weil er ein Glückskind der Sinnenwelt war.
Wohl mochte sein Silberstift zart und beharrlich die Dinge umschreiben, aber zeichnen und malen war ihm wie trinken und essen, und gern hielt er der Farbe ein lockeres Mahl.
Das leuchtende Fleisch seiner Hand und Stirn, der rostige Pelz und das dunkle Tuch einer Schaube, der weiße Saum zierlicher Spitzen, die rote Glut des Brokats und der Perlenschaum im Geschmeide: alles tauchte sein Pinsel hinein in den glasklaren Grund seiner Farbe.
Als er in Basel sein großes Madonnenbild malte, klangen die Farben wie Glocken; da war die farbige Fülle des Genter Altars von neuem leibhaftig geworden in einer einzigen Tafel.
Aber die Basler Bürgerlichkeit war zu karg für die Pracht und die Fülle; Erasmus, sein spöttischer Gönner und Freund, half ihm nach England: da wurde Hans Holbein der Maler des Königs und seiner reichen Hofhaltung.
Denn Max, der Kaiser, war tot; kein Fürst und kein Fugger konnte dem Reich den Königshof bauen, der über der Notdurft des Tages der Kunst eine Stätte bereiten, der den prahlenden Reichtum zur edlen Zier hinlenken sollte.
Machtgier und Habsucht hielten das Gold in schäbigen Händen, und wenig fiel ab von den Tischen, daran die Bürgerschaft längst übersatt saß.
Nur die Kaufleute drüben im Stahlhof wurden von Holbein gemalt; die Erbherren der Hansa brachten die Tafeln als köstliches Gut zurück aus der Fremde.
Erasmus
Ein blasses blondhaariges Männchen, Sohn einer läßlichen Liebe zu Rotterdam, aus klösterlicher Jugend mühsam befreit und in Paris den kahmigen Wein scholastischer Wissenschaft trinkend, hatte sich selber Erasmus, das ist der Ersehnte, genannt.
Vorzeitig aus dem Nest gefallen, grämlich begönnert und auf die Gunst seiner Gaben gestellt, fand er beizeiten den sauren Witz; und wo die Humanisten mit Bienenfleiß die Waben bauten, war er die Wespe an den Früchten.
Ob sie in Frankreich oder England hingen, in Florenz oder in Basel, sein Vaterland war überall, wo sich gescheite Köpfe an seiner witzigen Vernunft erfreuten, wo die Poetenschulen der Humanisten ihm Weihrauch schwangen.
So war Erasmus viel und fehl erfahren, als er sein Büchlein vom Lob der Torheit drucken ließ, das bald wie keines auf den Messen Europas hing.
Aus Überdruß geboren und im Spott getauft, hielt Moria, die Torheit selber, dem Abendland dreist ihren Spiegel vor.
Alle Stände ließ sie ihr Zerrbild sehen, die jungen und die alten Gecken am Gängelband der Frauen, Gelehrte und Rhetoren, Schulmeister, Fürsten, die das Volk betrogen, und das Volk selber, das sich willig betrügen ließ.
Alle mußten dem lachenden Leser erst ihren Bocksprung machen, bis mit den Kutten das große Fastnachtsspiel der Torheit begann:
Die Theologen mit den gebleichten Fahnen ihrer Spitzfindigkeit, die dreisten Bettelmönche und die Possenreißer der Kanzel, Bischöfe und Prälaten im Fett der Pfründen, der Statthalter Christi selber mit der dreifachen Krone, im Troß der Schreiber, Stallmeister, Advokaten die Schafe der Kirche scherend.
Kein Sittenprediger aber schliff der Torheit den Spiegel so blank, ein Schalksnarr nur, der viel zu listig war, den Spiegel selber der Fastnacht hinzuhalten, und viel zu lustig im Geklingel seiner Schellen, als daß nicht alle der dreisten Späße lachten.
Da hatte die Kirche die Tollheit kreuzfahrender Völker bestanden und hatte den Kampf mit dem Kaiser gewonnen, sie hatte die Ketzer verbrannt und den Reichtum der Länder in ihre Klöster getan: nun lockte ein listiges Männchen zu Basel den Leviathan hervor.
Ein Jahrtausend war er zur Weide gegangen, die Abendländer zu fressen; als er sich hinlegen wollte, um zu verdauen, stak ihm die Distel im Hals, daß er sich würgte.
Da sahen sie alle die Ohren und hörten die Stimme und lachten das Ungetüm aus, weil der Leviathan doch nur der Esel war.
Ulrich von Hutten
Er war mit siebzehn Jahren dem Stift in Fulda entlaufen und als Scholar ein Fahrender geworden; doch auf den hohen Schulen in Deutschland und Italien hieß Ulrich von Hutten längst ein Poet.
So blank war sein Latein in Reime gebracht, daß sich die Humanisten allerorten des abenteuerlichen Jünglings gern annahmen, wenn er in schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen an ihre Tür zu klopfen kam.
Catilina habe von Cicero, so hieß es, keine schärfere Schmach erfahren, als der Herzog in Württemberg von ihm erfuhr, da Hutten die Ritterschaft aufrief, den Mord an seinem Vetter Hans zu rächen.
Den hatte der Herzog auf der Jagd treulos erschlagen, weil die Frau des Ritters die Buhlin des Herzogs war; Ulrich von Hutten ruhte nicht mit seiner Feder, schärfer als alle Schwerter seiner Sippe, bis er den Herzog von Land und Fürstentum brachte.
Noch aber war der Kranz auf seiner trotzigen Stirn nicht welk – der Kaiser selber ließ ihn zum Dichter krönen, und die Tochter des gelehrten Ratsherrn Peutinger in Augsburg band ihm den Lorbeer – als Ulrich von Hutten sich eines größeren Gegners vermaß.
Weil sich das Kölner Pfaffentum an Reuchlin vergriffen hatte, flatterten aus Mainz die Briefe der Dunkelmänner in die Welt, den Humanismus an seinen Lästerern zu rächen; und jedermann erkannte, daß Hutten ihr frecher Spottvogel war.
Es war dies aber zu der Zeit, als Luther den christlichen Adel deutscher Nation fürs Evangelium aufrief; der Mönch in Wittenberg schrieb Deutsch und kein Latein der Humanisten: da mußte auch der Ritter deutsche Antwort geben.
Denn nun hieß Ulrich von Hutten kein Landfahrer mehr; er war dem Reichsritter Sickingen auf seine Ebernburg gefolgt und hatte die Faust gefunden, seine Fackel zu halten.
Als das Gesprächsbüchlein Herrn Ulrichs von Hutten gedruckt erschien, da ritt der deutsche Ritter ins römische Revier, so gegen Tod und Teufel gewappnet, als ob der Kupferstich des Meisters Albrecht Dürer Erscheinung geworden wäre.
Sie hatten eine Druckerpresse auf ihrer Herberge der Gerechtigkeit, die beiden Ritter, davon der eine vordem ein landfahrender Humanist, der andere ein kaiserlicher Feldhauptmann gewesen war: nun hielten sie Halbpart als Herz und Hand der deutschen Ritterschaft.
Nun träumten sie den frühesten Traum des deutschen Reiches gegen Rom: ein Reich wie vormals auf den Stand der Freien so auf den Ritterstand gegründet, der hinter sich das Volk und vor sich ohne Fürsten- und Bischofsgewalt den Kaiser der Deutschen habe.
Aber Max, der Kaiser, ritterlichem Ruhm rechtschaffen zugewandt, war in den zuckenden Blitzen der neuen Zeit gestorben; und Karl der Fünfte schleppte die Last der halben Welt auf seinem Rücken.
Er war in Spanien daheim und kannte Deutschland nur als Wallburg seiner Weltherrschaft; auch brauchte er für seinen Krieg in Frankreich die Fürsten und den Papst nötiger als deutsche Ritter.
Der Sickingen schlug los, schon krank und grämlich von der Gicht, aber die Hand war nicht so stark, wie sie das Herz gedacht hatte: all seine Burgen wurden ihm berannt, mit seiner Feste Landstuhl fiel Franz von Sickingen seinem Todfeind, dem Bischof Greiffenklau von Trier, tödlich verwundet in die Hände.
Der hitzige Morgentraum der deutschen Reichsritterschaft war ausgeträumt, als Luthers Tag anfing.
Die Reichsritterschaft zu wecken, war Ulrich von Hutten vergeblich nach Schwaben ausgeritten; weil er nicht mehr heimreiten konnte, stieg er ab vom Roß, aus einem Ritter gegen Tod und Teufel ein Landfahrender zu werden, wie er vormals war, nur daß ihn jetzt die Hunde der Päpstlichen hetzten.
Da war auch dem Erasmus in Basel die Bekanntschaft zu bedenklich; häßlich aus der Stadt verwiesen, todkrank und seines Lebens satt, trat Ulrich von Hutten mit schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen bei dem Prediger Zwingli in Zürich an.
Der nahm den schlimm Gehetzten in Güte auf und gab ihn dem Johannes Schneck in Pflege, der auf der Insel Ufenau im blauen Zürichsee Pfarrhalter und heilkundig war.
Nur vierzehn Sommertage fraß die Krankheit noch an dem Lebensrest, darin die Glut der Zeit wie Zunder brannte; dann starb Ulrich von Hutten, der fürwahr ein Fahrender, ein Reiter ohne Roß, ein Herz ohne Hand, und einmal ein Ritter gegen Tod und Teufel war.
Als der deutschen Freiheit Verfechter aber ritt sein geharnischtes Bildnis auf dem Gesprächbüchlein noch lange durch die Hoffnung der Herzen mit seinem Trutzwort: Ich hab's gewagt!
Der Mönch von Wittenberg
Das Lob der Torheit lachte in den Späßen des Erasmus; der Humanismus zahlte den Scholasten den letzten Schimpf; Leo der Medicäer war Papst, und Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, starb als die unruhvolle Spindel verblaßter Herrlichkeit: da schlug zu Wittenberg in Sachsen die Stunde der neuen Zeit.
Ein Mönch hob seinen Hammer, das Mauerwerk zu prüfen, darauf im Namen Christi die stolze Gralsburg der Kirche gebaut war; ein Augustiner rief im Gottesstaat der Priester die Losung der deutschen Seele aus; ein Bergmannssohn aus Sachsen trat in den Rat der Fürsten, das Reich von Rom zu lösen.
Er hatte Welt und Würde abgetan nach harten Jünglingsjahren und schmerzensreich in seiner Zelle um Gott gerungen, bis sein Gewissen den Trost der Schrift, sein Glaube den Gnadenquell der Liebe fand.
Von seinem Orden als Lehrer nach Wittenberg gesandt, fand seine Predigt das Ohr des Volkes, und die Inbrunst seiner Lehre zog viel Schüler an, als ihm der Ablaßhandel Predigt und Lehre störte.
Sie schlugen ihre Buden auf gleich Kirmesleuten, mit Höllenpein und Fegfeuer das Christenvolk zu schrecken, mit gotteslästerlichem Witz die Gläubigen zu betrügen, daß sie für einen Groschen den Ablaß ihrer Schuld und die Vergebung ihrer Sünden kauften.
Als aber Tetzel sein Marktgeschrei in Jüterbog anhob, so daß dem Doktor Martin Luther seine Beichtkinder in Wittenberg die Ablaßzettel brachten: da schwoll dem Doktor der gottbemühte Geist im Zorn um diesen Seelenhandel.
Er schlug seine Thesen an die Schloßkirchentür, mit jedem in der Welt zu streiten: daß die samt ihren Meistern zum Teufel führen, die durch den Groschen für einen Ablaßbrief vermeinten, der Seligkeit versichert zu werden.
Es sollte nur eine Streitschrift sein, dem Ablaßhandel zu begegnen, aber es wurde eine Botschaft Gottes daraus; denn wie Gewässer von den Bergen, so fing die Hoffnung an zu rinnen, daß hier ein Herold des Heliands die Wiederkunft verkünde.
Noch schien dem Medicäer der Handel nur Mönchsgezänk; Rom drohte mit dem Finger, die Dreistigkeit zu dämpfen: es sandte Cajetan, den Kardinal, und danach Miltitz, den Kammerherrn; und was der eine hochmütig in die Grube warf, das scharrte der andere mit Taubenklugheit wieder aus.
Schon schien der Trotz des Mönches in Milde eingepackt, da sprang der Schwabe Johann Eck dazwischen mit seiner Feuerzange.
Der hielt sich für den Kirchenvater der neuen Zeit, und er gedachte, mit Gelehrsamkeit den Mönch zu packen, als er den Kühnen nach Leipzig rief, ihm Antwort zu geben auf seine frechen Thesen.
Da focht die fauchende Scholastik den letzten Hahnenkampf; durch zwanzig Tage sprangen die Kämpfer an und ließen Federn, bis der Schwabe zerrupft abfuhr nach Rom, sich einen neuen Dorn zu schärfen.
Der Bannstrahl, der den Salier barfüßig nach Canossa brachte und der dem Hohenstaufen das Henkerbeil zückte, der die Stedinger ausbrannte und den Scheiterhaufen in Konstanz flammen ließ: mit dem traf nun der Medicäer den Mönch in Wittenberg.
Seines Sieges sicher brachte der Schwabe selber die Bannbulle mit; doch war indessen der Doktor Luther hoch in der Gunst gestiegen, und seine Sendschreiben hatten den deutschen Zorn gezückt.
Nicht mehr dem Tetzel galt der Zorn und nicht mehr dem Ablaßhandel, den Kutten nicht und nicht mehr den Ketzerrichtern, dem Wohlleben der Bischöfe und der Priesterverderbnis: er galt der dreifachen Krone der römischen Kirchengewalt.
So konnte der Mönch in Wittenberg wagen, was Jesus von Nazareth tat, da er im Tempel die Tische der Wechsler umwarf und seinen Wehruf über Jerusalem sprach.
Ein Wintertag klang in den Schritten der Männer und Schüler, die ihm vor das Elstertor zum verwegenen Hochgericht folgten; ein Wintertag füllte den Himmel mit frostkaltem Licht, als sie den Holzstoß ansteckten, daß die zuckenden Flämmchen sich einten zur Flamme, die steil und stolz auf dem Opferaltar stand.
Da trat er vor in den Kreis, Magister und Mönch in der Kutte und Machthaber der ewigen Gleichung; da warf er die päpstliche Bulle hinein in das Feuer, das uralte Sinnbild der Entsühnung, und sprach das Wort aus Josua: Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, so betrübe und verzehre dich das ewige Feuer!
Der gerichtet war im päpstlichen Spruch, stand richtend vor seinen Richtern; nicht ihren Irrtum allein verwarf er, er verwarf ihren Grund im Gesetz: mit der Bulle verbrannten die Bücher der kirchlichen Herkunft, verbrannte im Holzstoß des eifernden Doktors das kanonische Recht der römischen Kirche.
Nie hatte einer so Kühnes gewagt, seitdem es römisches Kirchentum gab; die Flammen fraßen sich fröhlich hinein in die Schrift des tausendjährigen Reichs; eine gläubige Schar stand dem Tollkühnen bei auf dem Rand der brennenden Welt.
Der Reichstag zu Worms
Auf einem Rollwagen fuhr er zum Reichstag, und das Volk lief ihm zu, der so Kühnes vermochte, die Städte holten ihn ein mit Reitern, und die Räte begrüßten ihn vor den Toren: gleich einem Schatz von Hand zu Hand weitergereicht, fuhr Martin Luther durchs deutsche Land in zwölf Reisetagen.
In Eisenach wurde er krank, und die Raben vom Kyffhäuser flogen herbei, seine Kühnheit zu warnen; aber er hob den widerspenstigen Leib in den Willen und verscheuchte die unholden Vögel.
Wenn sie ein Feuer machten von Worms bis hierher, ich müßte hindurch; und wenn soviel Teufel da wären wie Ziegel auf den Dächern, ich wollte hinein!
Ein Frühlingstag tat sich auf aus dem neblichten Morgen, als er einzog durch das drängende Volk der brausend erfüllten Stadt: kein Hosiannahgeschrei, staunende Furcht und hitzige Hoffnung stritten um ihn; aber in seiner Herberge kamen und gingen die Ritter bis in die Nacht, das deutsche Gewissen mit Schwert und Handschlag zu grüßen.
Dann stand der Mönch am anderen Morgen allein in der bänglichen Stille, wo die Brandung verstummte und die Strudel der schweigenden Ehrfurcht den Kaiser umkreisten.
Er sah das Jünglingsgesicht blaß wie seines und beinern vor den purpurnen Tüchern; denn Fackellicht füllte die Halle mit dem schwelenden Spiel rötlicher Lichter und raunender Schatten.
Vor die Fürsten und Stände des Reiches war er gerufen, aber er stand vor dem Schlagbaum der Kirche, die nichts als den Widerruf wollte.
Die Stimme der gläubigen Seele traf an das Ohr der römisch-deutschen Entscheidung; sie hob die flatternden Flügel, über den Schlagbaum zu fliegen, und in die kreisende Stille scholl ihr bänglicher Ruf.
Bis sie die Häupter der Fürsten und geistlichen Herrn und das beinerne Antlitz des spanischen Jünglings umschwebte, der die Krone der Habsburger trug: da waren der Ohren zu wenig, trotzdem es Tausende hörten, da war der Reichstag das Reich.
Ein todblasser Mönch ließ seine zuckende Seele aus dem römischen Käfig den ersten Flügelschlag tun: im Gewissen allein war Gott, nicht in der Fürbitte bemalter Heiligenbilder, nicht im Ablaß abgewogener Bußen, nicht im blinkenden Gold und im Sühnegesang lateinischer Messen, nicht in den Listen und Lüsten päpstlicher Schlüsselgewalt.
Der Heliand wachte auf in den Herzen der Hörer; sie sahen die schwebende Stimme und fühlten die nahenden Schritte im Schlag der schwingenden Flügel: der in den Himmel gefahren war aus dem Hader enttäuschter Hoffnung, der Heliand kam wieder herab auf die Erde.
Aber der spanische Jüngling, der deutschen Sprache unkundig, verstand nicht die Stimme; er sah nur den Mönch vor dem Schlagbaum der Kirche; er wollte den Widerruf hören, weil er den Papst samt den Fürsten und Knechten der Deutschen für seine Machthändel brauchte.
Wie einst der Landpfleger tat, wusch er die Hände im silbernen Becken; aber Friedrich der Weise von Sachsen, der treue Eckart des Reiches, gab seinen Schützling nicht preis, und die Schwerter der Ritter hielten geheime Wacht, daß dem deutschen Gewissen kein römisches Unrecht geschähe.
So brannte kein Holzstoß in Worms wie vormals in Konstanz; bei Nacht und Nebel entwich Aleander, Roms listenreicher Legat, aus der störrischen Stadt, indessen der Mönch durch das festliche Volk, von Rittern und Knappen geleitet, als Sieger nach Wittenberg fuhr.
Wohl flogen die unholden Vögel krächzend um seinen Wagen, die Reichsacht lief hinter ihm her, den Ketzer zu fangen; aber Kirche und Kaiser vereint vermochten dem Kühnen nichts mehr, weil der Heliand gewaltigen Schrittes umging im Reich und die deutsche Seele ihm zulief in unübersehbaren Scharen.
Die deutsche Bibel
Sie taten dem Mönch ein Junkerkleid an mit Sporen, Gürtel und Schwert, indessen sein Rollwagen leer aus dem bangen Geheimnis des Thüringerwaldes nach Wittenberg kam.
Auf der Wartburg saß Luther in gütiger Haft, Feinden wie Freunden verborgen – und die Raben flogen vergebens – den Deutschen die Bibel zu schenken.
Da wurde dem Baum der römischen Kirchenverderbnis die Axt an die Wurzel gelegt: wohl blühte die heilige Schrift von Demut und Güte und von der barmherzigen Liebe, aber kein Schaumgold der dreifachen Krone lag auf den Zweigen, nicht Klöster und Mönche gab es darin, nicht Ablaß und Fegefeuer, nicht Seelenmessen und Bann, Kreuzzüge und Ketzerverbrennung.
Auch hatten scholastische Mönche noch nicht den Irrgarten verklügelter Deutung um den Baum des Lebens gezirkelt mit künstlich verschorenen Hecken und listig verriegelten Türen.
Noch war das Reich Gottes inwendig und nicht im Ornat gottesstaatlicher Großen: Gott kam ins Kämmerlein gläubiger Einfalt, statt in den Schatzkammern prunkender Dome als ewiges Irrlicht zu wohnen; und im Gewissen allein quoll der Brunnquell göttlicher Gnade.
Da war der Heiland der Sohn einer Magd, im Stall und in Armut geboren; er suchte auf Märkten und Straßen des Landes das Volk, statt in den Räumen der Reichen zu rasten.
Da war das Wort noch die Saat, in gläubige Seelen gesät, und die Lehre kein Priestergeheimnis, im Weihrauch rauschender Messen zum geistlichen Schauspiel gemacht.
Da war Gott noch ein Geist, wohnend im reinen Gewissen, und wer ihn anrief in Wahrheit, den machte er selig und stark in der Seele, aus der leibhaftigen Notdurft den Weg der Allmacht zu finden.
Da kam die Seele zu Gott wie ein Kind, dem Vater vertrauend in lächelnder Liebe, und sprach in einfachen Worten mit ihm wie die Jünger zu Jesus, und glaubte das Gleichnis der Gnade und bewegte den Sinn gleich Maria im feinen, gläubigen Herzen.
So stand das Wort in der Schrift und war in den Sarg der lateinischen Sprache gelegt; der Junker Jörg auf der Wartburg zerbrach den gläsernen Deckel, er weckte den Scheintoten auf und hieß ihn wandeln im Tag der deutschen Beseelung.
So wurde der Heiland geboren, wo der Heliand starb; kein Königssohn mehr mit Recken und Degen: der Mühseligen Freund und der Beladenen Tröster, lächelnd von Liebe und Weisheit, urvertraut im Klang und Sinn der eigenen Sprache.
So kam im deutschen Gewissen die christliche Freiheit zur Welt, gottselig eins im Trachten und Tun, im Denken und Dichten des ewigen Daseins, und tapfer im irdischen Tagwerk.
Die dreifache Krone prahlte im Glanz des Augustus; die Humanisten holten den Hades herauf; der Zimmermannssohn ging ein in die Häuser und Hütten, die Heimat der Seelen zu künden: Jesus von Nazareth wurde im deutschen Gewissen der Heiland der Welt.
Philipp Melanchthon
Er war ein Großmutterkind; denn sein Vater, des Pfalzgrafen Waffenschmied Schwarzerd in Bretten, starb früh; aber die Großmutter in Heilbronn war die Schwester von Reuchlin: so wuchs der bläßliche Knabe im Griechentum auf und nannte sich selber Melanchthon.
Mit dreizehn Jahren Student, mit siebzehn Magister, galt er ein Wunder frühreifen Geistes; als ihn der Kurfürst von Sachsen nach Wittenberg rief, war seine Gelehrsamkeit berühmt an den Schulen wie die des Erasmus.
Er war in Hellas zuhaus, als ob er gestern aus dem Garten Platons gegangen und durch einen Zauber in Schwaben aufgewacht wäre; aber die Kraft und Schönheit des griechischen Leibes war nicht mit durch den Zauber gekommen.
Als er in Wittenberg ankam, schmächtig und schüchtern, war Luther erschrocken, daß dies der von Reuchlin gepriesene Lehrmeister wäre; bald aber sah er den reichen Geist im kargen Gehäuse: wie einen jüngeren Bruder gewann er ihn lieb, zärtlich besorgt und ehrlich bewundernd.
Denn Philipp Melanchthon war nicht erwacht, daß er ein griechischer Träumer aus Schwabenland bliebe; ihm hielten die fremden Gewänder der Sprache den Geist nicht verhüllt, und wo Platon lebendig war, konnte das graue Gespinst der Scholastik nicht bleiben.
Er hatte in Leipzig dem Hahnenkampf zugehört, da Luther und Eck mit den Worten der Kirchenväter einander bestritten; aber er kannte den Urtext und sah das Quellwasser der alten Berichte im Kirchengebrauch getrübt und unrein gemacht.
Und weil ihm Luthers gläubige Kraft Entschlossenheit gab, nahm er den Text der heiligen Schrift als Gesetz, die Lehren der Kirche und ihre Gebote ernst und besonnen zu prüfen.
Wie der Gärtner einen verwilderten Baum mit kundigen Händen erneut, die geilen Triebe dem Fruchtreis zuliebe beschneidet, den Krebs und die Flechte ausrottet, so kam sein Messer, den üppigen Wildwuchs der Kirche zu lichten.
Wo aber die Krone zu kahl wurde, gab Luther ein Edelreis her von seinem paulinischen Glauben.
So wirkten die Männer in Wittenberg gut ineinander, der mutige Mönch und der milde Magister: inbrünstiger Glaube und starkes Gewissen gingen der Schärfe und Freiheit des Geistes zur Hand, Griechen- und Deutschtum ließ der erschütterten Christenheit den neuen Lebensbaum wachsen.
Ulrich Zwingli
Er kam von den Bergen im Toggenburg; wie das weiße Gewölk im blauen Himmel der Heimat, wie die saftgrünen Matten und die hurtigen Quellen, indessen die reinen Firnen die zackige Ferne begrenzen: so aus dem Jungbrunnen war seine Seele gestiegen.
Sein Vater war Ammann; wie Abraham einst hatte er Weiden und Vieh und Raum, acht Söhnen das Ihre zu geben; aber er war auch ein Schweizer, der in der Eidgenossenschaft die trotzige Freiheit der Väter bewahrt sah: ihm dankte der Sohn den aufrechten Nacken.
Als er mit jungen Jahren schon Pfarrer in Glarus war, zog er tapfer hinaus mit dem Haufen der Glarner; bei Marignano deckte sein Pfaffenkleid nicht weniger Mut als ein Harnisch.
Aber er sah den Reislauf mit Grimm und wie die Schweizer ihr Blut um schäbiges Gold auf den fremden Markt brachten; er rief den Stolz der reichen Geschlechter, und als sie nicht auf ihn hörten, ging er mit feuriger Rede ans niedere Volk.
Darüber kam er in Streit mit den Großen, er mußte die Pfarre in Glarus verlassen, als kleiner Vikar in Einsiedeln neu zu beginnen: aber da fand er das Schrittmaß, sein Leben größer zu schreiten.
In Einsiedeln las er die heiligen Schriften, wie sie Erasmus von Rotterdam ans Licht gebracht hatte; so zog seine Predigt das reine Gewand des Evangeliums an.
Als ihn die Züricher danach als Prediger holten – im dreiunddreißigsten Jahr seines hurtigen Lebens – war Ulrich Zwingli ein Jungmann im Priestergewand, wie Saul war, da Samuel den Hirten als König in Kanaan salbte.
Indessen Luthers gewaltiges Wort das deutsche Gewissen wachrief, indessen Hutten mit glühender Feder das Reich gegen Rom hetzte, ging Zwingli den aufrechten Gang des Schweizers zu praktischen Zielen:
Er wollte den Staat als Christengemeinschaft, aber die Schrift, nicht die Kirche sollte der Macht Rechtfertigung geben; wie in der Urväterzeit alemannischer Herkunft sollte die freie Gemeinde sich selber Gesetz und Geltung bedeuten.
So wurde der Sohn des Ammanns aus Toggenburg im Predigerrock Träger der Staatsgewalt.
So wurde in Zürich der rauschende Prunk der römischen Kirche vor die Türe gekehrt; so mußten die Klöster Schulen und die Chorherrn Lehrer sein; so wurde das Münster, von Messe und Weihrauch und Wallfahrt gereinigt, der Saal der Gemeinde, und der Priester war nur noch ihr Sprecher.
So sank die Hülle des Morgenlandes hin von der neuen Christengemeinde; die deutsche Seele blieb tapfer dabei, die christliche Erbschaft zu halten, aber sie wollte der Lehre die eigene Ordnung, Haltung und Würde geben.
So wurde in Zürich der evangelischen Freiheit die erste Stätte bereitet; Basel und Bern traten der Mutigen bei; und dies war der kühne Traum Zwinglis, daß die Eidgenossenschaft trotz Fürsten- und Kirchengewalt rundum das Freiland christlichen Menschentums würde.
Aber die Bauernschaft in den Bergen wollte dem Beispiel der Bürger nicht folgen, und die Gewaltherren der Reisläuferschaft in Zug und Luzern, Unterwalden, Uri und Schwyz ergriffen heimlich die Habsburger Hand, mit fremder Söldnermacht gegen die Städte zu ziehen.
Da wurde der Bund der Väter gebrochen, da kamen die Eidgenossen zum Krieg, den die evangelischen Bürger gegen die katholischen Waldstätten bei Kappel kläglich verloren.
Zwingli, das Wort, blieb der Tat treu und zahlte mit seinem kostbaren Leben; bei seinem Häuflein erschlagen, lag er im blutigen Anger, bis seine Feinde das klare Antlitz erkannten und seinem Leichnam das Ketzergericht hielten.
Gevierteilt, verbrannt, als Asche verstreut in den Wind: ging der edelste Schweizer ein in das reine Gedächtnis.
Der Bauernkrieg
Kaiser und Kirche hatten einander bestritten, aber sie waren die starken Machthalter der Welt; nun sahen die Völker die Stärke schwach werden, und aus den Tiefen der Unterdrückung hob die Freiheit die drohenden Fäuste.
Was in Zürich durch Zwingli geschah, konnte im Reich nicht werden: hart lag die Bischofs- und Fürstengewalt auf dem Bürger, der Bauer war höriger Untertan seines Ritters.
Ihm konnte die Freiheit in Christo nicht in sein unfreies Dasein leuchten, ihm mußte die Predigt von Wittenberg die Schwarmgeister irdischer Hoffnung wecken: Karlstadt und Münzer waren seine Propheten, sein Evangelium wurde der Aufruhr.
Indessen der Junker Jörg auf der Wartburg die deutsche Bibel zu schreiben begann, war Karlstadt in Wittenberg mächtig geworden: er sah die Kirchengebräuche an als Wohnung des Teufels und war mit Eifer dabei, sie zu zerstören.
Messe und Klosterdienst, Beichte und Bilderverehrung, das Eheverbot und die Geltung des geistlichen Standes griff er mit hitzigen Schriften und heftigen Predigten an.
Auch kamen nach Wittenberg Männer, aus Zwickau vertrieben, die glaubten und lehrten in hitziger Einfalt die Freiheit der Seele, die selber und immer in Gott sei und weder der Schrift noch einer lehrbaren Deutung bedürfe, um selig zu werden.
Der gefährlichen Predigt zu wehren, zog Luther sein Junkergewand aus; Bann und Reichsacht zum Trotz kam er zurück, sein mächtiges Wort gleich einem Damm vor das leckende Feuer zu werfen.
Ihm mußten die Zwickauer Schwärmer aus Wittenberg weichen; aber die hart Vertriebenen nahmen den Feuerbrand mit, sie zogen hinaus in die süddeutschen Länder: bald fingen die Dörfer in Thüringen, Franken und Schwaben hell an zu brennen.
Da fraß die Lehre der Freiheit das faule Gebälk der Obrigkeit nieder, da griff die Gleichheit vor Gott die irdische Hörigkeit an, da rief der Schwarmgeist den Bauer zur Bruderschaft auf, sein Menschenrecht zu erzwingen.
Die zwölf Artikel hieß das Gelübde, darauf sie den Bund schworen, darauf die Bauern den Krieg gegen die Fürsten und Ritter begannen.
Sie wollten nicht länger leibeigen bleiben und nicht mehr den Zehnten bezahlen; wieder wie einst sollte das Land der freien Gemeinde gehören; Holz, Fischfang und Jagd sollten für jedermann frei sein; das Recht sollte wieder im deutschen Herkommen stehen statt in der römischen Rechtssatzung; auch wollten sie selber die Prediger wählen.
Wo es am meisten verschüttet war, stand Menschenrecht auf; der alte Bundschuh wurde lebendig, den die Ritterfaust niederschlug; noch einmal sein Blut an die Freiheit zu wagen, war der Bauer bereit, und die Bürgerschaft rief ihm zu, daß seine Sache gerecht sei.
Schwarz, rot und weiß war die Fahne, die Hans Müller von Bulgenbach trug, als er in Waldshut die blutige Kirchweih begann; bald wehte sie siegreich in Schwaben: die Herren mußten sich beugen, und wer sich nicht beugte, den jagten die Bauern durch ihre Spieße.
Da fiel die Furcht der Vergeltung in reiche Gemächer: Fürsten und Bischöfe schworen, die zwölf Artikel zu halten; als auch in Franken die schwarzrotweiße Fahne von den Kirchen und Rathäusern wehte, stand hinter dem Aufruhr ein neues Reich und wollte Wirklichkeit werden.
Ein neues Reich, auf den Willen des Volkes statt auf die Willkür der Fürsten und Herren gegründet: wohl sollten die Stände bestehen, aber nicht Vorrechte haben; die Geistlichen sollten die Hirten der Christengemeinde, nicht mehr die weltlichen Herren der Kirchenmacht sein.
So war der Plan, und die verschüttete Freiheit des Volkes hob ihre Fäuste, ihn zu erfüllen; aber die Schwarmgeister mischten die Brunst ihrer unreinen Machtgier hinein.
Thomas Münzer hieß der unselige Mann, der sein blutiges Wahnreich in Thüringen träumte, der mit dem Schwert Gideons kam, Fürsten und Pfaffen den Reigen der Rache zu tanzen.
In Mühlhausen hielt er gleich einem König der Juden Gericht über die Heiden; wo seine grausamen Haufen erschienen, rauchte das Blut der erschlagenen Leiber im Brand der Klöster und Burgen.
So sah Luther die Saat aufgehen im Unkraut; er wollte die christliche Freiheit allein im Gewissen, nun schrie sie Gewalt und war Aufruhr: zum andernmal schwoll ihm der Zorn, und wie er den Ablaß der Kirche mit groben Worten verdammte, verdammte er nun den Aufruhr der Bauern.
Totschlagen gleich tollen Hunden hieß er die Bauern; und wie seine mächtige Stimme erschallte, so hoben die Fürsten das Schwert: Philipp von Hessen und Truchseß von Waldburg kamen mit Harnisch und großem Geschütz gegen den Aufruhr gezogen.
Sie fanden die Haufen der Bauern uneins im Streit ihrer Führer; durch die erfahrene Feldkunst der Herren einzeln geschlagen, mußten sie überall weichen: so wurde das harte Wort aus Wittenberg wahr.