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Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Chapter 195: Der Kriegsherr
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About This Book

A sequence of lyrical essays and mythic narratives probes the inward depths of personal and collective being, contrasting the shallow surface of memory with an abyssal wellspring where past and destiny mingle. Drawing on creation myths and heroic lore, the text reimagines divine origins and struggles among gods, giants, and fate-spinners, and traces how wisdom, guilt, and power shape cosmic and human order. Meditative passages reflect on memory, consciousness, and the persistence of primal forces beneath everyday life, while retellings of divine conflict and sacrifice examine responsibility, prophecy, and the burden of knowledge.

Das Buch der Fürsten

Versailles

Ein scharfer Keil in der Habsburger Macht war das Land der Franzosen: von Flandern hinauf nach Burgund und drüben in Spanien bot ihm das Habsburger Weltreich die Flanken.

So war es geworden, als Philipp der Schöne hinüber nach Spanien freite, so wirkte es doppelt, als Karl, der spanische König, zurück in das Reich kam, Kaiser der Deutschen zu werden.

Viermal führte er Krieg mit Franz dem Ersten von Frankreich, daß ihm der Keil nicht die Flanken zersprenge; viermal nahm er den Keil in die Zange und konnte ihm doch die Schärfe nicht brechen.

Was aber Franz mit grimmigen Kriegen begann, vollbrachte mit List Richelieu: die Kaisergewalt starb hin an dem Schwur von Loreto, indessen der Kardinal den Feinden der Kirche beistand, die Flanken der Habsburger Macht einzustoßen.

Der Frieden zu Münster gab den Franzosen am Rhein, was der Kaiser verlor: das Reich war leer und zerschlagen, sie aber standen im Glück ihrer Stunde, und Ludwig der Vierzehnte kam, die abendländische Uhr auf sich einzustellen.

Er war noch ein Jüngling, als er im Jagdrock, die Peitsche keck in der Hand, ins Parlament kam, das Fürstenwort seiner Zeit auszusprechen: Der Staat, das bin ich!

Die Fürstenmacht hatte den Krieg gegen den Kaiser gewonnen, und Ludwig der Vierzehnte lehrte die Fürsten, ihr Siegerrecht auszukosten.

Der Staat war der König: Stände und Standesherrn, Bürger und Bauern waren ihm untertan und mußten dem König gehorchen als untertänige Diener; er war die Sonne, alles Licht im Staat kam von ihm, und alles war sein von Gottes Gnaden.

Seine Soldaten marschierten im Namen des Königs, seine Minister waren das Räderwerk höchsteigener Pläne, seine Beamten plagten den Untertan.

Daß seine Allmacht sichtbar würde dem eigenen Volk der Franzosen und den Völkern des Abendlandes, ließ er sich draußen, weit vor den Toren der Hauptstadt Paris die neuen Lustgärten bauen: das Schloß und den Park von Versailles.

Die starre Flucht seiner Fenster und der umgitterte Hof wiesen der stolz anlaufenden Straße den Rücken, das Antlitz war nach den Gärten gekehrt, die in unendlicher Weite über den breiten Terrassen ihr grünes Schaubild der blauen Ferne vorlegten.

Wachen und Gitter und blinkende Fenster sperrten den Eingang und reizten die Neugier; aber drinnen, von hundert Schranken behütet, hielt der Hof seine rauschenden Feste.

Da sprangen die Wasser, da lockten die hellen Terrassen den Blick in die weiten Alleen, da schritten die Seidengewänder die breiten Treppen hinauf und hinunter, da hielt die rauschende Pracht vor sich selber den Atem an.

Denn irgendwo drinnen wohnte der König und war in den schimmernden Schalen wie eine Perle geschützt; durch den Marmorsaum herrischer Hallen, unter den wuchtigen Decken prahlender Säle führte der zögernde Schritt hinein ins Geheimnis der Macht.

Aber kein Fuß durfte ihn gehen, der nicht von hoher Geburt und durch die Gnade des Königs bestimmt war; denn wie die Macht seiner Heere, so war die Pracht seines Hofes allein auf die Gunst seiner Augen gestellt.

So sahen die Fürsten Europas die Sonne der neuen Herrschergewalt: kein Schwertkaiser mehr, der im Harnisch vor seinen Rittern durchs Stadttor einritt nach ruhmvollen Taten, kein Richtkaiser mehr, der auf dem Marktplatz den goldenen Stuhl hatte.

Reiten und richten war eine Pflicht im Tagwerk der Diener geworden, der König gab nur die Gunst ihrer Stunden; sein Dasein war aus der Wirklichkeit fort in das freche Theater der fürstlichen Allmacht gegangen.

Alliance du Rhin

Ein halbes Jahrtausend und mehr hatte das Reich am Rhein seine Heimat gehabt; nun saß der Kaiser im Osten, dem Ohr und den Händen der geistlichen Kurfürsten fern, indessen die Gnadensonne von Westen reichen Glanz über ihr Fürstengewand schien.

Denn nun kam die Zeit, da die Fürsten des Reiches Abgötter bourbonischer Herrlichkeit wurden, da die Pracht von Versailles die Höfe betörte, da die Kurfürsten den rheinischen Trutzbund schwuren gegen den Habsburger Kaiser.

Sie liebten als Priester Pracht und Gepränge und wollten als Fürsten Hof halten, wie Ludwig der Vierzehnte Hof hielt in Versailles; aber die Hofburg in Wien war der fürstlichen Pracht und fröhlichen Weltlust verschlossen.

Auch hatte der Kaiser die Fürsten und Stände betrogen; ein Reichstag sollte – so stand es im Frieden von Münster – die neue Verfassung beschließen; aber die Hofburg wollte die Krone aus eigener Vollmacht beerben, die Kurfürsten sollten dem Habsburger Erbkaisertum nur noch den Prunkmantel halten.

Als darum der dritte Ferdinand starb, mochten die Kurfürsten am Rhein seinen Sohn Leopold nicht mehr erwählen; Kaiser im Reich und am Rhein sollte Ludwig der Vierzehnte heißen, weil er im Abendland längst der mächtigste König und für die Fürsten das Götterbild ihrer Macht war.

Mehr als ein Jahr lang zogen sie kläglich die Wahl hin, die Gunst und das Gold von Versailles strömten die Fülle über den Rhein; aber der bängliche Kurfürst von Bayern verdarb das französische Spiel: die rheinischen Herren mußten in Frankfurt den Habsburger krönen.

Aber am andern Tag saßen sie da um die Gunst und das Gold von Versailles und schwuren den Bund mit dem König von Frankreich; drei Kurfürsten mit ihren Trabanten versagten dem Kaiser die Treue und verrieten den Rhein und das Reich an den Todfeind der Habsburger Macht.

Denn nicht nur heimlich stand Ludwig der Vierzehnte Pate, er selber trat mit in den Rheinbund; die Gnadensonne von Versailles lag auf den fürstlichen Händen, als sie den treulosen Pakt unterschrieben.

Straßburg

Eine Reichsstadt war Straßburg seit Urvätertagen, und deutsches Leben hatte dort seine vornehme Werkstatt gehabt; als der Kaiserglanz noch am Rhein seinen Auf- und Untergang hatte, stand es im Mittag reichsdeutscher Macht.

Eckhart der Meister und Tauler der Prediger, Murner und Brant fanden in Straßburg Ohren und Herzen, die schwarze Kunst Gutenbergs hütete hier ihr erstes Geheimnis.

Auch als das Gewitter um Luther und Zwingli schwarze Sturmwolken brachte, hielt Straßburg die Reichsfreiheit hoch und war dem Bund der evangelischen Fürsten eine wehrhafte Stütze.

Jakob Sturm, sein Stättmeister, stand stolz unter den Fürsten des Reiches; kein Herzog und Bischof konnte am Oberrhein wagen, Straßburger Bürgerrecht anzutasten.

Als Frankreich danach im Frieden zu Münster das Habsburger Erbland im Elsaß bekam, blieb Straßburg wie eine stolze Bastei der alten Reichsherrlichkeit stehen.

Sein Münster, durch Erwin von Steinbach herrlich erhoben, hielt seine Hallen der evangelischen Lehre geöffnet; und ob durch die Tore die Gunst von Versailles prahlend herein ritt, die Bürgerschaft ließ sich nicht locken.

Nur die Geschlechter äugten sehr nach der welschen Sonne; und der Bischof Franz Egon von Fürstenberg hielt der Sonne den Spiegel: er wollte die Messe im Münster lesen, und Straßburg die Reichsstadt sollte ihm wieder als Bischofsstadt untertan sein.

Er legte die Schlinge, und als sie mit List und Bestechung bereit war, zog die Gewalt zu; es war im September, da die Kaufleute mit ihren Knechten die Messe in Frankfurt bestritten, als das Heer der Franzosen vor Straßburg erschien.

Mitten im Frieden sahen die Bürger blanke Geschütze auf ihre Tore gerichtet; der Kaiser saß fern in der Hofburg, und viel zu stark stand das welsche Volk vor den Wällen.

Auch waren im Magistrat zuviel Augen betört durch das Gold und die Gunst von Versailles; am dritten Tag ritten die Reiter der Lilie mit Hörnergeschmetter ein in die Gassen: keinen Schuß und Mann hatte den König von Frankreich die deutsche Reichsstadt gekostet.

Und als nach einem Monat die Sonne selber die Stadt und das Münster beschien, stand der Bischof davor aus einem deutschen Fürstengeschlecht, den neuen Herrn zu begrüßen, und lästerte laut mit dem Wort, das Simeon sprach, als er im Tempel das Knäblein begrüßte:

Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden einfahren; denn meine Augen haben den Heiland gesehn! so sagte ein deutscher Fürst und Bischof dem König von Frankreich, als er in Straßburg als Räuber einzog.

Die Erbschaft der Liselotte

Die Fürsten Europas waren vervettert, aber den Zank um die Erbschaft mußten die Völker bezahlen.

Ludwig des Vierzehnten Mutter war Anna von Österreich und seine Frau eine Tochter des spanischen Königs: der Todfeind von Habsburg war selber dem Hause versippt; auch hatte der Bruder des Königs Liselotte, die Schwester des Pfalzgrafen, zur Frau.

Die deutsche Prinzessin am Hof zu Versailles war ein drolliges Weibsbild; aber sie wurde der pfälzischen Heimat die Quelle unsäglicher Leiden.

Als Karl, ihr Bruder, kinderlos starb und die von Pfalz-Neuburg rechtmäßig die Erbschaft antraten, ließ sie den mächtigen Schwager ihr Erbteil vom Reich für Frankreich einfordern.

Das aber war zu der Zeit, da die Türken Belgrad verloren, da der allerchristlichste König seinen besten Mithelfer bedrängt sah: dem Halbmond gegen das siegreiche Kreuz des Habsburger Feindes zu helfen, fing er den pfälzischen Krieg an.

Aber das Reich war besser gerüstet, als da er Straßburg einsteckte; Melac, sein Feldherr, konnte die Pfalz nicht behalten.

Wo aber die Sonne des Königs von Frankreich nicht scheinen durfte, brauchte die Frucht nicht zu reifen, brauchten die Scheuern und Häuser, die Schlösser und Kirchen der Pfalz nicht mehr zu stehen.

Der König will es! so hieß die Mordbrennerlosung; der König will es, daß Heidelberg in eine Öde gestellt sei, daß die Dörfer der Bergstraße brennen, daß die Straßen im Winter mit flüchtenden Menschen gefüllt sind, daß ihrer viele erfrieren!

Der König will es, daß Speyer und Worms die Mordbrennerwut schlimmer erfahren, daß die salischen Dome mit brennenden Dächern in Brandhaufen stehn, daß den Leichen der Kaiser in ihren Gräbern Schande geschieht!

Der König will es, daß eine brennende Wüste von Speyer bis Trier den Glanz seiner Sonne grausam umgrenze, daß die grüne Frucht auf den Feldern untergepflügt werde!

Melac! so riefen die Pfälzer danach ihre Hunde und hätten sie besser Liselotte getauft, die sich im höfischen Glanz von Versailles der glücklichen Jugendzeit freute, da sie im Schloßgarten zu Heidelberg Kirschen und Kuchen verzehrte.

Indessen so böses Mordbrennertum den rheinischen Winter und Frühling bedrängte, zogen die Heere der Fürsten zögernd zu Hilfe, und als sie bei Fleurus im Niederland endlich ausholten zum Schlag, fielen sie schlimm in den Degen der Welschen.

Zum zweitenmal konnten die Mordbrennerscharen den Rhein überschreiten, und diesmal sank Heidelberg hin: in Trümmer zerbrach das herrliche Schloß, und düster lag über der Stadt der schwelende Rauch ihrer Brände.

Der aber König der Mordbrenner war und der Schwager der Liselotte, von ihrer Prinzessinnenseele fröhlich bewundert, er ließ auf die brennende Stadt eine Schaumünze prägen, als ob Brandstiftung auch noch ein Zeichen fürstlichen Gottesgnadentums wäre.

Die Türken vor Wien

Der Schwur von Loreto hatte das Reich leer gebrannt, aber noch immer kam der Glaubenskrieg nicht zur Ruhe: ein törichter Aufruhr ehrgeiziger Junker gab auch in Ungarn der Ketzerverfolgung endlich das Schwert und das Feuer zur Hand.

Vierhundert Pfarrer wurden gleich Dieben gefangen, und die sich des Widerrufs weigerten, wurden im Namen des Königs auf die Galeere gebracht.

Aber da fing dem Kaiser in Wien das eigene Haus an zu brennen; Graf Tököly rief die Türken ins Land, und Kara Mustapha kam mit dem unendlichen Völkergewirr seiner Scharen, den Halbmond gegen das gleißende Kreuz von Habsburg zu tragen.

Zum zweitenmal standen die Türken vor Wien, und ihr gewaltiges Lager war eine brausende Springflut rings um die zitternde Stadt.

Die Jesuiten mit ihrem gehorsamen Zögling waren nach Passau geflohen; so wild war der Zorn des Volkes auf sie, daß ihrer viele das Leben verloren, und nur verkleidet konnte der Kaiser die schimpfliche Flucht wagen.

Graf Starhemberg hieß der mutige Mann, der auf den zerschossenen Mauern der Stadt noch standhielt, als in der Bürgerschaft schon das Entsetzen an keine Rettung mehr glaubte.

Die Burgbastei war gesprengt, nur die eine Nacht noch konnte die Stadt den Sturm überstehen: wie Heimdals Horn die Asen aufrief, so sandte der Stephansturm den Hilferuf seiner Raketen hinaus in die Nacht.

Lange schon standen die Fürsten am Kahlenberg, aber sie waren zu schwach, den Sturm auf das gewaltige Lager der Türken zu wagen, bis Johann Sobieski, der tapfere König der Polen, sein starkes Heer brachte.

Die türkischen Sturmleitern standen am Morgen bereit, aber wie Doggen den Panther anfallen, so brachen die Polen und Deutschen vereint in das Lager und ließen nicht ab, bis das Wild gefällt war.

Zehntausend Türken lagen erschlagen, und ein verspätetes Kreuzritterglück holte die Schätze des Morgenlandes heim; denn ein unendlicher Troß hatte Kara Mustaphas Heer begleitet, und was sich nicht selber zu retten vermochte, war Beute.

Die Glocken läuteten Sieg vom Stephansturm wie niemals zuvor, und Johann Sobieski, dem Retter, wurden die Wege mit Blumen bestreut; auch der Kaiser war wiedergekommen, aber er konnte den Wahlkönig der Polen nicht in der Hofburg empfangen, weil er kein fürstliches Blut hatte.

Draußen im Lager von Ebersdorf wurde mit höfischem Umstand eine Begegnung zu Pferd vorbereitet; der Kaiser war gnädig, sein Hütchen zu lüpfen und einige Worte – peinlich bemessen – dem König zu sagen.

Höher als Wien, seine Hauptstadt, galt ihm der Habsburger Hochmut, und über dem Glück der Entscheidung, die das Abendland von der Türkengefahr befreite, stand den Schranzen der Hofburg der höfische Brauch.

Holland

Die sieben Provinzen im Niederland hatten mit Spanien Frieden gemacht, sie hießen nun Holland nach ihrer stärksten Provinz und waren ein Freistaat, obwohl die oranischen Prinzen Statthalter blieben.

Sie nahmen im Frieden zu Münster Abschied vom Reich, ein Volk der freien Gemeinde zu sein wie einmal die Väter; Handel und Handwerk, Wohlstand und Weltlust hatten im Schutz ihrer starken Flotte geblüht, indessen das Reich sich selber zerstörte im Krieg um den Glauben.

Seit den Tagen, da Rom Republik war, hatte kein Bürgerstolz den Staat so in Ordnung gehalten, wie die Brüder de Wit das holländische Glück hielten.

Rundum begann die Fürstenselbstherrlichkeit ihre Throne zu bauen, sie aber deckten das Dach der Bürgerfreiheit mit blitzblanken Ziegeln und wurden die Zuflucht aller Verfolgten.

Der Bürger wurde sich selber das Ziel seiner Wünsche, seine Fröhlichkeit schmeckte den Sonntag der werktätigen Woche, sein Stolz sah den Reichtum der Welt auf breiten Schiffen ankommen, sein Trotz sah das Stadttor von wehrhaften Wächtern behütet – aber draußen im Land säte der Friede das Korn in die Furchen.

Und wie die Häuser behäbiger Bürgerschaft, wie ihre Kleider und Sitten, so wurde die Kunst in Holland: sie brauchte nicht mehr die Säle der Fürsten und Herren mit dem falschen Prunk ihrer Taten zu füllen, sie malte dem Dasein des Bürgers das Schaubild.

Bürger und Bauern sahen sich selber geschildert mit ihrem täglichen Umstand; das Vieh auf der Weide, das leckere Wildbret des Händlers, der helldunkle Raum ihrer Höfe, alles wurde behaglich auf saubere Tafeln gemalt, und die fröhliche Wolkenlast ihrer Landschaft.

So trat in Holland die Kunst aus den Kirchen und Höfen neu in die Wirklichkeit ein.

Rembrandt

Das Land war reich und seines eigenen Daseins fröhlich das Volk, daraus noch einmal ein Großer aufstand, uraltes Geheimnis der Seele neu zu verkünden.

Rembrandt hieß er und war der Sohn eines Müllers in Leiden; er lernte das Handwerk der Schilderkunst, aber nicht Bürger und Bauern zu schildern lag seiner funkelnden Seele im Sinn.

Sie war aus dem Dunkel zu rasch in den Tag geboren, nun sah sie nichts als das Licht an den Dingen, das siegreiche Licht und seinen unheimlichen Bruder, den Schatten.

Alles was war, wurde dem Auge in Licht geboren; der dämmrige Raum und die weithin schimmernde Ferne, die Menschen darin und die Bäume: alles war angetan mit einer Krone von Licht und mit dem Schleppengewand seiner Schatten.

Alles war Wunder, was den Augen Wirklichkeit hieß, und wurde Erscheinung im Märchenkleid seiner Beleuchtung.

Und wenn die Seele die staunenden Augen zumachte, war das Wunder nicht aus: dann standen die Räume inwendig gleich so im zarten Helldunkelgeheimnis, schritten Gestalten ihr zu, magisch umleuchtet oder zu dunklen Gruppen gespenstisch vereinigt vor den schimmernden Gründen.

Und waren nicht mehr die Menschen des Tages; als ob die Seele ein Zauberglas wäre, durch Zeit und Raum alle Fernen des irdischen Daseins zu spiegeln, so kamen sie an aus der alt- und neuen Geschichte, aber zumeist aus der Bibel:

David und Saul und die heroische Esther, die Erzväter und der geblendete Simson; und hatten die Kleider an, wie sie die Juden in Amsterdam trugen, faltenfarbige Gewänder und buntes Geschmeide.

So war der Sohn des Müllers in Leiden, der als ein Meistergesell der Schilderkunst nach Amsterdam kam, ein Märchenprinz seiner Augen, und hatte die Hände geübt, die Zauberkünste des Lichts aus den Raumtiefen der staunenden Seele auf seine Tafeln zu bringen.

Da liefen ihm bald die Ratsherren zu und die reichen Kaufleute, sein Wunder mit gnädigen Worten und auch mit silbernem Kauf zu belohnen; und Saskia trat aus der Lichtflut sonniger Träume lächelnd und lockend in seine Wirklichkeit ein.

Sie wohnte mit ihm und hieß seine Frau, und es wurde ein glühendes Glück um den Sohn des Müllers aus Leiden in seinem kostbaren Haus, darin sich die Pracht und die Schönheit jubelnd und inniger fanden als in dem prunkenden Schloß zu Versailles.

Er malte die Männer und Frauen der Stadt auf seine Tafeln; so reich war sein Glück, daß er die derben Gesichter und weißen Halskrausen leuchtend damit übergoß.

Aber wenn ihn der funkelnde Reichtum ganz überschäumte, dann malte er Saskia; und nie stand die sinnenfrohe Jugend so glühend im Glück, wie er das liebe Gesicht und die Hände, den selig gebeugten Nacken in bernsteingoldener Lichtflut verklärte.

Sechs Jahre nur währte die glühende Hochzeit, dann starb ihm das jubelnde Licht in die Dunkelheit hin; aus allen Raumtiefen krochen die Schatten heran und wollten sein eigenes Licht heimholen in ihren dunklen Bereich, wo Saskia war.

Der Tod war das dunkle Geheimnis, darin sich jede Flamme und jeder Lichtstrahl verirrte: aber der Tod war auch die unendliche Weite, daraus sich das irdische Leben im Licht seiner Augen endlich abgrenzte.

Das war die Zeit, da Rembrandt die Schützengenossenschaft malte, die im Sonnenschein auszog zur festlichen Freude, und die eine ängstliche Insel des Lichts in der brandenden Dunkelheit, eine Nachtwache wurde.

Der Gram saß mit ihm, und bald kam die Sorge als dritte dazu, er konnte die derben Gesichter und weißen Halskrausen nicht mehr besonnen; der ein Märchenprinz war, konnte nicht mehr seine Schulden bezahlen.

Es war ein Hammer in Amsterdam, der klopfte zum ersten, zum zweiten und dritten, und als er zum drittenmal klopfte, war es sein kostbares Haus und alles Geschmeide und all das edle Gewand, das Saskia trug.

Hendrikje hieß sie, die tapfere Magd, die dem darbenden Mann alles zubrachte, was sie besaß: ihre schaffenden Hände, ihre dienende Treue und furchtsame Liebe und ihren gesunden Leib.

Sie lebten zusammen, die Magd und der Meister, und ihre Beharrlichkeit hielt ihm die Kammer, darin er mit schwerer Hand und suchenden Sinnen seine letzten Tafeln und Leinwände bemalte.

Das Licht war eine düstere Glut in seinen Augen geworden und seinem Bruder, dem Schatten, unheimlich verwandt: Berge und Bäume und all die vertrauten Gestalten der Bibel tauchten nun auf aus der dunklen Tiefe, wie ein Feuer bei Nacht brennt.

Wie ein Zauberer gespenstische Zeichen ausschreibt, so jagte sein Pinsel die Farben groß ineinander, fremd für die Ratsherren und reichen Kaufleute und nicht mit gnädigen Worten und silbernem Kauf belohnt.

Arm und fast schon vergessen starb Rembrandt, der ein Märchenprinz war und sein Alter am Leuchtturm des Schicksals verbrachte.

Noch einmal hatte ein Großer uraltes Geheimnis der Seele verkündigt, nun kam der französische Tag, die Fürsten und Völker mit seinem gleißenden Glanz zu betören.

Das jubelnde Licht und die düstere Glut seiner jungen und alten Stunden blieb einsam lebendig, wie eine Seele nicht stirbt und ein Stern nicht versinkt.

Der große Kurfürst

Der Kurfürst von Brandenburg war vor dem Kaiser ein Sperling, aber er war in Holland erzogen und hatte im Haag den Habsburger Zorn ohnmächtig gesehen, weil ihm ein tüchtiges Volk mit Klugheit und Kraft die Tür wies.

Auch war der Prinz von Berlin der Eidam des Statthalters geworden, so fiel ihm ein Schein der oranischen Macht zu, neue Kerzen in Brandenburg anzubrennen; denn schlimmer als eines hatte sein Land die Leiden des Krieges erfahren.

Weitab vom Rhein, hinter den Städten der Hansa, mit kärglicher Wüste und künstlichen Grenzen, in Sand und Sümpfen von Slavien lag sein verzipfeltes Kurfürstentum: germanisches Vorwerk und mühsames Ansiedlerland.

Kolonisten, aus Frankreich vertrieben und Bauern aus Holland, durch Freiland und mancherlei Gunst angelockt, mußten das Land von der Havel zur Warthe notdürftig füllen, das durch den langen Krieg menschenleer war.

Der Staat, das bin ich! so hatte der Jüngling in Frankreich die Losung des Fürsten gesprochen; daß sie dem Kurfürsten in Brandenburg wahr werde, mußte sein schlimm verwüstetes Land erst ein Staat und er selber sein Herr werden.

Allerlei Völker, Städte und Stände waren ihm untertan und wollten regiert sein nach ihren Rechten; er aber wollte sein Herrschergewand nach eigenem Maß nähen und warf das Flickwerk der Herkunft ins Feuer.

Kein Fürst nahm seinen Städten und Ständen mehr Freiheit und Herkunft, als Friedrich Wilhelm in Brandenburg tat, den sie danach den großen Kurfürsten nannten.

An der sumpfigen Spree in Berlin stand seine düstere Burg, den Trotz der eigenen Bürgerschaft blutig zu dämpfen; alles, was er besaß, war ihm bestritten, und nur sein immer gerüstetes Heer gab ihm die Macht, es zu halten.

Wohl baute auch er sein Versailles draußen in Potsdam, aber es blieb nur ein rüstiges Landschloß, und den Lustgarten davor hielt die Havel ängstlich begrenzt.

Vor dem Kaiser war er ein Sperling, vor dem König von Frankreich nur eine zornige Biene; aber er wurde nicht lässig, die Waben zu bauen, bis Ordnung und Wohlstand in Brandenburg schüchtern begannen.

Als Turenne nach der Pfalz auch Holland mit Krieg überzog, bekam der König von Frankreich den Stachel zu fühlen: mit seinem trefflichen Heer sprang der Kurfürst dem Oranier bei und rastete nicht, bis den Franzosen endlich der Reichskrieg erklärt war.

Aber Ludwig, der Hofmeister der Fürsten, hetzte ihm listig die Schweden ins Land; so mußte die zornige Biene eilig nach Hause.

Die reitenden Boten hatten kaum seine Ankunft gemeldet, da fiel ein Handstreich schon über die Schweden in Rathenow her; und als er die Hauptmacht bei Fehrbellin fand, griff er sie an, wo sie stand, und jagte sie in die märkischen Sümpfe.

Die Schweden mußten den Einbruch teuer bezahlen, Pommern samt Rügen ging ihnen verloren; als sie im Winter durch Livland in Preußen einbrachen, kam der Kurfürst mit Schlitten über das Kurische Haff und jagte die Scharen bis Riga.

Da war der Sperling ein Sperber geworden, der kleine Kurfürst von Brandenburg hatte allein die schwedische Großmacht geschlagen.

Ob er den Schweden noch einmal Pommern und Rügen hergeben mußte, weil ihn der Kaiser im Frieden verließ: Ludwig, der listige Rechner, hatte die Stärke erkannt und sandte ihm heimliche Botschaft.

Zwischen Wien und Versailles stand er nun schlagfertig da; im Handel der Großen galt er kaum mehr denn ein hitziger Klopffechter, aber sie mußten ihm seine Verträge halten.

Was Sachsen einst war, war Brandenburg durch ihn geworden: die protestantische Schutzmacht im Reich, die Hoffnung aller Vertriebenen und der Anwalt aller Bedrohten.

Mehr Untertanen gewann er durch Gunst als durch Kriege, und Landesvater hießen sie ihn, denen der Kurfürst in Brandenburg nach bitterer Verfolgung ein evangelischer Kirchenherr war.

August der Starke

Den deutschen Simson hießen die Lobredner ihn, weil er so stark war: Hufeisen zerbrach er wie Holz, und das wildeste Pferd wurde schwach unter seinen gewaltigen Schenkeln.

Er war nur ein Prinz aus Kursachsen, wo sein Vater, der Kurfürst, sich täglich betrank und sein Bruder, der Kurprinz, Sybilla von Neitschütz als lockeres Liebchen genoß.

So ging er wie alle Prinzen auf Reisen, und an den Höfen Europas war bald von dem unbändigen Jüngling die Rede, der die Frauen und Pferde wie keiner zu bändigen wußte, und der die Laster der höfischen Welt lachend genoß.

Sein Bruder starb an den Blattern, so wurde August, der Starke geheißen, Kurfürst in Sachsen und sollte daheim in Dresden regieren; aber er zog in den Türkenkrieg als prahlender Feldherr des Kaisers, und als ihm das rauhe Handwerk nicht paßte, blieb er in Wien, bequemeren Ehrgeiz zu pflegen.

Johann Sobieski, der tapfere König in Polen, war tot, und August der Starke wollte sein Nachfolger werden.

Er brauchte viel Geld, die Gunst der polnischen Großen zu kaufen, auch mußten die Höfe in Wien und im Reich ihm willfährig sein: so gab er den Fürsten sächsisches Erbland dahin und nahm die silbernen Taler dafür.

Auch mußte er seinen lutherischen Glauben abschwören; wofür seine Väter Not und Verfolgung litten, er warf es hin wie einen verschlissenen Mantel.

So wurde August der Starke König in Polen, und Dresden stand ihm wohl an, darin zu regieren; denn nun war der rauschende Glanz um ihn, gleich seinem Abgott in Frankreich die Majestät seines Hofes zu spielen.

Die Sachsen mußten es teuer bezahlen, daß ein polnischer König ihr Kurfürst war, Schulden und Nöte bedrängten das ärmliche Land, indessen zu Dresden die höfische Üppigkeit anschwoll.

Frauen und Pferde waren noch immer die Liebe August des Starken, aber nun prangte die Krone an ihrem Kleid und Geschirr: Feste und Jagden hielten dem lüsternen König das Jahr in der Schwebe und der unendliche Umstand kostbarer Bauten.

Den deutschen Simson hießen die Höflinge ihn, der sein Leben in Lust und Liederlichkeit hinbrachte, und ein vergoldetes Reiterbild stellten sie ihm auf den Markt, der das sächsische Haus um die stolze Vergangenheit und sein Land um die Zukunft betrog.

Der König in Preußen

Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; aber sein Ehrgeiz brannte die flackernde Flamme, König zu heißen, statt nur ein Kurfürst des Reiches zu sein.

Kurfürst des Reiches hieß er in Brandenburg; als Herzog in Preußen jedoch war er dem Kaiser nicht untertan, dort saß er aus eigenem Thronrecht.

Herzöge in Preußen waren die Hohenzollern, seitdem Albrecht von Brandenburg, der letzte Hochmeister, das Ordensland Preußen zum weltlichen Fürstentum machte und seinem Hause vererbte.

Aber der Kaiser konnte dem Herzog in Preußen den Königstitel verwehren, weil er ein Reichsfürst war: sieben Jahre lang mußte der Kurfürst von Brandenburg an der Hofburg in Wien Bittsteller sein, bevor seine Stunde kam.

Der Kaiser brauchte Soldaten zum spanischen Erbfolgekrieg und Friedrich der Kurfürst mußte ihm für die preußische Krone mehr als die reichsfürstliche Heerfolge leisten.

So kam der Prinz Eugen zu den preußischen Truppen, die bei Turin, bei Höchstädt, in Flandern und Frankreich tapfer den Ladestock hielten; und der Dessauer fluchte dazu seine Schwüre.

Die Schwüre und Flüche störten den Kurfürsten nicht, als er in Königsberg die bebende Hand nach der Krone ausstreckte; er war in Scharlach gekleidet mit Knöpfen aus Diamant, deren jeder ein stattliches Bürgerhaus wert war.

Juweliere und Schneider hatten das ihre getan, aus ihm einen König zu machen; auch ließ er sich salben mit Öl und hatte zwei Bischöfe ernannt, die sonst ehrsame Prediger in Königsberg waren, daß sie den kirchlichen Pomp an ihm übten.

Das Volk aber konnte die Freuden des Tages wie bei der Kaiserkrönung in Frankfurt genießen: der Weinbrunnen floß, und der Ochs am Spieß bot seine gebratenen Lenden den lüsternen Mäulern dar.

Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; aber der Hermelin deckte die kränklichen Schultern, als er im Glanz der neuen Königskrone zurück nach Berlin kam.

Da hatte ihm Schlüter die düstere Burg an der Spree mit Höfen und Sälen erweitert, daß sie ein Königsschloß war ohnegleichen in Deutschland: die Pracht kam vor der Macht; aber als die preußische Macht danach kam, wollte sie nicht in der Pracht wohnen.

Prinz Eugen

Der Frieden zu Rijswijk hatte den kläglichen Krieg um die Erbschaft der Liselotte beendigt, aber er war nur ein Stillstand im Erbstreit der Fürsten, ein Notdach, das schwarze Gewölk zu erwarten, das über dem Abendland hing.

Denn Karl, der spanische König, war krank, ohne Erben; die Sippe der Habsburger stand lauernd am Bett, seinen Tod zu erwarten: Wien und Versailles hielten die Schwerter bereit, das Blut ihrer Völker an die spanische Erbschaft zu wagen.

Der König von Spanien starb, und wie das Getier des Waldes über ein brechendes Wild, so brachen die Heere ins Land; bald war Europa vom Kriegslärm erfüllt und voll vom Ruhm des Prinzen Eugen.

Er war ein Prinz von Savoyen und Feldherr des Kaisers; seitdem er bei Zenta die große Türkenschlacht schlug, hing seinen Fahnen der Sieg an.

Vierzehn Jahre lang hielt der spanische Erbfolgekrieg den Prinzen im Sattel: er schlug die Franzosen zuerst bei Cremona, er traf sie bei Höchstädt im bayerischen Donautal schwer und schlug sie zum drittenmal hart bei Turin.

Er ritt nach Neapel und lag vor Toulon, er kämpfte in Holland und Flandern, von der blutigen Walstatt zu Malplaquet fuhr er nach Frankreich und brach dem König das prahlende Lille aus dem Stachelkranz seiner bewaffneten Plätze.

Er war ein Herzog, wie einmal die Helden der Völker Herzöge waren; wo es am heißesten herging, war er zu finden, und so viel Kugeln trafen den Kühnen, daß kein Musketier böser vernarbt war als er.

Der Prinz Eugen hieß er bei Großen und Kleinen, sein Name allein war eine flatternde Fahne, wo er sein Lager hielt, liefen Reiter und Fußvolk ihm über.

Und als der blutige Krieg um die spanische Herrschaft endlich ausging, nicht gut für das Reich und den Kaiser, weil ihm das englische Ränkespiel zuletzt den Sieg aus der Hand nahm: machte er selber den Frieden zu Rastatt und war ein kluger Staatsmann, wie er ein kühner Feldherr gewesen war.

Zwei Jahre lang saß er in Wien, und war schon grau und dachte der Ruhe zu pflegen, als ihn die Türkengefahr noch einmal ins Feld rief.

Er hatte als Jüngling vor Wien nach dem ersten Lorbeer getastet, bei Ofen und Belgrad die ersten Wunden empfangen, bei Zenta den feurigen Ruhm seines Namens gefunden: nun zog der Graukopf gegen den alten Feind, sein Leben zu krönen.

Der blutige Krieg um die spanische Erbschaft hatte ihm einen fremden Dienstmantel umgehängt, nun war er wieder daheim, und siegesgewiß kam das Heer, mit dem Prinzen Eugen zum letztenmal gegen die Türken zu fahren.

So war der Sieg bei Peterwardein die Ehrenschrift seines Ruhmes und der Sturm auf Belgrad das Siegel; als er dann wieder nach Hause kam, standen die Türen der Hofburg weit auf, aber das Volk von Wien herzte den Namen des Prinzen wie eine Liebe.

Max, der ruhmvolle Kaiser, war durch die Straßen geritten, und Wallensteins Sänfte hatte den Prunk seines düsteren Daseins getragen: aber der Prinz Eugen war der Türkenbezwinger, er hatte den Halbmond gebannt, daß wieder die Sonne auf Wien schien.

Wie einer sein Glück in der Welt macht und danach die Zinsen daheim fröhlich genießt, so lebte der Prinz sein Alter in Wien, sein Haus reich und schön zu bestellen.

Den Belvedere hieß er den feinen Palast, darin er gepudert und zierlich gekleidet die alternden Tage hinbrachte, schöne Dinge zu sammeln und kluge Menschen zu hören, Musik und eine stolze Geliebte als Greis zu genießen.

Der seine Mannheit auf den Schlachtfeldern Europas hinbrachte, hauchte sein zärtlich umhegtes Leben aus wie ein Windspiel; in seinem prunkreichen Bett starb Eugen, dem das Glück von Wien zufiel, obwohl er ein Prinz von Savoyen war.

Die fürstlichen Schlösser

Das war die Zeit der fürstlichen Schlösser; nicht mehr die Burgen der Ritter von einst, auf waldigen Bergen, im sumpfigen Wasser, mit moosigen Mauern und plumpen Türmen befestigt: Prunkstätten der höfischen Hoffahrt und fürstlichen Willkür standen sorglos im offenen Land.

Wasserkünste und Lauben, aus Buchs künstlich geschnitten, gezirkelte Wege und breite Terrassen mit Lorbeerkugeln bestellt, marmorne Götter und Faune, hängende Gärten und heimliche Brücken ahmten das Bild von Versailles abgöttisch nach.

Und wie die Gärten dienten die Schlösser dem Abgott der Fürsten: Der Staat, das bin ich! so stand ihr prahlendes Wesen mitten in Armut und mühsamer Arbeit.

Der Winzer pflegte den Weinberg, der Bauer bestellte die Felder, der Bürger versuchte sein redliches Handwerk zu treiben, wie es in alter Zeit war: aber dem kläglich zerbrochenen Dasein der Deutschen war ein fremder Prunkmantel angetan.

Längst sprachen die Fürsten und Herren französisch, französische Kleider und Sitten hielten den Hof hochmütig fern vom verachteten Wesen der Bürger und Bauern.

Und Höfe gab es in Deutschland, als ob das Reich der Eulenhorst fürstlicher Herrlichkeit wäre; Länder und Länderchen hielten die Grenzen peinlich gehütet, damit überall eigene Fürstenmacht sei.

Auch waren die adligen Herren dem Hof und den Höfchen gelehrige Schüler; kein Dorf stand im Reich, das nicht sein Krähennest hatte, und wer nicht fürstlicher Untertan war, hieß ihrer Herrschaft leibeigen.

Untertan sein aber hieß, der fürstlichen Allmacht demütiger Diener, mit Leib und Blut der höfischen Zwingherrschaft verfallen sein.

So war die freie Gemeinde in Sonntag und Werktag geschieden: indessen Bürger und Bauern den mühsamen Trott der Werktage gingen, saß in den Schlössern der ewige Sonntag zu Tisch.

Blinkende Gläser und dampfende Schüsseln, seidene Kleider und stolze Perücken, lüsterne Tänze und Spiele, faule Tage und fleißige Nächte füllten die Säle und Hallen der Schlösser, indessen draußen die Arbeit und Plage den schweren Stundenschlag hatten.

Leichtsinn und Laster nahmen der ehrlichen Arbeit den Lohn; Frechheit und Faulheit fraßen den Trog leer, den die verachteten Hände der Bürger und Bauern mühselig füllten.

Gott war nach Frankreich gegangen, und die sein Priesterkleid trugen, dienten ihm gern in der Fremde; Fürsten und Pfaffen glänzten im Glück der welschen Erhöhung, die Seele der Deutschen saß stumm und verachtet im Turm der Bedrängnis.

Der Soldatenkönig

Indessen die Fürsten und Höfe in Deutschland verwelschten, indessen der Troß ihrer Minister, Mätressen, Pferde und Jäger den mageren Wohlstand der Länder verzehrte, wurde in Preußen, so hieß es, ein geiziger Grobian König.

Hermelin und Krone hielt er für unnützen Zierrat, der Soldatenrock war sein tägliches Kleid und der Krückstock sein Zepter; er schnitt dem prunkenden Hofstaat des Vaters die Goldlitzen ab und wohnte wie ein Landedelmann draußen in Potsdam.

Soldaten, Bürger und Bauern: mehr brauchte er nicht für das Land, nur Prediger noch und Schulmeister, daß sie dem Untertan Zucht und Sitte beibrächten und den rechten Gehorsam.

Der Staat, das bin ich! galt auch für ihn; aber sein Wille war keine Willkür sondern Dienst am Gesetz, dem er der oberste Richter sowohl wie der unterste Büttel war.

Wie Peter der Große, sein russischer Nachbar und Freund, hielt er vom Galgen mehr als von sonst einer Weisheit; Männer und Frauen eigenhändig zu prügeln, wo er sie ungehorsam fand, galt ihm keine Schande für einen König.

Künste und Wissenschaft schienen ihm Laster und Torheit; Gesangbuch und Bibel, mehr brauchte es nicht, und wen die Musik lockte, der mochte ein Kirchenlied singen.

So war der preußische Königshof keine Stätte, sich bunt und leicht zu vergnügen; seine Stunden gingen im Trommeltakt, und sein Abendgenuß war eine Wachstube mit Tabak und Bier und saftigen Späßen.

Aber der König im Soldatenrock, der seinen Stock als Überredung gebrauchte und der seinem Untertan kein anderes Recht gab, als zu gehorchen, tat seine Pflicht so treu und genau, wie er sie selber verlangte.

Sie lachten seufzend und liefen erschrocken davon, wenn er sich nahte; aber sie sahen den Staat trefflich bestellt; und wo in den anderen Ländern die Löcher der Schuldenlast faulten, wuchsen bei ihm die silbernen Haufen der Taler.

Denn der König von Preußen, den die anderen Fürsten für einen geizigen Grobian hielten und der in Potsdam wie ein Landedelmann wohnte, war ein kluger Haushalter und ein Meister gerechter Verwaltung.

Es gab keinen kargeren Dienst als in Preußen, aber es gab auch keine höhere Ehre: wie der Soldat den Rock des Königs trug, so hielt der Beamte sein Siegel.

Der Staat des Soldatenkönigs war wie eine Kaserne verwaltet; aber der Bürger und Bauer kam zu dem Seinen, indessen Minister, Mätressen, Pferde und Jäger den kargen Wohlstand der Länder rundum verzehrten.

Der Gutsherr von Rheinsberg

Der preußische König, sein Land mit dem Krückstock regierend, wollte den Sohn nach seinem Bilde erziehen; der aber hing an den Schößen der Mutter, die eine welfische Fürstin und heimlich dem höfischen Prunk zugetan war, wie der König ihn haßte.

Auch war der Kronprinz ein kränkliches Kind, dem alles soldatische Wesen leid war; verstohlen die Flöte zu blasen und die Bücher französischer Dichter zu lesen, rief seiner Sehnsucht ein anderes Königreich wach, als das der König regierte.

Als danach der Prinz am sächsischen Königshof weilte, sah er die Freuden der Welt leichtfertig verschüttet, davon er in Preußen nur sparsam zu kosten bekam; er trank sich voll daran, und hätte die Hand eher abgeschnitten, als daß er sie hieß, nicht nach dem Lustbecher zu greifen.

Aber der Stock des preußischen Königs schonte sein eigenes Blut nicht; ob es der Thronerbe war, er mußte mit Schlägen die Lust und den Trotz büßen, und der Hof sah zu, wie dem Kronprinzen solches geschah.

Der Schmach und der Zucht zu entweichen, rief der Prinz seine Freunde Katte und Keith und dachte, nach England zu fliehen; aber er wurde ergriffen und wie ein Verbrecher nach Preußen zurück auf die Festung gebracht.

Küstrin hieß der düstere Ort, wo Katte, den Freund, vor seinen Augen das Richtschwert ereilte; ein Turm am Wasser im festen Schloß war dem Kronprinzen ein hartes Gefängnis, bis er sich beugte.

Als seines Vaters treu gehorsamer Diener und Sohn saß er danach bei den Akten der Kammer; als seines Vaters treu gehorsamer Diener ließ er sich eine Gemahlin auswählen, die er nicht kannte, und die ihm fremd blieb Zeit seines Lebens.

In jeder Stunde bewacht und bemißtraut, an der dünnen Schnur hängend, die ihm die Schere der Ungnade täglich durchschneiden konnte, wurde der Kronprinz ein Zögling mißtrauischer List und kalter Verstellung, bis er in Rheinsberg die Meisterschaft lernte.

Da hatte der König dem Prinzen ein Schloß aufgemacht, weitab von der Hauptstadt, daß er als Landedelmann lerne, ein einfaches Leben mit seiner Gemahlin zu führen.

Mitten in Wiesen und sumpfigen Wäldern, mit einer steinernen Halle zum See lag das schlanke Gebäude in der Einsamkeit da, ein Gutsherrenhaus für den Jäger und Landwirt: aber der Prinz machte Versailles zum Trotz das neue Wunder Europas daraus.

Wohl gab es allerlei Höfe, wo sich der Geist in Nebengemächern aufhalten konnte, auch hielten die Fürsten sich Künstler, mit prahlenden Leinwänden und Marmorbildern den Glanz ihrer Herrschaft der staunenden Nachwelt zu zeigen: aber hier war der Geist selber zu Haus, und die Kunst ging den eigenen Weg, ihm zu dienen.

Wie ein Jagdherr fröhliche Freunde versammelt, so rief der preußische Kronprinz die Seinen nach Rheinsberg: sprühender Witz und spöttische Laune, helle Musik und freie Gespräche saßen zu Tisch und kreisten sich aus in zierlichen Tänzen.

Fürstlich allein war der Geist; kein höfischer Zwang, kein starres Gepränge hing ihm den staubigen Prunkmantel um: und eher hätte in Rheinsberg ein Frosch in die Zimmer gefunden, als daß die stelzende Würde hinein kam.

Soldaten und Pfarrer, Gelehrte und Dichter und Künstler waren die Gäste des Gutsherrn, aber ihr Amt und die Würde hing mit den Mänteln und Mützen am Nagel; nur was der Mann war kraft seiner Bildung, durfte im Schimmer der Kerzen sein Angesicht zeigen.

Der Menschengeist hob in Rheinsberg sein freies Gesicht gegen die staubigen Mächte; was in der Jugend Europas zu brennen begann, saß mit dem Prinzen am Feuer; und ob er die Sprache Ludwig des Vierzehnten sprach, hinter den Worten stand doch der Geist, anderer Taten gewärtig.

Einen Musenhof hießen sie bald das Gutsherrenhaus in der Mark und einen Medici seinen gastlichen Herrn; die aber in hitzigen Nächten sein großes Auge gewahrten und seinen Zorn funkeln sahen, ahnten, daß andere Dinge in seinem Feuerkopf brannten, als ein Beschützer der Dichter und Denker und Künstler zu sein.

Der König

Dreimal brach Friedrich, der König von Preußen, den Frieden; sein Recht war nicht rein, und die Habsburger hießen es Raub, daß er sich Schlesien nahm: aber der Ruhm seiner freien Gesinnung, die Kraft seiner Taten, seine Standhaftigkeit in der Not und seine Klugheit im Glück machten ihn groß vor den Völkern.

Ein alter Erbstreit um Schlesien schien durch die Jahre geschlichtet, als Friedrich die Not der Hofburg benutzte, den Streit auf die Spitze des Schwertes zu stellen.

In Wien war der letzte Habsburger Kaiser gestorben, und seine Tochter Maria Theresia sollte die Erbin der österreichischen Fürstenmacht sein, aber die Höfe bestritten der Tochter das Recht zu regieren: Bayern, Sachsen, Frankreich und Spanien sagten der Hofburg den Erbfolgekrieg an.

Schneller als einer war Friedrich von Preußen zur Hand; er stand im ersten Jahr der Regierung und brannte mit Inbrunst auf seine Stunde: im Herbst war der Kaiser gestorben, zu Weihnachten schon war Schlesien in seiner Gewalt.

Seine Kassen waren mit silbernen Talern gefüllt, und das preußische Heer kam aus der strengen Zucht seines Vaters: Österreich allein, bedrängt und verschuldet, konnte sich seiner schnellen Schläge nicht wehren; Maria Theresia mußte im Frieden zu Breslau Schlesien lassen.

Der König von Preußen hatte die Gunst der Stunde kaltblütig genützt, aber nun war sein Schicksal verstrickt; was er gegriffen hatte, mußte er halten, das preußische Dasein hing an dem Raub.

Maria Theresia wehrte sich tapfer all ihrer sonstigen Feinde, und Friedrich wußte, wie sie um Schlesien weinte: der Frieden von Breslau war für die Hofburg nur erst ein Stillstand, bevor der zweite Waffengang kam.

Im zweiten Gang schlugen die Waffen schon schärfer; als Friedrich in Böhmen einrückte, ließen Franzosen und Bayern, auf die er gehofft hatte, ihn kläglich im Stich; der eben noch Jäger war, hörte nun selber die Hunde bellen.

Schon bliesen die Habsburger Halali, weil sie den König in Böhmen eingekreist hatten; er aber wußte die harte Bedrängnis in Sieg zu verkehren, indem er die feindlichen Heere nach Schlesien lockte, wo er die ruhmreiche Schlacht bei Hohenfriedberg mit einem tollkühnen Nachtmarsch gewann.

Es war sein erstes Soldatenstück, weil er mit seinem gerüttelten Heer mitten in starker Übermacht stand: aber schon hatte der König im Unglück gelernt, das Glück zu versuchen: nun sah er, daß es dem Mutigen beistand.

Noch aber konnte er seinen Gewinn nicht lässig heimtragen, bei Soor in den böhmischen Bergen stand sein Glück auf der Schneide; erst als der alte Dessauer dem König bei Kesselsdorf Luft machte, gab Habsburg den zweiten Gang auch verloren.

Der Frieden von Dresden beschwor den Frieden von Breslau; Maria Theresia mußte zum andernmal Schlesien lassen, zum andernmal ritt der König von Preußen als Sieger nach Haus.

Aber es war ein härteres Spiel und ein kühnerer Einsatz gewesen, keine Gunst der Stunde hatte ihm leichten Gewinn und Lorbeer gelassen: er hatte auf Tod und Leben gerungen und hatte das Schicksal erkannt, wie es nur seinem Meister Kühnes zu tun gestattet.

Der Spötter von Sanssouci

Es war im fünften Jahr seiner Regierung, als Friedrich der König in seine Hauptstadt zurück kam; er hatte den preußischen Staat vermehrt um eine reiche Provinz, er hatte den Ruhm des Sieges gekostet, aber er war noch immer der Gutsherr von Rheinsberg.

Er wollte sein Fürstentum anders als sonst die Fürsten genießen, emsige Tätigkeit innen und außen sollte den Tag füllen – denn König hieß ihm als oberster Diener des Staates die Unruhe aller Pflichträder sein – aber der Abend sollte ihm selber gehören.

Sanssouci hieß er sein helles Lustschloß bei Potsdam, das ihm der heitere Knobelsdorff baute, der Hausgenosse von Rheinsberg; gleich einem Abendgewölk stand es da auf den grünen Terrassen.

Nicht wie Versailles hielt es sein Angesicht abgewandt: über die roten Dächer von Potsdam, über die blinkende Havel und ihre schwarzgrünen Wälder führte der Blick in sein fleißiges Land.

Da war er der König des Geistes, dem seine Tafel ein anderes galt als ein Tisch mit leckeren Genüssen, da war er der witzige Hausherr, der seine Gäste verblüffte im kühnen Spiel der Gedanken, da war er der Spötter von Sanssouci.

Keiner von seinen Freunden in Rheinsberg war ihm geblieben, und seine Gemahlin, die dort noch die anmutige Hausfrau war, durfte die Schwelle von Sanssouci nicht überschreiten; wo Friedrich, der König, sich wohl fühlte, war er Franzose.

Der seinen Staat genau nach den barschen Hausväterplänen des Soldatenkönigs regierte, blieb seinem eigenen Volk fremd in der Seele, wie je ein Fürst seinem Volk fremd war.

Voltaire, der Meister boshaften Witzes, stand als der Stern seiner Bildung über dem Ehrgeiz des Königs, und Sanssouci wurde die lockende Insel im Osten für alle französischen Geister, die in Paris keinen Ankerplatz fanden.

Als Voltaire selber zu Gast kam, als er in Sanssouci saß, fürstlich geehrt durch die Freundschaft des Königs, war das zierliche Schloß über den schlanken Terrassen die Gralsburg der Zeit und ihrer spöttischen Laune geworden.

Sanssouci war, wenn sie zur Tafel dasaßen im kreisrunden Saal, von Kerzenlicht hell überschüttet, wenn sie mit funkelnder Rede und dolchblanken Witzen einander die Grenzen bestritten.

Da konnte der König sich selber und einen mühsamen Tag für flüchtige Stunden vergessen, da konnte der Spötter von Sanssouci, boshaft und wild und seines Witzes vermessen, den Übermut zeigen.

Manch boshaftes Wort ging seinen blitzschnellen Weg an die Höfe, bis es das richtige Ohr fand; was er an bitterer Feindschaft danach zu fühlen bekam, hatte der König in Sanssouci keck übernommen.

Im preußischen Volk ging die Sage von seinen seltsamen Nächten, wo er um witzige Worte die Schlachten nicht weniger heiß als um Schlesien schlug, wo er auf blankem Parkett mit ledernen Stiefeln stand, zärtlich die Flöte zu blasen, wo der König im Kreis seiner Franzosen ein Mensch war, indessen sie nur den scharfen Herrn und kargen Sachwalter zu sehen bekamen.

Ein Fremdling im eigenen Land, verzaubert in fremdes Wort und Werk und fremde Wertschätzung, saß Friedrich in Sanssouci; wo ein funkelnder Geist die letzte Erfüllung fand, war sein Volk nicht zu Hause.

Der Kriegsherr

Als Friedrich zum drittenmal auszog, den Frieden zu brechen, hatte sich rings um das preußische Glück der Kreis seiner Feinde geschlossen: Frankreich und Österreich, Rußland und Sachsen und Schweden standen im Bündnis gegen den König; und mehr als Schlesien sollte es gelten.

Elf Jahre lang hatte die Hofburg heimliche Fäden geflochten, im zwölften sollte das Netz den frechen Spötter von Sanssouci fangen: aber der König bekam warnende Kunde aus Holland und hieb in die Maschen.

Wohl fing er bei Pirna das sächsische Heer und konnte in Böhmen eindringen, aber der Feldmarschall Daun stand besser gerüstet; bei Kolin schlug er dem König das Glück und das Schwert aus der Hand.

Indessen der siegreiche Feind ihm Schlesien nahm, mußte Friedrich nach Sachsen zurück, den kläglichen Rest seiner Kriegsmacht zu sammeln.

Da kam schon Soubise mit der Reichsarmee an, und das Glück lachte den stolzen Franzosen, den schweißenden Fuchs zu fangen; bei Roßbach hatten sie ihre Falle gestellt, aber der Fuchs biß sich durch, ehe sie dachten.

So zornig schlug seine Rute unter die Hasen, daß sie zu laufen begannen von Sachsen bis an den Rhein; und ob es die Reichsarmee war, die mit den Franzosen davon lief: das Gelächter sprang schadenfroh hinterdrein und der Jubel, daß der französische Übermut so zu Fall kam.

Und als der König den Atem nicht anhielt, als er – ein todwundes Wild – in dreißig Tagen sein kärgliches Heer von Sachsen nach Schlesien führte, den Schlag gegen die Habsburger Hauptmacht zu wagen, als er das Schalksspiel von Roßbach bei Leuthen feierlich krönte: da staunte die Welt, daß wieder ein Kriegsherr und Held war.

Aber noch waren zwei Jahre erst von den sieben des Krieges bestanden, und schwer trug das Land an den Leiden: zweimal mußte Berlin Lösegeld zahlen, und als der Tag von Kunersdorf kam, schien alles zu Ende.

Das letzte Heer war geschlagen, die besten Führer waren gefallen, Mangel und Mutlosigkeit saßen beim Feuer, kein Lied klang mehr aus den Zelten.

Ein ganzes Jahr lang wollte das Unglück nicht weichen, bis endlich bei Liegnitz wieder ein Sieg kam; aber es war nur ein Loch in den Maschen, und die Übermacht blieb.

Der König war matt und von Schmerzen geplagt; schlug er den Feind hier, standen ihm dort drei neue: der rasch begonnene Krieg konnte im bösen Siechtum nicht sterben.

Da sah die Welt, daß der König ein Held und ein Mann war: standhaft und stolz zog er die Lose, und nahm das schwärzeste hin, wie ein Held das Schicksal hin nimmt, um es zu meistern.

Bis endlich des Blutes genug war und aus den Bränden so vieler Zerstörung der blasse Frieden zurück kam: in Hubertusburg mußte Maria Theresia zum drittenmal Schlesien lassen.

Die großen Mächte Europas mußten den König von Preußen als Sieger anerkennen; sie hatten Berge gewälzt, ihn zu verschütten, aber immer noch stand der Sieger von Roßbach und Leuthen.

Aber nun war es nicht mehr der heitere Gutsherr von Rheinsberg und nicht mehr der Spötter von Sanssouci: als er zum drittenmal heimkam, hager, gebeugt von der Gicht und den unsäglichen Leiden, ließ er dem Sieg das Tedeum blasen und singen; er aber saß in dem hölzernen Stuhl und hielt sein Auge allein auf den Jammer gerichtet, und seine Getreuen sahen ihn weinen.

Der alte Fritz

Als Friedrich wieder in Sanssouci saß, hatte das Alter ihn hart berührt, sein Rücken war steif, und seine gichtigen Beine hatten zu tanzen verlernt; wie sein zorniger Vater ging er nun selber am Krückstock, aber ihm mußte das Holz redlicher dienen.

Sein Spott war scharf wie die Klinge geworden, mit der er bei Roßbach und Leuthen den Feind aus dem Felde schlug; mehr wußten die großen Augen zu blitzen, als daß sein schmaler Mund lachte.

Den Philosophen von Sanssouci hatten ihn seine Freunde aus Frankreich geheißen; nun waren sie fort; und die den einsamen König daher reiten sahen, grau und gebeugt, kannten nur seine Taten, nicht seine Schriften, ihnen war er der alte Fritz.

Er hatte im Krieg den Schlaf verlernt, nun war sein Tag lang, und in der frühesten Frühe kam schon die Sorge nach Sanssouci; aber sie saß nicht im Stuhl, mit schlaffen Händen zu warten, sie war die Sorge der schaffenden Pflicht und des rastlosen Fleißes.

Wie ein Gutsherr das Seine fest in der Hand behält – wohl gehen die Knechte hinaus in die Felder, die Mägde besorgen den Stall und auf den Vorwerken sitzen Verwalter, aber er reitet hinaus, ehe sie denken, und läßt sich das Kleinste nicht reuen, weil er im Kleinen den Wohlstand bedingt sieht – so sah der König in Sanssouci das preußische Land als sein Eigentum an.

Bauern und Bürger waren ihm sein Gesinde und die adligen Stände seine Verwalter; er ritt in ihr Tagwerk hinein, zu loben und schelten, wie er es fand, er führte das Hauptbuch und saß an der Kasse, und wehe, dem sie nicht stimmte.

Daß seine leeren Staatskassen wieder voll würden, nahm er den Städten die Zölle und ließ aus Frankreich Zollpächter kommen, die ihr Geschäft mit harter Findigkeit trieben.

Und ob die Bürgerschaft klagte und heimlich den König samt seinen Zöllnern verwünschte: er ließ sie klagen und schimpfen, soviel sie mochten, aber er nahm ihren Schimpf und die Klage nicht an.

Denn der in der schaffenden Sorge zu Sanssouci saß, kannte den Staat, aber sein Volk war ihm fremd; er hatte im Krieg den Adel brauchen gelernt und half ihm mit silbernen Talern; er lobte den Bauern, wie ein Gutsherr klug sein Gesinde zu loben versteht; er schätzte den Wohlstand der Bürger, der ihm die Steuern bezahlte.

Wohl ließ er jedem das Seine und seinen Glauben dazu, wohl nahm er den Dreispitz und nickte von seinem Pferd, wenn sie ihm jubelnd zuliefen, der ihrer Liebe und Ehrfurcht der alte Fritz und der preußische Ruhm blieb: aber er konnte die Liebe mit keiner Liebe entgelten und war im Alter mit Kälte, was er in seiner Jugend mit Hitzigkeit wurde, ein harter Menschenverächter.

Der Liebling des Volkes schrieb seine Bücher französisch, weil er die deutsche Sprache nicht anders zu sprechen vermochte, als sie ein Feldwebel sprach; seiner hochmütigen Lebensluft blieb jeder als Untertan fremd, weil er ein König und Feldherr wie keiner, aber ein Fürst seiner Zeit war.

So hing ihm der Ruhm seiner freien Gesinnung, seines funkelnden Geistes und seiner Kriegstaten an wie ein geliehenes Kleid; er war der oberste Diener des Staates, aber nicht seines Volkes.

Einsam und bitter ins Abendrot blickend von seiner hohen Terrasse, starb Friedrich, der König von Preußen; nur noch sein Windspiel war um ihn, als er die großen Augen zu Sanssouci schloß, um die Messerspur seiner Lippen den grausamen Zug der Menschenverachtung.

Maria Theresia

Sich selber und Habsburg die Kronen zu retten, mußte die Tochter des Kaisers acht Jahre lang den Erbfolgekrieg führen, bevor ihr das Erbteil im Frieden zu Aachen anerkannt wurde.

Sie war nur eine Frau; denn Franz, ihr Gemahl, das Franzl geheißen, zählte nicht einmal in Österreich; aber sie hatte ein tapferes Herz, und ihre freundliche Schönheit rührte die Liebe der Völker.

Auch war sie klug und entschlossen und wußte zu geben, wo sie zu nehmen vorhatte: als sie in Ungarn erschien, bedrängt und genötigt, um Beistand zu bitten, war ihre Hand nicht leer; die Magnaten dankten der jungen und schönen Königin, daß sie so klug in der Not war.

So wurde Ungarn das Herz ihrer Länder; hier war sie gewählt und gekrönt, hier konnte ihr keiner das Recht zu herrschen bestreiten, hier fand sie den Mut und die Macht, die anderen Kronen zu halten.

All ihre Feinde bezwang sie, zuerst die Puppe der Pompadour, den Kurfürsten Karl Albert von Bayern, den die Mätresse des Königs von Frankreich als Kaiser in Frankfurt ausrufen und aushalten ließ.

Nur Friedrich, dem preußischen König, mußte sie Schlesien lassen; zweimal verlor sie den Krieg, nicht aber den Zorn auf den Räuber und den glühenden Wunsch ihrer Rache, das preußische Unkraut zu vernichten.

Elf Jahre lang ließ sie die Saat mit Ungeduld wachsen: die Kaiserpuppe der Pompadour starb in Erbärmlichkeit hin, Franz, ihr Gemahl, wurde als Kaiser gekrönt, und Kaunitz, ihr kluger Minister, kam sacht in das Spiel.

Er machte den Frieden zu Aachen als Sieger, aber er ließ den Franzosen klüglich den Ruhm, aus Edelmut zu verzichten; er saß als Gesandter in Frankreich und knüpfte die Fäden in stiller Geduld, bis das unmögliche Band gewebt war, bis die Tochter des Kaisers mit der Pompadour einen Pakt schloß.

Nur Frauenhaß konnte so fremde Fäden verschlingen; als die Zarin als dritte dazukam, gereizt durch den Spötter, als die drei Großmächte noch Schweden und Sachsen in ihren Rachebund nahmen: da schien die Tochter des Kaisers am Ziel.

Aber der Spötter in Sanssouci hatte nur scheinbar getändelt, der Fuchs brach aus, ehe die Jäger den Bau umstellten, und aus der listig bereiteten Jagd wurde die siebenjährige Plage des Krieges.

Sieben Jahre vergeblicher Hoffnung und harter Enttäuschung machten Maria Theresia alt; als ihr Franzl zu kränkeln begann, mußte sie hoffnungslos den Frieden von Hubertusburg unterschreiben.

Der Spötter von Sanssouci hatte gesiegt; der ihrer katholischen Frommheit der Ketzer und ihrem Frauenstolz eher der Teufel denn ein Menschenkind war, konnte als Sieger heimreiten, indessen ihr nur die Tränen um Schlesien blieben.

Der grausame Krieg und die Hoffnung so vieler Jahre gingen Maria Theresia schmerzlich verloren, aber sie war in der schlimmen Bedrängnis die Mutter des Landes geworden.

Sie hatte kein Sanssouci, wo sie in fürstlicher Laune dem Untertan fremd blieb; sie war eine Frau und allzeit zärtlich besorgt, und hielt ihre Brust der Menschlichkeit warm.

Sie stärkte den Bauernstand gegen die adligen Herren, sie sorgte für Schulen und baute Spitäler; wo eine Not war, kam ihre Hilfe, und wo ein unmenschlicher Brauch quälte, wie bei der Folter, schnitt sie das Unrecht der Herkunft ab.

Eine fleißige Schaffnerin saß in der Hofburg und ging durch die Straßen von Wien, Ordnung zu halten; eine Mutter und weiße Matrone lächelte auf dem Thron und nahm die Liebe des Volkes als Dank.

Und als ihr der Tod kam, der um den einsamen Spötter in Sanssouci hüstelnd herum ging, war ihren Völkern das eigene Blut abgestorben: wie Kinder weinten am Sarge Maria Theresias Männer und Frauen, ihr schmerzvolles Begräbnis hatte ein Bürgerkleid an.

Joseph der Zweite

Ein silberner Mond schien über Wien und das österreichische Land, da Maria Theresia Hausfrau und Kaiserin war; aber ihr hitziger Sohn ging auf in der Frühe als ein sehr starker Komet.

Er sah den Stern von Sanssouci strahlen, und schon dem Jüngling entbrannte der Ehrgeiz, sein grelles Gefunkel zu überglänzen: was Friedrich als König in Preußen dem Volk schuldig blieb, das wollte Joseph der Zweite im Reich als Kaiser bedeuten.

Fröhlicher als sonst eine Krönung wurde die seine in Frankfurt gefeiert; der schlanke Jungmann, leutselig und licht gegen jedermann, gefiel der staunenden Menge; nur die Fürsten und Räte der Reichsherrlichkeit krausten die Stirnen.

Sie sahen den Ehrgeiz auf andere Dinge als auf den Glanz der Reichskleinodien gerichtet, sie hörten den Habsburger Hochmut in seiner Leutseligkeit knistern und waren besorgt, das Reich möchte wiederkommen.

Als der Kaiser dann hitzig anfing, den Staub auszuklopfen, als er dem Reichshofrat und dem Lindwurm des Reichskammergerichts hart auf den Leib rückte, als das Gespenst eines klaren gemeinsamen Reichsrechtes die Hüter des Lindwurmes erschreckte: fing heimlich und boshaft der Widerstand an.

Der scheckige Reichsmantel war aus den Lappen und Flicken der Fürsten und Fürstchen geschneidert; als Joseph der Kaiser ihn nach dem prunkvollen Umstand der Krönung anziehen wollte, rissen die Nähte.

Er mußte mit seiner Gerechtigkeit warten, bis ihm die eigenen Erbländer gehörten, die seine Mutter noch immer als Hausfrau regierte.

Er stand im vierzigsten Jahr, als sie starb, nur ein Jahrzehnt blieb seinem hitzigen Tun; als ob er den frühen Tod spürte, ließ er den Kehrbesen nicht aus der Hand, der Staub wirbelte hoch und manche Gasse wurde rein, wo er sich regte.

Er hob die Leibeigenschaft auf, daß der Staat im Recht der freien Gemeinde statt in der Willkür reicher Machthaber stände; er sah nach den Schulen der Armen und daß die reichen Grundherren mit an den Lasten des Staates trügen, dem sie den Genuß ihres sorglosen Daseins verdankten.

Er tat, was nie ein Habsburger wagte, er sagte der Kirche die Hörigkeit auf.

Wo eine üppige Weide, ein prangender Weinberg, fruchtbares Feld war, wo fleißiges Bauernvolk schaffte, hatten im Habsburgerland die Klöster sich breit aufgetan; er ließ sie schätzen und schließen, wo ihr Dasein nur eine Pfründe für den fürstlichen Abt und wo die Schar der Bettelmönche nur eine Landplage war.

Als er das Letzte zu tun nicht zagte, als Joseph der Zweite im Erbland Ferdinands das kühne Toleranzedikt gab, das jedem Christen die Kirchenform seines Glaubens freistellte: da ging ein Seufzer durch Österreich, daß nun der Antichrist käme.

Der Papst fuhr selber nach Wien, den Kaiser zu warnen; der nahm ihn auf, wie es dem Statthalter Petri gebührte, aber er wollte seinen Völkern Gerechtigkeit tun und folgte allein seinem Gewissen.

So legte er selber die Wurzeln der Habsburger Macht bloß; als er danach aus all seinen Kronländern einen Staat machen wollte, fehlten der Hofburg die eifrigen Hände, die Habsburg stark gemacht hatten.

Böhmen und Ungarn wollten den Habsburger dulden als Träger der eigenen Kronen, aber niemals Österreich untertan sein; als er die Herkunft zu zwingen begann, säte er selber die Drachensaat der Empörung.

Im brabantischen Land fing sein Mißgeschick an, wo die Schwester Christine als Statthalterin spöttisch regierte: wie die sieben Provinzen Philipp von Spanien den Gehorsam aufsagten, so taten ihm nun die andern, als er die Landesverfassung aufhob.

Der Staat, das bin ich! sagte auch Joseph der Zweite und wollte den Völkern Gerechtigkeit bringen; aber sie waren das Unrecht gewohnt und wollten lieber darin verharren, als der Herkunft der Väter ungetreu sein.

Wie Karl der Fünfte einst in St. Just legte der sterbende Kaiser die Zügel der Herrschaft hin; die Kronländer für Habsburg zu retten, zerriß er mit fiebernden Händen die neuen Gesetze.

Nur unter den Armen in Wien, die er aus Willkür und Unrecht befreite, blieb sein Bild rein im Gedächtnis: seine Mutter hatte das Land in der alten Ordnung gehalten und starb mit Liebe gesegnet, er wollte die neue Gerechtigkeit bringen und siechte im Haß hin.