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Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Chapter 211: Lessing
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About This Book

A sequence of lyrical essays and mythic narratives probes the inward depths of personal and collective being, contrasting the shallow surface of memory with an abyssal wellspring where past and destiny mingle. Drawing on creation myths and heroic lore, the text reimagines divine origins and struggles among gods, giants, and fate-spinners, and traces how wisdom, guilt, and power shape cosmic and human order. Meditative passages reflect on memory, consciousness, and the persistence of primal forces beneath everyday life, while retellings of divine conflict and sacrifice examine responsibility, prophecy, and the burden of knowledge.

Das Buch der Propheten

Hans Sachs

Zu der Zeit, da Dürer sein köstliches Schilderwerk malte, da die Ratsherrn, Humanisten und Zunftmeister die wachsamen Hüter der Bürgerschaft waren, da es noch Stadtfreiheit gab gegen die Frechheit der Fürsten, saß in seiner Schuhmacherwerkstatt zu Nürnberg der fröhliche Meister Hans Sachs.

Er hatte als Jüngling den Meistergesang fleißig geübt und war auf der Wanderschaft eifrig gewesen, die neuen Weisen zu lernen: nun galt er als Meister der Singschule, wie er ein Schuhmachermeister war.

Der aber im Meisterlied seinen Mund auf alle Töne zu spitzen verstand, hielt der Natur Augen und Ohren geöffnet, auch saß ihm ein fröhliches Weib auf der Diele, das ein anderes Mundspitzen übte.

So war der Meister Hans Sachs ein rechtschaffener Mann, der von den Sachen der Welt mancherlei wußte; als er in redlichen Reimen davon zu erzählen begann, mußte das zierhafte Meisterlied erschrocken die Ohren zuhalten.

Keifende Weiber und krätzige Bauern, fahrendes Volk und schlimme Gesellen, alles was um den Meister Hans Sachs gemeine Wirklichkeit war, ließ er in spaßhaften Reimen spazieren.

Aber der Spaß wurde fröhlicher Lärm, und die Frechheit sah manchmal hinein, wenn er sein Fastnachtsspiel machte; da konnten die Spitzbuben recht die Bauern betrügen, die Dummen konnten von Herzen gemein und die Völler betrunken sein.

Wenn dann der Meister Hans Sachs mit dem warnenden Finger hinzu kam, merkten die Zuschauer wohl, daß er schalkhaft mitlachte.

Der so fröhlich die Täglichkeit sah, wußte, so war es immer gewesen: die Guten und Bösen, die Dummen und Schlauen, die Vornehmen und die Gemeinen füllten die Erde wie kalt und warm, wie Regen und Dürre, wie Flamme und Rauch; wo sie einander am hitzigsten trafen, war das Leben am liebsten geschäftig.

So las er die alten Berichte und sah das Leben nur als das Gestern an, darin das Heute geschah; und alles Heute war sein, ob es Salomo, Kaiser Karl oder die schöne Melusine genannt war.

Aber der reichste Schatzhalter war ihm die Bibel: gleich Bilderbogen zog er die alten Judengestalten und ihre Handlungen ab, angemalt mit den Farben, die ihm die eigene Täglichkeit schenkte, und mit der fröhlichen Weisheit unterschrieben, die der Schuhmachermeister darin fand.

So emsig suchte sein Eifer, daß ihm keiner entging, von Adam bis Archelaus; alle mußten aus seiner fröhlichen Feder neu in die Welt spazieren, und alle mußten zu Nürnberg im fränkischen Land noch einmal Wirklichkeit sein.

Er wurde in Fröhlichkeit alt und war noch als Greis ein fleißiger Schaffner, nur die Schuhmacherwerkstatt verließ er, an seinem Schreibpult zu sitzen.

Und als ihm im achtzigsten Jahr seines Lebens die Sprache versagte, saß er noch immer an seinem Pult und las in den Büchern, die er kaum noch verstand.

Nur in den Augen war noch das fröhliche Leben geblieben, und wer als Gast in seinen Altenteil trat, dem nickten sie schelmisch zu.

Das Kirchenlied

Als der große Krieg unsägliches Leid auf das deutsche Land legte, als der Reichtum der Bürger in Armut versank, als die fröhliche Flur leer wurde wie die fleißige Werkstatt und auf den Straßen nur noch das Elend dem Hunger begegnete, als der Menschengeist seiner blutigen Tat satt war, sang eine Stimme der Seele Trost und Erbauung.

Luther hatte das Lied von der festen Burg gläubig gesungen, es war die Fahne des evangelischen Glaubens gewesen, und manche trotzige Faust hatte die Fahne geschwungen; nun lag sie verkohlt unter dem Brandschutt.

Aber die Stimme der deutschen Seele hob wieder an, die alten Weisen mit neuen Worten zu singen; und ob sie zitternd sang und mit Tränen: Gott war wieder darin, und sein gesungener Trost fand wieder Ohren und Herzen.

Spitzfindigkeit, Wortgläubigkeit und Sittenhochmut hatten der evangelischen Lehre ein neues Kirchenkleid angetan, darin die Landesobrigkeit die Papstgewalt war; aber das Kleid war zerrissen, nur das Lied blieb wie ein Licht in der Nacht.

Wenn die Gemeinde beisammen saß, es zu singen, wenn das schwellende Wort sich in den Orgelton legte, dann kehrte die gläubige Seele in ihre Heimat zurück.

Befiehl du deine Wege! sang ihr Wiegenlied den Kindern und Alten; und wo ein Grab den Sarg in das schwarze Loch nahm, stand die Stimme dabei: Jesus meine Zuversicht! trotz Tod und Betrübnis zu singen.

So kam es, daß die deutsche Seele den lauten Jammer und die leise Klage, den Trotz und die Verzagtheit überwand, daß sie an den Gräbern der stolzen Vergangenheit und im Elend der bittersten Gegenwart den Heldenmut fand, noch mitten im Krieg: Nun danket alle Gott! mit gläubigem Herzen zu singen.

Bach

Eine Hütte am Brunnen der Wüste, so nahm das Kirchenlied die Flüchtlinge des Krieges unter sein Dach; aber Gott sandte den Meister, der deutschen Seele noch einmal Zion zu bauen.

Der von allen Meistern der Kunst der gewaltigste war, der aus der Seelengewalt noch einmal die Schöpfung vollbrachte, der einzige, der seinen Turm in den Himmel zu bauen vermochte: er wurde den Deutschen, wie einmal der jüdische Zimmermannssohn, in Niedrigkeit eingeboren.

Johann Sebastian Bach war eines Ratsmusikers Sohn, der durch die Gunst der Ratsherren sein unfreies Gewerbe in Eisenach trieb; aber Vater und Mutter starben dem Knaben, den danach sein Bruder in Ohrdruf aufzog.

Als Singknabe in Lüneburg mußte er schon im fünfzehnten Jahr sein kärgliches Brot selber verdienen; als Geiger und Organist in Weimar, Arnstadt, Mühlhausen und Köthen trug er sein mühsames Tagwerk nach Leipzig, wo er Musikmeister hieß und an der Thomaskirche den Kantor vorstellte.

So kärglich und mühsam, wie er sein irdisches Dasein begann, so kärglich und mühsam ging es zu Ende; bis er grau wurde und starb, mußte der übergewaltige Mann den Krämern in Leipzig den Kirchenchor leiten.

Einmal im Alter fiel eine Ehre der Welt auf ihn, als ihn der König von Preußen nach Sanssouci rief, weil er der Vater von seinem Kammermusikus war; er durfte dem Spötter die Orgel vorspielen und auf dem Klavier seine Flöte begleiten.

Sonst blieb sein Dasein im Schatten des Kleinbürgertums, darin der Meister mit seiner Hausfrau und Kinderschar untergeschlüpft war.

Wenn Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig den Choral spielte, dann sang die Gemeinde ihr gläubiges Wort in die Orgel und wußte nicht, warum ihr die Seele im Gesang so übergewaltig anschwoll.

Aber der Meister konnte nicht eine Stimme begleiten, ohne daß ihm die Brunnen der Tiefe aufbrachen, darin die gewaltigen Ströme stark und brausend nach Freiheit begehrten.

Eine Stimme allein war eine Taube, die kläglich flatternd den Raum nach den andern absuchte; erst wenn der Baß ein Paar daraus machte und wenn die Brut der Mittelstimmen dazukam, daß sie zu Vieren mit gleichem Flügelschlag selig dahin schwebten, jede auf eigenen Flügeln und doch gemeinsam im Flug: dann konnte sie fliegen.

Dann glaubte die fromme Gemeinde, das Lied gewaltig zu singen, weil ihre Stimmen sich in der Melodie fanden; aber stärker als ihre Stimme war der Baß in der Orgelgewalt, er trug den singenden Ton durch Höhen und Tiefen, und daß er beruhigt in seinem starken Arm läge, deckten die Mittelstimmen ihn weich und warm zu.

Die Melodie war nicht mehr das Wort und das Lied der singenden Seele allein, aus der Tiefe des Raumes kam ihr die starke Gottesgewalt zu, und daß sie nicht über das Wunder so starker Begleitung erschräke, schwebten die Engel harmonisch dazwischen.

Erde und Himmel waren vereint, wenn die Orgel des Meisters den starken Viergesang machte; ob er brausend anschwoll oder im sanften Gesäuse wohlig dahin schwebte, die Seele war nicht mehr allein.

Keine Donnergewalt fiel ihren Sang an, und keine selige Flöte hieß ihn verstummen, der Sang war in Gott und Gott in ihm, weil jenseits von Zeit und Raum die Harmonie in der Ewigkeit schwebte.

Auch wenn der Meister die Stimmen der Orgel allein in den Raum sandte, gingen sie nicht wie Fremdlinge hin über die Ohren der Leute; jede stieg aus der Erde der Toten ans Licht, und jede fuhr in den Himmel, die staunende Seele auferstand mit.

Und ob es schwingende Geigen und blasende Hörner, ob es Schalmeien und Flöten, Fagott und Klarinetten, ob es ein Saitenklavier oder ein menschlicher Stimmenchor war: immer entzückte der Meister das starke Geheimnis, daß eine Stimme Antwort im Raum, starke Begleitung und seliges Glück in der Gemeinsamkeit fand.

Aber das Wunder wurde Erscheinung, wenn er den ganzen Heerbann der Stimmen aufriß, wenn das große Orchester den hundertstimmigen Chor nahm und gegen die Orgelgewalt herrlich anstürmte: dann baute der Meister noch einmal die Schöpfung über dem ewigen Abgrund.

Sünde und Schicksal, Schuld und Versuchung, das dunkle Leid und die blitzende Lust sanken zurück in die Allmacht, daraus sie kamen.

Wohl brandete die Hölle und wohl traf der Tod, aber ihr Sieg und sein Stachel lagen beschlossen in Gottes allgütiger Hand; tiefer als Trauer und Furcht, höher als Freude und Hoffnung trugen die Flügel der Gnade und Liebe die Seele in Ewigkeit hin.

So war der Meister und so war seine Musik, und die seine Schöpfergewalt spürten, ahnten nicht das Geheimnis, daß in den Tönen bereits das Himmelreich war, das ihre Gläubigkeit jenseits erhoffte.

Die Pietisten

Blut und Verwüstung des Krieges hatten die Herzen der Harten nicht zu erweichen vermocht: in Wittenberg saßen die Pfaffen nicht anders als vormals in Rom, die geistliche Herrschsucht hatte ein neues Kirchenkleid angezogen.

Ein Prediger kam aus dem Elsaß nach Frankfurt, Jakob Spener geheißen, und anderen Geistes, als ihn der Hochmut der lutherischen Kirchenobrigkeit kannte.

Er hatte das Theologengezänk und die Wortgläubigkeit an den Schulen erfahren und wußte, daß andere Dinge als Liebe und Freiheit den Gang der Kirche und ihrer Pfarrer bestimmten; er aber wollte eher der Unmündigen einer denn der lieblose Knecht kirchlicher Rechtgläubigkeit sein.

Er schlug keine Thesen an eine Schloßkirchentür, er band keinen Aufruhr der Geister an seine Sendung, auch war er kein härener Täufer, nach Buße zu schreien: er zündete nur das vergessene Licht an und wartete still, ob es den Wanderer riefe.

Christ sein hieß ihm, die Wiedergeburt seiner Seele erleben, wie es den Jüngern geschah, als sie Jesum erkannten; und wer ein Gläubiger solcher Wiedergeburt war, brauchte die Priester und Schriftgelehrten des Lehrkirchentums nicht.

Die Liebe war in der Dürre vertrocknet und die Freiheit im Katechismus gefangen, als Spener, der Schwärmer in Christo, sein zaghaftes Licht in Frankfurt ansteckte; aber die evangelischen Seelen im Land, die danach seufzten, strömten dem blassen Schein zu.

Wie es der ersten Christengemeinde geschah, erwachte das Leben der Liebe in den Winkeln: kein loderndes Feuer, kein krachender Brand, nur eine heimliche Glut, aber Deutschland stand seltsam durchleuchtet.

Die Rechtgläubigkeit schrie, und die Obrigkeit strafte; Wittenberg trat auf den Plan, die Irrlehre zu verdammen: aber die hochmütigen Herren der Kirche hatten das Herz des evangelischen Volkes verloren.

Die Gläubigen hießen sich selbst die Erweckten und wurden zum Spott die Pietisten genannt; sie trugen den Spott mit Geduld und die Verfolgung mit Eifer: bald waren der Stundenbrüder so viel, daß die Kirchen leer standen.

So hatte Spener, der Schwärmer in Christo, die Lehre des Nazareners noch einmal erweckt; aber das Lächeln der Liebe und Weisheit war nicht auf den Lippen, nur in den Augen blinkte die blasse Verzückung der Nachfolger Christi, indessen die Aufklärung schon auf den Straßen in stolzen Karossen dahinfuhr.

Die Aufklärung

Der Menschengeist hatte den Himmel der Priester und ihre Hölle geglaubt, ein Jammertal war ihm die Erde geworden; nun wollte er selber kraft seiner Vernunft das Schicksal gestalten und wollte nicht länger dem Glauben der Priester am Gängelband gehen.

Die Erde war seine Wohnung, und alles, was seine forschenden Augen aus ihren Fenstern erkannten, hieß er Natur: Natur war Wasser und Luft, Feuer und Erde, Natur war das Gewächs und Getier, Natur war der unermeßliche Himmel mit seinen Sternen, Natur war der Mensch mit seinen Sinnen und Süchten.

Natur aber hieß, im eigenen Gesetz dasein: Naturgesetz war die Bahn der Gestirne und alle Waltung der Kräfte, Blühen und Welken, Leben und Sterben stand darin beschlossen, und keine Willkür konnte sich abseits erfüllen.

Galilei hatte der kühne Pisaner geheißen, der gleich dem Genuesen Columbus hinaus fuhr, die Neue Welt zu entdecken, der Himmel und Erde in das Gesetz der Natur stellte.

Zur selben Zeit, da Seni der Sterndeuter Wallensteins log, stand Galilei als Greis in Rom vor den Priestern und mußte, sein Leben zu retten, den Widerruf schwören.

Aber die Tage der Kirche waren gezählt, und ein anderer Ketzer war dies, als die mit der heiligen Schrift in der Hand gegen die Kirchenverderbnis aufstanden; die Wissenschaft kam mit dem Rüstzeug ihrer Beweise, der Menschengeist wollte mit seiner Vernunft Naturgewißheiten sehen, statt an das Mirakel der Priester zu glauben.

Denn alle Verheißung der Kirche hatte gelogen, statt Frieden auf Erden war blutiger Zank um die Lehre der gläubigen Völker gekommen; Vernunft und Natur konnten kein Glück im Himmel verheißen, aber sie prahlten, dem Menschen die sichere Wohnung auf Erden bauen zu können.

Christian Fürchtegott Gellert

Es war ein schwächliches Predigerkind aus Hainichen und sollte selber ein Prediger werden; aber sein schlechtes Gedächtnis und seine Schüchternheit machten dem Armen die Kanzel zum Schrecken.

Auch war er heimlich der Poesie zugetan und hielt einen rundlichen Reim lieber im Sinn als eine polternde Predigt: so wurde er Lehrer in Leipzig und las mit zärtlicher Liebe über die Schönheit.

Sie war keine strahlende Göttin für ihn, und den Pegasus liebte er nicht, der seinen Reiter mit rauschenden Flügeln in die olympischen Lüfte hinaufriß; ihm war die Schönheit ein sauberer Garten hinter dem Haus, mit reinlichem Sand auf den Wegen, von Buchsbaumhecken umhegt.

Da pflegte er seine bescheidenen Blümchen: Schneeglöckchen, Aurikeln und rotbraunen Goldlack, Reseda und blaues Vergißmeinnicht, vielfarbene Astern im Herbst, und für den Winter die haltbaren Strohblumen.

Und wußte wohl, daß den Blumen allein kein häuslicher Garten gehöre, daß allerlei Kräuter und Suppengrün, reichlich Salat und ein wenig Kohl, Gurken, Erbsen und Bohnen, an Stangen gesteckt, samt krausen Mohrrübenbeeten für einen Haushalt vonnöten, und daß ein reifender Kürbis ebensowohl ein behaglicher Anblick sei als auch eine schmackhafte Nahrung.

Denn der Professor der hausbackenen Schönheit war selber ihr Dichter: Oden und geistliche Lieder, Fabeln mit frommer Moral, Schäferspiele sogar und sein Roman von der schwedischen Gräfin hielten sich ängstlich dem Flügelroß fern.

Ein bißchen Aufklärung und ein bißchen Erweckung; der kleinste Zuschnitt des Lebens mit erlaubter Vernunft und erlaubten Gefühlen fand seinen empfindsamen Sprecher.

So lehrte, lebte und schrieb Christian Fürchtegott Gellert in Leipzig und war der demütigen Jugend der liebe Gott selber im Schlafrock; die Fürsten sandten ihm Geld, die Bürger Schinken und Holz, daß sein kränklicher Körper im Winter gewärmt und ernährt sei.

Und als er tot war, flossen die Tränen um ihn wie nie um einen Dichter in Deutschland, Denkmäler zeugten der Nachwelt für seine Verehrung; seine Fabeln blieben im Mund der genügsamen Jugend und seine geistlichen Lieder im Kirchengesangbuch.

Klopstock

Zu der Zeit, da der Gutsherr in Rheinsberg seinen Freunden französische Verse vorlas, weil seine fürstliche Bildung den Weg zur eigenen Sprache nicht fand, wuchs in Schulpforta ein Jüngling, Klopstock geheißen, der diesen Weg strenger als einer der Dichter vor ihm zu gehen bereit war.

Er hieß noch ein Schüler der unteren Klassen, aber schon tastete er stolz nach dem Ruhm, seinem Volk den Messias zu schreiben, der übermenschliches Leben und göttliches Tun in deutschen Versen berichten und eine erhabene Dichtung sein sollte, wie es die hohen Gesänge der Griechenwelt waren.

Tief erkannte der Jüngling, daß Worte zu reimen und Sprache zu dichten zweierlei wäre, und daß der Vers kein Silbengeklapper sein dürfe, sondern der hohe Hinschritt stolzer und schöner und liebreicher Worte.

Als die drei ersten Gesänge gedruckt waren, ohne den seltsamen Namen des Jünglings, war ihre Wirkung, als ob im nüchternen Alltag wieder ein Priester dastände, den Göttern zu opfern, aber sein Opfergott war der Messias.

Da schnaubte das Flügelroß Feuer, das in den Fabeln von Christian Fürchtegott Gellert unpäßlich war; einsame Herzen fühlten die stolzen Gesänge als die Wiedergeburt der deutschen Dichtung.

Bald war der seltsame Name des Jünglings bekannt, und Bodmer, der brave Professor, rief ihn nach Zürich, daß er im Kreis begeisterter Freunde als Ehrengast weile.

Sie hatten den Sänger wie seine Gesänge erwartet und waren erschrocken, den brausenden Jüngling zu haben, der seine verlassene Fanny in hundert Tollheiten verschmerzte und in der peinlichen Zucht der Zürchergeschlechter ein Feuerbrand war.

Er fuhr auf dem See mit bekränztem Becher, er stand auf dem Uto mit wehenden Haaren, und als ihm der mahnende Zuruf bänglicher Freunde zuviel war, lief er hinaus in die Berge, im Aufruhr der großen Natur sein Herz zu versöhnen.

Daß er sein heiliges Werk frei von den Sorgen des Tages vollende, berief ihn der dänische König; und während Voltaire, der Franzose, fürstlich geehrt bei dem Spötter von Sanssouci saß, war Klopstock, dem Deutschen, in Kopenhagen die dänische Freistatt bereitet.

Aber ihn band keine Laune fürstlicher Freundschaft; als der Franzose mit Feuer und Schwefel aus Sanssouci abfuhr, kam Klopstock nach Hamburg, seine Cidli heimzuführen.

So sicher war ihm das Dasein durch dänische Gunst bis in sein hohes Alter bereitet, daß er nicht einen Tag sorgte und, wie ein Priester geehrt, seinen Dichterstand trug.

Er ging in sein fünfzigstes Jahr, als endlich die letzten Gesänge von seinem Messias erschienen; ein Vierteljahrhundert hatte die rauschenden Flügel müde gemacht, und manches, was einmal stolzer Schritt war, ging nun auf Stelzen; doch wie ein Dom über den Häusern stand sein Messias.

Und während sein Name im Zweifel der Frommen langsam gefror, hatten ihm seine Oden wärmere Freunde gewonnen.

Da war ein höheres Priestertum als die blasse Verzückung der Pietisten, da war die reine Luft hoher Berge, darin die Gedanken gleich seligen Wolken über dem blauen Hügelfeld standen, da war die große Schönheit der Natur in Silber gespiegelt.

Und wie die Gesinnung rein und erhaben, so war die Kunst der Sprache vollendet, weitab vom Gleichklang des Reimes ließ sie die Worte stark und schön klingen nach ihrer Bedeutung.

Er alterte früh, der solch ein Dichter der reinen Erhabenheit war, und als er im Alter zusah, hatte die Jugend sich dreimal zu anderen Dingen gewendet, so daß er der Zeit fremd und seines Ruhmes verdrossen die Augen zumachte.

Sein Grab aber in Ottensen wurde ein heiliger Ort und ein Tempel der Geister, die in der bunten Vielfältigkeit und in der täglichen Torheit der Sprache das Schaubild der Ewigkeit suchten.

Der Hainbund

Hoch über den Alltag hin und heilig im Morgenlicht ihrer Sendung waren die Verse Klopstocks gewandelt: im griechischen Silbenfall fremd, fromm und deutsch im Selbstgefühl ihrer Würde und im Bardenton ihrer Sprache.

Denn ob es Ossian war, der keltische Sänger, der darin wiederklang, ob der Traum des Dichters nur einen Olymp im Nordlicht vorstellte: er trat in den gezirkelten Garten französischer Bildung als der erhabene Hochklang der deutschen Vergangenheit ein.

Und was ein Irrtum des Dichters seine Bardieten nannte, die Oden germanischer Herkunft, das wurde ein heiliges Feuer der Jugend, daraus sie den Stolz und die Liebe der eigenen Sprache und ihrer reichen Geschichte wiedergewann.

Es war ein blaßblauer Herbsttag, da der Jünglinge fünf aus Göttingen den ehrwürdigen Eichenhain fanden, da sie den heißen Freundschaftsbund schworen, da sie mit Eichenblättern bekränzt sich selber die Barden der deutschen Erneuerung nannten.

Denn nicht nur zu dichten war ihr Traum; sie wollten, wie es der Meister war, Sendlinge sein einer neuen Gesittung: die deutsche Seele, von ihren Höfen und Herren treulos vergessen, sollte im Bürgertum wiedergeboren und sollte dem deutschen Volk wieder die Schicksalsmacht sein.

Als den Jünglingen danach das Wunder geschah, daß Klopstock der Meister selber in ihrer Mitte dasaß, den sie wie keinen Menschen verehrten, als sie ihm Treue gelobten in seine herrlichen Augen, und an dem Klang seiner Stimme beglückt dem Edelwort lauschten, da saß die Seele der Deutschen am Tisch, ihre Wiedergeburt zu feiern.

Sie trugen alle im Sinn, Dichter zu werden, aber nur einem hatten die Musen das Herz berührt: Hölty war er geheißen, ein Jüngling der heiteren Schwermut und süßen Liebe.

Aber ihm stand schon die Grenze gesteckt; wo er mit Freunden schwärmerisch ging, war ein Schatten allen sichtbar dabei.

Eine Handvoll Frühlingsblumen zu pflücken und sie auf den Weg der Freundschaft zu streuen, war ihm vergönnt, dann blieb sein Schatten allein.

Den Hainbund hatten die Jünglinge ihre helle Freundschaft genannt und mit Eichenlaub ihre Hüte bekränzt; als Hölty dahin war, hingen die Kränze verdorrt an seinem einsamen Hügel.

Aber was ihren flüchtigen Bund so hoch und heilig entflammte, blieb in der Welt: die deutsche Seele war wieder wach und wollte sich endlich vollenden.

Lenore

Als die zärtlichen Freunde in Göttingen den Hainbund hatten, lebte da ein Student, Bürger geheißen, schon nicht mehr jung, in Schulden und schlimmere Dinge verstrickt, aber der Reimkunst mächtig wie keiner von ihnen.

Venus und Bacchus hießen die Götter in seinem unsteten Leben; wo Klopstock erhaben hinschritt, lief er auf läßlichen Wegen der Leidenschaft nach.

Aber die Freunde hielten ihn fest und fackelten nicht, bis sie dem unseligen Mann, von seinen bösesten Schulden befreit, als Amtmann in Altengleichen noch eine Tür ins Dasein aufgemacht hatten.

Da schrieb er den Freunden zum Dank und sich selber zum Ruhm die hämmernden Strophen seiner Lenore.

Sie waren zart und empfindsam, die Göttinger Freunde, sie standen im Alltag wie Blumen im Korn; ihm aber sprang aus der Seele des Volkes ein Nachtgespenst zu.

Lenore stand, ein geschlagenes Herz, hadernd vom Morgenrot bis in die Nacht, weil ihr der Liebste nicht wiederkam aus der Schlacht; aber im gleißenden Mondlicht kam er aus Böhmen geritten, die Braut in sein Bett heimzuholen.

Eine Stunde vor Mitternacht klopfte er an, und hundert Meilen mußten sie reiten in der selben Nacht; aber schnell reiten die Toten: als es zwölf Uhr schlug auf dem Turm, sprang die Kirchhofstür auf vor dem schnaubenden Roß, und ein Leichenstein stand, wo die hadernde Seele ihr Hochzeitsbett suchte.

Seitdem der Sänger Kriemhildens Rache beschwor, hatte der Mond nicht so grausig geschienen: aus dem Bodensatz uralter Herkunft rissen die hämmernden Strophen die Seele des Volkes ans Licht.

Der ein schlimmer Student in Göttingen war und durch die Sorge der Freunde sein klägliches Amt hatte, war über Nacht der Mund seines Volkes geworden, und mehr als die Namen der Freunde, mehr als der Name sonst eines Dichters, wurde der seine genannt.

So schienen dem unseligen Mann die Türen weit aufgetan, aber ihm waren die Füße verstrickt; wo er den Schritt hinsetzte, ging seine Leidenschaft mit, bis er selber an seinen Leichenstein kam.

Als Gottfried August Bürger in Göttingen starb, schloß sich ein Buch, darin kein Blatt rein beschrieben und vor den Augen der Menschen schuldenfrei war: der auch die dunklen Mächte in seiner Hand hält, band es in Gnade, daß Schlimmes und Gutes klar vor der Vergessenheit stand.

Lessing

Klopstock der Sänger hatte der deutschen Seele die Herkunft gesungen, und die Jünglinge im Hainbund waren sein zärtlicher Nachhall gewesen; Lenore, die hadernde Braut, war durch den Mondschein der Herzen geritten: aber die Höfe und Herren merkten nicht, was aus der Seele des Volkes ans Licht kam.

Sie sahen noch immer nach Westen und ahmten die Sprache und Sitte französischer Zierlichkeit nach und blieben die Puppen der Pompadour, bis Lessing den Sängern und Schwärmern beisprang mit dem geschliffenen Schwert seines Verstandes und mit dem männlichen Mut seiner Meinung.

Er war das elfte Kind des Pfarrers in Kamenz und sollte die Theologie in Leipzig studieren, wo Gellert der frommen Moral den Hausgarten bestellte; aber der junge Gelehrte, halb noch ein Knabe und halb schon ein gefährlicher Geist, fand es gescheiter, tanzen, reiten und fechten zu lernen und der witzige Freund der Schauspieler zu heißen.

Eine andere Kanzel schien ihm die Schaubühne und der Menschengeist eine andere Gemeinde, denn daß ein Pfarrer dastand mit seiner Predigt.

Und wie der Jüngling in Leipzig sein Freibeuterdasein begann, unstet und arm, von schwacher Gesundheit: so bot er dem Alltag sein helles Sonntagsgesicht, das ein früher Tod vor dem Alter Klopstocks bewahrte.

Der König von Preußen stand noch im schlesischen Feld, aber die Namen von Roßbach und Leuthen hatten geklungen, als Lessing den Klang in sein Herz nahm, dem preußischen Ruhm das lustige Loblied zu blasen.

Minna von Barnhelm hieß er sein Stück, und es war nur der Alltag, mit dem sich darin ein stolzer Major des Königs herum schlug; aber der trotzig erbitterte Mann war ein Sonntagskind wie sein Dichter und führte die fröhliche Braut heim.

Seit Hans Sachs war es nicht mehr geschehen, daß die Zeit auf den Brettern ihr eigenes Spiel sah, daß der Alltag sich selber zur Schau stand und staunend bedeutendes Tun in seinen Taten erkannte.

Wo das lustige Stück auf den Brettern erschien, kam das Vertrauen des eigenen Daseins zurück; wie Friedrich der König bei Roßbach hob Lessing der Dichter den Stolz und Spott des deutschen Bürgertums auf gegen das Welschtum der Höfe und adligen Herren.

Der aber den Brettern dies treffliche Spiel gab, war kein Dichter der tönenden Harfe; mehr als ein klingendes Wort galt ihm der scharfe Gedanke: Wahrheit und Klarheit fegten die Luft rein, wo Lessing am Werk war.

Den Staub auszuklopfen und durch zerbrochene Scheiben in dumpfe Stuben frische Luft einlassen, in frömmelnder Enge und gegen den Dünkel gelehrter Schulmeister der Freimut zu sein, war seine Lust; und eher hätte der Hund den Hasen gelassen, als daß Lessing der Unredlichkeit Raum ließ.

Wie sein Geist wachsam und mutig, so war seine Sprache hell und stark im Gelenk; seit Luther hatte der deutsche Mund nicht mehr so bündig gesprochen.

Aber die Not des Herzens war Freiheit der Vernunft geworden, und über den Tiefen der brünstigen Seele schritt der Menschengeist hin, Himmel und Hölle zum Trotz den irdischen Weg zu versuchen.

Da galt es nicht mehr den Papst und nicht mehr die römische Kirche; ein Pastor Goetze in Hamburg war Lessing wichtig genug, die Unduldsamkeit zu bestreiten, damit der Mensch, jenseits der Kirchengebote und über dem Katechismus, wieder das Maß seiner Dinge bedeute.

Pietisten und römischen Priestern den Spiegel der duldsamen Weisheit zu halten und über den Kirchengewölben dem Menschengeist selber den Tempel zu bauen, schrieb er – schon grau an den Schläfen und schon beschattet vom Tod – sein mildes Vermächtnis.

Nathan den Weisen hieß er das lehrhafte Spiel seines Alters, und als die uralte Weisheit des Morgenlands ließ er den Christen, Juden und Türken das scherzhafte Märchen von ihren drei falschen Ringen erzählen: aber es war das Abendland, das darin den Geist der Duldsamkeit fand.

Zu Wolfenbüttel starb Lessing, indessen der Spötter von Sanssouci vereinsamt ins Abendrot starrte; der König erkannte die Bruderhand nicht, die ihm der Menschengeist reichte, weil er die Sprache des eigenen Volkes noch nicht verstand.

Herder

Zu der Zeit, da Lessing Minna von Barnhelm ausschickte, die eigene Gegenwart lieben zu lernen, liefen die Deutschen in Riga einem Prediger zu namens Herder, Sohn eines Kantors in Mohrungen und fast noch ein Jüngling, der an der Domschule lehrte.

Anders als sonst Wort und Weisung der Bibel wurde sie Bild und Gleichnis in seinem Mund; denn tiefer als eins ihrer Wunder war dies, daß die Seele selber den Heiland gebar, daß Himmel und Hölle nur Bilder der eigenen Tiefe vorstellen.

Hamann, der Magus im Norden, war dem Adepten, der so an der Domschule in Riga die ewigen Kerzen aufsteckte, in Königsberg Meister und Lehnsherr gewesen.

Verhangene Weisheit und grell aufspringende Gedanken, geheimnisvolle Nächte und blinkendes Irrlicht hatten die Zauberwerkstatt des seltsamen Mannes erfüllt, daraus Herder den Talisman nahm.

Die römische Mutter war dem Abendland Weltmutter gewesen, sie hatte den blonden Kindern des Nordens den Saal des Augustus und danach die Kirche über dem Stuhl Petri gebaut, und Luther der Ketzer hatte an ihren Brüsten gesogen.

Der Magus im Norden lehrte die weitere Weisheit der Mutter, daß auch die Wölfin nur ihrem Wurf angehöre; Christ sein im Abendland, hieß in den Stunden der Menschheit die jüngste Gegenwart sein.

Die Menschheit war die unendliche Fülle der Seele, die in den Völkern und Zeiten zum ewigen Dasein erwachte; nur wer die stumme Natur als die ewige Mutter und im Geist den Vater erkannte, der wurde ein Mensch und ging als Kind Gottes erlöst in seine Allgegenwart ein.

So war die Lehre des Meisters in dunklen Sprüchen verhüllt, aber der Jüngling wußte sie zu erhellen: alles Leben wuchs aus den heiligen Tiefen, und die Vergangenheit war sein behutsamer Gärtner; was sie als Dichtung behielt im Dasein der Völker, war blühende Blume im ewigen Dasein.

Die älteste Urkunde der Menschheit hieß Herder danach die Bibel; er nahm die heilige Schrift aus dem Kirchengewölbe und trug sie hinaus in die Weiten der Wolken und Winde, dem Menschengeist die blauen Fernen der Heimat zu weisen.

Da waren die Völker nicht mehr die gemeine Masse, darüber die Bildung hochmütig hinging, sie waren die bunten Beete im Garten Gottes auf Erden, und was ihre Seele in Liedern, Sagen und Märchen bewahrte, hieß er die Stimmen der Menschheit.

Als er die Stimmen der Völker in Liedern heraus gab, fing für das Abendland ein neuer Augenblick an: die Christenheit wurde zur Menschheit erweitert, und Herder war ihr Prophet.

Götz

Als Herder seufzend in Straßburg saß, daß ihm Jungstilling, der Arzt, seine Fistel kuriere, kam ein Student zu ihm, Wolfgang Goethe geheißen, ein Frankfurter Ratsherrensohn und schon eines jungen Dichtertums voll.

Da wurde der kluge Adept dem brausenden Jüngling ein strenger Lehrmeister: Stauwehre und Dämme baute er ihm und wies seinem stürmischen Eifer die Richtung:

Daß hinter dem ragenden Münster und seiner krausen Gestaltung mehr als ein Baumeister stünde, daß es ein Wahrzeichen alter Reichsherrlichkeit sei, und daß die rechte Betrachtung an ihm das Portal in eine große Vergangenheit fände.

Von Shakespeare, dem britischen Dichter, sprach er dem Jüngling, und daß sein freies Geäst über den Hecken und künstlich geschorenen Kronen der allzuklugen Franzosen wie ein Urwaldgewächs schwanke.

Herder saß hinter verhangenen Fenstern, sein Auge zu heilen, Goethe lief rasch und waghalsig hinauf auf den Turm und sah die Giebel und Gassen der alten Reichsstadt im Abendrot brennen und brausen.

Und als er der alten Zeit voll war, als ihn die wilde Romantik des britischen Dichters bedrängte, beschwor er aus einer fränkischen Chronik den stegreifen Ritter und schrieb sein Stück von dem Götz mit der eisernen Hand.

Da wurden sie wieder geweckt, die Ritter der alten Reichsherrlichkeit, die Bretter donnerten von ihren eisernen Schritten, der Kaiser ritt wieder ins Maifeld, die sieben Heerschilde hielten Wacht, wo jetzt die Zöpfe demütiger Bürger den welschen Zierat der Fürsten bedienten.

Der Spötter von Sanssouci geriet in Zorn über das Stück und hieß es geschmacklos; aber die Jugend schwoll daran auf und schäumte über, als ob jeder Student der Mann mit der eisernen Hand und jeder Bürger ein Nürnberger Pfeffersack wäre.

Werthers Leiden

Indessen der Ruhm und der Lärm seines Götz mit der eisernen Hand Goethe den Jüngling umschwärmten, kam er nach Wetzlar und sollte am Reichskammergericht Rechtspraktikant werden; wo Schönheit und brausendes Leben sein sollte, war Staub und Papier.

Im Elsaß hatte sein Herz gefährlich gebrannt, als er Friederike, die Tochter des Pfarrers in Sesenheim liebte, in Frankfurt fing er zum andernmal Feuer: so kam die Krankheit auch über ihn, die wie der Tauwind im Abendland die jungen Gemüter weich machte.

Ein Genfer Uhrmacherssohn, Rousseau geheißen, hatte das welke Laub von Versailles auf einen Haufen gekehrt und aus dem Kehricht hochmütiger Bildung der Allmutter Natur ein Opferfeuer gemacht.

Alles – so ging seine Lehre – kam gut aus den Händen des Schöpfers, und alles mußte entarten, wenn sich der menschliche Hochmut vermaß, die Natur zu verleugnen: alle Bildung samt ihren Künsten hatte die Menschheit darum nicht so glücklich gemacht wie den Wilden sein Feuer.

Es war die alte Lehre der Einfalt, aber die Einfältigen brauchten sie nicht; und die den bittersüßen Trunk tranken, weil er so feurig gemischt war, tranken sich krank statt gesund an der Sehnsucht.

Die Empfindsamkeit kam in die Welt und war ein gefährliches Gift für die zärtlichen Herzen; als Goethe, der Dichter des Götz, daran krank war, schrieb er die Leiden des jungen Werther und schrieb sich selber gesund.

Lotte hieß er das liebliche Wesen, das für den empfindsamen Werther das Lockbild reiner Natur war; ihr zu entsagen vermochte er nicht, sie zu besitzen war ihm verwehrt: so kam aus reiner Quelle trübes Gewässer.

An seiner empfindsamen Liebe zu leiden, wurde dem Jüngling Genuß; alle Schmerzen riß er sich auf und alle Launen des Unglücks rief er heran, bis nur noch der Tod die Wollust der Leiden auslösen konnte.

Er glaubte an seiner Liebe zu sterben, aber sie war nur der Mantel, den seine Empfindsamkeit umhing; er pries die Einfalt, weil er am Überdruß krank war; er löckte den Stachel der Liebe, weil er den Brand und die Fäulnis der Wunde genoß.

Noch hatte kein Buch der deutschen Sprache solche Wirkung getan: Werther zu lesen, Werther zu leiden und Werther zu sein, wurde die Mode empfindsamer Herzen; der Himmel sank hin und die Hölle brach auf und ertranken in Tränen.

Goethe, der Dichter des Götz und der brausenden Jugend, wurde der seufzende Herold der Zeit; mehr Kränze als je einem Helden wurden von zärtlichen Händen geflochten, den Abgott zu schmücken.

Und niemand kannte den heimlichen Schatz, den der Jüngling aus Frankfurt in seiner Lade bewahrte, niemand wußte, daß der gepriesene Dichter in seinen Liedern ein Königssohn war.

Da waren nicht seufzende Worte und launische Leiden gehäuft, da hatte das zärtliche Gift nicht an der Kraft der Seele gerührt, da war ein Jungmännerherz vom Blut des Lebens erfüllt, da war ein Mund, wirkliche Leiden und Freuden zu sagen, da war ein Dichter, das Höchste wie das Geringste in Schönheit zu wagen.

Weimar

Karl August, der junge Herzog in Weimar, lud Goethe, den Dichter des Götz und des Werther, zu Gast; aus der fürstlichen Laune wuchs eine lange Liebe und eine Blutsbrüderschaft.

Der Herzog war allzu behutsam erzogen, Goethe der Günstling sollte ihn erst den rechten Lebensgenuß lehren; aber der Dichter wurde dem Jungherzog Führer und Freund und wußte die fürstliche Tollheit sacht in die Pflicht umzulenken.

Als aber die Freunde zuerst ihr Feuerwerk brannten, als sie die Tage mit Trunk, Jagd, Narrheit und Maskerade hinbrachten, machten die Bürger von Weimar drei Kreuze, wenn sie den Namen Goethe aussprachen.

Und als der Herzog den landfremden Doktor aus Frankfurt zum Minister machte, rangen die geheimen Räte die Hände, daß nun das Land mit dem leichtsinnigen Herzog an den Teufel verkauft sei.

Aber der landfremde Doktor wußte die hitzigen Rosse zu lenken; als sie am wildesten schnaubten, griff seine Hand fest in die Zügel.

Das Land des Herzogs war klein und kläglich verwaltet, die Lässigkeit schlechter Beamten machte dem neuen Minister das Amt schwer, auch blieb der Widerstand gegen den landfremden Doktor geschäftig.

Ihn zu besiegen ging Goethe allein mit dem Herzog auf Reisen und blieb ein Vierteljahr in der Schweiz, wo sie reitend und wandernd allein in der großen Natur waren.

Da konnte kein höfischer Neid ihm den Schatten verdrehen, da konnte er sprechen und wirken und konnte den jungen Herzog sich tiefer verbinden als durch lärmende Feste.

Als sie dann wieder in Weimar anlangten, war ihm der Herzog in Wahrheit verfallen; Goethe der Dichter wurde allmächtig und konnte im Ländchen Regen und Sonnenschein spielen.

Der den Götz und den Werther schrieb, und der seinen Ruhm wie seinen Geist mit Selbstgefühl trug, gab ein Jahrzehnt seines einzigen Lebens daran, ein treuer Beamter zu sein, dem die Alltäglichkeit wichtig und dienende Pflicht die Erfüllung war.

So wurde Weimar, das Ländchen kläglich und klein zwischen den Mächten, das Vorbild kluger Verwaltung und eine ruhmvolle Stelle im Reich, weil ein großer Geist nicht verschmähte, treu und besonnen die täglichen Dienste zu leisten, weil ein Dichter das Gleichnis der tätigen Hände auskosten wollte.

Winckelmann

Dem Sohn eines Schusters in Stendal war es geglückt, Theologie zu studieren, aber zu einem Amt gelangte er nicht: Armut und andere Neigung warfen ihn bald aus der Bahn.

Statt einem Pfarrer wurde ein fahrender Schüler aus ihm, der sich mit allerlei niederen Ämtern und Almosen ernährte, bis ihn der Graf auf Nöthnitz bei Dresden in einen besseren Dienst nahm.

In Dresden ging ihm die Galerie auf; ob es nur staubiger Gips war, die griechischen Bildwerke wurden dem Sohn des Schusters aus Stendal vertraut wie ein Garten der Heimat.

Er sah die Leiber und Glieder im Ebenmaß ihrer Gestaltung, er sah die herrliche Haltung und schöne Gewandung, als ob in Griechenland Götter gewandelt wären, indessen die nordische Menschheit in Häßlichkeit ging.

Wohl gab es noch immer Maler und Bildhauer, aber sein trunkenes Auge suchte die edle Einfalt und stille Größe vergebens, davon es die Fülle in den alten Bildwerken fand.

Ein Paradies ging den Menschen verloren und war ihnen doch – so schien es dem Schwärmer – noch immer geöffnet, wenn sie erst wieder, die griechischen Vorbilder nachahmend, den Weg zur wirklichen Kunst fanden.

Als Winckelmann so jahrelang in den Gedanken seiner einsamen Leidenschaft suchte und staunte, als ihm die Seele bis an den Rand mit dem Glück der Griechen gefüllt war, ließ er die erste Sendschrift ausgehen.

So voll war er des griechischen Geistes, daß seine Worte und Sätze im griechischen Ebenmaß schritten: edle Einfalt und stille Größe schienen auch seiner innigen Liebe geschenkt.

Noch aber blieb er ein einsamer Sucher und für den Alltag ein Narr, der sein griechisches Steckenpferd schirrte, und den die Inbrunst verzehrte, das Land seiner Seele leibhaftig zu sehen.

Er kam nicht hinein, er kam nur nach Rom und Neapel, und daß ihm die mächtigen Hände der Kirche dahin verhalfen, mußte der Protestant seinen Glauben abschwören.

Da endlich sah er die marmornen Leiber statt staubigem Gips, und die ewige Stadt hatte nicht solchen Pilger erfahren, der die prahlenden Kirchen verschmähte, der scheu und verzückt unter den alten Bildwerken umher ging.

Albani, der Kardinal und Kunstfreund, erkor sich den seltsamen Mann aus Stendal als Gast: in seinen Sammlungen konnte Winckelmanns Eifer als Zauberer walten, aus den Ruinen und Resten die alte Welt neu zu bauen, die seiner Seele sehnsüchtig vertraut war.

Als Winckelmann seine Geschichte der Kunst im Altertum schrieb, war es getan: das verschüttete Tor war geöffnet, durch das die Menschheit zurück schreiten konnte ins Paradies, das für immer Griechenland hieß.

Was einmal einfältiges Leben und göttergleiches Dasein der Menschenwelt war, hatte in ewiger Kunst sein marmornes Sinnbild hinterlassen, daß die Menschheit daran in edle Einfalt und stille Größe zurück die klassische Wiedergeburt fände.

Mehr denn ein Jahrtausend hatte die Kirche in Rom an ihren Gewölben und Domen gebaut, sie hatte die Pracht der päpstlichen Herrschaft über die alten Ruinen gebreitet, als der Sohn eines Schusters aus Stendal nach Rom kam, ihre Geltung abzustreifen wie einen vermessenen Irrtum.

Goethe in Rom

Elf Jahre lang hatte Goethe in Weimar gewirkt; der als flackerndes Feuer kam, war für das Land seines herzoglichen Freundes das Herdfeuer geworden, von vielen gesegnet: das Land seiner Dichtung lag als Trümmerfeld da.

Der tätige Geist hatte dem Leben sein Opfer gebracht, aber der Dichter begehrte wieder das seine; als der Winter zum zwölftenmal kam, sollte die römische Sonne ihm Blut und Seele neu glühen.

Heimlich wie eine Flucht war seine Reise; als ob noch einmal Wertherzeit sei, fuhr seine Sehnsucht nächtlich davon, und eher ließ ihn die Furcht nicht frei, bis ihn die ewige Stadt als den heimgekehrten Sohn mit ihren Mauern umfing.

Denn Goethe, der Dichter des Götz und der das Straßburger Münster mit feurigem Wort pries, war der Lehre Winckelmanns voll wie eine schwellende Frucht: nur die südliche Sonne – so schien es dem Flüchtling – konnte der Kunst wie dem Leben Glück und Gemessenheit schenken, der Nebel des Nordens hatte sie unstet und freudlos gemacht.

Es sollte nur eine Reise sein, aber er fand den Weg nicht zurück, bis er ganz ins römische Leben untergetaucht war, bis der Minister wieder ein Dichter, bis der neue Werther aus Weimar seiner Seele und seines Leibes von Urbeginn froh wurde.

Da reiften endlich die Früchte, denen im Land der neblichten Wälder der Sonnenschein fehlte, da wurde der Werther aus Wetzlar als Tasso glühend gehärtet, da wurde der Dichter der Iphigenie den Deutschen fremd, wie ein Priester den Seinigen fremd wird, da zog der Minister aus Weimar sein olympisches Feierkleid an.

Als Goethe im zweiundzwanzigsten Monat seiner Flucht wieder heimkam nach Weimar, war er kein Herdfeuer mehr für das Ländchen: als Freund seines Herzogs blieb er in all seinen Würden, aber das Werktagskleid seiner Bürden legte er ab.

Wie die silberne Sonne durch eine Nebelwand scheint, so war sein Wesen fortab verhüllt; die seine Freunde hießen, hatten den Mann an einen fremden Himmel verloren.

Was Winckelmann träumte, wurde ihm Wirklichkeit: er hatte das Land der Griechen mit seiner Seele gesucht und hatte den Leib seiner Sinne in südlicher Sonne gebräunt; nun wuchs ihm sein irdischer Tag aus solcher Vergangenheit ewige Gegenwart zu.

Die Räuber

Indessen Goethe den Griechen zuneigte und seiner eigenen Jugend fast feind war, stand seinen vergessenen Tagen ein flackerndes Spiegelbild auf.

Ein schwäbischer Jüngling, Friedrich Schiller geheißen, schrieb auf der Schule des Herzogs in Stuttgart ein Stück für das Theater, darin der Raubritter Götz ein Räuberhauptmann geworden, darin die Freiheit ein düsterer Feuerschein war.

Das uralte Stück des verlorenen Sohnes wurde in neuen Gewändern gespielt, aber kein gütiges Vaterherz lief dem Verlorenen zu: im finsteren Turm klagte ein Greis, indessen der schurkische Bruder die Braut und das erschlichene Erbteil genoß.

Denn so war die Welt in den neuen Gewändern geworden; die Schurken saßen an goldenen Tafeln, aber die Edlen, in ihrer Einfalt betrogen, sagten der schurkischen Ordnung ihr Räuberrecht an.

Als sie das Stück zum erstenmal spielten in Mannheim, hatten vorsichtige Hände seinen Brand erst gelöscht, aber der wilde Jubel der Jugend blies in die Glut, bis sie himmelhoch flammte.

Da legten die Jünglinge trotzig das Wertherkleid ab und zogen ein Räuberwams an; die an der Empfindsamkeit krank waren, lachten sich höhnisch gesund, sie ließen die seufzende Wollust den Töchtern und fuhren mit Frechheit und Flüchen zur Hölle.

Der aber solchen Aufruhr der Jugend entzückte, war ein bläßlicher Medicus beim Regiment; er konnte nur heimlich nach Mannheim fahren, und als er nach Stuttgart zurück kam, warf ihm der Herzog sein Dichterglück vor die Hunde.

Der Medicus Schiller hatte den Fluch der Freiheit geschworen; Tod den Tyrannen war seine Losung; und mußte die Tage in knirschender Demut hinbringen, bis er das Land des Herzogs heimlich verließ.

Anders als Goethe der Flüchtling nach Rom, kam Schiller der Flüchtling nach Mannheim: krank an der Brust, von Sorgen und Schulden gehetzt; gütige Freunde mußten ihm helfen, daß er die bitteren Jahre durchhielt, bevor ihm endlich in Weimar das Leben günstiger aufging.

Jena

Als Schiller zum erstenmal kam, Goethe zu suchen, war Goethe in Rom; aber der schwäbische Flüchtling fand den Namen des Dichters in Weimar gesegnet und hoffte das seine, der schon im fünften Jahr seiner Flucht unstet herum fuhr.

Er war von hoher Gestalt, rothaarig und blaß und gebeugt von der Schwindsucht, als er in Weimar Unterkunft suchte; aber der Herzog sah ihn nicht gern, und der Musenhof war dem Dichter der Räuber nicht günstig.

Als Goethe dann heimkam, fremd und braun von der römischen Sonne, half er dem Flüchtling wohl in ein Amt, aber er hielt sich dem Menschen verschlossen und kannte den Dichter nicht.

So wurde Schiller, der schwäbische Flüchtling, in Jena Professor; der Dichter der Räuber hieß Hofrat und lehrte Geschichte; Charlotte von Lengefeld war seine zärtliche Frau, und vielerlei Freunde fanden sein Haus.

Nur Goethe in Weimar blieb wie ein Leuchtfeuer fern: er sandte sein Licht in die Weite, aber die Nähe war ihm verleidet; und wie er der eigenen Jugend fast feind war, blieb ihm ihr hastiges Spiegelbild doppelt verdrießlich.

Sechs Jahre lang zog der Minister in Weimar den Mantel nicht aus; sechs Jahre lang würgte den stolzen Professor in Jena der Grimm, daß ihn, den Dichter, der Dichter nicht kannte.

Denn heller als einer sah Schiller das einsame Licht die Himmelsfernen absuchen, indessen die eifrigen Lampen der Zeit Stuben und Kammern erhellten.

Weil er nicht abließ von seiner Liebe, kam endlich der Tag, da die beiden sich fanden, da die Bürger von Jena die hohen Gestalten einander zugeneigt sahen, da der stolze Minister eintrat in das Haus des Professors.

Da wurde der Reif gerundet, der Weimar und Jena verband, da wurde die hoheste Freundschaft geboren, da ging am Himmel der Deutschen das Doppelgestirn auf, über den dunkelsten Nächten zu leuchten.

Weil jeder ein Einziger war, stand keiner dem andern im Schatten: Schiller, der jüngere, drängte mit stürmischer Neigung; Goethe, der ältere, ließ es geschehen mit dankbar besonnter Kraft.

Er hatte die Freunde der Jugend vertan, nun fand die einsame Mannheit ihre Genossen; da drängten die Quellen wieder zu Tag, die in der Tiefe geheimnisvoll flossen, da wurde Goethe der Dichter zum andernmal wach, da traten die weisen Werke der Goetheschen Mannheit froh in Erscheinung.

Hermann und Dorothea hieß er den herrlichen Sang der zwei Lieben, darin sich der Dichter des Tasso wieder zur Heimat zurückfand.

Der Rhein glänzte hinein aus nahester Ferne, ein flinker Fluß floß ihm zu, Wiesen und Felder, Wälder und Weinberge umrahmten das freundliche Bild der deutschen Kleinbürgerstadt.

Kein Fürstenhof, keine Prinzessin: Wirtsleute waren die einfachen Helden der Handlung, Apotheker und Pfarrer priesen mit ihrem behaglichen Wesen das Leben der täglichen Arbeit.

Aber vom Klang geruhsamer Verse umflossen, gab ihr bescheidenes Dasein ein Sinnbild der Menschheit nicht minder, als es die reine Höhe der Iphigenie war.

Homerische Rundung der Bildergestalten, Dürersche Sorgfalt und Treue, die Seelengewalt der deutschen Musik gingen miteins, in deutscher Landschaft und deutscher Kleinbürgerschaft edle Einfalt und stille Größe zu walten.

Der aber mit seiner drängenden Neigung so Großes über den Dichter in Weimar vermochte, ihm fiel von seiner besonnten Kraft ein größerer Segen zu.

Schiller, der Dichter der Räuber, trat ein in die klassischen Gärten des Meisters; wohl blieb er der Sturmvogel der Freiheit, der Wortgeist hoher Gedanken, aber die Heftigkeit seiner Gebärden wurde vor Goethe still an der Gelassenheit seiner Erscheinung.

Als Schiller das Riesenbild Wallensteins in eine große Wirklichkeit stellte, als er der Glocke den hohen Feiergesang schrieb, Maß und Würde des Bürgertums preisend, da kannte der Dichter den Dichter, wie er dem Menschen aufgetan war.

Und als dem Dichter der Räuber zuletzt sein Tellspiel gelang, rief es noch einmal Tod den Tyrannen, aber nun waren die Räuber ein Volk, das sich aus frecher Bedrückung mannhaft und maßvoll die Freiheit gewann.

Elf Jahre lang blühte der Bund seine stolzesten Blumen und reifte den starken Saft seiner Früchte; im Dasein der Deutschen war es die Hochzeit, sie wurde gefeiert zur selben Zeit, da die reichsfürstliche Herrlichkeit hinstürzte in Staub und Stank.

Nicht Frankfurt und Nürnberg, nicht Mainz und Köln, nicht Wien und Berlin: eine Kleinbürgerstadt an der Saale war der gesegnete Platz ihrer Feier.

Da gingen die hohen Gestalten im stillen Gespräch starker Gedanken, da war die feurige Fülle begeisterter Jugend um sie, da wuchsen im Licht ihres Geistes die Männer heran, die danach Deutschland erfüllten.

Elf Jahre lang blühte der Bund, dann sanken der drängenden Neigung die Hände: im sechsundvierzigsten Jahr seines stürmischen Lebens starb Schiller; die lohende Flamme losch hin, das einsame Leuchtfeuer stand in der Brandung der Zeit, weiter und weißer als je in die nächtlichen Fernen zu dringen.

Hölderlin

Hold wie sein Name war Hölderlin und hell wie Apoll der Jüngling aus Schwaben, der bei dem Kaufmann Gontard in Frankfurt Hauslehrer wurde; schön war Susette, die sittige Hausfrau, edel an Geist und Gestalt und aller Sehnsucht Vollendung: der helle Gott fand die Göttin.

Die aber in göttlicher Ferne ihm vorbestimmt war, stand in der irdischen Nähe durch Pflicht und Neigung dem Kreis verbunden, darin sie die Hausfrau und Mutter und für den armen Lehrer aus Schwaben die reiche Herrin vorstellte.

Sie sah das Licht der eigenen Ferne in seinen Augen gespiegelt, sie hörte den Klang seiner Stimme, wie ein Wanderer die Glocken der Heimat vernimmt, sie ging den Wolkenweg seiner Gedanken Hand in Hand; Schwester und Mutter war sie dem Jüngling, aber sie ließ seine Leidenschaft nicht über die Schwelle des Hauses, darin sie die Frau war.

Ihn hatten, vaterlos, zärtliche Frauen erzogen, er wußte den Schritt nach der Sitte frei zu bemessen; so trat er nicht fehl, und ehe die Fäden der Schuld ihm die Füße verstrickten, verließ er die Nähe.

Der Hauslehrer ging nach Schwaben zurück, die Hausfrau blieb in der Pflicht ihrer Tage; kein Schatten fiel auf den irdischen Weg, die lohende Flamme stand auf dem Altar der Liebe im Tempel der hohen Herkunft behütet.

Diotima hieß er die Schwester und reine Geliebte im Glück seiner stolzen Gedichte, ein Stirnband aus Sternen band er der Göttin ins Haar, und keusch verhüllt war die Herrlichkeit ihrer Glieder.

Wohl gab der Schmerz des Abschieds seine Schatten her, ihr Bild zu verdunkeln; aber das Licht ewiger Fernen erhellte die Schatten, daß auch der Schmerz ihre Schönheit bediente.

Die Ewigkeit war im Wandel der Sinne verhüllt, und der Schmerz war ihr tiefes Geheimnis; Herkunft und Hingang der Seele bedeckten die Wolken des Tages, über den Wolken stand die Heimat der Götter in ewiger Bläue.

Der so mit Sternen sein Götterbild kränzte, der hell wie Apoll seinen Schmerz in den Abgrund versenkte, der ein Sendling der göttlichen Wiederkunft war, indessen die hohen Gestalten in Jena frei durch die Wirklichkeit schritten, mußte sein Dasein anders als irdisch vollenden.

Fern seiner schwäbischen Heimat, im hitzigen Süden von Frankreich, wo er zum andernmal Hauslehrer wurde, fiel das Geschick über Hölderlin her wie ein Geier, gesandt von den Göttern.

Sein Geist, längst aller Tätigkeit fern, wurde mit in die Lüfte gerissen; seine Seele, der Schwingen beraubt, blieb im Gehäus des irdischen Leibes.

Ein Frühsommertag hing seine schimmernde Wolkenlast über das schwäbische Land, als Hölderlin heimkam, braun von der glühenden Sonne, einem Landstreicher gleich in zerrissenen Kleidern, im Schoß der Mutter sein Leid auszuweinen.

In Frankfurt sank zur selben Zeit Susette, die sittige Hausfrau, dem frühen Tod in die Arme: Diotima, die Schwester und reine Geliebte, kehrte zurück in die Ferne, indessen der Dichter, im Wahnsinn der Nähe gefesselt, noch vierzig Jahre zubrachte.

Ein letzter Sendling der Götter hatte der Erde sein Opfer gebracht; seine Gesänge blieben im Dasein der Deutschen, als ob ein Harfenlied fremd im Tageslärm klänge, als ob das Geheimnis der Wehmut selber den göttlichen Ursprung besänge.

Die Romantik

Jena, die Kleinbürgerstadt an der Saale, war die hohe Schule des Geistes geworden, Lehrer und Schüler liefen ihr zu; der Große von Weimar war gern zu Gast.

Nie hatte die Sonne der Griechen heller geschienen; als sie im Mittag stand, kamen die Wolken, sie zu verhüllen: von Götz zu den Griechen war Goethe gegangen, die aber in Jena Romantiker hießen, gingen den nämlichen Weg mit Inbrunst zurück.

Sie sahen die Gegenwart kläglich und klein wie der Meister und drangen mit hungrigen Augen in die Vergangenheit ein, sich eine schönere Welt für ihre Sehnsucht zu finden.

Aber sie mochten die Heimat nicht missen; sie liebten das krause Giebelgebälk ihrer Gassen, sie liebten die ragenden Dome mit dem Figurenwerk der Portale, sie liebten die Burgen, gleich Adlerhorsten auf zackige Felsen gebaut, sie liebten die Klöster tief in den waldigen Tälern.

So wurde die alte Empfindsamkeit wach, und ihre schweifende Sehnsucht erkannte, daß einmal doch Segen im nordischen Menschenwerk war, daß Liebe und Schönheit, Weisheit und Stärke regierten, als über der Willkür selbstsüchtiger Fürsten die alte Reichsherrlichkeit wachte.

Sie saßen auf ihren Ruinen und träumten der alten Zeit die neuen Sehnsüchte zu; sie fuhren den Strom hinunter und grüßten die hohen Fenster der Burgen, als ob ein Fräulein dastände, den frohen Gesellen zu winken.

Sie sahen den alten Kran auf dem Dom und wie sein graues Gemäuer halbfertig dastand, ein Wahrzeichen der Wehmut inmitten der harmlosen Wirklichkeit; aber sie wollten das Werk der Väter vollenden, wenn einmal – so ging ihr glühender Eifer – das Reich wieder Gegenwart wäre.

Daß solches geschähe, mußten die neuen Herzen der alten Zeit gläubig die Türen aufmachen; dessen wollten sie Herolde sein.

So hob ein anderer Lobgesang an, als der vom Griechentum war: die Brunnen begannen zu rauschen, der Wind im Wald wurde wach mit heiliger Mahnung, Donner und Blitz sprachen laut und das Heimchen am Herd zirpte leise, daß einmal die Heimat glücklich und groß, daß einmal das Vaterland hoch im Ruhm und groß in der Welt war.

Sie sahen den starken Bogen wieder gespannt, den Kaiser und Kirche dem Abendland hielten, den Bogen der neuen Verheißung, darunter die Ferne griechischer Schönheit und römischer Weltbürgerschaft verblaßte.

Nie war die Inbrunst der Seelen so mächtig gewesen, nie standen Groß und Gering so nahe in gleicher Gesinnung, nie war der Geist so der Täglichkeit abwendig, und nie hatte der Tag so geblüht, als da der Bogen die Ewigkeit über ihn spannte.

Die Kaiserpfalzen am Rhein und die stolzen Rathäuser, die Marktplätze mit der steinernen Zier ihrer Brunnen, die Torburgen der Städte riefen den Ruhm der vergangenen Tage nicht weniger aus, als die Glocken der Klöster und Kirchen die Ewigkeit klangen.

So kreuzte das junge Geschlecht den Weg der hohen Gestalten, indessen die beiden feierlich schritten, schwärmten sie hin, das Herz der Heimat auf ihren Händen zu tragen.

Es war die gotische Seele, die wieder zu drängen begann; ob es zunächst nur ein glühender Traum und eine irrende Sehnsucht in die Vergangenheit war: Deutschland stand auf, mit allen Teufeln und Engeln der eigenen Herkunft zu ringen.

Des Knaben Wunderhorn

Brentano und Arnim hießen die beiden Gesellen, die in der Frühe auszogen, am Rhein, in Franken und Schwaben Schatzgräber der deutschen Seele zu sein.

Die Stimmen der Völker in ihren Liedern hatte Herder gesammelt und war der neuen Weltbürgerschaft Prophet und Apostel gewesen; sie aber wollten dem eigenen Volk den Schatz seiner Lieder heben, daß es die Zukunft erkenne.

In den Stuben und Höfen der Handwerker bot das Lied seine Strophen dem Bänkelsang dar, draußen im Land hielt es den Mund der Burschen und Mädchen fröhlich geöffnet.

Was die Urahne sang, als sie noch selber im Schmuck der Bänder den Reigen abging, das sangen die Enkel: wie der Bach und der Wald, die Wiesen und Wolken im Wechsel der Tage die Unvergänglichkeit waren, jährlich im Frühling verjüngt, so hielt das Lied über Jugend und Alter die Herkunft lebendig.

Immer aufs neue gesungen, in Leid und Freude gleich mächtig, bot es der Liebe den Raum, darin die Wirklichkeit nur durch die Fenster herein sah, indessen das Pfeilergewölbe, zum Sternhimmel geweitet, der Sehnsucht die heimlichen Türen aufmachte.

Da waren die Zelter der Träume bunt aufgeschirrt und lockten zum Ritt in selige Fernen, da schwollen die Geigen, als ob in den Tönen die Seele auf Mondstrahlen ginge, da war das Herz eine Amsel, die letzte Seligkeit flötend vor dem Geheimnis der Nacht.

Brentano und Arnim, die beiden Gesellen, selber von Jugend und Liebe der Zauberei mächtig, drangen hinein in den Berg, darin das Lied solchergestalt seine heimliche Wunderwelt hatte.

Und alles Lied war Wort, das mit den Wellen der Melodie auf den Strömen der Urtiefe selig dahin fuhr; sie fischten das Wort aus den Strömen und brachten es glücklich zu Tag.

Da waren es Perlen, im Reim zu Kränzen gebunden; so reich war der Raub, daß ihre Hände nicht alles zu fassen vermochten.

Des Knaben Wunderhorn hießen sie dann die stattlichen Bände, darin die Worte, wie andere Worte zu lesen, abgelöst vom Gesang, fremd und frierend auf Papier gedruckt waren.

Aber das Wunder war noch im Wort, es brauchte nur Augen und Ohren zu finden, die seinen Zauber verstanden, so wurde die Seele des Wortes lebendig im Sang: aus des Knaben Wunderhorn stiegen die Lieder wie Lerchen.

Das Märchen

Das Wunderhorn hatte geklungen, da gingen zwei Brüder im Hessenland um, noch einmal Schatzgräber zu heißen.

Die Lieder flogen wie Lerchen, aber das Heimchen am Herd zirpte von heimlichen Dingen, die nur die Großmutter erzählte, wenn ihr die Enkel am Abend dasaßen; das Öllämpchen brannte und ließ an der Wand die Spukgestalten der Schatten tanzen und drohen.

Da wurden die uralten Mären lebendig, aber die Riesen und Zwerge waren geschäftige Nachbarn der Menschen geworden, und nur im Spuk ihrer Schatten gingen die Götter, aus Himmel und Hölle vertrieben, durch die entgötterte Wirklichkeit hin.

Die einmal Urmächte hießen, dienten als Spielzeug, und wo eine Großmutter Märchen erzählte, war ihre bunte Puppenwelt da, den Menschenkindern Freude und Leid vorzutäuschen.

Die Brüder Grimm wußten, daß solche Puppenwelt nur die Verkleidung vergangener Urmächte war, aber sie rührten nicht an das Kleid und brachten die Märchen getreu an den Tag, wie sie in Heimlichkeit waren.

Sie schrieben der Ahne das Wort vom Mund und deutelten nicht, sie waren wissend und wurden horchende Kinder, bis sie aus Sammlung und Sichtung ihr Märchenbuch hatten.

Da ging Rotkäppchen aus mit dem Korb, Großmutter Kuchen zu bringen; aber der böse Wolf kam, das Kind vom Weg zu locken, und hatte Großmutter und Kind aufgefressen, als die Schere des Jägers sie aus dem Bauch des Wolfes wieder ans Licht brachte.

Da schlief Dornröschen, die schöne Prinzessin, hinter dem Zauber der Dornheckenwände, bis der Prinz kam, die liebliche Braut aus dem Bann der Hexe zu lösen.

Da lag Schneewittchen im gläsernen Sarg bei den Zwergen, von der bösen Stiefmutter vergiftet; da fand der Königssohn Aschenbrödel im Haus der häßlichen Schwestern, weil ihr allein der goldene Schuh paßte.

Da saß Frau Holle im Brunnen und fackelte nicht, die Guten zu lohnen, die Bösen zu strafen; und wenn ihre Magd das Bett schüttelte, dann schneite es in der Welt.

Kinder- und Hausmärchen hießen die hessischen Brüder das Buch, darin die Wirklichkeit war wie ein Wasser, das eilig glitzernd dahin fließt über die Steine des Grundes, die uralt daliegen und seine gläserne Flut bunt und beharrlich durchleuchten.

Die Kinder sahen hinein mit glänzenden Augen, die Großen standen sinnend dabei: sie freuten sich an der bunten Erscheinung, und ahnten nur fern, daß es der Jungbrunnen war und gegen die jüdische Bibel das Buch der eigenen Herkunft.