Als Mozart, der Meister des großen Wohllauts, starb, war das Jahrhundert der Pompadour aus; die Blutrache der Freiheit hatte in Frankreich begonnen, als Beethoven kam, dem Menschengeist die bräunliche Stimme der Erde zu bringen.
Musikanten aus Holland waren die Seinen, in Bonn dem Kölner Kurfürsten dienend; aber den Enkel und Sohn verlangte nach Wien, wo Mozart den Zauberstab hielt, wo Haydn, der unerschöpfliche Meister, Musik machte.
Mozart war tot, als Beethoven kam, Haydn nahm sich des rheinischen Jünglings an wie ein Vater; er führte ihn ein in das große Orchester und in die sinfonische Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und Klarinetten.
Beethoven wurde, wie Mozart es war, ein Meister auf dem Klavier – nur daß er tief aus der braunen Dämmerung kam, indessen jener im hellichten Morgenrot ging – wo er sein trotziges Spiel hören ließ, wurde der Menschengeist wach, seinen eigenen Atem zu spüren.
Da brach in die Säle von Wien, in die Kerzen und goldenen Stühle der Menschentrotz ein und ballte die Fäuste, lachte und weinte, wo leichtes Gelächter, wo Seufzer und Rührung und spöttische Heiterkeit war.
Aber das Schicksal schlug den gesegneten Mann, seine Macht zu erhöhen: es nahm ihm sein Ohr und nahm ihm sein Spiel, es führte ihn heim aus dem rauschenden Beifall der Hörer in die einsame Stille der Taubheit.
Da saß der unselig gesegnete Mann noch immer an seinem Klavier und glaubte zu hören, was nur die Brandung der Seele, was nur das Meer der Gefühle im Sturm seiner Leidenschaft war.
Abgelöst von der irdischen Wirklichkeit seiner Töne schrieb er Musik, die seine Ohren nie hören, die seine Seele nur aus den Noten ablesen konnte.
So sank er hinein in die Gründe, darin er allein mit seinem Trotz das Leben bestand: ein Titan war unter die Menschen verbannt, den sie wie Donner und Blitz, wie sausenden Wind und rauschendes Wasser verstanden; nur ihre Antwort hörte er nicht.
Er war den Göttern verfeindet wie alle Titanen, er haßte ihr neidisches Wesen und daß sie dem Geist sein trotziges Tun hochmütig mißgönnten; er brachte den göttlichen Funken in seiner Musik zu den Menschen, daß ihnen die Götter Rede stehn mußten.
Haydn, der heitere, hatte den Jüngling das große Orchester gelehrt, aber die Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und Klarinetten war nur ein reicherer Wohlklang gewesen: nun brauste der Geist in die Fülle, da Beethoven, der taube Meister in Wien, den Sinfonien der Menschheit die ewigen Noten hinschrieb.
Da war kein Himmel und war keine Hölle, nur die Urgewalt der Natur, und der Menschengeist war ihr selbstherrlicher Meister.
Er konnte schwellen, wie der Frühling die Knospen schwillt, er konnte den Bogen bauen über die Berge, er konnte stürmen und stürzen, wie Hochwasser im Alpental stürzt, er konnte breit und gewaltig sein wie das Meer und konnte in seinen Wellen den Sonnenball fangen.
Seliges Spiel und trotzigen Aufruhr, schmerzliche Sehnsucht und drohende Kraft, blutrote Trauer und weißglühenden Zorn: alles schrieb Beethoven hinein in das Bibelbuch seiner Musik.
Und als er am Ende war seiner irdischen Tage, als er die Summe zog seines gewaltigen Lebens, als er die letzte schrieb seiner neun Sinfonien, schwoll Menschengesang in die Geigen und Hörner: über die trotzige Leidenschaft hin rauschte die Urmacht der Freude.
Sie war nicht aus der Gunst der Götter geboren, sie floß nicht hinein in das Menschenland, wie ein Bach blumige Ufer und blinkendes Wellenspiel bringt.
Die trotzige Hand des Titanen hatte das eigene Herz aufgerissen; da war es kein Blut, kein Feuer und Wasser, da waren es Ströme des Geistes, einmal den Jüngern in einer Taube vom Himmel gebracht und nun die Erde mit Allgewalt füllend.
Die Blutrache der Freiheit
An einem Julitag stürmte das Volk von Paris die feste Bastille, die uralte Zwingburg des Königs und das Gefängnis all seiner Feinde.
Der Staat, das bin ich! hatte der Sonnenkönig geprahlt; als danach der Herbst den Park von Versailles zu färben begann, holte das Volk von Paris sich den König als Geisel; der von Gottes Gnaden regiert hatte, mußte dem Parlament die Verfassung beschwören.
Und als die Fürsten Europas mit ihrer Heeresmacht kamen, dem Thron in Frankreich zu helfen, flammte das Volk der Franzosen auf und war ein gewaltiger Brand vor den Söldnern der Fürsten: bei Valmy mußte das preußische Heer den unrühmlichen Rückzug beginnen.
Seitdem war Frankreich die Schmiede der Völker; der Untertan wollte der freien Gemeinde und ihrer vergessenen Herkunft die dreifache Pflugschar der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schmieden.
Die Schmiede stand in düsterer Glut, und der Widerschein schreckte die Sippe der Fürsten; denn vor der Gleichheit und Brüderlichkeit kam die Blutrache der Freiheit.
Sie kam nicht über das Land, wie ein zärtlicher Morgen im Frühling endlich den Sonnenschein bringt, sie brach aus den Tiefen und war der Haß des entfesselten Volkes und seine Rache.
Als die Pariser den Freiheitsbaum pflanzten, als sie die adligen Herren, Junker und Pfaffen, zu jagen begannen wie Freiwild, als sie den König köpften trotz seiner geheiligten Krone und die Königin mit ihm: wollte die blasse Furcht an den Höfen den Übermut von Jahrhunderten rächen.
Tod den Tyrannen! hatte der Dichter der Räuber gerufen, nun trat sein Ruf in den Tag und hatte ein Fallbeil zur Hand: im grausigen Takte seiner Schläge fielen die Köpfe, und adliges Blut floß im Unrat der Rinnen.
Gewalt riß Gewalt aus den Händen, Rache rief Rache, und Mord fiel auf Mord, bis das blutige Maß voll war.
Danton, Marat und Robespierre hießen die Hyänen der Freiheit, ihr heißes Geheul schrie sich heiser, ihr hungriges Maul fraß sich satt, bis es im blutigen Schaum erstickte.
Über dem Abendland stand in Paris das Fallbeil böser Vergeltung; im schaurigen Takt seiner Schläge mußte das neue Blut das alte abwaschen, weil die Gewalt der Freiheit zuvor kam, weil die Gerechtigkeit ihre ewige Gleichung aus schuldiger Menschenhand nahm.
Bonaparte
Die Freiheit ging den Weg der Gewalt, und die Gewalt sank in Blut und Verbrechen; da sie am Ende stand ihrer Schrecken, kam der Gewaltherr, sie zu vollenden.
Es war ein Tag in Paris, da die Scharfrichter der Macht ein kaltes Herz und eine grausame Hand brauchten, als der Korse mit seinen Kartätschen über sie kam, die Freiheit zu retten.
Napoleon Bonaparte war er geheißen; als danach ein Maitag der staunenden Welt sein Bild zeigte, wie er, die Fahne kühn in der Hand, im Kugelregen die Brücke von Lodi gewann, rief der Ruhm seinen Namen aus wie einmal den Prinzen Eugen.
Nie hatte ein Meister des Krieges kühnere Dinge getan, als da der Korse den Dreitagekampf um Arcole bestand: in Hunger und Lumpen gewann seine Schar, ein Heer kaum zu nennen, den lombardischen Krieg, weil sein Genie ihren Todesmut führte.
Und seit den Kreuzrittern hatte kein Abenteuer das Abend- und Morgenland so erfüllt wie seine tollkühne Fahrt nach Ägypten, da er die Türken bei Abukir schlug.
Und uraltes Glück des Kühnen wurde lebendig, da der Sohn des korsischen Advokaten heimkam, den Scharfrichtern der Macht in Paris sein Schwertherrenglück aufzuzwingen.
Als Konsul von Frankreich zog der Sieger von Lodi, Arcole und Abukir ein in das Königsschloß der Bourbonen, daraus die Häscher der Freiheit Ludwig den Sechzehnten auf das Schafott holten; er aber war geschützt durch das Bajonett seiner Grenadiere.
Zehn Jahre hatte die Freiheit Tod den Tyrannen geschrien und war eine Mutter gewesen, die ihre eigenen Kinder verzehrte; als die Zeit der neuen Gewalt reif war, saß der Korse darauf und regierte.
Napoleon
Wie Samuel der Priester vor Saul, zog einmal Stephan der Papst hinaus ins gallische Land, Pipin, den fränkischen König, zu salben.
Der Pontifex maximus suchte das nordische Schwert; und als der gewaltige Sohn des fränkischen Königs nach Rom in die Christmesse kam, grüßte die Priesterklugheit Carolus Augustus, den römischen Cäsar, weil ihm das Abendland untertan war.
Der König der Deutschen war Kaiser jahrtausendlang, der Turm des Reiches stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der Völker wehte die Kaiserstandarte.
Aber die Habsburger stellten die Kaiserstandarte auf ihre Hofburg in Wien, die Habsucht der Fürsten und Herren fraß das Reich leer, bis ihm der Schwur von Loreto den Untergang brachte.
Als der große Krieg aus war im Frieden zu Münster, herrschte Ludwig der Vierzehnte, Habsburg zum Hohn und dem Reich zum Raub, über das Abendland: nun aber kam der Sohn der Gewalt und wurde in Wahrheit Kaiser.
Als er sich selber in Frankreich die Krone aufsetzte, der kühner als Cäsar und stärker als Karl war, kam der Papst demütig aus Rom, ihn als Kaiser zu salben.
Zum letztenmal glühte der Bogen, den Kaiser und Kirche über das Abendland spannten, aber der Sohn der Gewalt hielt seine feurige Pracht allein in der Hand.
Er machte die Fürsten zu seinen Vasallen, und als er in Erfurt sein Maifeld abhielt, mußten die Könige von Gottes Gnaden demütig erscheinen, sich ihrem Kaiser zu beugen.
Er nahm auch der Kirche die weltliche Macht aus den Händen und hieß die Bischöfe wieder die geistlichen Hirten der Gläubigen sein: so wurde der Bogen zerbrochen, den Kaiser und Kirche ein Jahrtausend lang über das Abendland spannten; so fing die neue Zeit an.
Der Rheinbund
Als die Söhne Ludwigs des Frommen das karolische Reich unter sich teilten, nahm Lothar das Land in der Mitte.
Es war nur ein schmales Band von der kalten Meerküste über die Alpen hinüber nach Welschland; aber der Rhein zog seine reiche Straße hindurch, und die Kaiserkrone hing an dem Band.
Lothar, der Kaiser, war schwach und ging in ein Kloster; die stärkeren Brüder im Westen und Osten zerschnitten das Band, aber sie konnten die Krone nicht teilen.
Wer den Rhein hatte, der hatte das Reich: hier war der goldene Schlüssel der Macht, hier saßen die Kurfürsten von Köln und Trier und der von Mainz, der Kanzler der Reichsherrlichkeit, hier zogen die Heerschilde auf, den Kaiser zu wählen, hier hielten die mächtigen Städte von Straßburg bis Utrecht dem Kaiser die Tore geöffnet, wenn die Fürsten ihm trotzten.
Hier stand der Aachener Krönungssaal, hier waren die Kaisergräber in Speyer, hier hielt Barbarossa das herrliche Maifeld, ehe den Herrscher des Abendlands sein Ritt ins Morgenland führte.
Hier wurde Rudolf von Habsburg, der Graf aus dem Aargau, nach schmählicher Zeit König der Deutschen; aber sein karges Geschlecht verriet den Rhein und das Reich um die Habsburger Hausmacht im Osten.
So kam Lothars Reich zum andernmal in den Streit der stärkeren Brüder von Osten nach Westen: Wien und Versailles kreuzten die Schwerter über dem Rhein um die Krone.
Ludwig der Vierzehnte brach einen Stein aus dem Stirnreif: die wunderschöne Stadt Straßburg; er kaufte die rheinischen Fürsten mit Gold und Gunst gegen das Reich und den Kaiser.
Alliance du Rhin hieß er das listige Bündnis, aber es blieb eine teure Gunst der Minister, bis das Schwert Napoleons kam und eine billige Vasallenschaft daraus machte: er aber hieß es den Rheinbund.
Das linke Ufer Lothars nahm er zu Frankreich, dem rechten setzte er Fürsten nach seiner Laune: Vasallen trugen die Kronen, die er verschenkte im Rheinbund, Vasallen mußten ihm Heerfolge leisten gegen den Kaiser.
Denn noch hielt dem Korsen Habsburg stand, und nie war es so tapfer wie nun im Unglück gewesen; erst als ihm die Sonne von Austerlitz unterging, blutig rot im Dezember, losch die letzte Reichsherrlichkeit hin.
In Regensburg trat der Gesandte von Frankreich den kläglichen Rest des Reichs auseinander; da wurde der Thron leer, der durch ein Jahrtausend die Mitte der Welt war: der Kaiser von Österreich blieb der Fürst vielerlei Völker, aber er war kein Herrscher des Abendlands mehr.
Die reiche Straße des Rheins wurde die Grenze der Mächte im Westen und Osten; aber versunken im Strom lag die Krone der alten Kurfürstenmacht.
Die Fürsten im Rheinbund feierten fröhliche Feste, sie waren der alten Kaisermacht ledig; daß sie Trabanten des neuen Cäsars waren, störte ihr Eintagsglück nicht.
Jena und Auerstädt
Indessen der korsische Hammer das faule Gebälk der alten Reichsherrlichkeit einstürzen machte, gedachte der König von Preußen das seine zu retten.
Torheit und Dünkel blähten sich auf dem Mist, als ob noch immer der Große in Sanssouci säße; aber der Fuchs sprang dem Hahn an die Gurgel, da er am stolzesten krähte: bei Jena und Auerstädt ließ der preußische Hochmut das Feld und die Federn.
Seit Roßbach hatte die deutsche Erde nicht mehr so eilige Flucht gesehen und seit Straßburg nicht mehr solche Schande, als da nun der preußische Hochmut den Ladestock schluckte.
Wie eine Hasenjagd ritten die flinken Husaren die leichte Verfolgung: ihrer zwölf fingen fliehende Heerhaufen ab; die starken Festungen fielen vor einem Trompetenschall hin.
Von Greisen geführt und von Feiglingen verraten, mußte der Grenadier den Gamaschendienst büßen; bevor ein Monat ins Land ging, war das preußische Land voll Franzosen.
Weit über die Weichsel hinaus nach Tilsit und Memel mußte der preußische Königshof fliehen; wenn nicht der Zar aus dem russischen Winter den zitternden Händen seinen starken Arm reichte, verlor der König von Preußen sein Land und den Thron.
In Tilsit wurde der schimpfliche Krieg mit einem schimpflichen Frieden beschlossen: auf einem Floß über den kalten Memelfluß traten Kaiser und Zar zueinander und hießen den König von Preußen abwarten, was aus dem Handel der Mächtigen für ihn übrig bliebe.
Er durfte sich weiter König von Preußen heißen, aber die Hälfte des Landes ging ihm verloren; und was er behielt, gehörte ihm nur als Vasallen.
Mut und Verwegenheit, Glück und Geschick hatten den Spötter von Sanssouci groß gemacht unter den Fürsten; Degen und Schärpe aus seiner Gruft nahm sich Napoleon mit, weil er als Gunst des Glücks und als Verwalter der Verwegenheit sein Nachfolger war.
Der Tyrann
Der Spötter von Sanssouci war ein Meister der klugen Beschränkung: er band den Ruhm an sein Schwert, er mehrte die Macht seines Staates, und blieb im Reich, der er war, der König von Preußen.
Aber der Korse war Kaiser geworden, wie Kolumbus Amerika fand; sein Ozean war der Aufruhr gewesen, sein Schiff die Soldatengewalt.
Der Kaisermantel umhing seine Schultern, der Papst salbte sein Haupt mit Öl: aber er blieb der Sohn der Gewalt, und die Gewalt konnte den Namen der Freiheit nicht leugnen, damit sie zur Welt kam.
Den Sohn der Hölle hießen sie ihn, denen die alte Zeit den Himmel auf Erden vorstellte, da die Willkür der Höfe und adligen Herrn die Völker regierte, da der Bürger und Bauer Untertan war.
Der Sohn der Hölle mähte die höfische Herrlichkeit nieder, vor seiner Sense sanken die falschen Vorrechte hin: den Junkern nahm er die geistlichen Pfründen, den Pfaffen zog er das Weltfürstenkleid aus.
So war der Zauber der Freiheit um seine Taten, die Herzen der Jugend flammten dem Sieger von Lodi und Austerlitz zu, im Abend- und Morgenland galt er der Held und Türhalter der neuen Zeit, die dem Sohn der Gewalt das Recht zuerkannte.
Die aber die Pfründen verloren und die das Weltfürstenkleid ausziehen mußten, blieben die heimlichen Herren der Welt, trotz seiner Kanonen; sie waren dem Aufruhr der Freiheit gewichen, dem Zwingherrn der neuen Gewalt wichen sie nicht: Junker und Pfaffen hielten den alten Bund gegen den Korsen, der Papst in Rom war ihr Meister.
Als der Sohn der Gewalt an den Kirchenstaat rührte, als er den heiligen Vater gefangen nach Frankreich zu bringen befahl, stand das katholische Bauernvolk auf, den Junkern und Pfaffen gegen den Sohn der Hölle zu helfen; und als er nach Erfurt zum Fürstentag fuhr, das Maifeld der neuen Kaisermacht prahlend zu feiern, fuhren die bösesten Nachrichten mit.
In Spanien und Tirol fing der knisternde Brand allmählich lichterloh an zu brennen, über das Abendland fielen die Funken; da mußte der Meister der Macht bekennen, daß die Herkunft mächtiger war als seine Kanonen.
Der die Throne Europas verschenkte und die Fürsten Vasallendienst tun hieß, warb um die Kaisertochter in Wien; die Unsicherheit seiner Macht zu verankern, beugte der Sohn der Gewalt sich vor dem Recht der Geburt.
Er war im Namen der Freiheit gekommen, und Frankreich hatte im Namen der Freiheit die Jugend Europas begeistert; nun beugte der Korse sein Knie vor der geheiligten Herkunft der Krone: die Jugend sah den Verrat und grollte dem neuen Tyrannen.
Andreas Hofer
Der Sandwirt war er geheißen, Händler und Wirt im Tal von Passeyr, aber er kannte den Krieg als Hauptmann der Schützen und galt in Tirol mehr, als ein Landmann sonst unter Landmännern gilt.
Als die Hofburg den Aufruhr der Bauernschaft brauchte, rief sie den Sandwirt nach Wien; der Erzherzog selber hörte dem mutigen Mann herablassend zu.
Napoleon hatte Tirol dem König von Bayern geschenkt; aber – so ging die Rechnung der Hofburg – ein Aufstand der Bauernschaft sollte dem neuen Krieg gegen den Korsen Urgewalt geben, das Volk selber sollte das Land von Tirol für Habsburg befreien.
Andreas Hofer, der Sandwirt geheißen, glaubte den Herren in Wien, weil er ein Mann aus Tirol war; als er wieder daheim saß im herbstlichen Tal von Passeyr, sah seine Wirtschaft seltene Gäste, und als im Frühjahr die Laufzettel das Aufgebot riefen, war er mehr als ein Hauptmann der Schützen.
Am Sterzinger Moos fing er sein Tagwerk an, und als er die Schlachten am Iselberg schlug, machte der Sandwirt sein Wort wahr: Tirol war befreit, und die Herren in Wien konnten den Treueid der Landschaft empfangen.
Sie sparten nicht in der Habsburger Hofburg, die Gesandten der Bauernschaft zu beehren; der Kaiser selber gab ihnen gnädig sein Wort mit, niemals Frieden mit Frankreich zu machen, es sei denn, daß auch Tirol wieder zu Österreich gehöre.
Als aber den Herren in Wien bei Wagram ihr kurzes Kriegsglück fehl ging, als sie von dem Korsen Waffenstillstand begehrten, dachten sie nicht an ihr Wort: die Bauernschaft war von Habsburg verlassen, Bayern, Franzosen und Sachsen rückten mit Übermacht an, den Trotz der Tiroler zu brechen.
Doch hatte der stolze General Lefebvre die Rechnung ohne den Sandwirt gemacht: wieder am Iselberg wurde sein Heer von den herzhaften Bauern geschlagen, und nun war Tirol zum andernmal frei für sich selber.
Der Kaiser saß im Käfig der Hofburg, und auf den Straßen nach Wien ritten die flinken Husaren von Frankreich: so mußte der Sandwirt auf eigene Faust Herzog und Fürst der Bauernschaft sein.
In der Hofburg zu Innsbruck hielt er mit seinen Getreuen dem Land die Regierung; ein Bauernwirt aus dem Passeyr trotzte dem Sohn der Hölle und war die Hoffnung der deutschen Herzen im Reich.
Aber es buntete nur ein Herbst vor dem Winter: als im Frieden zu Schönbrunn das Kaiserwort log, als Habsburg Tirol an Bayern abtrat, als die Übermacht kam von Norden und Süden, war das Glück der Bauernschaft aus.
Sie sperrten die Täler mit Ketten, sie rollten die Steine von den Bergen, sie riefen das Land zur letzten Wehr auf und mußten in Brand und Blut zuletzt doch ersticken.
In einer Alphütte hoch im Passeyr saß Hofer der Sandwirt lange verborgen, aber ein Judas verriet ihn um Geld, und die Häscher fingen den Starken.
Er blieb auch im Unglück der mutige Mann; als er in Mantua fiel unter den Kugeln der Feinde, aufrecht und stolz, weil er ein gläubiger Mann aus Tirol war, wurde er groß im deutschen Gedächtnis.
Das aber geschah zu der Zeit, da der Habsburger Kaiser in Wien seine Tochter dem Korsen verlobte.
Luise
Eine Prinzessin aus Mecklenburg wurde in Preußen Königin; ein Kind fast noch, als sie im Brautwagen kam, und eine junge Mutter, als sie nach harmlosen Jahren harmvoll dahin ging.
Goethe hatte an ihre Jugend gerührt, Anmut und Frohsinn waren um ihre Tage gewesen, da sie in Paretz die liebliche Gutsherrin spielte, bis ihr der Sturmwind das Kartenhaus umblies.
Da mußte die Gutsherrin Königin werden, und alle Schmach, die auf Preußen fiel, legte Herzeleid über die Frau, die so stolz wie schön und so stark wie anmutig war.
Eine böse Winterfahrt war es nach Königsberg von Berlin, und die flinken Husaren ritten den Wagen des flüchtenden Hofes dicht auf der Spur; in Memel erst, wo die russischen Weiten sie schützten, konnten sie bleiben und warten, was dem preußischen Land und seinem König von dem Korsen geschähe.
Die Königin haßte den Sohn der Hölle wie eine Kröte, die ihr das Sonntagsglück störte, und mußte ihm doch die zitternde Hand geben, als ihre Anmut Napoleon dargereicht wurde, seinen harten Sinn zu erweichen.
Die kalten Stunden in Königsberg konnte ihr Stolz nicht mehr vergessen; viele Feinde hatte der Korse im Abendland, aber kein Haß zog ihre Herzen so an wie die preußische Königin: so kam es, daß Preußen zum andernmal den deutschen Geist zu erheben vermochte.
Der Spötter von Sanssouci hatte den Jubel von Roßbach geweckt und hatte den Staat der preußischen Pflicht gegen die Habsburger Hofburg gerichtet; Dünkel und Leichtfertigkeit hatten die Erbschaft verschleudert, und ein dürftiger König hatte sich seines Ruhmes vermessen: nun war eine Frau in das Leid und das Frühlicht der jungen Erhebung gestellt.
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte die Stimme in Frankreich gerufen, die Herzen der Völker hatten sie jubelnd vernommen: aber Napoleon hielt im Namen der Freiheit die Ernte und war ihr zum Hohn ein Sohn der Gewalt.
Eine andere Freiheit lehrte in Königsberg Immanuel Kant und band die Willkür in Pflicht: so wurde dem Korsen eine reinere Feindschaft bereitet als die der Junker und Pfaffen, und ihre Priesterin wollte die preußische Königin sein.
Kant
Der Sohn eines Pietisten und Sattlers in Königsberg sollte als Pfarrer studieren, aber die Wissenschaft lockte ihn mehr als die Kirche, ihre dogmatische Enge konnte ihm keine Lebensluft sein.
Alles, was es zu lernen gab, lernte der Jüngling; nichts lag ihm so fern, daß er nicht seinen Eifer daran versuchte, nichts lag ihm so nah, daß er nicht seine Lust daran büßte, Wesen und Sinn zu erkennen.
So konnte Immanuel Kant in der täglichen Welt nichts als ein Hofmeister werden: neun Jahre lang mußte der Sohn des Sattlers auf mehreren Gütern sein Dasein dienend hinbringen; aber der Sohn des Pietisten hatte schon früh die Tugend geübt, an der Täglichkeit nicht zu leiden.
Als er dann wieder nach Königsberg kam, lehrend zu lernen – ein ältlicher Jüngling, aber gesellig und heiter – kam schon der Ruf mit ihm, daß er schärfer zu denken und mit helleren Worten von seinen Gedanken zu reden vermöge als sonst ein Professor.
Das war im selben Jahr, da der Spötter von Sanssouci den großen Krieg plante; und bis der Stern Napoleons stieg – fast ein halbes Jahrhundert – blieb Kant in Königsberg, lehrend und lernend, und wurde ein Licht, das Abendland zu erhellen.
Lächelnd von Liebe und Weisheit hatte der Zimmermannssohn die Freiheit der Seele gelehrt, und daß ihr heimliches Reich jenseits der Wirklichkeit wäre und höher als alle Menschengewalt.
Aber die Kirche des Juden aus Tarsus hatte das Kreuz vor die Lehre gestellt, hatte der gläubigen Seele Lohn und Strafe verheißen und zwischen Himmel und Hölle ihr Gnadentor der Erlösung gebaut.
Ein Jahrtausend und mehr hatte sein Wahnreich der Priester die Menschheit in Hoffnung gehalten, selige Schauer und fromme Verzückung, Furcht und Zittern verzwickter Gedanken waren um seine Himmels- und Höllenverheißung gewesen.
Bis endlich der Menschengeist wieder erwachte, lieber zur Hölle zu fahren, als daß er sich in den Himmel der Priester hinein glaubte: Zweifel und Trotz stellten die uralte Frage der Wahrheit, und die Wirklichkeit gab grausame Antwort.
Die Wirklichkeit war die Notwendigkeit der Natur und die Unabänderlichkeit ihrer Gesetze; ihr galt der Mensch nur ein Ding und ein Tier und alles, was er zu denken, fühlen und ahnen vermochte, stand im Zwang ihrer Gleichung.
So konnte der Menschengeist nur seine Unfreiheit erkennen, und all seine Wissenschaft baute nur an der Mauer dieser Erkenntnis um ihn; aber der Sohn eines Sattlers in Königsberg wurde zum andernmal sein Erlöser, er öffnete ihm die verschüttete Tür in der Mauer und machte ihn frei von der Wirklichkeit seiner Sinne.
Alle Erkenntnis der Wirklichkeit war gebunden an Raum und Zeit, und alle Gesetze ruhten darin wie die Tür in der Angel; aber Raum und Zeit hafteten nicht an den Dingen, sie waren dem Menschengeist eigen, Ordnung in die Erscheinung der Sinne zu bringen.
Die Tafeln des Gesetzes kamen nicht aus der Wirklichkeit, der Menschengeist schrieb sie ihr vor, und die vermeintliche Ordnung der Sinnenerscheinung war seine Schöpfung der Welt.
Das war die Tür, die Immanuel Kant aus dem Zwang der Wirklichkeit fand, aber sie führte in keine Willkür hinaus; denn dem Menschengeist war das eigene Reich eingeboren, darin er von aller Sinnenwelt frei blieb, um seiner eigenen Wirklichkeit tiefer verpflichtet zu sein.
Gut und böse in seinem Willen zu scheiden, aus seiner Vernunft allein die Pflicht seiner Tat zu empfangen: war seine Wirklichkeit unter dem Wasserspiegel aller Erfahrung, war seine Wahrheit und Freiheit.
Nicht anders als einmal der Zimmermannssohn hatte Immanuel Kant den Weg und die Pflicht der Freiheit gefunden, nur daß er die Gnade der gläubigen Seele nicht kannte, daß er im Frage- und Antwortspiel seiner Gedanken der friedlose Menschengeist blieb.
Und daß er nicht ging auf den Straßen zu lehren, lächelnd von Liebe und Weisheit, daß er im Tempel der Schriftgelehrsamkeit blieb.
Wie ein Städtebaumeister Straßen und Plätze, Häuser und Gärten in seinem Grundriß bestimmt, wie er die Willkür ausschaltet und jedem Teil seinen Platz im Ganzen erzirkelt, so gab er dem Menschengeist seinen Plan, sich gegen Gott und Welt den Tempel der Freiheit zu bauen.
Er wurde sehr alt und ein schlohweißes Männchen und mußte das klägliche Schauspiel erleben, daß ein Minister im Namen des Königs von Preußen ihm Lehre und Schrift unterband.
Als er gestorben war, trugen Studenten den Sarg in den Dom, und alle Glocken in Königsberg läuteten seinem Leichnam zu Grabe, wie wenn der heimliche Herzog in Preußen zum ewigen Schlaf einginge.
Aber ihm war das ewige Leben gesegnet: sein Werk war bestellt, sein Plan war vollendet, neben den heimlichen Gärten der Seele den sichtbaren Tempel der Freiheit zu bauen.
Fichte
Als Napoleon Preußen zerschlug, als er nach Königsberg kam mit seinen flinken Husaren, war Kant schon begraben; aber die Lehre des Meisters hatte ihr leises Leben begonnen, indessen der laute Schritt des Eroberers über das Abendland ging.
Stark wie jemals ein Kaiser hielt er sein Schwert über die Fürsten und Völker Europas, aber die stärkeren Mächte der Herkunft boten ihm Trotz, und nun kam die stärkste, ihn zu bezwingen.
Denn stärker als je ein Schwert war, stärker als Herkunft und stärker als Herrschsucht und Haß der Bedrückten, stärker als alle Macht in der Welt ist der Geist, der um die wahre Freiheit zu ringen beginnt.
Eines Leinewebers Sohn aus der Lausitz war durch Armut hinauf in das Licht der kantischen Lehre gestiegen; weil er kein Weiser der Wissenschaft war wie der Meister, nahm er die Fackel zur Hand, das Licht aus dem Tempel zu tragen.
Sei dir selbst alles, oder du bist nichts! stand in den Flammen geschrieben, damit er den Brand in die Herzen der Deutschen zu bringen gedachte; denn Fichte war aus dem Weltbürgertraum seiner Zeit und der eigenen Jugend in den Entschluß der völkischen Pflicht eingegangen.
Nur Ewiges könne der Mensch wahrhaftig lieben, Dauerndes tun und bewirken, sei die innerste Mahnung und Lockung all seiner Wünsche: Dauer allein könne dem Menschen nur werden im Dasein des Volkes, darin sein einzelnes Leben mit Herkunft, Sprache und Sitte unlösbar in Dankespflicht sei.
So war die Lehre der freien Pflicht tapferer Wille geworden, dem irdischen Dasein redlich zu dienen, statt jenseits der Dinge das selige Leben zu suchen; Fichte, der furchtlose Mann, zögerte nicht, die Lehre als Tat zu erfüllen.
Indessen die Straßen Berlins von dem Schritt und dem Hörnerschall französischer Bataillone widerhallten, indessen Spione das Wort und die Haltung des Bürgers allerorts überwachten, stand er am Pult, von Deutschen für Deutsche schlechthin seine mutigen Reden zu halten.
Er sah und wußte, das deutsche Volk war die Spreu seiner Ernte geworden; aber die Ernte, zerstreut und verzettelt, war noch zu retten, wenn sich der Deutsche treu und tapfer zu seiner Herkunft bekannte.
Er sah und wußte, über das deutsche Volk waren Schmach und Schande gekommen, aber sein Unglück war Schicksal; es mußte sich wenden, wenn der Deutsche seine Sendung im Dasein der Völker erkannte.
Daß dieses geschähe, mußte ein junges Geschlecht das alte ablösen, mußte Erziehung zur deutschen Gesinnung die Abrichtung brauchbarer Untertanen ersetzen.
Er wurde nicht müde, der mutige Mann in Berlin, die neue Gesinnung zu fordern; wie die drei Könige mit ihrem Stern nach Bethlehem kamen, so pries er den Mann, Pestalozzi geheißen, der für die neue Gesinnung das neue Erziehungswerk brachte.
Die Bataillone des Korsen marschierten, und ihre Hörner klangen hinein, als der Leineweberssohn aus der Lausitz die Deutschen aufrief, wieder Deutsche im Schicksal der Herkunft und Sendung zu sein.
Die Stimme des mutigen Mannes verhallte, aber das Wort, einmal gesprochen, fiel als die Saat in furchtsame Herzen und ging als die Ernte der deutschen Gläubigkeit auf.
Pestalozzi
Es war ein Schweizer, Sohn einer Witwe in Zürich, der früher als einer das Elend des Landvolkes sah, wie es in Armut und mühsamer Arbeit sein Leben hinbrachte, wie es unwissend und blöd, abergläubisch, furchtsam und faul in der Fron reicher Stadtleute war.
Er wollte ihm helfen, doch nicht wie ein Reicher an der Kirchentür Almosen gibt: Gerechtigkeit sollte dem Armen das Herz in die Sonne heben, darin er den Reichen mit Groll lustwandeln sah.
Aber Gerechtigkeit kam, das mußte der Sohn einer Witwe in Zürich frühzeitig erfahren, nicht aus den Herzen der Edlen allein in die Welt: sie brauchte das Schwert und die Waage, Macht und Gewicht, und daß sie den Armen mitwog, mußte er selber gewichtig sein.
Bildung allein könnte den Armen erheben, daß er das seine zu fordern verstünde, Bildung allein machte ihn frei zu den Gütern des Lebens, Bildung allein konnte dem Haus des Unrechts die Treppe einbauen, daß die Stockwerke der Stände und Klassen einander in Menschlichkeit fänden.
Pestalozzi, der Menschenfreund, mußte mit eisgrauem Haar ein Schulmeister werden; im Neuhof und danach in Stans war er ein liebender Vater der Armen und Waisen, in Burgdorf und Ifferten wurde sein zorniger Eifer der Lehrer der Menschheit.
Denn als er den Kindern der Armen die Bildung zu bringen ausging, suchte sein liebender Eifer vergebens die Lehrer; der Gang der Natur, der das Kind aus dem Schoß der Mutter fröhlich ins Leben brachte, fehlte den Schulen der Armen und Reichen.
Schulmeister trieben ihr hartes Gewerbe mit Schelten und Strafen; trockenes Klapperwerk war, wo Liebe und Einsicht, Frohsinn und Freisinn, Vernunft und Methode sein sollten.
So kam es, daß er die Schule der Armen zu suchen ausging, und Armen wie Reichen den Weg der Erziehung fand: das Kind aus den Gärten der Jugend fröhlich ins Leben der Pflicht und Arbeit zu leiten, aus Spiel und Kindersinn das Bild einer neuen Menschheit zu bauen.
Er war ein ärmlicher Greis, dem solches gelang, und seine Werke zerrannen in Streit und Enttäuschung; Sorge, Entbehrung und bitterer Zorn über die Härte, Bosheit und Dummheit der Menschen liefen den langen Lebensweg mit.
Aber die Liebe hielt seinem Alter den Quell des Lebens lebendig, und als er versiegte, strömte sie noch, die Herzen zu rühren: daß dem Geringsten unsterbliche Seele einwohne, und daß es Menschenpflicht wäre und höchstes Ziel der Gemeinschaft, jegliche Seele ins Dasein zu wecken.
Der Freiherr vom Stein
Als die Preußen bei Jena den Krieg und den Kopf verloren, als das Heer in schimpflicher Flucht die Ängstlichen mitriß, als der Hof aus Berlin in Eilwagen floh, tat ein Mann kaltblütig das seine.
Es war ein Freiherr vom Stein bei Nassau und früh in preußischen Diensten; ihm waren die Kassen des Staates anvertraut, und er wußte sie klug und besonnen zu retten.
Der König von Preußen, einfältig und karg, mochte den eisernen Mann nicht; aber die Königin hörte ihm zu, und die Not zeigte mit allen Fingern auf ihn: so wurde der Reichsfreiherr vom Stein in Preußen Minister.
Seit dem Spötter von Sanssouci kam zum erstenmal wieder ein Kopf und ein Herz in die Leitung des preußischen Landes, und ein Wille, anders als jener der oberste Diener des Staates zu sein.
Denn der Reichsfreiherr haßte den dumpfen Betrieb peinlich bezopfter Beamten; ihm war der Staat ein lebendiges Wesen, bestimmt von sittlichen Kräften, und er kannte den Untertan nicht.
Alle Stände und Klassen, Junker, Bürger und Bauern waren als Staatsbürger gleich in Rechten und Pflichten; sie dienten dem Staat als der Rechtsgewalt ihres Volkes.
Weil der Staat die Rechtsgewalt war, durfte er nicht über Knechte regieren; die freie Gemeinde der Bürger mußte sich selber verwalten, wie es in Urväterzeiten das Mannesrecht war.
Und keine Willkür der Junkergewalt durfte den Bauern in Leibeigenschaft halten; auf eigener Scholle, frei von Fron und Gedinge, sollte er wieder der fröhlichen Arbeit gehören.
So kam die Freiheit in Preußen an den Tag, und der sie brachte, scheute kein Dohlengeschrei; über Beamten- und Junkertum kam sein Gesetz, wie der Tag über den Kreuzen und Steinen der Kirchhöfe steht.
Kleist
Ein Stern ging auf über dem preußischen Land, als es noch Nacht war, und schien in den Morgen, und niemand sah seinen Glanz, bis er blutrot verzuckte.
Heinrich von Kleist hieß der Jüngling, der höher als einer in Preußen sein Angesicht hob, und tiefer als einer mit seinen Füßen im Schicksal verstrickt ging.
Er war ein Junker aus altem Preußengeschlecht und diente dem König, bis er im siebenten Jahr den Soldatenrock auszog, bis er die Zucht und die Ehren des Standes verließ, anderer Zucht und anderer Ehren sehnsüchtig.
So hatte Ulrich von Hutten den Stern seines unsteten Lebens durch Länder und Leiden getragen wie Heinrich von Kleist, da er fünf Jahre lang irrte und ruhelos war auf der Erde, die Bahn seines Himmels zu finden.
Den göttlichen Weg der Großen in Weimar und Jena wollte er schreiten, aber sein flackernder Gang wurde kein Schritt; der glühende Geist konnte die Flamme nicht zünden und schwelte in funkelnden Dünsten.
Als er wieder daheim war im preußischen Land, kein Jüngling mehr und doch kein Mann, wie ihn der Tag brauchte, wollte er seinen unsteten Geist in die Täglichkeit zwingen: zwei Jahre lang blieb er im Staatsdienst, schlafwandelnd und stumm, bis ihn der Donner von Jena und Auerstädt weckte.
Flüchtig in Königsberg, gefangen in Frankreich, landfremd in Dresden, schrie er die eigene Wirklichkeit wach, als er sein kühnes Amazonenspiel schrieb, von der Königin Penthesilea, die den Achill liebte im Haß und seinen sterbenden Leib den Hunden preisgab.
Der Alte in Weimar wollte den Dichter der Penthesilea nicht kennen, wie er den Dichter der Räuber nicht kannte: doch wie ein gotischer Turm über ein griechisches Tempeldach wächst, so wuchs dem preußischen Jüngling sein grausames Griechengedicht über das edle Gebälk des Meisters trotzig hinauf in den nordischen Himmel.
Das aber war zu der Zeit, da durch die Herzen der Deutschen der erste Feuerschein ging, dem Korsen das Haus zu verbrennen; Heinrich von Kleist, der Preuße in Dresden, half hitzig den Brand schüren.
Der preußische Junker haßte den fremden Tyrannen; der deutsche Mensch träumte den Traum einer neuen Reichsherrlichkeit: aber der Tag von Wagram zertrat ihm den Haß und den Traum.
Zum andernmal kam er nach Preußen zurück, der Hoffnungen ledig, der Täglichkeit taub, der eigenen Dinge trächtig, wie eine Wolke geschwellt im Abendrot steht.
Ein Genius kam nach Berlin, aber die klugen Bürger der Stadt an der Spree sahen nur einen geschäftigen Mann, der ihnen zum Sonntag das Abendblatt füllte mit Anekdoten und anderer Unterhaltung.
Zwei Jahre lang ließen die kargen Berliner Heinrich von Kleist sein Krümperwerk tun, zwei Jahre noch blieb sein einsamer Geist auf der Erde; er hatte schreiten gelernt wie die Großen in Weimar und Jena, aber sein war der Sturmschritt.
Nur raffen konnte er noch, was ihm die letzte Fülle zuströmte, raffen und aus der Schmiede mühsamer Jahre das köstliche Gut bergen.
Erzählungen hieß er die Schicksalsberichte, darin ein starkes Stück Leben in einer Kette von schmucklosen Worten eng aufgeschnürt war: als ob ein Wanderer, kurz nur zur Rast, von einem Erlebnis mit fliegendem Atem berichte.
Kohlhaas, der Roßhändler von Jüterbog, hatte dem Unrecht der Zeit samt ihren Junkern und Fürsten getrotzt, weil ihm sein Recht das höchste Mannesgut in der Welt war; er hatte den Trotz mit dem Schwert des Henkers bezahlt, und war noch dem Henker zum Trotz Sieger geblieben über Junker und Fürsten.
So waren die Dinge noch nie einem Dichter über die Klinge gesprungen, als da der Junker Heinrich von Kleist den Roßhändler Michael Kohlhaas beschwor, als da er das Schattenbild einer Chronik in ewige Gegenwart stellte.
Aber die seinen Schicksalsbericht lasen, waren der ewigen Gegenwart fern; sie hörten von einem Roßhändler und sahen den Dichter nicht, wie er die hämmernden Worte in einen Marmorstein grub, Urtümliches sichtbar zu machen.
Sie hörten danach sein Spiel vom Zerbrochenen Krug und konnten nicht lachen, weil sie die Seufzer und Sittensentenzen schlechter Schauspieler vermißten, weil der blühende Scherz und derbe Spaß vom bocksfüßigen Richter in Husum ihnen zu handgreifliche Wirklichkeit war.
Sie sahen das Kätchen von Heilbronn um seinen Ritter Ungemach leiden und fanden es dumm von dem Dichter, daß er das rührende Spiel ihrer Liebe in soviel Unheil vertiefte.
Der aber dies alles den Ohren und Augen der Bürger noch hinwarf, ging längst auf dem Messergrat seiner letzten Entscheidung; als er ein armes Menschenkind fand, entschlossen hinunter zu springen, sprang Heinrich von Kleist mit in den Tod, der ihn von der Zeitung, von den Berlinern, von seiner schmählichen Zeit und seiner Enttäuschung in Einem erlöste.
Es war im fünfunddreißigsten Jahr seines Lebens, als Heinrich von Kleist sich mit der Schicksalsgenossin am Wannsee erschoß; die gute Gesellschaft schwieg peinlich betreten, daß es die Frau eines Kleinbürgers war, der sich der Junker im Tode verband.
Zehn Jahre lang blieb sein Gedächtnis vergessen, dann hoben Freunde den Nachlaß und fanden den Schatz, den ein Dichter dem Preußentum schenkte, als ihm sein eigenes Leben in Preußen vergällt war.
Den Prinzen von Homburg hieß er sein Testament, und ob sie es lange mit blödem Gesicht lasen, einmal mußte sein Geist auferstehn, und einmal mußten die kargen Berliner und Preußen erkennen, daß nichts in der Welt diesem Bühnenspiel gleich war.
Klopstock und Herder, Lessing und Schiller hatten um eine Dichtung gerungen, die jenseits des Tages doch seines Wesens innerstes Angebind war, Novalis sank in den Tod, Hölderlin floh zu den Griechen, indessen Goethe, der Leuchtturm in nächtlicher Brandung, über den Zeiten dastand:
Alle sahen den Stern auf ihren mühsamen Wegen; dem er am fernsten stand, und der sich selber als Pfand dem Schicksal einsetzte, ihm wurde sein Glanz erfüllt, als er verzuckte.
Wo der Prinz von Homburg den Tag des Kurfürsten von Brandenburg zur Ewigkeit machte, da wurde im deutschen Geist Preußen, da wurde im Preußengeist Deutschland wiedergeboren.
1812
Den Herrscher des Abendlandes priesen die Zungen; aber vor seiner Tür lag die englische Flotte, auch hielt die russische Mauer den Osten verriegelt: noch waren Napoleon Grenzen gesteckt.
Er aber hieß seinen Sohn in der Wiege den König von Rom und ließ ihm das Zepter darbringen; er wollte die russische Mauer durchbrechen und wollte dem englischen Stolz die Segel absetzen.
Mit einem gewaltigen Heer zog er aus gegen den Osten; die Völker Europas mußten ihm Heerfolge leisten, und als er in Dresden sein letztes Maifeld abhielt, kam der Habsburger Kaiser, kamen die Könige von Preußen, Sachsen und Bayern im Troß der Rheinbundfürsten herbei, ihm zu dienen.
Sie saßen in prahlenden Festen zusammen, sie tanzten und hörten den schmachtenden Versen französischer Schauspieler zu, indessen die Söhne aus allen Gauen der deutschen Landschaft nach Rußland marschierten.
Der Frühling blühte in Polen, und die Fahnen flogen im Sommerwind, als sie das Herzogtum Warschau verließen; aber dann fing die starrende Weite der russischen Unendlichkeit an.
Regen ersäufte die Felder, und eine glühende Hitze kam, den Schlamm auszudörren; Menschen und Pferde erschraken, daß nur noch die Weiten des Himmels über der Öde, daß nicht mehr Wiesen und grüne Alleen, daß nicht mehr Dörfer und Städte fröhliche Zeugen der Menschenwelt waren.
Als sie das Tal von Wilna erreichten, als in der Weite die erste Stadt, als wieder Straßen und Schatten, Stuben und Ställe da waren, hatte die große Armee den russischen Sommer erfahren, und eine lange Rast mußte den Troß der Mutlosen stärken.
Noch aber hatte die Schlacht nicht begonnen, kein russisches Heer schien den Sieger zu hemmen, bis bei Smolensk die Kanonen zu donnern anfingen; tief in die Nacht ging der grausame Kampf, und schon stand das Glück auf der Scheide: als die Franzosen endlich die Brücke genommen, brannte die Stadt und ein Schutthaufen war ihre Rast.
Der Weg nach Moskau stand offen, aber es war nur das Tor ins Verderben: als sie nach täglichen Kämpfen und stündlichen Leiden endlich im Herbst das bunte Getürm über dem unermeßlichen Meer der Dächer erblickten, stand keine Bürgerschaft an den Toren, dem Sieger die Schlüssel zu bringen.
Und als die flinken Husaren zögernd einritten, war die Riesenstadt leer, der Hörnerschall starb an verschlossenen Fenstern und Türen.
Es war schon tief im September, und der weiße Winter lauerte vor den Toren, das rote Blut zu vergelten: in Moskau sollte der Frieden mit Ölzweigen kommen, in Moskau sollte nach böser Entbehrung reiche Winterrast sein, aber da fing die leere Stadt an zu brennen.
In einem Flammenmeer schwamm schon am dritten Tag der düstere Kreml; dem Korsen wurde es heiß auf der Zarenburg, er suchte sich vor den Toren ein kühles Quartier, aber sein Heer konnte die Stadt nicht verlassen.
Denn draußen stand lauernd die Weite, der sie erst gestern entrannen, und aus der Weite hob der russische Winter drohend die Fäuste: sie waren als Sieger mit Hörnerschall eingezogen und saßen schaurig gefangen in der leeren brennenden Stadt.
Ihr Meister und Herr wollte das Unglück noch zwingen, Boten und Briefe heuchelten dem Zaren Friedensbereitschaft; aber der Zar war in der russischen Weite verschwunden, nur seine Heere spannten von Osten den Ring um die Stadt.
Die Sieger von gestern konnten nicht bleiben und mußten zurück, mehr als die hundert Meilen durch das verwüstete Land; schon aber gab der Oktober dem kommenden Winter die eisigen Hände.
Kutusow hieß der seltsame Greis, der dem Rückzug aus Moskau das böse Geleit gab: da war die Weite lebendig geworden, zur Rechten und Linken hielten die russischen Klammern die Flanken gefaßt, von hinten drängten die Lanzen der wilden Kosaken.
Eine geängstigte Herde, von Wölfen gestellt, so wollte die große Armee die Rettung gewinnen, aber der Winter kam früh mit grausamer Kälte: die am Weg blieben, lagen erfroren, und die den Weg fanden durch Hunger und weißen Schnee, tappten täglich tiefer ins Elend hinein.
Noch immer war es ein Heer, das Napoleon führte; an der Beresina verlor er die Zügel: schwarz kam der Fluß durch die gefrorene Weite, und die Brücke war fort; zwei neue wurden gebaut im Feuer der Russenkanonen.
Tausende fanden den Tod in dem trägen Gewässer, tausende fielen unter den Lanzen der wilden Kosaken, tausende wurden gefangen: was im Dezember endlich in Wilna ankam, konnte nicht mehr ein Heer heißen.
Auf einem Schlitten, heimlich und schnell fuhr der Korse nach Frankreich; mancher in Deutschland sah eine vermummte Gestalt, darin er den Kaiser nicht wieder erkannte; und die ihn erkannten, glaubten eher an ein Gespenst, als daß es der Herrscher des Abendlandes wäre.
Denn nur langsam kam das Gerücht von der großen Armee aus dem russischen Winter, und wenige wagten zu glauben, daß die Lumpengestalten wirklich der klägliche Rest und nicht nur versprengte Flüchtlinge waren.
An vielen Häusern klopften sie an, und selten geschah es, daß einer heimkam in Sachsen, Bayern und Schwaben; wo einer heimkam, blieben hundert verschollen.
Die Klage um die verlorenen Söhne fing an zu weinen in Deutschland; aber ein Brunnen brach aus der Tiefe, der alle Klage ersäufte, daß nun der Tag der Vergeltung und das Ende der frechen Fremdherrschaft käme.
Tauroggen
Eine Mühle liegt bei Tauroggen im litauischen Land; da wurde der Treubruch vollzogen, der die Erhebung des Deutschen gegen die fränkische Fremdherrschaft ansagte.
York, der stählerne Mann, hatte das preußische Korps von Riga zurück an den Niemen gebracht; Klinge an Klinge dem russischen Freund, Schulter an Schulter dem fränkischen Feind, blieb er zweideutig zögernd zurück, bis ihn die Russen bei Tauroggen stellten, dann tauschte er die Parole.
Er war Soldat und wußte, er brach seinem König den Eid, sein Kopf war verwirkt in Berlin; aber die preußische Sache wurde in Rußland geführt, und der Reichsfreiherr vom Stein, der Freund und Berater des Zaren, war ihr starker Verwalter.
Ein Jahr lang war der mächtige Mann in Preußen Minister gewesen, dann hatte der Korse den Todfeind erkannt und geächtet: aber sein Testament war die Saat in der preußischen Scholle geblieben.
Jetzt oder nie! so brach der Schrei aus den zornigen Herzen, jetzt oder nie mußte die Zwingherrschaft fallen, jetzt oder nie konnten die deutschen Völker die Freiheit erringen, gegen den fremden Tyrannen und gegen die Feigheit der eigenen Fürsten.
Die in Tauroggen den Treubruch vollzogen, waren Soldaten; sie dienten dem Zaren und dienten dem König von Preußen nach ihrem Eid, und einer war mutig genug, ihn zu brechen: aber sie standen im Schachbrett der Zeit nur als Figuren, geschoben nach einem größeren Plan und einem mächtigen Willen.
Die Landwehr
Der König hielt Soldaten in Sold, und der Untertan diente im Heer, wie ein Knecht sich verdingte; so holte der Spötter von Sanssouci sich seine Soldaten aus allen Winden zusammen, so lagen die preußischen Werber auf der Lauer mit ihrem Handgeld.
Es war aber ein Mann namens Scharnhorst, ein Bürgerssohn aus Hannover, im preußischen Heer durch tapfere Taten und kluge Lehren zu Rang und Geltung gekommen: der trug ein anderes Bild des Soldaten im Sinn, als daß er ein Söldner im Dienst einer Fürstlichkeit wäre.
Soldat sein hieß ihm, die Waffen des eigenen Volkes in Ehrenpflicht tragen, wie es in Urväterzeiten war, da die freie Gemeinde den Jüngling für wehrhaft erklärte, wenn er gesund, unbescholten und mit den Waffen geübt war.
Wie die Schule die Knaben, so rief das Heer die Söhne des Volkes auf in den Krieg – nur die Krüppel und Kranken blieben zu Haus – und wie die Schüler kamen und gingen nach ihrem Alter, so kamen und gingen die Söhne des Volkes, das Handwerk der Waffen zu üben.
Denn nicht mehr um Höfe und Fürsten zog der Soldat hinaus in den Kampf, nur für das Vaterland durfte sein Blut fließen.
So plante Scharnhorst, der Bürgerssohn aus Hannover, das Volksheer; und als der Reichsfreiherr vom Stein den Volksstaat zu bauen gedachte, als er den Untertan aufrief, Staatsbürger zu werden, war Scharnhorst sein Mann, dem Volksstaat das Volksheer zu schaffen.
Auch Scharnhorst waren Spione gesetzt, aber er wußte das Ziel seiner Pläne klug zu verhüllen; sie sahen die Krümper kommen und gehen und merkten nicht, wie er aus Krümpern die Landwehr und aus der Landwehr das preußische Volksheer machte.
Als aber York von Tauroggen kam und mit ihm Stein, der mächtige Mann, als sie zusammen in Königsberg saßen, war Scharnhorst der Dritte im Bund, der Erhebung die Waffenschmiede zu bauen.
Da wurden die Krümper zur Landwehr gerufen; und wie sie kamen mit Bärten und breiten Fäusten, wurde ein anderes Heer als vormals die Söldner: sie standen nicht gut zur Parade mit ihren Schirmmützen und konnten nicht nach dem Dessauermarsch den Stelzenschritt machen, aber sie wollten ihr Vaterland retten und freuten sich auf den Tag, da sie dem Übermut der Franzosen mit deutscher Münze heimzahlten.
Die Erhebung
Indessen die Männer der neuen Zeit Preußen erhoben, saß der König stumm und bedrängt in Berlin; er konnte den Geist der Zeit nicht erfassen und fürchtete eher, daß ihn der Aufruhr verschlänge, als daß er ans Volk glaubte.
Denn immer noch war die französische Hand stark in Berlin; weil Hardenberg aber, sein Staatsminister, die List und die Lüge verstand, ließ er den König vor den Franzosen sein Puppenspiel machen, er aber wußte die Fäden mit Königsberg heimlich zu halten.
Als die Franzosen den preußischen Bundesgenossen noch fest in der Hand zu haben gedachten, war der König, durch Hardenberg listig gewarnt und geschreckt, nach Breslau geflohen.
Da waren die Russen schon nahe, und der Reichsfreiherr vom Stein flog wie ein Geier herzu, den Zagenden zu packen; dem Freund und Berater des siegreichen Zaren konnte der König von Preußen nicht widerstehen: was York zu Tauroggen tat, wagte er selber, er gab dem Gesandten von Frankreich die Pässe und trat in das russische Bündnis.
So war es endlich geschehen, was hitzige Herzen lange ersehnten: der Tag der Erhebung war da und schwoll mit Sturmgewalt an; als der Zar selber in Breslau anlangte, als sich die Fürstengestalten dem wartenden Volk zeigten, dankte der Jubel der Menge den beiden.
Zwar hatte der Herr aller Reußen kürzlich erst so mit dem Korsen gestanden; aber die hinter dem höfischen Hergang den Willen des Reichsfreiherrn vom Stein erkannten, wußten genau: nun hatte der mächtige Mann über bänglichen Widerstand, über Kabalen und Interessen und über die Eitelkeit fürstlicher Schauspieler gesiegt.
Indessen die Fürsten mit ihren goldenen Litzen zur Schau standen, lag er in seiner Kammer, vom Fieber geschüttelt; aber die fiebernde Stirn des Reichsfreiherrn vom Stein behielt den eisernen Willen, und sein jagendes Herz blieb, was es war: das deutsche Gewissen.
Nie sollte wieder, so brannte sein Feuer, Deutschland der fürstlichen Willkür verfallen, nie sollte der Staatsbürger wieder ein Untertan werden; in freier Gemeinschaft sollten die Männer wieder ein Volk sein.
Das war die Flamme, die auf den Bergen rundum als Wachtfeuer brannte, das war der Wind, der aus den Herzen der Jugend die Flammen lohend anblies, das war der Blick, der aus den Augen der Männer in all die wehende Glut schaute.
So war es in Wahrheit ein Tag der Erhebung: das Vaterland hatte den Opferaltar vor seine neue Zukunft gestellt, und wer kein Hundsfott war, eilte herzu, Leben und Gut dem Altar zu bringen.
Die mit goldenen Litzen dastanden, wurden ängstlich darüber, daß die Befreiung zur Freiheit anschwellen möchte; aber der fiebernde Wille in seiner Kammer hatte sie kühn als Figuren in seine Rechnung gestellt, er hatte das Schicksal entfesselt, und Schicksal hieß seinem gläubigen Geist, im Schutz des Ewigen sein.
Leyer und Schwert
Es war ein junger Dichter in Wien, Karl Theodor Körner geheißen, fast noch ein Fant, aber in seiner Kindheit hatte Schiller, der Freund seines Vaters in Dresden, dem Knaben die Locken gestreichelt.
Wie nun die Wolken in Deutschland zu wehen begannen, daraus sich das Ungewitter über Napoleon ballte, ließ Theodor Körner die schöne Braut und den jungen Ruhm in Wien hinter sich, zu den preußischen Waffen zu eilen, obwohl er ein sächsischer Untertan war.
Die schwarze Freischar der Lützower Jäger und Reiter nahm ihn mit den andern Jünglingen auf, die nicht zur Armee konnten, und ihre Eigenlust suchten, das Vaterland zu befreien.
Sie führten den kleinen Krieg zwischen den Kanonen der Großen und hätten mit ihren Waffen allein dem Korsen kaum Schaden getan; aber der Ruhm der schwarzen Freischar umflatterte den Mächtigen, wie die Raben den Bussard.
Und der fast noch ein Fant war und ein Füllhorn leichter Gedichte, sang der Schar seine Lieder, darin die Jünglingslust am reiten, klirren und siegen brauste; darin sich der Frieden wegwarf in den Krieg und der Tand in den Tod; darin das Schwert der Zweck der Hand wurde und die Kugel ihre Tücke verlor.
Bei Kitzen verwundet und, kaum gesund, schon wieder im Feld, sank Theodor Körner bei Gadebusch zu früh in den Tod, mehr als die herrliche Hoffnung des Sieges zu erleben; und die Freunde begruben ihn da unter der Eiche.
Aber die Lieder blieben und wurden nach Frankreich hinein gesungen: Leyer und Schwert hieß das kleine Buch, darin sie gesammelt standen, den Namen des Dichters in alle deutschen Herzen zu tragen.
Denn nun war die Wendung geschehen: nicht mehr geworbene Söldner hatten den Krieg geführt; das Volk war aufgestanden, die Landwehr hatte den Sieg über die fremden Bedrücker errungen.
Nach einem Jahrtausend war das Schwertrecht des freien Mannes wieder zur Geltung gekommen, und Theodor Körner hatte dem alten Schwertrecht die neuen Lieder gesungen.
Blücher
Als die Erhebung des preußischen Volkes Blücher ins Feld rief, war der Feldmarschall schon ein Greis, aber sein Name warf Mut in die Menge.
Blücher allein hatte nach Jena und Auerstädt den Säbel in der Faust behalten; aus flüchtigem Volk raffte er noch ein Heer mit dem Rest seiner Reiter, sich über See mit englischen Schiffen nach Danzig zu schlagen.
Er kämpfte sich durch bis nach Lübeck, er brachte die Wut der Franzosen und unermeßliches Leid über die Reichsstadt und wurde trotzdem gefangen; aber der tollkühne Ritt hob seinen Ruhm aus der Schande.
Wo eine Hoffnung war, je aus der Knechtschaft zu kommen, wurde sein Name genannt; als sein weißer Schnauzbart in Breslau erkannt war, hatte der kommende Krieg seinen Meister gefunden.
Den Marschall Vorwärts hießen die Russen zuerst den fröhlichen Alten, der nie ein bänglicher Zauderer war, der jeglichen Stier bei den Hörnern packte und für den schwankenden Mut der Verbündeten den zornigen Treiber vorstellte.
Denn es ging nicht so rasch in dem Feldzug, wie die preußischen Herzen erhofften; immer noch war der Korse Meister im Feld, immer noch wußte der Kaiser neue Heere zu raffen.
Bei Lützen und Bautzen wurde die preußische Landwehr zweimal geschlagen, und Scharnhorst, ihr Schöpfer, sank in die blutige Mahd; schon fingen die Federn ihr Kritzelwerk an, schon schien den Schwachen der Feldzug verloren.
Aber der Waffenstillstand wurde kein Friede, und als der Kampf im Sommer neu brannte, war die Habsburger Hofburg, zögernd und zweideutig zwar, dem Bund beigetreten.
Da endlich gelang es dem zornigen Marschall, das Wasser auf seine Mühlen zu bringen; an der Katzbach schlug er die erste siegreiche Schlacht über die stolzen Franzosen, und nun blieb das Glück seiner Landwehr günstig, bis sie bei Möckern Sieger der großen Völkerschlacht wurde.
Der Marschall Blücher blieb der zornige Treiber, und eher ruhte sein Ungestüm nicht, bis die Fürsten und Federn seinem Säbel den Weg nach Frankreich freigaben.
Er war kein Meister der langen Berechnung, und er liebte die hohe Strategie nicht; ein Haudegen nur – von Gneisenau, seinem Feldherrn, mit Umsicht geleitet – ritt tollkühn ins Feld: aber den fröhlichen Schnauzbart liebten die Jungen und Alten, weil er aus uraltem Holz germanischer Reiter- und Kriegslust geschnitzt war.
Die Völkerschlacht
Schlimmes hatten die Völker ertragen, und Krieg war gewesen seit Menschengedenken, auf allen Straßen Europas waren die Heere des Korsen marschiert, in vielen Hauptstädten hatten die Hörner den siegreichen Einzug geblasen: nun ballte der Krieg sich zusammen, einmal ein Ende zu haben.
In Sachsen hatte die Meute das korsische Raubwild gestellt, noch schlugen die Tatzen gewaltig, aber schon schweißte die Spur, als es bei Leipzig sein letztes Versteck nahm.
Von Norden, Süden und Osten bedrängten die Heere das Lager, darin der Meister des Schlachtfeldes stand, bereit, seine Gegner zu packen.
Solange die neue Welt war, hatte die Menschheit solche Schlacht nicht gesehen, fünfhunderttausend Soldaten brachten ihr Leben, zweitausend Kanonen brüllten hinein, meilenweit brannten die Dörfer, meilenweit wurden die Felder zerstampft, bis in die brütende Ferne brauste die Erde.
Macht wollte der Macht die Wurzeln ausreißen, aber die Wurzeln hingen im Blut lebendigen Daseins: mehr Leichen lagen um Leipzig, als in der erschrockenen Stadt Einwohner waren, und das Blut der Erschlagenen färbte die sumpfige Pleiße.
Drei Tage lang liefen die Heere an, drei Tage lang spannte der Ring seine gewaltigen Kräfte, bis es am dritten Abend gelang, den Höllenschlund zu umfassen.
Eine Mühle stand auf dem Hügel hinter Probstheida: da saß zur Nacht bei dem flackernden Feuer ein Mann auf dem Feldstuhl, der einmal der Herrscher des Abendlandes war.
Er hatte die Fürsten Europas bezwungen und ihre Throne verschenkt und hatte die Völker mißachtet; er war aus dem Aufruhr der Freiheit gestiegen und hatte die Macht aufgerichtet, nun kam die Freiheit zurück und stürzte ihn selbst als Tyrannen.
Denn die auf dem anderen Hügel jenseits Probstheida am Nachmittag standen, hoch zu Roß und im blinkenden Kreis ihrer Gefolge, die Fürsten von Rußland, Österreich und Preußen, waren nicht seine Besieger.
Sieger war der mächtige Mann, der den Willen des deutschen Volkes entflammte zu einer neuen Reichsherrlichkeit, auf den Staatsbürgerwillen des freien Mannes, nicht auf die Willkür der Fürsten gebaut.
Nicht darum war es die Völkerschlacht, weil vielerlei Völker dem Fürstengebot folgten: die Völker selber rangen darin um Befreiung von einem und vielen Tyrannen.
Als der vierte Morgen aufging über dem brennenden Schlachtfeld von Leipzig, war das Große getan: die Völker hatten die korsische Schwertmacht zerschlagen, der Zwingherr der Macht mußte fliehen, und brausend scholl hinter ihm her der Sturmschritt kommender Freiheit.
Caub
Eine Winternacht hing über dem Rhein, und das alte Gemäuer der Pfalz stand bei Caub in den schwarzen Gewässern; da wurde es seltsam lebendig, viel hundert Kähne lagen bereit, und es klirrte von Waffen.
Blücher, der Feldmarschall, wollte zu Neujahr nach Frankreich hinein, und noch war der Rhein die Grenze.
Schlesier, Pommern und Preußen füllten die Kähne, und als die ersten Schüsse den Neujahrstag weckten, sprangen die bärtigen Männer der Landwehr ans Ufer und riefen Hurra, als ob zum andernmal Völkerschlacht wäre.
Aber nur Grenzwachen und Zollwächter liefen davon vor den Schüssen; denn meilenfern standen die Heere des Korsen im Herzen von Frankreich bereit, die Sieger hart zu empfangen.
So war es nur ein fröhliches Fest, das die preußische Landwehr beging; Neujahr zwischen den Schlachten; aber im neblichten Morgen wurden die Kähne zur Brücke gefügt, und am Mittag begannen die Räder zu rollen.
Ein deutsches Heer ging über den Strom, der einmal die goldene Ader der Reichsherrlichkeit war.
Herrschsucht der Fürsten hatte das Reich der Kaiser verzettelt; der Rhein der alten Kurfürstenmacht mit seinen Domen, Pfalzen und mächtigen Städten war Grenzland geworden, bis ihn die Fürsten des Rheinbunds, Vasallen des Korsen, völlig an Frankreich verrieten.
Nun war mit der korsischen Macht auch das Lumpenglück der Rheinbundfürsten zerschlagen: Deutschland trat wieder seinen Stammbesitz an, über den rheinischen Domen von Köln, Mainz und Straßburg sollte von neuem der Reichsadler wehen.
So riefen die freudigen Herzen Hurra, als sie den Boden jenseits des Rheins am Neujahrsmorgen betraten; das Elend der Fürsten war aus, die Völker und Stämme der Deutschen kamen, die Reichsherrlichkeit neu aufzubauen.