Das Wunder der Völker gelang: die Heere marschierten nach Frankreich, und deutsch war wieder der Rhein.
Aber vom Rhein bis zur Elbe lagen die Länder von ihren Fürsten verlassen, und das Bauernvolk sah die wilden Kosaken von heute nicht freundlicher an als die flinken Husaren von gestern.
Das eroberte Land zu verwalten, war der Reichsfreiherr vom Stein eingesetzt von den Siegern; indessen die Bänglichen noch den Atem anhielten vor dem kühnen Wagnis im Westen, war er geschäftig, das kommende Reich zu gestalten.
Er haßte die Rheinbundfürsten, die nun den Korsen verließen, um ihre Throne und Thrönchen zu retten; er war der deutsche Gedanke und wollte seine Gestalt, daß von Straßburg bis Memel, von der Etsch bis zum Belt wieder ein deutsches Vaterland wäre.
Wie seine starke Hand im Namen der Sieger die Länder aufraffte, so sollte bald wieder über den Völkern die starke Reichs- und Kaisergewalt sein.
Aber nicht mehr ein Kaiser der Fürsten und die vergoldete Puppe nur einer Scheingewalt: eine starke Verfassung sollte ihm zu der Krone das Schwert in die Hand geben, und Träger solcher Verfassung sollte die einige Volksgewalt sein.
So baute der deutsche Gedanke das Reich, indessen die siegreichen Heere in Frankreich das korsische Schreckbild der Fürsten zerschlugen; so träumte die deutsche Erhebung noch ihren herrlichen Traum, indessen die Höfe, des Schreckbildes ledig, das Ränkespiel ihrer dynastischen Hoffart schon wieder begannen.
Der Wiener Kongreß
Die Völker hatten das ihre getan, nun kamen die Fürsten, Ernte zu halten; Napoleon wurde nach Elba verbannt, und die Bourbonen brachten die Lilie nach Frankreich zurück; den Ländergewinn zu verteilen, beriefen die Sieger den Wiener Kongreß.
Da kamen sie alle wieder wie gestern, die gekrönten Häupter der Zeit im Gefolge der Bänder und Litzen; Wien, die üppige Herrin des Ostens, schaukelte endlich die goldene Wiege der Zeit.
Versailles war leer, und Wien sah die Gäste; da strahlte der Kaiser Franz als der bevorzugte Wirt mit den Sälen der Hofburg.
Er war keine Sonne, wie einmal der König von Frankreich den Fürsten Europas das Lebenslicht borgte: ein fleißiger Hausvater schrieb seinen fürstlichen Gästen die Bälle und Tanzweisen vor, das Fest ihrer Wiederkunft fröhlich zu feiern.
Denn wie im Märchen der böse Wolf tot war, und wie die Geißlein sprangen und sangen am Brunnen, darinnen das garstige Tier lag, so wollten die wiedergekehrten Herren ihr Siegesfest halten.
Nie hatte die Stadt an der Donau solchen Jahrmarkt gesehen, als da der Wiener Kongreß im Triumph der wiedergekehrten Vergangenheit die Kränze der adligen Herrlichkeit band.
Zwar hatten die Kronen und Fürsten den Völkern vieles versprochen, aber das war vergessen mit ihrer Not: Untertan hieß wieder der Bauer und Bürger; das Schaubild der neuen Reichsherrlichkeit fraßen die Hunde.
Indessen die Fürsten mit ihrem Gefolge die Freuden des Jahrmarktes genossen, feilschten Minister und Räte in ihren Buden, den Herren mit Ländergewinn die Taschen zu füllen.
Sie waren die neuen Meister der Macht; sie führten den Krieg mit Listen und Kniffen, und ihre beißende Eifersucht wachte, daß keinem die Beute völlig gelang.
Als über die Bälle des Winters die Märzwinde kamen, waren die Mächte im Wiener Kongreß schon wieder feindlich geschieden: hie Rußland und Preußen, hie Österreich, England und Frankreich! waren die Lager geteilt, und schon fingen die Heere an zu marschieren.
Da kam der Schrecken aus Elba über die tanzenden Fürsten und über die Eifersucht ihrer Minister: der Korse hatte die Insel verlassen, und als sie noch suchten nach seinen Schiffen und Plänen, war er in Frankreich gelandet.
Der Jahrmarkt in Wien mußte die Buden zumachen; der Hausherr konnte nicht mehr den fröhlichen Ballvater spielen; über die Treppen der Hofburg liefen verstaubte Kuriere.
Die hundert Tage
Noch einmal mußten die Völker Europas marschieren, die Fürstenthrone zu schützen; schlechten Schauspielern gleich waren die feigen Bourbonen aus Frankreich hinaus gelacht worden: in seinen Tuilerien saß wieder der Kaiser.
Die Herren in Wien hatten ihm Elba gegeben, als ob der Weltbezwinger ein Auszügler wäre; sie hatten um seine Kleider mit gierigen Händen gewürfelt, nun schlug die gewaltige Faust in ihr klägliches Spiel.
Der Wolf war zurückgekehrt, und das Geißengeschlecht schrie nach dem Jäger; sie waren gekrönt an den Häuptern, aber keiner war Herrscher und Fürst wie der gewaltige Mann, der das klagende Kind Europa noch einmal auf seinen Stiernacken nahm.
Die Herzen der Völker erbebten bis in den Grund, weil nun die Macht wiederkam; sie hörten den eisernen Schritt gehen und sahen den Himmel von neuem gerötet.
Aber der eiserne Schritt und die Röte waren nur Untergang; die gewaltige Bahn war vollendet, der korsische Tag im Abendland wollte sein letztes Abendrot leuchten.
Wohl lief die Garde des Kaisers noch einmal dem Ruhm zu, die Fahne von Lodi wurde entrollt, und die Adler von Austerlitz stiegen: aber die Adern, einmal von Glück und glorreichen Taten geschwellt, waren entkräftet.
Um das Genie der korsischen Macht war der Zauber der Freiheit gewesen: der Zauber war fort und Frankreich war leer, wie das Abendland leer war; so konnten die Mächte der Herkunft den Zaubermeister besiegen.
Noch einmal gelang es dem Meister der Schlachten, die Preußen bei Ligny zu schlagen, und Blücher der greise Feldmarschall mußte sein Ungestüm büßen; aber die preußische Landwehr, durch Gneisenau trefflich geführt, vollbrachte das Wunder, am dritten Tag wieder im Feld, auf schlechten, verregneten Wegen bei Waterloo siegreich zu sein.
Von seinen Ministern verraten, verlassen von seinem Volk mußte der Kaiser zum andernmal in die Verbannung; aber nun sollte der Wolf nicht wieder den Geißen das Siegerglück stören.
Eine Insel im Weltmeer, tausend Meilen entfernt von seinen Taten, bewacht von englischen Schiffen, wurde dem letzten Kaiser der abendländischen Welt sein hartes Gefängnis, indessen die Fürsten zum andernmal kamen, den Jahrmarkt der Kronen und Krönchen zu feiern.
Die heilige Allianz
Das Blut der Völker hatte den Tag der Befreiung gebracht; aber die Fürsten, von ihrer Bedrängnis befreit, wußten den Völkern das Morgen- und Abendrot frech zu verstellen.
Nie sollte Deutschland wieder der fürstlichen Willkür verfallen, in freier Gemeinschaft sollten die Stämme ein Volk, die Länder ein Reich sein: so hatte der Reichsfreiherr vom Stein die Erhebung gewollt, so hatte sie Fichte mit glühenden Worten verkündigt, so hatten die Wachtfeuer von den Bergen geflammt.
Aber die Fürsten in Wien und ihre Minister brauchten das Feuer nicht mehr, sie bliesen es aus und dämpften die glühenden Kohlen; sie flickten das Bundesgebäude der Fürsten zusammen und stellten ihr Kerzenlicht auf, es zu erhellen.
Nur ein Staatenbund sollte das deutsche Vaterland werden; kein Reich, kein Kaiser, kein Kurfürst sollte die Fürstenherrlichkeit stören, kein Wappen und keine Fahne durften Sinnbilder der Einigkeit sein.
Daß nicht noch einmal ein Aufruhr die Staaten in Unordnung brächte, schlossen die Träger der Kronen den ewigen Bund, dazu der Zar aller Reußen mit eigener Hand die Worte aufsetzte.
Die heilige Allianz hießen sie selber das Bündnis, als ob die Gestirne des Himmels, durch einen Ausbruch der Hölle gestört, nun wieder, durch Gottes Gnaden mit fürstlicher Würde beschienen, die ewige Bahn fänden.
Da war die Freiheit auch nur ein Übel aus Frankreich; Freiheit, Verfassung und Vaterland, die Aufruhrgedanken der Zeit, hatten den Kampf gegen die heilige Herkunft verloren; und Hüter der heiligen Herkunft hießen die Fürsten.
So waren die Völker um ihre Hoffnung zwiefach betrogen: Staatsbürgerrecht und Verfassung, in fürstlicher Not mit fürstlichen Worten verheißen, folgten dem Korsen in die Verbannung; über dem Flickwerk des deutschen Bundes glänzten die Kronen und Krönchen der Fürsten, von der Gnadensonne der heiligen Allianz eifrig beschienen.
Der Siebenschläfer
Indessen Jerome, der Bruder des Korsen, als König Lustik in Kassel regierte, hatte der Kurfürst von Hessen auf seinen Gütern in Böhmen gewartet; als dann im siebenten Jahr seiner Verbannung das Blut der Völker die Fürsten von ihrem Zwingherrn befreite, kam auch der Kurfürst nach Kassel zurück.
Er war schon ein Greis, als er wiederkam, und stellte die Uhren zurück auf die Stunde, da ihn der Korse verjagte: über das Reich und über sein Land war das Schicksal mit scharfen Besen gefahren, er hatte in Böhmen nichts als den Ärger gespürt, daß ihm ein frecher Franzose, nicht einmal fürstlich geboren, sein Eigentum nahm.
Denn daß ihm das hessische Land mit allen Feldern und Häusern, Pferden, Bauern und Bürgern als irdisches Erbgut gehörte, das war sein fürstlicher Glaube.
So sah er mit Zorn, daß seine Soldaten ihr Haar neumodisch schnitten und kämmten, ihm aber war ein Soldat ohne Zopf ein Gaul ohne Geschirr: sie mußten ihm wieder mit Zöpfen marschieren.
Gleich dem Zopf der Soldaten gehörte der Frondienst der Bauern seiner fürstlichen Weltordnung an: leibeigen zu sein, war ländliche Pflicht, und Frondienst zu fordern, war göttliches Recht der adligen Herrschaft.
Und wie den Zopf und den Fron sah der Kurfürst von Hessen jegliches Ding; um ein Jahrhundert verirrt, ließ er sein Hessenvolk spüren, daß nicht mehr der König Lustik auf Wilhelmshöhe regierte.
Den Siebenschläfer hieß ihn das hessische Volk: als ob er der Bannerherr der heiligen Allianz wäre, so wurde nach sieben verschlafenen Jahren der Greisenspuk seines Daseins lebendig; der Hochmut und Eigensinn fürstlicher Willkür zeigte noch einmal der Welt seine Fratze.
Der Geheimrat
Es war ein Bücherwurm in Berlin, zu alt für den Krieg, aber in seiner Stube ein streitbarer Herr, seines Zeichens Jurist und Professor.
Der sah mit hämischer Seele den Glanz der Erhebung, und wie das Feuer die Jugend durchglühte; weil ihm das Feuer gut für die Öfen, sonst aber ein höllisches Element war, geriet er in Zorn.
Freiheit und Vaterland hieß er böse Gedanken, gefährlich dem Staat, weil sie den Untertan störrisch, begehrlich und unfreudig machten, der Obrigkeit Demut, Respekt und Gehorsam zu leisten.
So schnitt der Geheimrat Schmaltz in Berlin seinen Gänsekiel scharf und tauchte ihn tief in den Zorn seiner devoten Gesinnung; so schrieb er die Schrift, die seinen Namen unlöschbar mit Schande beschmierte.
Da waren die Männer, die Preußen erhoben und Deutschland befreiten, Stein, Fichte und ihre Gesellen, Verführer des Volkes; da waren Staatsbürgerschaft und Verfassung gefährliches Gift, in die Ohren und Herzen der Jugend geträufelt.
Indessen die Tapferen draußen im Feld standen, saß der Professor daheim, sie zu schmähen; und als sie einrückten, Sträuße des Sieges an ihren Gewehren, empfing sie die schändliche Schrift.
Da schlug ihre Faust auf den Tisch, und ihre Flüche wünschten den Schuft an den Galgen; aber der Schuft saß in der Gunst seiner Obrigkeit vor ihren Flüchen und Fäusten gesichert, und wo sie das eiserne Kreuz ihrer Tapferkeit trugen, hing ihm die goldene Fracht seiner Orden.
Der Geheimrat trat in den preußischen Tag und wurde der Würger deutscher Erhebung, fremd allen lebendigen Dingen der Welt, verachtet von guten und tapferen Herzen, aber von oben mit Gnaden und Würden gesegnet.
Die deutsche Burschenschaft
Ein Junitag wars, da standen im Gasthof zur Tanne in Kamsdorf bei Jena Studenten und hörten dem Sprecher zu; einhundertdreizehn war ihre Zahl, der Sprecher hieß Horn.
Er war ein Kieler Blut und sprach von anderen Dingen als sonst ein Student; die ihm zuhörten, waren mit hellen Herzen gekommen, von solchen Dingen zu hören.
Der große Krieg war ihre Schule geworden und der doppelte Sieg ihr Examen; sie hatten es tapfer bestanden, doch da sie den Sieg heimbrachten aus endlosen Märschen, heißen Gefechten und brüllenden Schlachten, fanden sie keinen Raum, ihn zu betten.
Sie waren Deutsche gewesen im Feld und sollten nun wieder der Landsmannschaft dienen, die dem Studenten das Flickwerk der Fürsten mit ihren Farben und Feindschaften aufklebte.
Sie waren Männer gewesen im Krieg und sollten nun wieder den Tag mit Narrheiten füllen, saufen und singen mit heiseren Kehlen, mit seichtem Geschwätz und albernen Streichen die Stunden abstechen.
Sie waren Kämpfer gewesen im täglichen Tod und sollten wieder mit Liebesgetändel und lüsterner Buhlschaft dem Leben die trüben Becher leertrinken.
So standen sie tapfer und treu in der Tanne zu Kamsdorf zusammen, selber dem Sieg die Räume zu bauen, die ihnen die Heimat versagte: Burschen wollten sie bleiben, aber die Burse, darin sie wohnten, sollte das ganze Vaterland sein.
Keine landsmännische Feindschaft sollte die Österreicher, Preußen, Bayern, Sachsen, Schwaben, Holsteiner, Schlesier, Westfalen und Rheinländer trennen: deutsch sollte deutsch sein, von Straßburg bis Riga, von der Etsch bis zum Belt; die Farben schwarz, rot und gold, darin sie im Lützowschen Freikorps die Freiheit erhoben, sollten die Farben der deutschen Burschenschaften bleiben.
Das Fest auf der Wartburg
Einhundertdreizehn Studenten hatten den Bund bei Jena geschworen, bald waren es tausend: die deutsche Burschenschaft wurde im deutschen Bund ein Gesang junger Herzen, der immer herzhafter schwoll; ihre Farben, schwarz, rot und gold wurden das Banner der Zukunft.
Ehre, Freiheit und Vaterland bekannte ihr Wahlspruch; alles, was jemals deutsche Herrlichkeit war, hob seinen stürmischen Blick darin auf gegen das Flickwerk der Fürsten.
Als sich die Tage der Völkerschlacht zum viertenmal jährten, klangen die Hammerschläge von Wittenberg mahnend hinein: vor dreihundert Jahren hatte der blasse Magister sein kühnes Blatt an die Schloßkirchentür angeschlagen; der deutschen Burschenschaft sollte das stolze Gedächtnis ein Feiertag werden.
Ein Verbrüderungsfest auf der Wartburg wollten sie feiern, ein sichtbares Zeichen der bänglichen Zeit, daß in den Herzen der Jugend über den Farben und Ländern der Fürsten eine Fahne, ein Vaterland sei.
Ihrer fünfhundert stiegen durch herbstroten Wald den alten Burgweg hinauf und füllten das alte Gemäuer mit ihrer lärmenden Freude; die Fahne wehte schwarz, rot und golden, und aus dem Rittersaal erscholl der brausende Jungmännerschwur, den Schläger blank und den Sinn frei zu halten für das einige Vaterland.
Als dann der Abend sank über die herbstroten Wälder, über das alte Gemäuer und über die lärmende Freude, als ihrer Viele auf mancherlei Wegen heimgingen, stand noch ein Häuflein da oben und wollte den strahlenden Tag in die sinkende Nacht ziehen.
Einen Holzstoß ließen sie brennen als Siegesfeier der Völkerschlacht; aber das lodernde Feuer rief ihnen den Wintertag wach, da Luther am Rand der Welt mit seiner Jüngerschar stand, die Bannbulle zu verbrennen.
So sollten sie alle ins Feuer, die schmählichen Schriften der Schmaltz und Genossen; auch eine Schnürbrust brachten sie her von den Preußenulanen, einen hessischen Zopf und einen Stock der österreichischen Korporale: Schriften und Sinnbilder mußten den Feuertod sterben, und die Wangen der Jugend glühten darüber.
Die heldische Tat des Magisters wurde verkehrt in den Übermut hitziger Knaben; aber die Flammen fraßen mit gleicher Gier, und als die Asche verglüht war, hatte die Burschenschaft übel getan vor dem strengen Blick der Minister.
Der Rauch blieb über der Wartburg hängen und schwelte hinüber nach Jena; böse Gesinnung, so hieß es, habe ihr Angesicht gegen die Ordnung, gegen die Throne und gegen die Fürsten erhoben: der Geheimrat trat auf im Zorn, dem Aufruhr anders als mit dem Gänsekiel zu begegnen.
Sand
Bei dem Feuerstoß auf der Wartburg stand ein Student namens Sand heller im Feuer als seine Genossen; er hatte dem Tag die Festschrift geschrieben und fühlte sein Leben als Priester der Freiheit geweiht.
Anders als nur mit Worten wollte sein Schwärmersinn wirken: einen Dolch und ein Schwert schliff er scharf, mit einer Opfertat sein Leben dem Vaterlande darzubringen.
Einen der vielen Verräter der Freiheit sollte sein Dolch treffen; und als er zu suchen ausging, fand seine Verachtung keinen, der so erbärmlich wie Kotzebue war.
Mit seinen kläglichen Stücken auf allen Theatern gespielt, mit Orden und Ehren der Fürsten befrachtet, als deutscher Spion von den Russen bezahlt, lebte er recht als die Laus im Pelz der heiligen Allianz sein verächtliches Leben; an ihm die geschmähte Freiheit zu rächen, zog Sand zum Meuchelmord aus.
Von Jena bis Mannheim mußte er manchen Tag wandern, aber kein Pilger war je mit größerer Inbrunst die Wallfahrt gegangen, als er durch den schwellenden Frühling dahin ging.
Mitten ins Herz stieß er dem kläglichen Mann seinen Dolch und lief auf die Straße hinaus, die Tat zu bekennen, kniete noch zum Gebet, und grub das Schwert in die Brust.
Wohl traf er das eigene Herz schlecht und mußte ein langes Jahr leiden, bevor ihn der Henker erlöste; aber die Seele des Jünglings blieb standhaft und lächelte nur, wenn sie ihm drohten, und starb ohne Reue den Scharfrichtertod.
Ein Meuchelmord war in Mannheim geschehen, Herdfrieden mißachtet, Jammer der Kinder stand um den ermordeten Vater: aber den Mörder traf keine Verwünschung.
Männer und Frauen priesen den Jüngling, empfindsame Seelen weinten um sein Geschick, wie sie um Werther weinten; als ob er ein Held und der Stolz des Vaterlandes wäre, hing an den Wänden sein Bild, hing seine Tat in den Herzen.
Keinem Tyrannen, keinem Minister, nur einem kläglichen Söldling hatte der Dolch des Studenten die Rache gebracht; der feilen Gesinnung und allen Verächtern der Freiheit sollte die Tat ein Wahrzeichen sein.
Metternich
Ein Spinnennetz hatte der deutsche Bund über die Länder und Völker gebreitet, Fürsten und ihre Minister samt den geheimen Räten hielten dem Netz die Fäden gespannt, darin die Kreuzspinne Metternich hing, auf die Opfer zu warten.
Er hatte den Wiener Kongreß arglistig geleitet, er war der heiligen Allianz Handlanger und heimlicher Lenker: Fürsten und ihre Minister klug zu verspinnen, galt ihm die Kunst, darin er die eigene Meisterschaft übte.
Denn Metternich blieb der gelehrige Schüler von Frankreich; was Richelieu war und Mazarin wurde, das wollte er ohne ihr Priesterkleid sein: Meister der Macht allein durch die List, damit er die Fürsten und ihre Schwerter, ihre Ruhmsucht, Habgier und Eitelkeit lenkte.
Er sah nicht den Willen der neuen Zeit, er sah nur die Wege der alten; den Aufruhr der Hölle hatten die Mächte der Herkunft gedämpft; und ihre eifrigsten Helfer waren die Schwärmer der Freiheit gewesen: nun aber sollte ihr tolles Geschwärm nicht länger sein Spinnennetz stören.
Den Mord von Mannheim zu rächen, rief er die deutschen Minister nach Karlsbad zur Kur; da saß die Sorge um das bedrohte Leben der Fürsten und ihre Minister zusammen, da wußte der arglistige Mann die Angst und den eifernden Zorn zu erhitzen.
Den gefährlichen Geist der Zeit auszurotten, der heiligen Ordnung des deutschen Bundes die wackelnden Wände zu halten, ihr eigenes Dasein vor Mordgefahren zu schützen, kamen die Hausmeister der Fürstengewalt in Karlsbad zu ihren Beschlüssen.
Wie der Geheimrat Schmaltz in seiner schmählichen Schrift schrieb, so machte es Metternich wahr: nicht länger mehr sollte der Geist der Erhebung, nicht länger mehr sollte die deutsche Gesinnung von Stein, Fichte und ihren Gesellen den Fürstenbund stören.
Als Volksverführer wurden verfolgt, die dem Untertan lockende Bilder der Staatsbürgerschaft zeigten; als ein gefährliches Gift, in die Ohren und Herzen der Jugend geträufelt, wurde die Lehre verboten, daß über der Fürstengewalt das deutsche Vaterland sei.
Ernst Moritz Arndt
Die Farben der Burschenschaft waren die Farben der deutschen Zukunft geworden, schwarz, rot und golden sollten die Fahnen dem Vaterland wehen: aber nun kam der Geheimrat und wollte nicht länger das deutsche Vaterland dulden.
Die Burschenschaft wurde verboten, und ihre Farben, schwarz, rot und golden, wurden verfolgt als Zeichen böser Gesinnung; die Erhebung von gestern war die Empörung von heute geworden, die Heerrufer der Befreiung hießen Verbrecher.
Ein Heerrufer war Ernst Moritz Arndt wie keiner gewesen; dem rügischen Bauernsohn hatte die Luthersche Bibel mit ihren Sprüchen und Psalmen, mit ihrer Einfalt und Bilderkraft den Mund aufgetan.
Von den Franzosen verfolgt als der Freund des Freiherrn vom Stein, war er dem mächtigen Mann in Rußland ein treuer Begleiter, bis ihn das brausende Frühjahr über Tauroggen nach Königsberg rief, Herold der Volkserhebung und ihr hell klingender Mund zu heißen.
Er sang die Lieder, die mit der Landwehr nach Frankreich marschierten, er sagte der horchenden Zeit die Merkworte vaterländischer Tugend, er schrieb dem preußischen Volk den Katechismus der freien Staatsbürgergesinnung.
Nun lehrte sein hell klingender Mund in Bonn die rheinische Jugend, aber was einmal sein deutscher Ruhm war, das machte den tapferen Mann in Berlin bei den Schranzen verdächtig.
Sie schämten sich nicht ihrer Schande, sie schickten Ernst Moritz Arndt die Schergen ins Haus, sie sperrten den deutschen Mund ein wie einen Landstreicher und Roßdieb.
Sie klagten den Sänger der deutschen Befreiung des Hochverrats an, und als ihre Niedertracht nichts an der reinen Erscheinung vermochte, als sie den Mann freilassen mußten, versagten sie Ernst Moritz Arndt, dem Professor, dennoch sein Amt.
Im Namen des Königs wurde das Unrecht getan; Undank und Dummheit und Niedertracht waren im Namen des Königs von Preußen verschworen, der deutschen Seele so kläglichen Frevel, dem Gedächtnis der deutschen Erhebung gemeine Schmach anzutun.
Der Turnvater Jahn
Als Deutschland noch in der Fremdherrschaft war, als die Franzosen in Preußen regierten, hatte der Turnvater Jahn die Jugend auf seinen Turnplatz gebracht.
Jedermann sollte – so rief seine begeisterte Lehre – wie es in Urväterzeit war, wieder geschickt sein, die Glieder zu rühren; die Leibesübungen sollten ein anderes Volk als das der Schuster und Schneider, der Schreiber und Händler erziehen: der Turner sollte wieder der deutsche Jüngling und Mann sein, in der geübten Kraft seines Leibes und in der Zucht seiner Sitten.
Tausende waren dem Ruf des neuen Propheten gefolgt; die Turner brachten dem Heer der Befreiung die tüchtigsten Streiter, und in der deutschen Burschenschaft galt Turnerei das Brot des tüchtigen Lebens.
Aber Turner sein hieß nach dem schwärmenden Wort des Propheten das deutsche Vaterland lieben, und vaterländisch hieß dem Geheimrat ein verdächtiger Untertan sein.
Auch war der Turnvater Jahn ein lärmbegeisterter Mann, er liebte die Trommeln und Pfeifen, er liebte das tönende Wort und war in Gang und Gebärden, auch in der seltsamen Kleidung der Mann, den Geheimrat zu reizen.
So kamen die Schergen nachts über ihn her und schleppten ihn fort auf die Festung; als das gefährliche Haupt der vaterländischen Verschwörung galt er dem frommen Geheimrat, der Mord in Mannheim sollte der erste Beweis seines Hochverrates sein.
Sechs Jahre lang mußte der Turnvater Jahn seinen deutschtümelnden Überschwall büßen, von Festung zu Festung geschleppt, in hundert Verhören geplagt, von gemeinen Anklägern verdächtigt, empfing der treudeutsche Mann den Dank seines Königs.
Gestern noch von der Gunst der Regierung besonnt, wurden die Turnplätze geschlossen; Turner hieß dem Geheimrat Demagoge sein, und Demagogie war sein Mirakel, damit er die Fürsten und Höfe in Schrecken, sich aber hoch in der Gunst und die gemeine Gesinnung zur Macht brachte.
Der Kirchhof
Der König von Preußen, einfältig und karg, hatte das Wort seiner Not vergessen, wie eine geringe Seele das heiße Gelöbnis der Wallfahrt vergißt; Stein, das verdrießliche Alter, saß an der Asche all seiner stolzen Gebäude; Kamptz, der neue Geheimrat in Preußen, drehte das knarrende Rad seiner Stunde.
Wer von der deutschen Burschenschaft war, den jagten die Hunde: Wir hatten gebaut ein stattliches Haus! sangen sie scheidend in Jena, dann waren sie Freiwild für schuftige Büttel und Richter.
Daheim und in Herbergen, bei Verwandten und Freunden, wurden sie wie Verbrecher gefangen und wie Verbrecher durch Kälte und schlimmere Leiden zur Hauptstadt gebracht, wo die Hausvogtei war mit ihren gefürchteten Kammern.
Jahrelang harrten sie da auf den Spruch des Gerichts; Verhöre und falsche Gerüchte, leere Tage und lauernde Nächte, törichte Hoffnung und graue Enttäuschung zogen die grausame Zeit hin, bis endlich das Urteil, verlogen und feig wie die Richter, den Tag der Verzweiflung brachte.
Zum Tode verurteilt, zur Festung begnadigt, um ihre Jugend und ihre Mannheit gebracht, mußten die Opfer geheimrätlicher Rachgier den Übermut büßen, daß sie ans deutsche Vaterland glaubten.
Und wie den Burschen geschah es den Männern der Zeit; bis in die Tage der Fremdherrschaft spürten die Richter zurück, längst war die Freiheit der Rede und Schrift verschüttet, Willkür, Verleumdung und Machtwahn regierten den Tag, von Spionen war jedes Dasein umstellt.
So brachen die Fürsten ihr Wort, verhöhnten Minister den Glauben der Völker, so blies der deutsche Bund von Metternichs Gnaden der deutschen Verfassung das Lebenslicht aus, so wurde dem Reich der kommende Tag auf den Kirchhof getragen.
Einmal war brausender Frühling gewesen, durch Opfer und Blut, durch Märsche und Siege hatten die Rosen der Hoffnung in tausend Herzen den kurzen Sommer geblüht: nun hatte der Herbst die Fäule gebracht, kahl stand das dürre Geäst, in den gefrorenen Blättern am Weg rauschte Novemberwind über den Kirchhof.
Der Biedermaier
Indessen dem deutschen Geist solches geschah, hatte der Bürger in seiner Stube gesessen; er hatte das seine bescheiden gesichert, und mehr als Bescheidenheit ging ihn nicht an.
Auch war nach den Jahren des Aufruhrs die Ordnung der alten Zeit wiedergekommen, wie Untertanengesinnung die Ordnung gewohnt war.
Die Stände sauber getrennt, und die Krone glänzte darüber; denn er liebte den Landesherrn und war ihm in Demut gehorsam, auch wenn er am Prügelstock ging; und wie ihm von oben geschah, so ließ er nach unten geschehen.
Er war der Frau und den Kindern, mehr noch dem kleinen und großen Gesinde der Hausherr, wie es der Fürst seinem Lande war: er durfte poltern und großtun wie er, er durfte befehlen wie Einer, und alles, was unter ihm war, mußte gehorchen.
Verfassung und Vaterland schierten ihn wenig: sein Vaterland war, wo es ihm gut ging, und von Verfassung zu reden, hieß ihm, den Teufel des Aufruhrs noch einmal beschwören.
Seine Väter waren Pietisten gewesen, aber er hatte erfahren, daß es nicht gut sei, gegen den Obrigkeitsgott noch einen andern zu haben; denn der Landesherr war auch die oberste Kirchengewalt, und dem Landesherrn hieß es gehorchen.
Auch hatte die Aufklärung bei seiner Taufe Pate gestanden: Himmel und Hölle gönnten dem Erdentag seine schmackhaften Früchte, wenn er nicht unbescheiden oder gar unverschämt war.
Denn auch der Herrgott war ein vernünftiger Mann und ließ den Biedermann gelten; er konnte wohl kollern mit Donner und Blitz – und es war gut, dann die Hände zu falten – aber nachher war wieder blauer Himmel, wie es beim Landesherrn und auch bei ihm selber, dem Hausherrn war.
So baute der biedere Bürger die Welt auf vier Pfähle, statt in die Wolken; er konnte wohl schmälen, aber nicht unzufrieden sein, weil alles gottgewollt war: der Fürst wie der Bürger, der Junker und der Minister, die geheimen Räte und ihre Polizei; nur, daß die adligen Herren zu wenig Steuern bezahlten, schien ihm nicht richtig.
Schiller in Jena war längst gestorben, und Goethe in Weimar hatte für ihn nie gelebt; wenn seine Tochter ein Buch las, war es von Clauren, und wenn er ein Stück sah mit seiner sonntäglichen Hausfrau, stand Kotzebue auf dem Zettel; nur die gebildete Tante aus Prenzlau schwärmte noch von Jean Paul, aber die hatte auch sonst die altdeutschen Grillen, gar in der Kleidung.
Denn daß ihm die Vaterlandsschwärmer auch noch den altdeutschen Rock vorschreiben wollten, das war von all ihren unnützen Dingen das albernste für den Bürger; er wußte genau, was sich schickte für einen geachteten Mann, der seinen Meisterbrief von der Zunft und als Presbyter seinen Kirchenstuhl hatte.
Goethe stirbt
Dumpfes Gerücht und totes Licht lag über dem Land der neblichten Wälder, als Goethe in Weimar die göttlichen Augen zumachte.
Er hatte den Korsen gesehen und hatte Blücher die rühmende Grabschrift geschrieben; Erhebung der Völker und Undank der Fürsten waren vor seinem Geist wie Wolken am Abend gewesen.
Er sah in die Zeit, wie ein Vogel aus seliger Bläue über die Dächer und Gassen, über die Wiesen und ihre Silbergewässer, über die Bergwälder, tief in die Wolkengebilde blinkender Seespiegel sieht.
Er sah die lastende Schwere und sah den blutroten Glast, aber sein Herz wartete gläubig der Sterne.
Ihm war sein Volk nur ein Blatt im Kranz der Völker auf Erden; er liebte das Blatt als das seine, aber er flocht an dem Kranz mit unermüdlichen Händen.
Ihm hatte Prometheus das Feuer gebracht, und er hielt es dem Menschengeist wach; nicht wie Schiller die Fackel der Freiheit zu tragen, stürmte er hin: dem Herdfeuer der Menschheit diente er treu und geduldig wie der Priester dem Opferaltar.
Als er die göttlichen Augen zumachte, stand seine Flamme steil in der Stille und war nur noch ein fernes Licht für sein Volk.
Sie hatten den Wertherjüngling vergessen, und den greisen Faust kannten sie nicht; so fiel keine Trauer über das Land und keine Furcht in die Herzen.
Nur wo ein Kerzenlicht brannte, wo einer Seele die Kammer weit wurde, weil die Gestalten des Dichters durch ihre Einsamkeit gingen, zuckte die Flamme in den gewaltigen Schatten.
Der Zaubermeister von Weimar war tot, der all dem blühenden Leben, der Weisheit und Schönheit der Worte, der Wahrheit und Hoheit ihrer Gebärden Gottvater war.
Die Schöpfung stand still, die aus dem Sechstagewerk kam mit anderen Bergen und Bäumen, anderen Nächten und anderen Sternen und anderen Menschen, als sie die Täglichkeit kannte.
Der Menschengeist hatte sein Angesicht gläubig und stark gegen die Gärten der Götter erhoben, er hatte sich selber auf die verlassenen Throne gesetzt: nun ging er schlafen, weil seinem übermenschlichen Tun die Müdigkeit kam.
Das Volk der Denker und Dichter
Von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt war ein Kirchhof, Deutschland hieß den verdrossenen Herzen kein Vaterland mehr.
Willkür und Wortbruch der Fürsten hatte das tote Gespenst der Verfassung eingesargt und begraben; der fromme Geheimrat stand mit gefalteten Händen dabei.
Gottlosigkeit habe – so sagte der fromme Geheimrat – das Fieber der Wünsche gebracht, Rechtgläubigkeit würde das Fieber ausheilen; oberste Staatsbürgerpflicht solle der Kirchgang sein.
Thron und Altar, als Kaiser und Kirche Schicksalsgewalten, mußten dem Staat die Stützbalken halten, der aller Vergangenheit bar kläglich am Abhang der Gegenwart klebte.
Doch hatte das Blut der Wünsche zu heftig gefiebert, und stärker begann die heimliche Ader zu rinnen, daraus die Kraft des entrechteten Volkes dahin floß.
Goldene Ernten hielten die Reeder in Bremen und Hamburg, indessen die deutschen Landschaften mehr Menschen über das Weltmeer verloren, als Krieg und Seuchen sonst hingerafft hatten.
Goethe und alle Guten hatten gewirkt, daß Größe und Würde den deutschen Namen umklängen, aber das Volk blieb stumm und geschlagen.
Das Volk der Denker und Dichter! so hatte der Hochmut an seine Tore geschrieben: Dichter und Denker waren die Stimme der Freiheit gewesen; die Ohren hatten den Deutschen geklungen, aber lebendig wurden sie nicht.
Die danach der deutschen Seele gläubige Schatzhalter waren, gingen als Pfarrer, Lehrer und Richter treu in die Täglichkeit ein, aber als Dichter und Denker und Hüter des ewigen Lebens saßen sie in der Verbannung.
Die schwäbischen Dichter
Aus schwäbischer Enge war Schiller geflohen, und Hölderlin hatte das Land seiner Seele nicht in der schwäbischen Heimat gesucht; als aber der flammende Braus von Jena ausgelöscht war, fing Tübingen an, bescheiden im Dunkel zu leuchten.
Kein Musenhof stand hinter dem Tübinger Stift, und keine allmächtige Hand hielt ihm die Tage geweitet wie Goethe in Weimar; es war der Garten, die schwäbischen Pfarrer zu züchten, aber die Frucht gedieh zu seltsamen Blüten.
Hölderlin war ein Stiftler gewesen; als sein herrlicher Geist sich in heilige Höhen verstieg, lebte sein Körper die langen Jahrzehnte in Tübingen hin, und noch das leere Gefäß seiner umnachteten Seele war ein Heiligtum unter den Menschen.
Die schwäbischen Jünglinge sahen die Göttergestalt bei Tischlersleuten sanft und geduldig ihr Erdenlos tragen; sie sprachen die großen Gesänge und ahnten die ewige Waltung in seinem Geschick.
Nie wieder kam einer von seiner Art, sie waren alle aus Schwaben gebürtig und blieben der Heimat verbunden; aber sie standen in seiner heiligen Zucht und nahmen das Bild der hohen Erinnerung mit, wenn sie gingen: daß alle Dinge des Tages nur bunter Schein vor dem ewigen Sein, daß alle irdischen Ziele der Seele nur Wegweiser wären.
So wuchs am Tübinger Stift ein neues Geschlecht in Schwaben, das wieder wie einmal die Griechen in edler Bildung dahin ging, obwohl es die engen Wege der Heimat nicht überschritt.
Sie hatten alle ein Amt, sie waren Pfarrer und Lehrer, Ärzte und Richter, sie dienten dem Tag bescheiden und treu; aber wie einmal Hans Sachs, der Nürnberger Schuhmacher tat, pflegten sie eifrig den Meistergesang; und einige wurden Dichter geheißen:
Ludwig Uhland, der aufrechte Mann und Meister am Dombau der deutschen Gesinnung, der seine Lieder wie Luther sang, aus reinem Gemüt mit reinem Wort und abhold allen romantischen Künsten, ein deutsches Herz und ein Protestant.
Justinus Kerner, der Doktor in Weinsberg, den Rätseln des Lebens hellsichtig nah und dem Tod wie ein Bruder vertraut; Gustav Schwab, der geistliche Herr in der schwäbischen Hauptstadt, in allen Dingen der Bildung zuhause, plauderfroh sagend und singend; Wilhelm Hauff, der schwärmende Jüngling und frohe Phantast, mit glücklichen Händen vielerlei greifend und manchmal der Meisterschaft nah.
Sie reichten nicht an den Himmel, da Hölderlins Stern im milden Glanz stand, sie blieben Diener der schwäbischen Erde, aber den Sternen ehrfürchtig zugewandt; und allen gelang es, den Liederschatz der deutschen Seele zu mehren.
Mörike
Nur Einem hatten die Nornen die silberne Spindel in seine ärmliche Wiege gelegt, nur Einem wurde die Enge zum Schicksal, das er mit stolzer Bescheidung bezwang.
Vikar an mancherlei Orten, zu Cleversulzbach im Unterland Pfarrer, dann kränkelnd in Mergentheim, fünfzehn Jahre lang als Lehrer in Stuttgart geplagt und dreizehn danach auf seinen Tod wartend: trug Eduard Mörike recht wie ein Stiftler sein irdisches Leben.
Ein zarter Jüngling wurde ein kränklicher Mann und ein Greis, von den Nöten des Alters geplagt; eine gläserne Seele, zart und zerbrechlich, mußte ein langes Leben aushalten, bevor ihr der Tod den dünnen Stengel abbrach.
Aber die gläserne Seele, zart und zerbrechlich, nahm ihre irdische Enge hin, wie eine Blume im Garten den Lärm spielender Kinder, Hundegebell und Hammerschlag aus der Schmiede, Rädergerassel und Glockengeläut still übersteht.
Der säuselnde Wind sang in das Lied ihrer steigenden Säfte; die Sterne der Nacht, ihre ewigen Schwestern, standen im Schlaf ihr zu Häupten, und ihre Mutter, die Sonne, küßte sie wach in den Morgen.
Da war der irdische Tag nur die bunte Verkleidung, darin sie mit ihren Wurzeln und Säften, mit ihrem schwellenden Kelch und der leuchtenden Blüte ein dankbares Kind der ewigen Wiederkunft war.
So machte der kränkliche Pfarrer im schwäbischen Unterland seine Gedichte; eine unsterbliche Seele war ihrer Wirklichkeit froh in der schlichten Verkleidung, ein Sendling der Ewigkeit ging durch den Tag, staunend und stolz seiner Demut.
Da wurden ihm alle Dinge dankbar vertraut, und allen sprach er den zärtlichen Gruß seiner Seele; die Freuden trank er, wie einer den Trunk auf der Wanderschaft nimmt, die Leiden hob er wie Spinngeweb auf und ließ sie im Sonnenschein schimmern.
Nie wieder nahm Einer die kleinen Dinge so innig zur Hand, nie streichelte Einer das Leben so dankbar, dem es im Tiefsten so fremd war.
Nur einmal verriet er die Herkunft, als Weyla, das göttliche Kind seiner Seele, Orplid die Heimat besang, als Könige kamen, seiner Gottheit Wärter zu sein.
Stifter
Dem Pfarrer in Cleversulzbach lebte ein heimlicher Bruder in Österreich, seines Zeichens ein Schulrat in Linz, Adalbert Stifter geheißen.
Der Sohn eines böhmischen Leinewebers war mühsam zur Bildung gekommen; unschlüssig und keiner Zukunft gewiß hatte der Jüngling in Wien studiert; als er kein Ende fand, mußte er Hauslehrer sein, bis er, schon grau, durch vermögende Freunde als Schulrat in Linz ein erträgliches Amt fand.
Fünfzehn Jahre lang hielt er sein Amt aus, dann nahm er den Abschied, sich selber zu leben; aber der Tod erlöste ihn bald aus der Plage.
So lag die Pflicht auf dem Leben Adalbert Stifters, als die Sorge nicht mehr darin war, und peinigte ihn, der einen Libellensinn hatte und eher ein Landfahrer war denn ein Beamter; aber die tägliche Pflicht und alle Verstimmung leer gedroschener Stunden reichten nicht auf den Grund, wo der Dichter unterirdisch im Glück war.
Adalbert Stifter hatte in Wien malen gelernt, und wie ein Maler sein Bild wohl aus der Wirklichkeit nimmt, aber die Bäume und Bäche, die Menschen darin und das Gewölk über den Fernen in seinen Farbengrund senkt, daß alles, was einzeln war, Einheit gewinnt in der Fülle des Ganzen: so malte sein Wort die sanften Gebilde.
Er konnte von einem Schicksal berichten, wie einer den Mittag mit all seiner lodernden Glut im blanken Seespiegel sieht: gestern und heute waren eins; alles, was Gegenwart schien, war schon gewesen, wenn seine Sinne es sahen, und alles Vergangene stand wieder zur Gegenwart auf, wenn seine Gedanken es fanden.
Denn jenseits von Zeit und Raum war die Seele ein Spiegel des ewigen Anblicks; was sie verband, war ewig verbunden, und was ihr Gedächtnis behielt, war ewig getrennt vom Versunkenen.
Darum waren die Bücher des Schulrats in Linz seltsam mit Dingen gefüllt, die, allen bekannt, unsagbar fremd erschienen, wie ihre Einzelerscheinung in seinen Schwarzspiegel versenkt war:
Rot hieß nicht rot, und blau hieß nicht blau, und dennoch stand alles in farbiger Glut; wie ein Kind durch buntes Glas die Welt unheimlich fremd und dennoch mit all ihren Dingen vertraut, staunend betrachtet.
Hebbel
Goethe war tot und sein gewaltiges Werk wurde noch nicht lebendig, Heinrich von Kleist war vergessen, Stifter und Mörike blieben dem deutschen Volk unbekannt: da wuchs zum andernmal ein Gewaltiger auf, mit seiner Dichtung das Höchste zu wagen.
Zu Wesselburen im friesischen Land hielt sich der Kirchspielvogt einen Schreiber, Friedrich Hebbel geheißen, das Kind armer Leute; aber dem Knaben, schüchtern und ungelenk, wuchsen die blonden Haare um eine hohe Stirn, die von anderen Dingen als seinem täglichen Schreiberdienst voll war.
Sieben Jahre lang schrieb er tagsüber um kärglichen Lohn bei dem Vogt, sieben Jahre lang aber gehörten die Nächte dem Dichter, der in dem friesischen Maurersohn mit schneidenden Schmerzen zur Welt kam.
Als ihm dann endlich die Tür aufgemacht wurde, als ihm Amalie Schoppe altjüngferlich half, nach Hamburg zu kommen, als er in München und Heidelberg wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der andern Studenten in die Hörsäle ging: hielt die Wohltätigkeit seine Armut am Leben.
Sie verließ ihn auch nicht, als sein Trauerspiel von der biblischen Judith offenbar machte, daß wieder ein großer Dichter in Deutschland war, daß in der Gewalttätigkeit seiner Figuren ein Riesengeist seinen Schritt maß.
Das Schicksal hatte den Dichter um seine Jugend gebracht, er trat als Mann in die Welt: das Jünglingsfeuer konnte an ihm nicht mehr entbrennen, wie es vordem an Schillers Räubern entbrannte, und die Männer der Zeit fand er als dumpfes Geschlecht.
So mußte Hebbel den Weg einsam beginnen, und niemand holte ihn ein, bis er im Felsengebirg seiner Höhe sich abseits der Zeit, abseits der Liebe, abseits der Ehrfurcht trotzig allein fand.
Einmal rief er zurück, als er den Menschen seiner Zeit den Meister Anton hinstellte, als er die Kleinbürgerwelt in sein bitterstes Stück ballte, ihre Enge und seine Herkunft zermalmend.
Aber die seine Stimme vernahmen, wichen erschrocken vor seinem Ingrimm und seiner grausamen Kälte zurück, weil sie die Sehnsucht darin nicht verstanden.
So stürmte er weiter ohne Genossen und schrieb, schon im Geleucht der Firnen, das Hohelied der Keuschheit, als er Gyges und den entweihten Ring vor den Richterstuhl stellte.
Als er zuletzt, seinem Volk in der dumpfen Gegenwart fremd, in die Ferne der Herkunft hinein blickte, ritten am Himmelsrand hin die gewaltigen Recken der Nibelungen zu ihrem Blutfest in Ungarn.
Was keiner zu wagen vermessen sein konnte, er tat es: er rief die Gewaltigen an samt ihrer Riesenfrau Schwester Kriemhild und bannte die Schatten auf seine Bretter.
Seit Goethe den Faust rief, seit Kleist die homerischen Helden beschwor, wurde nicht mehr so Großes gewagt: die Zeit kam und staunte in ihre riesige Herkunft, aber sie konnte aus ihrer Kleinheit die Größe nicht mehr ermessen.
Wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der jungdeutschen Dichter stand Hebbel, als er sein Tagebuch schrieb: sein Riesengeist fand sich selber zuletzt als Genossen; es schauerte ihn vor den eigenen Blättern, wie seine Seele allein in der Zeit und seinem Volk war.
Grillparzer
Als Hebbel nach Wien kam, war Grillparzer schon in die Stille gegangen; der Dichter von gestern wollte nicht mehr in der Gegenwart sein.
Schiller und Goethe und die Romantik hatten in seine Jugend geleuchtet, und wie ein Steinboden im Licht der Glasfenster glüht – alle Farben trinkt sein graues Gestein aus den Scheiben und macht ein sanftes Spiel aus der Glut – so war seine Dichtung ein Abglanz.
Aber Grillparzer war ein Österreicher Kind, und die Kaiserstadt legte den Abglanz des Dichters auf köstlichen Marmor, daß keiner die Glasfenster sah, nur noch den sanften Schein auf den Fliesen und seine vielfarbige Kühle.
Medea, Sappho und Hero, all seine Frauengestalten waren wohl Töchter der Iphigenie; aber im Hause Maria Theresias hatten sie irdischer schreiten, lächeln und leiden gelernt als ihre erhabene Mutter in Weimar.
Auch hieß ein Dichter in Wien anders, als sonst im Reich, ein Schildhalter der alten Herrlichkeit sein; denn Wien war die Habsburger Hofburg: wie einmal der britische Dichter die Dramen der Könige schrieb, wollte Grillparzer den Habsburger Kaisertraum auf die Schaubühne bringen.
Aber den Herren der Hofburg gefiel solcher Bühnenruhm nicht; in Wien ein Österreicher hieß eine Maske Metternichs sein; weil er zu hochmütig war, sich zu verstecken, und zu schwach, sich zu zeigen, ging er beiseite.
Denn weder ein Mann seiner Zeit wie Uhland, der wackere Schwabe, noch seiner ewigen Sendung gewiß in stolzer Bescheidung wie der Pfarrer in Cleversulzbach, war Grillparzer, der Dichter in Wien.
Vergrollt und von Grillen geplagt, wurde er alt; als die Glut der Fenster verblaßte, schwand auch der Abglanz auf seinen marmornen Fliesen dahin; der einsame Dichter in Wien wurde vergessen, bis ein später Ruhm den Spätling wieder ans Tageslicht brachte.
Schopenhauer
Als Goethe ein Greis und fast schon ein Götterbild war, fand er Gefallen an einem Jüngling, der ihm als der Sohn einer schreibenden Dame in Weimar über den Weg kam: Schopenhauer geheißen und Schüler des großen Immanuel Kant.
Der Jüngling hatte freilich den Weisen von Königsberg nicht mehr gesehen, aber in seinen gewaltigen Schriften die Heimat erkannt, darin er sich einzig als Erbhalter fühlte.
Wohl standen Fichte, Hegel und Schelling im Reichtum der Kantischen Erbschaft geehrt, er aber hieß sie Erbschleicher und Fälscher; wie ein Prinz mündig wird, kam er, im Reich der Wahrheit der rechte Thronfolger zu heißen.
Alle Erscheinung der Dinge – so hatte der Meister gelehrt – ist nur das Blendwerk der Sinne; in Zeit und Raum eingehängt, vermag die Erfahrung keine Erkenntnis zu bringen über das Ding jenseits der Sinne, über das Wesen der Welt.
Die Welt als Vorstellung nannte der Schüler den Schein, er aber wollte im Schein das Wesen benennen, und er hieß es die Welt als Wille.
Der Wille allein war der Schlüssel zum Wesen, der Wille war frei in der Ursächlichkeit aller Dinge, aus ihm allein kam Erkenntnis, das Rätsel der Sinne zu lösen, weil er der ewige Antrieb, weil er das Leben im Schein, die Seele im Sinnbild der Welt war.
So wollte der Schüler den Schleier der Maja durchleuchten, den der Meister als Blendwerk der Sinne erkannte; so glaubte sein Eifer den Spiegel der Wahrheit zu halten, darin er sein Ich und sein Du in einem erblickte.
Weil ihm ein irdisches Wort den Schlüssel zur Welt gab, dachte er seine Gedanken diesseits und brauchte nicht schwindelnden Pfades im Jenseits zu irren; aber die Zeit war im Jenseits befangen, und die der Jüngling Fälscher und Erbschleicher nannte, regierten trotz seinem Zorn.
Er hatte sein Tagwerk zu früh getan und mußte in Einsamkeit warten; wie Buddha zu den Brahmanen hatte sein Mund die Weisheit der Erde gegen den Himmel der Priester gesprochen, aber ihm fehlten die Jünger.
In seinen Wünschen – dies war seine Lehre – waren dem Menschen die Wurzeln des Guten und Bösen verstrickt, das Leben mit Wirrsal zu füllen: seinen Willen verneinen, hieß auch vom Leiden erlöst werden.
Denn wollen hieß leben, und leben hieß noch im Blendwerk der Wünsche verbannt sein: der Weise ging, durch Erkenntnis das Nichts seiner Wünsche, aber das All seiner Stille zu finden.
Der so im Abendland lehrte, uralte Erkenntnis der Erde gegen den Himmel der Priester, war seiner irdischen Weisheit kein Weiser; grimmig und germanischer Streitlust stachlig wie ein Igel, schaffend und scheltend saß er sein Leben lang in Frankfurt am Main, den Aufgang seines Werkes zu erwarten.
Als ihm das Alter endlich den Ruhm brachte, war seine Stirn zu müde, den Lorbeer zu tragen; aber die Greisenhände streichelten noch an den wintergrünen Blättern, ehe er bitter lachend dahin fuhr.
Die Nazarener
Deutsche Jünglinge kamen nach Rom, schwärmenden Sinnes und ihrem Vaterland tief abgewandt; denn mehr als je wirkte Winckelmanns Lehre, daß nur in südlicher Sonne, nicht im Land der neblichten Wälder die Heimat der Kunst sei.
Sie kannten die gotischen Tafeln und die Glasfensterglut ihrer Farben, aber sie mochten das krause Figurenwerk nicht und die Eckigkeit ihrer Gebärden; ihr Sinn war sanft und auf den erhabenen Schwung, auf die Süße und auf die edle Figur der Italiener gerichtet.
Wie Dürer, der Meister von Nürnberg, die welsche Pilgerschaft machte, so kamen auch sie; aber sie liebten die Nachtigall nicht, die jenen aus Wittenberg lockte; sie kehrten, romantisch verzückt, in den Schoß der Kirche zurück.
Ein Barfüßerkloster stand leer in der ewigen Stadt, da fingen sie an, als Brüder zu leben, Nazarener genannt in den römischen Gassen mit ihren Faltengewändern, aber sich selber zu Stärkung.
Wie die Frühmeister malten, bevor das rauschende Gold Tizians kam, bevor die Leiber, einst bläßlich gebildet, mit blühendem Fleisch prahlten, bevor die bräunlichen Tiefen die klaren Gebilde der Fläche verhüllten: so sollten ihre Gestalten die Wände heiliger Räume abschreiten.
Denn nicht mehr prahlende Schilderkunst im goldenen Rahmen mochte ihr Werk sein; wieder wie einst wollten sie fein und geduldig Wände bemalen: die Haltung edler Figuren, der Faltenwurf großer Gewänder, die Einfalt frommer Gebärden allein sollten der Stolz ihrer Kunst sein.
Ihr Sinn war sanft, des wurden die Wandbilder Zeichen; die dunklen Gründe wurden erhellt, die glühenden Farben erblaßten, das brünstige Spiel des Lichts im Schatten verschwand: edle Einfalt und stille Größe, wie Winckelmann lehrte, wurden zärtlich lebendig.
Aber die Zärtlichkeit war wie das Mondlicht am Morgen, sie fror im mühsamen Tag und seufzte zurück in die schwellende Nacht, da noch Gestirne den Himmel umstanden.
Nur einem der Jünglinge stürmte das Blut in den Tag hin; Peter Cornelius war er geheißen, Protestant im Mönchskleid mehr denn sie alle, weil er allein katholisch geboren, aber ein nordischer Mensch war.
Er riß die edlen Gestalten aus ihrer Stille hinein in den Strudel starker Bewegung; er machte die schlafenden Umrisse wach, mit dem Linienwerk aufgescheuchter Gestalten ihr bläßliches Dasein hart zu umreißen.
Da wurde die Farbe den goldenen Rahmen und räumlichen Tiefen der Schilderkunst nachgesandt in die Verdammnis; die schwarze Kohle fing an, die weiße Fläche zu meistern, aus Wänden im Raum wurde der dürre Karton, in der Werkstatt mit Strichen gezeichnet.
So wurde im Barfüßerkloster zu Rom, im brünstigen Glauben der Kirche, dem Protestantismus die Kunst nachgeboren; deutsche Jünglinge wurden in Welschland katholisch, das seltsame Wunder zu wirken.
Der Baukönig
Als sich der König Ludwig von Bayern im vierzigsten Jahr die Krone aufsetzte, sahen die Guten nach ihm, und seine Lobredner sagten, daß nun ein neues Sanssouci käme, nicht von Franzosen bevölkert.
Er hatte als Kronprinz gern mit den Nazarenern in Rom gesessen, hatte gespart und Bilder gekauft, er war den Dichtern und Malern ein Freund und einer freien Verfassung der eifrigste Fürsprecher gewesen, und allem Welschtum feind.
Dichter, Gelehrte und Künstler rief er nach München; auch fing sogleich ein Bauwesen an, wie es die Welt seit Versailles nicht kannte.
Aber nicht Lustschlösser galt es dem König von Bayern; die Stadt an der steinichten Isar sollte mit Straßen und Plätzen, Hallen und Säulen und Bildwerken, reicher und schöner als Wien oder Berlin, die deutsche Kunst- und Königsstadt werden.
So wurde das Füllhorn aller Baukünste über die Stadt an der Isar geschüttet: griechisch und römisch, florentinisch und gotisch wuchsen die steinernen Wünsche der staunenden Bürgerschaft zu.
Eine Glyptothek kam und eine Pinakothek, die Propyläen stellten dem neuen Musenhof die prächtige Torwacht, und eine Prunkstraße lief zwischen Palästen hinaus in die Felder von Schwabing.
Napoleon hatte mit all seinen Siegen Paris nicht so geschmückt wie Ludwig, der Baukönig, München; Jahrhunderte staunten aus biederen Giebeln darüber, die backsteinernen Türme der alten Domkirche sahen barock dem gebildeten Quaderwerk zu.
Altdeutsch und florentinisch, romantisch und klassisch galten dem König gleichviel, er hieß sich gern einen Dichter; und als er im höchsten Schwung war, wurde dem deutschen Volk die Walhalla gebaut.
Bei Regensburg stand sie und war eine Halle hoch über der Donau, sie sollte das Heiligtum deutscher Vergangenheit sein; aber das Heiligtum deutscher Vergangenheit war ein Tempel mit griechischen Giebeln, dorischen Säulen und einer ionischen Halle.
Seine Baumeister priesen den Bauherrn, sein Volk pries den Landesherrn nicht; indessen sein Schwärmersinn aus der Vergangenheit lebte, indessen er Tempel und Kirchen, Kunsthallen, Paläste und Prunktore baute mit seinen mühsamen Groschen, regierte die Willkür übler Minister sein Land.
Auf Sanssouci saß ein Despot und er liebte sein Volk nicht, aber er hielt sich selber in Pflicht als oberster Diener des Staates; in München wollte ein Schwärmer der Schatzhalter deutscher Herrlichkeit sein, aber Willkür und Schmeichel banden ihm beide Hände, und Herren im Land waren die Jesuiten.
Der Redekönig
Die Hoffnung der Guten hatte in Bayern getrogen, nun kam sie nach Preußen: Friedrich Wilhelm der Vierte sollte ihr neuer Schildhalter sein; aber die Hoffnung der Guten trug den romantischen Rock in Bayern und Preußen.
Einfältig und stumm war der Vater gewesen, und vaterländisch hieß seiner kärglichen Seele ein Fürstenfeind sein; zwiespältig und laut war der Sohn: die oberste Fürstenpflicht sollte, so rief seine begeisterte Rede, das Vaterland heißen.
Er redete gern, der neue König in Preußen, die alte Herrlichkeit rauschte im Flügelschlag edler Romantik, wenn das Wort über ihn kam.
Ein deutscher Fürst hieß ihm die Vollmacht großer Vergangenheit sein: was jemals die Ahnen mit heiligem Eifer begehrten, was sie mit Blut und mit Leiden bezahlten, des sollten die Fürsten von Gottes Gnaden Vollstrecker und Schwurhalter heißen.
So schwoll die Rede des Königs von Preußen, als er in Königsberg stand, den Eid auf die Verfassung zu schwören; Tausende hörten ihm atemlos zu, und Tausende nahmen die Worte für Taten.
So wurde die Rede des Königs von Preußen ein Ruf an sein Volk, als er danach in Berlin aus dem Schloßfenster sprach; Tausende drängten im Lustgarten und spürten den strömenden Regen nicht, weil in den Worten des Königs die neue Zeit nahte.
So legte die Rede des Königs von Preußen den Grundstein, als er beim Domfest in Köln die Fürsten und Völker anrief: Tausende sahen das Reich wie den Dom in Trümmern, und Tausende glaubten, daß mit dem Dom die Herrlichkeit auferstände.
Aber die Reichsherrlichkeit war mehr als ein Domfest gewesen, und eine Rede des Königs von Preußen war noch kein Maifeld: neben dem redenden König stand Metternich taub und der Rührung verwundert; leer war der Kaiserthron; Armut stockte, wo einmal die Fahnen der Hansa dem Welthandel wehten.
Friedrich Wilhelm der Vierte hatte viel Bücher gelesen und war ein Meister der Rede, wie ein Schauspieler Klang und Wirkung der Worte kennt; aber er war seiner Zeit fremd und allen lebendigen Dingen feind, die sein romantisches Herrenglück störten.
Als die Jahre seiner Regierung leer liefen, als er im Land herum fuhr zu unaufhörlichen Empfängen, Girlanden, Böllerschüssen und Reden, mußte die Hoffnung der Guten einsehen, daß er ein Narr seiner Worte, keine Tat und keine Hand, kein Fürst und Herrscher, nur ein Redekönig war.
Die Spötter begannen zu munkeln, er liebe die Flasche, sein Wort sei trunken vom Wein, und seine Tränen der Rührung flössen aus einer befeuchteten Seele.
Das niedere Volk, das die ewige Festlichkeit sah, indessen ihm Mangel und Not an den Leib kam, fing an, den frömmelnden König zu hassen.
Die Auswanderer
Mangel, Not und Bedrückung nahmen einander den deutschen Tag aus den Händen.
Noch immer war Metternich Meister, und wo ein Fürst Hof hielt, hielt der Geheimrat das Schwert und die Waage der Willkür, die sich von Gottes Gnaden Gerechtigkeit nannte.
Kein Vaterland war, nur Länder, den Fürsten erbzugehörig samt Krone, Zepter und Untertan; und wer in den Ländern ans deutsche Vaterland glaubte, war dem Geheimrat böser Gesinnung verdächtig.
Indessen dem Übermut adliger Herren der Tag und die Stunde willfahrten, mußten Bürger und Bauern in Demut verharren, was ihnen der Übermut gönnte.
Mit karger Gemarkung lagen die Dörfer zwischen den reichen Ritterschaftsgütern, allen Gesetzen zum Trotz mußte das niedere Landvolk der Gutsherrschaft fronen.
Und daß in der Stadt Gleiches geschah, fing die Fabrik ihr Teufelswerk an: Armut und Häßlichkeit gaben einander die Hände und hoben den Haß aus der Tiefe, weil in der Arbeit um Lohn kein Segen mehr war.
Aber – so kam die Kunde – über dem Wasser war Arbeit, Freiheit und Achtung des ehrlichen Mannes, über dem Wasser war Land, unermeßlich, ein neues Leben zu bauen.
Listige Werber wußten mit bunten Bildern der Wohlfahrt zu locken: die neue Welt wurde die Hoffnung der alten; Amerika rief die Not und den Überdruß auf, das Abendland zu verlassen.
So fing in den Dörfern der Pfalz, in Baden und Schwaben, in Bayern, Sachsen und Preußen die Auswanderung an zu rinnen, und ging als ein Strom in das Meer bei Hamburg und Bremen.
Felder und Wiesen, seit Urvätertagen mit Saat und Ernte gesegnet, wurden vergantet; Stall und Garten und Vieh, vertraut wie die Berge und Bäche, das Haus und der Hausrat, ererbt von den Eltern und ihrer Erinnerung voll: alles, was Fleiß, Sorge und Hoffnung der Heimat verband, die Gräber, mit Ehrfurcht gepflegt, wurde verlassen.
Anders als einst, da die Stämme mit ihrer Wagenburg zogen, war nun die Ausfahrt; das Dorf blieb stehen mit seinen Häusern und Nachbarn, nur der Mann mit den Seinen ging fort aus der Sippe; der Einzelne, verdrossen und fremder Lockung verfallen, verließ die Gemeinschaft.
Nicht länger mehr sollte das Schicksal der Väter über ihm sein, dem fremden Landfahrer gleich wollte der einzelne Trotz das eigene Schicksal beschwören, in der neuen Welt die Wohlfahrt zu finden, die ihm die alte versagte.
Einzelne nur verließen so harten Mutes die Heimat, aber Tausende kamen nach Bremen und Hamburg; da standen die Schiffe, für andere Fracht als Ballen und Säcke und Tonnen gerüstet; da saßen die Reeder an ihren Tischen, aus solcher Fracht üblen Lohn zu gewinnen.
Gewinnsucht und Händlersinn sahen nur das Geschäft und ließen die Menschlichkeit leiden: wohl hatten die Schiffe im Oberdeck Säle und reiche Kabinen, unten im Zwischendeck wurde den Armen die Fahrt über das Wasser zur Hölle.
Aber die Höllenfahrt war nur das Tor in die Welt, die mit grellem Schein lockte, weil sie voll Dunkelheit war; Gewinnsucht und Händlergier blieben an ihre Fersen geheftet, und Viele mußten im Elend verderben, bis Einem die Fahrt glückte.
Die schlesischen Weber
Sie woben die Leinwand wie ihre Väter, sie waren fleißig und fluchten dem Webstuhl nicht, darin sie um kargen Verdienst saßen, wie das Eichhorn im Tretrad die flinken Füße vertritt.
Aber dann kam die Fabrik und schnallte den Webstuhl an ihre Maschinen; da schnurrten die Räder und sausten die Spindeln, wie nie ein Weber sein Schiffchen zu werfen vermochte; da wurde die Leinwand wohlfeil und drückte den kargen Verdienst, bis er ein Hungerlohn war.
Sie aber hatten nichts auf der Welt als den Webstuhl, sie lebten vom Lohn ihrer mühseligen Arbeit und sahen ihr ärmliches Dasein verloren: der Mangel wurde zur Not und die Not zur Verwünschung der neuen Fabriken und ihrer wohlhabenden Herren.
Als Mißwachs und Dürre das Brot teuer machten, als der Hunger mit hohlen Backen herum ging, als den Müttern das Kind an den welken Brüsten verdarb: stand fiebernden Auges die Kreatur auf, ihren Jammer zu rächen.
Das Stroh sei wohlfeil und Häcksel zu essen nahrhaft genug für die Weber! höhnte ein satter Fabrikant, aber das Wort war Feuer in Zunder geworfen; sein reiches Haus mußte den frechen Hohn büßen; und wie es in Peterswaldau geschah, so drohte es bald allerorten.
Rache den Reichen, Feuer ihren Fabriken! so raste das schlesische Fieber; aber die hohe Regierung in Breslau zögerte nicht, die Krankheit zu dämpfen.
Soldaten des Königs von Preußen mit blanken Helmspitzen und scharfen Gewehren marschierten auf harten Befehl; sie schossen und halfen der Not, den Kirchhof der Weber zu füllen.
Einen Dom in Berlin zu bauen, reicher und schöner, als ihn die alte Herrlichkeit kannte, plante der König, indessen in Schlesien solches geschah: einen Dom im Namen der Liebe, die unter den Armen und Mühseligen suchte, aber den Tempel zerbrach.
Die Fabrik
Seit urgrauer Zeit liehen Wasser, Feuer und Wind dem Menschenwerk ihre Kräfte; nun kam der Dampf in die Hände der Menschen, das stärkere Kind aus Wasser und Feuer.
Mühlräder pochten und mahlten, die Segel blähten im Wind übers Meer, wenn er nicht schlief: es war ein friedliches Tun der elementarischen Mächte, dem Menschen zu helfen, starkes Behagen gütiger Kraft.
Aber der Dampf diente dem Menschen nicht frei, in eisernen Kesseln, Röhren und Kolben gefangen wurde das luftige Kind aus Wasser und Feuer ein Dämon, Knechtsarbeit zu tun und zu zeugen.
Zischend sprangen die Kolben vor seinen zornigen Stößen, Schwungräder sausten und flackernde Treibriemen brachten die wilde Bewegung auf Spindeln, Spulen, Sägen, Hämmer und Zangen.
Es war ein friedloses Tun und ein Teufelswerk tückischer Kräfte; denn die Natur, listig und grausam bezwungen, sparte der Arbeit wohl Hände, aber sie band den Menschen an die Maschine und machte ihn, der sich ihr Herr dünkte, zu ihrem Knecht.
Sie brachte den Mann in die Fabrik: wo Weide und Ackerfeld war, wo Wiesenluft wehte, starrte ihr düsteres Werk mit rußigen Wänden und rauchenden Schornsteinen; wie eine ewige Brandstätte stand ihre Unnatur da.
Früh, wenn die Sonne den Tag weckte, rief das schrille Getön der Sirene die Männer in ihre Tore; rund aus den Dörfern kamen sie her, wo Frauen und Kinder den Vater nicht sahen, bis er am Abend – schmutzig und schwer von der Arbeit – seinen Schlaf zu tun für kurze Stunden heimkehrte.
Der einmal der Feldarbeit folgte, mühsam und karg, war ein Fabrikler geworden, dem eigenen Dasein entfremdet und seiner Lohnarbeit nicht mehr durch Saat und Ernte verbunden; denn die Maschine regierte die Arbeit; er war ihr Knecht, wie der Fabrikherr ihr Nutznießer war.
Wohl aber dem, der am Abend noch heimkehrte; andere lockte der Lohn in die Stadt, wo keine Felder mehr waren, keine Bäche und Berge mit Wiesen und Wolkenschatten, nur Häuser und finstere Gassen, dem Elend gebaut.
Heimat und Herkunft gingen verloren um einen Lohn, der den Mann und die Seinen an die Maschine verkaufte; Heimweh und Hunger, hündische Furcht und hündischer Haß hießen die höllischen Herren in seinem entwurzelten Leben.