Rund um das Mittelmeer lagen die uralten Gärten; den Reifriesen fern und nicht zu nah den glühenden Mächten, brachten sie Blüte und Frucht in lässiger Fülle.
Korn und Früchte, Honig und Wein wuchsen den Händen mühelos zu, das Vieh ging wohl auf der Weide, die Fischer holten singend den reichen Fang.
Wie der Wind ging, trieb er die Schiffer an günstigen Strand; vom Morgen- zum Abendland säumte die Brandung blühende Küsten; heiter und hoch am zärtlichen Himmel hielten Rosenwolken die trübe Nebellast fern; die stahlblaue Flut sah selten gefährliche Stürme.
Bräunliche Kinder der Sonne fühlten sich üppigen Göttern in günstiger Nähe, ernteten singend den Segen und hielten sie gnädig gestimmt durch reiche Gaben.
Da kamen von Norden schwertfahrende Völker; Weiber, Kinder und Vieh im Troß ihrer reisigen Habe, wandernde Städte, allabends gerüstet mit Wällen und Ketten um ihre Wagenburg.
Wegkundige Späher fanden die Tore im Rand der Gebirge, berittene Scharen flossen ins Land wie Frühlingsgewässer und bahnten dem Fußvolk den Weg, das mit Schwertern, Schilden und drohenden Helmen bewehrt die furchtsamen Völker bezwang.
Denn größer und stärker waren die Männer als alle Mittelmeerkrieger, blauäugig, blond, nackten Leibes im Schnee und im kalten Gewässer: Riesen der nordischen Nebel, die den Reichtum der Gärten mit Schwertschlag erwarben und die Gunst ihrer Sonne lachend genossen.
Bis an die südlichen Küsten wurden die Völker gedrängt, flüchtend auf eiligen Schiffen, auf felsigen Inseln von ihren Göttern verlassen das Dasein zu retten, indessen die Räuber fröhlich die Ernte einbrachten.
Noch gab es nicht Hellas und Rom, und die Ilias lag noch im Schoß zukünftigen Schicksals, als die Väter der Griechen und Römer die Schwertherren der uralten Mittelmeergärten wurden, als die Sonne Homers zu scheinen begann in den Kranz der olympischen Götter.
Die olympischen Götter
Von Norden kamen die blonden Räuber der Frühe, aus Nebelnächten unendlicher Wälder und von den kalten Meerküsten.
Es ging eine Sage der Heimat mit ihnen von der versunkenen Insel Atlantis, wo der Sonnengott wohnte in blühenden Gärten und wo das Leben im Licht lag, bevor die Reifriesen kamen und die alles verschlingende Sintflut.
Denn einmal gingen sie nicht auf den Straßen der Fremde, einmal wohnten sie froh in der eigenen Freiheit und Er stand im Segen der Fülle: Sein Kleid war die Bläue des Himmels, Sein Auge die strahlende Sonne.
Nun saßen sie wieder an sonnigen Küsten; aber der Gott ihrer Herkunft hielt sich verhüllt in himmlischen Fernen, indessen der elementarische Aufruhr das streitbare Geschlecht der Götter erhöhte.
Die aus Nebel und Not ihrer Flucht in die lässige Fülle der Mittelmeergärten gelangten, malten das Bild des göttlichen Daseins mit lockenden Farben, malten es aus mit dem Glanz ihres irdischen Glücks, mit dem schuldvollen Tun ihrer menschlichen Schwächen.
Auf dem olympischen Freudensitz saßen bei Mahl und Trank die glückreichen Götter; die gleich den Menschen Schwertherren waren, rühmten sich ihrer Taten und Listen und bestritten einander den Rang ihrer himmlischen Geltung.
Wohl hießen sie Zeus den Vater und Fürsten der Göttergewalt, aber die Fülle selbstherrlicher Macht hing verstrickt in menschlichen Trieben; Hera, die Herrin des Hauses, war seiner Treue nicht froh.
Im Schalkspiel sinnenfroher Verkleidung trieben die ungebändigten Wünsche der Götter die Abenteuer der Erde, sie hoben die Lust ihrer Laster ins himmlische Licht und die Tracht ihrer Tugend.
Gnade und Groll ihrer Laune verkehrten den Menschen die Tage aus flüchtiger Freude in trostlose Trauer; aber sie standen im Schicksal wie sie als kurze Tyrannen.
Die Griechen
Jahrhunderte gingen den Schwertherren hin; ihr Glück prahlte laut in den Gärten; die Könige bauten Burgen auf klippigen Küsten, der Ruhm ihrer Taten blähte die Segel kielfester Schiffe.
Troja hieß die Burg und die Stadt über dem Meer, die sie gemeinsam berannten; zehn Jahre lang lagen sie da im Schutz ihrer Schiffe, hoben die Schwerter und Schilde der Helden im Ruhm ihrer Sänger und bestritten den Göttern die Ehre.
Da wurde Ajax die starre Kraft, Achilles die rasende Stärke, Odysseus die biegsame List, Nestor die weise Erfahrung: da trat der olympische Himmel der Götter ins Schaubild menschlicher Taten.
Da hieß die Stärke und Schönheit des menschlichen Leibes die Tugend, da wurde das sterbliche Leben im Kampf unsterblich erhöht.
Aber die Freiheit des Mannes konnte den Göttern nicht trotzen; denn Götter und Menschen standen im Schicksal, Schuld und Vergeltung hielten der Tat die Gewichte der ewigen Geltung.
So wurde das Unrecht der Macht erhöht in das Recht ihrer Geltung, so traten die blonden Räuber der Frühe ein in den Lohn ihrer Tugend.
Sparta hieß ihre Schwertherrenstadt, ohne Burg und Wälle gebaut im lakonischen Bergland, nur von den Schilden und Schwertern geschützt, und in der Zucht harter Gesetze.
Da hatten die blonden Räuber der Frühe das Land geteilt nach dem Recht der freien Gemeinde, da gab es nicht Reichtum noch prahlenden Glanz; und König sein hieß, der freien Gemeinde das Schwert und den Richterstab hüten.
Da war der Männerstolz: Körper und Geist stark und gesund im Dienst des Staates zu halten; da war die Ehre der Frau: dem Mann beizustehen als freie Gefährtin, dem Staat ihre Kinder stark und gesund zu gebären.
So stand die spartanische Sitte freiwillig im Stachelkleid harter Gesetze, so wurde die Stadt ohne Burg und Wall im lakonischen Bergland die Trutzburg griechischer Freiheit.
Bis ihre Sitte den Stachel der Ehre, ihr Gesetz den Stolz der freien Erfüllung traurig verlor, bis der spartanische Staat der freien Gemeinde lasterhaft lässig und feig Tyrannen gehorchte.
Athen hieß die uralte Königsburg der Pelasger, die nach der Trutzburg die helle Hauptstadt der Griechen, die prunkreiche Wiege des Abendlandes wurde.
Nahe dem Meer hing die Stadt der stolzen Akropolis an; die marmornen Tempel und Treppen der Burg traten weithin ins Licht, wie ein Turm über den Dächern hob das Erzbild der Göttin die goldene Lanze.
Auch in Athen war die Freiheit im Schatten der Götter, aber sie liebte die Gärten der heiteren Gunst, sie liebte den mondlichen Schein marmorner Hallen, sie liebte den Markt und das Massengedränge, sie liebte die Schönheit mehr als die Stärke, und die Lust mehr als die Zucht.
Darum schwankte das Schicksal Athens in der Schärfe des Schwertes, und einmal verbrannte das persische Heer die Dächer der schimmernden Pracht: aber die Brunnen der Lebenslust brachten den Brand zum Verlöschen, und herrlicher hob sich die Hoheit der Hallen über dem heiteren Schaubild der Stadt.
Sie schlug sich frei aus der persischen Plage, und Perikles kam, der Meister der Herrschermacht; er baute den Marmorschrein der alten Königsstadt neu und gab den Giebeln die Bildnerei marmorner Leiber.
Er gab den Bildnern, Dichtern und Weisen Griechenlands Weite und Raum, der Menschheit den Traum der Wahrheit, Schönheit und Güte zu bilden.
Der Morgen ging ein in den Abend, als die morgenländische Weisheit nach Griechenland kam, als der düstere Stein der Weisen hell und heiter zu funkeln begann.
Da wurden die blonden Räuber der Frühe Schatzhalter der ewigen Dinge, aus Tiefen der Ahnung wuchs ihnen Vergangenheit zu, über den Abgrund zukünftiger Zerstörung, im Schutt langer Vergessenheit der menschlichen Seele aus göttlicher Herkunft das Kleinod zu retten.
Die Römer
Rauschgolden verging die Sonne der Griechen im Abendrotglück Alexanders, der lateinische Mond stieg auf mit glänzender Scheibe; auf dem Markt von Athen standen römische Wachen, im Spottbild der Gaukler starb ruhmlos Sparta.
Rom hielt das Zepter des Abendlandes über den Mittelmeergärten, über dem persischen Glück und dem messianischen Traum der Hebräer, über dem pharaonischen Altar und über der greisen Jugend der Griechen.
Eine Wölfin, heißt es, habe die blonden Räuber der Frühe gesäugt, die den Völkern am Tiber die neue Schwertherrschaft brachten: eine hungrige Wölfin fraß Länder und Städte und wurde die Herrin der Mittelmeergärten.
Stärker als alle Mächte im Morgen- und Abendland war der stolze Römergedanke, über den Königsglanz, über despotische Willkür für immer Vernunft und Willen der freien Gemeinde als Ordnung des Staates zu stellen.
Sinnbild und Wächter der freien Gemeinde und Hüter des Staates war der Senat der würdigsten Männer; er gab dem Krieger das Schwert und dem Priester den Stab, dem Richter das Beil und dem Konsul die Toga.
Da galt die Stärke und Schönheit des Leibes nicht mehr allein, nicht mehr das heitere Spiel genießender Sinne und kühner Gedanken: über dem bunten Dienst seiner selbst stand das Gebot der Gesamtheit.
Gefährliche Tierheit war aller persönlicher Schein, Sinn war allein im Charakter: karg blieb er in Worten, schlicht im Gewand, streng und gemessen in seiner Haltung, groß allein war die Tat.
Zucht war die Tugend des römischen Bürgers, aber die Zucht war das Glück; denn die freie Erfüllung der Pflicht war mehr als Gehorsam, und das Glück der Römergesinnung war mehr als die Pflicht.
So war der Bürger von Rom und so war die Geltung, daß ihm die bunte Vielheit der Mittelmeervölker gehorchte: als Römer geboren, hieß Gebieter im Abend- und Morgenland sein.
Bis im römischen Weltbürgersaal Macht nur noch Macht war, bis der persische Adler das Feldzeichen der römischen Schwertherrschaft wurde, bis Cäsar der freien Gemeinde das Rückgrat zerbrach, bis Augustus den Prunkmantel der römischen Kaisermacht trug.
Das Land der neblichten Wälder
Die aber die Kundschaft der kühnen Räuber nicht fanden, die an den kalten Meerküsten blieben und in der Nebelnacht unendlicher Wälder: ihnen malte kein lässiges Glück das Schaubild üppiger Götter.
Streitbar und stark blieb Wodans Geschlecht im Kampf mit den Riesen und Alben der kalten Meeresküste, rauh war der Tag, mager die Feldfrucht und mühsam der Wildfang.
Stürme und Sterne der Winternacht hielten das Jahr in der Strenge, kurz war die Wende des Sommers und karg das wärmende Licht seiner Sonne; Kälte und Nässe hingen dem Frühling das Nebelkleid um, früh kam der Herbst mit den Frösten.
Aber in Wetter und Wind standen die schweigenden Wälder, das Quellengeheimnis zu hüten; Wiesen und Felder, getränkt von rieselnden Bächen, gaben dem Fleiß ihre Frucht; das wilde Getier hielt Mut und Freiheit in Atem.
Nicht Städte und steinerne Höfe gab es im Land der neblichten Wälder und keine Tempel den Göttern, nachbarlich fern standen die Häuser im Schatten schützender Bäume, aus Balken gefügt und bedacht mit Stroh, gleich moosigen Zelten.
Wie die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser, so waren die Menschen im Wald; sein Regen umrauschte ihr Dasein, sein Dunkel verschlang ihren Schritt, sein Frühling trieb ihre Knospen, sein Winter verschneite den Schlaf der wartenden Tage.
Aber Er war noch wach in der Herkunft aus lichtreicher Weite, heilige Bräuche und stolze Gemeinschaft hielten dem Mann das Dach seines Hauses vor Frevel geschützt; das Kriegsschwert stak in der Erde, bis Sein Gebot es den Männern gab, die Schärfe zu zeigen.
Ob sie Ihn Ear oder Ziu, Tyr oder Zywaz, Thys oder Thingsu nannten: Er hielt das Recht ihres Daseins über dem ewigen Abgrund.
Wo der uralte Wald die grüne Lichtung umgrenzte, tief in den Gründen wurden die weißen Rosse gehütet im heiligen Dienst Seiner Macht; Seine Priester lasen die Zeichen auf heiligen Stäben und hielten den weißen Rossen die Zügel, wenn sie den Bannkreis Seiner heiligen Wohnung umschritten.
Dann eilten sie, Blumen zu streuen, und singend kamen die Kinder; dem Wagen entgegen schwoll Freude und Festklang; die Waffen waren verschlossen, kein Krieg durfte sein; für einen Tag ging die Zeit der neblichten Wälder die unvergessenen Wege.
Für einen Tag blühte die Heimat aus uralten Freuden, der Frieden spannte den Himmel blau und hell übers Land, das Feld lag in Sonne, wie einer Braut strich zärtlicher Wind der blühenden Wiese die Wangen.
Uralt und heilig stand über dem neblichten Tag die helle Herkunft der Dinge und hielt die Menschen umfangen im Netz ihrer starken Gesetze.
Der Schritt des Lebens war tapfere Tat, und mit den Waffen zu sterben, sein fröhlichster Ruhm; aber das Wort war ein Schwur über dem Schwert, und stärker war keiner geschützt mit Waffen, denn der als Gast in ein Haus kam.
Der kimbrische Schrecken
An der kalten Meerküste begann der Malstrom zu mahlen, der die Springflut germanischer Völker über das Abendland brachte, über das Schwertreich der Römer und über die Ernte der Mittelmeergärten: die Kimbrer waren sein frühester Schrecken.
Mit Wagen, Herden, Greisen und Kindern, im Wuchs der riesigen Leiber halb nackt, mit Speeren, Schilden und Hornzier der Helme gleich Tieren der neblichten Wälder gerüstet: so kamen die kimbrischen Völker ins römische Land der Taurisker.
Als ob die Götter den Furchtbaren hülfen auf dem Feld von Noreja, fiel ein Gewitter über die Schlacht, donnernd zum dröhnenden Schildruf der Kimbrer; die Feldkunst der stolzen Kohorten erlag der Speerkraft von Norden: mit den Läufern nach Rom lief der kimbrische Schrecken.
Aber die Kimbrer wichen zurück in die Wildnis und wandten sich westwärts ins gallische Land, weil sie Weide und Land, nicht Streit suchten.
Da hielten die Heere der Konsuln die Tore bewacht im Gebirge; zum andernmal schlug der kimbrische Schrecken den Römern das Schwert aus der Hand, aber noch immer mieden die Sieger das Land der Kohorten.
Elf Jahre lang irrten sie landsuchend hin im Lebensumstand der Wagen und Herden, mühsam hinüber ins spanische Land und mißlich zurück in die östlichen Berge, bis sie das Alpentor fanden.
Ihre Knaben waren Krieger geworden und Mütter die Mädchen, als ihnen die Täler Tirols den Eingang erschlossen, als sie im sonnigen Südland der Alpen endlich die Weide der langen Wanderschaft fanden.
Einen Herbst, einen Winter und Frühling saßen die Kimbrer da im Kanaan ihrer Kundschafter, das Landsucherglück zu genießen; dann traf sie das Schwert der Vergeltung in der Schlacht auf den raudischen Feldern.
Am Gürtel mit Ketten verschränkt, sanken die kimbrischen Männer der römischen Übermacht hin; die Weiber der Wagenburg warfen die Speere und hetzten die Hunde, aber der dröhnende Schildruf verhallte, der kimbrische Schrecken starb im Schlag der römischen Schwerter.
Die raudischen Felder tranken das Blut der nordischen Leiber; Weide und Wohnsitz zu suchen, kamen sie her aus dem kalten Jütland, nun gingen sie ein durch das Joch in die Mittelmeergärten und dienten als Sklaven, wo sie als Freie zu hausen gedachten.
Kein schöneres Schicksal war ihnen vergönnt als dieses: Bienenschwärme zu sein, die keine Imkerhand einbrachte, und die nach kärglichem Sommer im kahlen Winter verdarben.
Die Stachelschnur der Kastelle
Wo der steile Bogen der Berge die römischen Gärten beschützte, wo der Zackenrand eisiger Gipfel den Mittelmeerhimmel bekränzte, wo das schäumende Wasser schrecklicher Schluchten sich staute in grünblauen Seen: kam die Stärke des Stromes, abzuscheiden das Land der neblichten Wälder.
Bis in die Sümpfe der kalten Meeresküste zog das grüne Gewässer des Rheines der römischen Herrschaft die gallische Grenze gegen die freien Germanen.
Wohl scholl der Hornruf hinüber, und dreimal baute Cäsar die Brücken, sein Schwert in die Wälder zu tragen: aber das unermeßliche Schweigen bot seinem Beutezug Halt, in der grünen Finsternis lagen die Gründe germanischer Freiheit behütet.
Erst Drusus, dem Jüngling gelang, was der Strom und die Wälder dem Cäsar verwehrten: fünfmal zog er als Kundschafter aus und trug den gierigen Adler der römischen Weltmacht tief in das weglose Waldland.
Am sandigen Ufer der Elbe tat er sein Wahrzeichen auf, dreihundert römische Meilen weit im herbstroten Land der Cherusker, der tiefer als jemals ein Römer in Wodans Wolkenreich kam.
Aus der schweigsamen Tiefe der unabsehbaren Wälder, so heißt es, und aus dem Grauen des nahenden Winters trat eine Riesin vor ihn, uralt und Unheil weissagend dem prahlenden Jüngling.
Sein Übermut lachte des raunenden Weibes, aber sein Roß stürzte hin auf der Rückfahrt, sie hoben ihn auf mit gebrochenen Beinen.
Dreißig Tage lang trugen die Krieger dem Jüngling die Bahre, durch Sturm und Regen der Wildnis die mühsame Weite zurück, wo sie im Sommer mit Hörnerschall ritten: nur seine Leiche brachten sie heim, im Standlager zu Mainz dem Stolzen das steinerne Grabmal zu bauen.
Dann taten die Römer dem Strom die Stachelschnur an ihrer trotzig bewehrten Kastelle; von den grünblauen Seen hinunter zur kalten Meerküste stand ihre Wacht am Strom und am Rand der düsteren Wälder.
Schwer hing die Frucht und süß schwoll die Rebe zur Linken im Hügelland gallischer Sonne; dunkel und drohend dehnte sich rechts die dürftige Wildnis, der Nebel hing grau über unermeßlichen Weiten.
Die gallische Morgengabe cäsarischer Macht wurde reich im Gewinn emsiger Gärtner; über den Strom scholl der krachende Speer und der Schildruf trotzig anschweifender Scharen.
Arminius
Als das Gebot des Kaisers Augustus ausging, die Welt der römischen Herrschaft zu schätzen, kam als Geisel ein Jüngling nach Rom, aus dem Stamm der Cherusker und Segimers Sohn, der ein Fürst seiner Sippe im Weserland war.
Sein Oheim Segestes hatte dem Kaiser ein Hilfsvolk gestellt, darin der Sohn Segimers Söldnerdienst tat; ihm boten die Römer das Bürgerrecht an, in den römischen Ritterstand hob der Kaiser den Jüngling.
Als er heimkehren durfte in das Land seiner Väter, wo sein Oheim Segestes dem Statthalter Varus in Unterwürfigkeit diente, sah er Dinge geschehen am Volk der Cherusker, die ihm verräterisch schienen und seinen Zorn reizten.
Denn als Bundesgenosse, nicht als Besiegter hatte das Volk an der Weser den Römern Einlaß gewährt; Varus aber ließ Strafen verhängen von römischen Richtern, Rutenbündel und Beil bedrohten das Recht und die Herkunft der freien Gemeinde.
Dem Kaiser bauten die Römer im Land der Cherusker Altäre; und was den Freien zu hüten heilige Pflicht war, der Wahrspruch der wehrhaften Männer, wurde von Varus verspottet.
Dem Unrecht solcher Gewalt mit List zu begegnen, ließ Segimers Sohn die Jünglinge der Cherusker heimlich die Blutspur beschwören.
So sehr war der Hochmut des Römers verblendet, daß er des warnenden Segestes lachte, als er im Schwall und Hörnerklang seiner Kohorten das Sommerlager verließ.
Regenstürme stöhnten im Wald und die Bäche brachen ins Land, als die Bäume anfingen, Wurfspeere zu regnen, als die Cherusker, von kundigen Führern nächtlich geleitet, den gepanzerten Heerwurm anfielen, als der prahlende Schall und der Notruf der Hörner hinstarb im Schildruf der Völker.
Am dritten Abend erlag der gepanzerte Leib den zornigen Bissen, der Statthalter Varus sank in sein eigenes Schwert; nur die Reiter der Nachhut entrannen, den Schrecken des Teutoburger Waldes ans gallische Ufer zu tragen.
Als die Weiden grün wurden im Weserland und der Holderbusch blühte, schreckte kein Hörnerschall mehr das befreite Volk der Cherusker; die Lieder gingen von Segimers Sohn, wie sie von Wodan, Donar und Saxnot und den Helden der Götterzeit sangen.
In Rom aber schritt, von Segestes dem Vater an ihre Feinde verraten, Thusnelda, die Gattin des Kühnen, als Sklavin die Gasse der Gaffer; und auch den Herrlichen fällt der Neid mit dem Mordstahl der Tücke.
Im siebenunddreißigsten Jahr seines siegreichen Lebens fiel Segimers Sohn, der sein Volk aus der römischen Knechtschaft befreite und dem Land der Wälder und Wiesen der herrlichste Held war.
Wohl sangen die Lieder noch lange ihm nach, den die Römer Arminius nannten, aber sein deutscher Name verscholl im Sang der rühmenden Sage.
Da klingt er hell, wie ein Frühlingstag steht mit Blüten und blankem Gewässer, da wird Segimers Sohn und Segimunds Schwäher, der treulos verratene Held in der Arglist der Sippe, Segifried, Siegfried geheißen.
Der Pfahlgraben
Wo der Strom seinen Lauf in den Altwässern suchte, sein flaches Gewässer den gallischen Gärten kein Schutz war, wo der Wald sich vorschob im schwarzen Gebirge, hoch über dem Rhein die sumpfigen Quellen der Donau zu tragen: da bauten die Römer das Bollwerk des Zehntlandes ein.
Sie warfen die Stachelschnur vor mit klug gestellten Kastellen und säumten sie ein in den Wall, der mit Türmen, Gräben und Pfählen geschützt über die waldigen Kämme des Taunus zum braunen Gewässer des Mains und über das steinichte Hochland nach Norikum lief.
Eine Stadtmauer mit Toren und Türmen, länger als fünfhundert Meilen, durchquerte den Wald und die Wildnis vom Rhein bis zur Donau; acht Kaiser bauten daran in mehr als zweihundert Jahren, und der sie am stärksten bewehrte, dem fiel sie in Trümmer.
Eher als eine Mauer war es ein Deich, gegen die Springflut gebaut und harmlos an windstillen Tagen, wenn durch die Schleusen das dünne Gewässer des täglichen Grenzverkehrs floß.
Dann wagten römische Händler die Fahrt ins germanische Waldmeer, wo nur selten der Krieg das Tagwerk der friedlichen Bauernwelt störte, wo die Gastlichkeit fröhlicher Brauch und die Treue gegen den Gast eine heilige Pflicht war.
Sie sahen das seltsame Fachwerk der Häuser, die sauber gefärbten Fächer im schmuckvoll gefügten Gebälk, sie sahen die Säle der Fürsten mit hölzernen Hallen rundum, die Balken geschnitzt und die Bretter bemalt mit vielverschlungenen Bändern.
Sie sahen die Jugend spielen im Hof unter Bäumen, nackten Leibes in Wind und im Regen und ihrer Gliederkraft froh; sie sahen die Mütter Feldarbeit tun im Kreis der lachenden, singenden Mägde.
Sie sahen die Männer heimkehren, müde der mühsamen Jagd in den Wäldern, sahen sie sitzen im Schmuck ihrer Waffen zum Rat der Gemeinde, sahen sie richten und dem Gesetz die Waage mit Freimut und Unbeugsamkeit halten.
Sie sahen ein Bauerngeschlecht sein einfaches Tagewerk tun, sahen es sorgsam gefügt in Sippen und Gauen und fest in der Pflicht der Gemeinschaft, sahen es fröhlich und stark und stets gerüstet zum Kampf, wenn das Kriegsschwert die Mannschaft der Dörfer aufrief zum Volksheer der Stämme.
Sie sahen die Fürsten geehrt im Glanz der Edlen und Freien, sie sahen die Jünglingsschar trotzig und waffengeübt und lüstern des Tages, da der Krieg Heldenruhm brachte.
Sie sahen die Frau als freie Genossin des Mannes, und sahen, wie Treue um Treue, Reinheit und Stolz ihr Ehrenkleid waren.
Sie sahen die Brandung unbändiger Kraft gemeistert in Zucht und Gehorsam und ahnten den Tag, da die Springflut anstürmte und der Deich mit der Stachelschnur seiner Kastelle zu dünn war für die Gewalt.
Tacitus
Als Tacitus seine Germania schrieb, mit warnenden Worten zu sagen, was für ein Land hinter der Stachelschnur seiner Kastelle Rom unbekannt sei und was für ein Volk darin wohne: war Domitian, der feige Prahler und Wüstling, römischer Kaiser.
Der Weltherrschertraum des Augustus, weit und glücklich begonnen, hatte zur Wirklichkeit Neros geführt; über dem Recht der freien Gemeinde hing das Schwert der Tyrannen, der Senat trug den Purpur der Kaisergewalt.
Die Kaisergewalt war der Kriegsknecht: mit gallischen Söldnern kam Cäsar nach Rom, den Senat zu bekriegen, in allen Provinzen der römischen Weltmacht waren die Legionen des Kaisers geworben, die aus dem Volksheer der Römer die Herrschaft der Kriegsknechte machten.
Ein Krake war das Weltreich der römischen Kaiser, soweit die Greifarme der Legionen reichten, fraß er die Länder leer von Persien bis nach Britannien, aber der Bauch saß am Tiber.
Der Bauch saß am Tiber und wurde kraftlos an seinen eigenen Gliedern: Zucht war die Tugend des römischen Bürgers gewesen, aber die Kaisergewalt hatte die Tugend beschattet und hatte dem Laster Paläste gebaut.
Tacitus war kein Kriegsmann, wie Cäsar in Gallien war und hatte nicht eigenen Ruhm zu verkünden; er war nur ein Römer der alten Zeit, der dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel germanischer Einfachheit vorhielt.
Er sah die Tugend und sah die Laster der Deutschen, aber er sah auch die Einfalt der Sitten, die Nähe der starken Natur und die Waltung der Herkunft.
Freiheit und Ehrfurcht, die Schlüssel der Menschheit, sah er in einfachen Händen; wie Kinder die Dinge tapfer und gläubig tun, sah er die Deutschen, indessen die Römer in greiser Lüsternheit gingen.
Er wollte dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel vorhalten und war ein Römer der alten Zeit; aber das Spiegelbild zeigte die kommende Stunde: fröhliche Stärke der Jugend gegen das grausame Alter.
Die Springflut
Das kurze Schwert, den runden Schild und Gehorsam ihrem König brachten die Goten mit über das Wasser, als sie den alten Völkerweg fanden, von Schweden hinunter ans Schwarze Meer und hinüber zum Pontus.
Da wurde das alte Skythenland wach im Lärm der Wagen und Pferde, weit in die Stille der östlichen Steppen floh der Hufschlag der Bogenreiter, Völker bedrängten die Völker, Länder wurden lebendig und der Wald kam ins Wandern.
Markomannen, Vandalen und Alemannen, Burgunder und Langobarden wichen dem gotischen Königsvolk aus und strömten landsuchend hinein ins Tiefland der Donau, bis der Völkerkessel voll war zum Rand und überfloß in die römischen Gärten.
Vierzehn Jahre lang lag er zu Feld, Mark Aurel, der die Feder liebte und das Schwert nicht hinlegen konnte, in Mühsal und Mißmut den Markomannen zu wehren; als er den Sieg endlich sah, nahm ihm der Tod den kargen Gewinn aus der Hand.
Unaufhörlich danach warf die Brandung flüchtender Völker Spritzwellen hinein in die Gärten, bis die Stachelschnur riß; über den römischen Deich rauschte das deutsche Gewässer.
Schon waren die Alpentore gesprengt, als die Hauptstadt der Welt sich selber zum Schutz die neue Ringmauer baute; wie zur Königszeit war das herrische Rom wieder die Burg am Tiber. Achthundert Jahre lang hielt sie die Völker im Zwang ihres siegreichen Schwertes, nun krachte von Norden der Speer und warf ihr den Staub vor die Füße.
Noch kreisten die römischen Adler über den Mittelmeergärten, noch lagen die Legionen schwer auf dem Morgenland, noch hielten die Standlager Wacht am Strom und schützten die gallische Ernte; aber die stolze Blöße des römischen Hauptes zog wieder den Eisenhelm an.
Ermanerich
Von der Weichsel zur Wolga reichten die Waffen des gotischen Königs, und die Völker des Pontus brachten Ermanerich Lösegeld dar.
So hieß er der Reiche, als er nicht mehr ausreiten konnte zur wehenden Schlacht; zehnhundert Goten, rühmt die Sage, saßen im Saal, wenn er trank aus dem goldenen Becher und den Liedern lauschte der Amelungen, seines den Göttern entstammenden Geschlechts.
Trotz seinem Alter dachte er noch, Schwanhild die schöne zu freien, und sandte Randwer den Sohn ins roxolanische Reich, ihm Schwanhild die weiße zu holen; aber Randwer der feine hob seine Augen auf zu der Jungfrau, die seine Mutter zu heißen bestimmt war.
Nicht lange, so war die Liebe dem König verraten; da zerriß er den Bart, der wie der Schweif seines Schimmels war, und schwer vergalt er den beiden die Schande: am Galgen hing ihm der Sohn, die Pferde schleiften die schöne Schwanhild.
Die ihre Brüder hießen, ritten zur Rache in seine Burg; obwohl der Goten zehnhundert dasaßen, über die Leichen der Scharwächter schritten sie ein mit zornigem Schwertschlag und trafen ihn, mitten im Saal, der sie spöttisch begrüßte.
Sie wurden mit Steinen geworfen und starben im Zorn seiner Mannen; aber dem Amelungen schmeckte kein Wein mehr, er siechte hin an den Wunden.
Das aber, heißt es, geschah zu der Zeit, da die hunnischen Reiter einbrachen ins gotische Land mit unermeßlichen Scharen; der unter Kühnen König war, mußte brach liegen und die Boten abwarten der dritten verlorenen Schlacht.
Als er die Brandfackeln flammen sah in der Nacht, hielt er das Schwert, zu schwer seinen Händen, und warf sein Herz in die Schärfe, daß kein sterblicher Mann sich zum andernmal rühme, sein Schwert mit dem Blut des Amelungen gerötet zu haben.
Alarich
Als die Westgoten dem römischen Kaiser Söldnerdienst taten, wurde Alarich König, aus dem Baltengeschlecht, das ist der Kühnen.
Er sah sein verschlagenes Volk untergehen in den östlichen Mittelmeergärten, darin es klüglich verteilt war, von Mösien über den Hellespont hin bis weit ins syrische Land.
Er aber wollte Volkskönig sein gleich seinen Vätern und dem verschlagenen Volk ein Vaterland finden; denn nur, was das Schwert hielt, war noch Besitz, als mit der Eifersucht törichter Knaben in Rom und Byzanz das wankende Weltreich zerbrach.
Kühner als vormals die Kimbrer ging Alarichs Fahrt, durch keine Habe behindert als durch das Schwert und die Zelte des Lagers: bald stand er mitten in Griechenland, Hellas und Sparta hörten wieder den Schwertschlag und die blonden Räuber der Frühe.
Stilicho der Vandale, der dem Kaiserknaben in Rom die Steigbügel hielt, kam mit Schiffen und großer Kriegsmacht, den Kühnen zu fangen: aber der Neid von Byzanz öffnete listig die Falle und wies der gotischen Heerschar das dalmatinische Küstenland an.
Seitdem züngelte Alarichs Schwert scharf zwischen Rom und Byzanz; an der steinichten Schwelle der römischen Gärten sah er die Lockung reicher Landschaften vor seiner Tür.
Das Wasser war dünn im Isonzo, bald stand er am Po und einmal am gallischen Tor im ligurischen Bergland.
Da mußte Stilicho Lösegeld leisten, Norikum bot er als Bündnispfand an: so wurde das gotische Heervolk wieder landeigen und Alarich König im neuen Westgotenland; doch gab er den Schlüssel der römischen Gärten nicht aus den Händen.
Als der Knabenkaiser dem Kanzler die Treue mit Arglist vergalt, als Stilicho den Henkertod fand, trug er sein Schwert verwegen vor Rom, und schimpflich mußte der stolze Senat den Abzug der Goten erkaufen.
Mehr als ein Jahr lang lag er im Feld, dem das römische Heer von Ravenna den Rückzug verlegte: ein Straßenkönig im fremden Land, mit dem Schwert sein Zeltlager schützend.
Weder Land noch Frieden war zu gewinnen vor der Burg von Ravenna, zum andernmal zog er nach Rom, und diesmal erfuhr die Stolze das Schicksal, so mancher feindlichen Stadt von der römischen Schwertmacht bereitet.
Die seit achthundert Jahren keinen Feind kannte, sah durch Konstantins prahlenden Bogen den König der Goten einreiten: aber kein Rausch der Stunde verwirrte Alarichs Blick, daß dies für sein kühneres Trachten ein kurzer Triumph war.
Drei Tage lang ließ er die Seinen das Siegerglück kosten, dann nahm er die Hitzigen hart in die Hand: Karthago, die Kornkammer Roms, sollte der Preis seiner Fahrt und die Burg für sein Königtum sein.
Schon hatten kalabrische Schiffer ihm eine Flotte gerafft, als die kochenden Strudel herbstlicher Stürme die Schiffe zerschellten; vom Fieber verzehrt wichen die Seinen verzagt nach Cosenza zurück: da stillte der Tod dem Balten den unsteten Herzschlag.
Im Sumpffiebertal von Cosenza starb im vierzigsten Jahr seines Lebens der König der Goten, der seinem Volk kein Vaterland fand, der die gotischen Männer im dürren Gestein der kalabrischen Küste zurückließ.
Landfahrend in der Fremde todfeindlicher Länder, konnten sie keinen Grabhügel wölben, kein Gedächtnis der Trauer dem grausamen Tal, daraus sie morgen schon schritten, das Schwert in der Hand.
Sie gruben ihm nächtlich ein Grab im Busento und senkten den König mit Schmuck und Schwert in den schweigsamen Grund.
Als die Sonne aufging im steinichten Tal, darin sie heimatlos standen und ihres Daseins nur durch das Schwert in der trotzigen Hand versichert, flossen die Wellen schon wieder den emsigen Lauf, mit schäumendem Schleier den Schlaf zu hüten, der den schwertfahrenden Männern Losung und Ziel ihres kurzen Straßenglücks war.
Die Hochzeit von Narbonne
Als Alarich der Kühne schlafen ging im kühlen Steingrund des Busento, ließ er die Seinen schiffbrüchig auf einer Fahrt zurück, die für die Ebbe ihres Rückzugs gefährlicher als für die hingeschäumte Flut war.
Doch führte die verwegene Kriegerschar als Geisel die junge Kaiserschwester mit, die schon im dritten Jahr die Irrfahrt ihres Lagers teilte: Placidia, von Athaulf, dem Schwager Alarichs, als Gemahlin begehrt und ihm zugetan.
Sie war den schlimm Verschlagenen ein Amulett: mit hundert Listen der Gefahr ausweichend, schob sich ihr Lagerdasein in Winkelzügen verwegen nordwärts, Rom und Ravenna rasch vermeidend, bis sie im zweiten Sommer die Alpen überschritten, die Tür ins Freie zu gewinnen.
Da schlugen sie den Sarus, dann den Jovinus, die in Gallien abtrünnige Gewaltherrn waren, und boten sich der schwankenden Gewalt des Kaisers als Schildhalter an.
Denn Athaulf der Gote, der des Kaisers Schwester zur Gemahlin begehrte, erfüllte klug und klar, was Alarich im Trotz nicht zwingen konnte: das Schwert der Goten sollte halten, was den schwachen Händen der Römer entglitten war.
Als Athaulf mit der Placidia Hochzeit hielt, schien in die dunkle Zwietracht der Zeit ein zager Sonnenstrahl, von den Goten in Narbonne prunkvoll gefeiert: die Blonden huldigten der braunen Königin.
Ob es für Athaulf ein kurzer Traum war, ein halbes Jahr nach seiner Hochzeit mit dem Tod bezahlt: der weise Wallia kam und baute den Traum treu in die Wirklichkeit.
Das Ränkespiel der Höfe von Ravenna und Byzanz ging ruchlos weiter mit Mord und Mörderlisten: das Reich der Goten hielt den Sonnenstrahl in Pflege, bis er aus Gallien nach Spanien hinüber in einen breiten Sommer gewachsen war.
Das tolosanische Reich war es genannt, der Ruhm seiner Macht und Schönheit rief die Gesandten von Morgenland her, und stärker stellte kein Fürst dem Frieden das Schwert vor die Tore, als Eurich der Große, König der Goten, tat.
Von der Loire bis zum Tajo hielt seine mächtige Hand die Unrast der Völker gebändigt; auch ließ er die Tafeln der gotischen Herkunft schreiben als Recht und Gesetz des tolosanischen Westgotenreiches.
Dreihundert Jahre hielt es reich und räumig den Völkerstürmen stand, und war dem Islam noch ein Garten, darin die Märchen seiner Künste blühten wie nie im Morgenland.
Und wurde das Wunderland der ritterlichen Tugend, die früheste Freistatt der Bildung, und hielt das Gotenrecht lebendig durch tausend Jahre.
Geiserich
Wild und weit hat die Vandalen die Völkerflut verschlagen und ihre Mühsal vom wasserreichen Waldland der Oder ins Morgenland gebracht; die unter Godegisel in Gallien einbrachen, ritten die Grenzen Geiserichs ab am Rand der Libyschen Wüste.
In Andalusien saßen sie wartend und sahen am blauen Meertor die Kornkammer Roms, das wiedererbaute Karthago: Seefahrer wurden sie da, die gleich den Goten Schwertkämpfer waren, und kamen mit flinken Schiffen hinüber, als die Karthager sie riefen.
Da löste das Schwert der Vandalen den Fluch von Karthago und stach dem römischen Stolz in die hilflosen Glieder, da wurde Hannibals Heimat zum andernmal Herrin der Meere.
Denn Geiserich, das ist Speerfürst, nahm das karthagische Land, verwildert durch Aufruhr und Kirchengezänk, in harte Verwaltung, und war auf der Burg von Karthago der Seefahrerkönig, den keiner bezwang.
Und als ihn Eudoxia rief, den gemordeten Kaiser und Gatten zu rächen, vergalt er den Römern den Brand von Karthago; mit seinen Schiffen fuhr er hinein in den Tiber und ließ sich durch Leo, den drohenden Bischof, nicht schrecken.
Und ließ die gedemütigte Herrin der Welt sein Siegerrecht fühlen; wie vorzeiten die römischen Schiffe den Raub heimbrachten aus dem zerstörten Karthago, vergalt er Gleiches mit Gleichem und trotzte lachend dem Fluch der römischen Priester.
Und hielt seinen Horst an der klippigen Küste, und blieb in den Mittelmeergärten der Seefahrerkönig, den keiner bezwang, bis er heimging im Alter, versammelt zu den Vätern im Waldland der Oder:
Der als Knabe mit über den Rhein geritten war und als würdiger Greis auf der Burg von Karthago, geliebt von den Seinen, das Abenteuer seines reisigen Lebens reich und rund gespiegelt sah in der Mittelmeerbläue.
Die Hunnenschlacht
Als Etzel, Heerfürst der Hunnen, ausritt von Ungarn ins gallische Land, kam die große Sturzwelle der Völker, alles ersäufend in ihrer Bahn, was die Flucht ins Gebirge versäumte.
Wie Rabenflug war der Ritt seiner Scharen, und rascher kaum rannte der Schrecken vor ihnen her, als der Hufschlag der struppigen Pferde.
Da half nicht Schwert und nicht Schwur, der berittenen Unzahl zu wehren: so unaufhaltsam schwoll das Gewässer der hunnischen Reiter ins Land, daß schon im Sommer die ersten Sturzwellen um Orleans schäumten.
Dann rückte der Heerbann der Westgoten an, mit dem römischen Kriegvolk vereint der hunnischen Flut zu begegnen: vor ihrem Wall wich das schwarze Gewässer zurück, gleich einem See das weite Becken der katalaunischen Felder mit dem Gewimmel der Pferde und den Wagenburgen der Hilfsvölker füllend.
Anders als sonst eine Schlacht war diese, da Goten und Goten, Franken und Franken einander bekämpften, durch Etzels Willen geschieden in Land und in Flut.
Aëtius aber, der römische Feldherr, war Geisel bei Etzel gewesen und kannte die hunnischen Listen: er hielt den Damm seiner Völker mit unbeweglichen Flanken und ließ vom Morgen zum Abend die Flut der Reiter anschäumen, bis die Brandung erlahmte und der Schaum blutig gerann.
Als schon die Dämmerung sank, kamen die gotischen Mauern ins Schreiten, gewaltige Torflügel drehten sich ein, bis das Blutmeer der hunnischen Reiter in beiden Flanken gedämmt war.
Da half den Hunnen die Unzahl der Hufe nichts mehr, die Nacht hob den gotischen Kriegern die Sterne: das schwarze Gewühl mußte zurück in die Hürde der Wagenburg weichen.
Drei Nächte noch kämpften, so heißt es, die Toten die grausige Schlacht in den Lüften, bis das Blut abfloß in den Bächen der katalaunischen Felder.
Die Lebendigen warfen das Los der Waffen nicht mehr: der gotische Damm stand im Westen, die hunnische Flut fiel zurück in den Osten, daraus sie, die abendländische Welt zu ersäufen, im Frühjahr geflossen war.
Im zweiten Jahr nach der Hunnenschlacht holte Etzel die blonde Hildico heim und starb in der Brautnacht: das Gewässer der hunnischen Scharen gerann, sein Schrecken blieb im Gedächtnis der Völker das Grundwasser unheimlicher Sagen.
Burgund
Von der Weichsel her wehten die gotischen Stürme das Volk der Burgunder gegen den Rhein, wo sie in Worms die Königsburg hatten und den kurzen Traum ihrer Geltung.
Im Kreis starker Helden hielt Gundikar Hof, der die burgundische Insel im Strudel feindlicher Völker stark und besonnen geschützt hielt; Alemannen und Franken mußten ihn dulden, die Römer fragten nach seiner Freundschaft.
Aber die hunnischen Horden kamen von Osten; den burgundischen Hochmut zu heilen, lenkten die Römer sie listig nach Worms: hart hielten die Helden das Schwert und hell den fröhlichen Mut, aber die Hunnen ersäuften den Mut und das Schwert im Blut der unbemessenen Scharen.
Als Gundikar fiel und die todwunden Leiber all seiner Helden dem König den Grabhügel wölbten im Brand seiner Burg, ging das burgundische Sommerglück aus.
Vom Rhein zur Rhone führten die Römer den klagenden Rest der Greise, Mütter und Kinder: die ein Königsvolk waren, dienten dem römischen Schwert mit dem Mut ihrer mannbaren Knaben.
Aber das Schwert war nicht verrostet, und mählich wuchsen die Knaben; als die Blutbäche rannen der katalaunischen Felder, standen burgundische Männer im Heerbann der Sieger und riefen Gundovich Heil, dem König der neuen Geschlechter.
Zum andernmal wurde Burgund die Insel im Strudel feindlicher Völker, Lyon blühte hoch im Stolz der heldischen Herkunft, Franken und Goten zum Trutz mitten im gallischen Land, bis es sein Winterglück, kurz wie der Sommer, verlor.
Kein Schicksal aber löschte Burgund den deutschen Namen aus im bunten Schwertlauf der Tage: die Sage behielt Gundikars Gold, die Trübsal und Treue starker Trabanten, Schwert und Fiedel in Blut und Brand, hart und hell im Gedächtnis.
Dietrich, Theodemirs Sohn
Das schwarze Gewässer der hunnischen Sintflut war verronnen, und die Sonne fing wieder an zu scheinen auf das Geschlecht der Amelungen, als Ereliva den Dietrich, das ist Volksfürst, gebar.
Aber der Ostgotenkönig war hörig geworden, ohne Land und Burg in Pannonien Söldling der römischen Grenzwacht; siebenjährig gab er den Knaben als Geisel gegen Byzanz; Theodemir, der selber Geisel bei Etzel gewesen war, dem König der Hunnen.
Edelinge gab er ihm bei, dem Knaben die Lieder der Heimat zu singen, und Hildebrand, daß er ihn lehre, den Jagdspeer zu werfen und das Schwert der Helden zu halten.
Und mußte seiner entbehren, bis der Jüngling einritt im achtzehnten Jahr, mit hellerem Blick und härterer Hand, als einer im Heervolk der Goten.
Da sah er das ärmliche Dasein der Seinen und wie sie ein Söldnervolk waren, indessen der Westgotenkönig Toulouse und Toledo ruhmreich regierte.
Einundzwanzig Jahre war Dietrich alt, da ihn die Goten als König ausriefen; das geschah aber zu der Zeit, da Zeno, der Kriegsmann, den Helm in Byzanz mit dem Stirnband des Kaisers vertauschte und flüchtig vor seinen Feinden die Feldmacht der Goten anrief.
Da kam den Amelungen wieder das Kriegsschwert Zius zur Hand; wie zu Ermanerichs Tagen klangen die Schilde gewaltig, bis Dietrich im Kranz seiner Recken und Mannen als Sieger einritt in das gedämpfte Byzanz.
Zeno der Schlaue wollte ihn fangen mit Ehren und Gold und einem ehernen Standbild, er aber wollte König heißen, nicht Feldherr, Schwertmacht der eigenen Burg und Schildhaber der eigenen Herrlichkeit sein, wartend, wer seiner bedürfe.
Das Knäblein hießen die Spötter den letzten Kaiser von Rom; Odoaker der rugische Söldling, König in Rom und Ravenna hielt ihn gefangen im goldenen Käfig: Odoaker zu beugen, bot Zeno die Gotenmacht auf.
Da wurde der Pfeil in den Köcher gelegt, da sangen die Mannen und saßen die Recken im Sattel, weil Dietrich, der Fürst der Stärke, den Feldzug befahl.
Denn keine Heimkehr stand ihnen im Sinn, als sie im Herbst die julischen Alpen durchritten, als sie das felsige Tor am Isonzo erzwangen, als sie den Boden Cäsars betraten, mit Odoaker, dem rugischen Feind, um die römische Erbschaft zu streiten.
Drei Schlachten schlugen die Starken im Norden: der Alpenrand scholl im Schlag ihrer Waffen bis in die ligurischen Berge, bevor sie den Po überschritten, Odoaker in seiner Burg zu Ravenna, den Fuchs in der Höhle zu fangen.
Aber die Sümpfe ersäuften die Mannen und der Damm lief schmal, darauf die Mauern und Türme der starken Kaiserburg standen; kein Hornruf reichte hinüber; die Segel der Schiffe blähten sich auf, den Belagerten Nahrung zu bringen.
Da half dem Goten das Fußvolk nicht mehr, nicht halfen die Rosse der Recken; drei Jahre lang mußten sie liegen und lauern im Sumpfland der Küste: längst war Rom in Dietrichs Gewalt und immer noch trotzte Ravenna.
So mußte Arglist erreichen, was Kühnheit und Kraft nicht erzwangen, der Fuchs und der Löwe schlossen den Bund, aber der Mord fraß die Treue: als Dietrich einritt in die Burg von Ravenna, lag Odoaker im Blut, von den Goten treulos erschlagen.
Durch Meintat ging aus, was mit ehrlichem Schwertschlag begann am Isonzo; so hell die Sonne danach den Amelungen umsäumte, sie löschte die Blutspur nicht aus auf dem Schild und den Vogelschrei der Vergeltung.
Dietrich, der Gotenkönig
Manche Hand war hart wie seine, die Macht zu greifen und zu halten; er aber hob den Sieg der Stärke hinauf ins Gesetz und den Ackerpflug aus der Schwertspur.
Wo wüster Acker war und aus den Spalten des zerschlagenen Rechts das Unkraut wucherte, fing ein Garten wieder an zu grünen, weil er, der Gotenkönig, behutsam sein Gärtner war.
Er spielte den Römern nicht noch einmal den Cäsar vor, blieb in Ravenna und war kein prahlender Augustus; auch dehnte er die Grenzen seiner Macht nicht weiter aus, als er mit Recht erfüllen konnte, und zweimal nur in dreiunddreißig Jahren zog er ins Feld.
Wie er dem Frankenkönig schrieb: denn der siegt nachhaltig, der alles zu mäßigen weiß! so hielt er Maß mit seiner Stärke.
Als Sohn der Gewalt gekommen, war er ihr strenger Richter, und seiner Ordnung Sinnbild war, daß er im Gotenreich zur Nacht kein Stadttor schließen ließ.
Was noch an Bauwerken der alten Welt erhalten war, ließ er nicht weniger schützen als, was in seiner Gunst entstand, im Geist der alten Schönheit planen: Standbilder schmückten wieder die Straßen Roms, den Großen zum Gedächtnis, und nirgend prahlte vor der alten Pracht die seine.
Kein Schwert war stark genug im Abendland, an seine Macht zu rühren; wohl aber kamen die Gesandten der Könige und Völker, Rat und Richtspruch anzuhören; auch lockte seine Friedenssonne die Künstler und Gelehrten an, dem Königshof in Ravenna den Glanz und die Pracht zu geben, die seinem Ruhm gebührte.
Die er als Bauleute berief, ihm einen Königshof zu bauen für seinen Thing und Reichstag, meisterten die Kunst, Marmor zu schneiden; auch gab es griechische Steinmetze und solche, die noch den Bildguß kannten.
So kam der Bau zustande, den er des Reiches redendes Zeugnis und seiner Herrschaft schmuckvolles Antlitz nannte.
Acht Pfeiler trugen das Kuppeldach, mit tönernen Röhren rund überwölbt, acht Nischen nahmen dem Raum die Nähe der Mauern, acht Säulengestände rundum führten ihn zierlich ins Breite.
Eine Waldlichtung innen aus wächsernem Marmor, glühend im Glanz farbiger Gläser, mit Steinmetzwerk nach außen reich überstreckt, den Tempelhallen der Römer zum Trotz in sich selber verschränkt mit ragender Kuppel: so stand der Wunderbau da, desgleichen nicht in der Welt war.
Da hielt der König der Goten den Thing, wenn die wohlregierte Gewalt des Reiches die Großen zur Rechenschaft sandte; im schmuckvollen Torbau grüßten die Steinbilder amelungischer Ahnen sein stolzes Geschlecht.
Da fanden die vielverschlagenen Schwerter sich in die gotische Heimat zurück, im Glanz der Stunde und Stätte ein glückhaftes Märchen, wenn der starkweise Dietrich den staunenden Römern die Herrscherhand zeigte, der den Goten Volkskönig war, vielen ein Vater, den Gerechten und Weisen ein gütiger Freund.
Dietrich von Bern
Unsere Milde und Huld verwirft die Gewalttätigen! So hatte Dietrich die Macht verriegelt ins Recht, und Rom sah die Tage der alten Zucht wieder.
Er hatte das römische Volk bewahrt vor jeder Bedrückung, im Ehrenkleid saß der Senat, in den römischen Sitten fing wieder die Tugend an, die Tat zu bestimmen.
Weisheit und Stärke hatten den Zwiespalt der Völker beschwichtigt, als ihn das Priestergezänk wachschrie zum blutigen Haß.
Denn Dietrich beugte sich nicht vor dem Bischof der Römer, er ließ die Bibel Wulfilas schreiben mit Silber auf Pergament, purpurn gefärbt, er baute der Gotengemeinde den eigenen Dom in Ravenna: so galt der gotische König den römischen Priestern als Ketzer.
Die Kaiserin von Byzanz, die eine Buhldirne war und eine Betschwester wurde, Theodora steckte zuerst die Fackel der Rechtgläubigkeit an; ihr Warnung zu sagen, sandte der König den Bischof Johannes von Rom nach Byzanz.
Aber die sonst den Kreis ihrer Ämter mit Eifersucht maßen, die Patriarchen in Rom und Byzanz fanden sich einig der gotischen Feindschaft.
So mußte Dietrich, der starkweise König erfahren, daß ein Tropfen Haß zäher leimt als ein Faß voll Liebe: der Argwohn des Alters zückte den Zorn seiner Enttäuschung, daß ihm ein tückisches Volk die Duldsamkeit danklos vergalt.
Da wurde Dietrich von Bern der Held der deutschen Sage, der im schneeweißen Alter auszog, unholdes Gezücht zu erschlagen: sein Zorn zerbrach den Senat, und der tückische Bischof von Rom büßte im Kerker; Haß gegen Haß war zwischen Goten und Römer gestellt.
In Byzanz die Buhldirne lachte ihm Hohn, daß er sein glückhaftes Reich der Gerechtigkeit selber zerschlug mit zorniger Faust: der dem Frieden das Schwert und dem Recht die Waage zu halten Volksfürst der Goten und König über Rom war, bis ihm die Falschheit zuletzt an den Hals fuhr.
Im zweiundsiebzigsten Jahr seines Lebens legten die Goten Dietrich von Bern in sein steinernes Grab zu Ravenna; mit seiner herrlichen Seele für ein Jahrtausend und mehr floh die Duldsamkeit aus der abendländischen Welt.
Seine Asche zerstreute die römische Rache im Wind, und seinen Namen löschten sie aus im Gedächtnis der Schrift – wie danach der schielende Abt von Reichenau schrieb – als einer Pest von endlosem Schaden; aber kein Haß konnte die riesige Steinplatte heben, die ihm sein stolzes Grabmal bewölbte.
Der Teufel selber, so ging die eifrige Rede der römischen Priester, habe den Ketzer von seinem letzten Weidgang geholt, auf dem Rappen der Hölle als wilder Jäger zu reiten.
Die gläubige Sage schmückte sein Bild wie keines im deutschen Gedächtnis, sie tat ihm die Brünne Wodans an, sein Schimmel holte den herrlichen Helden hinauf nach Walhal.
Der Kampf um Rom
Dietrich war tot, und Amalasuntha, die Tochter regierte das Reich für den Enkel, den sie Athalarich nannte: aber der Stammhalter des Starken war schwach, und der Wurm fraß dem Steckling die zärtlichen Wurzeln.
Amalasuntha ging römisch geziert und der gotischen Sitte abwendig; als der Knabe ihr starb, gab sie die Hand und den Thron Theodat, dem Amaler, der hündischen Sinnes und den gotischen Großen verhaßt war.
Theodat brachte die Tochter des Starkweisen um und gedachte, in Rom den Kaiser zu spielen: das aber geschah zu der Zeit, da Byzanz den Belisar sandte, das Blatt der blonden Herrschaft zu wenden.
Dem drohenden Unheil zu wehren, riefen die wehrhaften Männer den Vitiges aus, aber das Blatt war zu Ende; wie Odoaker vordem, hielt Vitiges nun die Burg von Ravenna, und Belisar stand in den Sümpfen, bis zum andernmal Meineid die Stärke besiegte, und Odoaker gerächt war.
Da grüßten die steinernen Ahnen vergeblich Dietrichs Geschlecht; Byzanz hielt den Thing in der Halle, und römische Priester streuten die Asche des Königs ins Meer, den Samen der gotischen Pest.
Aber die Geister der Rabenschlacht ritten herbei im Unheil der Tage, der Ruf ihrer Rache riß aus den Rippen der Not das blutige Gotenherz: ein Nordlicht wie keines hing seinen blutigen Schaum über die Mittelmeergärten.
Mit den betrogenen Recken brachte Belisar Vitiges heim nach Byzanz, seine Flotte ging schwer mit den gotischen Schätzen; aber die Not stand in den Bergen, Totila, Ildebalds Sohn auf den Schild ihrer trotzigen Stärke zu heben.
Neun Jahre lang war Totila König, und Dietrichs Waffen hatten nicht härter geklungen, da er die Rabenschlacht schlug: ohne Burg und Bestallung spannte der Jüngling den Bogen, die Städte sperrten ihm trotzig die Tore.
Rom und Ravenna holte er heim in mühsamen Kriegen, Neapel und Mailand fielen noch einmal der Gotenmacht zu; er ließ den falschen Senat sein Königsrecht fühlen und gab dem römischen Bischof den Trank der Demut zu kosten.
Aber der Kampf ging um Rom, und Byzanz warf sein Schwert in die Waage der römischen Priester: der Lindwurm hob seinen schuppigen Leib, und der Frieden fuhr in die Hölle.
Der Wohlstand der Städte starb hin in den Bränden, und die Standbilder Roms versanken im Schutt, die Felder fanden nicht Frucht noch Saat, die Straßen starrten im Staub der Rosse und Wagen, das Gebirge lag im Geschrei der flüchtigen Scharen, Hunger und Seuchen fraßen das Land leer.
Neun Jahre lang war Totila König, dann nahm der Tag von Taginäa ihm Krone und Schwert aus der sterbenden Hand.
Gleich Türmen, heißt es, standen die gotischen Recken im Wall ihrer tapferen Mannen, die Bogenschützen aus Morgenland warfen Sturmwolken schwirrender Pfeile über sie hin.
Totila fiel und sechstausend Goten tranken ihr Blut mit dem König; das Morgenland fraß mit sengender Glut das Gebälk der nordischen Türme; das gotische Glück glühte sein Abendrot aus in der Lohe.
Ein Lavastrom glomm spät in der Nacht am Vesuv; Teja, der letzte König der Goten, schürte den schaurigen Brand, bis alles versank in Asche.
Tausend, heißt es, fanden den Weg aus der letzten Vernichtung; das Schwert in der Hand und den blutigen Schaum ihres Untergangs brachten sie heim aus den Mittelmeergärten.
Das Abenteuer der gotischen Frühe war aus; die das Königsvolk waren der germanischen Welt, die den frühesten Kaisertraum träumten, die blonden Schwertherren der römischen Gärten sahen das blaue Land von den Bergen, darin sie flüchtig und fremd der fränkischen Königsmacht dienten.
Die Alemannen
Wo der Zackenwall der Kastelle das leere Zehntland umzäunte, wo das rote Gestein im braunen Gewässer des Mains sein Spiegelbild sah, vom hercynischen Wald hinüber zur Donau warfen die suebischen Völker der römischen Wacht den Speer in die Flanke.
Alemannen hießen den Römern die streitbaren Männer, die aus den weglosen Wäldern ritten, mit eckigem Schild und langem Schwert die Flüsse durchschwammen, trutzlachend dem römischen Helm das geringelte Blondhaar zu zeigen.
Die Stachelschnur riß: in die zerstörten Kastelle wehte der Schnee kalter Stürme, in den Weiden und Wäldern wuchsen die Dörfer der Sueben, der deutsche Pflug ging wieder im römischen Zehntland.
Über dem Rhein auf der Mauer des Schwarzwaldes hielten sie Wacht und sahen den Wasgenwald jenseits im Abend das fruchtbare Stromland beschatten.
Sie sahen im Süden den schimmernden Schneekranz der Berge über dem blauen Waldrücken des Jura, und ihre Kundschafter priesen das Land der blaugrünen Seen.
Sie ließen nicht ab von der lockenden Schau und sprengten die steinernen Riegel am Rhein; sie fuhren hinüber auf Schiffen und Flößen, sie fanden vom Hegau hinunter den See im Hügelgebreite.
Alisazas, die in der Fremde Sitzenden, hießen sie die, denen die Fahrt an den Wasgenwald glückte; aber sie füllten mählich das Stromland und bauten die Heimat der alemannischen Volksschaft hinüber ins Elsaß.
Tief in die Schluchten der schäumenden Bäche drangen sie ein im Land der blaugrünen Seen: da fiel die stolze Burg des Augustus, Vindonissa sank hin im Sumpfland der Aare, Aventicum wurde berannt, und durch die helvetische Prunkstadt der Römer ritten die suebischen Krieger.
Wohl hob die Heermacht der Römer noch einmal die eiserne Hand, den lachenden Räubern zu wehren; bei Straßburg und Colmar trafen sie den blonden Übermut schwer: aber die eiserne Hand wurde lahm von den eigenen Schlägen.
Von der Rhone zum Rhein, von Alisaz bis in den Wald der Boheimer wohnten die streitbaren Männer und hielten das reiche Land in der Hand.
Heervölker kamen und schwanden, Schlachten wurden geschlagen, und die Strohdächer ihrer Dörfer verbrannten; einmal beugten die fränkischen Herren die trotzigen Nacken: die alemannische Volkschaft hielt ihren Boden und wuchs mit dem Korn der sorgsamen Felder, mit dem Vieh der saftigen Weiden, mit dem Wein der sonnigen Hügel sacht in die Fülle.
Die Gepiden
Alboin, Audoins Sohn, hatte Thorismund, Thorisins Sohn erschlagen im Kampf ihrer Völker und hatte die Langobarden befreit von der Übermacht der Gepiden.
Darum lagen die Großen Audoin an, daß er den Retter des Volkes und Sieger als Tischgenoß nähme; aber die Sitte gebot, ein anderer König müsse dem Königssohn die Waffen darreichen, ihn würdig zu machen zum Mahl.
Vierzig der Jünglinge rief Alboin da und zog in Thorisins Land; der nahm ihn auf im Gram seines Alters und hieß ihn sitzen mit Ehren, wo Thorismund saß im Saal der Gepiden.
Aber sein Herz hielt den harten Anblick nicht aus und sein Mund sprach mit Seufzen: Wehe, der Platz ist mir teuer, aber den Mann, der da sitzt, sehe ich schwer!
Da schalt ihn Kunimund, Thorisins anderer Sohn, für seinen erschlagenen Bruder und schmähte die Jünglinge Alboins Stuten um ihrer weißen Schuhriemen willen.
Aber Alboin, Audoins Sohn, hob seine zornige Hand von der Tafel und wies gegen Westen und sprach in der Burg seiner Feinde: Draußen im Asfeld spürte dein Bruder, wie Stuten ausschlagen können.
Da wurde der Wein verschüttet, die Waffen räumten den Tisch und traten zum Tanz und rissen die Kluft in den Saal, da Alboin stand im Schwertkranz der Seinen, und waren Tausend um Vierzig.
Aber der König sprang auf im Zorn, und die Treue hielt wie ein Turm der Sitte das schirmende Dach: Wehe dem Mann, der seinem Gast treulos den Wein verschüttet, und wehe dem Schwert, das seinem Schwur den Frieden nicht hält!
Und holte die Waffen Thorismunds her von der Wand und gab sie Audoins Sohn, und hielt mit wehrenden Händen den Saal still und gab dem Gast seinen Spruch als Hausherr und König.
Und hieß ihn gehen in Frieden und hielt ihm den Königsbann bis an die Grenze, der seinem Volk der bitterste Feind und seinem Blut böse zuleid war, weil er ihm Thorismund, seinen Sohn, draußen im Asfeld erschlug.
Die Langobarden
Noch einmal schien über die Mittelmeergärten das Glück der alten Gestirne, aber das Morgenland glühte düster hinein, und der Kaiser war in Byzanz: sein Exarch regierte das römische Reich in Ravenna, der Senat war zerbrochen, der römische Papst saß allein in den Trümmern der ewigen Stadt.
Zum andernmal zeigte das Schwert der nordischen Völkerentfaltung das lockende Ziel: der langobardische Trotz ging lachend den Weg der Kimbrer und Goten, Machthaber der römischen Erbschaft zu bleiben.
Sie hatten das Volk der Gepiden dienstbar gemacht im verlassenen Ostgotenland und waren die Starken geworden im Stegreif der östlichen Völker, als die Kundschafter Alboin lockten, die kühne Heerfahrt noch einmal zu wagen.
Über den Birnbaumerwald brachen sie ein in den Mai der römischen Gärten und schafften im Sommer so fleißige Ernte, daß sie schon warm im Nest von Verona die Winterrast hielten.
Da stand noch die räumige Burg Dietrichs von Bern und die steinerne Brücke; die blonden Langbärte füllten die Stadt mit dem Lärm ihrer Wagen und Weiber.
In der Burg aber saß der lachende König der Stärke und tat seinen Spruch, daß dies nur der Rest vor Ravenna und der Steigbügel wäre, ins Reich der römischen Pfaffen zu reiten.
Rot rann der Wein in der Burg zu Verona und rief den Übermut wach der tapfer bestandenen Taten; Alboin tat seinen Trunk aus dem silbergerandeten Schädel und bot ihn der Königin dar: sie kannte den Becher, die Tochter des toten Gepiden, sie gab dem König Bescheid und schwur seinem Frevel heimliche Rache.
Der ihr den Vater erschlug und sie zwang zu dem greulichen Trunk aus dem silbergerandeten Schädel, sah den Abend nicht mehr in der Kammer Dietrichs von Bern; sein Waffenträger Helmichis gab ihm den letzten Bescheid, der dann zur Nacht mit der Königin ritt auf der Flucht nach Ravenna.
Sie klagten um Alboins Tod und schwuren ihm blutige Rache; aber sie taten den Ritt nicht nach Ravenna und Rom; sie säumten ihr Reich im Schneekranz der Alpen und füllten das fruchtbare Tiefland, das nun die Lombardei hieß.
Sie ließen Ravenna und Rom, ließen Kaiser und Papst den Zank um die Geltung; sie saßen am Freitisch Dietrichs von Bern, aßen und tranken und hatten die Fülle, wo die Goten den Becher der Bitternis tranken.
Hengist und Horsa
Seefahrer waren die Sachsen, die an der kalten Meerküste saßen; aber ihr Meer war nicht blau, und keine lässige Fülle dehnte ihm wohlig den Strand; donnernd sprangen die Wogen und fraßen sich gierig hinein in das Flachland der Küste.
Sand und Sümpfe trugen die Spuren der Stürme; die Reifriesen raubten dem Frühling die Blüte und rissen dem Herbst die Frucht von den Bäumen; der Wind webte wüst aus der Wolkenwand; die neblichten Lüfte lasteten kalt auf den Weiden.
Wenn die Flut kam, standen die Häuser im schmutzigen Schaum, und wenn sie verebbte, schwamm das kärgliche Grün ihrer Hügel gleich Inseln im weglosen Sand.
Faul lagen die bauchigen Leiber der Schiffe im Schlamm, schief an den schwärzlichen Pflöcken; aber die Flut riß sie auf im schaufelnden Tanz und warf um die zackigen Hörner der Schiffe das schäumende Zügelband ihrer Wellen.
Dann lachte das Herz, das Ruder fiel ein und riß in die jagende Flut die Wundmale krallender Tatzen, dann jauchzten die Schiffe hinaus an die stählerne Wand, sturmvogelfrei im Wechselgesang der wallenden Wolkengehänge.
Häuptlinge waren die Herren der Hügel, die mit Sassen und Knechten die kühnen Meerfahrten wagten; der Raub war ihr Recht, der Kampf an den Küsten der nördlichen Länder die Lust ihres Lebens.
Gleich einer Schüssel gefüllt mit den Gaben der lustreichen Landschaft lagen die britischen Küsten den Sachsen dicht vor der Tür; und lange schon fuhren die Kühnen hinüber, bevor der britische König sie dingte, den Pikten und Skoten zu wehren.
Hengist und Horsa hießen die sächsischen Helfer; die hörnigen Schiffe trugen den Hall ihrer Waffen, die Feinde zu schrecken; aber der britische König hatte den Bock zum Gärtner gemacht.
Herren wurden aus Helfern, und Widersacher dem Wohlsein britischer Tage; die hörnigen Schiffe schliefen am Strand, indessen die sächsischen Männer die Macht auf den Straßen des Britenlandes fanden.
Sie hielten das Schwert und prüften die Schärfe und lachten der schwächlichen Christengesänge, sie setzten sich breit in den Stuhl der britischen Herkunft.
Anglia hießen sie prahlend das Land, weil sie sächsischen Stammes, doch Angeln genannt in der Heimat und stolz ihrer Vetterschaft waren.