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Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Chapter 301: Die Eisenbahn
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About This Book

A sequence of lyrical essays and mythic narratives probes the inward depths of personal and collective being, contrasting the shallow surface of memory with an abyssal wellspring where past and destiny mingle. Drawing on creation myths and heroic lore, the text reimagines divine origins and struggles among gods, giants, and fate-spinners, and traces how wisdom, guilt, and power shape cosmic and human order. Meditative passages reflect on memory, consciousness, and the persistence of primal forces beneath everyday life, while retellings of divine conflict and sacrifice examine responsibility, prophecy, and the burden of knowledge.

Das Buch der Preußen

Der Ordensstaat

Hermann von Salza, der die schwarzweißen Ritter des deutschen Ordens ins Land der heidnischen Preußen brachte, war ein Vertrauter des Staufers Friedrich II. gewesen, der sich die sizilianische Verwaltung ausdachte, darin es nicht Stände und Heerschilde gab wie im Reich, darin nur noch der Untertan war, den die Beamten des Königs regierten.

Hermann von Salza der Hochmeister suchte, als er mit seinen Ordensrittern ins Land der Preußen kam, kein Volk, sondern den Raum seines Staates und brachte den Bauer und Bürger mit, den er als Untertan brauchte.

So wuchs sich am Rand des baltischen Meeres ein Herrenstaat aus kraft seines Schwertes; aber das Schwert stand im Dienst des Kreuzes, und das Herrentum war eine strenge Pflicht.

Während der sizilianische Staufer hinschwand wie ein Komet, blieb darum der deutsche Ordensstaat Hermann von Salzas leben, und wurde der Arm des Deutschtums, mit dem es weit hinaus in den slavischen Osten griff, zu herrschen und zu kolonisieren.

Wo in Sümpfen und Steppen Fischer und Hirten gewohnt hatten, wurden deutsche Bauern gesiedelt, und um die Burgen der Komthureien wuchsen die Städte der rheinischen Handwerksleute.

Wie einen Garten im Ödland, so bauten die Ordensritter den Staat, darin die gesiedelten Bauern und Bürger den Schutz des Schwertes und die Gewähr ihrer Verträge hatten.

Der Staat aber war der Orden allein, und seine Gesetze galten aus keinem andern Recht als der Ordenspflicht, deren Zuchthalter der Hochmeister war: darum kannte der Staat der schwarzweißen Ritter kein Volk, nur Bewohner.

Brandenburg

Des heiligen römischen Reiches Streusandbüchse hießen die Spötter das brandenburgische Land, als es der Schwabe Friedrich von Zollern, Burggraf zu Nürnberg, von Sigismund dem Schuldenkaiser bekam.

Denn die Spree war kein Neckar, und der gerodete Boden zwischen Kiefern und Seen barg keine Fruchtbarkeit: wie den Wenden das Land, so waren die kargen Weiden und Felder dem Sand abgerungen.

Auch hatten die Erbhändel um die askanische Mark ein Jahrhundert gedauert: Städte und Ämter waren verpfändet; die Rittergeschlechter, der Landesherrschaft entwöhnt, saßen auf ihren Burgen, dem hergewehten Schwaben zu trotzen.

Sollte auf solchem Grund je Wohlstand wachsen, mußten sich harter Fleiß und härtere Sparsamkeit paaren; nur in der mühsamen Kunst karger Verwaltung konnten die Hohenzollern in Brandenburg zu Ansehen kommen.

Als ihnen endlich nach zweihundert hausgehaltenen Jahren das Glück in den Schoß fiel, als sie das Ordensland der schwarzweißen Ritter durch Erbschaft gewannen, weil der letzte Hochmeister Albrecht von Brandenburg ein weltliches Herzogtum daraus gemacht hatte: da war es im selben Jahr, daß die fressenden Feuer des dreißigjährigen Krieges über das Reich zu flackern begannen.

Die schwachen Hände des Kurfürsten Georg Wilhelm zogen wie alle Schwachheit das Unglück an, und Brandenburg wurde das Blachfeld der Schweden bis zu dem Tag, da sie nur noch auf Raub am Reich sannen, weil der Kaisertraum Gustav Adolfs kläglich zerronnen war.

Als Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, mit zwanzig Jahren das Land übernahm, hatte der Krieg Brandenburg wieder zur Öde gemacht: Dörfer und Fluren lagen vernichtet, und wo noch Stadttore standen, waren die Häuser verbrannt.

Elend und Entsetzen wohnte in Hütten und in den Burgen die alte Unbotmäßigkeit: es war eine magere Erbschaft, die dem Schöpfer des preußischen Staates zufiel, und alle Hoffnung war ihr bestritten.

Der preußische Staat

Aus brandenburgischer Kargheit und schwarzweißer Ordenszucht wurde der preußische Staat; als er in Deutschland zur Geltung kam, war er ein starkes Heer und eine gerechte Verwaltung: nicht ein Volk hatte sich einen Staat, sondern ein Staat sich das Volk nach seinem Bilde geschaffen.

Ob es deutsche Bauernschaft war, die zur Siedlung kam, ob sie aus Rheinland oder Westfalen, aus Salzburg und Holland stammte: sie hatte das Urvätertum der Heimat verlassen und war in einen Staat eingegangen, der eine freundliche Fremde, doch Fremde vorstellte.

Soviel Hunderttausende zuletzt im Oder- und Weichselgebiet saßen, sie wären in der kahlen Gemeinschaft eines Heeres und einer Verwaltung nicht warm geworden, wenn sie nicht ihre Bibel und das Gesangbuch und Sonntags die Predigt gehabt hätten, darin ihr Leben ein Pilgrimstand hieß.

Denn Protestanten waren sie alle, ob sie aus Rheinland oder Westfalen, aus Salzburg und Holland oder gar aus Frankreich stammten; und der Staat, der die um ihres Glaubens willen Vertriebenen aufnahm, war es so sehr, daß Preußen- und Protestantentum zueinander gehörten wie Kirche und Sonntag.

Als dann die Tage des unbesiegbaren Königs kamen, der sich im siebenjährigen Krieg den Ruhm seiner Schlachten holte, sodaß die Preußen zuletzt vom alten Fritz sprachen, wie man vom Rübezahl spricht: da wurde es offenbar, daß der preußische Staat seine Kolonisten zu einem Volk zusammen geschweißt hatte.

Seit Roßbach und Leuthen gab es ein preußisches Volk, dem die Kolonie im slavischen Osten eine neue Heimat geworden war; und die schwarzweißen Fahnen bedeuteten mehr als die kahle Gemeinschaft eines starken Heeres und einer gerechten Verwaltung.

Darum, als der Reichsfreiherr vom Stein ein deutsches Vaterland wollte statt dem Flickwerk der Fürsten, ging er zum König von Preußen, nicht zum Kaiser nach Wien; und daß sich Deutschland gegen die Fremdherrschaft des Korsen erhob, war eine Tat des preußischen Volkes.

Denn in der Not war die Umkehr geschehen, daß der preußische König den Ruf «An mein Volk» wagte, und nicht nur Preußen hörte den Ruf, sondern Deutschland gab ihm jubelnde Antwort, weil das Heer durch Scharnhorst ein Volksheer und die Verwaltung durch Stein die Selbstverwaltung der Stände und Städte geworden war.

Aus der Ordenszucht der schwarzweißen Ritter und aus der Kargheit Brandenburgs war in der Kolonie ein Staat und Volk aufgewachsen, daraus für Deutschland der Wille und Mut wiederkam, sich gegen das Flickwerk der Fürsten mit Blut und Eisen zu wagen.

Der Keil

Als Friedrich der Große in Sanssouci starb, hatte der preußische Staat das Kolonialland im Osten zusammengerafft; seine Gestalt war auf der deutschen Karte ein breiter Keil, dessen Schärfe mit der Festung Magdeburg nach Westen gegen den Rhein wies.

Der Keil des preußischen Staates war angesetzt, das morsche Holz des Reiches zu sprengen, und hatte den Spalt über Minden schon vorgetrieben bis Wesel, wo seit dem Großen Kurfürsten die Schildwache Brandenburgs stand.

Als die Schere Napoleons dann die Karte Europas zurecht schnitt und vom Reich nur den Rheinbund, Preußen und Österreich übrig ließ, hatte der Keil seine Schärfe und Breite verloren: ihm selber war der polnische Keil bis ins Mark vorgetrieben.

Aber zum achten Neujahr nach Jena schon ging das preußische Heer bei Caub über den Rhein, die Schärfe nach Frankreich zu tragen; und wo die Truppen gegangen waren, saß der Reichsfreiherr vom Stein, das befreite Land zu verwalten.

Und ob der Wiener Kongreß mehr Fürsten auf ihre Throne zurück setzte, als dem Reichsfreiherrn recht war: Preußen hatte die Wacht am Rhein errungen; von Wesel bis Saarlouis standen die schwarzweißen Schildwachen.

Die Rheinprovinz war der Siegespreis, der dem preußischen Schwert zufiel, weil das Reich der geistlichen Kurfürsten tot war; die Kolonie kehrte ins Herzland des Reiches zurück, daraus seine Bauernschaft einmal um des Glaubens willen auszog.

Im deutschen Volk blieb seit der Romantik ein Raunen: wer den Rhein hat, der hat das Reich! Seitdem der preußische Keil im rheinischen Querholz stak, wußte es jedermann: im preußischen Staat mußte das Reich wiederkommen.

Unter den Linden

Dorothea, die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten, pflanzte die erste Linde der breiten Straße, die von der Schloßinsel schnurgerade in den Tiergarten führte; aber das Schloß war noch die düstere Burg an der Spree.

Erst Friedrich, der ruhmsüchtige Sohn des Großen Kurfürsten, begann den gewaltigen Schloßbau, zu dem er den Bildhauer und Baumeister Andreas Schlüter in seinen Dienst holte.

Mit zwei sehr großen Höfen warf Schlüter den Grundriß über die Breite der Schloßinsel hin, und der Größe des Planes entsprach die Kraft einer barocken Gestaltung.

Gebändigte Wildheit war alles, was dieser Mann aus seiner großen Natur zu bauen und bilden unternahm: seine Portale standen als wahrhafte Königstore am Schloß; und als er dem Großen Kurfürsten sein Reiterbild auf der Langen Brücke aufstellen durfte, verkündigte es seinen Ruhm mit dem des Fürsten, weil es das stärkste Sinnbild gebändigter Kraft auf deutschem Grund war.

Weder das Schloß noch das Zeughaus, daran die Masken der sterbenden Krieger in die Ewigkeit starren, durfte Andreas Schlüter vollenden, weil sein Ungestüm in Ungnade fiel und durch den Schweden Eosander von Göthe gefällig ersetzt wurde; aber durch seine Wirksamkeit war der Kunst in Preußen Gewicht und Weisung gegeben.

Zwar der Soldatenkönig werkelte draußen in Potsdam, und der alte Fritz wohnte in Sanssouci, das ihm nach seiner Idee Knobelsdorff baute, der mit seiner großen Leibesgestalt ein Tafelgenosse des Königs, in seinen Bauträumen ein Künstler von zartesten Gnaden war.

Ehe Knobelsdorff aber das Märchen von Sanssouci schuf, hatte er den Berlinern ein Opernhaus hingestellt, darin der Weg aus dem Barock Schlüters zur preußischen Einfachheit sein erstes Wegzeichen erhielt, trotzdem es Rokoko war.

Die seine Zauberhand ablösten, waren die Holländer Boumann, Vater und Sohn; sie bauten den Dom und die Hedwigskirche, die Universität und die Bibliothek, wie der alternde König es wünschte und Knobelsdorff nicht erfüllen konnte: sie bauten sie schlecht und recht nach dem befohlenen Vorbild, aber mit Haltung.

Der Weg der preußischen Baukunst führte erst weiter, als der Schlesier Langhans nach Berlin kam und der Straße Unter den Linden das Brandenburger Tor vorsetzte mit dorischen Säulen, aber in einer Wucht und Freiheit zugleich, die für diese Stelle gefühlt war.

Das Viergespann auf dem flachen Dach bildete Schadow, den sie später den alten Schadow nannten, der aber damals im Vollbesitz seiner derb-feinen Bildnerkunst war und in den köstlichen Standbildern Zietens und des alten Dessauer selber ein Doriker wurde.

Denn in dieser Zeit geschah das Wunder, daß die Kunst in Preußen den Weg zu sich selber zurückgelegt hatte, indem sie Natur zwar im Gesetz der Antike sah, aber mit eigenen Augen.

Als Friedrich Gilly, der Jüngling, lehrend und kühne Beispiele zeigend, das kurze Gastspiel seines Lebens gab, da schienen die Musen dem Preußentum zugeneigter, als sie es sonst im Reich waren.

Schinkel, sein Schüler, durfte die Hauptwache als das höchste Beispiel preußischer Baukunst hinstellen: Wiedergeburt der Antike aus eigener Vollmacht.

Als er den Lustgarten mit der Säulenhalle des alten Museums abgeriegelt und durch die Schloßbrücke mit der Prunkstraße Berlins verbunden hatte: da war die Flucht unter den Linden vom Brandenburger Tor bis zum Dom die schönste Straße in Deutschland und eine der schönsten der Welt.

Berlin

Während Weimar der deutsche Musenhof wurde und Jena sich rühmte, die Wiege der deutschen Romantik zu sein, blieb die Stadt an der Spree stumm; so volkstümlich der alte Fritz war, so abseits der deutschen Bildung stand der Spötter von Sanssouci.

Weder Lessing noch Winckelmann fanden ein Amt im preußischen Staat, dem der eine nach seiner Natur, der andere nach seiner Geburt angehörte; erst, als Berlin die Rüstkammer der vaterländischen Bewegung wurde, fing der deutsche Geist an, eine preußische Wohnung zu haben.

Fichte hielt seine Reden an die deutsche Nation in Berlin, und Heinrich von Kleist war der preußische Gegenwurf zu der Botschaft von Weimar.

Und als die Erhebung verrauscht, als Deutschland durch Preußen befreit war, trat Hegel, der Kanzelredner des Staates, die Nachfolge Fichtes an.

Er baute den Raum der Vernunft so umfänglich aus, daß alles darin seinen Platz fand, und baute ihn so mit logischen Klammern befestigt, daß keine Unordnung des Geistes mehr den Weltenplan störte.

Gleich einem Propheten des alten Bundes bewahrte er der neuen Vernunft das Siegel, ohne das keine Wissenschaft gültig war.

Die Philosophie, aus dem Latein Leibnizens in den mühsamen Perioden Kants eine deutsche Tatsache geworden, dachte nicht mehr Begriffe, sie glaubte Leben zu denken; und daß sie es dunkel tat, lag im Logos beschlossen, dahinein sie den Tag tauchte.

Daß neben dem Propheten der Held nicht fehle, kam mit seinem europäischen Ruhm Alexander von Humboldt nach Berlin zurück, der ein neuer Napoleon war, die Welt zu erobern, und der unter allen Männern seiner Zeit der gefeiertste war.

Daß er und sein Bruder Wilhelm, der Minister, daß die beiden Humboldt durch den Berliner Tag gingen, gab ihm einen Stundenschlag, der in Europa gehört wurde.

In diesem Stundenschlag verschwand für die Menge, aber es war den Guten bewußt, daß in Berlin die Serapionsbrüder des Kammergerichtsrats Hoffmann schwärmten, daß im botanischen Garten Chamisso saß, der Dichter des Peter Schlemihl, daß Achim von Arnim mit seiner Bettina gern von Wiepersdorf in die Stadt kam, und daß die Rahel dort ihren Salon hatte.

Der gute Geist aber, der sie alle kommen und gehen sah, die in Berlin für kurze oder lange Zeit ihr Nest bauten, hieß Schleiermacher; und wenn den Karlsbader Beschlüssen zum Trotz der deutsche Geist sich nicht mehr aus seiner preußischen Wohnung vertreiben ließ, war Schleiermacher ihm der getreue Eckart.

Der Schillertag

Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis; die Zeit der deutschen Bildung begann, aber die Bildung hatte bei Gellert zu Abend gegessen und dreist Goethes Schlafrock angetan.

Glauben und Glück gingen am Sonntag spazieren; die Kunst als Pudel der Bildung spaßhaft geschoren, sprang nebenher.

Das war die Zeit, da Beethoven einsam sein Alterswerk schrieb, indessen der Freischütz dem Bürger das Morgen- und Abendlied wurde.

Das war die Zeit, da fleißige Maler der Bildung Romantik ins Album malten, da die Sehnsucht der Sänger nur noch die Wohllust der häuslichen Herrlichkeit war.

Da Ludwig Richter um die Gestalten der Märchen und Sagen sein liebes Rankenwerk machte, da jeder Malergesell ein Taugenichts wurde von Eichendorffs Gnaden.

Das war die Malkastenzeit, da die Stadt an der Düssel sich ihrer Gärten und Künstlerschaft rühmte, da der Rhein eitel Mondschein und Becherklang war.

Da die Raffaeliten in Remagen ihre blasse Frömmigkeit malten und Rethels herrliche Hand, die den Totentanz machte, an den Bildern im Aachener Kaisersaal traurig verdorrte.

Da Kaulbach ein neuer Michelangelo wurde, bis endlich Piloty, der deutsche Tizian kam, seinen unsterblichen Ruhm unsterblicher zu verdunkeln.

Das war die Zeit, da Schillers Geburtstag zum hundertsten Mal jährte.

Der Goethetag war eine verborgene Feier gewesen, ein Sternbild über dem stummen Land; der Schillertag wurde das rauschende Fest seines Volkes.

Den Sänger der Freiheit hießen sie ihn, und weil die Freiheit im deutschen Bund eingesargt war, kam die deutsche Bildung mit Kränzen und Fahnen, mit Böllern und Glockengeläut, mit Reden und Männergesängen, das Grab der Freiheit zu feiern.

Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis; aber am Schillertag blühte im Kornfeld der Bildung das Unkraut der deutschen Begeisterung auf.

Der Geheimrat hörte das Glockengeläut gern; wohl brauste die Jugend hinein und manche Rede klang scharf in den Tag: aber das Wahre, Schöne und Gute hatte gesiegt über die Geister von gestern, und hatte die Völker in seiner Hand fromm und glücklich gemacht.

Friedrich List

Als die Deutschen den Schillertag feierten, war es im dreizehnten Jahr, daß ein anderer Schwabe, verdüstert und müde der deutschen Ermattung, in Kufstein sein rastloses Leben mit einer Kugel beschloß.

Er war kein Dichter, und als er am Tübinger Stift Staatswissenschaft lehrte, hieß ihm Hölderlin wenig; unnütze Träume galten dem praktischen Schwaben Griechenlands Götter, und bläßliche Feiertagsfreude galt ihm ein Frühlingsgedicht.

Ein fröhlicher Hammerschlag lockte ihn mehr als die Wehmut versunkener Dinge; und weil seinem Gegenwartssinn verschimmelte Weisheit zu lehren nicht mehr behagte, weil zuviel Pastorengeruch in der Tübinger Luft war, ließ er sein Amt, das Stift und die Stadt, in Stuttgart den Stätten der Arbeit näher zu sein.

Das aber war zu der Zeit, da Sand den Kotzebue totstach, da die Karlsbader Beschlüsse den Mord an der deutschen Burschenschaft rächten; sie fanden auch List, der die Regierung in Stuttgart mit zornigen Eingaben plagte, und setzten den lästigen Mahner hinter das eisenbeschlagene Tor auf dem Asperg.

Sich aus der harten Haft zu befreien, versprach er, das schwäbische Land mit der neuen Welt zu vertauschen und über dem Meer dem frommen Geheimrat nicht mehr im Weg zu sein.

So kam der Reutlinger Schwabe zu seiner Weltbürgerschaft, so kam der arme Professor zum Reichtum; denn als er drüben das Glück in einem Kohlenflöz fand, griff seine Schwabenhand zu: solch einen Hans im Glück hatten die Leute im Osten längst nicht mehr gesehen, wie es der Schwabe in Pennsylvanien war.

Aber er wollte ein anderer Glücksritter werden als für den eigenen Beutel; er hatte die Quelle des Reichtums gefunden und wollte sie fließen machen für alle: Deutschland sollte nicht länger das Hungerland seiner Fürsten und ihrer höfischen Bettelschaft sein.

Der Traum einer anderen Wirtschaft blühte ihm auf, als der Zünfte und kleinen Gewerke: der deutsche Boden war schwer an Schätzen; Kohlen und Eisen konnten dem Vaterland Wohlstand und Freiheit bedeuten; denn die Armut allein – so glaubte sein glühender Traum – machte die Menschen unfrei.

Bahnen, quer durch die Grenzen der Fürsten gebaut, sollten den Städten die Nahrung der Bauernschaft bringen; die Städte hingegen sollten die Werkstätten sein für alles Gerät, das die Landwirtschaft brauchte.

Eines sollte dem andern die Waage des Wohlstandes halten, rascher Verkehr und planvoller Handel sollten die Preise bestimmen, Zölle die heimischen Werkstätten schützen, Ausfuhr und Einfuhr die kluge Benützung des Weltverkehrs sein.

Ehe sein glühender Eifer mit solchem Traum in die Wirklichkeit ging, schrieb er ihn auf in dem klugen und heftigen Buch seiner Volkswirtschaftslehre; dann kam er zurück übers Meer wie der Hans im Glück, mit dem Goldklumpen seiner Pläne das deutsche Volk zu beglücken.

Aber das deutsche Volk saß im Spinnennetz seiner Fürsten, seine Gegenwart war an den Grenzpfahl gebunden und seine Zukunft an den Geheimrat; wo ein Stück grünes Land war, ging die Vergangenheit auf die Weide.

Was in der neuen Welt ein Kinderspiel schien, war ein Herkuleswerk in der alten; jahrelang ringend mußte der schwäbische Hans seinen Goldklumpen tauschen, bis er am Ende von all seinen Täuschen den grauen Wetzstein behielt.

Da wußte er freilich, daß es zuerst die Schärfe der deutschen Sensen und Sinne aus ihrer Stumpfheit zu wetzen galt; und er wetzte, daß aus den Funken der Brand in die faulen Strohdächer sprang.

Bis der Hans im Glück ein verdrossener Mann und seine Volkswirtschaftslehre ein durchlöcherter Regenschirm war, bis eine Kugel die letzte Enttäuschung bezahlte, bis Friedrich List in Kufstein verscharrt wurde.

Aber sein Goldklumpen war unterdessen in rüstige Hände gefallen: was Friedrich List nicht vermochte, das münzten sie aus, ihren Beutel zu füllen; und als sich im Flickwerk der Fürsten Wohlstand und Freiheit zu regen begannen, regte sich sein Vermächtnis.

Die Eisenbahn

Der Menschengeist hatte den Dämon aus Feuer und Wasser gebändigt; im Eisenbauch schwerer Maschinen saß er gefangen, Mühlen und Hämmer, Räder und Spindeln zu treiben: nun wurde er Roß vor dem Wagen.

Von England kam das neue Wunder der Welt; als es zuerst von Nürnberg nach Fürth lief, strömten die Leute weither, die sausende Fahrt mit Feuer und Dampf zu bestaunen.

Der Eisenbauch der Maschine war auf Räder gestellt; die aber liefen, vom zischenden Dampf in den Kolben getrieben, auf eisernen Schienen schneller durchs Land hin, als je ein Roß zu rennen vermochte.

Ein Feuerroß schien die neue Maschine den Menschen, mit dampfenden Nüstern; so stark war das bauchige Ungetüm, daß es gleich einen ganzen Wagenzug hinter sich herzog.

Die Ärzte hatten die Hände gerungen, und der Geheimrat sah grollend dem leichtfertigen Untertan zu; aber die Kaufleute wollten die Eisenbahn haben, und wie eine Hummel fuhr List, ihr Herold, herum.

In Sachsen gelang es dem Schwaben, den ersten Fernweg in Deutschland von Dresden nach Leipzig zu bauen; er mußte den Elbe- und Muldefluß überbrücken, er mußte bei Oberau gar durch einen Berg gehen – einen Tunnel hießen sie solch eine Höhle, daraus das Ungetüm brausend hervorkam – aber die Eisenbahn brachte den Passagier, der einen langen gerumpelten Tag mit der Post oder drei Tagesmärsche brauchte, in fünfeinhalb Stunden von Dresden nach Leipzig.

Zwar rauchte der Schornstein unaufhörlich, und im Feuerschein flogen die Funken über die offenen Wagen; doch brach kein Rad in den Löchern der Straße, und es wurde kein Pferd lahm.

Der Postillon hatte verspielt trotz Mondschein und Horn, und auf der langen Allee von Leipzig nach Dresden blieben die Planwagen aus, bis die Straße leer wurde vom Fremdenverkehr und nur noch das Bauernfuhrwerk seine langsamen Räder hinrollte.

Und wie es in Sachsen geschah, wurden in Preußen, am Rhein und in Bayern die eisernen Schienen quer über die Felder und Wiesen, durch Hügeleinschnitte und über haushohe Dämme gelegt; staunende Dörfer und schweigende Wälder sahen das rauchende Ungetüm fahren.

Städte, sonst tagefern voneinander, wurden auf Stunden genähert; wer in der Frühe aus Hamburg wegfuhr, konnte abends schon in Berlin den Freischütz hören.

So wurde ein anderes Netz über Deutschland gespannt, als es das Spinnennetz Metternichs war; noch konnten die Grenzen der Fürsten die Strecken biegen und brechen, aber die Schienen bohrten sich durch und bohrten dem freien Verkehr der Völker die Gasse.

Wo die Eisenbahn hinkam, brachte sie Kohle, und wo die Kohle hinkam, konnten die Schornsteine rauchen; so ging der Traum des Reutlinger Schwaben doch in Erfüllung, Handel und Wandel, aus ihrer Enge befreit, wuchsen ins Weite, an seinen Bahnen wollte das Flickwerk der Fürsten ein Vaterland werden.

Der Zollverein

Die Eisenbahn baute die Wege, die Völker im Reich zu verbinden; aber die Zölle legten landaus, landein die Schranken der Fürsten darüber.

Länder und Landschaften, Städte und Märkte hielten mit Eifersucht ihre Grenzen gesperrt; je rascher die Eisenbahn Waren und Güter herbrachte, je zorniger wurde der Zank um den Zoll, der sie tagelang hinhielt.

Die preußischen Länder, vom Rhein bis zum Memel aus langer Erwerbschaft geflickt und seit dem Wiener Kongreß mit der Schere zerschnitten, mußten den Mangel am meisten erfahren: so kam es, daß Preußen die Unrast der kommenden Einheit im Vaterland wurde.

Habsburg und Brandenburg rangen im Reich um die Macht, seitdem der Spötter von Sanssouci Maria Theresia Schlesien nahm; als der zähen Preußengeduld der deutsche Zollverein glückte, waren der Habsburger Vormacht die Stränge zerschnitten.

Mit den kleinen Nachbarn fing Preußen sein zähes Geduldspiel an; die größeren wollten sich wehren, und jahrelang rangen die Mächte im deutschen Bund gegen die preußischen Pläne.

Wie ein böses Geschwür sahen die Herren der Hofburg den neumodischen Bund wachsen, darin statt dem Schwert die Waage des Kaufmanns regierte, darin Habsburg, am Rande des Reiches, nicht mehr das Schwungrad im deutschen Räderwerk war.

Preußen hatte den Rhein, und wer den Rhein hatte, konnte den Handel in Deutschland bestimmen; auch war es die Zange, die norddeutschen Länder zu packen, und die preußische Zange scheute sich nicht, wo sie konnte, zu zwicken.

So wurde erstmals im Zollverein wahr, was deutsche Herzen erhofften; wohl blieben die Grenzpfähle stehen, mit den Farben von vielerlei Fürsten zu prahlen und all ihrem bunten Wappengetier; aber von Preußen nach Bayern, von Hamburg zum Bodensee gingen die zollfreien Waren, als ob das Vaterland Wirklichkeit wäre.

Der Kaufmann hatte gesiegt über den frommen Geheimrat; doch Preußen hatte dem Zoll das Ziel und dem Handel die Wege bereitet; der Fuchs in Berlin wußte genau: der Zollverein war die Vernunft, und die Vernunft war der Vorteil im Zwang der kommenden Macht.

Der preußische Bundesgesandte

Als der preußische Junker Otto von Bismarck nach Frankfurt zum Bundestag kam, war die Paulskirche wieder geschlossen, der deutsche Bund hielt seine Sitzungen ab, als wäre niemals ein März in seinen Winter gefahren.

Der Junker von Bismarck hatte das Handwerk der Diplomatie in keiner Schule gelernt, er konnte reiten, fechten und tanzen, er konnte ein frecher und fröhlicher Kerl sein: weil alle die anderen Gesandten auf Schleichwegen gingen, hörten sie bald seine Stiefel knarren.

Die Märztage hatten dem Junker von Bismarck eine Narbe ins Herz gebrannt, die schwarzweiße Fahne war durch die schwarzrotgoldenen Farben in Schande gekommen: er konnte dem Teufel ins Angesicht lachen, aber die Märzfarben ertrug er nicht.

Mehr als ein Deutscher war er ein Preuße, und mehr als ein Preuße ein Junker: der König war Herr, und er war seiner Herrlichkeit Träger; wer ihm hinein sprach, hatte den König gekränkt; und Kränkungen des Königs ertrug ein Junkerblut nicht.

So paßte der Todfeind des Liberalismus den schwarzgelben Herren der Hofburg; aber sein dreistes Preußentum verdroß ihren Hochmut.

Sie waren gewohnt, im Bundestag ihre Schlingen zu legen, und der Troß der Gesandten war nur die Meute der Hofburg; aber der Junker von Bismarck war weder Hase noch Fuchs oder sonst ein jagdbares Tier, eher ein Jäger und also bereit, sie selber in ihrer Schlinge zu fangen.

Sie waren Meister der Schule, er lachte zu ihren Ränken und stellte die hohe Diplomatie getrost auf den Kopf; er nannte die Dinge tolldreist beim Namen und war seiner Sache gewiß, daß Klugheit und Mut ohne Verkleidung stärker und sicherer wären.

So machte er, der bei den Schwarzgelben heiter zu Tisch saß, der ihren Damen ein witziger Kavalier und ihren Neunmalgescheiten ein dummdreister Gernegroß schien, die schwarzweißen Farben wieder frisch, die seit Olmütz verstaubt waren.

Nur das Volk sah nichts als den preußischen Junker in seiner Hünengestalt; ihm galt der Preußengesandte in Frankfurt der Todfeind des Vaterlandes und der Klopffechter verschimmelter Fürstengewalt.

Der Regent

Der König von Preußen hatte die schwarzrotgoldene Schärpe getragen und war nach Olmütz gegangen; er hatte geschwärmt und geredet und Kirchen gebaut, er hatte die Hoffnung, den Groll und die Ohnmacht der Deutschen nacheinander betrogen: als er ins Alter kam, waren nur schwankende Schatten von seinem Umriß geblieben.

Lange bevor ihn ein Schlaganfall hinwarf, seinen Schwarmgeist völlig umnachtend, hatte der festere Schatten von seinem Bruder hinter dem König gestanden, wie ein Pfahl bei dem schwankenden Baum steht.

Er war weder geistreich noch redebegabt, nur ein Soldat; alles, was einen Fürsten bei seinem Volk beliebt machen kann, fehlte dem wortkargen Mann; doch jedermann wußte, Prinz Wilhelm war, was der König nicht war, ein Charakter.

Niemand sah ihn je schwanken und zagen; als die Märztage kamen, riet er dem König, unbeugsam zu bleiben, und als im badischen Aufstand die preußische Hand gebraucht wurde, gab sie der Kartätschenprinz her.

So stand seine karge Erscheinung recht in der Zeit als ein Stück Fürstengewalt; die Junker hielten ihm zu, weil er ein Stockpreuße wie sie und lieber ein Gutsherr in Brandenburg als ein Fürst nach dem deutschen Volkswillen war.

Nichts an ihm, außer der langen Gestalt, ging über den Zoll; kein Schatten der Größe witterte um seinen Namen, aber hochmütig und unbeugsam hielt er der Krone die Torwache.

Das preußische Volk sah ihn verdrossen neben dem Thron stehen, der seinem romantischen Bruder Kanzel und Kirchenstuhl und nun ein Krankenbett war; ihm aber sollte er wieder, das ließ er den Untertan merken, ein Königsstuhl sein.

Ein Königsstuhl ohne Schwall und Gepränge, ein Königsstuhl mit dem Schwert und der Waage als Zeichen der höchsten Gewalt.

Fremd seinem Volk und von allen gehaßt, die an die neue Zeit glaubten, hielt er dem kranken Bruder die Krone, und dennoch heimlich begrüßt, weil wieder nach schwankenden Schatten ein fester Umriß am Fenster der Königsgewalt stand.

Der Konflikt

Die deutsche Frage war seit Olmütz in die Enge der unabwendbaren Entscheidung geraten: Österreich und Preußen rangen im Deutschen Bund um die Macht, wie einmal die Welfen und Staufer taten.

Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht; aber der Deutsche Bund war nicht mehr das Reich und der Zollverein hatte den Spalt quer durch die deutschen Länder gerissen.

Der Prinzregent war Soldat; er sah die kommenden Dinge mehr mit dem Zündnadelgewehr als mit den Fußangeln der Diplomaten.

Er legte, König geworden, dem preußischen Landtag die neue Wehrordnung vor, von vierzigtausend Rekruten auf sechzigtausend zu kommen, statt die andern auslosen zu lassen.

Aber der Landtag war widerspenstig; er sah nach Bürgerart mehr in die Gegenwart als in die kommenden Dinge und wollte für eine so kostspielige Heeresverstärkung nicht die Mittel beschließen.

Darum, als Österreich mit Frankreich in den italienischen Krieg kam und der Deutsche Bund rüsten mußte, ließ sich der König die Mittel der Mobilmachung gewähren und führte die neue Wehrordnung ein, wie er sie wollte.

So sah sich der Landtag umgangen: das Heer war verstärkt, die neue Wehrordnung war da, und er sollte seine Bewilligung nachträglich geben; aber er weigerte sich nach dem Buchstabenrecht der Verfassung.

Dreimal versuchte der König den Widerstand des Bürgers zu brechen; dreimal wurde der Landtag entlassen; dreimal kamen die Männer im Willen des Volkes gestärkt zurück, und immer trotziger wurde ihr Nein.

Denn nun war das schärfste geschehen: der König, bedrängt und gehaßt, von vielen Guten verlassen, hatte den Junker von Bismarck als seinen Minister gerufen; und nun stand der eiserne Wille gegen den Trotz, die Unabänderlichkeit kluger Gewalt gegen die Rechtsbehauptung lahmer Gesetze.

Nicht durch Reden und Kammerbeschlüsse, höhnte der Junker den Landtag: durch Eisen und Blut würden die Fragen der Zeit zur Entscheidung gebracht.

Er hatte den Bund mit dem Zaren geschlossen, das Heer stand bereit; und was seinem Dämon als Schicksal und Größe von Preußen im Sinn lag, das sollte für Deutschland geschehen.

Der dänische Krieg

Der dänische Seehund hatte die preußische Dogge gebissen, die meerumschlungene Nordmark war dänisch geblieben trotz allem Gesang der Kinder und Greise: nun nahm der Junker von Bismarck den Augenblick wahr, dem Seehund die Zähne zu zeigen.

Friedrich, der dänische König, war ohne Kinder gestorben; der Gottorper Christian erbte sein Land, der ein Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses und durch den Willen der Stände Thronfolger in Dänemark war.

Sie wollten mit ihm Schleswig für immer an Dänemark binden; aber ein anderer Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses bestritt seinem Vetter die Nordmark und hieß sich als Friedrich der Achte Herzog von Schleswig und Holstein.

Ihm wollte der deutsche Bund helfen, und als die Preußen und Österreicher in Holstein einrückten, riefen ihn Ritterschaft, Städte und Landschaften zu Kiel als Landesherrn aus.

Die Dänen hießen die Stände samt ihrem Herzog Rebellen, sie rückten mit Schiffen und Heeresmacht aus, der deutschen Bundesarmee noch einmal die Zähne des Seehunds zu zeigen.

Aber nun hatte die preußische Dogge packen und beißen gelernt und wollte die Schande von Olmütz auslöschen; Wrangel konnte noch einmal den zornigen Feldmarschall spielen, und diesmal gingen die Sieger nicht wieder nach Haus.

Bei Düppel hatte der Seehund sein festes Lager gegraben, aber die Dogge wühlte sich durch bis an die Wälle, drei Wochen lang lag sie in Regen und Lehm, dann sprang sie dem dänischen Feind an die Kehle.

Zum zweitenmal wollten die Dänen das Spiel der Mächte beginnen, aber nun hatte der Junker von Bismarck die Karten klüger gemischt: sein Bündnis mit Rußland schreckte die andern, besiegt und verlassen von allen Höfen mußte der dänische Hochmut die Demut auskosten.

Die schwarzweißen und schwarzgelben Fahnen blieben im schleswig-holsteinischen Land, und Wrangel der Feldmarschall brauchte nicht wieder fluchend nach Hause zu gehen; die Kinder und Greise konnten getrost das alte Lied singen: das Wunder, kaum noch geglaubt, blieb in der Wirklichkeit gültig.

Aber das Lied, einmal so stark in den Herzen, wollte nicht klingen; ein Dämon, das fühlten sie alle, hatte das Wunder gemacht: die deutsche Seele, blaß und erschrocken, ahnte, daß dies nur ein Anbeginn war, sie wartete stumm auf den Fortgang, weil ihr vor dem Bruderkampf graute.

Gastein

Schleswig-Holstein, meerumschlungen, war dem Seehund entrissen, aber die Dogge duldete nicht, daß Friedrich der Achte als Herzog ins Land kam; vor der preußischen Haustür sollte kein neuer Bundesstaat sein.

Seit Friedrich der Große Schlesien nahm, hatte kein Landgewinn so den preußischen Dämon gelockt; wie damals war wieder ein Mut da, kalt und verwegen, um solchen Gewinn den höchsten Einsatz zu wagen.

Die Bundesgesandten in Frankfurt hörten die knarrenden Stiefel des Junkers von Bismarck; sie waren gekränkt, daß er den hitzigen Eifer der schwarzgelben Fahnen nach Schleswig-Holstein gelockt, aber die Bundesarmee kalt abgewehrt hatte.

Und wie die Bundesgesandten, so haßten die Völker den preußischen Junker, daß er so dreist das alte Mächtespiel trieb; sie wollten ein deutsches Vaterland sein und wollten die friesische Nordmark friedlich und frei im deutschen Staatenverband haben.

Indessen der Herzog der schleswig-holsteinischen Stände sein Glück schwinden sah, gingen die Boten von Wien nach Berlin: der neue Zankapfel hatte den alten locker gemacht, Schlesien wurde für Schleswig gewogen, ein Handel sollte den Machtstreit begraben.

Dem schmählichen Handel zu wehren, hoben die Bundesgesandten in Frankfurt den Schild der Gerechtigkeit auf: das neue Bundesland müsse sein Schicksal selber bestimmen; ein Landtag, in Schleswig-Holstein gewählt, könne das einzige Schiedsgericht sein!

Solche Gerechtigkeit konnte der Junker von Bismarck nicht brauchen; Eisen und Blut sollten entscheiden, noch aber war ihm das Spiel zu gewagt: dem Gegner die letzte Falle zu stellen, lockte er ihn nach Gastein.

Kein Bundestag konnte ihn da mit dem Schild der Gerechtigkeit stören; die Habsüchte von Preußen und Österreich waren allein, und als sie einander die feindliche Bruderhand gaben, hatte die Hofburg dem deutschen Bund die preußische Kränkung mit eigener Kränkung vergolten.

Was ewig ungeteilt bleiben wollte, wurde als Beute der Mächte zerrissen: Preußen nahm Schleswig und Österreich Holstein; Lauenburg wurde um dänische Taler an Preußen verhandelt.

Da sahen die Völker im Vaterland, daß über dem Schild der Gerechtigkeit die Schwerter der Macht gekreuzt waren; die Großen allein wollten den Handel begleichen, die Großen in Wien und Berlin, die den deutschen Bund kaltblütig übergingen.

Die Zange

Seit Gastein begannen die Klugen das tolldreiste Glücksspiel zu ahnen; der König von Preußen hatte den Junker von Bismarck zum Grafen gemacht, und keine Bedenklichkeit konnte den kühnen Spieler erreichen.

Er trotzte dem preußischen Landtag, er höhnte die Bundesgesandten, und mehr als ein Bruch der Verfassung geschah dem deutschen Gewissen, als er dem schwarzgelben Bruder den welschen Feind auf den Hals hetzte.

Frankreich und Österreich hatten den letzten Gang um die römische Erbschaft der Kaiser gewagt, und Victor Emanuel war, der sardinische König, der Spieler Frankreichs gewesen.

Er hatte in blutigen Kämpfen den Einsatz gewonnen; aus einem Flickwerk von Staaten war endlich ein einiges Volk auferstanden: Italien hieß es sein Land und Victor Emanuel seinen ruhmreichen König.

Noch einmal hatte das uralte Schlachtfeld der Völker den Lärm und die Leiden des Krieges erfahren, und schwer waren die Schläge Radetzkys gefallen, ehe die Lombardei von den schwarzgelben Fahnen befreit war.

Nur noch Venetien blieb in der Habsburger Hand; die reiche Provinz heimzuholen, winkte ein Bündnis mit Preußen: über die Alpen reichte der Sieger von Gastein den Welschen die schwarzweiße Hand, den schwarzgelben Feind in der Zange zu haben.

Das Zündnadelgewehr

Als Preußen den Bruderkrieg anfing, war Österreich immer noch mächtig im Bund, auch brach ein Schrei aus der Tiefe des deutschen Volkes gegen den preußischen Frevel: aber der eiserne Graf glaubte an den Soldaten, und der Soldat glaubte ans Zündnadelgewehr.

Der Teufel – hieß es – habe den Preußen die Waffe erfunden, schneller zu schießen als sonst ein redlicher Schütze; indessen er kniete und mit dem Ladestock lud, hatte der Preuße schon zweimal geschossen.

Und wie das Gewehr war sein Gefecht vom Teufel gesegnet; alles ging nach der Uhr: hierhin und dorthin marschierten die Heere, aber zur Stunde der Schlacht waren sie da mit der Zange.

Drei preußische Heere zogen nach Böhmen, wo Benedek langsam gegen die Lausitz vorrückte; drei Muren brachen aus dem Gebirge ins böhmische Land, das österreichische Heer zu erdrücken.

Die erste bot ihm die Front, aber die andern waren die Zange; als die schwarzgelben Fahnen bei Königgrätz standen, den Stoß aufzufangen, war die Schlacht schon verloren.

Gleich einer Burg waren die Hügel von Chlum vorgebaut gegen die Sümpfe der Bistritz, und Benedek stand jedem Sturm, seit früh ging die Schlacht und mittags kam sie zu stehen, schon winkte der Sieg den schwarzgelben Fahnen, als rechts im Rücken Kanonendonner begann.

Die zweite Mure war da, und schon kam die dritte von links, die Zange zu schließen; da half den schwarzgelben Fahnen die Burg und die Tapferkeit nichts, und alles Blut des grausamen Tages war ihnen vergeblich geflossen: sie mußten die Hügel von Chlum, sie mußten die Burg, das Feld und den Sieg dem flinkeren Feind lassen.

Die Schlacht war verloren und mit ihr der Krieg; bald standen die Sieger im Marchfeld: da hatte einmal das Glück von Habsburg begonnen, da ging es zu Ende.

Einen dreißigjährigen Krieg hatten die Neunmalklugen verheißen, nun war er in einem Monat vorüber; die hitzigen Sieger wollten nach Wien reiten, aber der eiserne Graf fiel ihrem Roß in die Zügel.

Ihm galt es nicht Preußen und Österreich, ihm galt es Deutschland; und ob ihn sein König selber zuerst nicht verstand: zu Nikolsburg machte ein rascher Friede dem raschen Feldzug ein Ende.

Indessen die großen Dinge in Böhmen geschahen, liefen die kleinen emsig in Franken: bei Langensalza hatten die Preußen das Heer von Hannover mit ihrem blinden König gefangen, aber die Kurhessen und Bayern, Schwaben und Badenser schlugen sich mit den Preußen auf vielerlei Straßen und Brücken herum.

Die Preußen schossen auch hier mit dem Zündnadelgewehr; die großen Kanonen standen in Böhmen, ehe sie kamen, wehten die weißen Fahnen auch schon in Franken.

Nie hatte ein Frieden den Ölzweig so eilig gebracht, wie der von Nikolsburg tat; kaum wußte der Bauer vom Krieg, kamen die Krieger schon heim, die Ernte zu halten.

Es war nur ein Sommergewitter, sagten die Völker, weil es zu schwül im Vaterland war! und die das Wort hörten, spürten es wohl: das Wetter war aus, und die Luft war gereinigt.

Noch standen die preußischen Heere im Feld, als der Gesandte von Frankreich, Benedetti geheißen, hochmütig in Preußen anklopfte: Mainz oder Krieg! – Dann Krieg! höhnte der Graf, und Deutschland fühlte den Sieg, der in dem stolzen Wort lag.

Der norddeutsche Bund

Zum drittenmal hatte der preußische Dämon die Falle gestellt, aber nun fing er die Fürsten von Hessen, Hannover und Nassau und auch die freie Stadt Frankfurt.

Sie hatten Preußen gehaßt und Habsburg getraut, der Frieden von Nikolsburg machte sie vogelfrei; von Habsburg verlassen, mußten sie Thron und Land an Preußen verlieren.

Noch war der König von Preußen nicht Kaiser, aber sein Kanzler, der eiserne Graf, übte die Kaisergewalt Barbarossas; wie der Staufer sein stolzes Maifeld, berief er den norddeutschen Bund.

Nicht auf den goldenen Feldern bei Mainz, nicht an den fröhlichen Ufern des Rheinstroms, in der kargen Königsstadt an der Spree, glanzlos und nüchtern mußte der neue Reichstag den Bau des Bundes beginnen.

Auch rief kein Herold die sieben Heerschilde auf, von dem stolzen Turmbau der Stände war nur noch die Stimme geblieben, die einmal in Urväterzeiten der Freiemann war und die nun im freien und gleichen Wahlrecht der Männer wieder zu Wort kam.

So hatte es Bismarck den Deutschen versprochen, bevor sie nach Königgrätz gingen, so hielt er nun Wort; die dem Junker mißtraut hatten, mußten erkennen, wie klug und stark der preußische Wille auf die Kaisergewalt zielte.

Denn noch schied der Main Süddeutschland vom Bund; mit Ingrimm und Sorge sahen die Fürsten und Völker nach Norden, was nun der Preuße begänne.

Die Fürsten schonte er nicht, das sahen sie alle; die Völker indessen konnte das Zündnadelgewehr nicht gewinnen: wohl aber, wie nun im norddeutschen Bund das Flickwerk der Fürsten ein Vaterland wurde mit einer freien Verfassung.

Der neue Napoleon

Ein Abendrot brannte am Himmel von Frankreich sein Feuerwerk ab, der gallische Hahn stand in greller Beleuchtung und spreizte sein buntes Gefieder, daß wieder ein Kaiser Napoleon war.

Der den gewaltigen Namen und sein Gedächtnis, den Ruhm des Kaisers und den Rausch des französischen Volkes als seinen Glorienschein trug, hatte nur einen Ehrgeiz, nicht die Natur des korsischen Oheims überkommen.

Mit Abenteuern und Listen mancherlei Art war ihm der Aufstieg geglückt, aber der Atem wurde ihm eng, als er auf dem Kaiserthron saß; Großes zu tun vermochte er nicht, so gab er dem Kleinen den Anschein der Größe.

Zwar schien ihm das Kriegsglück gewogen, auf den lombardischen Feldern gewann er die Schlachten gegen den Habsburger Erbfeind: Magenta und Solferino klangen dem fränkischen Ehrgeiz nicht weniger stolz als einmal Arcole und Lodi.

Nie hatte ein Kaiser der alten Zeit die Straßen von Mailand so blumenbestreut gesehen, als da er der stolzen Stadt ihren König Victor Emanuel zeigte; und seit den Tagen des Korsen hatte kein Jubel Paris so erfüllt, als da er Savoyen und Nizza als Siegesbeute heimbrachte.

Da standen die Tore der Tuilerien geöffnet wie einst, Könige kamen, den neuen Herrn der Welt zu begrüßen; die Völker des Abendlands sahen den Kaiser von Frankreich wieder als Schiedsrichter walten.

In seinen Glanz fiel der Schatten, als Preußen der Tag von Königgrätz glückte; wohl rief die Hofburg den Kaiser als Schiedsrichter an, und das alte Rheinbundspiel schien zu glücken: als aber Napoleon Mainz und die Pfalz als Siegesbeute heimbringen wollte, wies Bismarck, der eiserne Graf in Berlin, seinem Gesandten die Tür.

Den Tag von Sadowa hießen die Franzosen die böhmische Schlacht, die ihrem Kaiser das Glücksspiel verdarb; den Tag von Sadowa zu rächen, blieb danach ihr Feldgeschrei, bis es dem Kaiser zum Schicksal und seinem ruhmgierigen Volk zur Demütigung wurde.

Die Emser Depesche

Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen: Bruderblut war um den norddeutschen Bund in Böhmen und Franken geflossen; um das Reich mußte Krieg sein mit dem Erbfeind im Westen.

Denn immer noch lag der Schatten des Rheinbundes quer vor den kommenden Dingen: bei dem Schiedsrichter der Tuilerien hatten die süddeutschen Fürsten Schutz gesucht gegen Preußen; Österreich war, Sadowa zu rächen, im Bündnis mit Frankreich.

Sollte ein einiges Vaterland werden, so mußte die welsche Hand aus dem deutschen Spiel sein; Bismarck der eiserne Kanzler war tollkühn genug, den Schlag gegen den Kaiser von Frankreich zu wagen.

Als sich der Kaiser danach um Luxemburg mühte, sagten die Spötter in Frankreich: Napoleon habe das Wild von Sadowa gefehlt und wolle nun rasch einen Hasen vom Händler heimbringen; aber der Sieger von Gastein brachte ihn auch um den Hasen.

Alles verdarb der Dämon in Preußen dem grämlichen Kaiser, bis ihm der spanische Handel das rote Tuch war, seinen Zorn unklug zu machen.

Isabella, die spanische Königin, war nach Frankreich geflüchtet; die Großen des Landes boten die Krone dem Eidam des Königs von Portugal an, der selber dem Kaiser verwandt, aber ein Hohenzoller war.

Seitdem der Burggraf von Nürnberg nach Brandenburg kam und die fränkische Sippe der Zollern in Preußen ihr Glück machte, hatte der schwäbische Stamm bescheiden im Dunkel gesessen, bis Napoleon selber den Prinzen Carol auf den rumänischen Thron brachte.

Nun sollte sein Bruder König von Spanien werden; das aber rief den Franzosen die Furcht der spanischen Weltherrschaft wach: was einmal Habsburg vermochte, sollte den Zollern nicht wieder gelingen.

Der Zorn von Sadowa schrie Rache; Kaiser und Kammer in Frankreich, noch eben im Streit, sahen den Tag der Vergeltung und sprangen dem Kanzler hinein in die klug gestellte Verblendung.

Einen Krieg über Deutschland zu bringen, vermochte der Prinz Leopold nicht; als der Sturm in Paris schon Donner und Blitz zuckte, meldete er seinen Verzicht.

Wir haben gewonnen! rief der Minister von Frankreich; aber so billig wollte der gallische Zorn nicht verrauchen: diesmal sollte der König von Preußen das fränkische Siegerrecht fühlen.

Der König von Preußen war schon ein Greis; er machte in Ems seine Kur, als der Gesandte von Frankreich, Benedetti, ihm morgens über den Weg kam: er solle dem Kaiser versprechen, daß niemals mit seinem Willen ein Hohenzoller in Spanien König würde.

Das konnte kein König versprechen; und als der Gesandte den höflichen Greis am selben Tag weiter bedrängte, ließ er ihn wissen: der König von Preußen habe ihm nichts mehr zu sagen!

Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen! nun war die Stunde gekommen, da Deutschland dem Kanzler einstehen mußte für sein geharnischtes Wort.

Was keiner zu denken kühn genug war, das vermochte die Emser Depesche; sie war nur ein rascher Bericht nach Berlin; der Kanzler kürzte und klärte den Ton und gab ihn der Zeitung: da las der Deutsche mit Zorn und mit Stolz, wessen sich ein Gesandter von Frankreich vermaß, und wie ein deutscher König die Würde bewahrte.

Sie fühlten in Frankreich den Hieb, und rot brach die Flamme aus ihrem rauchenden Zorn: der Kanzler wollte den Krieg haben, sie wichen ihm nicht zurück und wollten die Antwort bald nach Berlin bringen.

Aber die Völker im Reich verstanden die Stunde: jetzt oder nie mußte das Vaterland sein! und was an den Höfen der Fürsten noch hemmte und zagte, war durch den brausenden Willen gezwungen.

Die Männer

Der König von Preußen kehrte von Ems zurück nach Berlin; das Volk jauchzte ihm zu als dem kommenden Kaiser; denn nun trennte kein Main mehr das Vaterland in Norden und Süden.

Wo im Norden und Süden ein deutsches Herz war, es spürte die Wende: lange genug hatten die Fürsten das feige Spiel mit Frankreich getrieben, wo eine deutsche Uneinigkeit war, hatte der Franzmann die Finger gerührt; nun aber sollte ein einiges Vaterland sein, und alle Augen sahen nach Preußen.

Da standen die Männer der Stunde und wollten das Tor der deutschen Zukunft aufmachen: da war der König, den sie einmal Kartätschenprinz hießen; aber der Sieger von Königgrätz, besonnen im Ausmaß des Friedens, hatte dem fränkischen Hochmut deutsche Würde gewiesen.

Da war der Kanzler des kommenden Reichs, unbeugsamen Willens und seiner Sache gewiß; wie er die Dinge bei Namen nannte, so nahm er sie auch zur Hand, und was seine Hand nahm, ließ sie nicht fallen.

Da war der Feldherr des Königs, ein Greis wie er und ein Schweiger, kein Feldmarschall zu Roß, aber der heimliche Meister der Zange; wo Moltke den Feldzug führte, war der Soldat nicht verlassen: wo er ihn brauchte, da stand er, und wo er stand, war er getrost, den Feind anzupacken.

Da war der Zeugmeister des preußischen Heeres, Graf Roon, dem alles an seiner Schnur ging, der als getreuer Feldwebel sorgte, daß dem Soldaten das Seine zukam.

Da war der Kronprinz, dessen Kanonen den Sieg nach Königgrätz brachten, blondbärtig und jedermanns Freund und immer bereit, mit jedem zu lachen.

Als er den Oberbefehl nahm über die süddeutschen Heere, vergaßen sie alle den Preußen, weil er ein fröhlicher Mann und für die Bayern, Schwaben wie Hessen bald «Unser Fritz» war.

Nach Frankreich hinein

Wieder wie einmal nach Böhmen ließ Moltke drei Heere nach Frankreich marschieren, und wieder wie damals kam ihre schnelle Bewegung dem Feind in die Flanken.

Über den Rhein nach Baden, Schwaben und Bayern wollte Napoleon ziehen, die süddeutschen Mächte gegen den norddeutschen Bund zu gebrauchen; aber sein Heer kam nicht los von Straßburg und Metz.

Ehe Mac Mahon in Marsch kam mit seiner saumseligen Macht, hatte der Kronprinz den Lauterbach überschritten, den Feind im Elsaß zu packen.

Der Geisberg bei Weißenburg wurde von Preußen und Bayern erstürmt und danach bei Wörth der stolze Mac Mahon geschlagen; ehe sein Heer beisammen war, riß schon der Strudel der schmählich verlorenen Schlacht die fliehenden Massen über den Wasgenwald hin.

Die Steige von Zabern war frei, als Sieger marschierten die Söhne der süddeutschen Länder hinein in das uralte Schlachtfeld der katalaunischen Felder.

Am selben Tag, da Mac Mahon bei Wörth den Ruhm von Magenta verlor, berannten die Preußen der ersten Armee die Spicherer Höhen hinter Saarbrücken; blutige Stürme liefen vom Mittag bis in die Nacht gegen die steilen Waldberge an, Tausende mußten ihr Leben um einen Schritt lassen.

Aber der Schritt machte den Weg nach Lothringen frei, und Lothringen war mit seiner gewaltigen Festung der Schlüssel, den Krieg nach Frankreich zu tragen.

Metz

Auf einer Insel der Mosel, durch waldige Hügel gedeckt, von einem Stachelring starker Vorwerke umschlossen, lag Metz, die mächtigste Festung der Welt, dem Einmarsch nach Frankreich zu wehren.

Hier sollte der Feldzug des Kaisers nach Mainz und Preußen beginnen, aber die Sieger von Spichern und Wörth nahmen ihn gleich in die Zange; auch die stolze Rheinarmee fand den geträumten Siegesweg nicht, und der Marschall Bazaine nahm dem erschrockenen Kaiser den Oberbefehl ab.

Der Marschall wollte zurück, Mac Mahon zu finden, aber er säumte zu lange; bevor sein Abmarsch begann, standen die Preußen vor Metz, und das blutige Sechstagewerk fing an, sein Heer zu zermalmen.

Sechs Tage lang riefen die großen Kanonen der Festung zum Tanz, sechs Tage lang brüllte die Schlacht ihre Antwort, sechs Tage lang bebte die Erde, sechs Tage lang waren die Hügel um Metz eine Hölle.

Nie hatte die Welt solches Schlachtfeld gesehen, Jena und Austerlitz, Leipzig und Waterloo, Königgrätz: alles versank vor der Wirklichkeit solcher Vernichtung.

Stirn an Stirn standen die Heere am ersten Tag und maßen die Stärke; am zweiten Tag setzten die Preußen im Süden die Zange; am dritten Tag wollte Bazaine den Abmarsch erzwingen, aber der Feind hielt ihn fest in der Flanke; am vierten Tag grub er sich ein, das Antlitz nach Westen; am fünften Tag hielt ihn der eiserne Griff von Süden und Norden umklammert, bis in die Nacht ging der Kampf; am sechsten Tag saß sein mächtiges Heer in der Festung, und die Festung saß in der Zange.

Mehr Tote als sonst ein Kriegsjahr hatten die Tage gekostet, die Wälder und Wiesen, Brücken und Bäche um Metz lagen voll Leichen, die Dörfer brannten, die Sonne konnte nicht mehr durch den Pulverdampf scheinen.

Da kämpften nicht Feldherrn und Heere um ihren Sieg, da rangen zwei Völker um ihre Stärke: Frankreich und Deutschland trugen den Streit, den Zorn und die Vergeltung aus von einem halben Jahrtausend.

Sedan

Auf den katalaunischen Feldern hatten die Deutschen gedacht, Mac Mahon zu finden; aber er war von Chalons nach Norden gezogen, Bazaine in Metz zu entsetzen; weil aber die deutschen Soldaten zum andernmal schneller marschierten als die Franzosen, gelang es, den Flankenstoß an der Maas abzufangen.

Bei Beaumont geschlagen, mußte Mac Mahon nach Sedan zurück, wo ihn das Schicksal Bazaines schneller und schlimmer erreichte.

Da machte Moltke das letzte Meisterstück seiner Zange; von Osten nach Westen gepackt, wurde das zweite Feldheer des Kaisers nach blutiger Schlacht durch die Tore von Sedan getrieben.

Aber nun war es nicht Metz, die mächtige Festung, mit dem Stachelring ihrer starken Vorwerke, nun war es Sedan mit seinen ärmlichen Wällen, daraus die Feuerschlünde von allen Höhen rundum einen Höllenkessel machten.

Am selben Nachmittag noch mußte die Zitadelle die weiße Fahne aufziehn; und als der Parlamentär aus der Festung zurück kam, war mit dem Heer von Mac Mahon der Kaiser Napoleon selber gefangen.

Der in den Tuilerien als Schiedsrichter über dem Abendland saß, der den Ruhm seines gewaltigen Namens und den Glanz des zweiten Kaiserreichs trug, sandte dem König von Preußen seinen Degen.

Noch in der selben Nacht streckte das Heer Mac Mahons die Waffen; durch den nebligen Morgen des zweiten September ritt Bismarck als Kürassier neben dem Wagen des Kaisers, seinem König, dem Sieger, den kläglich Besiegten zu bringen.

Ein Hurrah lief durch die Reihen und füllte das waldige Tal von Sedan; ein Siegesfest nahm seinen Anfang wie keines der neuen Geschichte.

Vier Wochen lang standen die Heere im Feld, und schon war die Kriegsmacht des Kaisers vernichtet, Napoleon selber gefangen: da mußte der Krieg aus sein und jeder Soldat, fröhlich geschmückt, konnte der Heimat den Frieden mitbringen.

Der Ringkampf der Völker

Die deutschen Sieger hatten das letzte Feldheer des Kaisers geschlagen, aber der Kaiser war nicht das Volk der Franzosen; der Ringkampf der Völker fing seinen Schrecken erst an, und weit lag der Friede.

Wohl standen die deutschen Heere bald vor Paris, aber das Herz von Frankreich hörte nicht auf zu schlagen; hinter dem Gürtel starker Vorwerke war es gerüstet, auf seine Kinder zu warten.

Der sie rief, war ein anderer Mann als der kränkelnde Kaiser; in einem Luftballon verließ Gambetta die Hauptstadt, und wo sein Feuerwort hinfiel, standen die Söhne des Vaterlandes auf, Frankreich zu retten.

Von Norden, Süden und Westen liefen die Sturmwellen an, den dünnen Wall um Paris zu durchbrechen: in Lumpen und Leiden noch einmal Soldaten der großen Armee.

Das Sagenbild der neunköpfigen Schlange wurde den deutschen Soldaten zur bösen Erscheinung; wo ein Mann war, war auch ein Feind, und viele Männer waren in Frankreich.

Der siegreiche Sommer sank längst in den Herbst, und der Winter fing an zu schneien: immer noch warf das tapfere Land neue Heere ins Feld, immer noch sorgten die siegreichen Führer, ob sie des Feindes wohl Herr blieben.

Bis endlich der Hunger die mächtigen Tore von Metz aufmachte, bis endlich die Deutschen im Feld die Übermacht hatten, der Hydra den letzten Kopf abzuhauen.

Bei Orleans an der Loire, bei Amiens und Le Mans, bei Dijon, an der Lisaine, bei St. Quentin: überall hatte das Blut verzweifelter Kämpfe den Schnee gerötet, ehe der Donner der großen Kanonen das Herz und die Hauptstadt von Frankreich bezwang.

Einhundertachtzehn Tage lang war der eiserne Ring um ihre Tore gewesen; Hunger und Schrecken hatten das Herz von Frankreich müde gemacht, bis sein Mut aufhörte zu schlagen.

Tief im Süden, im waldigen Jura fiel noch ein letzter Streich gegen den kühnen Bourbaki; bei Pontarlier wälzte sich der blutige Rumpf der Hydra hinüber zur Schweiz.

Dann endlich war dieser schwere Krieg aus, der ein Ringkampf war zwischen den Völkern, und dem die Welt staunend zusah; denn noch war es Preußen mit seinen süddeutschen Brüdern, das solches gegen das mächtige Frankreich vermochte.

Versailles

Der erste Napoleon hatte das Reich auseinander getreten, weil er der Kaiser im Abendland war; als der dritte Napoleon seine Wiederkunft sah, die er selber erweckte, saß er in Wilhelmshöhe gefangen.

Er hatte um seines Namens willen den Großen gespielt, aber der Große saß in Berlin und war ein preußischer Junker; als der Kaiser seinen Gegner erkannte, war das Spiel schon verloren; als ihm der Krieg an die Gurgel sprang, war Preußen schon Deutschland.

Was die Burschenschaft sang auf der Wartburg, was in der Paulskirche als Wort und Wille des deutschen Volkes aufstand, war in Wirklichkeit da, als Deutschland nach Frankreich marschierte, seinen Zorn an dem Erbfeind zu rächen.

Aus Preußen und Bayern, aus Schwaben und Sachsen, aus Hessen und Baden waren die deutschen Söhne gekommen, weil ihre Fürsten ein Schutz- und Trutzbündnis hatten; aber sie standen im Feld füreinander, weil sie aus einem Vaterland waren.

Niemals konnte der Mann aus dem Heer in eine andere Heimat heimkehren als die seiner deutschen Blutsbrüderschaft vor dem Feind; er hatte den Erbfeind geschlagen, der lange genug der Nutznießer seiner Zwieträchtigkeit war: sollten noch länger Fürsten in Deutschland regieren, durften sie nicht mehr Vögte der Zwietracht, mußten sie Hüter der Eintracht sein.

Durch Eisen und Blut hatte der Kanzler die Eintracht beschworen, aber nun wußte er klug abzuwarten, daß ihr kein Zwang angetan wurde: sollte das Reich kommen, so mußte es sein, wie die Sonne sich selber den Tag weckt.

Erst wurde der Bund der Völker geschlossen, und mancherlei mußte gegeben, gepflegt und geschont sein, ehe die Boten befriedigt heimgingen, ehe Vertrag um Vertrag zum Vaterland wuchs.

Als so das Reich auf der Einigkeit stand, kamen die Fürsten, den Kaiser zu küren; kein anderer konnte es sein als der Greis, der Preußen und Deutschland in diesen siegreichen Krieg führte.

Der König von Bayern mußte ihn nennen; er tat es mit stolzer Gebärde, weil seiner romantischen Seele nichts so verhaßt wie die kleine Erbärmlichkeit war, und weil er kein Neidling sein mochte.

So konnte endlich das Wunder geschehen: im Spiegelsaal zu Versailles standen die Fürsten und Stände der Staaten, Minister, Generäle, Soldaten, dem greisen König von Preußen die deutsche Kaiserkrone zu bringen.