Tapfere Dinge waren getan, und Großes war ruhmreich gegründet: wie seit den Staufern nicht mehr war das Vaterland mächtig, Deutschland war wieder ein Reich, und ein Kaiser stand über der Vielheit der Fürsten.
Aber es war nicht mehr der alte Fürstenbau; weder in Aachen gekrönt noch in Frankfurt gefeiert, blieb der Kaiser von Deutschland König in Preußen; der eiserne Kanzler gebot an der Spree; die Krone im Rhein lag versunken.
Scharf schnitten die Grenzen das neue Reich ab von den feindlichen Völkern; Dänen, Franzosen und Polen sahen mit Haß die Fahnen schwarzweißrot wehen, indessen die Deutschen von Österreich und Tirol, von Salzburg und Steiermark im bunten Staatenverband der Habsburger Erbherrschaft blieben.
So hielt die harte Preußenhand eine kargere Kaisermacht fest als die der Staufen, Franken und Sachsen: aber sie war durch den Willen der Völker, nicht durch die Willkür der Fürsten gehalten.
Zweiundzwanzig Residenzen, Höfe und Fürsten hatten sich aus der Vielheit gerettet, und Thüringen trug noch das alte Narrengewand; ihr Bundesrat saß in Berlin, er konnte dem Reichstag der Deutschen Hemmschuh und Hindernis, aber nicht mehr die alte Herrengewalt sein.
Da saßen die Boten der Deutschen von Schleswig bis Lindau, von Schlesien bis Xanten, von Straßburg bis Memel, dem Vaterland die Hände frei zu halten durch den Willen des Volkes.
Da gab es nicht mehr die Stände der alten Reichsherrlichkeit, nur Stimmen: Arbeiter-, Bürger- und Bauernschaft galten nach ihrer Zahl; Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit sollten die Hüter und Walter der deutschen Volksrechte sein.
Die alte Zwietracht
Durch Eisen und Blut war Deutschland einig geworden, die Eintracht des Krieges hatte dem Frieden die stolze Frucht eingetragen: nicht länger mehr sollte die Zwietracht das deutsche Verhängnis bedeuten.
So waren die Sieger bekränzt aus Frankreich wiedergekommen, so hatte der Jubel in Deutschland Greise und Kinder, Männer und Frauen erfüllt, so stand der Frühlingstag hell, da in Berlin die Truppen einritten mit ihrem König und Kaiser.
Als aber der Reichstag die Stimmen gezählt hatte, als die Sendlinge ankamen aus allen Gauen, als sie eintraten in den Saal, dahin sie einträchtig zu raten gesandt waren, saßen sie vielfältig nach Parteien.
Zur Rechten die Junker und alle die Alten, die sorgenvoll in die neue Zeit sahen; zur Linken die Neuen und Demokraten: beide Hände wollten dem Reich das Gleichgewicht halten, die Dränger den Siegelbewahrern des Alten.
Doch in der Mitte schob eine schwarze Schar ihren Keil zwischen die streitbaren Hände; sie wollten das Reich nicht von rechts und links der neuen Preußengewalt, sie wollten die alte Herrlichkeit haben, da sich der Bogen der römischen Kirchen- und Reichsgewalt über die Christenheit spannte.
Der Papst und der Kaiser hatten der Kirche den Bogen über die Völker gehalten; der aber nun Kaiser hieß, war ein Ketzer, und der als Kanzler die starke Regierungsgewalt übte, war ein Preuße und Protestant.
Sie aber blieben der römischen Kirche gehorsam und wollten nicht dulden, daß ihrer Geltung im Reich der Preußen und Ketzer Geringes geschähe; darum saßen sie da in der Mitte und ließen sich schelten, daß sie die schwarzen Raben vom Kyffhäuser wären.
So wurde der uralte Streit noch einmal entfacht, was dem Papst und dem Kaiser gehöre; der römische Papst war die Sonne der christlichen Welt, unfehlbar hieß er sich nun: wollte der preußische Mond aus eigenem Licht leuchten, so war es vom Teufel.
Noch einmal wurden die Worte von Worms und Augsburg gesprochen, noch einmal wollte der deutsche Mann dem römischen Übermut wehren: der Schwedenkönig ritt um im Gedächtnis von Lützen, und die feste Burg Luthers wurde gesungen.
Kein Wallenstein kam, und Magdeburg brauchte die Brandfackel Tillys nicht mehr zu fürchten: die Schwerter hatten gerungen, bis Deutschland ein Leichenfeld war; nun rangen die Stimmen.
Aber die jubelnden Herzen mußten noch einmal den wilden Untergrund spüren, darauf die neue Herrlichkeit stand; indessen die Tore und Türme der Einigkeit noch bekränzt waren, kamen die Raben der Zwietracht geflogen.
Wir gehen nicht nach Canossa! trotzte der Kanzler; aber der eiserne Mann, der Habsburg besiegte und den dritten Napoleon fing, der dem Abendland stärker als sonst ein Mann seiner Zeit das Gesicht gab, der Graf von Gastein und Fürst von Versailles mußte das unbedachte Wort büßen.
Die neue Zwietracht
Ein Jahrtausend deutscher Geschichte hob sein Gesicht zur Gegenwart auf, als die schwarzen Männer im Zentrum noch einmal den Streit der Kirche begannen; das Gesicht war von Gram und finsteren Leiden zerrissen.
Aber der Bogen, einmal der Christenheit mächtig, war nicht mehr gespannt; die Augen, glühend vor Haß, waren erloschen.
Wohl wußte der Mund noch die Worte, aber sie zückten nicht mehr: aus Schicksal war Zank, aus Schuld war Schmähung, aus Haß war hitziger Eifer geworden.
Indessen die alte Zwietracht so an der Gegenwart starb, war die neue Zwietracht gewachsen; aber ihr glühten die Augen, ihr zückten die Worte, sie kannte Schicksal und Schuld, sie kannte den brennenden Haß.
Aus Menschen hatte der Zwang der Maschine Fabrikler gemacht; in rußigen Hallen und Höfen mußten sie um den Tageslohn dienen, die von der Scholle enterbt waren und die im Handwerk verfilzter Zünfte kein Heil fanden, weil die Maschine der menschlichen Hand die Arbeit wegnahm.
Wohl hatte List, der Reutlinger Schwabe, dem Wohlstand die neuen Wege gewiesen: der deutsche Bürger begann, Bahnen, Fabriken und Lagerhäuser zu bauen, die Schornsteine rauchten, aber dem Arbeiter brachten sie keinen Segen.
Der Lohn hielt sein Dasein in ehernen Klammern; je mehr ihrer kamen, ihn zu verdienen, je billiger wurden die Groschen in seiner entwerteten Hand.
So ging die Saat auf, die Wilhelm Weitling aus Magdeburg säte; der Profit des privaten Erwerbes sollte dem Recht der Gemeinschaft verfallen: der Sozialismus wurde die Zwietracht der kommenden Tage.
Ein Evangelium kam zu den Armen, anders als jenes, das Jesus von Nazareth brachte, und eine andere Lohnlehre, als die der Priester; nicht erst vor Gott, vor den Menschen sollte Gleichheit gelten; statt himmlischer Freuden der Frommen sollte auf Erden Gerechtigkeit wohnen.
Lassalle hatte sein lautester Verkünder geheißen, der wie ein Irrwisch dem frommen Geheimrat ins Tintenfaß fuhr und ein fressender Feuerbrand war in den Herzen der Armen; vom Zorn der Behörden verfolgt, von Prozeß zu Prozeß hingerissen, jagte sein Leben dahin, bis ihn – um eine Frau – die Kugel hinstreckte.
Aber sein landfremder Name, scharf und schnell wie der hämmernde Hall seiner Worte, blieb in den Herzen der Armen lebendig, bis hinter der heißen Gebärde ein drohender Schatten aufkam, sein flackerndes Bild zu verscheuchen.
Die goldene Spinne
Zwei Rheinländer saßen flüchtig in London und waren Freunde, wie Kopf und Herz Freunde sind: Karl Marx, der Jude aus Trier, Friedrich Engels, der Protestant und Kaufmann aus Barmen.
Sie stickten der neuen Zwietracht die Fahne; auf blutrotem Grund strahlte mit goldener Schrift der Name des Feindes, den sie in aller Verkleidung des Wohlstandes verfolgten.
Wo ein Zins, eine Grundrente war, wo eine Eisenbahn lief, wo eine Fabrik rauchte, wo die Feuergarbe der Hochöfen lohte und wo der Förderkorb Kohlen zu Tage brachte: überall saß die goldene Spinne und nützte das Netz.
Das Kapital war sie geheißen, und alles Lebendige fing sie mit ihren gleißenden Fäden, um es zu fressen: weil sie der Nutznießer der Zinsen und Renten, in aller fleißigen Arbeit der Fluch der Lohnherrschaft war.
Einmal als goldenes Kalb von Israel gläubig umsungen, von Moses mit jähen Worten zerschmettert, war sie die Herrin der Welt, all ihres Wohlstandes und all ihrer Armut geworden.
Fürsten und Könige mußten ihr dienen, Kriege wurden geführt ihr zuliebe und Frieden nach ihrem Vorteil geschlossen: wo irgend ein Menschenwerk war, hielt sie dem Hunger die Geißel in ihrer Linken, aber den Mehrwert der Arbeit in ihrer lockenden Rechten.
Gegen die Allmacht des Goldes rief Marx, der Jude aus Trier, die Zwietracht der Gegenwart auf; und dies war seine Lehre vom Mehrwert: aller Gewinn in der Welt bestahl die fleißige Arbeit; denn der Lohn zahlte nicht den Gewinn, er hielt nur die Peitsche, daß Arbeit geschähe.
Um ihren Mehrwert betrogen, gab die Arbeit dem Armen die Notdurft und hielt ihn als Knecht in der Fessel des Lohnes; Sorge und Fleiß und Mühseligkeit der besitzlosen Klasse dienten der goldenen Spinne, daß ihr das Leben fauler Genuß würde.
Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! höhnte ihr Sprichwort; aber den Goldspinnen war zu fressen die einzige Arbeit; so wild war ihre Gier, daß sie einander auffraßen, die großen die kleinen, bis einmal das Gold aller Welt in einem einzigen Bauch war.
Dann war das Unrecht gesühnt und das Schicksal vollendet; denn dann kam der Staat mit dem Schwert und schlug dem Ungetüm das Freßwerkzeug ab, dann war der Bauch mit dem Gold der Gemeinschaft verfallen, dann hatte der Mehrwert der Arbeit den Kreislauf vollendet.
Denn dann war der Staat nicht wieder das Fangnetz der goldenen Spinne, dann hatten die Arbeiter selber die Macht, dann konnte der Mehrwert den goldenen Segen ausströmen, weil endlich die Menschheit vom Kapital, dem faulen Blutsauger des ehrlichen Fleißes, erlöst war.
Die Botschaft klang anders, als die aus Bethlehem kam: sie wollte den Himmel auf Erden bringen, statt eine Verheißung über den Wolken zu sein.
Zwar hatte Jesus milde gelächelt, daß Einer sorgte um Speise und Trank, um Kleidung und andere Notdurft des Leibes, weil er die ewige Seligkeit lehrte, die jeder Seele als ihre Heimat gewiß war, wenn sie ihm glaubte.
Aber der Jude aus Trier sah nur Schliche in der christlichen Botschaft; alle Lehre der Priester und alle Gläubigkeit galten ihm List der Spinne, ihre höllische Herrschaft zu halten: sie wollte des irdischen Goldes gewiß sein, drum gab sie die himmlischen Träume.
Irdisches Leben hieß auf der Erde beheimatet sein, hieß ihre Früchte als Segen des Fleißes fröhlich genießen: das sollte der Preis seiner Lehre, das sollte der greifbare Segen seines neuen Evangeliums werden.
Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf leichten Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland hieß: sie hörten die Worte wie einmal die Hirten, da sie in kalter Nacht auf den Feldern die Botschaft der Engel vernahmen.
Sie sahen die Fahne der Zwietracht flattern vor einer schönen Zukunft; tausend mal tausend glaubten mit glühenden Augen, daß der mühselig beladenen Menschheit zum Wohlgefallen endlich Gerechtigkeit käme.
Darwin
In England wurde dem Sozialismus die Fahne gestickt, aus England kam auch die neue Schöpfungsgeschichte, die Bildung des Bürgers vom Bibelbuch abzulösen.
Auf seinem behaglichen Landgut bei London saß Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, und kannte kein schöneres Glück, als ihnen das Lebensgeheimnis besonnen und still abzulauschen.
Er hatte auf mancherlei Reisen den rauschenden Reichtum der tropischen Pflanzen- und Tierwelt gesehen; aber wie bei den Menschen Blutsverwandtschaft war unter Brüdern und hinaus lief in Sippen und Völker, so sah er die Unzahl der Arten verbunden.
Tastenden Schrittes suchte er Strecken des Lebens zu finden; und immer gewisser wurde dem still besonnenen Mann, daß all der rauschende Reichtum des Lebens aus wenigen Urformen stammte.
Tausendmal älter als alle Berichte wirkte das tiefe Geheimnis der Artenentwicklung; was sich das einzelne Leben im Kampf ums Dasein mühsam erwarb, wurde vererbtes Vorrecht der Art; Jahrtausende waren darin wie eine Stunde.
So war die Schöpfungsgeschichte der Bibel ein Märchen der Juden, einfältig und sinnvoll gebildet; das Sechstagewerk Gottes war nur die Tür frommer Betrachtung, dahinter die Wege der Pflanzen- und Tier- und Menschennatur in uralte Vergangenheit wiesen.
Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, hatte nur klarer erkannt und feiner verfolgt, was andere Geister vor ihm ahnten und fanden; als aber der übersehbare Weg seiner Lehre in die Unendlichkeit führte, erschraken die Frommen.
Denn nun wurde offenbar, daß die jüdische Bibel auch nur ein Menschenwerk war und also ein Stückwerk: auf ihren Buchstaben war der evangelische Glaube verpflichtet; wenn aber der Buchstabe des alten Testaments falsch war, wurde dem Glauben die starke Gewißheit des neuen genommen.
Eine Wehklage kam aus den gläubigen Herzen, Wutgeschrei der Zeloten rief Zeter und Zorn über den Forscher; der seiner eigenen Frommheit nur eine neue Gewißheit gewann, staunend der göttlichen Tiefe im Wunder des Lebens, wurde als gottlos verdammt von den Priestern.
So mußte der still besonnene Mann seiner Zeit wider Willen das Feldgeschrei leihen: der Menschengeist wollte sich selber genug sein als Herrscher der Erde; hier fand er die Lehre, den Kirchengott abzusetzen.
Alles Jenseits war solcher Lehre verdächtig; menschliche Not und kirchlicher Wahn hatten die Götter und danach den Gott der Priester geschaffen, der für den Überschwall der neuen Erkenntnis und Forschung ein Hirngespinst war.
Mit Himmel und Hölle habe der Priester – so hieß es – die Menschheit in Furcht und Hoffnung gehalten, nun sei das alte Täuscherspiel aus; der Erde allein sollten die Taten gehören; der Tod sollte ein tapferes Ende des einzelnen Lebens, kein Tor für eine vermessene Ewigkeit sein.
Unendliche Zeugung habe ihr Ziel im Menschen gefunden; kein Sechstagewerk eines fragwürdigen Gottes, sondern die Artenvermehrung durch Zuchtwahl habe aus Urzellen endlich den Menschen gemacht, der so in Wahrheit die Krone der Schöpfung vorstellte, wie er sich rühmte.
Der Trompeter von Säckingen
Indessen, durch solches Wissen mündig gemacht, der Menschengeist in der Natur die Mutter des Lebens erkannte, ging in verschlissenen Kleidern noch immer Romantik spazieren.
Als die Geschichte Gottes im Menschen war ihm die Vergangenheit tot, Schicksal und Schuld waren im Schoß der Natur für immer begraben; den Bilderbogen der Menschheit in seinem Geist zu bemalen, waren Poeten- und Malerhände geschäftig.
Einen Messias zu singen, hatte die deutsche Dichtung begonnen, der eiserne Götz und die Räuber, Nathan der Weise und Minna von Barnhelm, Don Carlos und Tasso, Iphigenie und Penthesilea, Wallenstein und der Prinz von Homburg waren mit herrlichen Schritten über die Bühne gegangen, Faust hatte mit Himmel und Hölle gerungen: nun kam der Trompeter von Säckingen her, sein blechernes Stück in die Herzen zu blasen.
Hölty und Hölderlin waren vergessen, Stifter und Mörike kaum gekannt, Hebbel und Kleist gingen der Bildung als Schreckgespenst um: dem Trompeterdichter flog ihr Herz zu wie die Braut dem Geliebten.
Allzulang war die Dichtung auf Stelzen gegangen, große Gedanken und hohe Gefühle hatten dem Bürger den Eingang verwehrt: nun lehrte ein Kater die Lieder der Bildung zu singen, und ein Trompeter, die Leiden der schmachtenden Liebe zu seufzen.
Auch Maiengrün gab es für süße Gefühle, für den Durst einen köstlichen Tropfen, für den Trompeter eine holde Maid zu erringen; und wenn das Lied aus war, das die deutsche Bildung entzückte, hatten sich Maid und Maiengrün, Trompeter und Tropfen glücklich gefunden, und jedermann konnte sich träumen, daß ihm ein gleiches Glück blühte.
Zwar in der Wirklichkeit standen die Dinge nicht mehr so rosig vergoldet, und Nüchternheit nahm der Bildung das dürre Maiengrün aus den Händen; desto emsiger mußten die neuen Poeten von der Vergangenheit ihre bunten Bilderbogen abziehen.
Unserer Väter Werke
Als der siegreiche König von Preußen aus Frankreich die Kaiserkrone heimbrachte, als wieder ein Kanzler im Reich und das Reich eine Macht war, weckten die Rufer den schlafenden Kaiser im Kyffhäuserberg.
Die neue Herrlichkeit mußte der alten die Hand reichen, wollte sie mehr sein als dreistes Glück, wollte sie Schicksal und aus den Tiefen der deutschen Vergangenheit Erfüllung bedeuten.
Unserer Väter Werke! stand über dem Tor der Halle, darin begeisterte Männer aus München der staunenden Zeit ein stolzes Schaubild deutscher Vergangenheit gaben.
Die Zeit, da Dürer in Nürnberg Meister der Malerzunft war, da Hans Sachs auf der Diele des Hauses als freundlicher Greis saß, da Peter Vischer die festen Erzgüsse machte, da die Rathäuser wuchsen und in den Stuben der Bürger reiches Kunstgerät war, wurde in köstlichen Kammern vor der Gegenwart ausgebreitet.
Da sah sie, was einmal deutsche Bürgerschaft war, wie sie wohnte und ihr Gerät schmuckreich und edel gefügt aus einem Handwerk bekam, das noch ein Meisterstück kannte.
Es sollte nur eine kurze Schau sein, nur ein Blick in das herrlichste Buch der deutschen Geschichte, ein Vorbild und eine Predigt, desgleichen zu tun.
Aber die Schau konnte den Geist nicht wecken, der solche Dinge brauchte und schuf; sie zeigte der Gegenwart nur sein schönes Gewand; und die Gegenwart eilte sich sehr, es zu tragen.
Überall wurden dem alten Handwerk Museen gebaut, überall wollte die Gegenwart mit der Vergangenheit prahlen, überall mußte der neue Reichtum in alten Prunkkammern wohnen.
Weil aber die Kunst kein Leihgewand hat, weil sie das Kleid ihrer Zeit nicht anders sein kann, als Blätter und Blüten an einem Baum wachsen, seine Krone in eigene Anmut zu hüllen: wurde, was Leben sein wollte, nur ein Theater.
Als ob die Gegenwart keine Wirklichkeit wäre, Schönes zu wachsen, hing sich der Deutsche die Prunkmäntel vergangener Herrlichkeit um, seufzend, daß seine Zeit der eigenen Schönheit entbehre.
Bayreuth
Einer aber ging durch die Gegenwart hin, mit seinem Taktstock der Zeit einen neuen Pulsschlag zu bringen.
Als die Deutschen nach Frankreich marschierten, war er schon grau; in Triebschen am See von Luzern saß er landfremd und verlästert: aber die Lohe brannte um seinen Garten, und die sein Angesicht sahen, erkannten den Dämon darin.
Wie Klingsor der Zauberer war er gekommen, den Singsang braver Musikmeister mit höllischen Künsten zu stören; und als einen Dämon des Königs hatte die Hetze den herrischen Mann aus München vertrieben.
Denn anders als sonst ein Fürst war Ludwig der Zweite von Bayern; ihn hatte der Zauber berührt, der um den romantischen Kaiser der Sage im Kyffhäuserberg war: König sein hieß ihm der Schönheit gehören, die über der Täglichkeit kalter Geschäfte und lauer Genüsse mit goldenen Fäden am Himmelreich hing.
Schlafwandelnd ließ er die Dinge des Tages geschehen; wo aber ein Mensch aus der Ewigkeit kam, säumte er nicht, mit Fackeln zu leuchten, daß er zur Nacht den Weg in sein Königsschloß fände und seinen Thronsaal der Träume.
Richard Wagner den Zauberer hatte der eigene Dämon zum Flüchtling gemacht; hingerissene Liebe, Verzückung, Unverstand, Bosheit und Not waren um seinen Lebensweg, bis er im Thronsaal der Träume den Schlafwandler fand.
Der hieß den Kahn bringen, der aus Ebenholz war, und der Bug war von Silber, das Licht ein Rubin, durch blassen Opal wie rinnendes Blut bleich leuchtend auf purpurne Kissen.
So fuhr er hinaus in die Nacht, dem Zauberer und seinen Tönen zu lauschen, die aus der ewigen Melodie des Wassers im Wind, aus der ewigen Unrast der Menschenbrust, aus Werden, Sein und Vergehen der ewigen Wiedergeburt kamen.
Wenn Tristan den Liebestrank nahm von Isolde, wenn er den König verriet und den Verrat büßte mit seinem Leben, um dennoch der tödlichen Liebe selig zu sein: dann konnten nicht Lieder und Arien singen, dann mußte Musik der ewigen Waltung ertönen, ewige Unrast, ewige Sehnsucht, niemals Erfüllung, nur selig gefühltes Erfülltsein.
Ludwig der König horchte den Tönen, als ob es der Weltgruß wäre für seine schlafwandelnde Seele; aber die Münchener haßten den landfremden Zauberer, und wie sie die Tänzerin Lola austrieben, so taten sie ihm.
Sechs Jahre lang saß er in Triebschen, noch einmal ein Flüchtling, aber sein Zauber hielt den König im Bann aus der Ferne; als das deutsche Kaisertum aufstand, als wieder ein Reich und Raum war für große Dinge, rief der König Richard Wagner zurück, sie zu gestalten.
Einmal war Baukunst die Mutter der Künste gewesen, nun wollte Musik, ihre Schwester, den Zauberdom bauen; alle Künste sollten ihr dienen, daß der Menschengeist endlich von seiner Zerspaltung genese: in Bayreuth sollte die Gralsburg sein, der Welt zur Erlösung.
Als im Festspielhaus zu Bayreuth die ersten Töne erklangen, als der greise Kaiser neben dem romantischen König saß, den Zauber zu hören, als die Bühnen in Deutschland dem Bann von Bayreuth verfielen, als die Nibelungen allerorten ihr Getön und Gepränge begannen: da schien ein anderer Zauber gelungen, als den der Trompeter weckte.
Der Bürger mußte sich wieder der Größe beugen; der Bann von Bayreuth zwang die Herzen nicht weniger hin als der eiserne Bismarck die Hände.
Der Dämon des Königs von Preußen hatte das Reich durch Eisen und Blut wieder errichtet; der Dämon des Königs von Bayern machte das Tor zur alten Herrlichkeit auf: was starke Hände ergriffen, sollten die Herzen als Heiligtum halten.
Aber das Heiligtum war ein Theater geworden; wie einmal die Glocken des Münsters die Heiligen riefen, so taten nun seine Posaunen; daß sie die letzte Verwandlung vermochten, mußte die Heilsmusik der Erlösung im Parzival tönen.
So war der Zauber von Bayreuth vollendet; aus aller Welt kam die Gläubigkeit her, ihm zu lauschen: der Priestergott hatte die letzte Verwandlung begonnen, das Mirakel der Messe war auf die Bühne gestiegen, das Kreuz von Golgatha stand auf dem Dach des Theaters.
Bruckner
Indessen der Weihrauch in Bayreuth um solche Zauberei dampfte, indessen Tannhäuser und Wolfram, Elsa und Lohengrin, Siegfried, Walküren und Rheintöchter das deutsche Theater erfüllten, saß der Hofkapellorganist Anton Bruckner in Wien und spielte die Orgel, wie weiland Johann Sebastian Bach.
Wie jener als Protestant war er katholischen Glaubens ein demütiger Diener der Kirche, obwohl er Gewalt hatte über die Bässe und Flöten der Orgel, über die Geigen und Hörner im ganzen Reich der Musik.
Ihm war kein Dämon gegeben, die Großen der Welt zu betören, kein Königsschloß stand in der Nacht, ihm mit Fackeln zu leuchten; wohl aber kamen die Gaffer von Wien, den seltsamen Kauz zu bestaunen, der ihnen den Dank, wenn sie klatschten, mit dem roten Taschentuch winkte.
Sein Taschentuch machte sie lustig, er aber nahm ihren Pöbellärm dankbar als Ehrung für seine Kunst hin; und wenn die Kinder der Gasse den närrischen Mann neckten, stand er gerührt vor dem Ruhm in der Liebe der Kleinen.
So war er im Leben ein wahrer Knecht Gottes; einfältig und ohne Groll nahm er sein Los hin, als Narr vor den Menschen zu gelten, die seine Hände zu küssen versäumten, weil sie die karge Knechtsgestalt sahen, aber den blühenden Geist Gottes in seiner Musik nicht erkannten.
Er war ein Österreicher Kind und ein gläubiger Sohn der katholischen Kirche; wie Johann Sebastian Bach brauchte er nicht mit Himmel und Hölle zu ringen, weil ihm der Himmel gewiß war, einmal und hier schon auf Erden: aber wo jener die Stimmen mit Stärke und Strenge bezwang, ließ er sie schwelgen im Wohllaut.
Auch war er ein Hagestolz, und keine elf Söhne füllten sein Haus mit fröhlichem Lärm wie bei dem Kantor in Leipzig; die Einsamkeit war seine stille Gefährtin, sie konnte ihm in den Überschwall fallen, daß jeder Stimme der Atem stockte.
Dann stand seine stumme Seele vor Gott wie eine Kerze am Hochaltar steht; aber ein Engel kam aus der Stille und führte ihn an der Hand heilig hinein in die neue Anbetung der Stimmen, bis wieder ihr brausender Chor und Wohlklang erschallte.
Die Menschen konnten die Stille nicht hören, sie spürten auch nicht den Engel darin, der ihn vor Gottes Thron führte; sie lachten des Organisten, der selber Musik machen wollte und mit dem roten Taschentuch winkte; sie blieben vor seiner Einsamkeit stumm, bis er im vierundsiebzigsten Jahr seines Lebens still aus der Welt ging.
Als Beethoven starb, an dessen Grab Bruckner oftmals gekniet hatte, bezeugten ihm Tausende schweigend die Ehrfurcht; als Bruckner sich leise hinweg stahl, wußten nicht hundert, wer dieser Knecht Gottes war.
Neun Sinfonien hatte auch er der Menschheit geschrieben, neun Bücher vom ewigen Leben: Dem lieben Gott! stand auf der letzten, darüber ihm seine Hände hinsanken.
Der seiner Einsamkeit Freund und Gefährte, der seiner treuen Knechtsdienste Herr war, sollte gnädig hinnehmen, was die Menschen nicht mochten.
Nietzsche
Es war ein Professor in Basel, Sohn eines Pfarrers aus Röcken bei Lützen, Friedrich Nietzsche geheißen; dem war die Einsamkeit nicht von närrischer Einfalt umgütet wie dem Knecht Gottes in Wien.
Sein gläserner Geist litt unter dem dreisten Gelichter, sein heller Mund höhnte, daß ihre Ohren so taub, ihre Herzen so leer, ihre Gefühle so unrein, ihre Gedanken so lendenlahm waren.
Als er es nicht mehr auszuhalten vermochte unter den Menschen, floh er hinauf ins Gebirge, in einer helleren Luft einsam zu sein.
Einmal war Bayreuth dem unerbittlichen Frager noch eine Hoffnung gewesen, aber sein herrischer Jasagegeist konnte nicht knien am Kreuz der Verneinung; als der Zauberer seinen Parzival schrieb, hieß er ihn einen Verleugner und Täuscher.
Ein deutscher Christ galt ihm ein zwiefach verzwickter Knecht der Vergangenheit; er aber wollte der Zukunft den hellen Geist zeugen, er wollte der Wahrheit die Wohnung der Stärke bauen, er wollte getrost der Antichrist heißen.
Denn das Christentum galt ihm die Feindschaft der Kranken und Verderbten; Knechtstugenden hieß er Mitleid und Demut und Bängnis um Strafe und Lohn.
Herrenmoral war anders gerüstet: sie kannte den Hochmut, den Haß und die Liebe des Blutes, den tapferen Tod vor dem Feind; sie brauchte kein Jenseits für ihre Gewißheit der Dinge, sie war mit Sinnen und Sinn Jasager zum irdischen Leben.
So waren die Griechen gläubige Kinder der Erde gewesen, so hatten die Römer das Reich der männlichen Stärke gebaut, bis ihm der tückische Kreuzgott im Aufruhr der Sklaven und Christen den Untergang brachte.
Nun galt es dem Menschengeist, die Schmach auszulöschen, wieder wie einst die Dinge als groß und gering, rar und gemein, biegsam und brüchig, gesund und krank zu werten, wieder der frohe Herr seiner selber statt der Knecht düsterer Mächte zu sein.
Hündisch hieß er, für einen Himmelsgott gut oder böse zu gelten, herrlich, um seiner selbst willen den Bogen der Stärke zu spannen.
Helläugig, schnellfüßig und hochgemut mußte der Geist im Abendland werden, sollte ihm wieder die Erde gehören; kein gekreuzigter Gott, keine olympischen Götter: der Mensch allein sollte das Ziel seiner Tat und Sinndeutung stellen.
Als so der Professor aus Basel den Übermenschen lehrte, war ihm das Land der neblichten Wälder und kalten Meerküsten unheimlich und fremd geworden, wie einem Zugvogel sein Nestland fremd wird: im sonnigen Süden, am kaltklaren See von Silvaplana ging er die steilen Wege seiner Gedanken.
Da fand er sein Spiegelbild und hieß es den Zarathustra; aber er nahm von dem persischen Weisen nur das Gewand und den Namen, den Menschen sein kühnes Schalksspiel zu bringen; denn nun war er der Einsamkeit satt, wie eine Biene vom Honig schwer ist.
Er sandte ihn aus mit Reden und Sprüchen, Liedern und allerlei Sinnbild und Schicksal, den Übermenschen zu lehren; was der Affe dem Menschen war, das sollte der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter und eine schmerzliche Scham.
Er selber wollte bei seinem Werk bleiben, der Moral eine neue Münze zu prägen, die jegliches Ding in der eigenen Geltung bezahlte; denn steiler als je ging der Weg seiner Gedanken, und über ihm schwebte sein heiliger Geist, den er die ewige Wiederkehr nannte.
Aber das Schicksal zerbrach ihm die Antwort, als er die Schärfe der letzten Fragen ansetzte: höher als je eine Kühnheit war seine gestiegen, da riß ihn die Tobsucht hinunter in ihre greulichen Tiefen.
In Weimar, wo Goethe die Grenzen des Daseins sorgfältig umging, wo jeder Weg seine Spur zeigte und jeder Wind sein Wort wehte, verdämmerte langsam der kühnste Geist, den das Abendland zeugte.
Die dritte Zwietracht
Als Friedrich Nietzsche erloschenen Auges ins Abendrot starrte, wie einmal der Spötter in Sanssouci saß, aber der Spott war von ihm genommen; als der gläserne Geist taub war und keinen Mittag mehr schimmerte: machte sein Spiegelbild Glück bei der Jugend.
Der Dichter hatte dem Denker steiler Gedanken das Spiegelbild listig verkleidet, daß die bunten Gewänder vielerlei Augen anlockten, daß um die Sprüche des Zarathustra heißes Gedränge, daß seine Schalksspielbude begehrt im Jahrmarkt der Gegenwart war.
Wohl fraß die Gegenwart sich an der Vergangenheit satt, und der Trompeter blies ihr sein blechernes Stück zur Verdauung; aber der Trotz mißratener Söhne sah das Reich seiner Väter auf Bürgertugend gebaut, die er haßte.
Durch Eisen und Blut waren die Dinge geschehen, nun saß der Bürger zu Tisch, sie zu genießen; emsige Sorge um kleines Behagen, redlicher Fleiß um Wohlergehn, gehorsame Erfüllung der Staatsbürgerpflichten hielten sein Hausväterdasein behütet, darüber der Gott seiner Kirche auch nur ein Hausvater war.
Tapfere Dinge waren getan, und Starkes war durch die eiserne Hand des Kanzlers vollendet: aber das rasche Wunder konnte nichts Großes entzücken, weil es dem Bürger nur fremde Erfüllung, nur der prahlende Schein einer großen Zeit, kein Ende und Anbeginn war.
Die alte Zwietracht ging um als blasses Gespenst, und die neue war erst eine Fahne; zwischen den Zwietrachten stand die Zeit still, Feierabend war mit faltigen Schürzen und vollen Fässern; auch daß der Forscher die Bibel Gott aus der Hand nahm, konnte den Feierabend nicht stören, weil der Bibelgott selber ein blasses Gespenst war.
So konnte auch Zarathustra die Zeit nicht wecken; kein Zorn war um seine Schmähung, kein Glaube um sein Glück, keine Verzückung um seine fressende Flamme.
Nur der Trotz mißratener Söhne, das Racheglück kindlicher Hasser, das Traumgesicht eifriger Dichter nahm das Schalkspiel des Zarathustra hin als ein neues Vergnügen; nur wenigen brannte der Dornbusch seiner Verheißung.
Nur wenige sahen, daß hier eine tollkühne Hand die Tafel der Tugend zerschlug, daß über der falschen Eintracht der Zeit die dritte Zwietracht aufstand, die Schuld der genügsamen Väter zu rächen.
Noch war ihr Herz nicht bereit für das wilde Ereignis; aber sie ahnten den Blitz, dessen Wetterleuchten sie sahen, weil ihre Jugend darin war.
Als die Verneinung der Väter war die Vergangenheit über den Drang des jungen Blutes gelegt; wo ein Wunsch war, stand eine Sünde; und wo eine Erfahrung lehrte, wurde ein Wille gebrochen.
Das Leichentuch der Entsagung war über die Wünsche gebreitet; Leidenschaft, Lust, Liebe und Haß, Tapferkeit, Hochmut, Stolz und Verachtung: alles, was in den Herzen der Knaben als kommende Mannheit Macht werden wollte, war in den Wurzeln zerschnitten.
Noch war die dritte Zwietracht ein Schalkspiel im Jahrmarkt, davor die Jugend sich drängte, über das Alter zu lachen; einmal sollte die Lehre des Zarathustra das neue Evangelium sein, im Namen der Jugend die Mannheit ehrlich zu sprechen.
Gottfried Keller
Zur selben Zeit, da den Verkünder des Zarathustra die grausame Krankheit zerstörte, siechte in Zürich Gottfried Keller dahin, der kein Verkünder, kein Fragesteller des Übermenschen, nur ein Mensch, und gar ein Bürger, dennoch ein Jasager war.
Staatsschreiber in Zürich hieß er in Ehren, als Bismarck das neue Reich machte; aber er hatte die alte Zeit lieber gehabt als die neue, weil er ein Eidgenoß, kein Fürstenfreund war.
Die Paulskirche blieb ihm ein hohes Gedächtnis, und manche Männer von damals hießen ihm Freund; ihr Deutschland war seine Schule gewesen, dem Maler zuerst und danach dem Dichter, und dieser Schule dankte er gern.
Denn der ein deutscher Sprachmeister wurde, hatte ein anderes Handwerk zu lernen getrachtet, und mancherlei Lüfte waren dem Schweizer in München, Heidelberg und Berlin durch die Haare geweht, ehe ihn endlich die Heimat als ihren Sohn anerkannte.
Als er Staatsschreiber wurde, sollte das Amt den vielfach gescheiterten Mann retten, es sollte dem Wandervogel das Nest sein, seine Lieder zu singen und seine bunten Träume zu spinnen.
Denn längst hatte der unstete Mann seinen Freunden den Grünen Heinrich geschrieben, die Beichte der eigenen Jugend, in Goethescher Weise Wahrheit und Dichtung vermischend; aber ihm war die Jugend noch nah mit ihrer grünen unübersehbaren Wildnis.
Auch waren der grünen Wildnis des Malergesellen aus Zürich andere Bäume und Blumen gewachsen als dem Frankfurter Ratsherrenkind: der Maler hatte die Augen gegeben, die unübersehbare Fülle bildhaft zu fangen, der Poet hatte die Gläser mit vielerlei Farben gestellt, die grüne Wildnis nach Knabenart blau und rot und gelb zu betrachten.
Nirgend marschierte das Schicksal mit lauten Kanonen; aber ein leises Gefüge von Schuld und Verpflichtung, Täuschung und Mißgeschick verschob dem Knaben und Jüngling die grünen Kulissen, bis der Malergesell aus der unübersehbaren Wildnis keinen Ausweg mehr fand.
So war die Jugend des Malergesellen; aber der Dichter hatte dem Mann das Lebenstor breit aufgemacht, daß die Landschaft dalag in der Fülle gerundeter Bilder.
Die Leute von Seldwyla hieß er den Band seiner Geschichten, die alle mit Worten gemalt, mit Farben gedichtet, alle homerisch gebildet, aber von einem Schalk ins Wasser getaucht waren, sodaß ihre blinkende Nässe im Sonnenschein wehmütig fast und geneigt, sich zu schämen, und dennoch im Frohgefühl ihres Daseins leise durchlächert dastand.
Klopstock hatte von Ossian her nach deutschem Wesen getrachtet, Lessing hatte der welschen Manier das deutsche Wort abgerungen, Goethe und Schiller waren tief in den Jungbrunnen der Griechen getaucht, die Romantiker hatten sich in den Traum vergangener Größe geflüchtet, Kleist und Hebbel hatten die Kleider der Weltflucht vom Leibe gerissen: nun kam ein Poet aus der Schweiz und vermochte, was keinem gelang, aus deutscher Seele allein die Fülle lebendig zu machen.
Aber die Deutschen saßen zu sehr in der Not ihrer schimpflichen Jahre, so frohe und freie Entfaltung der eigenen Wesenheit zu erkennen; vermögende Freunde daheim bauten dem Dichter das Nest.
Fünfzehn Jahre lang mußte der Schalk von Seldwyla Staatsschreiber heißen, fünfzehn Jahre lang auf der Höhe seines Lebens der Bürgerschaft dienen, nicht wie Goethe regierend, nur eine Schreibfeder der Großen.
Aber wie jener tat er den Dienst treu und beharrlich; der Dichter goldener Träume konnte dem Alltag dienen, weil keine blasse Romantik ihn lebensfremd machte, weil die volle Hinwendung zum Dasein des Bürgers sein Werk wie sein Wesen erfüllte.
Als er in Ehren Abschied nahm, war er grau; aber das Leben hielt ihm die Treue, die er ihm gab in all seinen Stunden: noch sechzehn Jahre lang konnte der Alt-Staatsschreiber von Zürich das Seine beschließen.
Da kam die Fülle breit an den Tag: der Schalk von Seldwyla wurde der Meister der Zürcher Novellen; das Sinngedicht und die Sieben Legenden legten ihr Gold auf die Waage, bis endlich Martin Salander das stattliche Bürgerhaus mit seinem Reichtum erfüllte.
Der Malergesell in München, der dichtende Wandervogel im Reich, der Freund vieler Männer von Achtundvierzig war wieder der Heimat verwachsen, der deutsche Dichter war Eidgenoß, der Eidgenoß ein Zürcher geworden.
Das neue Reich hatte die Grenzen der Macht karg abgeschnitten; eine Stimme von draußen war der Meister Gottfried den Deutschen, der die Stimme des Blutes trotz Einem im Reiche war.
Wilhelm Raabe
Indessen Seldwyla der deutschen Seele ein fröhlicher Sommertag wurde, aber nur wenige sahen die Türme und Wimpel der seltsamen Stadt, grub die selbe Seele in Braunschweig den Dachsbau all ihrer verzwickten Verstecke.
Der da die Chronik der Sperlingsgasse, den Hungerpastor, den Schüdderump schrieb und die schier endlose Fracht großer und kleiner Geschichten: Wilhelm Raabe, der Dichter und Sterndeuter deutscher Vergangenheit, liebte die Schlupfwinkel mehr und die heimlichen Gänge als den fröhlichen Tag.
Auch ihm behagte das neue Reich nicht, obwohl es dem Mann mitten ins Leben hinein kam, nicht erst im Alter; der neue Glanz war seinen Augen zu grell, die das alte Lampenlicht liebten, lieber noch in die Dämmerung sahen oder hinauf in die Sterne.
Früh seßhaft geworden und seiner norddeutschen Heimat so innig verbunden, daß er selber ein Stück Norddeutschland war, Kleinstädter von Neigung und Wesen, gern auf dem Wall die gewohnten Gänge spazierend und mit der Pfeife beim Glas unter den Stammgästen sitzend: blieb er der alten Zeit treu, die der neuen nicht nachrennen konnte.
Der alten Zwietracht als Protestant still zugehörig, der neuen fremd wie ihren Fabriken, aber der dritten feind, wie eine verschlossene Haustür den Dieben feind ist, sah er dem Wandel der Welt zu mit schweigender Wehmut und listigem Lächeln.
Er wußte genau, sie liefen am Leben vorbei mit ihren Geschäften, mit ihren Fahnen und Trommeln, mit ihrem Lärm um das Heute, mit ihrem Streit und Geschrei.
Denn leben hieß ihm, daß eine Seele sich selber zusah, wie ihr die Dinge der Erde das Licht und die Luft verstellten, wie irgend ein Zufall sie mitten ins Schicksal hinein wehte, und wie ihr doch nie ein Neues geschah.
Denn Licht und Luft und Schicksal waren der Ewigkeit eingestellt wie eine Herde der Hürde; sie konnten blenden und blasen und blindes Ungestüm tun: einmal war doch wieder Nacht und Stille und das Glück der Sterne.
Auch war die Erde rund und zu klein, ihr zuliebe zu rennen: einer ging fort nach Osten und kam aus Westen zurück, weil Osten und Westen sich drüben die Hand reichten.
Groß und weit allein war die Tiefe der Zeit, war die Tiefe des Raumes; da konnte die Seele den Geist als Sendboten schicken, da konnte er seine Kühnheit auskosten bis an die Grenzen des Nichts, das immer von neuem nur Nichtigkeit war: Nichtigkeit vor den Menschen, aber die Allgegenwart Gottes lebte darin wie der Ton im Gehäuse der Geige!
Alles das dachte und sagte der einsame Mann in seinem Dachsbau zu Braunschweig, und alles das wurde die Fracht seiner großen und kleinen Geschichten; aber die neue Zeit rannte vorbei an der alten, sie sah den Sommertag nicht in Seldwyla, sie beachtete nicht sein Gerümpel.
Die Neuzeit
Der guten alten Zeit wuchsen die Türme der neuen Zeit über die Dächer: alles, was dunkel und dumpf und beschränkt war, wollte sie hell und gelüftet und grenzenlos machen; denn der Menschengeist hatte die Elemente gebändigt.
Dampfzüge brachten auf eisernen Schienen die Güter herbei; die hohen Hallen der Bahnhöfe standen im Lärm und Rauch der Maschinen; rund um die Städte wuchsen Fabriken hinaus in die Felder; Kohle und Eisen, die Schätze der Erde, wurden in Waren und Wohlstand verwandelt.
Der Stadtbürger brauchte nicht mehr die Groschen zu zählen, der Taler rollte, und prahlend wollte die Neuzeit den neuen Reichtum zur Schau stellen.
Nicht mehr das krumme Gewinkel der Gassen und nicht mehr die engen Geschosse altmodischer Häuser sollten die Stadt sein; schnurgerade an breiten Straßen gerichtet wollten die Bauten der Neuzeit dastehen mit Erkern und Türmen an schmuckreichen Fassaden.
Statt dunkler Gewölbe breiteten Schaufenster die bunte Fülle der Waren aus vor der drängenden Menge, statt rauchiger Trinkstuben prahlten die Spiegelwände der Bierhallen.
Überall wurde der Ring der alten Wälle und Schanzen gesprengt; wie es in Wien und Paris war, wollte der Stadtbürgerstolz allerorts seine Ringstraßen haben: breite Alleen mit Rasenbeeten und Blumen, mit Brunnen und Denkmälern reichlich bestanden, sollten dem neuen Bürgerstand Wohnquartier geben, sollten den fremden Besucher erstaunen.
Prahlender Wohlstand baute die Straßen und Brücken, Kirchen und Rathäuser der Neuzeit und sparte nicht mit dem Prunk; aber der Prunk war mit raschen Händen gerafft wie der Wohlstand.
Unserer Väter Werke stand an den Toren und Türmen geschrieben; aber die Väter hatten das ihre mit Würde und weiser Beschränkung getan, die Enkel zogen den Stil aller Vergangenheit an wie Theatergewänder.
Romanisch und gotisch, Renaissance und Barock, Rokoko und Empire: alles konnten sie bauen, als ob die Neuzeit der Maskenball jeder Vergangenheit wäre.
Die Vorstadt
Springbrunnen sprangen in sauber gezirkelten Beeten, und Denkmäler standen auf blankem Granit: aber die Schienen der Straßenbahn schnitten quer über die breite Allee und liefen hinaus in die steinerne Wüste der Vorstadt.
Einförmiger wurden die schmalen Fassaden und enger die Straßen, kleine Geschäfte ahmten den größeren nach mit trüben Schaufenstern und trugreichen Schildern, schmutziges Pflaster löste den blanken Asphalt ab, bis endlich der schwarze Kohlenweg kam zwischen verödeten Fenstern.
Noch ragten die Häuser mit vielen Stockwerken; öde Brandmauern, mit grellen Schriftzeichen bemalt, rissen die Lücken hinein, wo alte Kiesgruben waren und verwaschene Schutthalden.
Da wohnten die Frauen und Kinder all der Fabrikler, die dem prahlenden Reichtum der Stadt der drohende Untergrund waren.
Schmächtige Stiegen und schmale Zimmer, eng ineinander geschachtelt, ärmliche Höfe, kein Gartengrün, grauer Zement, von Ruß und Regen beronnen, als Spielplatz der Kinder das Pflaster der Straße: aber vor all der Dürftigkeit noch das blöde Gesims und Gesockel falscher Fassaden.
So war die Armut der Vorstadt zu Haus, und die Armut hing am prahlenden Wohlstand mit dem kärglichen Lohn ihrer Arbeit.
In grauer Frühe gingen die Haustüren auf, und der eilige Schritt auf dem Pflaster strebte der Stadt zu, ihren Kaufhäusern, Büros und Fabriken, wo die Hände der Vorstadt ihr Sechstagewerk taten.
Wo ein Rad rollte, wo ein Schornstein rauchte, wo ein Licht brannte, wo eine Maschine ihr blitzschnelles Werk tat in Spindeln und Pressen, wo gebaut, gehämmert, genietet, gewebt, wo gewogen, gemessen, verladen und eingepackt wurde: überall waren die Hände der Vorstadt geschäftig, den Reichtum zu raffen, der in den Straßen und Stuben der neuen Bürgerschaft prahlte.
Wie durch ein Sieb sickerte der dünne Wochen- und Tagelohn durch, indessen der Mehrgewinn das Gold in den Maschen anschwemmte, die Taschen der Klugen und Harten zu füllen.
Das Sozialistengesetz
Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf leichten Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland hieß: sie trugen die rote Zwietracht im Herzen, wie einmal die Hirten in kalter Nacht auf dem Feld die Botschaft der Engel vernahmen.
Sie hießen sich Sozialisten und glaubten mit glühenden Augen, daß einmal das Reich der Gerechtigkeit käme; ihrem Glauben war Hoffnung, doch keine Liebe gesellt: Haß hieß der Quell, daraus sie tranken.
Sie haßten den Reichtum und seine Nutznießer, sie haßten die Prunkstraßen der Stadt und alle, die darauf spazierten, sie haßten den Bürger, der seinen Tag lebte, und haßten den Staat, der seinen Wohlstand beschützte.
Sie haßten die Kirche, weil sie den Armen den Himmel versprach für die entgangenen Freuden der Erde; sie haßten den Kaiser dazu, weil Thron und Altar die Stützen der alten Klassengewalt waren.
Der Kaiser war längst ein Greis, und drei Jahrzehnte waren vergangen, seitdem er Kartätschenprinz hieß; drei Jahrzehnte hatten sein greises Haupt ehrwürdig gemacht; wenn seine gebeugte Gestalt im Wagen ausfuhr, freundlich nickend nach allen Seiten, strömten ihm Liebe und Dank, Ehrfurcht und Jubel des Volkes zu.
Aber der Jubel reizte den Haß, und dem Haß sind die Wege zur Hölle gepflastert: Hödel, der Klempnergeselle, fehlte mit seiner Kugel den König; Nobiling schoß ihn mit Rehposten nieder wie der Wilderer ein Wild.
Indessen der schmählich verwundete Greis von seinen Wunden genas, beschloß der Reichstag das Sozialistengesetz, das um den Abgrund der roten Zwietracht den bösen Stacheldraht zog.
Wie einmal den Burschenschaften geschah, geschah nun den Sozialisten: Verfolgung, Gefängnis und Landesverweisung waren das grausame Los aller, die sich bekannten.
Zum andernmal kam dem Geheimrat der Büttel zur Hand, aber der Wille der Mehrheit, nicht Willkür der Fürsten, gab ihm die Macht, im Namen des Rechtes Unrecht zu walten.
Haß löckte wider den Haß: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte es einmal geheißen, da der Bürger sein Dasein gegen die Junker und Pfaffen erhob; nun klang der gleiche Ruf gegen ihn, den Feind des Genossen.
Der Deutsche Soldat
Wenn der deutsche Jüngling ein Mann werden wollte, mußte er auf die Ziehung: so hieß der Volksmund den Tag, da die Jungmänner gemustert wurden, ob sie zum Heeresdienst taugten.
Die es traf, weil sie gesunden Leibes und gut bei Sinnen waren, kamen mit bunten Bändern am Hut nach Haus; und hatten die Kehlen heiser an den alten Soldatenliedern gesungen.
Denn Soldat hieß nicht mehr ein Söldner sein, der um Sold in den Krieg ging; Soldat sein war eine stolze Pflicht, die dem Gesunden zufiel, und den Rock des Königs zu tragen, war eine Ehre.
Ob sie mit langen Schritten hinter dem Pflug gegangen waren oder mit flinken Händen im Laden bedient hatten; ob sie vom Handwerk kamen oder aus der Fabrik; ob sie sanft oder rauh, in der guten Stube verzärtelt oder schon von den Hunden der Not gehetzt worden waren: die Kaserne raffte sie in ihre Kameradschaft.
Da hießen sie alle Rekruten und lernten den gleichen Schritt aus dem Vielerlei ihrer Herkunft; da trugen sie alle das Krätzchen auf ihrem geschorenen Kopf und aßen das gleiche Kommißbrot.
Statt schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen lernten sie die Beine werfen im Gleichschritt und die harten Griffe mit dem Gewehr, lernten sie den Befehl mit dem unbedingten Gehorsam.
Wenn sie dann in den ersten Urlaub kamen, waren sie in die Uniform eingewachsen und warfen den Augen der Mädchen die stolzen Blicke zurück; sie hatten den Schritt des Mannes gelernt, der im Dienst geht.
Denn zu schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen war längst aus der ehrbaren Zunft in den Alltag des Lohnes geraten; das Handwerk hatte nicht nur seinen goldenen Boden, sondern auch seinen Stolz verloren: es gab dem einzelnen Dasein Unterschlupf; aber Soldat sein raffte den Einzelnen in die Gemeinschaft.
Ob sie in Königsberg oder Ingolstadt, in Mainz oder Flensburg zum Paukenschlag und Hörnerschall durch die klingenden Straßen marschierten oder gar ritten: überall war die gleiche Parole um sie, der gleiche Schritt und der gleiche oberste Kriegsherr.
Zu Hause hatten sie Schwaben und Bayern, Sachsen und Preußen, Rheinländer und Schleswig-Holsteiner geheißen; aber das Heer war deutsch, und sein Vaterland hieß das Reich.
So hing ein Glanz um den Schritt des Soldaten, den der Alltag vermißte; und wenn die Herbstmanöver den Schritt aus der Garnison hinaus führten in die Dörfer und verschlafenen Städte der Landschaft, hing sich dem Glanz die Romantik heißer Marschtage und fröhlicher Einquartierung an.
Ein anderer Jungmann als der aus den Händen der Mutter kehrte nach seinem Dienst in die Herkunft zurück; er hatte erfahren, daß die Heimat nicht nur das Dorf oder die Stadt seiner Eltern, sondern das Vaterland war.
Er war in der Schule des deutschen Volkes gewesen; und wie ihn danach der Alltag in seine Hände bekam, die Schulzeit konnte er nicht mehr vergessen: dem gedienten Mann blieb die schönste Lebenszeit jene, da er den Tornister trug; und noch dem Greis wurden die Augen hell, wenn er von seinem Hauptmann erzählte.
Kaiser und Kanzler
Siebzehn Jahre lang trug der greise König von Preußen die Kaiserkrone von Deutschland, wahrhaft geliebt von seinem Volk und geachtet unter den Völkern.
Als er im einundneunzigsten Jahr seines Lebens einging zu den Vätern, war sein Sohn ein todkranker Mann, und jedermann sah, wie der Zeiger der Zeit auf den Enkelsohn übersprang.
Noch aber hielt der Kanzler dem Reich die Gewichte; auch er war ein Greis, und die Jahre der Zwietracht hatten dem Gründer des Reichs manchen Kampf aufgezwungen, der nicht mehr durch Eisen und Blut zum ruhmreichen Sieg führte: aber sein Ankergriff war zu fest und das Gewicht seiner Taten zu schwer, als daß ihm der Streit den Gang seiner Uhr störte.
Auch der König hatte sich redlich gebeugt vor der Größe; er hieß sein Herr und war hochmütig genug, es zu bleiben; aber der Diener regierte und wußte den Hof aus seinen Geschäften zu halten.
Wenn der Kanzler im Reichstag zum deutschen Volk sprach und die Parteien ihn hörten, stand ihm der Feind vorn; kein Dolchstoß fand seinen Rücken, solange sein König ihn deckte.
Treue um Treue: so sah das Volk die Gestalten, und Hagen von Tronje hießen ihn manche, die seinen Junkerstolz kannten, als Lenker der deutschen Geschichte doch nur der oberste Diener des Königs von Preußen zu sein.
Als aber der König zur letzten Ruhestatt fuhr, waren viel Prinzen und Fürsten zwischen dem Sarg und seinem gewaltigen Leibwächter; und als der todkranke Sohn sein König und Herr war, trug eine Prinzessin von England die Krone, die, Preußen und Deutschland gleich fremd, dennoch dem Kanzler den Gang seiner Uhr störte.
Ein kurzes Wetterspiel zuckte: Kanzler und Kaiserin standen im Blitzlicht; aber am neunundneunzigsten Tag seiner Regierung lag Friedrich der Dritte als Leiche in Potsdam, und Wilhelm der Zweite, der Enkel, war Kaiser von Deutschland.
Zu jung für sein Volk, zu alt für den Kanzler, nahm er das Zepter der Macht; im goldblauen Himmel hatte der Abendstern Wilhelm des Siegreichen stark und tröstlich gestanden: als er gesunken war, gerannen die Lüfte in dichtem Dämmergewölk, indessen das kurze Gewitter hinter den Bergen vergrollte.
Der Alte im Sachsenwald
Der Zeiger der Uhr hatte den Sohn übersprungen; dem Enkel zu dienen, wurde dem eisernen Kanzler als Schicksal ins Alter gelegt.
Er hatte das Reich als Bund der Fürsten gegründet, denen der König von Preußen wohl Kaiser, aber nicht Lehnsherr war.
So führte der Kanzler im Namen des Kaisers die deutschen Geschäfte und stand dem Bundesrat vor, darin die Minister der Fürsten nach ihrer Stärke abstimmten; aber er blieb der Minister des Königs von Preußen.
Seinen gnädigen Herrn mußte der mächtigste Mann im Reich den Enkelsohn heißen; aber nun war keine Weisheit und Würde mehr da, nach seinem Rat zu befehlen: Wilhelm der Zweite wollte sein eigener Ratgeber heißen.
Friedrich den Großen hieß er sein Vorbild; aber er war dem Spötter von Sanssouci fremd, wie der prahlende Schein der schlichten Größe fremd ist.
Alles, was jemals groß war, wollte er scheinen: fromm und von Gottes Gnaden geführt, tapfer und treu, weise und wahr, unermüdlich, gerecht und allen Dingen durch eigenes Urteil gerüstet! Alles wollte er scheinen, weil er ein Spiegel und Widerschein war.
Zwei Jahre lang ließ sich das ungleiche Kräftespiel halten, zwei Jahre lang diente der eiserne Kanzler dem Irrlicht als seinem gnädigen Herrn, dann brach die Gnade in Stücke: der Minister hatte dem König von Preußen getrotzt, der Minister wurde entlassen.
Weltwende war, als solches geschah, und das deutsche Reich bebte; aber das Volk war gewöhnt, blind zu gehorchen; auch war den Parteien der schwarzen und roten Zwietracht der Kanzler verhaßt, ihr Siegerglück sah den Eckpfeiler der Preußenwacht wanken.
Drei Rosen legte der Kanzler dem alten Kaiser aufs Grab, dann fuhr er hinaus in den Sachsenwald, den ihm vordem sein König aus Dankbarkeit schenkte, und der seinem Alter der niemals begehrte Ruhesitz wurde.
Er hatte das Seine getan, wie nur ein Großer das Seine vollendet; er hatte das Reich nach seinem Willen und Wesen gebaut, aber sein Werk war kein Tempel und Sinnbild, auf heiliger Höhe zu stehen; sein Werk war ein Haus und das deutsche Volk sollte drin wohnen.
Er durfte nicht Haushalter bleiben; sorgend sah er zurück, ob alles nach seinem Willen geschähe, und zornig, daß allzuviel anders geschah.
Zwietracht und Haß hatten den Abschied des Starken begleitet; seit er im Sachsenwald war, sank die Vergessenheit über die Tage, da er im Streit der Parteien selber den streitbarsten Mann stellte.
Gleich den Helden der Sage wuchs seine Gestalt grimmig zur Größe, bis er im Helldunkel seines Waldes selber ein Sagenbild wurde.
Der Alte im Sachsenwald war nicht mehr der Graf von Gastein und nicht mehr der Fürst von Versailles, nicht mehr der Kanzler und Kürassier am Bundesratstisch: er war ein Wanderer im Wald mit schwarzem Mantel und Hut.
Zwei Doggen umsprangen den großen Schritt, und wen seine buschigen Augen erblickten, den sprangen sie an; denn niemand durfte in seinen Wald kommen, den er nicht rief.
Der Spötter von Sanssouci starrte ins Abendrot, der Alte im Sachsenwald ging unter uralten Bäumen und hörte dem Wind zu: Heimdall, der Wächter am Welteschenbaum, machte die Runde, indessen Wodan unruhig wehenden Atems im Sachsenwald schlief.
Der deutsche Welthandel
Der Reutlinger Schwabe hatte die deutsche Zukunft verkündigt: Kohle und Eisen waren die Herren der Wohlfahrt geworden, die Eisenbahn war ihr gehorsamer Diener.
Wo einmal die Straßen der alten Zeit mühselig ihre Räderspur suchten, legten die blanken Schienen ihr Netz über Berge und Täler; gleich Spinnen saßen die Städte darin, sich satt an den Gütern zu fressen; wo eine Kreuzung der Eisenbahn war, wuchsen Fabriken.
Karg war das Land der neblichten Wälder, und seine Felder konnten das deutsche Volk nicht ernähren; harte Arbeit und billige Löhne schufen die Waren, wohlfeil zu tauschen, wo in der Welt ein Überfluß war: die reichen Kornkammern im Osten und über dem Wasser machte der deutsche Welthandel auf.
So fingen die Röhren des Wohlstandes an, dünne Strahlen zu fließen; aber sie flossen an vielerlei Orten, und als das Jahrhundert zu Ende ging, das so reich im Geist wie arm im Beutel begann, hatte sich Reichtum in manchem Beutel gesammelt.
Der Beutel blieb in der Stadt, die Bauernschaft sah nur den goldenen Schein; sie mußte dem Bürger den Reichtum mit Mühsal und Sorge bezahlen; denn billiges Brot hielt billigen Lohn, und ihr Brot war zu teuer.
Einmal hatten die Kätner das Heim ihrer Armut verkauft, über dem Wasser ein besseres Dasein zu suchen; nun lockte die Stadt, Fabrikler zu werden; einer unheimlichen Krankheit verfallen, schwollen die Vorstädte an, indessen die Dörfer dünn wurden an Menschen und Händen.
Aus einem Bauernland machten Not und Gewinnsucht ein Fabrikland; aber mit jedem rauchenden Schornstein, mit jedem sausenden Schwungrad wurde das Dasein der Deutschen der Fremde verpflichtet.
Wo irgend ein Markt in der Welt war, mußten die Händler deutsche Ware feilhalten; wo irgend ein Angebot lockte, mußten sie lauern und listen, und wo die Haustür geschlossen war, mußten sie Schlupflöcher suchen.
Nicht lange, so kamen die Schiffe gefahren – schwarzweißrot wehte die Flagge – Waren zu bringen und Güter zu holen; und wo sie den Weg zum erstenmal fanden, blieben sie nicht mehr aus.
So mußte der deutsche Kaufmann der Störenfried werden; denn die Welt war verteilt, wohin er auch kam, und überall sah das alte Geschäft scheel auf das neue.
Die deutsche Flotte
Einmal hatte die Hansa die Meere befahren, und die Kaufleute des Kaisers waren die Herren des Handels gewesen; so weit die kalte Meerküste reichte, galt keine Macht über der ihren: Fürsten und Könige mußten sich beugen vor ihrer gewaltigen Flotte.
Aber die großen Seewege befuhr die Hansa nicht mehr; Spanien, Holland und England wurden die neuen Seemächte, indessen über das Reich der große Krieg kam.
Der letzte Hansetag war in den Tagen Turennes: Hamburg, Bremen und Lübeck, Danzig, Braunschweig und Köln saßen noch einmal zusammen im Schatten vergangener Macht, aber ihr Mut war für immer verdrossen.
Was die Städte nicht mehr vermochten, gedachte der große Kurfürst zu tun; er hatte als Prinz in Holland den Nutzen der Schiffahrt gesehen und ließ seine Flotte das Weltmeer befahren: an der Goldküste Afrikas wehte der rote Adler im weißen Grund über der Festung, die sich der Kriegsherr aus Brandenburg baute.
Aber es war nur der kühne Griff eines Fürsten; sein Volk war zu ärmlich, sein Land zu zerstückelt an der kalten Meerküste, so langen Arm zu behalten.
Der rote Adler im weißen Grund verschwand vom Weltmeer, während das Königreich Preußen im Sand von Brandenburg wuchs; der Sieger von Roßbach und Leuthen machte daraus ein wehrhaftes Land, aber er brauchte das Maß seiner Sorgen nicht aus dem Weltmeer zu füllen.
Mit sandigen Häfen und Küsten blieb Preußen das Land an der Ostsee, dem der dänische Seehund das Weltmeer versperrte.
Romantischer Eifer der Männer in Frankfurt ließ die Wimpel der deutschen Kriegsflotte wehen, bevor noch ein Reich war; aber der englische Seeherr verbot ihr das Weltmeer, und kläglich wurden die Schiffe der deutschen Flotte versteigert.
Erst als der Kyffhäuserberg endlich die Tore auftat, als wieder ein Kaiser im Zankreich der Fürsten und ihrer geplagten Völker regierte, war das Reich mächtig, auch das Hansaglück wieder zu wecken.
Der schwarzrote Adler im schwarzweißen Kreuz erschien auf den Meeren; der englische Seeherr mußte die deutsche Kriegsflagge grüßen.
Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! prahlte der Kaiser, und wie der Großvater das Heer zu rüsten anfing, so der eifrige Enkel die Flotte.
Der Dreibund
Rußland den mächtigen Freund und Nachbarn im Rücken, hatte der Kanzler den Krieg mit Frankreich gewagt und gewonnen; aber die Freundschaft fing an, sich zur Feindschaft zu wandeln, als Rußland den Weg nach Byzanz zugesperrt fand.
Solange ein Zar in Rußland regierte, hatte das goldene Horn gelockt, wie einmal die römische Krone das deutsche Kaisertum lockte.
Da stand die Agia Sophia unter dem Halbmond, die einmal das griechische Kreuz der Gläubigen trug, da war die Herkunft der russischen Kirche in türkischen Händen, da war den Russen das Tor der Dardanellen verriegelt.
Wohl hingen die unermeßlichen Weiten der russischen Länder am Kreuz ihrer nordischen Küsten, aber das Eismeer hielt ihre Häfen im Winter geschlossen; das schwarze Meer mit Odessa, der lieblichen Krim und dem Kriegshafen Sebastopol sperrten die Türken mit eisernen Ketten.
Längst war die Türkengefahr für die Christenheit aus; den kranken Mann hießen die Spötter den Sultan, der nur noch ein Schattenbild war: dem kranken Mann wollten die Russen endlich zum Tode verhelfen.
Bis unter die Tore von Konstantinopel führte ein rascher Feldzug den Zaren, aber England und Österreich hemmten sein siegreiches Schwert: als ehrlichen Makler riefen die streitenden Mächte den Kanzler.
So kam der stolze Tag für Berlin, da Bismarck obenan saß unter den Mächtigen, dem Streit die Waage zu halten, wie einmal der Kaiser von Frankreich Schiedsrichter im Abendland war.
Aber die Würde, so klug er sie übte, brachte dem Schiedsrichter keinen Dank und Gewinn; der stolze Tag von Berlin wurde dem Reich die Glückswende des Schicksals.
Die Mächte mit ihrem Gewicht hatten die Russen gehindert, Byzanz zu erreichen; aber der russische Groll fiel auf die Hand, die den Mächten die Waage zu halten gedingt war.
Rußland, der mächtige Nachbar im Rücken des Reichs, ging zu dem Todfeind im Westen: ihr böses Bündnis begann, das Reich zu umfassen.
Der Drohung zu wehren, rief Bismarck Nothelfer an: Österreich, Italien und Deutschland im Dreibund vereinigt, sollten dem Zweibund von Rußland und Frankreich das Gleichgewicht halten.
Als ob noch einmal das römische Reich seinen Bogen über das Abendland spannte, so zog der Dreibund die Grenzen der alten Kaisergewalt: aber die Krone war für zwei Kaiser gespalten und statt dem Papst sollte ein König in Rom Widerpart sein.
Und so war das Schicksal: der Graf von Gastein hatte das preußische Reich gegen Habsburg gegründet; aber es war nicht das Land von der Maas bis zum Memel, von der Etsch bis zum Belt, wie es die deutsche Hoffnung ersehnte.
Nun kamen die Deutschen von Österreich, Salzburg, Tirol und der Steiermark zwar in den Dreibund, aber sie brachten das Habsburger Schneckenhaus mitsamt den slawischen Völkern und dem bösen Streit um den Balkan.