Chlodevech
Ein Eber lief aus von den Franken und brach in die gallischen Felder: Chlodevech, Childerichs Sohn, den die salischen Großen im fünfzehnten Jahr seines hitzigen Lebens kürten als ihren König.
Die merowingische Stirn stand ihm steil zu Gesicht und die Borsten des Ebers – so sprach die Sage – wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang: dem Knaben brannte das Herz nach Ruhm und Gewinn raubreicher Fahrten.
Noch aber hielten Burgunder, Alemannen und Goten das gallische Gatter zu eng für den fränkischen Eber, zornmutig schnob er hinein, die rostigen Ketten zu sprengen.
Bei Zülpich hielt das alemannische Schwert der fränkischen Streitaxt stand; schon mähte es fröhlich die Ernte: da rief der Eber den römischen Christengott an und beugte den borstigen Nacken, daß er ihm hülfe.
So wurde der König der Franken Christ; die Kirche hielt ihm die Taufe zu Reims mit dem Prunk ihrer besten Gewänder. Dreitausend Franken beugten das Knie und sangen dem König zur Messe, und hoben das bärtige Antlitz gen Morgen, wo im Weihrauch und Wechselgesang lateinischer Priester das Kreuz auf dem düsteren Hochaltar stand.
Chlotilde, die Gattin des Königs, hielt lächelnd das Taufbecken hin: die Chlodevechs Trotz und den grausamen Sinn seiner Großen mit sanfter List lenkte, hing das fränkische Schwert ans römische Kreuz und schenkte dem Papst den allerchristlichsten König.
Da war dem fränkischen Eber bald das Tor im Süden geöffnet, eifrige Bischöfe brachten heimlich den Schlüssel und wirkten ihm Wunder entgegen; die Hündin zeigte dem landfremden Eber nächtlich die Furt, und feurige Zeichen gaben ihm Fährte.
Als die blutige Streitaxt des Ebers den König der Goten erschlug in der Schlacht, hatte die göttliche Waltung den Wahrspruch der Kirche gehalten.
Wohl schloß der Heerbann Dietrichs von Bern dem fränkischen Eber zuletzt noch das Gatter, aber das gallische Land war den Goten verloren; über Toulouse und Bordeaux hing die Streitaxt der Franken, Chlodevech streute das Silber und Gold seines Raubes dem fränkischen Volk auf die Gasse und tat das römische Prunkgewand an.
Steil stand ihm die merowingische Stirn zu Gesicht, und die Borsten des Ebers wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang: noch gab es Fürsten der Franken, die ihm nicht untertan waren; er brachte sie lachend um und schonte den Letzten nicht seines eigenen Geschlechts.
Und als er sie alle versammelt hatte in der Gruft seiner Väter, stand er klagend davor und jammerte laut, unter Fremden ein Fremdling zu sein, und senkte tückisch den borstigen Nacken, ob sich nicht einer verriete, den sein blutiger Blick noch nicht fand.
Er trug als freidiger Unhold das Kreuz in den grausamen Händen, und war der Kirche ein treuer Knecht und ihrem starken Mirakel; er wurde begraben in heiliger Gruft, und die lateinischen Lieder sangen um ihn, der dem römischen Papst die Steigbügel hielt im germanischen Norden.
Brunhilde
Die Blutspur Chlodevechs rann in den Bach merowingischer Mördergeschichte; unholde Frauen hielten den Haß in blutigen Schalen, riesengroß wuchs ihr grausames Bild im Gedächtnis der fränkischen Völker.
Zwei Schwestern kamen aus Westgotenland, Königsfrauen in Franken zu sein und Gattinnen feindlicher Brüder, Chilperich und Sigibert geheißen.
Galswintha die Gute wurde erwürgt in Paris; König Chilperichs Buhlin, Fredegunde, rühmte sich frech ihrer Tat; Brunhilde, die Schwester in Metz und Sigiberts Königin, erhob ihren Zorn und rief den König zur Rache.
Da mußte sich Chilperich beugen und Buße geloben dem stärkeren Schwert seines Bruders; Fredegunde aber, die freche Magd auf dem Thron, fällte Sigiberts Stärke.
Heimtückisch hoben die Großen Chilperichs den siegreichen Sigibert auf den Schild und das Volk in Paris lief ihm zu, aber das Gift ihrer Schwerter gab ihm heimlich den Segen.
Da trank Brunhilde den Becher der Bitterkeit leer, da wurde Sigiberts Königin krank im Blutrausch der Rache:
Die eigenen Großen entführten ihr grausam den einzigen Knaben und ließen sie treulos in Chilperichs Hand; der hielt die Stolze höhnisch gefangen, und die in Metz Königin war, mußte in Meldis Klosterdienst tun.
Aber Merovech, Chilperichs Sohn, entbrannte in Liebe zu ihr und half der Feindin des Vaters zur Flucht aus dem Kloster: als Merovechs Frau kehrte sie heim in Sigiberts Land nach gramvollen Jahren.
Die eigenen Großen aber erschlugen ihr grausam den Gatten; da blieb sie, Gattin nicht mehr und nicht mehr liebende Frau, nur Königsmutter in Metz, das zärtliche Reis ihrer Liebe, König Sigiberts Sohn zu hüten im Haß der Geschlechter.
Die fränkischen Herren mußten die Hand des gotischen Weibes erfahren: sie traf den Trotz und dämpfte den Frevel, sie hielt ihrem Knaben den Horst und trug die Furcht ihrer Stärke ins Land wie ein kreisender Adler.
Dreißig Jahre lang kam ihr das Königsschwert nicht aus den herrischen Händen; als Sigiberts Sohn starb, hielt sie den Enkeln das Reich und blieb als Greisin die unbeugsame Mutter des Landes.
Aber die Enkel kamen in Streit und die Krone ertrank im Blut ihrer Kriege; wohl hob Brunhilde den blutigen Reif Sigiberts ihrem Urenkel auf, doch waren der Raben zuviel um den einsamen Horst ihres Alters.
Sie riefen Chlotachar her, Fredegundens streitbaren Sohn: die lahmen Flügel der Gotin taten den letzten Flug ihrer Flucht, aber die Späher fanden die Spur und fingen den Vogel im steinichten Jura.
Sie banden der gotischen Greisin die Glieder mit Stricken und hetzten das Roß, Brunhilde zu schleifen: da löschte der Sohn Fredegundens den Haß seiner Mutter im Blut und zerfetzten Gebein ihrer Feindin.
Die Blutspur Chlodevechs rann im Gerinnsel des sterbenden Weibes; riesengroß wuchs ihr Bild im Gedächtnis der Völker, aus uralten Tiefen brachte die Sage Brünne und Helm, die unholde Frau in Wodans Reich zu geleiten.
Gudrun
Der gotische Königssohn Hermingild freite Ingunthis, Brunhildens liebliche Tochter; aber Godswintha, Brunhildens Mutter, war seinem Vater Leovigild im Alter noch einmal Gattin geworden.
Godswintha holte dem Stiefsohn die Enkelin selber ins Haus; aber Ingunthis war fränkisch und fromm, ihr galten die Goten als Ketzer.
So neigte dem Hermingild bleich und schlank eine Lilie zu; Godswintha, die Großmutter, sah die Wurzeln in Dornen und Unkraut.
Das Alter war häßlich und grausam, die Jugend war schön und gerecht: sie ließ sich schmähen und schlagen und trug die Lilienstirn stolz mit dem Dornenkranz ihrer Leiden.
Leovigild aber, der Vater, wollte nicht Zwietracht und Zank im Hause des Königs, er bannte das böse Zerwürfnis und sandte den Sohn als Statthalter nach Sevilla.
Da saß Ingunthis, die schöne im andalusischen Land und heilte die Lilienstirn im zärtlichen Wind ihrer Wochen; die Kirche bot Balsam und Weihrauch und weihte das Dornenkränzlein zur himmlischen Krone.
Die geistlichen Boten kamen und gingen im Eifer bischöflicher Sendung, der Heilquell kirchlicher Gnaden brach auf: da wurde das Knäblein römisch getauft, und Hermingild konnte nicht länger als Ketzer die Lilienfrau kränken.
Er trank aus den Händen der frommen Ingunthis das Gift der Empörung, er wurde der Kirche gehorsamer Sohn und brach dem Vater und König die Treue.
Drei Jahre lang schlugen die gotischen Waffen im Zeichen des Kreuzes; aber Leovigilds Hand griff hart in die römischen Dornen: auf der Burg Osser gefangen, lag ihm der weinende Sohn zu Füßen, der um den Glauben der schönen Ingunthis in Bitterkeit kam.
Der König war stark und sein Herz stand nicht still, das Blut seiner Väter zu bitten; aber der Sohn trug die Krone der Lilienstirn stolz und beharrlich, bis ihm das Beil des Gerichts den Sühnetag seiner himmlischen Leidenschaft brachte.
Da sangen die Messen, und um sein blutiges Haupt webte die Kirche den leuchtenden Kranz der heiligen Märtyrerkrone; Ingunthis aber die schöne floh fern über See.
Karl Martell
Der Wüstensturm kam und wehte die Glut gegen den Westen; der Halbmond stand über dem Morgenland, und mächtig wurde das Schwert des Kalifen an den südlichen Mittelmeerküsten.
Als Tarik ans Tor des Herkules kam, rief König Roderich den Heerbann der Westgoten auf; aber lässig lag das lustreiche Land, und längst war das Schwert Eurichs des Starken verrostet.
König Roderich fuhr in den Kampf mit acht weißen Zeltern; sieben Tage lang standen die Sänger bereit, den Sieg zu empfangen; aber am achten Tag war der König im Schilf des Flusses verschwunden.
Am Palmsonntag zog Tarik ein in Toledo; die Glocken klangen nicht mehr von den Türmen, arabische Rosse gingen die Straßen der gotischen Stadt, und auf der Königsburg wehte das grüne Tuch des Propheten.
Die Rosse stäubten die Straßen und fanden die Krippen der Ställe gefüllt; die Schiffe kamen und gingen am Herkulestor; unaufhörlich drangen die maurischen Scharen ins Westgotenland.
Abd ar-Rahmân kam, und die Furcht seines Wüstenvolks fiel über die Franken; aber Karl, der Hammer genannt und Hausmeier des Königs, hielt den Zermalmer Donars zur Hand, und als er ihn warf, zuckte der Blitz in die Wolke der Wüste.
Wie eine Mauer von Eis – so heißt es – standen die nordischen Männer in Muspilheims Feuer, der Halbmond brannte zu Asche, und hoch in den Himmel ragte das Kreuz, als Karl Martell, das ist der Hammer, die Wüstengefahr bannte.
Pipin der Kleine
Hausmeier hießen die Franken den Kanzler des Königs; seinen Hammer hob Karl in Theuderichs Namen; aber der König war nur der Siegelring seiner Hand, und als ihm Theuderich starb, ließ er den Thron und die Krone leer im Palast und ritt allein auf das Maifeld.
Auch ließ er das Reich seinen Söhnen, als ob es sein eigenes wäre; er ließ es stark und gerundet und hatte den neidischen Groll der Großen zerschlagen mit seinem Hammer.
Karlmann und Pipin hießen die Söhne; sie holten den Childerich her aus dem Dunkel unnützer Tage und hoben ihn auf den Thron; sie führten Kriege und mehrten das Reich und hielten den König im goldenen Käfig.
Aber Karlmann verdrossen die Dinge der Welt, er tauschte das Kleid mit der Kutte und ließ dem jüngeren Bruder den Teil seiner Macht: so wurde Pipin allein Hausmeier im Frankenreich und hielt den Hammer des Vaters.
Sie hießen ihn Pipin den Kleinen, doch groß war die Gewalt seiner kurzen Gestalt: Alemannen, Burgunder, Bayern, Friesen und Sachsen mußten dem Zornigen büßen, und klein blieb der Trotz seiner Großen.
Da hob er den Blick auf den Thron und sah den Childerich sitzen, gebeugt von der Last seiner Krone; er nahm ihm das Gold von der grämlichen Stirn, er ließ ihm das Haupthaar scheren und tat den Geschorenen still in ein Kloster.
Ihm aber mußten die Großen ein neues Königskleid reichen, und die Kirche brachte das Öl, ihn prunkvoll zu salben, der ihrer Geltung im Abendland ein Schwert und ein treuer Türhüter war.
Sie hießen ihn Pipin den Kleinen und freuten sich seiner Stärke, sie sahen das Schwert bei der Krone, aber sie hörten den Schwur auf das Kreuz; sie sangen das Lied auf den König der Franken und lauschten der römischen Orgelgewalt.
Karl der Große
Die fränkische Zeit war erfüllt, das Buch der Könige lag mit blutroten Siegeln beschlossen, das Reich trat ein in den Gang der Geschichte, und Karl, Pipins gewaltiger Sohn, war sein Kaiser.
Der Rhein war die Heimat der Franken gewesen, bevor sie groß wurden im gallischen Glück; am Rhein saß wieder der fränkische König, der die Krone über alle Völker Germaniens trug.
Sie hatten Weide und Wohlstand gesucht, sie waren mit Schiffen gefahren und auf Kamelen geritten, sie hatten die römischen Gärten besessen und Königreiche gegründet im Morgen- und Abendland.
Sie hatten das Bienenschicksal der Kimbrer verkehrt in den gotischen Hochmut, sie waren Schwertherren gewesen an der Theiß, am Tiber und Tajo: aber die lässige Fülle machte die Schwerthand faul; das Blut der Mittelmeervölker trank die Kraft ihrer Glieder.
Nun war die nordische Springflut verrauscht in den römischen Gärten, und der Rest ihrer Gewässer füllte den fränkischen See: Alemannen, Burgunder, die gallischen Goten, Langobarden und Bayern, Friesen und Sachsen zwang das gewaltige Schwert des fränkischen Königs in seinen Heerbann.
Gewaltig wie Etzel und Dietrich war Karl und hielt das Abendland hart in der Zucht seiner stolzen Gedanken; aber nun herrschte kein Hunne über germanische Schwerter, kein Gote war fremd in der römischen Feindschaft: deutsch waren die Völker karolischer Macht, und deutsch war der König.
Am Rhein hinauf und hinunter hielten die Pfalzen das Schwert und die Waage seines Gerichts; sein Stuhl stand zu Aachen im Rheinfrankenland: da saß er im Glanz seiner eigenen Macht, da war er Hausherr der Heimat und König im Kreis seiner Recken.
Wie vormals nach Rom und Byzanz, so ritten nun die Gesandten vom Morgenland her in den Nebel der nordischen Nächte; sie fanden den Herrscher des Abendlandes gehen in leinener Kleidung, sie sahen ihn reiten und jagen wie jeden seiner Getreuen, und wie er den kleinen Dingen des Tages sein Antlitz treulich zukehrte.
Sie sahen ihn schwimmen im lustigen Schwall seiner Freunde und Diener und hörten ihn lachen beim Mahl, fröhlich besorgt um das Wohl seiner Gäste.
Sie suchten staunend Prunk und Gepränge und brachten das Bild seiner Menschlichkeit heim, die frank und frei in germanischer Sitte unter den Männern der Mann, unter den Helden des Krieges im Frieden der friedlichste war.
Hoch aber ragte hinaus über die Dächer der Hallen, frei unter dem fränkischen Himmel, das Reiterbild Dietrichs von Bern, der seines Herrschertums höchster Ahnherr und seiner Tafelrunde der rühmlichste Held war.
Sie hatten das eherne Bild zu Schiff von Ravenna gebracht, durch das blaue Herkulestor, von der sonnigen Mittelmeerküste hinein in das graue Gewässer der Nordsee, bis es dem fränkischen Königsstuhl als Wahrzeichen vorstand.
Sie hatten auch Säulen und kupferne Gitter genommen von Dietrichs ruhmreicher Halle und hatten die Kuppel gewölbt nach ihrem sinnreichen Vorbild.
Aber das Kreuz stand darauf, und was den Goten Thingstätte war, das wurde den Franken zur Kirche; denn Karl hieß König und Herr seiner Völker von Gottes Gnaden; er führte das Schwert seiner gewaltigen Macht, der Kirche und ihrer göttlichen Sendung in Demut zu dienen.
Wodan und Donar ritten die wilde Jagd nächtlicher Träume; aber der Tag stand im Kreuz, und die Wirklichkeit war in den Dienst Gottes und in die Lobpreisung seiner ewigen Allmacht gelegt.
Deutsch war der König, deutsch war das Wort und das Linnen der fränkischen Kleidung, deutsch war das Haus, aber der Stuhl von Sankt Peter stand geborgen darin und geehrt als Burg Zion.
Eine Kugel galt ihm die irdische Welt; die untere Wölbung war sein im Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der Himmel der Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert Schutzherr und Schirmvogt war.
Die Nibelungen
Als Leo, der Papst, dem König der Franken in Rom den Purpur umhängte, als wieder ein römisches Reich war im Schoß der katholischen Kirche, sangen die päpstlichen Knaben in Rom den Göttern Walhals die Messe.
Wodan, die wehende Unrast lag in Sankt Peter begraben, aber der Spuk seines Daseins sank in die nordischen Seelen wie Heimweh.
Die Glocken bellten den Sieg des Gekreuzigten aus von den Kirchen und Klöstern, und manche wurden von römischen Mönchen mit in die deutsche Wildnis gebracht.
Aber der Wind Wodans nahm den ehernen Schall in die herrische Hand; er stieß ihn hoch an den Felsen, daß er heulend zerbrach; er warf die jammernden Stücke hinein in die trotzig schweigenden Wälder.
Wo die Füße der Ewigkeit gingen in der Waltung natürlicher Mächte, wo der Donner wohnte im Horst der Wolken und Wetter, wo die Sterne der Nacht heimlich ihr Strahlengebind wuschen im Abgrund der toten Gewässer: hielt Wodan zornig Gericht und sandte die Sturmgeister aus in die Ahnungen einsamer Nächte, die Ungetreuen zu schrecken.
Der König der Juden hing kalt am Kreuz seiner Leiden: aber die Räder rollten im Wetter, Donar stand hoch mit dem Hammer und warf die zackigen Blitze, Freya sank mit der Abendröte hinunter zur Nacht, Baldurs Scheite lohten im Sonnenwendfeuer, und in den heimlichen Gründen saß Frigga, die Brunnen des Lebens zu hüten.
Die aber der Götter Lieblinge waren, hielten das Mahl im Ruhm ihrer herrlichen Taten; die Sänger stiegen die goldenen Stufen hinunter zum Brunnen der heiligen Herkunft, sie holten das Mahnwort der Sage herauf und die Wundersucht ihrer Lieder.
Sie sangen dem männlichen Mut das Lob seiner Macht, und der Stärke den Stolz ihrer Stunde; sie gaben dem Leben das Schwert in die Hand und lachten der knieenden Demut; sie hießen die Stärke gesund, die Schwäche verächtlich; sie taten der trotzigen Tat das Königskleid an und dem Zweifel das Narrengewand.
Sie sangen von Siegfried, dem kühnen Bezwinger der Drachen und Alben; die holdeste Frau war sein Preis, aber die treulose List seiner Sippe warf den Herrlichen hin; aus Liebeslust wurde die blutige Not im Haß der Geschlechter.
Sie sangen von Etzel, dem König der Hunnen, und wie er die blonde Hildico freite, Siegfrieds verratene Frau; aber der schwarze Zwingherr der Welt starb in der blutigen Brautnacht.
Sie sangen von Schwanhild und Randwer, wie sie den Wein verbotener Liebe genossen, dem greisen König zur Schande; die Rosse Ermanerichs schleiften die schöne Schwanhild, und Randwer, der Sohn, büßte die Gunst seiner Mutter am Galgen.
Sie sangen von Dietrich, dem starkweisen König der Goten, wie er die Rabenschlacht schlug und wie ihn der Schimmel Wodans heimholte, als wilder Jäger zu reiten in höllischen Nächten.
Sie sangen von Brunhild, der heldischen Frau und ihrer furchtbaren Feindin, wie sie den Männern zum Trutz ihre Burg hielt und wie sie den Stolz büßte.
Sie sangen das schmähliche Leid der schönen Ingunthis, wie die schneeweißen Hände Magdarbeit taten in bitterer Kälte; klagend stand sie am Meer und sah nach den Schiffen.
Sie sangen von Gundikars Burg und dem Übermut seiner Recken, von seiner schmählichen Schuld und dem unendlichen Blutstrom der Sühne; sie sangen von Hagen, dem finsteren Helden blinder Gefolgschaft; sie gaben dem Spielmann Volker den Preis der fröhlichen Kunst, lachend zu leben und lachend zu sterben.
Die Lieder liefen ins Land wie schäumende Bäche, sie suchten und fanden ihr Bett im Strom, der die Taten und Leiden, den lachenden Trotz und die standhafte Stärke germanischer Frühe hinein ins Urgebraus trug, in das rauschende Naß Ymirs des Riesen, in die donnernde Brandung der kalten Meerküste.
Da fuhr das Totenschiff Baldurs hinein in den Norden asischer Herkunft, da hellte die Lohe den nächtlichen Himmel, da wurde Siegfried der Erbe des göttlichen Jünglings, da kam dem Cherusker der Glanz in die Locken, da hob er die Kraft und das gleißende Gold aus den Höhlen der Albengeschlechter.
Da band die Sage den Heldenbericht ein in den Kampf der Asen und Vanen; da fanden der Trotz und die Kraft, der Mut und die Treue der nordischen Männer ihr strahlendes Gleichnis.
Das Schuldbuch der Götter tat seine Blätter zum andernmal auf im Schicksal der Menschen.