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Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Chapter 69: Canossa
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About This Book

A sequence of lyrical essays and mythic narratives probes the inward depths of personal and collective being, contrasting the shallow surface of memory with an abyssal wellspring where past and destiny mingle. Drawing on creation myths and heroic lore, the text reimagines divine origins and struggles among gods, giants, and fate-spinners, and traces how wisdom, guilt, and power shape cosmic and human order. Meditative passages reflect on memory, consciousness, and the persistence of primal forces beneath everyday life, while retellings of divine conflict and sacrifice examine responsibility, prophecy, and the burden of knowledge.

Das Buch der Kirche

Jesus von Nazareth

Als der Kaiser Augustus zu Nola in Campanien den Tod sterben mußte, der das Vorrecht der Gewaltigen auslöscht wie das Unrecht der Geringen, ging Jesus von Nazareth erst in die Jünglingsjahre: aber noch war Tiberius nicht in den Polstern seines grausamen Alters erstickt, da hatte das Kreuz von Golgatha schon den Zimmermannssohn zum Messias erhöht.

Das prahlende Glück Cäsars und der Glanz des Augustus hatten dem wölfischen Weltreich die blutige Tollheit des julischen Tyrannen gebracht: die Lehre des Nazareners ging auf wie Blumen, heimlich in die Gärten der Greuel gesät.

Das erste Lot aber seiner Lehre war dies: dem Kaiser gehört euer Leib und alles, was seine Notdurft verlangt, er kann ihn behängen mit goldenen Ketten und kann ihn braten auf glühendem Rost; Gott aber gehört eure Seele und alles, was ihre Sehnsucht vermag, er kann die goldenen Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen!

Denn der, den sie Messias, das heißt den Gesalbten, nannten, kam nicht gegürtet mit einem Schwert, sein Reich zu raffen: er ging als Pilger über die Straßen und Märkte des jüdischen Landes, lächelnd von Liebe und Weisheit, und säte den Samen der Freiheit in furchtsame Herzen.

Und weckte Gott aus den Seelen der Menschen, daß er stark würde in jedem, des irdischen Daseins zu lächeln.

Denn das zweite Lot seiner Lehre war dies: Gott ist kein böser Tyrann, über euch thronend in den Wolken, durch Opfer und gute Werke versöhnbar, Gott ist der ewige Geist aller Dinge, und jedem, der ihn in Wahrheit erkennt, wird er ein liebender Vater.

Darum brauchte Jesus von Nazareth nicht das Bußgeschrei der Propheten noch die Gottesfurcht ihrer Priester: sein himmlischer Vater ließ seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, er ließ regnen über Gerechte und Ungerechte, weil allen sein Himmel der Liebe geöffnet war.

Allen, die gläubig der Gotteskindschaft zur ewigen Allmacht eingingen, die solches Wunder dem sterblichen Menschen erwies und ihn aus der Notdurft und sündigen Furcht seines Leibes zur Freiheit der unsterblichen Seele erlöste.

Denn das war das dritte Lot seiner Lehre: das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen; es ist der Himmel des Herzens in euch, Reinheit und Demut sind seine Pforten, gläubige Liebe zum Vater hält seine Burg, und tätige Liebe den Brüdern gibt ihm die ewigen Waffen.

Als aber Jesus, der Zimmermannssohn, der dieses lehrend über die Straßen und Märkte des jüdischen Landes ging, sich selber als Liebespfand der Allmacht geopfert hatte, als mit dem Hosiannageschrei und dem Kreuzestod der Umkreis seines irdischen Daseins umrissen war: da blieb der Kreuzestod in den Herzen seiner geflohenen Jünger und hatte das Lächeln der Liebe und Weisheit in den Schmerz des Opfers verkehrt; und grausam ging durch die frohe Botschaft der Riß von Golgatha.

Paulus

Die seine Lehre hörten und ihm als Jünger folgten, waren Fischer und Findlinge der Einfalt; sie glaubten treulich, daß ihr Meister der Messias aus dem Geschlechte Davids wäre und warteten in Demut der verheißenen Wiederkunft.

Sie hielten sich abseits vom Tempel in der Gemeinde und lebten gemeinsam aus einem Eigentum; sie waren Juden und gedachten, das Gesetz und die Propheten zu erfüllen.

Es kam ihnen aber ein Teppichweber zu mit Namen Saul aus Tarsus in Kleinasien und römischer Bürger, der in Jerusalem die Schrift studierte, Rabbi zu werden.

Glühender im Geist als sie und im Gewissen wühlend, hob er das Sinnbild der Versöhnung aus dem uralten Passahbrauch der Juden: er hieß Jesus das Opferlamm Gottes und den Glauben an den gekreuzigten Gott die Erlösung aus Sündenschuld.

Was eine Lehre der Liebe und der Weisheit in Galiläa war, das wurde Glut des Glaubens, die das Gebälk des jüdischen Gesetzes und das Tempeldach feurig durchbrach.

Denn Saulus kannte die Wehen der Griechenweisheit und wie die aufgerührte Welt nach einem Wahrspruch brannte: ihm waren die Mauern Jerusalems zu finster und die Grenzen Judäas zu eng für seine Sendung.

Er nannte sich Paulus und trug die Fackel seiner Botschaft von Antiochien nach Zypern, von Troas nach Mazedonien hinüber und fragte nicht, ob Juden oder Heiden daran entbrannten.

Es war nicht sein stolzester Tag auf dem Markt von Athen, da die Griechen den Juden von Tarsus einen Lotterbuben nannten; aber da sprach er sein Wort von Gott, in dem wir leben, weben und sind.

Zwischen den Standbildern ihrer gestorbenen Götter, wo das Stichwort der Stoiker galt von der menschlichen Seele als Absenker Gottes, blies er dem blutleeren Balg ihrer Lehre den Atem seines glühenden Glaubens ein und hob ihn auf den leeren Altar, der dem unbekannten Gott wartend dastand.

Als er dann wiederkam zu den zürnenden Jüngern, die seinen heidnischen Gläubigen den Eingang in ihre Gemeinschaft verwehrten, schnitt er die Nabelschnur ab von der mosaischen Mutter: der Kreuzestod Christi sei die Erlösung auch vom Gesetz der jüdischen Thora.

Es war die Geburt der christlichen Kirche, als Paulus sich so vor den Jüngern Jesu bekannte; nicht mehr die Lehre der lächelnden Liebe und Weisheit gab seinem glühenden Glauben den Grund: der gekreuzigte Gott, auferstanden vom leiblichen Tod und herrlich gen Himmel gefahren, war das Wunder seiner Verkündung und die Gotteskindschaft der Seele sein Gnadenbeweis.

Aber nun galt der Apostel, der dreizehnte neben den Zwölfen, nicht mehr als Jude; als er dennoch einging zum Tempel, machten die Jünger einen Aufruhr um ihn und wollten ihn steinigen, bis ihn der römische Hauptmann der Wache den zornigen Händen entriß.

Seitdem berief sich der Jude aus Tarsus als römischer Bürger, der Christenapostel ging ein in die Stadt, die das alternde Haupt der alten Welt war und durch seinen Glauben die neue Herrschaft gewann.

Das Reich der Seele wollte mächtig werden in der Wirklichkeit der Leiber, das Buch der Richter des neuen Bundes begann das stolze Kapitel der römischen Kirche.

Das Kreuz über den Gräbern

Als Paulus einging in Rom, war Nero, die Natter des Lasters, Kaiser der wankenden Welt, das Blut seiner Verbrechen stank in den Straßen der steinernen Stadt.

Ihm war der Jude aus Tarsus nicht wert, seiner brünstigen Lehre zu achten; als aber Rom brannte sieben Tage und Nächte, indessen der lustvolle Kaiser dem Schauspiel Verse zusprach, mußten die Nazaräer dem römischen Volk als Brandopfer dienen, und Paulus sank mit in die glühende Asche.

Die dem fressenden Feuer entgingen in den Schlupfwinkeln der schwälenden Stadt, hielten heimlich zu seiner Lehre: der Kaiser konnte den irdischen Leib mit goldenen Ketten behängen und konnte ihn braten auf glühendem Rost; Gott aber gehörte die himmlische Seele, er konnte die goldenen Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen.

Sie hatten nicht Schulen noch Tempel, ihr Heiligtum wurde in Höhlen gehütet: wo die Gräber der Gemarterten waren in engen Grüften, stimmten sie frühmorgens die Lobgesänge an und gingen hinaus in den Tag und den Tod, verzückte Pilger der ewigen Seligkeit.

Sie gaben den Armen ihr Geld und den Reichen das frohe Geheimnis der Botschaft, sie säten die Hoffnung in Herzen, die alles verloren und nichts zu gewinnen hatten, sie machten die Tore des irdischen Todes weit auf in die himmlischen Gärten und waren standhaft im Leid, die ewige Lust zu gewinnen.

Ob der Kaiser Trajan, von den Römern der Weise genannt, sie als Rebellen verfolgte, weil ihre Lehre den Kaiser und Knecht, den Bürger und Sklaven gleichmachte vor Gott: die irdischen Blutstrafen wirkten der Nachfolge Christi das himmlische Ehrenkleid.

Viele Kreuze wuchsen dem einen auf Golgatha nach, die Gräberwelt ihrer Höhlen zu füllen, indessen ihr Himmel sich mit den Bildern der heiligen Blutzeugen schmückte.

Das Reich Gottes baute die Räume im Jenseits mit ihren seligen Freuden und gab dem irdischen Jammertal seine brünstigen Träume: vom Lohn der Leiden im jüngsten Gericht, vom Paradies als dem ewigen Vaterhaus der gläubigen Seele.

Das Schaumgold der Kirche

Die aber im Heer des Kaisers dienten als seine Knechte, Mietlinge des blutigen Handwerks aus allen Ländern der römischen Welt, hörten die Botschaft der Christen einfältig wie vormals die Fischer und hörten sie gern als Nachbarn des Todes und als Enterbte der Götter.

Lange bevor Konstantins List das Kreuz zum Feldzeichen machte, ging bei den Legionen der Christengott um: darum gewann Helenas Sohn die Schlacht vor den römischen Toren und zog ein in die Stadt des Augustus als Schutzherr der Christen.

Das Kreuz besiegte den römischen Adler; wo die Tempel der Götter verfielen, wurden den Heiligen Kirchen gebaut, Kirchen über den Gräbern: die Lehre des Galiläers stieg hoch in der Gunst der Gewalt, das Gottesreich aber wechselte seine Gestalt.

Der Kaiser, der klüglich das Kreuz an seine Staatsherrlichkeit klebte, blieb Oberpriester der römischen Götter aus furchtsamer Vorsicht, und taufen ließ er sich erst, als er starb, sündenrein vor den Christengott, als christlicher Kaiser bevorzugt in seinen Himmel zu kommen.

Auch war er ein Sohn des Morgenlandes – durch Helena, seine jüdische Mutter – und dem römischen Bürgertum fremd; er legte das asiatische Stirnband seines Despotentums an und machte Byzanz zur Hauptstadt der römischen Welt.

Wie die Sonne der Griechen mit Alexander rauschgolden im Morgenland unterging, so schwand der Vollmond römischer Weltbürgerschaft mit Konstantin hin in die hängenden Gärten.

Darum war es Byzanz, wo der Kaiser im Weihrauch prunkender Messen die Lust seiner Allmacht genoß, wo die höfische Geltung der Kirche die christlichen Hirten zu Weltherren machte.

Höfischer Pomp und der Weihrauch zeremonieller Gebräuche, die Rauschgläubigkeit wundersüchtiger Scharen, das Mirakel und der tönende Schwall himmlischer Freudenverheißung: mit Ornat und Krummstab fiel es über die christliche Lehre, die Liebe und Weisheit des lächelnden Mundes erstickend im Schaumgold kirchlicher Feste.

Simeon aus Sesam

Rund um die Küsten der greisen Griechenwelt lagen die Länder der paulinischen Lehre; Zweifler an den Marmorgöttern hörten die Botschaft seines gekreuzigten Gottes und die Grübler der uralten Logoslehre.

Das Morgenland fing wieder an zu glühen, das vor dem Götterhimmel der Griechenwelt ins Dunkel der Mysterien versunken war; und wo das Wort der neuen Lehre hinfiel auf den verdorrten Boden, da knisterte der nie gelöschte Brand.

Sie ließen die geheimnisvollen Flämmchen des Zoroaster spielen, die neue Wahrheit und die alten Widersacher aus Licht und Finsternis zu deuten, sie schürten mit den Zangen der Spitzfindigkeit und fingen das Gezänk der Deutung an.

Und waren eifrig, von der Gemeinde die Wissenden zu scheiden, und legten um die Einfalt der Botschaft den Priestermantel der Erwählung: im Namen dessen, der die Fischer lehrte und den die Priester kreuzigten, den Klerus vom Laienvolk zu lösen.

Auch sonderten sich manche ab nach alter Weise des Morgenlands, sie gingen abseits in die Wüste und suchten das Geheimnis der Erwählung in den Schlupfwinkeln ihres unreinen Geistes.

Sie leerten ihre Lüste aus und füllten das Gefäß mit Fasten und Verzückung und wähnten, dem Reich Gottes näher zu sein, als die mit Treue den Tag bestanden.

Den sie bei Antiochien bestaunten, ein Hirt mit Namen Simeon aus Sesam, stand dreißig Jahre lang auf einer Säule, den Wallfahrern ein Wunder, und lehrte: Jesus habe teil an seiner Torheit, daß er dastände gleich einem Kranich, der seiner Flügel überdrüssig geworden wäre.

Eudoxia die Kaiserin, so heißt es, hieß einen Turm daneben bauen mit offenem Dach, das hallende Gespräch des Heiligen zu hören: so wähnten in der Wüste ein Hirt und eine Kaiserin der Stimme aus Nazareth zu dienen, die traurig mit den Traurigen und fröhlich mit den Fröhlichen im Volk gegangen war.

Augustinus

Ein reicher Jüngling aus Tagaste lebte seinen Sinnen in Karthago, bis ihn der Geist schalt, daß er gleich einem Tier der Täglichkeit den Trog leer fräße.

Der mit bunten Kleidern auf der Gasse ging, fing an zu suchen in den Schriften, daß ihm der Geist ein besseres Futter fände: so wurde Augustinus ein Schüler der Griechenweisheit und suchte sein Glück so gierig in den Schriften, wie seine Sinne die Brunst genossen hatten.

Als er ein Mann geworden war und selber für einen Meister der Weisheit galt, kam er ins Abendland, in Rom und Mailand zu lehren: der Zweifel aber, gieriger als seine Sinne, wollte ihm alle Wahrheit fressen.

Bis er die Schriften des Paulus fand und daraus die Einfalt zu glauben lernte; der als ein Meister der Weisheit im Abendland Ruhm zu ernten gedachte, kam als ein Schüler der Demut zurück nach Karthago, sein Herz in der Stille der Wüste zu kühlen.

Da trat der sündige Mensch vor Gott und rang wie Jakob mit ihm um Erlösung, da stand vor dem glühenden Dornbusch des Glaubens der Zweifel, sein letztes Reis zu verbrennen, da riß eine Seele den Brunnen der Wüste auf, ihr Menschengesicht im Spiegel der Tiefe zu schauen.

Sie holten ihn auf den Stuhl des Bischofs von Hippo, Hirt und Herold der Kirche zu werden wie keiner; so wurde der Kirche der Mund der Inbrunst geschenkt und der paulinischen Lehre der hitzigste Streiter.

Als ewige Erbschaft war an die Schwelle der Menschheit die Sünde Adams gestellt, die Gnade Gottes allein vermochte den erbsündigen Menschen aus der Verdammnis zu lösen.

Die Gnade Gottes war der Kirche gegeben; sie war das Reich Gottes auf Erden über der Macht der weltlichen Staaten; bis das Weltgericht kam und das bunte Scheingewand der Welt in Flammen verzehrte, hielt sie der erbsündigen Seele die Gnadentür offen.

So sprach Augustinus, der Bischof von Hippo, der Kirche den Gnadenschatz zu, so sank der Stachel der Erbsünde ein in die Christengemeinde, mit ewiger Verdammnis die furchtsamen Herzen zu schrecken und mit der Verheißung des Himmels zu locken.

Nicäa

Was zu den Hirten von Bethlehem kam als himmlisches Licht, Gott in der Höhe zu Ehren, der Erde zum Frieden und den Menschen ein Wohlgefallen, war eine schwelende Brandfackel geworden der christlichen Rechtgläubigkeit.

An die dreihundert Bischöfe samt ihrem geistlichen Heerbann hielten Konzil zu Nicäa, den Punkt zu erzirkeln, wo zwischen der göttlichen Natur des Erlösers und dem menschlichen Dasein des Zimmermannssohnes sein Wesen als kirchlicher Lehrbegriff stände.

Noch war das düstere Wunder paulinischen Glaubens nicht unter Dach, noch stand das Opferlamm Gottes nicht auf dem Altar der beschworenen Glaubensartikel, noch war die Dreifaltigkeit nicht im Lehrgebäude der Kirche gesichert.

Gottgleich oder gottähnlich, so stritten die Priester mit Zirkeln und Zangen um den Zimmermannssohn; und hitziger hatten die Juden nicht vor Pilatus gestanden, als nun die Christen vor Konstantin, der ihrem Konzil den Prunk des Kaisers umhängte.

Die gestern noch selber Verfolgten verdammten den Arius da, weil er das göttliche Wunder allein in der Lehre und nicht im Mirakel des gekreuzigten Gottes erkannte; sie hießen ihn einen Ketzer, und Christus siegte als Gottes einiger Sohn im Zankbeschluß seiner Priester.

Als die Bischöfe danach auseinander fuhren mit dem Heerbann ihrer Meinung und Lehre, den Hellespont hinüber ins Abendland, und auf mancherlei Schiffen und Wegen ins Morgenland, fuhr der Zank mit nach Haus, die Christenheit zu zerspalten.

Bis Theodosius, von der Kirche dankbar der Große genannt, für die arianischen Ketzer den Rost glühend machte: im Namen des Dulders der Liebe, der im Haß der jüdischen Priester den Kreuzestod fand.

Wulfila

Ein Psalm, der vor dem Tag verscholl, gesungen aus Traum und Wachen, bevor das wilde Kriegswerk der Völkerwanderung begann, ein Klagelied aus dem Brunnquell der deutschen Sprache: das war die Gotenbibel des Wulfila.

Sie sollte der Psalter des deutschen Evangeliums werden und ist der Sargdeckel geworden der germanischen Frühzeit, weil aus der fröhlichen Botschaft der Haß des geistlichen Lehrstreites Giftblumen blühte.

Der sie den Westgoten schrieb, zwölfhundert Jahre vor Luther den Deutschen die Schrift zu schenken: Wulfila war arianischer Bischof; und Arianer, das hieß der römischen Kirche ein Ketzer und schlimmer als Heide zu sein.

Sie saßen im Tiefland der Donau, vom schwarzen Schrecken der Hunnen verdrängt, als Grenzwacht des Kaisers geduldet, und hörten die Botschaft der himmlischen Ferne:

Gott war gekommen, der über den Göttern von Ewigkeit war, den Menschen das glückhafte Reich des Friedens zu bringen, da wieder Gerechtigkeit wurde, sonniges Land und selige Freiheit den grausam Enterbten.

Denn Wulfila hatte die Worte der Botschaft in ihre Sprache gebracht: da klangen die uralten Laute den uralten Sinn, da war die ewige Herkunft der Dinge, da war ihr himmlischer Vater und sandte Surtur, den herrlichsten Sohn seiner Stärke, die Seinen zu sammeln aus Not und Bedrängnis.

So lauschten die Goten dem Wulfila und konnten nicht ahnen, daß sie der Glaube betrog, daß sie die fröhliche Botschaft ins Fegfeuer des Ketzertums brachte.

Arianer und römische Kirche: so war der Kampf angesagt bis aufs Messer; die Goten und alle germanischen Völker der großen Wanderschaft hatte ihr gläubiges Herz gegen die römische Schneide gestellt.

Der Pontifex maximus

Pontifex maximus hießen die Römer den obersten Priester, und Konstantin selber behielt das heidnische Amt trotz dem Kreuz seiner Fahnen.

Nicht lange aber, so hob der römische Bischof das glänzende Stirnband aus dem Brandschutt der Götter, als Papst und Statthalter Christi wieder der Pontifex maximus, im römischen Weltreich der Hohepriester zu sein.

So wurde Rom noch einmal das Herz der mittelmeerländischen Welt; denn der Kaiser war fern in Byzanz und sein Glanz blickte düster ins Morgenland, indessen der Norden hell wurde im Junglicht germanischer Kraft.

Der erste Gregor, der Große genannt, Präfekt und Römer von Reichtum und Rasse, bevor er sein Haupt schor, gab dem römischen Titel die römische Geltung zurück, das zerfallene Reich Cäsars erneuernd als Macht seiner Priester.

Er sandte das Pallium aus, wie vormals der Kaiser die purpurgesäumte Toga, er ließ seine Legionäre schulen im Orden der Benedektiner.

Fegfeuer und Seelenmesse, Bilderdienst und der bunte Heiligenhimmel: das Rüstzeug der Kirche hob seine cäsarische Hand auf, der von Herkunft ein Römer, aus frommer Neigung ein Priester und der berufene Pontifex maximus war.

Der Kaiser war fern in Byzanz, das langobardische Schwert hing dicht über Rom; in Gallien aber beugten die ersten Germanen das Knie vor der Kirche: die Franken waren die Feinde der Goten, sie sollten gegen die Langobarden die römische Leibwache sein.

Vom römischen Scharfblick geführt, staatskundig und stetig im Schachspiel steigender Macht, weitblickend aus Nöten der Nähe, brachte die Kirche den Handel ans Ziel, Pipin den Kleinen als König der Franken zu salben.

Stephan der Papst kam selber ins gallische Land, reitend auf einem Maultier, wie Samuel der Priester vor Saul kam, drei Meilen weit ins Lager der streitbaren Franken von Pipin dem König am Zaum eingeführt.

Er gab ihm die heilige Salbung und brachte sie heim, die Pipinsche Schenkung, die ihn, den Hirten der Christengemeinde, zum Fürsten des römischen Kirchenstaats machte: eine Schrift nur, ein Pergament in den Falten des Priestergewandes.

Aber der Pontifex maximus hatte den Heerbann der Franken gesehen und harrte getrost ihres Schwertes.

Winfried

Sie haben Winfried, den englischen Mönch, Apostel der Deutschen genannt; als aber Winfried herüber kam zu den heidnischen Friesen – vierhundert Jahre nach Wulfilas Predigt – waren die Franken, Thüringer, Alemannen und Bayern schon Christen; nur die sächsischen Völker verehrten noch Saxnot, den Gott ihrer Väter.

Die arianischen Goten, Vandalen, Burgunder hatte die römische Mühle zermahlen, ihre Könige waren verschollen in den Schlupfwinkeln der Sage; noch boten die Langobarden ihr Trutz, aber schon blühte das Frankenreich, der Kirche gehorsamste Tochter.

Dreimal zog Winfried nach Rom, der ein frommer Held seines Glaubens, ein feuriger Herold der päpstlichen Macht war: Gehorsam gegen Rom zu verkünden, war der heimliche Sinn seiner Sendung.

Darum sanken ihm Ehren auf das silbrige Haar; Legat und Erzbischof war er und Primas der deutschen Bischöfe, treu und milder Verwalter des Hauses, dem er die Balken fügte mit Klugheit und Eifer.

Denn Pipin der Kleine war nicht nur der Kirche gehorsamer Sohn; der Hausmeier brauchte den römischen Segen, seinem König die Krone zu nehmen; wie der Papst seines Schwertes bedurfte, den Langobarden zu wehren.

Mittelsmann ihrer Machthändel war Winfried der Weise; er schlichtete klug und ohne kleinliche Ränke, war Kanzler der Kirche und der früheste Kurfürst am Rhein; er liebte das Land seiner Wahl, der englische Mönch, und suchte der Ordnung zu dienen, deren mildester Meister er war.

Weil ihm die anderen Bischöfe seine Ehren mißgönnten, zog er im Alter tapfer hinaus, noch einmal hinaus zu den heidnischen Friesen; der friedliche Meister des Lebens fand seinen Tod wie ein Held, als ihn die trotzigen Friesen bei Dokkum erschlugen.

Als sein Leichnam stromauf kam durch das rheinische Land, klagten viele um einen Vater, und manche Glocke, die seine Hand weihte, gab ihm bis Fulda das Sterbegeläut; nur wenige sahen, was seine milde Geschäftigkeit hinterließ.

Ein Netz hing geflochten für den Nachfolger Petri, den größten Fischzug zu tun: das Morgenland war an den Islam verloren, in Eifersucht wachte Byzanz; im nordischen Land der Germanen war der Kirche ein Acker gepflügt, andere Dome zu tragen, als die im römischen Land.

Das Mittelalter begann, das der neuen Welt Wunder sein sollte; die Sterbeglocken zu Fulda läuteten seinen Beginn.

Widukind

Während die gotischen Völker das Glück und den Fluch der römischen Erbschaft fanden, während die Franken im gallischen Land dem römischen Papst die Steigbügel der neuen Weltherrschaft hielten, hatten die Länder der Weser die Volksschaft der Väter bewahrt.

Frei wie zu Tacitus Zeiten hielten die sächsischen Gaue den Thing und das Weistum, und sprachen Recht im Schwertzeichen Saxnots, bis Karl der fränkische König das Kreuz über sie brachte.

Gleich Drusus, dem Römer drang er von Süden ein durch das hessische Waldland, raubend und brennend; und wo das Schwert des trotzigen Blutes satt war, schwangen die Mönche den Weihrauch und sangen die römische Messe.

Die Eresburg fiel, die Irminsul wurde zerstört, den heiligen Hain fraß das Feuer, so wurde im Namen des Kreuzes fränkische Mark, was ein Jahrtausend lang sächsisches Freiland war.

Die Mönche sangen zur Messe, die Grafen hielten Gericht im Namen des fränkischen Königs und beugten das uralte Recht der Sachsengemeinde.

So war dem Franken der Sprung in den sächsischen Sattel geglückt: aber dann bäumte das Roß, und der Ritt begann, rauchend von Brand und Blut dreier Jahrzehnte.

Wie vormals Armin, Segimers Sohn und Fürst der Cherusker, war Widukind Herzog von Sachsen; dreizehn Jahre lang bot er der fränkischen Zwingherrschaft Trotz, freudig und flüchtig im Wechsel des Waffenglücks, ein Meister der List und ein Nacken unbeugsam, das Unglück zu tragen.

Denn ob er Fritzlar verbrannte und Fulda bedrohte, daß die Mönche flohen mit Winfrieds Leiche, ob er vorstieß bis an den Rhein: die fränkische Feldkunst warf das Ungestüm seiner Kriegshaufen nieder, und immer grausamer dämpfte Karl den sächsischen Trotz.

Bis der Tag an der Aller kam, wo ihrer viertausendfünfhundert geschlachtet wurden – Edlinge des sächsischen Volkes, die sich freiwillig stellten – daß der Bach sich färbte im Blut und das Feld faul wurde im Gestank der edelsten Leiber.

Noch einmal rief da der Grimm die Waffen Saxnots zuhauf; bei Detmold kam es zur Schlacht, die dem gewaltigen Karl das Schwert stumpf machte, aber den Sachsen das ihre zerbrach.

Widukind beugte den Nacken vor dem fränkischen Christ! Drei Tage lang sangen die Priester Danklieder in Rom, weil der Herzog der Sachsen zur Taufe nach Gallien ging.

Den Franken gelang, was dem römischen Adler mißglückte, sie blieben Zwingherrn im Weserland, besiegelt im Kapitular der sächsischen Knechtschaft, mit Blut geschrieben zu Paderborn und aller Gesetze furchtbarstes:

Des Todes soll sterben, wer die Fasten nicht hält, wer sein Kind der Taufe verbirgt; des Todes soll sterben, wer sich selber der Kirche verweigert; des Todes soll sterben, wer einen Leichnam verbrennt nach germanischem Brauch!

Aber der Hund fraß wieder, was er ausspie: noch manchmal stand Saxnot auf in den Herzen der Seinen, bis er für immer zur Hölle fuhr, der uralte Lichtgott der Deutschen, verdammt von den römischen Mönchen.

Zu Tode gehetzt von der slawischen Meute der Wenden, denen der fränkische Räuber das sächsische Elbland hinwarf als Beute, zu Tausenden aus ihrer Heimat geschleppt, für immer getrennt von Weib und Kindern, verraten von treulosen Grafen: so wurden die Sachsen zu Christen gemacht, im Namen der lächelnden Liebe.

Bis endlich drei Bistümer blühten im Weserland, zu Bremen, zu Münster und Paderborn: drei Hochkreuze des allerchristlichsten Königs, drei Leichensteine auf dem Kirchhof des sächsischen Volkes, drei Krummstäbe über dem Nacken germanischer Freiheit.

Carolus Augustus

Als Karl, der Frankenkönig, sein Sommerlager hielt zu Paderborn im Land der Sachsen, kam Leo, der Papst, als ein Flüchtling zu ihm.

Den hatten die Römer am hellen Tag aus einer Prozession gerissen, halbtot geschlagen und gefangen aus Rom fortgeführt: mit List entwichen und die Mühsal der Alpenfahrt nicht scheuend, rief der Pontifex maximus den Frankenkönig als seinen Schirmherrn an.

Es fand sich danach, daß der Statthalter Christi der Unzucht und des Meineids beschuldigt war; so hielt der Frankenkönig feierlich Gericht in Rom und strafte die Ankläger hart, als sich der Papst mit seinem Eid zu reinigen vermochte.

Das aber geschah vor Weihnachten, als es achthundert Jahre her war, daß Maria im Stall von Bethlehem ihr Knäblein gebar: nun stand das Kreuz auf tausend Kirchen, und statt der Hirten kamen die Großen der Welt an seine Krippe.

Als in der Christmesse das Heergefolge des Frankenkönigs sich durch die Römer drängte und Karl, der Schwertgewaltige, in Andacht kniete vor dem Altar der Peterskirche, da krönte ihn der Papst, und die Lateiner stimmten ein in den bestellten Ruf:

Carolus Augustus, dem von Gott gekrönten friedenbringenden Cäsar der Römer, Leben und Sieg!

Es war ein Franke, den sie zum Kaiser riefen, ein Franke, der morgen Rom schon wieder den Rücken kehrte; aber so verkehrte sich das Angesicht der Welt:

Roma die vielerfahrene ließ ab vom Morgenland und huldigte dem Starken, der von Norden in ihre Netze kam, ließ Syrien und Ägypten, Kleinasien und Byzanz, weil sie die Herrin bleiben wollte in der neuen Zeit, wie in der alten.

Der Frankenkönig aber, der sonst in einem Wams von Otterfell ging und als Patricius der Römer den Seinen fremd dastand in römischen Gewändern: er fühlte die Krone auf seinem Haupt von Gottes Gnaden und staunte, das Reich Gottes sei doch von dieser Welt, weil er sein Herrscher und der treue Diener der Priesterlehre war.

Der gläserne Grund

Als Karl der Große begraben lag in seinem Münster zu Aachen und Ludwig der Fromme, sein Sohn, Herrscher des Frankenreichs war, von Karl zum Kaiser gekrönt mit eigener Hand, stand vor dem Königsgebäude noch immer das eherne Reiterbild Dietrichs von Bern aus Ravenna.

Denn der die Stämme der Sachsen, Alemannen, Bayern und Langobarden in harten Kriegen bezwang, war Uferfranke und deutschen Geblüts: seine Sprache war deutsch, auch trug er sich fränkisch und legte nur zweimal in Rom das Prachtgewand römischer Kaisermacht an.

Wie sein Münster in Aachen gebaut war nach gotischem Vorbild, und wie er die deutsche Predigt verlangte, so ließ der Kaiser die Lieder aufschreiben von Siegfried, Dietrich und Hildebrand und die uralten Göttergesänge.

Aber sein Sohn von der schwäbischen Hildegard zeigte niemals lachend die Zähne und wäre lieber ein Mönch, denn ein Kaiser gewesen; er warf die Lieder der Deutschen, vom Vater mit Eifer und Ehrfurcht gesammelt, ins Feuer, schaudernd vor dem Abgrund der heidnischen Herkunft.

Da brannte sie hin, die heilige Sprache, uralt und glanzvoll gefügt.

Die Riesenleiber der Götter und Helden flackerten auf in den Schattenbildern der Sage, spottend der kindischen Torheit: aber das Wort sank hin in die Asche, das ihrer Taten volkstümliches Kleid war und Seelenhort der germanischen Frühe.

Wohl sprachen die Männer des Volkes deutsch wie zuvor, aber nun hatte ihr Wort keine Schrift mehr; die Bildung in Klöstern und Schulen schrieb fremdes Latein: einer gemähten Wiese gleich lag die Volksseele da mit abgeschnittenen Halmen und wucherndem Unkraut.

Unermüdlich aber aus den Schleusen der Klöster und Kirchen lief das lateinische Gewässer hinein und gefror zum gläsernen Grund, darunter der Spuk der germanischen Seele, auf die Märzstürme wartend, den Winterschlaf hielt.

Die schwarzen Mönche

Schwärmer und Schelme der Müßigkeit kamen vom Morgenland, Schaffner Gottes zu werden nach abendländischer Losung.

Denn Benedikt, der auf dem Monte Cassino das Mutterhaus der abendländischen Klöster baute, gab dem Gebet die Arbeit, der Verzückung den Fleiß an die Hand.

Die Weltflucht entsagte dem Nutzen, doch nicht der nützlichen Leistung; der Überdruß vornehmer Römer sprang in die Flut der lautlosen Tat, die aus dem Nichtstun in Ehren erlöste.

Als danach die schwarzen Mönche ins Nebelland der deutschen Urwälder kamen, wurden Sankt Gallen, die Reichenau, Hersfeld, Fulda und Wessobrunn die Standlager entsagungsvoller Mühsal, bevor in den Klostergärten der Wohlstand spazieren ging.

Dann freilich wuchs ihr Reichtum sich aus zu grünen Inseln, die aus der Tannenwildnis die Sonne saugten und die Wärme stahlen: der Frühling blühte über sie mit anderem Licht, der Sommer reifte Garben wie nie zuvor, und wenn der Herbst kam, hingen die Spaliere von Trauben und Birnen schwer.

Der Sonnensegen flog durchs Land, im Klosterhof zu rasten, ein Wundervogel, der nach der Glocke flog und ahnungsvoll inmitten schwarzer Wälder die grünen Inseln fand.

So wurden Pfründen, wo der Atem der harten Rodung keuchte; Laienbrüder buken das weiße Brot und dienten dem Behagen, das in dem Täfelwerk wohnlicher Kammern auf breiten Stühlen saß.

Die Metten nahmen dem Gebet die Arbeit sacht aus der Hand, und Gott war zärtlich geschützt, wenn er im Kreuzgang trockenen Fußes spazieren ging.

Und fing auch wieder an, die Kunst zu lieben, den Klang der Orgel und den bunten Psalter; lustreiche Farben malten ihm das Haus, und Gläser glühten Feuerglanz im Tageslicht der Fenster.

Auch las er gern in alten Schriften und dachte sich neue Taten aus; er ließ das Wunder blühn mit Rosenranken, daran die Heiligen sich ritzten, ihr Blut zu tropfen: doch war kein Schmerz in ihnen und keine Not um sie, weil die Legende die Himmelsleiter hielt.

Die Legende

Aus Blutbächen rann das Geheimnis der christlichen Lehre ins römische Reich; glühende Roste, gemarterte Leiber, heiße Bekenner und heimliche Gräber webten den Teppich der kirchlichen Herkunft mit brünstigen Farben.

Der Heiligen Leben und Leiden malte im Glauben verachteter Christengemeinden die Bilder der Ahnenverehrung; der Heiligen himmlischer Fürspruch half den zagenden Herzen in einen tapferen Tod.

Um ihre Särge wuchsen die Kirchen der Wallfahrt, und um ihr Gedächtnis wand die dankbare Liebe den Kranz der Legende: ihre Leiden blühten darin mit blutroten Rosen, dornige Ranken ins messianische Wunder zu flechten.

Als aber die Blumen der Lehre, heimlich gesät in die Gärten der Greuel, friedlich aufgingen im Abendland, als die Kirche selber den Garten bestellte, war die Legende nicht still: und ging aus dem blutigen Düster morgenländischer Herkunft ein in die Landschaft der Wälder und Wiesen.

Nicht mehr zur Schlachtbank führte der Heiligen Leiden, aber das rankende Wunder blieb um ihr Leben, nur wurde es grün und statt der blutroten Rosen blühten die Himmelsschlüssel einfältiger Tugend.

Den heiligen Martin drängte sein Herz, der frierenden Blöße des Bettlers den Mantel zu teilen, den Hasen zu schützen vor den scharfen Zähnen der Hunde.

Da war noch einmal das Paradies der Heiligen hold geöffnet: das Wild des Waldes diente ihm treulich, die Vögel der Luft und die Fische des Wassers brachten ihm Nahrung gleich dem Elias, Gewitter und Hagel gingen demütig zur Seite, wenn der Heilige kam.

Und als den verschwundenen Bischof, den heiligen Wolfgang, die Schar seiner Freunde fand in der Wildnis, ihn heimzuführen nach Regensburg: da hob sein Kirchlein sich hinter ihm her, dem täglichen Freund der Einöde zu folgen treu wie ein Hund; bis ihm der heilige Wolfgang weinenden Herzens den Abschied gebot.

Die brünstigen Farben verblaßten, Marter und Buße vergingen im goldgrünen Geheimnis der Wälder, der Wüstensand wurde gütiger Schnee, und Moos wuchs auf den steinigen Wegen, die Seele begann ihr trauliches Spiel um die fremden Gestalten: als die Legende vom Morgenland mit staubigen Schuhen in den tauigen Grund der Wiesen und in den Schatten der deutschen Wälder gelangte.

Der Heliand

Zu Schanden geschlagen war das sächsische Volk durch die Faust des fränkischen Königs, seine Götter waren gewichen ins nordische Land, wo die Wahrzeichen Wodans und Donars noch standen und Saxnot die Seinen beschützte.

Der Gott der lateinischen Mönche war nicht der Gott der sächsischen Seele, und der gekreuzigte Sohn der Maria blieb ihrem Blut fremd, bis ein Sänger der Sachsen daraus den Heliand machte, aller Könige kräftigster und der schönsten Frau herrlichstes Kind.

Da wurde er Wort der Waltenden, ging ein in die Höfe der Freien und hielt den Thing aus dem Recht seiner edlen Geburt.

Der Waltende selber kam aus dem Weistum, der Königssohn aus dem Himmel trat in den Mittelraum ein, im Kranz seiner Degen ewige Weisheit zu künden.

Denn der den Heliand sang im Stabreim uralter Gesänge, war anderen Blutes als Paulus, der römische Jude: Nachfahre der Jünger in gläubiger Einfalt, kein grübelnder Geist weltfeindlicher Lehre.

Ihm tönte die Stimme der Liebe und Weisheit wieder, die Menschen zu lösen vom Leid, doch sprach sie deutsch und klang zu den Mannen und Degen.

In den Schlag der Schwerter sprach der Walter der Welt, der Söhne stärkster aus Bethlehemsburg stand auf als Schutzherr der Menschen gegen die grimmige Hel:

Und als der Fürst in die Hände des römischen Herzogs kam durch den Haß der jüdischen Großen, da zitterte Satan vor seinem Tod, daß er die Menschen erlöse.

Er mochte die Herzogin listig verleiten, daß sie ihn losbäte von ihrem Gemahl, die Waltung der ewigen Weisheit zu stören; der Landeswart aber wollte sterben am Kreuz und leiden als der Geringste, daß seine Wiederkunft offenbar würde den Zweiflern und Zagen als Zeugnis seiner göttlichen Sendung!

So brachte ein Sänger der Sachsen den Heliand deutsch in die Welt, aus Walhal geboren als göttlicher Held gegen Hel, die des Satans Mutter und Urfeindin der göttlichen Herrlichkeit war.

Kein Opferlamm mehr, im Tempel zur Schlachtbank geführt, als Versöhnungsopfer die Sünde zu sühnen nach jüdischem Priestergesetz: ein König der Weisheit und Stärke, urkräftig aus ewigem Recht, kündete seine Wiederkunft an.

Die Heliandsburgen

In Worms, in Speyer, in Mainz und in Köln stand ihre Steingewalt auf aus dem mannhaften Glauben der Zeit, den Lindwürmern gleich der salischen Sagen mit schuppigem Rücken und kräftig umgürtet im steinernen Knochengerüst.

Keine Tempel der Griechen mit marmornen Säulen und keine römischen Hallen, Bethlehemsburgen des Heliand und Waltungsstätten der Wiederkunft, Trutzburgen tapferer Hoffnung aus kläglicher Knechtschaft und Sicherheit starker Vergeltung.

Urtief glühten die Augen der kreisrunden Fenster, und wehrhaft hielten die Pfeiler der kommenden Macht das Gewölbe, steinern umgürtet und mit Knäufen von Weltschwertern geschmückt.

Wohl hüteten steinerne Schranken den Chor und das Schauspiel der Messe: aber einmal kamen gewaltige Schritte, in den Himmel wuchsen die Hallen mit den fünfhundertvierzig Türen Walhals; vorbei war die Knechtschaft der Kühnen, vorbei das Genäsel lateinischer Priester.

Wie draußen der Rhein floß durch Tage und Nächte, als ob es Pulsschläge der Ewigkeit wären, wie die Wolken wanderten über die höchste Erhebung, wie die Stürme brausten in den schwärzesten Nächten, wie die Träume der alten Zeit gingen von Wodan und Thor, den hallenden Nachfahren Zius, wie Segifried, Dietrich von Bern, Hildebrand und der grimmige Hagen: so hielt die wehrhafte Haltung romanischer Dome Wacht über das Land für Heliands Wiederkunft.

Cluny

Das Reich Gottes war nicht von der Welt dieser Kirche, darin die Priester nach Pfründen jagten und die Klöster Schatzkammern klüglich gepflegter Wundersucht waren.

Zum andernmal ging seine Lehre auf wie Blumen, heimlich gesät in die Gärten der Greuel; aber nun geisterte sie nicht mehr in Grüften und tönte nicht mehr von den Säulen selbstseliger Mönche.

Der Norden trat in die Erbschaft der römischen Christenheit ein und brachte den Mut germanischer Sittlichkeit mit; der Heliand kam, der Walter aus Bethlehemsburg in den Mittelraum, den Tag in ewige Tiefen zu tauchen.

Das Wort sank wieder in Gott und gebar die demütige Tat und die Inbrunst des ewigen Lebens, die aller irdischen Freuden glückhafter Untergrund war.

Das Kyrieleis der lateinischen Messe stahl sich fort in den deutschen Gesang der ländlichen Weisen; die Seele fing an, der himmlischen Tröstung zu trauen, das Lächeln der Weisheit und Liebe kam in den Segen der Pflicht.

Ein burgundischer Grafensohn, Berno, der Abt von Cluny, zwang die üppigen Klöster zurück in die strengen Gelübde, daß sie wieder des frommen Fleißes bewahrte Werkstätten, Zuchthäuser der Kirchenzucht wurden; und Heinrich der Dritte, der salische Franke, brachte die Kirchenreform der schwarzen Mönche von Cluny in den unholden Streit der römischen Stola.

Er gab der geschändeten Kirche den Bischof von Bamberg als heiligen Vater und noch vier andere Päpste danach von germanischer Herkunft.

Leo der Neunte, den die Kirche den Heiligen nennt, ein Grafensohn aus dem Elsaß, dem Kaiser verwandt und seiner Strenge in Milde verbunden, wurde zu Worms auf dem Reichstag der Deutschen gewählt und zog im Pilgerkleid ein in das spöttisch wartende Rom.

Türhüter nur und Verwalter war er im Weinberg des Herrn, kein prahlender Fürst in Sankt Peter, kein Pontifex maximus mehr, gleich Winfried die Mühsal schwieriger Fahrten nicht scheuend.

Dreimal kam er nach Deutschland hinüber, das nun das reichste Kirchengut war, dreimal in seinen sechs Jahren, nach den Knechten der Kirche zu sehen.

Sie wurden nicht alt in der römischen Sonne, die deutschen Päpste des Kaisers, zwölf Jahre nur hielten die fünf den heiligen Stuhl: aber sie hoben den Fischerring aus dem römischen Unrat und gaben ihn blank an den Starken, der seinen rothaarigen Kopf über alle Päpste erhob und die Kirche zurück führte in die Absichten cäsarischer Weltmacht.

Canossa

Hildebrand hieß er wie der grimmige Waffenmeister Dietrichs von Bern, rothaarig war er und eines Zimmermanns Sohn im toskanischen Land: Gregor der Siebente, der streitbar gewaltige Papst, der das Gottesreich wahrmachen wollte als irdische Herrschaft der Priester über dem Kaiser und allen Fürsten der christlichen Welt.

Wie der Mond sein Licht von der Sonne, so nähme der Kaiser vom Papst die Gewalt; allein der Papst als Statthalter wäre von Gott.

So trüge die Kirche zwei Schwerter; das geistliche führe sie selber, das weltliche liehe sie aus an den Kaiser und seine Fürsten: Verflucht aber sei, wer das Schwert aufhalte, daß es nicht Blut vergösse!

Das war die Lehre der Liebe nicht mehr und nicht mehr die weise Scheidung, Gott und dem Kaiser zu geben, was Gott und dem Kaiser gehörte: der Pontifex maximus selber wollte Augustus der Christenheit werden, das Mönchtum von Cluny sollte sein Schildhalter sein.

Er nahm dem Priester die Ehe und der Fürstengewalt die Belehnung der geistlichen Ämter: er baute die Kirchenmonarchie, darin der Messias ewiger Herrscher und der Papst als Statthalter Christi der Völker- und Fürstenregent war.

Der Kaiser war noch ein Knabe, der Papst eine geprägte Gestalt, als Gregor der Siebente Heinrichs des Vierten Zuchtmeister wurde, als der Pontifex maximus dem Kaiser das Herkommen kündigte, als der Kampf der römischen Kirche mit dem deutschen Schirmherrn begann.

Ein Knabe als Kaiser, das Reich ein Streitfeld rebellischer Fürsten, an den Wurzeln versehrt im Aufruhr der Sachsen; ein Knabe als König, hochfahrend, leichtfertig, übel beraten: da wagte der Papst den Riß durch den Vorhang der Welt.

Sein Bannstrahl verbrannte dem Kaiser das Kleid, weil er die Fürsten – unlustig und treulos – des Eides entband; im Büßerhemd, barfüßig im Schnee, kam Heinrich der König vor ihn zu Canossa, den Bannstrahl zu löschen.

Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der Schirmherr der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi, der Mond weltlicher Macht des Lichtes der Sonne bedürftig.

Es war im vierten Jahr seines Amtes, als dem streitbar gewaltigen Papst so Stolzes gelang; aber im elften Jahr kam Heinrich als Sieger nach Rom: er hatte die treulosen Fürsten gezüchtigt und ließ sich krönen von Clemens dem Papst, den er sich selber als Schirmherr der Kirche ernannte.

Ob ihn normannische Hilfe befreite aus schmählicher Haft: Hildebrand starb im Exil; das zuckende Herz des römischen Weltrichtertraums liegt in Salerno begraben.

Die Sonne sank unter in brandiger Glut, und der Mond stieg grell in den Raum; die Lehre der Liebe und Weisheit ging auf den Straßen bei Tag und bei Nacht, sie sah den Mond und die Sonne im Wechselspiel steigen, sie wußte beide in Gottes Hand und traute den ewigen Sternen.

Die Kreuzzüge

Der Wüstensand hatte die Lehre Christi verweht, und die Palmen Mohammeds wuchsen im Morgenland: Kalif und Kaiser hatten die Nähte der Welt mit scharfem Schwert aufgetrennt.

Als der Gottesstaat in der Christenheit Macht werden wollte, war er landfremd und seinem Heiligtum fern: Jerusalem war in die Hände der Türken gefallen, am Tor der Zionsburg hielten Ungläubige Wacht.

Aber dann kam der Cid, und der Ruhm seiner Taten sang von dem Ritter, der die kastilischen Christen aus maurischer Herrschaft befreite: das römische Traumglück schwoll auf, die verlorene Hälfte der Welt neu zu gewinnen, im Abend- und Morgenland wieder die alte Roma zu heißen.

Ein Jahrtausend war die Christenheit alt, da sie aufstand im Zeichen des Kreuzes, da die Kirche des Friedens als Schwertmacht zu gelten verlangte; der Einsiedler Peter von Amiens ritt vor ihr her auf dem Esel, einen verdorrten Ölzweig des heiligen Landes in der fanatischen Hand.

Noch einmal schienen die Völker Europas zu wandern: raubfahrende Haufen zuerst, durch die Länder hinbrausend wie Heuschreckenschwärme, die Juden erschlagend; danach die Heere der Ritter mit unendlichem Troß und der bunten Vielheit der Trachten.

Ein Tropfen Tollheit fiel in den Trank und schäumte auf in den Lüsten der drangvollen Zeit; den Rittern winkte der Ruhm himmlischer Minne, den Fürsten Ländergewinn, Abenteuer den Knechten und Raub dem Gelüst zuchtloser Scharen: allen der Ablaß jeglicher Schuld.

Zweihundert Jahre lang schäumte der brünstige Wahn, der Friedrich, den schwäbischen Rotbart, im Saleph ertränkte, den Deutschen das Reichsschwert entwand und Rom von dem lästigen Schirmherrn der Kirche befreite.

Denn nun war der Statthalter Christi selber Herr der Heerscharen geworden, er hielt dem Gottesstaat die Schärfe des Schwertes, er schüttelte den Baum, daran die Könige des Abendlandes hingen als reife Früchte.

Als Innocenz Machtfürst der Christenheit und Reichsverweser Gottes war, ging Gregors Traum in Erfüllung: da hießen Bischöfe Landvögte seiner Botschaft und Könige Büttel der römischen Befehle.

Da zuckten die Blitze seines Bannstrahls und trafen in die Kronen, da rauschte das päpstliche Gewitter Hagel und Sonnenschein ins Abendland.

Da stand die Sonne im Mittag, und der Mond war verblichen; die neue Roma reckte sich im Glanz der dreifachen Krone.

Die Hunde des Herrn

Der Gottesstaat der Priester tat seinen Willen kund, daß Sakrament und Seligkeit Machtmittel seiner Herrschaft wären, Glaube und Glaubensgehorsam das einzige Bürgerrecht.

Aber nicht im Gesetz machthabender Priester, nicht im Mirakel der Messe, nicht im Schaumgold kirchlicher Feste war die Verheißung der Lehre; sie suchte noch immer auf Märkten und Wegen, und weil sie im gleißenden Mittag der Kirche die ewigen Sterne nicht fand, ging sie den nächtlichen Gang der Beschwörung.

Wie die ersten Christen in Rom das Geheimnis der Grabkammern hatten, verzückt und der Wahrheit gewiß, so fing in den Nächten der neuen Priestergewalt das unterirdische Geleucht heimlicher Schatzgräber an.

Einfältig im Tun des heiligen Franz, des selig Verzückten, der im Leid die Nachfolge Christi, im Spott den Honig der Duldung und in der Armut den Reichtum Gottes genoß.

Zwiespältig im Trachten grübelnder Geister, mit den zuckenden Flämmchen des Zoroaster das Dasein zu deuten: feindlich beide der Kirche, die den Prachtmantel der Weltmacht umhing.

Die guten Leute von Albi hieß sie das Volk, die der Kirche standhaft den Dienst aufsagten, obwohl sie dem Herrn von Toulouse, ihrem Grafen, willig untertan blieben: sie traf der Bannstrahl zuerst und die Kreuzpredigt des spanischen Mönches, der sich Dominikus nannte.

Was gegen die Türken mißlang, das mußten die Albigenser erfahren: die Kreuzfahrer rissen das Kreuz von der Schulter und nähten es vorn auf die Brust, brennend und plündernd, die Ketzer totschlagend gleich Wölfen, fielen sie ein in das blühende Land der alten Westgoten und hielten im Namen der Kirche das Ketzergericht ab.

Die Scheiterhaufen brannten im Priesterstaat; Menschenwahnwitz dachte, auf Gottes Stuhl zu sitzen, und wußte nicht, daß wer um seinen Glauben leidet, der ist ein Heiliger vor Gott, und wer ihn schlägt, schlägt Gott.

Und wo die Städte brannten, begannen die weißen Mönche das peinliche Gericht: sie hatten einen Hund im Wappen, der in den Zähnen das Licht der Lehre als eine Fackel trug.

Die Völker sahen die Fackel und sahen die Scheiterhaufen brennen und hießen die Dominikaner im Weckruf der Wahrheit: die Hunde des Herrn.

Die Stedinger

Die Stedinger wohnten im Gestade der Weser als freie Bauernschaft und waren freie Friesen seit mehr als tausend Jahren; sie hielten am uralten Weistum der Gaugemeinden fest und wehrten sich der Lehnsmannschaft der Junker und der Priester.

Und als der Bischof von Bremen sie mit dem Kirchenbann belegte, da lachten sie, weil sie der fremden Mönche nicht bedurften, um fromm zu sein: sie stellten eigene Prediger an und ließen die Glocken läuten trotz seinem Bann.

Der Bischof brauste an mit seinem Harst und Troß der junkerlichen Herren; die wehrhaften Bauern aber hielten Stich, sie warfen seinen Hochmut in die Hecken und schlugen ihm samt vielen Rittern den eigenen Bruder tot.

Da dem geschlagenen Bischof sein Helm nicht half, nahm er den grünen Hut und sprach die Bauern des ketzerischen Aufruhrs schuldig.

Konrad, der Ketzermeister, ließ seine Hunde los, der Papst hieß einen Kreuzzug predigen, und wie zuvor in Frankreich zog ein Kreuzheer ins Friesenland, dem Gottesstaat zu dienen mit Brand und Mord.

Tammo von Hunthorpe, Bolke von Bardenfleet und Detmar von Damme taten den Schwur der Dreimänner; sie riefen den Gaubann der Stedinger auf, erschlugen den Grafen von Oldenburg samt zweihundert Rittern und jagten das Kreuzheer mit Spott durch die Sümpfe.

Da wurden die Stedinger vogelfrei; der sich König der Deutschen nannte, der Sizilianer Friedrich der Zweite, gab die Acht zu dem Bann: mit Bullen und mit Kreuzpredigten rafften die weltgeistlichen Herren ein unmäßiges Heer, die Stedinger Freiheit zu fangen.

Auf allen Straßen der norddeutschen Länder ritten die Reisigen an auf gepanzerten Rossen, vierzigtausend gezählt mit den Knechten, im Namen Christi zur Ketzerjagd.

Viertausend Ritter lagen erschlagen bei Altenesch; aber wo einer fiel, standen neun wieder da, und ihre gepanzerten Rosse zerstampften das Fußvolk der Bauern.

So gingen die Stedinger ein in den Gottesstaat kreuzfahrender Henker, als Ketzer verbrannt, gleich tollen Hunden erschlagen; sie büßten den Bann der kirchlichen Mächte und schmeckten die irdische Acht; sie webten mit blutigen Fäden ihr Bild in den Teppich der Freiheit.

Der Kinderkreuzzug

Immer noch raste das Fieber des heiligen Grabes und schäumte die Flut seiner Heere und Horden hinüber ins Morgenland.

Aber längst hielt Saladins mächtige Hand Jerusalems Tore geschlossen, nur an den steinigen Küsten des heiligen Landes ging der Kampf um die ärmlichen Burgen.

Die eiternde Wunde der Kirche zu heilen, ließen die Päpste das Blut der Ritterschaft strömen und schlugen den brünstigen Wahn mit Ruten, bis er im kläglichen Kreuzzug der Kinder sein irres Spottbild aufsteckte.

Knaben und Mädchen von Mönchen geführt, irrten in weinenden Scharen nach Süden, das heilige Grab zu befreien; Torheit und Tollheit hielten einander die Hände, Wundersucht blies ihrem traurigen Bund die gellende Pfeife.

Ein Hirtenknabe brachte sie mit von den Bergen, wild lockte ihr gellender Ruf in den Tälern, und Tausende liefen ihm zu, im Wahn der verwilderten Welt zu verderben.

Als Akka fiel, die letzte Kreuzfahrerfeste im heiligen Land, war das Fieber der Christenheit aus: der Türkensäbel zerschnitt, was das Schwert der Christenheit flickte, das Mittelmeer schied wieder die Hälften der Welt, Halbmond und Kreuz, den Morgen vom Abendland.

Immer noch standen und wuchsen die Dome in Speyer und Worms, in Mainz und in Köln; aber es waren die Heliandsburgen nicht mehr: der Starke fuhr aus dem irdischen Glauben der Zeit zum andernmal auf in den Himmel.

Die seiner Wiederkunft harrten, waren betrogen: die tiefe Enttäuschung der Seelen fing an, ihn schmerzvoll zu suchen; die weltflüchtige Inbrunst der Gotik begann.

Die Scholastik

Das Märchen des irdischen Daseins saß im Schoß der kirchlichen Gnade geborgen, mit Wundern verankert, im Glauben ewiger Verheißung gesichert.

Gott war im Himmel und sah die Menschen auf Erden, die Sterne standen im ewigen Licht, und die Sonne wanderte stolz ihre Bahn: alles war weislich geordnet, dem Menschen Morgen und Abend zu bringen und das Geschick seiner irdischen Prüfung.

Den Jüngern die göttliche Herkunft zu zeigen, fuhr Jesus auf in den Himmel; die Toten ruhten im Grabe, aufzustehen wie er, wenn die Posaunen zum Weltgericht riefen.

Die Erde war groß und der Himmel darüber gewölbt im unendlichen Raum, die Seele war klein und saß im Gefängnis der Sinne; sie harrte in Demut des leiblichen Todes, da sie eingehen würde zum ewigen Licht: aber der Zweifel suchte die sichtbare Welt nach Gewißheiten ab und fragte den Geist nach Beweisen.

Denn die Welt war alt, als Jesus von Nazareth kam: Götter waren gestürzt und irrten ihr unholdes Dasein zwischen Himmel und Erde; uralte Lehren des Morgenlandes hatten den Samen des Satans gestreut und dem Glauben die Netze gespannt, darin sich der Zweifel verfing.

Eines war not und eines die Wahrheit, Tausendes aber war falsch und führte hinaus aus dem Lichtkreis der kirchlichen Lehre.

Darum hielt die Scholastik der Kirche den Schatz der Gnade gerüstet mit Schwertern und Schilden; was die Kirchenväter dachten und schrieben, war in ihre wehrhafte Obhut getan.

Da standen sie alle die tausend Fragen, in das Licht der einen Antwort gestellt, da waren die listigen Schlingen des Satans spitzfindig gelöst, da hing die Grübelsucht unseliger Geister im eigenen Fürwitz verstrickt.

Alles war klüglich geordnet im kirchlichen Wohnhaus der Wahrheit, Glauben und Wissen hielten dem Geist und der Seele die Schaukel in sicherer Schwebe:

Gott war im Licht, der Satan im ewigen Abgrund; zwischen Himmel und Hölle glaubten und dachten Scholasten sich eins, gesichert im Gleichgewicht ewiger Hoffnung.

Die gotischen Dome

Waren es Priester oder war es die Sendung der christlichen Lehre, daß sie dem menschlichen Dasein das Antlitz verkehrte? daß sie die Erde zum Jammertal machte und den Himmel schmückte mit seligen Farben?

Daß sie der Tugend den Lohn und dem Laster die Strafe jenseits verhieß, daß sie dem ewigen Leben ein Schaubild irdischer Wünsche vormalte, Gott mit dem Prunk der sinnlichen Scheinwelt behängte?

Daß sie den Himmel mit Heiligen füllte als Fürsprecher selbstischer Bitten, daß sie die Jungfrau Maria zur Königin krönte und Petrus zum Torwart bestellte, daß sie vergriffene Münzen heidnischer Götter mit neuen Legenden beschrieb?

War es die Wundersucht morgenländischer Mönche oder war es die deutsche Seele, die den Sinn der christlichen Sendung allein im Sinnbild begriff, das göttliche Wunder mit der Mär des greifbaren Daseins verhüllend?

Im Morgenland starb der Erlöser am Spruch des Propheten, im Abendland wurde er König der christkatholischen Welt; diesseits der Alpen allein wuchsen die Heliandsburgen und die gotischen Wundergebilde.

Nicht Kaiser und Könige bauten die Dome der gotischen Zeit und nicht mehr der mannhafte Glaube: Prunkhäuser im Gottesstaat, Schatzkammern der kirchlichen Vögte, Torhallen der himmlischen Sehnsucht und Opferstätten schmerzvoller Inbrunst.

Darum standen die Pfeiler nicht mehr gegürtet als wehrhafte Recken, die Steingewölbe zu tragen: gleich Bäumen der himmlischen Gärten wuchs ihre Schlankheit hinauf in das schwebende Dach ihrer Zweige.

Auch glühten die Augen nicht mehr aus dunklen Höhlen der massigen Mauern: gleich himmlischen Tüchern aus Regenbogen gewebt standen die gläsernen Wände im Licht; die Heiligen schritten herein auf den farbigen Strahlen, vom Goldglanz des Himmels umsäumt.

Wenn der Orgel Hosiannagewalt einbrach in die flehenden Stimmen der Knaben und der Klang schwoll im Raum, wenn sich Farben und Töne umfingen, im Wohllaut unirdischer Inbrunst die schlanken Pfeiler umschwebend; dann war nicht mehr Stein und war nicht mehr Dach, dann hob das Wunder den Raum, daß er singend hinein fuhr in das Meer der Verzückung.

Und schmerzvoll fand sich die Seele zurück in den Tag und sein knöchernes Licht, wenn die drängende Menge ausströmte über die steinernen Treppen, wenn die Gasse sie aufsog in die Wirklichkeit irdischer Häuser.

Da stand der Dom mit dem Maßwerk staubig verglaster Fenster, mit den geschwungenen Rücken der Streben und dem unübersehbaren Steinwerk der Pfeiler und Krabben bis in die dämonischen Fratzen der Wasserspeier hinauf, und die Kreuzblume blühte hinein in den Himmel der Wolken und Sterne: die Gralsburg inmitten der sündigen Stadt und ihrer sorgenden Plage.

Wohl blieben die Tore für die entzauberte Seele geöffnet; aber nur einmal fand sie den Eingang, wenn die schwarzen Männer den Sarg eintrugen zum letzten Gebet: dann war die Wirklichkeit tot mit dem unnützen Schwall ihrer Tage.

Alles war unnütz und eitel und das irdische Dasein nur das Gefängnis erbsündig geborener Leiber: die Seele schrie auf nach Gott als der ewigen Lust und schmachtete hin im Durst der Verzückung.

Der schwarze Tod

Alles war unnütz und eitel; dann kam der schwarze Tod und brannte die Länder leer mit dem Saft seiner Seuche: das große Sterben begann seine Mahd in den Äckern der Mönche und Messen, es schnitt die Trauben der Erde und warf ihre Tracht in die Kelter des göttlichen Zorns.

Da schwollen die Grundwässer an und gerannen im Schaum der brünstigen Gier; der gelästerte Leib trat ein in das Lustreich der Liebesverwandlung und trank der ewigen Freude den irdischen Lustbecher leer.

Der Sternenhimmel brach nieder, und Gott war erloschen; die Lust schrie zum Laster, die Lehre des Zimmermannssohns ritt aus der Stadt auf dem Esel der Schande: die Fastnacht der Gotik taumelte hin über Leichen zum Aschermittwoch des jüngsten Gerichts.

Priester mit Kreuzen und Fahnen vorauf, Männer, Weiber, Kinder bis auf den Gürtel entblößt, Gesänge der Seligkeit singend mit sündigen Mündern, trunken und toll im brünstigen Wahn der Entsühnung: so zogen sie ein in den Leichengestank und die Lustgier entvölkerter Städte.

Sie schwangen die Geißeln mit Stacheln und bleiernen Kugeln und schlugen den mageren Leib im Takt der Bußgesänge; sie warfen sich hin in den blutigen Staub und schrieen das dreifache Weh der sündigen Menschheit.

Bis eine gellende Stimme der schluchzenden Stille den heiligen Brief vorlas, durch einen Engel zur Erde gebracht, vom Weltrichter Christus zur rechten Hand Gottes den Geißelbrüdern geschrieben.

Wahnwitz und wütende Gier, die Wollust verirrter Geschlechter und die Geilheit entwurzelter Leiber blühten das Tollkraut der Wundersucht auf im Gifthauch der Pest: Walpurgisnächte der Hexen und höllischen Geister kündeten den kommenden Mai der evangelischen Lehre.