Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach ihrer Stärke; aber die Kirche kannte nicht Grenzen der Sprache noch Grenzen des Schwertes, sie ging auf den Wegen der eigenen Macht und hatte sich selber den Schirmherrn gesetzt.
Sie war die römische Weltmacht in neuer Gestalt, aber sie war es von Gott: Statthalter Christi hießen die Priester den Papst, der das Reich Gottes auf Erden regierte.
Durch ihre Gunst war der Kaiser über die Völker und ihre Könige eingesetzt; er war die Hand, ihr das irdische Schwert als Schirmherr zu halten, sie war das Haupt der göttlichen Weisung.
Sie war das Haupt, und er war die Hand – aber die Rechnung war falsch: als die Kirche den König der Franken als Kaiser ausrief, rief sie sich selber den Herrn.
Sie war das Weib, und er war der Mann; sie konnten einander in Freiheit gehören und in der christlichen Liebe einander untertan sein: aber die erste Stunde des Streites schrie nach der Stärke.
Der Streit der Stärke begann, als Karl seinen Sohn im Dom zu Aachen sich selber die Krone nehmen und aufsetzen hieß; der Streit der Stärke hob sich gewaltig in Hildebrands Zorn; er schien für die Kirche gewonnen, als Innocenz die Kronen Europas verschenkte.
Aber der Streit ging um die Stärke, nicht um den Bettel der Tage; er ging im Namen des Reiches, das nicht von dieser Welt war.
Der Streit hob das Banner der Kirche über den römischen Zank und über die Eifersucht von Byzanz; er hielt der Statthalterschaft Christi das Siegel der ewigen Gleichung bewahrt unter den sterblichen Händen seiner Verweser.
Der Streit gab dem Starken von Norden das Panzerhemd einer höheren Sendung, als Mehrer der Hausmacht zu werden; er hielt dem Reichsschwert die uralte Herkunft lebendig, unter den irdischen Waffen das Kriegsschwert Zius zu sein. Ein Bogen war über den abendländischen Himmel gespannt vom Kaisersaal nach Sankt Peter, ein Bogen des Schicksals, glühend in anderen Farben, als die Erde sie blühte.
Der Bogen stand grell im geballten Gewölk, von Blitzen zuckten die Berge, Brandsäulen stiegen steilauf, die Ernte lag vom Hagel zerschlagen: der Bogen stand als ein himmlisches Tor, der bangen Erde den ewigen Eingang zu leuchten.
Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach ihrer Stärke: der König der Deutschen war Kaiser, der Turm des Reiches stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der Völker wehte die Kaiserstandarte.
Das Lügenfeld
König der Franken war Karl, Kaiser der Kirche, Schwertherr im Abendland; der Mantel seiner gewaltigen Macht sank auf den Sohn; aber die Schultern Ludwigs des Frommen waren zu schwach, ihn zu tragen.
Eine Kugel galt Karl dem Großen die Welt, die untere Wölbung war sein im Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der Himmel der römischen Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert Schutzherr und Schirmvogt war.
Aber der Himmel sank auf die Erde, als Ludwig der Fromme das Schwert aus der Hand gab; von Priesterhänden geführt, im Zank seiner Söhne verflucht und verleitet, trug er die goldenen Säume der Kirche mühsam ins Alter.
Im dritten Jahr der Regierung schreckte ihn Unheil, das Reich zu vererben; unmündigen Knaben gab er das Zepter: Lothar die Macht und die Krone, Ludwig die bayrischen Länder, Pipin die spanische Mark.
Aber sein Leben löschte nicht aus, wie er meinte, und Judith, die Frau seines Alters, hielt ihrem Knaben den Docht seiner Liebe lebendig: Alemannien schenkte er ihm, das Herz seiner Länder; aber er nahm es den andern.
Die Söhne kamen zuhauf, und Bruderstreit stand um den Thron im Aufruhr der Grafen; die Kirche mischte die Machtgier der geistlichen Großen hinein, statt zu schlichten.
Da hing dem karolischen Reich der Mantel in Fetzen, die goldenen Säume der Kirche schleiften im Blut, ein gehetzter Hirsch war der Kaiser.
Das Lügenfeld hießen die Leute im Elsaß den Plan, wo sie ihn alle verließen, die Schwerter der Grafen samt den Schwüren der geistlichen Großen, wo die Söhne dem Vater das Königskleid nahmen, wo die Kirche dem Kaiser das Büßerhemd brachte.
Da wurde der Schirmherr der Kirche ein Schächer der Schuld; Ludwig der Fromme kniete als weinender Greis im Staub seiner Sünden:
So tief verstrickte den Sohn karolischer Macht die menschliche Schwäche, so gierig brach aus dem Streit der Enkel die lahme Gewalt, so ungetreu waren die Großen und Grafen, so kläglich mißlang der erste Streit um die Stärke.
Aber die Söhne Ludwigs des Frommen wurden des Lügenfriedens nicht froh, über der Schmach und über dem Sarg ihres Vaters brannte der Bruderhaß weiter.
Bis der Tag von Fontenoy den Mantel karolischer Reichsmacht für immer zerriß: der Tag der blutigen Rechnung für Lothar, den Kaiser; der Tag der Trennung für deutsche und gallische Franken.
In Verdun beschworen die Söhne den Frieden der lahmen Gewalt: Lothar der Kaiser behielt die Länder der Mitte, Lotharingen geheißen, indessen drüben Frankreich und hüben Deutschland entstand.
Die goldenen Säume der Kirche hingen verloren am dürftig geschnittenen Band; der Schirmherr der Christenheit wurde der eigenen Nöte nicht Herr; Lothar, der fränkische Kaiser, vermochte der Kirche das Schwert nicht zu halten.
Ludwig, der Deutsche genannt, sein stärkerer Bruder, wurde mächtig als Herr über Sachsen.
Stellinga
Wo das ebene Land den Bergen die neblichten Wälder abnahm, wo das braune Gewässer in Sand und Meer den mühsamen Altersweg suchte, wo der Wind der kalten Meerküste unendliche Weiten mit grauer Wolkenlast füllte: wohnte die uralte Bauernschaft sächsischer Völker.
Die da landeigen saßen auf einsamen Höfen, hatten keinen Herrn gekannt als sich selber; sie hatten der freien Gemeinde, dem Weistum und Recht der eigenen Herkunft die Treue gehalten, bis sie die Freiheit der Väter verloren.
Sie sahen die fränkischen Grafen im Land den fremden Königdienst tun, sie brachten der Kirche den Zehnten mit Murren und stellten dem König den Heerbann mit Seufzen.
Sie fühlten die Herkunft verraten von ihren eigenen Großen, die um Gold und fränkische Ehren ins feindliche Heerlager gingen; sie sahen sie schalten als Grafen des fränkischen Königs und warfen den Haß, wie Steine den Hunden.
Aus Grafen des Königs waren Grundherren geworden, aus Äbten der Klöster Pachthalter, denen die Freien von gestern als Hörige dienten; aber die Gaugemeinschaft der Freien hob trotzig das Recht aus böser Vergangenheit auf.
Als Ludwig der Deutsche das sächsische Schwert im fränkischen Bruderkampf brauchte, als die Edelinge ausritten mit Knechten und Knaben, dem fränkischen Zank ihr Blut in die Fremde zu bringen: fing in den einsamen Höfen der Haß an zu knistern, bis rundum im sächsischen Land die Kriegsfeuer brannten.
Durch Sand und Moor brachten die nächtlichen Boten das Bannwort der freien Gemeinde, von den Hartbergen hinunter zur roten Erde zuckte der Blinkfeuerschein die Stunde der Rache: die Stellinga kam, die sächsische Herkunft aus fränkischer Lehnsschaft zu retten.
Aber es war nur ein Brand in den Ställen: Ludwig, der Deutsche genannt, dämpfte ihn schwer; mit seinen Reitern und Knechten vereint ritten die sächsischen Grafen das Fußvolk der Stellinga nieder.
Da lernten die sächsischen Bauern, wie einst ihre Großen, den trotzigen Nacken zu beugen; das Herdfeuer erlosch in den einsamen Höfen; nur in den innersten Nächten, wenn Saxnot die Seinen als Flüchtling heimsuchte, glühte sein heimlicher Brand.
Die fränkische Ohnmacht
Der fränkische König trug die Krone der Deutschen, aber die Großen und Grafen hielten das Schwert in der Hand: Sachsen, Schwaben und Bayern hoben den eigenen Herzog gegen die rheinischen Franken; das deutsche Königtum wurde das Schwertspiel ihrer Machthändel.
Und wurde ein Mißbrauch der Kirchengewalt, als Ludwig das Kind König der Deutschen genannt war, indessen Hatto, der Bischof von Mainz, mit Härte und List gegen die Grafen und Großen das Schwert der Königsgewalt führte.
Ein Bogen war über den abendländischen Himmel gespannt vom Aachener Kaisersaal nach Sankt Peter; aber der Kaisersaal war verfallen, und auf dem Stuhl von Sankt Peter saß das römische Laster.
Laien- und Kirchengewalt rissen einander die Macht aus den Händen; wie einmal im Lande Pipins die Hausmeier herrschten, so wollten die fränkischen Bischöfe tun: der König sollte die Krone tragen, die Kirche wollte regieren.
Aber die stolzen Herzöge ließen den Krummstab nicht gelten; die trotzigen Grafen hoben das Schwert gegen ihn, weil kein Schirmherr der Kirche sie dämpfte.
Als Ludwig das Kind starb, riefen die Bischöfe Konrad, den fränkischen Grafen, als König der Deutschen; er sollte der Kirche sein starkes Schwert leihen; aber sein Königtum blieb eine Fahne ohne Gefolgschaft.
Normannen und Ungarn raubten und brannten im Land, und Konrad konnte den Räubern nicht wehren, wie er den Stolz der Herzöge, den Trotz der Grafen nicht zu beugen vermochte!
Von seinem Sterbebett hieß er die Krone dem Mächtigsten bringen: Heinrich, dem Herzog von Sachsen, der ihm und den Bischöfen der zäheste Feind und unter den Großen der unbotmäßigste Trotz war.
So fiel die Krone der Deutschen aus fränkischer Ohnmacht der sächsischen Übermacht zu; aber sie kam an die Kraft und an den ständigsten Stamm der Germanen.
Heinrich der Finkler
Die Sage hat Heinrich den Finkler genannt, weil er beim Vogelfang war, als ihm die fränkischen Reiter die Reichskleinodien brachten: ein Finkler blieb Heinrich von Sachsen Zeit seines Lebens, klug und bedächtig die Schlinge zu legen, rüstig im Wald seiner Heimat und wenig geneigt, nach fremden Händeln zu reiten.
Als der Bischof von Mainz ihn zu salben kam wie Konrad den Franken, wehrte er ab und verbarg den Spott in der Demut, solcher Ehre nicht würdig zu sein; denn Heinrich war Herzog von Sachsen aus eigener Herkunft und wollte nicht König der Deutschen als Diener der fränkischen Kirchenmacht werden.
Er ließ die Herzöge schalten, weil sie die Träger der Stammesgewalt waren; wie sie in Bayern, Schwaben und Franken über dem Trotz der Grafen die starke Schwertherrschaft hielten, so war er Herzog der Sachsen, und König der Deutschen allein durch die Stärke des sächsischen Stammes.
Sein Schwert war scharf wie sein Spott, aber er hielt es klug in der Scheide, so listig die Kirche ihn lockte; als er es zog, galt es das sächsische Land zu befreien von der Tributpflicht an Ungarn.
Wie nach dem Winter der Tauwind, so kam ihre Raublust in jedem Sommer gefahren, die Ernte in Deutschland zu holen: noch immer die hunnischen Scharen auf kleinen behenden Pferden, mit Bogen und Pfeil der Schwerter und Streitäxte spottend.
Neun Jahre lang gab er Tribut, lauernd des Tages, da er gerüstet sein würde, mit anderer Münze zu zahlen; neun Jahre lang ließ er burgfeste Plätze im Sachsenland bauen, mit kluger Berechnung verteilt, daß sie die Ernte der Landschaft zu bergen vermöchten.
Er hob den streitbaren Mann in den Sattel, die Listen und Künste der Ungarn zu lernen: wie sie mit einzelnen Scharen einschwenkten, das Fußvolk zu fassen, wie sie mit hurtiger Wendung dem Feind die Flanken einritten.
Als sie zum zehntenmal kamen, Tribut und Treugeld in Sachsen zu holen, war Heinrich gerüstet: einen toten Hund hieß er zum Hohn den Hunnen hinwerfen.
Und als die schwarzen Scharen den Rachezug ritten, ließ er sie listig ins Land hinein und hatte die Fallen gestellt, daß sie ihm blindlings einliefen.
So blutig traf er die Räuber aus Ungarland, daß die Gestäupten fortan und für immer das Sachsenland mieden.
Heinrich der Finkler heißt ihn die Sage, der ein anderer König der Deutschen war, als die Könige vor ihm: er suchte kein Glück auf der Straße, er hielt sein Land und sein Volk, wie ein Hausherr den Alltag und Sonntag der Seinen mit kluger Besonnenheit leitet.
König der Deutschen war er wie Ludwig der Franke, aber er blieb der gekrönte Herzog von Sachsen: seine Besonnenheit baute das sächsische Haus, darin das herrlichste Königsgeschlecht der deutschen Kaisermacht wohnte.
Mathilde
Heinrich der Finkler hatte der Kirche gespottet, weil er als Herzog von Sachsen, nicht als Lehnsmann der fränkischen Priester König der Deutschen sein wollte; aber Mathilde, die Königin, diente der Kirche mit Eifer.
Sie war eine Sächsin aus edlem Geschlecht, Widukund selber hieß ihrer Sippe der ruhmreiche Ahnherr; aber sie war eine Christin, wie der Sänger des Heliand Sachse und Christ war.
Nicht einem Himmel der Priester mit blasser Weltflucht zu dienen, war ihre Frommheit: Frau und Mutter blieb sie und sparsame Beschließerin ihres Hauses, bis Heinrich der Finkler, gesättigt seines reisigen Lebens, in Memleben starb.
Dann freilich ging sie ins Kloster, doch nicht um zu büßen und bang ihr Seelenheil zu besorgen: trauernd um ihren Gatten blieb sie die sorgende Mutter des sächsischen Landes.
Sie sah die harte Herrengewalt und wie das niedere Volk seufzte, sie sah die Roheit der Sitten und wie die ruchlosen Händel der Grafen die Höfe der Bauern verbrannten, sie sah die Bischöfe selber das wilde Waffenwerk tun: sie aber wollte dem Evangelium demütig dienen.
Sie baute Klöster rund um die sächsische Burg, sie legte den Teppich der Heiligen aus und trug das Kreuz in die Hütten: sie gab der kirchlichen Sendung in Sachsen die Einfalt und Stärke der ersten Christengemeinde.
Heinrich der Finkler baute das Haus, darin die sächsische Kaisermacht wohnte; sie gab ihm die Sitten.
Otto, Sohn der Mathilde
Ihm war eine reiche Wiege bereitet: Kraft und Ehre standen dem Sohn Heinrich des Finklers zu Häupten, Liebe und Zucht lagen dem Knaben Mathildens zu Füßen, der edlen Fürstin in Sachsen.
Als sie ihn krönten zu Aachen im Kaisersaal, war Otto ein Jüngling; aber die Sterne der Macht standen ihm zu, und er ließ die Sterne freudig gewähren.
Die Herzöge kamen, das Erzamt der Krönung zu üben; die Kirche brachte das Öl, ihn zu salben; die Schwerter der Grafen hielten die Ehrenwacht; das drängende Volk sah den Glücklichen sitzen im Prunkmantel karolischer Herrschaft.
Aber das böse Jahrhundert karolingischer Händel hatte der großen Gewalt die kleinen Gewalten geboren: die ihm die Erzämter dienten, mußten erst seinen Willen erfahren, nicht nur im prunkvollen Fest seiner Krönung König der Deutschen zu heißen.
Denn noch waren die Deutschen kein Volk; aus dem Streit der Stämme waren die Händel der Großen geworden, aus dem Neid der Sippen der Stegreif machtlüsterner Grafen: die Ohnmacht des Reiches stak in der Vielheit lahmer Gewalt.
Der Herzog von Sachsen mußte sich erst Gehorsam erzwingen, als König und Herr der deutschen Stämme im Recht seiner Krone zu schalten.
Das eigene Blut warf ihm den bösesten Trotz vor die Füße: Heinrich, der jüngere Bruder, bestritt ihm die Erbschaft, weil er ein rechter Königssohn war, und Otto war noch der Sohn des Herzogs von Sachsen.
Drei Jahre lang trotzten die Schwerter am Rhein und in Schwaben, in Sachsen und Bayern; alle Gewalt der Großen und Kleinen, die dem sächsischen Königtum feind war, verband sich dem Aufruhr des Bruders; Friedrich, der Bischof von Mainz, trug die Fackel.
Denn die fränkische Priesterschaft blieb der Todfeind der neuen Sachsengewalt; die Kirche ließ keine Königsmacht gelten, der sie nicht selber der mächtige Hausmeier war.
Wie ein Seefahrer seine Schiffe kühn an der fremden Küste verbrennt, ließ Otto dem tapferen Billung sein Herzogtum Sachsen, wider den Hochmut der Herzöge, wider den Trotz der Grafen und wider die Feindschaft der Kirche das deutsche Königtum zu erringen.
Drei Jahre lang klangen die Schwerter im Bruderstreit, wie sie um Siegfried und Hagen, um Dietrich und Odoaker klangen; aber der Siegespreis sollte das trotzige Bruderherz sein.
Denn nicht mehr schürten Brunhild und Kriemhild den Brand mit dem Haß ihrer unholden Seelen: Mathilde, die sächsische Mutter, wollte das trotzige Blut ihres Leibes in Liebe erlösen.
Und weil ihre Liebe nicht abließ, gelang ihr zuletzt die Versöhnung: Heinrich, der hochfahrende Sohn der sächsischen Königsmacht, beugte sich seinem stärkeren Bruder, der ihm großmütig verzieh.
Aber der König hatte das Schwert, nicht das Herz seines Bruders bezwungen; und mehr als die Schärfe weckte der Großmut den Haß: Meuchelmord sollte den Streit der sächsischen Brüder beenden.
Als dem König der Anschlag entdeckt war, wallte sein Zorn: in strenge Haft kam Heinrich, der Bruder; alle Verschworenen büßten den Mörderplan vor dem Henker.
Da endlich siegte Mathilde, die sächsische Mutter: als Otto der König im Kreis seines starken Gefolges zu Frankfurt am Main die Christmesse hörte, war Heinrich entflohen aus seiner Haft, aber nun fand er den Weg nicht mehr zu den Feinden.
Weinend warf sich der trotzige Jüngling dem König zu Füßen; Otto vergaß die harmvollen Jahre und küßte den Bruder; er brach seinen Groll mit zärtlicher Liebe und gewann sich den treuesten Freund.
Otto der König
Im vierzigsten Jahr seines reisigen Lebens ritt Otto hinaus aus dem Tor seiner Väter; der im Ruhm seiner Stärke der mächtigste Fürst im Abendland war, zog über die Alpen, Adelheid die lombardische Erbin zu freien und selber die Mitgift zu holen.
Er brachte Adelheid heim und grüßte den Papst aus der Ferne; er ließ die Mitgift zurück und war schon zum Winter wieder in Sachsen, weil ihm der Nordwind bedenkliche Botschaft zuwehte.
Wohl stellte der Ruhm seiner Stärke eine Mauer um seine Macht, aber der Groll gedemütigter Großen lag in Trümmern davor; während Otto der König das Glück seiner Tage genoß, scharrten eifrige Hände sein Unheil.
Noch einmal hob der Aufruhr der lahmen Gewalt die treulosen Schwerter; Slawen und Ungarn, die Erbfeinde kamen, gerufen von seinen Feinden; die Grenzmarken brannten.
Aber den König hob keine Furcht in den Sattel; sicher und rascher als ihre bösen Bedenken ritt er den Aufruhr der Fürsten zuschanden: das böseste Jahr seiner Gefahr gab ihm den günstigsten Sieg.
Denn nun kam endlich der Tag, da ihm die Reichsfahne wehte, da auf dem Lechfeld Sachsen und Franken, Schwaben und Bayern vereint den Erbfeind bestanden.
Da half den hunnischen Räubern nicht mehr die Masse der reitenden Scharen, nicht mehr die hurtige List und nicht mehr die Kunst ihrer Waffen: die Deutschen besiegten den Schrecken und wollten die Plage des Reichs einmal beenden.
Sie trieben das schwarze Rattengezücht in die Enge, sie schlugen es tot und brannten die Nester aus, wo sich die Reste versteckten; und waren so schnell und scharf, sie zu verfolgen, daß ihnen kaum einer entrann.
Als die Sieger vom Lechfeld heimritten, die Großen und Grafen im Jubel der Völker, trug ein langbärtiger König die Krone: in Aachen belehnt mit der Ehre, im Ruhm seiner Taten bewimpelt, im Glanz seines Glückes bewährt, war Otto König der Deutschen und Herrscher in all ihren Ländern.
Otto der Kaiser
Was in Aachen nur Festglanz gewesen war und prunkender Schein, war auf dem Lechfeld Wahrheit geworden: Otto war König der Deutschen und hielt seinen Hof auf den Pfalzen des Landes, er saß zu Gericht über die Großen und Grafen, und alle Schwerter des Reiches mußten ihm Heerfolge leisten.
Aber der König dachte zurück an die Zeit der Verschwörung, da ihn die Großen und Grafen verrieten, auch die seines Bluts waren; er sah, daß die Hausmacht der Fürsten dem Königtum feind war, und daß ihre Selbstherrlichkeit wider die Landesgewalt lockte.
Der ihm am treuesten half, und der ihm am sichersten beistand in den vergangenen Nöten, war Bruno, der dritte und jüngste der Brüder, Erzbischof in Köln; so wuchs seinen Sorgen und Plänen ein anderes Königtum zu als seinem Vater, gebaut mit den Balken der Kirche:
Der Bischof verdankte sein Amt der Kirche, aber sein Lehen der Königsgewalt; er war nicht in die Herrschaft geboren und brauchte den Schirmherrn gegen die Großen und Grafen.
Kirche und Krone vereint konnten die Fürstengewalt brechen; Kirche und Krone konnten einander den ewigen Bund schwören; Kirche und Krone konnten die Wurzeln geeinigter Macht in die Herzen der Völker versenken.
So dachte Otto der König, der selber durch seine Mutter Mathilde den Lehren von Cluny zugetan war; so grub das sächsische Schwert einen neuen Brunnen des Rechts für die deutsche Königsgewalt.
Denn Otto der Sachse war nicht mehr wie Karl der Franke Zwingherr der Deutschen, er hatte kein Herzogtum mehr und hielt keinen eigenen Hof wie jener in Aachen; er war gewählt durch die Fürsten und Völker der Deutschen und konnte als Wahlkönig nicht mit dem eigenen Schwert allein regieren.
Aber die Kirchengewalt, die er brauchte, stand in Sankt Peter verankert, so wurde von neuem der Gottesstaat wach und der alte Kaisergedanke.
So zog der König der Deutschen zum andernmal über die Alpen; er ließ seiner Mutter Mathilde den Sohn – als Knabe in Aachen gekrönt – er nahm in Pavia die lombardische Krone als eigenes Lehen; er ließ sich in Rom als Kaiser der Christenheit salben.
Er trat in das freche Gezücht der Markgräfinnenbrunst und hing die Brut an den Galgen; er setzte den Lasterpapst ab und zwang dem römischen Hochmut sein Kaiserrecht auf, der Kirche den Papst zu ernennen.
Da ging der Gottesstaat in eine neue Wirklichkeit ein; denn der Kaiser war Herr, nicht der Papst.
Er legte kein römisches Prunkgewand an in Sankt Peter; wie er im deutschen Kleid unter den römischen Priestern dastand, war er der Schirmherr der Kirche aus eigener Geltung: der Papst, durch seine Macht eingesetzt, brachte demütig das Öl, ihn zu salben.
Die Ottonen
Wie eine gewaltige Burg standen die Berge der Hart im sächsischen Land; Heinrich der Finkler hatte Mauern und Tore gebaut, nun wuchsen Dächer und Zinnen über den Sälen ottonischer Macht.
Frauen kamen, die Säle zu schmücken: Mathilde, die sächsische Mutter Otto des Großen, Adelheid, die lombardische Gattin, Theophano, die griechische Sohnesfrau.
Heilig und mild war Mathilde; sie hielt in das lärmende Leben der Söhne die Mahnung der sächsischen Herkunft; Mutter war sie den Armen und Schwester den Schwachen, bis sie, vom Schicksal gesegnet, schlohweiß und beweint von den Sachsen, die letzte Lagerstatt fand.
Höher hob Adelheid ihre stolze Stirn in die Welt; sie liebte den Glanz und den glühenden Tag, sie trug die Krone ihr Leben lang und hielt die Zügel der Herrschaft gern in den Händen.
Sie schmückte die sächsische Burg und hing die Fahnen der Kaisermacht aus; sie baute den Gärten die Lauben und ließ die Springbrunnen der höfischen Feste quellen; sie ritt auf dem Zelter dem König zur Seite und hielt den Sachsen das lockende Bild fürstlicher Herrlichkeit vor.
Theophano aber, die Griechin, trat in den sächsischen Tag, wie der Morgenstern still und beständig die Nacht überdauert; Klugheit und Schönheit standen ihr bei als zarte Vasallen der Bildung.
Sie las in den Schriften der Weisen und liebte das Frauengemach; sie sang dem König zur Laute und saß auf dem Söller, die Sterne zu deuten; sie hob den Schleier vergangener Dinge und wies den staunenden Sachsen die Schatten versunkener Schönheit.
So wurden die Säle der sächsischen Burg von Frauenhänden geschmückt, aber im inneren Hof stand die Kapelle und hielt dem Altar das schirmende Dach: im Herzen der Burg war dem Priester warme Wohnung bereitet.
Frauen und Priester warfen einander den Faden; aber nun webten nicht mehr lateinische Mönche den Teppich der Kirche.
Wie Bruno draußen in Köln, Otto des Großen hilfreicher Bruder, wie Williges, eines Wagners Sohn und gewaltiger Bischof von Mainz, so blieben Meinwerk von Paderborn und Bernward von Hildesheim mit ganzem Gemüt im sächsischen Herkommen.
Das Schwert stand ihnen nicht schlechter zur Hand als der Psalter: aber sie liebten den Frieden und wußten ihn zu gebrauchen; sie hörten den Spott der rheinischen Franken über die sächsische Roheit und rührten Hände und Herzen, dem Spott zu begegnen.
Sie hießen die Mönche, Schule zu halten; sie pflegten die Künste und waren Schatzhalter der Bildung; sie mehrten den Reichtum der Kirche, aber sie stellten ihn auf in schönen Gebilden; sie kannten die Schönheit der alten Welt und waren tüchtig und treu in ihrer sächsischen Einfalt, sie neu zu gestalten.
Ob der Sohn und der Enkel Otto des Großen als Jünglinge starben, verzärtelte Schwarmgeister der neuen Zeit: Frauen und Priester hielten das Reich behutsam in Händen; sie zehrten von seiner gewaltigen Macht, aber sie zehrten mit Anmut und Würde und bauten der sächsischen Burg einen Garten.
So webte die Zeit der Ottonen am neuen Wunder der Welt, so fing im sächsischen Land, von Frauen und Priestern geholt und gehütet, die nordische Bildung ein neues Zeitalter an.
Der Weltuntergangskaiser
Als Otto der Große starb, war Otto der Zweite, sein Sohn, noch ein Jüngling; aber als sie den Sohn in den römischen Marmorsarg legten, war Otto der Dritte, der Sohnessohn, noch ein unmündiges Kind.
Sie krönten das Kind, die Herzöge dienten ihm bei der Tafel und wehrten Heinrich dem Zänker, sich selber die Krone zu raffen; Frauen und Priester hielten das Knäblein in zärtlicher Hut, bis es in eigenen Schuhen zu gehen vermochte.
Aber die Schuhe waren von feinerem Leder, als es die sächsischen Gerber zu walken verstanden, sie waren mit goldenen Fäden gestickt und paßten nicht auf die Straße.
Als Otto der Dritte das Reichsschwert aufhob, sah er die bunten Steine am Griff mehr denn die Schärfe; er war dem Sachsentum fremd und sehnte sich nach der südlichen Sonne der Mutter.
Das Wunderkind hatten ihn früh die Frauen geheißen; und glühender war keine Seele ins Wunder gestellt, als da sich Theophanos Sohn als Kaiser der Christenheit krönen und huldigen ließ: die göttliche Vollmacht kam in die zärtlichsten Hände; die Würde des Abendlands war in die fiebrigen Wünsche des Knaben gelegt.
Alexander dem Herrlichen gleich sollte die Bahn seines Lebens anschwellen zum Ruhm, und höher als irdischer Ruhm sollte der Sinn seiner Sendung Himmel und Erde erfüllen.
Denn Otto, der Knabe, war Kaiser geworden, als das Jahrtausend der Wiederkunft Christi erfüllt war; mit heiserer Stimme und weinenden Augen rief sich das Abendland den kommenden Untergang zu.
Buße und brünstige Hoffnung brach aus den Brunnen der Tiefe; Wirklichkeit war nur noch ein wächserner Schein vor dem Licht der nahen Erlösung; das Leben warf seine Schatten der Ewigkeit hin; hinter den Tagen dröhnte das Weltgericht die Posaune.
Das Weltgericht stand vor der Tür, und Otto, der Knabe, hielt dem König des Himmels das Schwert seiner irdischen Herrschaft bereit.
Das Irrlicht der Tage riß den hitzigen Knaben hin zu hohen Gebärden und warf ihn zurück in den Taumel lüsterner Taten: im Münster zu Aachen stieg er mit Fackeln hinein in die Karlsgruft und stand mit flackernden Händen vor der Leiche des Kaisers.
Aber die Uhr schlug ihre Stunde wie sonst; die Sterne standen in spöttischer Ewigkeit über der Stadt und über den zitternden Herzen: das tausendste Jahr fing seinen Stundenweg an gleich seinen Brüdern; das Wunder blieb aus; der Mantel der Größe hing leer um den fröstelnden Knaben.
Heinrich der Heilige
Otto der Dritte, der sich als Herrscher der Christenheit fühlte wie keiner, starb auf der Flucht vor dem Aufruhr der Römer; mühsam wurde sein Leichnam geborgen, daß er im Münster zu Aachen die prunkvolle Lagerstatt fände.
Heinrich der Heilige kam auf den Thron, durch Williges wacker geleitet; der letzte sächsische Kaiser brachte sein Schwert bescheiden zurück in die irdische Geltung.
Denn Theophanos brünstiger Sohn war nur noch Kaiser von Rom und nicht mehr König der Deutschen gewesen; er hatte den Bogen gebeugt, der über dem Abendland stand: Rom allein sollte im Gottesstaat herrschen, als Knecht der Apostel wollte der Kaiser Schildhalter der Kirchenmacht sein.
Heinrich aber, der Urenkel Mathildens und Enkel von Heinrich, dem trotzigen Bruder Otto des Großen, blieb der sächsischen Herkunft als Landeswart treu.
König der Deutschen wie Otto, gab er sein bayrisches Herzogtum Heinrich von Luxemburg hin, das Haus seiner Macht mit den Balken der deutschen Kirche zu bauen.
Aber das Haus stand im Reich, nicht in Rom; Bamberg, sein Bistum, machte er blühend und reich wie eines in Deutschland; da wuchs auch der reisige Dom, der den Ruhm seiner Taten mit steinernem Gewölbe kühn überspannte.
Die Kirche hat ihn den Heiligen geheißen, aber der Heilige war kein büßender Mönch; gleich seinen sächsischen Ahnen wußte er wohl sein irdisches Schwert von der himmlischen Sehnsucht zu scheiden, und keiner der Sachsen saß soviel im Sattel wie er.
Wie Heinrich der Finkler dem Sachsengeschlecht das deutsche Kaiserhaus baute, war Heinrich der Heilige sein treuer Beschließer.
Hundert Jahre lang hatten die Sachsen regiert; sie hatten das Reich aus der Willkür der Fürsten gerettet; sie hatten ihm Stärke, Ordnung und Schönheit gebracht; sie hatten die Kaiserstandarte über die Fahnen der Völker erhoben.
Der siebente Heerschild
Als Heinrich der Heilige begraben war in seinem Bistum zu Bamberg, kamen die Deutschen zur Königswahl: bei Oppenheim lagen sie hüben und drüben am Rhein, und die Heerschilde teilten die Plätze nach ihrer Geltung:
Der Heerschild des Königs mit seinem Banner, der Heerschild der geistlichen Großen, der Heerschild der Herzöge, der Heerschild der Grafen, der Heerschild der Bannerherren, der Heerschild der Ritter.
Sechs Heerschilde hielten dem kommenden König die Macht und gaben dem Reich ihren Willen; das Fußvolk stand kläglich daneben.
Denn das Ritterschwert war die unterste Geltung im Stand der Vasallen; nur wer dem König Heerfolge tat, galt noch im Reich der Großen und Grafen.
Aber schon grüßten die Dächer von Mainz und Worms ins Wahlfeld herüber; um die Burgen der Großen und um den geschützten Gewinn ihrer Märkte wuchsen die Städte, wie Rom und Ravenna mit Mauern und Toren; Bürger wurden genannt, die darin wohnten.
Wo eine Stadt war, wurden die Wege rundum lebendig von Wagen, Schiffe kamen zu Tal, und fleißige Schaffner füllten die Keller und Speicher.
Was der Bauer mühsam dem Boden abrang, floß über im Wohlstand der Städte und wurde Macht in den Händen der Großen, die den Markt hielten.
Noch saß die Bischofsgewalt auf der Burg als Herr der Märkte und Münzen; ihr Zollbaum am Tor strich den gefüllten Wagen den Überfluß ab: aber schon bauten Gilden und Zünfte das Zeughaus der Bürgergemeinschaft.
Schon sahen die Vögte des Kaisers mit wachsamer Sorge den steigenden Glanz; sie sahen die Wagen und Schiffe und sahen die Einkünfte schwellen.
Konrad, der salische Franke, den sie bei Oppenheim wählten, weil er ein Urenkel Konrad des Roten, Eidam Otto des Großen war, ging nicht im ottonischen Purpur der Priester und Frauen; er kam als irdischer Kriegsmann und wollte dem Reich ein starker Haushalter werden.
Er sah im Reichtum der Großen die fleißige Arbeit der Kleinen und stellte das Königsschwert mitten hinein in den Tag der Pfalzen und Märkte, die fleißige Arbeit zu schützen.
Er gab den kleinen Vasallen das Erbrecht der Lehen, die Macht der Großen zu brechen; er gab den Bürgern der Städte den siebenten Heerschild, das Glück der geistlichen Höfe zu nützen.
Da war in den Glanz der Großen und Grafen ein schmaler Schatten gestellt: noch schien die Gunst der Sonne ihnen breit ins Gesicht; aber der Mittag kam, dem siebenten Heerschild den Schatten zu stärken.
Heinrich der Dritte
Mit Konrad dem Zweiten begann das salische Kaisergeschlecht seine stolze Entfaltung; vier Kaiser nur gab es dem Reich, und ging unter, vom Schicksal umwittert: aber es spannte den Bogen über das Abendland höher als alle Geschlechter; und keiner war stärker in Rom, obwohl er im Reich blieb, als Heinrich der Dritte, der mächtigste Kaiser.
Sie hießen ihn Heinrich den Schwarzen, weil er dunkel von Angesicht war, Konrads gewaltigen Sohn, der über die Päpste regierte und Ritter der Christenheit wurde wie keiner.
Als Knabe gekrönt, Herzog von Bayern und Schwaben, dazu burgundischer König, trat er als Jüngling die Erbschaft Konrad des harten Haushalters an und war keine schwächere Hand, den Großen und Grafen die Zügel zu halten.
Er war keine schwächere Hand: Böhmen und Ungarn spürten die Stärke, und Otto der Sachse hatte sein Schwert nicht strenger gezeigt als Heinrich der salische Franke, da er dem römischen Hochmut die deutschen Päpste einsetzte.
Aber ihn plagte das Kirchengewissen; der über Könige herrschte und hinter dem päpstlichen Stuhl stand als Lehnsherr und Richter, strafte sich selbst mit der Geißel.
Denn immer noch brannte die Buße von Cluny im Abendland, immer noch sahen die Augen der Zeit mit Furcht und brünstiger Hoffnung das Weltgericht kommen, wie es die Kirche am Ende der Tage verhieß.
Immer noch hielt der Kaiser dem König des Himmels das irdische Schwert; aber nun irrte kein Schwärmer und Schwelger durchs Abendland hin wie Otto, Theophanos Sohn; nun ritt der Mann in den Tag, mit Tod und Teufel zu streiten.
Heinrich den Schwarzen hießen sie ihn, der dunkel von Angesicht war, dunkel außen und innen; nur seine Tat sprang hell in den Tag, als er dem römischen Lindwurm das Lästerhaupt abschlug, als er den frommen Freund und Grafen von Egisheim auf den Stuhl von Sankt Peter setzte.
Und staunend standen die Völker, als auf der Kanzel zu Konstanz der Kaiser sich selber als sündig bekannte, als er mit ehrlichem Wort seinen Feinden den Königsbann löste, als er die Großen und Grafen im Namen Christi verwarnte, von ihren blutigen Händeln zu lassen.
Zum erstenmal trat auf die Streitmauer der Macht die Stimme des strengen Gewissens; Kaiser und Kirche sprachen aus einem Mund; das Kriegsschwert lag auf dem Priesteraltar in christlicher Demut.
Es war kein Rausch der Stunde, daß solches geschah; Heinrich der Dritte hielt seinen Schwur im Blutrauch flammender Kriege: er wollte das Reich und wollte es mit Gewalt und war den Großen und Grafen ein gewaltiger Richter; aber er nahm seinen Willen hart ins Gewissen, weil er das Gottesreich glaubte.
Und als ihm der Tod kam, zu früh für das Reich solcher Prägung, war ihm das Sterbebett noch einmal die Kanzel, das eigene Dasein zu bekennen und unerbittlich zu richten: die letzte Hand seines starken Lebens gab er vor Gott seinen Feinden.
Er starb in Bodfeld, der sächsischen Pfalz, die sich der salische Franke erbaute, und wurde begraben in Speyer; Victor, der Papst und Freund, stand ihm bei und gab der Leiche den Segen.
Da war der Bogen einmal zur Höhe gespannt; da stand die Ehe in Frieden; Wort und Tat hielten einander die Hände; das Weltreich der Kirche war Wahrheit geworden im Hause des Kaisers.
Aber die Rechnung war falsch; Victor der Papst war gesonnen, die Herrschaft zu erben, und Hildebrand war sein Berater: der Streit um die Stärke stand vor der Tür.
Kaiserswerth
Als Heinrich, der Kaiser und Richter der Christenheit starb, war Heinrich der Knabe schon König der Deutschen; Agnes die Mutter führte die Herrschaft für ihn, und Victor der Papst gab ihr selber das erste Geleite.
Zum andernmal hielten Frauen und Priester das Reich in den Händen; nun war es nicht mehr Mathilde, heilig und mild, nicht mehr Meinwerk der frohe und Bernward der feine: die Welt war düster geworden im Schatten von Cluny.
Die Kaiserin war eine fromme Frau, doch fremd im feindseligen Land der Sachsen, sie ließ sich unbedacht leiten von Launen und Leuten, der Knabe war klug und wild, und die der Mutter im Ohr lagen, schmeichelten seinen Gelüsten.
Anno, der zänkische Bischof von Köln, sah den Bischof von Augsburg allein am Königshof gelten; er sah die Ehren und Güter verschwinden und wollte den Knaben selber besitzen.
Sie saßen zu Kaiserswerth und hielten am Rheine ein heiteres Mahl, Mutter und Sohn mit den Fürsten; sein Schiff zu beschauen, ließ Anno den Knaben verlocken: der Knabe kam fröhlich; aber als sie ihn hatten, fuhren die Knechte davon. So fing sich Anno den kostbaren Vogel und holte ihn heim in den finsteren Käfig der kölnischen Burg.
Nun stand es ihm zu, Güter und Ehren im Namen des Königs zu nehmen und spenden; aber der Knabe war klug und wild und trotzte dem scheltenden Zänker.
Auch weil ihm die anderen Großen den Knaben bestritten, wurde Anno des Raubes nicht froh; er mußte das Unrecht mit ihnen teilen; jeder wollte ein Jahr lang den goldenen Käfig halten.
Adalbert aber, der Bischof von Bremen, der ihn von dem Kölner bekam, wußte das Pfand klüger als Anno zu nützen. Er gab dem Königsknaben den Königssinn seiner Herkunft und Zukunft zu schmecken; er ließ ihn den Stolz hochgreifender Pläne erfahren und malte in seine hochmütige Seele die lockenden Bilder zukünftiger Größe.
Der Knabe war klug und wild und trank den Honigseim gern: aus zänkischer Enge in die Verführung lockender Weite gestellt, sah er den Himmel kommender Macht zu seinen Häupten gespannt.
So wurde Heinrich der Vierte König der Deutschen; mit fünfzehn Jahren nahm er den Reichsapfel anders zur Hand, als ihn sein Vater sterbend hinlegte.
Neun Jahre lang hatten die Großen und Grafen mit dem Reichsapfel Fangball gespielt; nun kam ein Knabe, hochmütig und frech, ihn auf den Gipfel des Ruhmes zu tragen.
Der Aufruhr der Sachsen
Heinrich der Jüngling hielt seinen Hof zu Goslar in Sachsen; da stand die steinerne Burg seines Vaters, der salischen Herrschaft die Tore zu hüten, da waren die Säle und Kammern ottonischer Pracht, und aus den Gruben im Rammelsberg kam der silberne Reichtum geflossen.
Aber wo Heinrich der Dritte die Bußgeißel schwang, hob Heinrich der Vierte das Trinkhorn der Freude: Jungmännerlärm schrie durch die Säle; in den Kammern hatte die Lust ihr Lager.
Bald ging ein Raunen und Murren im Reich, die Warnung kam an mit sorgender Miene und drohenden Worten; aber der Jüngling maß die Mienen und wußte die Worte, und wies die Warner höhnisch nach Haus.
Auch war er als König geboren und spann seine Pläne früher und weiter, als seine Plager es merkten.
Noch lachten die sächsischen Herren der Torheit des Knaben, da hatte er schon den Ringwall der Harzburg gebaut; wie die Treibjagd das Wild umstellt, wuchs rund um die Hart der Kranz fester Burgen.
Er wollte ein anderes Reich als das der geistlichen Großen, Herzöge und Grafen: der König allein sollte Herr sein, wie Karl im Frankenreich König und Lehnsherr war; die sächsische Burg der Ottonen sollte der Sitz seiner Königsmacht werden.
Aber den Sachsen war es die Zwingburg der salischen Herrschaft; sie mußten den Bauvögten Frondienste tun und seine fremde Dienstmannenschaft nähren; sie sahen die Fesseln der sächsischen Freiheit geflochten und haßten den herrischen Jüngling, der sie zu flechten befahl.
Bauern und Ritter schwuren die Blutspur; als Heinrich den polnischen Feldzug ausrief, kam die Empörung der Sachsen gegen die Harzburg gezogen: da war der Übermut aus und der Jungmännerlärm; wie ein Dieb in der Nacht mußte der König sich retten.
Wohl rief er die Großen und Grafen zum Rachekrieg auf: sie hielten ihr Heervolk im Feld, aber sie halfen ihm nicht; die heimlichen Boten kamen und gingen, bis ihn die letzten verließen.
Krank und gemieden und seiner Königsmacht ledig kam Heinrich der Jüngling ins Land seiner salischen Väter zurück; da aber geschah ihm das Wunder.
Die Bürger von Worms hatten dem Bischof von Worms die eigenen Tore verschlossen: sie boten dem Flüchtling den Schutz ihrer Mauern und gaben dem Jüngling wieder ein Schwert in die Hand.
Der siebente Heerschild trat in den Tag, der Bürger hob seinen Trotz im Namen des Königs gegen den eigenen Bischof.
So wurde Heinrich der Vierte aus Not und Bedrängnis ein Volksfürst: König und Bürger fingen im Reich der Großen und Grafen ein anderes Brettspiel an.
Noch hielt der Winter die Wälder im Rauhreif, die Mühlen der Werra standen im Eis: da hatte Heinrich ein Heer, und die Fürsten mußten ihm folgen gegen die Sachsen.
Schneestürme machten die Rosse blind, das Schwert fror fest in der Scheide, der König mußte den Krieg und die Rache mit Handschlag beenden; aber nun war er kein Flüchtling mehr.
Noch hatte der Tauwind den Frost nicht gebrochen, als Heinrich schon wieder in Goslar den Königshof hielt.
Als danach der Grimm der Sachsen die Harzburg zerstörte, als sie die Kirche nicht schonten und die Gebeine der salischen Gräber verstreuten: mußte das Reichsheer der Fürsten ihm folgen, und Gregor der Papst durfte die Frevler nicht schützen.
An der Unstrut traf den sächsischen Aufstand das Schwertgericht blutig; die Ritter konnten sich retten in ihre östlichen Burgen, das Fußvolk der Bauern mußte es büßen.
So wurde der salische Heinrich Herr über die Sachsen und König der Deutschen: die Großen mußten ihm dienen, weil ihm der siebente Heerschild gehörte; die Grafen versteckten den Trotz, weil ihnen das Königsschwert gedingter Dienstmannenschaft drohte.
Der Streit um die Stärke
Ein Königtum war aus dem Reich der Großen und Grafen geworden; freier als jemals ein König der Deutschen schien Heinrich der Vierte über den Völkern zu stehen, als er den Streit um die Stärke begann.
Hildebrand hatte als Gregor der Siebente den Stuhl von Sankt Peter bestiegen; der seinem büßenden Vater ein finsterer Freund war, wurde dem Sohn ein furchtbarer Feind.
Er sagte dem König die Lehensgewalt auf über die geistlichen Großen und gab ihm drohende Botschaft nach Goslar, der Kirche zu geben, was ihr vor dem Kaiser gehöre.
Stolz seines Sieges und seiner Sache gewiß, gab Heinrich der Jüngling dem finsteren Mann in Sankt Peter selbstherrliche Antwort: Heinrich, König nicht durch Anmaßung, sondern durch göttliche Bestimmung, an Hildebrand, nicht Papst, sondern falschen Mönch!
Auch mußten die deutschen Bischöfe in Worms ein stolzes Gericht über Hildebrand halten; aber Hildebrands Zorn blies ihnen Feuer ins Haus: die Kirche verfluchte den Schirmherrn, der Papst sprach über den Kaiser den Kirchenbann aus. Da war der Schirmherr der Kirche ein Schwert ohne Hände, da saß er nackt auf dem Thron in der Furcht seiner Völker, da fiel der Eid von ihm ab, der die Treue gelobte, da war der siebente Heerschild listig durchlöchert.
Zu Tribur taten die Großen und Grafen den Spruch; nur wenn er den Bannfluch zu lösen vermöchte, könne Heinrich König der Deutschen und Herr seiner Dienstmannen bleiben.
Aus dem Traum seiner Herrlichkeit kläglich erwacht, war Heinrich zum andernmal Flüchtling; aber nun hielt ihm der Bischof von Worms die Tore verriegelt, und die Bürger wehrten ihm nicht.
Unmögliches mußte der König tun, die Krone zu retten; er tat es mit harter Berechnung.
Nur Berta die Frau, sein Kind und ein Knecht kamen zur Romfahrt mit ihm; wo seine Väter den stolzen Siegeszug ritten, ging Heinrich der Vierte im Winter den bitteren Bußgang.
Schon war der Reichstag in Augsburg bestellt, wo der Richter des neuen Bundes Saul zu verwerfen gedachte, um David zu salben; schon harrte Gregor in Mantua des versprochenen Fürstengeleits, als ihn die Kunde von Susa erreichte: Heinrich sei über die Alpen gekommen, von den lombardischen Städten trotz seinem Bann als König empfangen.
Da mußte Gregor zurück in die Burg von Canossa; die Sonne entwich in die Wolken der Gräfin Mathilde und ihrer schützenden Kriegsmacht.
Aber Heinrich kam barhäuptig im Büßergewand vor das Tor der steinernen Zuflucht; und ob ihn Gregor zweimal im Grimm der durchkreuzten Pläne verschmähte: Heinrich kam wieder am dritten Tag, barfüßig im Schnee, der gestern noch König war, den Bannstrahl zu löschen.
Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der Schirmherr der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi: aber es war nicht der Mond, des Lichtes der Sonne bedürftig, es war nur ein Jüngling im Büßerhemd, der seiner Sünden ledig zu sein von dem heiligen Vater begehrte.
So brannte das päpstliche Richtergewand im eigenen Bannstrahl zur Asche: die Fessel fiel ab, und dann war Heinrich zum andernmal König; die Macht der lombardischen Städte stand als eine Mauer um ihn.
Der auf den Reichstag als Richter der Welt zu kommen gedachte, wich hinter die römischen Mauern zurück in den Schutz der Hadriansburg.
Aber die Großen und Grafen in Tribur hatten den eigenen Spruch treulos vergessen und Rudolf von Schwaben zum König der Deutschen gewählt.
Ihm zu begegnen, kam Heinrich im Frühjahr anders nach Deutschland zurück, als er im Winter gegangen war: er hatte sein Königsschwert wieder; hinter ihm stand die lombardische Macht und vor ihm die Treue der rheinischen Städte.
Drei Jahre lang lag er im Feld und war ein Meister im Unglück; in blutigen Schlachten besiegt, wieder im Bann und bei den Frommen verflucht, hielt er den Trotz in der Faust und das Herz in der Hoffnung:
Bis Rudolf von Schwaben, bei Merseburg siegend, die Hand und das Leben verlor – die Hand, die Heinrich Treue gelobte und treulos das Schwert hob – bis der König den tapferen Friedrich von Staufen als Eidam gewann.
Immer noch standen viel Schwerter im Feld gegen ihn, als Heinrich das römische Haupt seiner Widersacher zu treffen gedachte; unholder als vorher im Winter zog er nach Rom und hatte ein Panzerhemd an, den Streit mit Gregor zu schlichten.
Und ob ihn das Unglück zum andernmal hinhielt, drei Jahre mit Kämpfen und Nöten gefüllt, sein Herz war Stahl und sein Mut ein wehendes Feuer, bis er das Tor von Sankt Peter gewann.
Sieben Jahre waren vergangen, seitdem er im Büßerhemd stand; sein Leben war Lärm und die Welt ein Wirrsal gewesen: nun riefen die Römer ihm Heil, weil wieder ein Kaiser der Christenheit war.
Normannen holten Gregor aus Rom in den Schutz ihrer Schwerter; der sizilianische Erbfeind der Kirche bot ihrem geschlagenen Haupt das letzte Exil.
Nie hatte ein härterer Feind gerungen, als Hildebrand war; Heinrich, der unstete Jüngling, war mannhaft geworden, als Gregor, der Greis in Salerno, verbittert den Tod empfing.
Der Gottesfrieden
Als Gregor der Siebente starb, war der Haß nicht gestorben; er ritt auf den Straßen von Sachsen nach Rom, er lauerte auf den Burgen der Großen und Grafen und brannte der Kirche im Dachstuhl.
Es ging um das Reich, und es ging um die Stärke: hie Kaiser, hie Kirche! hie Priester, hie Laiengewalt! aber das Schwert trug der Ritter hüben und drüben!
Er schlug die Schlacht, er hetzte den Hirsch, er hielt die Meute im Jagdgrund; und wenn die Jagd der Großen und Grafen aus war, ritt er selber auf Beute.
Was auf den Feldern gesät war, was in den Ställen gedieh, was auf den Wegen und Wässern mit Wagen und Schiffen hereinkam, was auf den Speichern und Märkten als Wohlstand des Landes begehrt war, fiel unter sein Schwert.
Und als es im neunten Jahr war, daß Bauern und Bürger im blutigen Krieg den Segen des Tagwerks entbehrten, daß Armut und Kummer den Wohlstand des Landes verschlangen, daß um ein Trugbild der Macht Dörfer und Städte verdarben: geschah es, daß sich die Kirche auf ihren Ursprung besann.
Aber nicht Rom und der Papst, ein Bischof sandte die Taube, den Ölzweig zu bringen, ein Bischof im lothringischen Land; den Gottesfrieden hießen sie ihn, und so war seine Botschaft:
Von Freitag zu Montag in jeglicher Woche, von Fastenbeginn bis über den Sonntag nach Pfingsten, vom ersten Advent bis über Dreikönigen dürften nicht Fehde sein; und wer den Gottesfrieden nicht hielt, war verflucht an Leben und Eigen.
Sie kam von Frankreich geflogen, die Taube der Sintflut, wo sie im Streit der Großen den Boden zu ruhen nicht fand; in Lüttich wurde die Stätte bereitet, und bald war der Kaiser ihr Schutzherr.
Heinrich, der König der Bürger und Bauern, nahm ihren Ölzweig zur Hand; da mußten die Großen und Grafen ihm folgen: so war in der Sintflut der Zeit dem Frieden die erste Freistatt bereitet.
Noch war der Haß nicht gestorben und Heinrich der Vierte ging seinen Leidensweg weiter bis an sein gramvolles Alter: aber der Taube von Lüttich hielt er die Treue, und gab in Zorn und Bedrängnis den Ölzweig nicht aus der Hand.
Der Kaiser des Volkes
Klug und wild war der Knabe, hochfahrend der Jüngling, unbeugsam und rastlos der Mann, den das Volk als Vater verehrte, da er ein Greis war; aber das Schicksal fuhr seinen Wagen mit lockeren Rädern, und als er im Gleichmut des Alters zu fahren gedachte, scheuten die Rosse.
Er hatte den mächtigen Papst nach Salerno gebracht und hatte die trotzigen Sachsen gedämpft, aber die Burg seines Königtums ging ihm verloren; so zäh seine Hand das Königsschwert hielt, den Traum von Goslar träumte sein Alter nicht mehr: sein Hoflager ging um in den Ländern der Großen und Grafen, wie es die Herkunft gebot.
Aber ihm fiel eine Burg zu, die nicht aus Steinen gebaut war; Dienstmannentreue hielt ihr das Tor, und die Liebe des dankbaren Volkes war ihre gewaltige Mauer.
Die Ritter hatten vom Schwert gelebt, wie der Bauer vom Pflug, sie waren im Scharlach mit goldenen Sporen geritten und hatten den Wohlstand geerntet: nun siechte der nützliche Krieg hin, und der Mangel kroch in die Burgen.
Die Großen und Grafen sahen den Aufruhr beginnen und die Vasallen den Glanz ihrer Tage verblassen, indessen die Bürger und Bauern sich in der Kaisergunst sonnten.
So fuhr das Alter des Kaisers durch Liebe und Haß den schmalen Königsweg hin, als ihm die Feindschaft der Ritter die Rosse wild machte, als ihm der römische Haß die Räder zerbrach.
Zum viertenmal kam der Bannfluch von Rom, als Paschalis Papst war, Gregors gelehriger Schüler; der Donner hatte den Blitz verloren und rollte nur hin, aber den Feinden des Kaisers kam er zur richtigen Stunde.
Sie kannten die Herrschsucht des Sohnes, und wie er die Geltung des Vaters mühsam ertrug; sie wußten den Bannfluch klüglich zu leiten, daß er im Treubruch des Sohnes den bösen Spalt fand.
Weihnachten stand vor der Tür, als Heinrich der Sohn das Hoflager heimlich verließ, von Fritzlar nach Bayern zu fliehen, wo ihn die Feinde des Königs fröhlich empfingen; und die Vasallen strömten der neuen Herrengewalt zu.
Am Regenfluß standen sich Vater und Sohn gegenüber im Schutz ihrer Scharen, aber hüben und drüben stiegen die Ritter vom Roß; wieder gingen und kamen die heimlichen Boten, bis Heinrich der Vater den Verrat der Vasallen erkannte und heimlich entwich.
Ein Hoftag der Großen und Grafen in Mainz sollte den Kaiser des Volkes absetzen; aber die Bürger standen auf für sein Recht, und ein stadtkölnisches Heer zog heran, den Mantel des Kaisers zu schützen: da mußten Falschheit und Frevel dem herrischen Sohn helfen.
In Koblenz lag er dem Vater zu Füßen, Abbitte leistend und Treue gelobend; der Kaiser zog arglos mit ihm und ließ sich von Bingen nach Bökelheim locken; aber es war eine Falle, und statt auf dem Hoftag in Mainz mit den Großen und Grafen zu rechten, saß er in einer Waldburg gefangen.
Sie wollten in Mainz ein stolzes Gericht über ihn halten, aber sie wagten es nicht vor den Bürgern; so war es draußen in Ingelheim, wo sie den Greis, höher an Wuchs und Würde als einer der Fürsten, in die Schmach ihrer Anklagen brachten.
Da konnte die Kirche sich rächen an ihrem stolzen Verächter; da fand der Grimm der Vasallen die Grafen und Großen bereit, den Kaiser der Bürger und Bauern zu dämpfen; da ließ der Sohn es geschehen, daß rechtlose Richter Heinrich dem Vierten das Königskleid nahmen.
Sie wiesen dem todwunden Geier die karolische Pfalz in Ingelheim an; aber noch einmal hob er die mächtigen Flügel: Heinrich der Vierte entfloh seiner Haft, und als der frevelnde Sohn mit seiner Vasallenmacht kam, ihn zu fangen, wiesen die Bürger von Köln und Lüttich ihm blutig die Tore.
Schon mußte der Sohn sich bequemen, andere Botschaft zu senden, da brachte ihm ein Gesandter den Ring und das Schwert seines Vaters und sein letztes Vermächtnis: wie er geboren war, starb Heinrich der Vierte als König, kein Haß trübte dem Greis die letzte Verpflichtung.
Otbert der Bischof von Lüttich ließ seinen Leib in der Kirche begraben; das Volk jammerte laut um seinen Vater und Freund; aber der Haß seiner Feinde strafte den Bischof und gönnte der Leiche nicht ihren Frieden.
Als sie den Sarg des Gebannten hinaus auf die Maasinsel brachten, kamen die Bauern herbei aus den Feldern, warfen das Korn über den Sarg und streuten die Erde des Grabes auf ihre Acker, daß Korn und Acker geweiht wären.
Daß ihm der Vater nicht draußen läge gleich einem Hund, hieß Heinrich der Sohn die Leiche im steinernen Sarg hinauf nach Speyer geleiten, und er gab ihr den Platz im Dom nach der Reihe der salischen Kaiser.
Aber noch durfte Heinrich der Vierte nicht versammelt sein bei seinen Vätern; zum andernmal trugen die zornigen Hände der Kirche den Sarg des Gebannten hinaus, daß er die Gruft nicht entweihe.
Der mit dem Frevel in Kaiserswerth zänkisch begann, der in Canossa lichterloh brannte, mit üblen Gerüchen in Ingelheim schwelte: der Haß seiner Feinde ließ seine Asche nicht ruhen und schmähte sein stolzes Gedächtnis.
Das Volk behielt Heinrich, den Vater und Freund und sein grausames Schicksal treu und traurig im Herzen.
Der Sieg der Fürsten
Der Kampf, den Heinrich der Vierte sein Leben lang kämpfte, war traurig verloren; sein Sarg in Speyer blieb draußen am Dom als gramvolles Bildnis gestorbenen Volkskönigtums stehen.
Die Fürsten hatten den finsteren Sohn ihres Feindes vorzeitig zum König gemacht, und der Papst war ihrem Frevel Nothelfer gewesen; seiner Fesseln nicht froh tat Heinrich der Fünfte die Romfahrt anders als seine Ahnen.
Die Großen und Grafen traten ihm bei, und die Vasallen strömten ihm zu in unübersehbaren Scharen: der Gottesfrieden hatte sie müßig gemacht, nun gab es fröhliche Fahrt.
Nie hatte das lombardische Land mehr Ritter und Lanzen gesehen als in dem hochmütigen Herbst, da Heinrich der Fünfte die lombardische Städtemacht dämpfte; und als er im Winter nach Rom kam, stand Paschalis wartend, die mächtige Hand zu ergreifen.
Immer noch hielt der Streit der Belehnung die Kirche in Zorn; aber dem Papst wie dem Kaiser waren die deutschen Bischöfe zu mächtig, und heimlich wurden die Stricke geflochten, die mächtigen Hände zu binden.
Und so war die Lösung, die Kaiser und Papst in Heimlichkeit fanden: der Papst allein sollte Herr der Bischöfe sein, aber sie sollten der weltlichen Geltung im Reich des Kaisers entsagen, all ihr Lehensgut sollte wieder dem Reich und dem Kaiser gehören.
Das war die christliche Scheidung; sie teilte den Mächten das Reich, gab Gott und dem Kaiser, was Gott und dem Kaiser gehörte.
Als aber der Papst in Sankt Peter die heimliche Gleichung offenbar machte, da sprangen die Bischöfe auf im Tumult und zwangen den Papst und den Kaiser, den heimlichen Strick ihrer weltlichen Macht zu zerreißen.
Seitdem stand Heinrich der Fünfte nicht mehr in der Gunst der geistlichen Großen; sie wollten die Weltfürsten bleiben und zwischen dem Papst und dem Kaiser die eigenen Machthändel treiben: wie Heinrich der Fünfte den Vater verriet, so war er nun selber verraten.
Wilder denn je ging der Streit um die Macht, und die Vasallen saßen im Sattel das ganze Jahr; der Gottesfrieden ging unter im Lärm ihrer Schlachten, denn nun war kein Kaiser des Volkes mehr da, ihn zu halten.
Wohl lenkte Heinrich der Fünfte klüglich zurück in die Bahn seines Vaters; er ließ mit goldenen Lettern am Dom zu Speyer die Bürgerfreiheit ansagen: aber dem Finsteren blieb das Herz des Volkes verschlossen.
So kam in Würzburg der klägliche Tag für den Kaiser: hie Papst, hie Kaiser stand auf den Fahnen der Heere; aber die Fürsten stiegen vom Roß hüben und drüben, den Streit zu beenden und auf dem Streitfeld die Zelte der eigenen Herrschaft zu bauen.
Da wurde ein anderer Strick geflochten, Kaiser und Papst die Hände zu binden; da schrieben die Räte der Fürsten das Konkordat, das auf dem Reichstag zu Worms den Streit der Stärke zudeckte:
Der Papst belehnte den Bischof mit Ring und Stab als Zeichen der geistlichen Würde, der Kaiser gab ihm das Zepter als Zeichen der weltlichen Fürstengewalt.
Ein halbes Jahrhundert lang hatte der Streit dem Kaiser den Atem genommen, ein halbes Jahrhundert lang hatte das Feuer die Völker gebrannt, nun dämpften die Fürsten die glühende Asche.
Heinrich der Fünfte blieb er genannt, König der Deutschen und römischer Kaiser: wo seine Väter die Schutzherren waren, nahm er nun selber die Krone, Reichsapfel und Zepter als Lehen der Kurfürstengewalt.
Das Reich der Kaiser war tot; als die Bürger und Bauern Deutschland den Mantel des einigen Königtums brachten, riß ihn die Herrschsucht der Fürsten in Fetzen.
Die goldenen Tage der Kirche
Das Jahrhundert der salischen Herrschaft war aus, und wieder lagen die Heerschilde am Rhein, dem Reich einen König zu küren: hüben die Sachsen und Bayern, drüben die Franken und Schwaben.
Der mächtigste Fürst war Friedrich von Staufen, Herzog in Schwaben und Schwager Heinrichs des Fünften; er hatte die salischen Güter geerbt und war seiner Wahl sicher.
Aber die Kurfürsten hatten das Königtum nicht geschwächt, daß Friedrich von Staufen es wieder stärke; sie wußten den Wahlgang listig zu stören und hoben Lothar von Suplinburg auf den Schild, Herzog von Sachsen und Todfeind Heinrich des Fünften.
Sechzig Jahre war Lothar alt, als die geistlichen Großen dem Graukopf die Krone aufsetzten: als Söldner gekrönt, blieb er ihr williges Werkzeug; und als er ein schlohweißer Greis war, krönte der Papst ihn dem heiligen Norbert zuliebe als Kaiser.
Auch ließ er ein Bild malen, wie er dem König gnädig die Krone verlieh; und so war die stolze Legende: Vor die Tore Roms kommt der König, beschwört die Rechte der Stadt, wird Vasall des Papstes und empfängt von diesem die Krone.
Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, da Lothar der Graukopf die Krone demütig und diensteifrig trug, da der König den heiligen Norbert von Xanten als Bischof nach Magdeburg rief.
Norbert der Bischof hatte als Mönch in Frankreich den Orden der Prämonstratenser gegründet und brannte in düsterer Inbrunst, der Kirche das kostbare Kleid und den Klöstern den weltlichen Wohlstand zu nehmen.
Gebet und Arbeit gab er den Mönchen wieder zur Hand, daß sie – wie Cluny es lehrte – Werkstätten des frommen Fleißes und Zunfthäuser der Kirchenzucht würden, statt üppige Pfründen der Weltlust zu sein.
Zum andernmal schlugen die Mönche die Standlager entsagungsvoller Mühsal auf in den neblichten Wäldern; wo eine Wiese war, wuchsen die weißen Gebäude; Gärten, von Mauern gegürtet, und Feldergebreite drängten hinein in das weglose Dickicht.
Die grauen Zisterzienser wetteiferten treulich mit den weißen Prämonstratensern und wußten zierliches Maßwerk zu bauen; vom Rhein hinüber weit in den Osten und hoch hinein in den Norden trugen sie Kreuz und Kelle und mehrten das Kirchenland.
Und was die Mönche begannen, brachten die Bauern zu Ende; uraltes Hofrecht wurde lebendig, neue Weide zu schaffen; fleißige Rodung gewann aus den neblichten Wäldern die Sonnenplätze der Dörfer.
Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, als die grauen Mönche die schwarzen ablösten, als sie den himmlischen Gärten die irdischen Vorwerke bauten, als sie im Eifer nützlicher Arbeit und frommen Gebetes den Prunkmantel römischer Herkunft vergaßen.
Der heilige Bernhard
Als Lothar, der greise Dienstmann der Kirche, verschied, stand Heinrich der Stolze, sein Eidam, Herzog von Bayern und Sachsen, der Krone am nächsten; um Pfingsten sollte die Wahl sein.
Alberto aber, der hitzige Bischof von Trier, wollte nicht leiden, daß wieder ein mächtiger König die goldenen Tafeln der Kirche zerbräche; er gab die Krone Konrad von Staufen als Ostergeschenk, da brauchten die Heerschilde nicht auf das Pfingstfest zu reiten.
Konrad, der Dritte genannt, war Kriegsmann und nannte geringe Erbschaft in Franken sein Eigen, da seinem Bruder Friedrich von Staufen das Herzogtum Schwaben gehörte; er mußte der Kirche willfährig sein gegen die Macht Heinrichs des Stolzen.
Aber die Kirche war nicht mehr das römische Reich; der Papst saß bedrängt in Sankt Peter, indessen Bernhard, der Mönch von Clairvaux, die Christenheit lenkte.
Ein neuer Apostel hielt wieder das Kreuz, von Wundersagen umdichtet: in der Macht seiner Rede ein Paulus, und ein Prophet, wie Jesaias war.
Der Stern von Bethlehem stand neu über dem Abendland: wie er den Weisen aus Morgenland schien, so glühten die Mönche im Licht der neuen Verheißung.
Der Tag der Verheißung brach in der Wirklichkeit an und war kein Weltuntergang mehr, weil nun Maria die Königin hieß; ihr hielten die Mönche den Himmel gespannt mit den Schnüren brünstiger Liebesgewalt.
Und weil es das Abendland wollte, sollte das Morgenland wieder die irdische Heimat der christlichen Menschheit werden: Maria hatte den Heerbann befohlen, sie würde – so war es den Mönchen verheißen – die siegreiche Weltkönigin sein.
Weihnachten war im Dom zu Speyer, als Bernhard dem König die Kreuzpredigt hielt: wie Moses den Quell, zwang sein gewaltiges Wort den Schwur aus den Seelen; das Volk weinte in seliger Lust, als Konrad, der Kriegsmann der Kirche, knieend die Fahne der Himmelskönigin nahm.
Nie war die Lust auf den irdischen Straßen so selig gegangen, nie hatte die Sehnsucht der Seelen so brünstig gebrannt, nie hatte das Kreuz so glühend gelockt wie nun auf den Fahnen, da sich das Abendland aufhob, das Morgenland zu befreien.
Vom Abendland aber zum Morgenland ging der Weg weit über Byzanz und über Nicäa hinauf in die Steinwüsten der Türken: gewaltig waren die Ritter gerüstet zur Schlacht, aber der Troß war zu groß, sich in der Wüste zu nähren.
Als der Durst nicht aufhörte, Roß und Reiter zu plagen, als die Glut der Steine das Leder zu dörren begann, als in den Nächten der Fieberdurst kam, als Seuche und Not den gepanzerten Lindwurm des Abendlandes fraßen, siegte grausam das Morgenland.
Die Wespen der türkischen Reiter fielen in Schwärmen über den schwerfälligen Leib und stachen ihn zornig zu Tode; ein Leichenfeld wurde die Straße von Doryläum zurück nach Nicäa: die Himmelskönigin hatte die Ihren verlassen, nur wenige sahen das Meer wieder.
Ein Klageschrei irrte ins Abendland heim, wie seinen Ohren noch keiner geklungen war: die Ritterblüte der Länder lag in der Wüste verdorrt, das Wunder hatte gelogen.
Das Wahnreich der Mönche sank hin; aus den Trümmern der himmlischen Herrlichkeit hob sich der grimmige Zweifel der Erde.