Luther Burbank,
der König der Gärtner.
Burbank ist der Pflanzenzauberer von Kalifornien. Er hat mehr neue Blumen und Früchte geschaffen als irgendein anderer lebender Mensch. Er ist der König der Gärtner.
Er hat die Rosen gelehrt, ohne Dornen zu wachsen, und den Kaktus, ohne Stachel.
Er hat die Kartoffel gelehrt, größer zu werden, und die Kirschen, ihren Samen nach außen zu verlegen.
Er erzog die Margueriten des Chastertals zu großen, leuchtenden, reinweißen Blumen.
Er hat wissenschaftliche Verwaltung auf die Gartenkunst angewendet und Ergebnisse erzielt, die die Welt in Erstaunen versetzten.
Er hat zahlreiche neue und bessere Abarten von Früchten, Blumen, Gemüsen und Sträuchern hervorgebracht.
Er ist
der Edison des Gartens,
die höchste Autorität in der Welt für Boden und Bodenprodukte.
Er ist über 75 Jahre alt, ein zarter, schlanker, glattrasierter Mann mit schneeweißem Haar und freundlichen Augen.
Wie alle Leute, die der Beachtung wert sind, ist er arm geboren. Sein Vater war ein Anglo-Amerikaner, der auf einer kleinen steinigen Farm in Neu-England mühselig sein Leben fristete.
Der arme kleine Luther hatte kein Geld — keine Gesundheit — wenig Schulbildung und keine wie immer gearteten Vorteile.
Er dachte nicht daran, daß er irgendeine Art Genie sei, ließ sich zunächst vom Strom treiben und versuchte nur, einen bescheidenen Lebensunterhalt zu erwerben.
Er arbeitete um 50 Cent per Tag in einer Pflugfabrik. Dann bekam er eine etwas bessere Stellung in einem Möbelgeschäft.
Aber er fand bald heraus, daß er sich weder zum Fabrizieren noch zum Verkaufen eignete. Er beschloß, Arzt zu werden, und begann Medizin zu studieren.
Dann, mit 26 Jahren, erkrankte er an einem Sonnenstich, der seinem Leben beinahe ein Ende machte.
Krank, arm und freundlos ging er nach Kalifornien. Er hatte keinen Beruf. Er war kein gelernter Arbeiter. Er war ein Farmarbeiter, nicht mehr.
Zunächst fand er niemanden, der ihm Arbeit geben wollte. Um sich vor dem Verhungern zu schützen, reinigte er Hühnerhäuser.
Endlich wurde er als Hilfsarbeiter in einer Baumschule angestellt, aber sein Lohn war so niedrig, daß er gezwungen war, in dem Glashaus zu schlafen.
Dadurch holte er sich ein Fieber und kam kaum mit dem Leben davon. Wirklich wurde er nur durch die Güte einer alten Frau gerettet, die ihm täglich mehrere Wochen lang einen Liter Milch brachte.
Wieder zu Kräften gekommen, fand er eine bessere Stellung. Er sparte den größten Teil seines Lohnes und kaufte eine eigene kleine Baumschule.
Dann kam seine erste Chance — ein reicher Obstzüchter bot eine große Summe Geldes demjenigen, der ihm innerhalb 10 Monaten 20 000 junge Pflaumenbäume liefern könne.
Alle Baumschulen sagten: »Unmöglich.« Niemand wollte sich der Aufgabe unterziehen, nicht einer — außer Burbank.
In 6 Monaten lieferte er 19025 junge Bäume ab — eine Höchstleistung. Er gewann den Preis. Noch besser, er wurde mit einem Male als
der tüchtigste Baumzüchter in Kalifornien
berühmt.
Seine Baumschule blühte auf. Jetzt ist sie in der ganzen Welt unter dem Namen »Burbanks Versuchsfarm« in Santa Rosa (Kalifornien) bekannt.
Im Verlauf der letzten 12 oder 15 Jahre haben ihm reiche Leute ein wenig geholfen; aber in seinen jungen Jahren half ihm niemand — niemand außer der armen alten Frau, die sein Leben rettete.
Er war immer gebrechlich. Noch vor zwanzig Jahren sagten ihm die Ärzte, daß er nur noch 18 Monate zu leben habe. Aber Burbank lächelte nur und ging drei Wochen in die Berge zum Ferienaufenthalt.
Vierzig Jahre lang hat er täglich 10 bis 14 Stunden gearbeitet. Auf diese Weise wurde er ein »Zauberer«.
Er glaubt nicht an Feen oder glückliche Zufalle. Das Geheimnis seines Erfolges, sagte er, ist ausschließlich harte Arbeit und Ausdauer.
Er hat verschiedene neue Abarten Pflaumen entwickelt — die Gold-, Wickson-, Apfel-, Oktober-, Amerika-, Chalco-, Santa Rosa-, Formosa- und Climax-, von größeren Abarten die Grant-, Splendour-, Zucker-, Standard- und endlich die kernlose Pflaume. Von neuen Rosen zog er die Peachblow, die Abundance, die Burbank und die Santa Rosa.
Nacheinander schuf er neue Abarten von Äpfeln, Pfirsichen, Nüssen, Beeren, Gräsern, Getreiden und Gemüsen.
Er schuf eine Frucht, die etwas vollkommen Neues ist und die er »Blumcot« nannte.
Zur Zeit führt er sechstausend Versuche durch, und jährlich zieht er eine Million Pflanzen, um sie auszuprobieren.
So wenig Schulbildung er hatte, ist er jetzt der angesehenste Professor der Leland Stanford-Universität. Er liest über Erziehung und Evolution.
Er hat den langen Bericht seiner Methoden und Entdeckungen in zwölf Bänden veröffentlicht.
Er war so von seiner Arbeit erfüllt, daß er erst vor drei Jahren sich verheiratete.
Seine Baumschule war sein Heim und sein Geschäft.
Burbank ist fasziniert von den Pflanzen und ihren Möglichkeiten. Er liebt es, ein Unkraut oder eine ganz gewöhnliche Pflanze zu nehmen und sie zu einer höheren Form zu entwickeln.
Er liebt es, der Natur einen kürzeren Weg zu zeigen — eine schnellere Methode zur Entwicklung.
Er hat seine Baumschule zu einer bedeutenden Universität der Gartenkunst gemacht. Er hat das Geheimnis der Erziehung von Pflanzen und Bäumen gelöst.
Er findet, daß Pflanzen außerordentlich den Massen gleichen. Manche lassen sich belehren und andere nicht.
Es gibt z. B. bestimmte Arten Palmen, denen man nichts beibringen kann. Sie können nicht verbessert werden. Sie wehren sich hartnäckig gegen eine höhere Daseinsform.
Burbank hat sehr bestimmte Ansichten über Erziehung: kein Kind solle mit Büchern gequält werden, bevor es mindestens zehn Jahre alt ist. Es sollte seine erste Belehrung im Kindergarten, im Feld und auf dem Spielplatz erhalten.
»Es ist ein Verbrechen gegen die Natur,« sagte er, »die zarte Menschenpflanze zu nehmen und ihre geistige Entwicklung vorzeitig in der Gewächshausatmosphäre des Schulzimmers zu forcieren.«
Burbank ist niemals gereist. Er fand keine Zeit dazu. Aber weise Männer aus allen Weltteilen kamen nach Kalifornien, um ihn in Santa Rosa zu besuchen.
Er hatte ein Leben des höchsten Erfolges. Er begann in einer Höhle der Armut und Krankheit, um zu einem Gipfel des Ruhms, des Reichtums und des Dienstes an seiner Nation aufzusteigen.
Und nie zu vergessen — niemand half ihm — niemand, außer einer armen Frau, die ihm im Namen Christi einige Glas Milch schenkte.