Gott Zebaoth, wende dich doch, schaue vom Himmel, und siehe an und suche heim diesen Weinstock und halte ihn im Bau, den deine Rechte gepflanzet hat und den du dir festiglich erwählet hast!
(Psalm 80, 15. 16.)
Einleitung.
Wenn zur Zeit vor der Reformation Christus einmal durch die Christengemeinden unseres großen Vaterlandes gewandelt wäre, hätten ihm gewiß oft die Thränen in den Augen gestanden wie damals, als er auf seine liebe Stadt Jerusalem schaute, die nicht bedenken wollte, was zu ihrem Frieden diente. Was war aus der Kirche, aus ihren Wächtern, Dienern und Hirten geworden? Was hatte man aus dem Gotteswort, wie es einst der Heiland verkündet, was hatte man aus der Predigt der Apostel gemacht?
Nicht als der treue Heiland, nicht als der gute Hirte, nicht als der Mittler, in dem allein unser Friede und Trost im Leben und im Sterben ruht, wurde Christus den Leuten gepredigt. Er war der strenge Richter. Wer von seinem harten Urteilsspruch verschont bleiben wollte, mußte seine Zuflucht zu Maria und anderen Heiligen nehmen.
Aber lehrte denn Gottes Wort nichts Anderes von Christus? Ja, wenn man nur auf den Kanzeln Gottes Wort verkündigt hätte! Aber statt das teure, lautere Evangelium zu predigen, erzählte man in der Kirche allerlei Heiligengeschichten und Legenden — »Lügenden« pflegt sie unser Luther zu nennen.
Und wie wenig stimmte des Papstes Herrlichkeit und Macht mit dem Bilde Christi und seiner Apostel überein! Zwar sagte der Papst, er sei der Nachfolger des Apostel Petrus, ja sogar der sichtbare Stellvertreter Christi auf Erden. Christus freilich hatte eine Dornenkrone getragen und gesagt: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« (Joh. 18, 36). Der Papst aber trug eine dreifache Krone, nicht von Dornen, sondern von purem Golde mit Edelsteinen besetzt. Damit wollte er andeuten, daß seine Macht nicht nur über die Erde, sondern auch bis in den Himmel und bis ins »Fegefeuer« reiche. Der Papst und seine Bischöfe waren reiche Leute, und Kirchen und Klöster strotzten von Gold und Silber. Des Menschen Sohn aber hatte nichts gehabt, wohin er sein Haupt legte, und seinen Jüngern befahl der Herr: »Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euern Gürteln haben« (Matth. 10, 9). Wer den Papst besuchte, mußte ihm zum Zeichen tiefster Ehrerbietung die Füße küssen. Christus aber hatte seinen Jüngern die Füße gewaschen und dann gesprochen: »Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr thut, wie ich euch gethan habe« (Joh. 13, 15).
Unser Heiland sandte seine Jünger aus, das Evangelium zu predigen. Sie sollten den Menschen den höchsten und wichtigsten Dienst leisten: ihre Seelen dem Herrn zuführen. Wer ihn gefunden hat, der hat Frieden und einen Zugang zum Vater. Damals aber hatten sich die Priester zwischen Gott und die Christenseele gedrängt. Nur wer dem Priester oder der Kirche gehorchte, wer that, was diese ihm befahlen, der konnte zu Gott kommen und selig werden. Christus aber hatte gesagt: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich« (Joh. 14, 6).
Was müssen das für herrliche Stunden gewesen sein, wenn sich die Leute um den großen Prediger Jesus Christus sammelten und er erzählte von seinem himmlischen Vater und vom Reiche Gottes! Da blieb keine Seele ohne Speise von oben her, wenn sie sich nur nicht der köstlichen Rede des Heilands verschloß. Wie manches Auge strahlte da von Friede und Freude, weil das Herz es erfahren: Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben! Und jetzt stand ein Priester in prächtigem Gewande vor dem Altar und redete in einer fremden Sprache, und, kam einer, wie der Zöllner im Tempel und hätte gern Frieden gefunden am Herzen Gottes, so wies der Beichtiger ihn nicht zum Kreuze, da Gottes Lamm der Welt Sünde getragen, sondern legte ihm allerlei Bußübungen auf. Es war vergessen, was der Apostel Paulus schreibt: »Der Gerechte wird seines Glaubens leben« (Gal. 3, 11) und: »So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben« (Röm. 3, 28).
Christus ist selbst der fleißigste Arbeiter gewesen. Wie hat ein Paulus gearbeitet — bei Tage das Evangelium predigend und dann bis in die Nacht hinein durch seiner Hände Arbeit das tägliche Brot verdienend! Jetzt aber sagte man: Der Mönch, der mit dem Bettelsack auf der Schulter die Straße auf und ab zieht und Gaben für das Kloster zusammenträgt, ist ein viel trefflicherer Mann und gilt vor Gott mehr als ein Vater, der sich's für Weib und Kinder sauer werden läßt. Und die Nonne, die in ihrer Zelle sitzt oder in der Kirche fromme Lieder singt, kann stolz herabsehen auf die Mutter, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf das Wohl ihrer Kinder bedacht ist und mit treuer Sorge ihr Haus in Ordnung hält.
Wohl hatte mancher fromme Mann darum getrauert, daß die Kirche nicht mehr das war, was sie einst in den Zeiten der Apostel gewesen. Wohl waren Stimmen laut geworden, die auf die Heilige Schrift wiesen und aufforderten, zur Schlichtheit der alten Kirche zurückzukehren. Aber immer war es dem Papst und seinen Bischöfen gelungen, solche Männer auf die Seite zu schieben und derartige Stimmen zum Schweigen zu bringen. Zu Tausenden haben die biederen Waldenser auf dem Scheiterhaufen das Leben für ihren Glauben gelassen und im Jahre 1415 erlitt Johann Huß den Feuertod.
Aber trotzdem schauten gläubige Herzen hoffnungsfreudig in die Zukunft. Der Herr hatte es ja selbst verheißen: »Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!« (Matth. 28, 20). Und was vermag der Feinde Macht und List, wenn der Herr auf dem Plan ist! »Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht!« (Luk. 21, 33). So mußte doch die Zeit kommen, wo der Herr sich seiner Kirche erbarmen und Gottes Wort, jetzt verfolgt und unterdrückt, wieder lauter und rein verkündet werden würde.