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Die Flucht der Beate Hoyermann cover

Die Flucht der Beate Hoyermann

Chapter 11: 10
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About This Book

Die Erzählung begleitet Beate Hoyermann, die mit ihrem Mann in fernen Gegenden lebt, und schildert ihr Ringen zwischen Fremdheitserleben und kultureller Neugier. Sie beobachtet Sitten und Menschen, bemüht sich um Sprachkenntnisse und sucht zärtliche Verbindungen zu Dienenden und Reisenden, während kleine Abenteuer wie rasante Fahrten und die Rivalität lokaler Fuhrleute den Alltag durchziehen. Ein schwerer Krankheitsfall des Mannes führt zu existenziellen Prüfungen und Entscheidungen über Aufenthalt und Rückkehr. Stilistisch verbindet die Darstellung genaue Beobachtungen von Landschaft und Gesellschaft mit reflektierenden Passagen über Identität, Sehnsucht und die Schwierigkeit, an fremdem Ort Wurzeln zu schlagen.

[S. 361]

10

Beate hatte einen wunderschönen Traum.

Sie stand auf einem Turm — oder der schmalen Spitze eines Berges, schwindelfrei, leicht und glücklich, und fühlte den Wind, der ihr weich um die Schläfen spielte. Unter ihr in grenzenloser Tiefe lagen Wälder, Felder, Wiesen; die Obstbäume blühten. Über einen blanken, blauen See glitt ein weißes Segel — das sah sehr lieblich aus.

Und mit einem Male tauchten aus dem blanken, blauen See Hunderte und Hunderte von weißen Schwänen auf, als würde jede Welle, die das Boot mit dem gleitenden Segel schuf, zu einem weißen Schwan. Und die weißen Schwäne hoben sich aus dem Wasser und flogen mit einem weiten, starken Flügelschwung aufwärts und der Höhe entgegen, auf der Beate stand. Es waren ihrer so viele, daß sie zusammen wie eine einzige schimmernde Wolke erschienen, und sie flogen einmütig und schön zu einem Ziele.

Aber als sie näher kamen, verwandelten sie sich abermals und wurden zu Hunderten und[S. 362] Hunderten von Flamingos, deren Gefieder die Farbe von milden Rosen hatte. Und sie erreichten Beate und schwebten um sie her, immer engere Kreise ziehend — und endlich waren sie ihr so nahe, daß ihre Schwingen Beatens Füße streiften.

Und in diesem Augenblick schien der Berg oder der Turm, auf dem sie gestanden, unter ihr wegzusinken, und sie schwebte frei in der Luft, getragen und gehütet von den rosenroten Schwingen der Wundervögel. Und sie ließ sich ruhig sinken und lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken und fühlte die ganze tiefentzückte Seligkeit des Fliegens, das die Vögel selber haben, wenn sie die Luft mit ihrem klingenden Schrei erfüllen ...

Und dann erwachte sie ...

Sie war nicht ohnmächtig gewesen, o nein; sie hatte ganz einfach geschlafen. Köstlich geschlafen wie ein Kind ... Es war ihr nur nicht ganz klar, wie sie in das Bett geraten war, in dem sie diesen kostbaren Schlaf vollbracht hatte ... Sie hob den Kopf und sah sich um.

Das war nicht so leicht. Sie mußte über einen Berg von Federbetten hinweg — oha! was für Federbetten! Jedes wog einen Viertelzentner, schlecht gerechnet. Und dann hatte sie einen Wärmkrug an den Füßen; das war sehr mollig. Im übrigen konnte sie von ihrem Asyl[S. 363] nichts entdecken als den spielenden Feuerschein an der niedrigen, schneeweißen Decke, als die rosenroten Rosen und die himmelblauen Vergißmeinnicht, die, von sinnigen Sprüchen umrahmt, im Innern der mächtig hohen Bettstatt gemalt waren, als ein Fenster, das die Eisblumen in funkelndes Kristall verwandelt hatten — und einen Riesenschrank, gleichfalls herzerfrischend bemalt und mit einem Schlüssel abgeschlossen, der dem St. Peters an der Himmelspforte an Gewicht wenig nachgab.

All das war schön; aber das Schönste war, daß draußen vor der Türe jemand in scharfem Flüsterton sich folgendermaßen äußerte: »Damliches Kamel, mußt du mit deinen Riesenlatschen auftrampeln wie'n Nilpferd —?!«

Herrgott, war das schön ...

Mit einem schluchzenden Lachen wandte Beate den Kopf zur Wand. Ach —! sie war glücklich! Sie war glücklich! Daheim war sie ... daheim ...

Liebes damliches Kamel, trample du ruhig auf, soviel es dir Freude macht ... Wenn du mich zu solchem Erwachen weckst, dann soll dich keiner darum schelten ...

Sie war so munter, als hätte sie vierundzwanzig Stunden geschlafen; nur die Glieder schmerzten sie und hingen an ihr wie taub. Nun, man macht nicht umsonst einen Flug von tausend[S. 364] Kilometern, vom Herzen Rußlands bis nach Deutschland hinein. Aber das schadete nichts. Sie war auf ihre Schmerzen so stolz, als seien die ihre Erfindung ...

Sollte sie rufen? Nein ... Sie war sehr geneigt, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Alles, was kam, mußte schön sein ... Denn sie war daheim — sie war daheim ... Wenn sie ein Vogel gewesen wäre — sie hätte sich aus den drei Worten ein Liedchen gemacht und es unaufhörlich gesungen.

Noch eine kleine Weile — nur noch eine kleine Weile in diesem lässigen Hingegebensein ...

Dann wollte sie fort. Es konnte sie ja keiner mehr hindern, in ihrer Heimat zu wandern, wohin sie wollte. Wohin wollte sie? Nach Berlin ... Da gab es Menschen, die ihr sagen würden, wo Gerhard war ... Und wenn sie ihr sagen mußten, daß er nicht nach Deutschland gelangt sei ... Nun, dann würde sie auf ihn warten und in der Zwischenzeit beide Hände kräftig rühren. Arbeit gab es genug ... Und sie war nicht umsonst zwei schwere Jahre lang die beste Kraft in Doktor Heßreuters Klinik gewesen.

Und wenn sie hören würde, Gerhard sei zurückgekommen und ins Feld — und sei gefallen ...

Ja so ... ja ...

Es war noch nicht die Zeit, von weißen[S. 365] Segeln und Schwänen zu träumen; noch nicht die Zeit der sieghaften Gewißheit. Nur des Hoffens — nur des Hoffens. Und der Arbeit und der Zuversicht ...

Leise und noch ein wenig mit zerschlagenen Knochen stand sie auf, flocht sich das Haar und tauchte mit halbem Leibe hinein in ein Ungetüm von Waschschüssel, deren herzerfrischender Inhalt sie völlig munter machte. Sie kleidete sich an und öffnete die Stubentür. Der Gang davor war mit roten Ziegeln ausgelegt, und es duftete im Hause nach Holzbrand und frischem Kaffee.

Ihr gegenüber war ein weißes Schild über der Türe angebracht, darauf stand: Gastzimmer. Sie war also in einem kleinen Wirtshaus. Sehr schön! Dann würde sie ja wohl auch endlich etwas in den Magen bekommen. Das hatte sie redlich verdient.

Sie trat in das Gastzimmer; eine kleine vergnügte Glocke über der Tür verkündigte ihren Eintritt mit lang anhaltendem Gebimmel. Die Stube war leer; aber ein breites Fenster, das von ihr nach der Küche zu führte, wurde schleunigst aufgeschoben, und eine kleine, dicke Wirtin mit Backen wie die blankgeriebenen Weihnachtsäpfel, einem blonden Ringelzöpfchen hoch droben auf dem Kopf und dem gutmütigsten Lächeln von der Welt fragte aufmunternd, ob die gnädige Frau was zu essen haben wollte.

[S. 366]

»Und ob!« antwortete Beate.

Die beiden Frauen lachten sich an; warum Beate lachte, das wußte sie. Aber die liebevolle Fröhlichkeit der Wirtin konnte sie sich nicht recht erklären. Doch sie tat ihr zu wohl, als daß sie sich versucht gefühlt hätte, nach ihrer Ursache zu forschen.

Während sie auf das Essen wartete, kniete sie auf der Bank am Fenster und hauchte ein Guckloch in die Eisblumen hinein. Sie wußte nicht, wo sie war. Das brauchte sie vorläufig auch noch nicht zu wissen. Innerhalb der deutschen Grenze — das war genug. Sie kam sich vor wie eine Prinzessin, die durch die Luft entführt wurde und im Unbekannten landete. Doch war der Empfang ein zu liebevoller gewesen, als daß sie sich um das Weitere hätte sorgen müssen.

Sie dachte an Kyrill Petulikow; wo der wohl stecken mochte. Sie hatte ihm noch nicht einmal gedankt. Und sie schüttelte den Kopf über sich selbst, weil sie fühlte, daß dieser Mann, der sein Leben für sie gewagt hatte, der sie mit einem kleinen Vermögen freikaufte und sein Besitztum um ihretwillen der Plünderung und dem Brande überließ — der sie liebte mit einer großen Liebe, ehrfürchtig und ernst, — daß der nun aus ihrem Leben gehen würde — und es schmerzte sie nicht.

[S. 367]

Das Gefühl, das sie für ihn hegte und über das sie sich klar werden wollte, war nicht frei von einem schmerzlichen und ungeduldigen Zorn. Wie alle glücklichen Menschen hielt sie das Glück für eine Willenssache und vergaß, daß es eine Eigenschaft ist wie jede andere auch.

Über ihrem Grübeln hatte sie nicht gehört, daß die Türe aufgegangen war, und wandte sich erst, als sie angerufen wurde.

»Guten Morgen, Mascha!«

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

»Guten Morgen, guten Morgen, Kyrill Iwanowitsch! Wie geht es Ihnen?«

»Wie geht es Ihnen, Mascha?« fragte er lächelnd dagegen und hielt ihre Hand fest.

»O Kyrill Iwanowitsch — ich bin in Deutschland ... Was soll ich Ihnen weiter sagen?«

»Nichts, nichts — das ist genug, nicht wahr? Sie sehen wohl aus, Gott sei Dank! Und Sie haben rund zwanzig Stunden geschlafen ...«

»Nein!«

»Ja ... Sie taten recht daran. Sie haben wahrhaftig genug hinter sich, Mascha, meine liebe Schwester ...«

Sie sah ihn an. Nun ergriff er sie doch mit seinem russischen glücklosen Lächeln, das voller Güte war. Aber Beate Hoyermann hatte eine ehrliche Seele.

»Seien Sie nicht so freundlich zu mir, Kyrill[S. 368] Iwanowitsch,« sagte sie und rüttelte leise seinen Arm. »Kurz ehe Sie kamen, war ich in meinen Gedanken ungerecht gegen Sie.«

»Das können Sie nicht sein, Mascha.«

»Doch, doch, doch —! Kommen Sie mir jetzt nur nicht mit Ihrer russischen Gottähnlichkeit aus der Karwoche! Ich war ungerecht, denn niemand kann aus seiner Haut heraus — und obwohl ich das weiß, hatte ich eine kleine Wut auf Sie ...«

»Warum, Mascha?«

»Warum ... Weil Sie unglücklich sind, Kyrill Iwanowitsch — darum!«

Sein Lächeln verstärkte sich.

»Machen Sie mir daraus einen Vorwurf?« fragte er und setzte sich ihr gegenüber.

»Ja — gewiß! Lieber Kyrill, manchmal habe ich Sie im Verdacht, daß Sie in Ihre Traurigkeit verliebt sind.«

Er wiegte den Kopf. Er lächelte, und seine rechte Hand, die auf dem Tische lag, zeichnete die Maserung des Holzes nach.

»Vielleicht haben Sie da gar nicht Unrecht, Mascha,« antwortete er. »Es liegt dem Russen vielleicht im Blute. Was können wir dafür? Wir sind kein fröhliches Volk und haben gute Gründe. Aber wir haben uns daran gewöhnt und lieben unsere Schwermut, wie andere Völker ihre Laster lieben. Das heißt, wir haben aus der[S. 369] Not eine Tugend gemacht ... Vielleicht kommt für uns einmal eine Zeit, in der wir von uns selbst erlöst werden ... Dann werden wir glücklich sein und unser Glück lieben. Jetzt sind wir noch sehr weit davon entfernt ... Lassen Sie uns nur, Mascha, liebe Schwester — und vor allem: lassen Sie mich. Es ist alles gut, wie es ist ... Und das Maß meiner Traurigkeit, die Sie mir zum Vorwurf machen, geht nicht über die Grenze hinaus, an der die Schönheit verletzt wird. Wenn ich mich nie in schlechterer Gesellschaft befinde als in der meiner Schwermut, so will ich ganz zufrieden sein ...«

»Ich habe Sie verletzt,« sagte sie leise. Die Tränen traten ihr in die Augen.

»Gott im Himmel, Mascha — nein! Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?«

»Ich bin ungeschickt, ich weiß es,« fuhr sie fort und senkte den Kopf mit der Betrübtheit eines Kindes. »Ich möchte Ihnen helfen und weiß nicht, wie ich es anfangen soll. Ich möchte Sie fröhlich sehen und finde den Weg nicht dazu.«

Er beugte sich über den Tisch und nahm ihre Hand, die er mit einer sanften und schönen Bewegung an seine Stirn hob, wo er sie festhielt.

»Sie wissen den Weg wohl, aber Sie gehen ihn nicht und werden ihn nie gehen,« sagte er mild. »Und das ist herrlich an Ihnen, Mascha,[S. 370] daß Sie auch die kleinste Gebärde der Liebe nicht an das Mitleid oder die Freundschaft — oder die Dankbarkeit verzetteln ... Ich liebe Sie darum — ich liebe Sie um dieses leisen Zuckens willen, mit dem Sie Ihre Hand aus meiner befreien wollen ... Nun gebe ich sie frei — und Sie nehmen sie fast eilig zurück, wie das anvertraute und gefährdete Eigentum eines Dritten. Warum weinen Sie, Mascha, meine liebe Schwester? ... Sie sind sehr schön, so wie Sie sind ... und unverletzlich in Ihrer Schönheit ... Darum liebe ich Sie ...«

Beate hatte den Kopf auf die Hände gesenkt und ihre Augen geschlossen.

»Seien Sie still, Kyrill Petulikow,« sagte sie flüsternd.

Er schwieg.

In dem warmen, weiten Zimmer tickte die Uhr eilfertig. Der Kuckuck sprang aus dem Häuschen und rief zwölfmal. Kyrill Petulikow schaute und horchte ihm zu und lächelte.

Die Wirtin kam herein und brachte die Teller und Schüsseln auf einem Brett, auf dem ein Kalb Platz gehabt hätte. Und während sie ihre Schätze vor den zweien ausbreitete, strahlten ihre wasserblauen Augen mit einem Ausdruck unverkennbar mütterlichen Stolzes auf Beate Hoyermann.

»Gesegnete Mahlzeit!« wünschte sie, strich[S. 371] mit der flachen Hand über das schimmernde Tischtuch und ging davon.

»Wenn ich nur wüßte,« fing Beate an und füllte die Suppe auf, »warum mich die gute Frau so verklärt anguckt ...«

»Darüber dürfen Sie sich nicht wundern,« antwortete Kyrill Iwanowitsch. »Sie sind hierzulande eine Berühmtheit geworden, Mascha ...«

»Nein!« sagte Beate in großer Verblüffung.

»... und Sie haben alle Aussicht, es immer mehr zu werden.«

»Gott soll mich bewahren,« sagte die Frau. »Wie kommen Sie auf die Vermutung?«

»Lesen Sie!«

Er stand auf und holte aus seinem Mantel eine schon ziemlich verwitterte Zeitung — eine Nummer der »B. Z.« vom Anfang November.

»Was soll ich damit?« fragte Beate kopfschüttelnd.

»Lesen Sie nur, Sie werden schon finden, worauf es ankommt ... Außerdem war der Herr, der mir die Zeitung überließ, so freundlich, den Artikel anzustreichen ...«

Beate entfaltete das Zeitungsblatt mit aller gebotenen Vorsicht, denn es war gewiß schon durch mehr als hundert Hände gegangen und hielt nur noch durch gütige Unterstützung von Briefmarkenschnitzeln. Auf der dritten Seite stand ein rot angemerkter Aufsatz. Er trug die[S. 372] Überschrift »Als Heizer und Stewardeß nach Deutschland zurück« und war unterzeichnet Chr. Ty.

»Tystendal!« rief Beate und ließ die Zeitung fallen vor Überraschung. »Christian Tystendal, der Schwede!«

»Richtig.«

»Ja aber ...« Beate überlas die ersten Zeilen und unterbrach sich von neuem. »Wie kommt diese Schilderung unserer Flucht aus Japan in die ›B. Z.‹? Und wie kommt Tystendal dazu, unsere allerprivateste Angelegenheit in die Öffentlichkeit zu bringen?«

»Nun, Mascha — eine Tat, die einer Gesinnung entspringt, auf die ein ganzes Volk stolz sein kann, die darf man wohl getrost in die Öffentlichkeit bringen; außerdem sind Ihre Namen nicht ausgeschrieben, wie Sie bemerken werden ...«

»Gut. Aber Tystendal selbst — was hat er mit der Berliner Presse zu tun?«

»Er ist Berichterstatter einer führenden schwedischen Zeitung, meine liebe Mascha, und als solcher im Hauptquartier des Ostens wohl bekannt und gelitten.«

»Sie scheinen sich sehr geschwind in deutschen Verhältnissen zurechtgefragt zu haben,« meinte Beate, mehr erstaunt als erfreut.

»Das war nicht schwierig,« antwortete Kyrill[S. 373] Petulikow. »Man kam mir mit soviel Liebenswürdigkeit entgegen, als sei ich Ihr Bruder. Wir haben — das heißt, meine Begleiter und ich — eine ebenso interessante wie schöne Autofahrt gemacht, und ich bin mit dem Bescheid entlassen worden, daß mein Flugzeug zwar bis zum Friedensschluß in deutschem Gewahrsam bleiben wird — daß meiner eigenen Abreise aber durchaus nichts im Wege steht ... Nur hat man mir in meinem Interesse geraten, den Weg über ein neutrales Land zu nehmen. Ich glaube, die Herren haben Recht. Die Eisenbahnen der russischen Westgrenze dürften in der nächsten Zeit nicht eben zu den sicheren Verkehrsmitteln gehören.«

»Sie reisen also über Schweden?«

»Ja.«

»Und wann, Kyrill Iwanowitsch?«

»Sobald ich weiß, daß Sie meiner nicht weiter bedürfen ...«

Er wartete, ob sie eine Bemerkung machen würde, aber Beate schwieg.

»Ich habe den Herren, die uns hier — gleichsam — aufgenommen haben, Ihre Geschichte erzählt,« fuhr der Russe fort. »Ich glaube, keiner ist darunter, der es sich nicht zur Ehre rechnen würde, Ihnen zu Diensten zu sein ...«

»Danke,« sagte Beate. »Ich bedarf keines Dienstes mehr, als daß man mir zur nächsten[S. 374] Bahnstation verhilft und mich gewissermaßen auf Reichskosten nach Berlin befördert. Vorläufig bin ich mit Tystendal noch überquer. Ich mag mich nicht anstarren lassen wie ein Kalb mit zwei Köpfen ... Er hätte seinen Schnabel halten können! Was eine Tat der Liebe zu meinem Mann und meinem Vaterlande war, wird dadurch ein wenig zum Abenteuer. Das hätte er bedenken müssen. Und — das habe ich nicht verdient ...«

»Seien Sie nicht kleinlich, Mascha,« sagte der Russe freundlich. »Wenn ich an Tystendals Stelle wäre, würde ich es ebenso machen. Was schön ist, das soll man bei Namen nennen — und laut genug, daß die Menschen darauf hören. Tapferkeit steckt an. Das wissen Sie, nicht wahr? Daß Sie die Tapferkeit Ihrer Liebe hatten, wird vielleicht bei vielen, die davon hören, zur Hilfe werden in einem guten Kampf. Das kann Sie nicht kränken ...«

»Wenn man's so betrachtet ...«

»So betrachten es alle, mit denen ich von Ihnen sprach.«

Kyrill Petulikow war aufgestanden und blickte auf die Frau hinab. Sie sah ihn mit zurückgebogenem Nacken an und hatte feuchte Augen.

»Mein guter Freund,« sagte sie.

Es war eine Weile still zwischen ihnen.

»Nun will ich Ihnen Lebewohl sagen,[S. 375] Mascha,« sprach er dann mit einer ganz verhaltenen Stimme, und sein sanftes Lächeln blieb ihm treu. »Ich nehme zum zweiten Male Abschied von meiner Schwester. Aber Sie leben und werden glücklich sein, Gott sei Dank ... Leben Sie wohl ...«

»O Kyrill — nicht so schnell!« sagte Beate erschrocken und heiser. Sie hielt ihn zurück. Ganz plötzlich empfand sie die Unerträglichkeit des Gefühls, mit leeren Händen vor einem Menschen zu stehen, der gibt und gibt, ohne je zu empfangen.

»Was sollte ich länger bleiben, Mascha? Sie bedürfen meiner nicht mehr. Und — man hat mir sehr viel Vertrauen erwiesen. Das will ich nicht mißbrauchen. Ich reise noch heute in der Begleitung einiger verwundeter Offiziere, die auf Urlaub ins Innere des Landes fahren. Sehr bald werde ich Deutschland verlassen haben, und sehr wahrscheinlich auf immer. Wir werden uns nicht wiedersehen; und das ist gut ...«

»Kyrill, Kyrill, wie soll ich Ihnen jemals danken!« flüsterte Beate. Jetzt hielt sie seine beiden Hände und sah ihn durch Tränen hindurch unablässig an. Aber es waren keine bitteren Tränen; das fühlte er.

»Würden Sie mir danken, wenn ich das große Los gewonnen hätte?« fragte Kyrill Petulikow lächelnd.

[S. 376]

»Ach nein, mein Freund ...«

»Nun, warum danken Sie mir dann? Ich habe Sie in Ihre Heimat bringen dürfen. Mein Leben hat seinen Zweck erfüllt. Er war sehr schön und seine Erfüllung vollkommen. Ich bedarf nichts mehr. Leben Sie wohl ...«

Beate erwiderte nichts. Ihre Lippen zitterten sehr.

»Eins möchte ich wissen,« fuhr Kyrill Iwanowitsch etwas verträumt fort. »Ich möchte wissen, wie Sie in Wahrheit heißen ...«

»Beate ...«

»Beate ... — heißt das nicht: die Glückselige?«

»Ich glaube, mein Freund ...«

»Das ist sehr schön ... Glückselige — Beate ... leben Sie wohl.«

Er küßte ihre Hände und wandte sich zum Gehen.

»Sie werden mir schreiben, Kyrill Iwanowitsch?« fragte die Frau sehr bittend.

Er lächelte.

»Vielleicht, Beate ...«

Ihre Hände lösten sich von den seinen. Er ging. Die Türe schloß sich hinter ihm. Und Beate wußte, während sie seine Schritte sich entfernen hörte, daß Kyrill Iwanowitsch Petulikow ihr niemals schreiben würde und daß dieser Mensch, der ein Russe war und ein Geschöpf[S. 377] der unerfüllbaren Träume, aus seinem Leben gehen würde, wie andere Menschen aus dem Zimmer gehen. Sie hielt ihn nicht zurück; denn sie fühlte, daß sie dazu kein Recht besessen hätte ...

Ihre Trauer um ihn war ganz gelind und würde keine Narben hinterlassen. Sie war wie ein starker junger Vogel und ließ sich auf ihrem Flug ans Ziel nicht niederholen durch Mitleid mit den Flügellahmen. Sie schüttelte ihre Schwingen und flog und liebte die Sonne ...

Am Abend des nächsten Tages kam sie nach Berlin.

Und während sie mit dem Kraftwagen durch die Straßen fuhr — nach der Wohnung ihres Onkels —, las sie die Zeitungen und sah sich um, und das Herz lachte ihr im Leibe.

Und sie lachte übers ganze Gesicht, als sie vor dem alten Herrn stand, der die feldgraue Generalsuniform trug, geradeswegs aus dem Kriegsministerium kam und den Kopf so voll hatte, daß er den Besuch, den der Bursche meldete, ohne weiteres hinauswerfen lassen wollte. Aber Beate hatte bereits größere Schwierigkeiten überwunden. Sie nahm die Festung im Sturm.

»Guten Abend, Onkel,« sagte sie. »Für eine Nacht mußt du mir schon Quartier geben — morgen früh gehe ich von ganz allein —«

Sie wollte noch weiter sprechen, kam aber[S. 378] nicht dazu. Exzellenz von Köstmer, der beim ersten Wort, das sie in der Türe stehend sprach, einen Ruck bekommen hatte, machte jetzt drei Schritte auf sie zu, nahm sie in seine Arme und quetschte sie an seine Brust, daß ihr grün und blau vor den Augen wurde.

»Die Japanerin!« brüllte er entzückt. »Die Stewardeß von der ›Princeß of India‹!«

Er hielt sie auf Armeslänge von sich ab, betrachtete sie, der der Hut vom Kopfe gefallen war, mit herzlicher Begeisterung und fuhr fort: »Mädel, Mädel, was mich das gefreut hat! — Was mich das gefreut hat, wie ihr den Schweinepriestern eine Nase gedreht habt! — Ihr famose Bande, ihr —! Komm her! Ich muß dir, hol' mich der und jener — und ich muß dir noch 'nen Kuß geben!«

»Da hast du ihn!« sagte Beate ohne Zögern und küßte den begeisterten alten Herrn etwas eilig und ziellos mitten in sein rosiges Gesicht hinein. »Und jetzt sage mir, Onkel Gustav, woher du um unsere Flucht auf der ›Princeß of India‹ weißt —?«

»Wenn du mich noch mal Onkel Gustav nennst, liebes Kind, fliegst du zweimal in Arrest — erstens für den Onkel, zweitens für den Gustav. Man sagt jetzt nicht mehr Onkel, sondern Oheim in Preußisch-Berlin und Umgebung, das mußt du dir merken! Und Gustav ist scheußlich — einfach[S. 379] scheußlich —! Habe nie begriffen, wie meine gute Mutter es überleben konnte, mich mit diesem Namen behaftet auf Erden herumlaufen zu lassen ... Na, sie ist tot, die gute alte Haut — ich hab' es ihr vergeben, auch ohne es begriffen zu haben ...«

»Du wolltest mir erzählen, lieber Oheim — (uff!) — wie du zu der Kenntnis von unserer Flucht aus Japan gekommen bist,« mahnte Beate zurückrufend.

»Eure Flucht aus Japan —?« Exzellenz von Köstmer betrachtete seine Nichte über den Kneifer weg mit leichtem Erstaunen. »Aber liebes Kind, das hat doch in der ›B. Z.‹ gestanden — warte, ich hole dir die Nummer! Ich hab' sie mir aufgehoben, die Sache hat mir zu viel Spaß gemacht ...«

»Brauchst dich nicht zu bemühen — ich kenne sie schon,« sagte Beate etwas trocken. »Dieser verflixte Tystendal — dem wünsche ich den Kuckuck über den Hals ...«

»Tystendal — wer ist das?«

»Der Verfasser dieses unglückseligen Artikels!«

»Erlaube mal — was hast du gegen den Mann?!« Exzellenz von Köstmer ereiferte sich. »Das scheint mir im Gegenteil ein sehr netter junger Mensch zu sein! Und ein recht begabter auch noch! Der Artikel ist ganz famos geschrieben — wirklich ganz famos!«

[S. 380]

»Das bestreite ich nicht!« warf Beate ein. »Aber ich wünschte doch, er hätte es nicht so weit gebracht, daß ich von sämtlichen Menschen, die mich kennenlernen oder wiedersehen, als die Stewardeß von der ›Princeß of India‹ abgestempelt werde! Das ist Reklame! Und Reklame kann ich nicht leiden!«

»Es heißt nicht Reklame, sondern Anpreisung!« sagte Exzellenz von Köstmer geschwind. »Und außerdem, meine liebe Beate, bist du nicht recht gescheit! Ob es sich dabei um dich handelt oder nicht — darauf kommt es nicht im geringsten an! In dem Aufsatz heißt es wortwörtlich: ›Auf die Gesinnung dieser beiden Menschen, die alles daran setzten und alles wagten, um in der Stunde, da ihr Vaterland in Gefahr war, zu ihm zurückzukehren und ihm ihre Kräfte darzubieten — auf die kann das ganze deutsche Volk stolz sein!‹ — Und so ein Beispiel deutscher Gesinnung soll im Mustopp bleiben, bloß weil du eine beschränkte junge Dame bist? Nee, mein Mädel! Das muß in die weite Welt — so weit als irgend möglich! Wenn's irgend geht, bis nach Amerika und Asien hinüber! Damit sie die Augen aufsperren lernen, die Herren Feinde und Neutralen, soweit es noch welche gibt! Das schafft viel mehr Segen als aller andere Quatsch, der über Deutschland geschrieben wird und den doch kein Mensch glaubt! Laß du mir[S. 381] den Herrn Tystendal, oder wie er heißt, in Ruhe! Das ist ein ganz vortrefflicher Mann, dem meine volle Hochschätzung gehört! Und nun setze dich! Setze dich und erzähle! Wo kommst du her?!«

»Von Rußland.«

»Wieso?«

»Mit dem Flugzeug von Rußland ...«

»Schwerebrett noch mal!« Exzellenz von Köstmer rieb sich den blanken Schädel. »Das mußt du mir etwas näher erklären.«

Beate sah ein, daß sie nicht um einen ausführlichen Bericht herumkommen würde. Sie ergab sich und handelte ihre Erzählung herunter, so geschwind und knapp, als es nur irgend ging; aber die Zwischenrufe ihres Zuhörers verdoppelten die Geschichte. Endlich war sie fertig, holte tief Atem und sah den alten Herrn mit verwirrten Augen lächelnd an. Der schüttelte anhaltend den Kopf.

»Junge, Junge,« sagte er, »was habt ihr zwei für einen fabelhaften Dusel gehabt — einen ganz fabelhaften Dusel!«

»Wer — ihr zwei?« fragte Beate.

»Du und dein Mann.«

»Mein Mann?« Beate stand auf, als würde sie hochgezogen. »Onkel Gustav, was weißt du von meinem Mann?«

»Du sollst mich nicht Onkel Gustav nennen, zum Teufel —!«

[S. 382]

»Das ist mir jetzt vollständig egal, hörst du —! Sage mir! Sage mir, was weißt du von meinem Mann?«

»Aber geliebtes Kind, ich begreife gar nicht, warum du weinst!« Exzellenz von Köstmer sah unglücklich und geärgert aus. »Es ist ihm doch bisher ganz ausgezeichnet gegangen, Himmelelement —! Es ist doch nicht der geringste Grund zum Weinen vorhanden! Da auf demselben Stuhl, auf dem du gerade gesessen hast, hat er auch gesessen — vor zwei, drei Wochen ... und hat mir erzählt — gerade wie du: wie er nach der Versenkung der ›Princeß of India‹ von dem deutschen Kreuzer aufgenommen worden ist — dann später mit einem Dutzend anderer Fahrgäste von einem Norweger nach Rotterdam gebracht — netten Unsinn hat er den Kerls vorgeschwindelt, die das Schiff durchsucht haben — einen herzerfreuenden Unsinn, sage ich dir! — und dann nach Hause gefahren ... Ein bißchen ausgehöhlt erschien er mir — freilich, es war nicht einfach, was er erlebt hat ... aber die Augen haben ihm nur so gelacht ... Mädel, du kannst dir was einbilden auf deinen Mann! Wahrhaftig, das kannst du!«

»Das tu' ich auch!« sagte Beate und weinte heftig. »Und wo ist er jetzt? Wo ist er jetzt —?!«

»Wo er hingehört, mein Mädel — bei seinem alten Regiment!«

[S. 383]

»Und wo ist sein Regiment?«

»Da fragst du mich zuviel, mein Kind ... Wir leben in der Zeit der großen Truppenverschiebungen. Ob er im Westen oder Osten ist und ob er morgen noch an derselben Front ist wie heute, das kann ich dir nicht sagen. Aber gewiß ist, daß er bis zum heutigen Tage noch heile Knochen hat und ein tüchtiger Soldat und ein ganzer Kerl ist, daß seine Leute sich für ihn vierteilen ließen, wenn es darauf ankäme, und daß man höheren Orts bereits auf ihn aufmerksam zu werden beginnt. Das muß dir einstweilen genügen, mein Mädel ... Seine Adresse will ich dir geben; kannst ihm schreiben und ihm einen schönen Gruß von mir bestellen. Und im übrigen, Kind — warten, warten und hoffen ... Es ist die ganze Weisheit, die ich dir geben kann ...«

»Die taugt nichts, mein alter Freund,« sagte Beate und hob das Gesicht von den Händen. Sie richtete sich auf und sah sich um. »Wo hab' ich meinen Hut? Ich will noch heute abend zu Doktor Heßreuter. Der soll mir ein Zeugnis geben und mir einen Platz anweisen, wo ich die Hände rühren kann. Es ist mir gleichgültig, ob ich in einer Lazarettküche Kartoffeln schäle oder im Laboratorium Salben quirle oder Binden aufwickle oder sonst was. Ich will nur arbeiten; helfen will ich. Er wird mir schon sagen können, wo's am meisten not tut.«

[S. 384]

»Wie ich den Heßreuter kenne,« meinte Exzellenz von Köstmer, »wird er wissen, daß man Frauen wie dich nicht zum Kartoffelschälen oder Bindenwickeln verwendet; er wird dich dahin stellen, wo's hart auf hart geht, Beate. Hast du das bedacht?«

»Ich hoffe, daß er das tut,« antwortete Beate still.

»Dann Gott befohlen, mein Kind! Und laß mich von dir hören.«

Beate versprach es. Aber sie schrieb nicht eher an ihren alten Freund, als bis sie ihm melden konnte, daß sie als Vollschwester dem Pflegepersonal im Osten zugeteilt worden sei und die Reise nach ihrem Posten anzutreten im Begriff stehe.

»Der Dienst wird schwer sein,« schrieb sie, »aber ich freue mich auf ihn. Er wird mir helfen, mich selbst zu vergessen, und die Zeit des Wartens und Hoffens zu einer gesegneten machen. Von Gerd habe ich keine Nachricht. Ich habe ihm geschrieben — Gott weiß, ob er den Brief erhält. Sobald du etwas von ihm erfährst — mittelbar oder unmittelbar: schreibe es mir gleich. Auch das Schlimme. Auch das Schlimmste. Ich teile meine Not mit Tausenden und will von Tausenden nicht die Schwächste sein ...« —

Beate hatte Recht gehabt, als sie sagte, ihr Dienst werde schwer sein. Sie hatte sich sehr[S. 385] bald eine Stellung errungen, die ein Beweis höchsten Vertrauens ihrer ärztlichen Vorgesetzten war, aber auch an ihre seelischen und körperlichen Kräfte die äußersten Anforderungen stellte. Sie versagte niemals. Sie wurde sehr schmal und hatte sich das Schlafen abgewöhnt. Aber sie hielt stand.

Sie war dem Osten zugeteilt worden, weil sie Russisch verstand und genügend sprach, um den Schmerzen und Wünschen ihrer slawischen Pfleglinge ein Dolmetsch zu sein. Und sie hatte deren viele. Und es wurden immer mehr. Die große Schlacht der Dezembertage wurde geschlagen, und der Sichelwagen schnitt ...

Sie lagen in einem Dorfe. Einem polnischen Dorfe, das kein ganzes Haus mehr hatte. Die Straße, von Schnee, Tauwetter und Frost und wieder Schnee in einen Sumpf verwandelt, quietschte und schlappte unter den Rädern der Geschütze, der Lastautos, der Wagen und Karren — unter den Hufen der Pferde, unter den Stiefeln der durchziehenden Truppen.

Beate horchte auf den Lärm vor ihren Fenstern wie auf eine Musik ...

Da zogen sie nach Osten — immer weiter nach Osten. Der Dezemberwind pfiff ihnen um die Ohren. Aber sie sangen — sie sangen ... Ein Lied tauchte in das andere hinein. Und es klang dennoch schön ...

[S. 386]

Immer, wenn Beate dieses Singen hörte, mußte sie die Zähne übereinanderbeißen. Es war kein Schmerz, den sie fühlte. Oder wenn es ein Schmerz war, dann war er sehr süß ...

Sie stand am Fenster des Spelunkensaales, der zu einem Lazarett umgewandelt worden war, und starrte auf die Straße hinaus. Sie drückte den Kopf gegen die Scheibe, die gesprungen war, und ließ ihre Gedanken wandern.

Aber sie hatte wenig Zeit für sich selbst. Sie rüttelte sich selber hoch und hielt die Hand an der Stirn. Was hatte sie eben noch tun wollen?

Wasser holen — das war's ...

Sie nahm die beiden Eimer auf und ging die Treppe hinunter, nach dem Tor. Sie trat auf die Straße hinaus und drückte sich an den Mauern hin, um rascher vorwärts zu kommen. Sie mußte um die Ecke herum, nach dem Markte, wo der einzige Brunnen stand, der noch Wasser gab. Alle anderen Röhren versagten den Dienst.

Auf dem Markt war ein heilloses Durcheinander von Menschen, Tieren und Gegenständen, Soldaten, Soldaten so weit das Auge blickte — und dazwischen die ehemaligen Herren des Dorfes, jämmerliche Gestalten, die der Schrecken der Beschießung um die Hälfte ihres Verstandes gebracht hatte.

Weiber und Kinder hockten auf den Trümmern ihrer Betten und sonstigen Möbel, ohne den[S. 387] geringsten Versuch zu machen, noch Rettbares zu retten. Sie waren ganz stumm geworden, ergeben wie betäubte Tiere. Sie blickten mit verständnislosen Augen auf die fremden Menschen, die an ihnen vorüberzogen. Die zurückflutenden Truppen der Russen hatten sie gelehrt, Soldaten für Räuber zu halten, und das deutsche Heer hatte noch nicht Zeit gehabt, sie eines Besseren zu belehren.

Beate füllte ihre Eimer am Brunnen und wollte nach dem Lazarett zurück. Aber sie mußte eine kleine Weile warten. Geschütze wateten und knarrten vorbei. Die Pferde und die Bedienungsmannschaften sahen aus wie aus Lehm gebacken. Sie starrten von Dreck. Ihr Zug nahm kein Ende.

Beate wurde unruhig. Sie mußte unbedingt auf ihren Posten zurück. Ihre Augen glitten über die deutschen Reihen, die fünf Schritte von ihr entfernt vorüberkamen. Sie hoffte, daß die Tracht, die sie trug, ihr helfen würde, durchzuschlüpfen.

In dem Augenblick, als sie sich an einen Offizier wenden wollte, hörte sie hinter sich eine Stimme. Die sprach Deutsch und ein sehr verständliches Deutsch ...

»Was ist denn das für eine verdammte Schweinerei da vorn —?! Wollt ihr wohl aufpassen, ihr Himmelhunde — oder soll der ganze Kram zum Teufel gehen —?«

[S. 388]

Der Gegenstand dieser Standpauke war ein Lastauto, das der Fahrer zu weit nach der Seite gelenkt hatte und das, bis an die Achsen im Dreck versinkend, sich langsam, aber unaufhaltsam seitwärts zu neigen begann.

Aber das kümmerte Beate nicht. Sie wandte sich um und starrte — und ließ ihre Eimer fallen, daß ihr das Wasser in die Schuhe floß — und hob die Arme und rief: »Gerd —!!«

Der Mann, den sie angerufen, bekam einen Ruck durch den ganzen Körper. Er wandte ihr den Kopf zu und öffnete den Mund zu einem Rufe, der nicht laut wurde ...

Ja, es war Gerd, der da an der Hauswand, der ganz zerschossenen, stand und die Frau mit der Roten-Kreuz-Binde am Arm anstarrte, als sei sie strahlendes Gold.

»Beate —! Beate —!«

Und da war es so recht Beate Hoyermann, daß sie, die das Meer und die Wüste und den Schnee Rußlands und den Sturm der Luft überwunden hatte, ratlos und verzagt vor dem beispiellosen Dreck einer russisch-polnischen Landstraße stand und sich nicht vorwärts wagte.

Gerd Hoyermann aber besann sich nicht einen Augenblick. Er tat einen Satz mitten in den Schlamm hinein und auf die Frau zu — erreichte sie und nahm sie in seine Arme ... mochten die Menschen ringsum zu Hunderten[S. 389] glotzen und flüstern und lachen — was ging es ihn an? — Er fühlte die Frau seiner Liebe in seinen Armen und trug sie über die Straße fort ins nächste beste Haus hinein und ließ sie auch nicht los, als sie auf steinernen Fliesen standen und auf hölzernen Stufen.

»Beate! — Beate! — Beate ...«

Die Frau hatte die Augen geschlossen. Sie sagte nichts. Sie fühlte seine Lippen auf ihren Lidern, ihrer Stirn, ihren Wangen und Lippen, auf ihrem Haar, von dem die Haube glitt, und auf ihrem Halse. Sie klammerte sich an den Mann, den sie liebte mit der ganzen Kraft und Ausschließlichkeit ihres Herzens, und dachte mitten im Sturm ihres Glücks und seiner Liebe ganz ruhig und still: Alles war nichts ... alles Erlebte, alles Erlittene — alles war nichts ... Nur dies ist etwas — etwas und alles ...

»Weinst du, Beate, liebe, geliebte Frau?«

»Nein, Gerd, nein ...«

Sie hob den Kopf, um ihm ihr Lächeln zu zeigen.

»Wie lange hab' ich dich?«

»Minuten, Beate ... Ich muß weiter — wir sind auf dem Marsch ... Sprich zu mir, Beate! Sage mir ... Nein, sage mir nichts ... Sieh mich an, du Liebe, du Geliebte ... Wie ist es dir ergangen? Wie kommst du hierher?«

»Jetzt nicht,« sagte sie lächelnd. »Ich schreibe[S. 390] dir ... Lange Briefe will ich dir schreiben ... Hast meinen ersten nicht bekommen?«

»Nein, Geliebte, nichts ...«

»Es macht nichts,« antwortete sie mit ihrem gleichsam horchenden Lächeln. »Ich schreib' dir einen schöneren ...«

Menschen stolperten an ihnen vorbei. Sie hielten sich an den Händen und sahen sich an.

»Es ist kein Abschied,« sagte der Mann und preßte ihre Hände. »Es ist ein Wiedersehen ...«

»Ja,« sagte die Frau.

»Ich muß fort ... Auf Wiedersehen, Beate!«

»Auf Wiedersehen, mein Geliebter ...«

Er küßte sie. Er ging. Sie trat in die Haustür und sah ihn schon nicht mehr. Jetzt merkte sie es nicht, daß sie über den Kot der Straße schritt, um an den Brunnen zu gelangen. Sie reckte sich auf den Steinen und spähte nach rechts und links.

Ihre Augen fanden ihn gleich. Er saß auf einem braunen Pferde und suchte nach ihr im langsamen Vorwärtsreiten. Sie winkte mit der Hand, und er winkte wieder.

Ein Lachen lag ihm um die Lippen.

»Auf Wiedersehen, Löwin!«

»Auf Wiedersehen, Bär!«

Und immer wieder: Auf Wiedersehen! — Auf Wiedersehen —!

Die Soldaten sangen.

[S. 391]

An der Ecke der Straße wandte Gerd Hoyermann sich noch einmal um, stützte die Hand auf die Kruppe des Pferdes und suchte die Augen seiner Frau. Auf Wiedersehen! — Auf Wiedersehen —!

Dann war er verschwunden.

Und Beate Hoyermann hob ihre Eimer auf und bückte sich, um Wasser zu schöpfen ...