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Die Flucht der Beate Hoyermann cover

Die Flucht der Beate Hoyermann

Chapter 3: 2
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About This Book

Die Erzählung begleitet Beate Hoyermann, die mit ihrem Mann in fernen Gegenden lebt, und schildert ihr Ringen zwischen Fremdheitserleben und kultureller Neugier. Sie beobachtet Sitten und Menschen, bemüht sich um Sprachkenntnisse und sucht zärtliche Verbindungen zu Dienenden und Reisenden, während kleine Abenteuer wie rasante Fahrten und die Rivalität lokaler Fuhrleute den Alltag durchziehen. Ein schwerer Krankheitsfall des Mannes führt zu existenziellen Prüfungen und Entscheidungen über Aufenthalt und Rückkehr. Stilistisch verbindet die Darstellung genaue Beobachtungen von Landschaft und Gesellschaft mit reflektierenden Passagen über Identität, Sehnsucht und die Schwierigkeit, an fremdem Ort Wurzeln zu schlagen.

[S. 56]

2

Es regnete.

Aus tiefhängenden und zerfetzten Wolken, die so ermattet aussahen, als kämen sie von sehr weit her, fiel der Regen — unzählig dünnen, schrägen Strichen gleichend — über das Land und die zerbrannte Stadt und über das Meer, von dessen Glätte die Tropfen abprallten wie von einem gläsernen Spiegel, aufhüpften und zergingen.

Der »Garten des Freundes« duckte sich gleichsam im Regen zusammen und verschwand zwischen Wasser und Wasser, die dritte und dunkelste Tönung von Grau zwischen Meer und Himmel bildend.

Seit der Nacht des Erdbebens und des Brandes waren drei Wochen vergangen; seit acht Tagen wartete Gerhard Hoyermann auf das Schiff, das ihn und seine Frau zum Hafen mitnehmen sollte, in dem der Europadampfer einlief.

Der Dampfer kam nicht.

Gerhard Hoyermann hatte sich zur Bucht[S. 57] hinüberrudern lassen, in der das Schiff anzulegen pflegte. Er hatte jeden Menschen, dessen er habhaft werden konnte, beim Kragen genommen und eine Auskunft von ihm gefordert, wann, zum Kreuzmillionendonnerwetter! der Dampfer kommen würde.

Sein Fluchen wurde nicht begriffen; und der Dampfer würde morgen kommen — o ganz bestimmt, morgen!

Dieses Morgen war unsterblich und unerreichbar — wurde nie zum Heute.

Und sie wollten fort — so rasch als irgend möglich. Sie hatten genug von Ostasien, bei Gott! Drüben im alten Europa umgraute sich der Himmel, wie es schien. Es knurrte in den Wolken, noch nicht eben laut, aber doch vernehmbar. Wenn das Donnerwetter hereinbrach, mußten sie dabei sein, das war ausgemacht.

Und nun waren sie festgelegt, weil sie auf einen Dampfer angewiesen waren, der immer erst morgen kommen würde ...

Gerhard Hoyermann fluchte gottslästerlich. Und es war mehr als Ungeduld in seinem Fluchen. Es stak ein ganz seiner selbst bewußter Ernst dahinter. Wenn er auch Beate nichts davon merken ließ.

Tystendal war kein Schwätzer. Auch kein Schwarzseher — nein. Es war immer ratsam, seine Worte, wenn sie ernsthaft klangen, auch[S. 58] so zu nehmen. Hoyermann war sehr geneigt, das zu tun und sich danach zu richten. Auch Tystendal wollte nach Schweden zurückkehren.

»Ich glaube,« hatte er gemeint, »daß unser kleines Europa in der nächsten Zeit bedeutend interessanter sein wird als alle buddhistischen Tempel, Teehäuser und Schwerttänzer — interessanter als ganz Asien zusammengenommen.«

Hoyermann hatte ihm nicht widersprochen.

Aber es war, wie es schien, nicht ganz einfach, von Asien loszukommen.

Mißmutig ließ Gerhard Hoyermann die Bucht, in der er sich nach der Ankunft des Dampfers erkundigt hatte, im Rücken. Das »Morgen, Herr!« des Narren, der ihn täglich mit einem strahlenderen Gesicht empfing, um von morgen zu schwatzen, war ihm ein Klotz im Wege. Er mußte über ihn weg, es half nichts.

Als er nach der Straße einbog, die durch das abgebrannte Häusergewirr sich gleichsam krummgezogen von der Hitze mit neuen und sinnlosen Ecken wand, schritt ein Mann neben ihm her, doch immer so, daß drei Schritte Wegs zwischen ihnen blieben. Der Mann trug einen Strohmantel, wie ihn die Japaner zum Schutz gegen den Regen tragen, hatte den flachen Hut sehr tief gezogen und stelzte auf unsagbar schmutzigen Beinen und klappernden Holzsandalen[S. 59] halb trabend durch den Schlamm der Straße.

Gerhard Hoyermann achtete nicht auf den Menschen, bis dieser, die Straße kreuzend, an ihm vorüberglitt und in gutem, sehr verständlichem Deutsch vor sich hinsprach: »Bitte, beachten Sie mich scheinbar nicht. Geben Sie mir keine Antwort und machen Sie keine Bewegung, die verraten könnte, daß ich zu Ihnen rede ...«

Die Jagd auf Leoparden und Elefanten hatte Gerhard Hoyermann gegen Überraschungen abgehärtet; er rührte keine Muskel im Gesicht, ging gleichgültig weiter.

Der Fremde, der mit tiefgeneigtem Kopf gegen den schrägen Regen anlief, blieb immer in der gleichen Entfernung von ihm, sprang auf seinen fausthohen Stelzen unter den schmutzverkrusteten Beinen über Lachen, verkohltes Bambusgestänge und gestürzte Telegraphenstangen. Das asiatische Feuer hatte vor Europa und Amerika nicht haltgemacht. Verwirrt und geängstigt krochen die zerglühten Drähte übereinander.

»Ich bitte Sie,« fuhr der Fremde fort, »mich in zwei Stunden bei Ihnen zu erwarten. Ich werde pünktlich sein. Es handelt sich um Dinge von höchster Wichtigkeit ... Guten Abend ...«

[S. 60]

Gerhard Hoyermann sah aus verschleierten Augenwinkeln, wie der Strohmantel neben ihm abermals die Straße kreuzte und dann mit einem wunderlich hüpfenden Gang, wie Stelzvögel mit gestutzten Flügeln ihn haben, in der nächsten Gasse verschwand. Er hütete sich, den Kopf zu wenden, um ihm nachzusehen. Er hatte bereits genug in diesem Lande erlebt, um neugierig auf das Weitere zu sein; das wollte er sich nicht durch vorzeitige Forschungen verscherzen.

»Dieser Strohigel«, dachte er, während er sich zur Insel hinüberrudern ließ, »sprach ein wunderbar farbechtes Brandenburger Deutsch. Er hat in mir den Landsmann erkannt und spielt ein wenig den Geheimnisvollen, um mich mit desto mehr Aussicht auf Erfolg anzupumpen. Wenn der Bursche gut spielt, werde ich ihm alles japanische Kleingeld, das ich noch besitze, mit Genugtuung überlassen. Ich will froh sein, wenn ich's nicht mehr nötig habe. Sela!«

»Löwin,« sagte er zu seiner Frau, nachdem er, wie gewöhnlich, im Bestreben, das Zimmer auf europäische Art zu öffnen, das ganze Haus an den Rand des Verderbens gebracht hatte, »was hältst du von Japanern, die Deutsch sprechen — das Deutsch der Gegend, in der der liebe Gott den Streusand aufbewahrt, — dich beschwören, so zu tun, als wüßtest du von[S. 61] nichts etwas, und sich im übrigen für zwei Stunden später bei dir anmelden?«

Beate, die ihren Mann vom Garten aus hatte heimfahren sehen und schon aus seinem grimmigen Gesicht erriet, daß der Dampfer wieder einmal für morgen verkündigt worden war, packte zum achten Male seit einer Woche ihren Handkoffer aus und sah, auf den Knien liegend, zu Gerhard auf. Ein Blick des Hausherrn fegte Yuki und Umè aus dem Zimmer. Auf weißen Socken trippelnd glitten sie hinaus; doch versäumten sie nicht, sich auf der Schwelle zu Boden zu werfen und mit der Stirn die Matte zu berühren. Wenn der Gebieter unhöflich und barbarisch war, so konnte sie das noch längst nicht veranlassen, es auch zu sein.

»Soll deine Frage ein Preisrätsel darstellen?« fragte Beate dagegen.

»Das kommt darauf an. Vielleicht ist es wirklich ganz lohnend, ihrer Lösung nachzuspüren. Jedenfalls möchte ich dich bitten, deine hübschen Lauscher etwas hochzustellen, wenn der Kerl tatsächlich kommen sollte. Und ich wüßte wahrhaftig nicht, warum er sonst so geheimnisvoll getan hat.«

Beate sah vor sich hin.

»Willst du nicht Tystendal benachrichtigen?« fragte sie.

»Warum?«

[S. 62]

»Falls der Mensch unheimlich wird ...«

»I Gott bewahre! Ein Mensch ohne übertriebenes Reinlichkeitsbedürfnis; das dürfte aber auch das einzige sein, worin er unangenehm werden könnte. Möglich, daß er die Gewohnheit hat, ins Zimmer zu spucken. Im übrigen hat er's wahrscheinlich nur auf meinen Geldbeutel abgesehen. Sollte aber mehr hinter der Geschichte stecken, dann sind wir beide Manns genug, mit ihr fertig zu werden — was, Beate?«

»Gott sei Dank!« sagte Frau Beate.

»Übrigens kannst du deine Koffer gleich wieder packen, Löwin. Wir reisen morgen auf jeden Fall. Wenn der verfluchte Dampfer wieder ausbleibt — worauf ich völlig vorbereitet bin —, dann pfeifen wir auf ihn und rudern oder segeln mit unserem Drachen los. Das Wetter klärt sich auf. Ich habe die Warterei satt. Teils zu Wasser, teils zu Lande werden wir schon dahin kommen, wohin wir wollen; jedenfalls brauchen wir kaum mehr Zeit dazu, als wenn wir hier noch vierzehn Tage auf den Dampfer warten, der nie kommt. Einverstanden?«

»Vollkommen.«

»Schön. Dann überlasse ich dich jetzt deinem Schicksal und deinen beiden pechäugigen Schneegänsen. Du hörst es ja, wenn jemand kommt,[S. 63] und kannst dich danach richten. Bin neugierig, ob der Strohigel pünktlich ist!« —

Der Strohigel war pünktlich. Ein paar Minuten vor der angegebenen Zeit trat Takejiro, Hoyermanns persönlicher Diener, in das Zimmer seines Herrn und meldete mit einer Stimme, die von Feierlichkeit überströmte, daß ein fremder Mann den Hochgeehrten zu sprechen wünsche.

»Hat er seinen Namen genannt?«

Nein, das hatte der Fremde nicht getan. Er hatte gesagt, der Hochgeehrte wisse Bescheid ...

»Führe den Mann herein, Takejiro!«

Der Diener nahm diesen Auftrag entgegen, als wäre ihm befohlen worden, den Einzug einer Gottheit auf passende Art zu regeln. Er zog sich zurück, und eine Minute später glitten die Wände des Zimmers vor dem Fremden auseinander.

Die beiden Männer standen sich gegenüber.

Gerhard Hoyermann betrachtete seinen Gast etwas unsicher. Der Strohigel hatte sich verwandelt. Der japanische Mummenschanz war von ihm abgefallen; nach seinem sonstigen Äußeren zu schließen, hatte er ein Vollbad genommen und stellte sich in einer fast etwas zu tadellosen europäischen Ausgabe als ein kleiner, schlanker und sehniger Mensch vor, mit sehr schwarzem, unnötig langem Haar, sorgfältig rasiert und mit einem ausgezeichneten Gebiß.[S. 64] Seine Hände waren Bastlerhände, unschön, aber willenskräftig. Sie hatten die Angewohnheit, auf Gegenständen, die sie berührten, sehr lange liegenzubleiben. Sie sogen sie gleichsam in sich auf, als hätten sie die Absicht, das Gefühlte nötigenfalls auch im Dunkeln wiederzuerkennen.

Der Fremde verneigte sich; er lächelte nicht. Seine dunklen, zufassenden Augen glitten durch das Zimmer.

»Mit wem habe ich das Vergnügen?« fragte Gerhard Hoyermann mit einer gewissen Unbeirrtheit.

Der Fremde sah ihn an.

»Ich habe mich auf eine sehr ungewöhnliche Weise bei Ihnen eingeführt,« meinte er, ernst wie zuvor. »Sie würden mir einen besonderen Gefallen erweisen, wenn Sie mir erlaubten, bei der Methode zu beharren. Ich bin leider — gewissermaßen — gezwungen dazu. Wenn ich Ihnen sagte, daß ich Schmidt oder Lehmann hieße, so würden Sie mir wahrscheinlich nicht glauben und darum geneigt sein, auch meine übrigen Behauptungen in Zweifel zu ziehen. Es liegt mir aber sehr viel daran, bei Ihnen Glauben zu finden. Also lassen wir den Namen beiseite. Das hat für Sie wie für mich den Vorteil, daß Sie gegebenenfalls, wenn Sie nach mir gefragt werden, seelenruhig einen Eid darauf[S. 65] ablegen können, mit einem Menschen meines Namens niemals gesprochen zu haben.«

»Könnte ein Gespräch mit Ihnen unter Umständen belastend werden?« fragte Gerhard Hoyermann und stand noch immer.

»Allerdings,« antwortete der Fremde.

Gerhard Hoyermann schmunzelte.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz!« sagte er und wies auf einen der amerikanischen Schaukelstühle, die zwar die Echtheit der japanischen Zimmer mordeten, aber für die europäische Art des Sitzens unerläßlich waren.

Der Fremde setzte sich.

»Ihre Frau Gemahlin befindet sich im Nebenzimmer,« stellte er in verbindlichem Tone fest.

»Stört Sie das?« fragte Gerhard Hoyermann gelassen.

»Durchaus nicht — im Gegenteil. Da Sie Ihrer Frau Gemahlin den Inhalt unseres Gesprächs doch mitteilen würden ...«

»Unbedingt.«

»... so ist es sicherlich einfacher für Sie, wenn sie ihn unmittelbar aus erster Hand erfährt.«

»Falls sich das Zuhören lohnt?«

»Jetzt sage ich: Unbedingt!«

»Sie haben uns also interessante Mitteilungen zu machen?«

[S. 66]

»Sehr interessante ...«

»Bitte,« sagte Gerhard Hoyermann mit einer Handbewegung. Er hatte die Backenmuskeln ein wenig gesenkt und die Oberlippe zwischen die Zähne gezogen. Seine vollkommen ruhigen blauen Augen schlossen den Fremden ein, der sich ihnen nicht entzog.

»Ich nehme an, daß Sie mich für eine Art von Hochstapler halten,« begann der Fremde.

»Nein,« entgegnete Hoyermann. »Vor zwei Stunden glaubte ich allerdings, daß es sich — um eine Geldangelegenheit handeln würde. Das scheint aber nicht der Fall zu sein ...«

»Keineswegs. Ich werde von meinen Auftraggebern zu meiner vollen Zufriedenheit bezahlt und bin außerdem nicht davon abhängig — mehr Liebhaber in meinem Beruf. Die Bitte, mit der ich zu Ihnen komme — denn es handelt sich in der Tat um eine Bitte —, bezieht sich auf Ihren Aufenthalt in Japan ...«

»Der sich nur noch auf Tage erstrecken wird; wir stehen im Begriff, abzureisen.«

»Ich weiß, daß Sie die Absicht haben,« meinte der Fremde mit einem leisen Zucken seiner Augendeckel. »Sie erkundigen sich seit acht Tagen regelmäßig nach der Ankunft des Dampfers, mit dem Sie reisen wollen. Seien Sie versichert, daß dieser Dampfer innerhalb der nächsten vierzehn Tage nicht kommen wird[S. 67] — nicht bis zur völligen Klärung der europäischen Lage.«

»Das wird mich sehr kühl lassen,« sagte Gerhard Hoyermann. »Meine Frau hat bereits die Koffer gepackt, die wir morgen im Segelboot verstauen werden. Wir fahren nicht um die Inseln herum, sondern wir überqueren sie. Die Eisenbahnen und Jinrikishas werden wohl noch in Tätigkeit sein, wo wir zu fahren wünschen. Einsperren wird man uns ja wohl nicht so ohne weiteres, solange es ein deutsches Konsulat in Tokio gibt — wie?«

»Nein, einsperren würde man Sie nicht,« sagte der Fremde etwas zögernd. »Im Gegenteil — man würde Sie ein wenig spazierenfahren. Japan ist nicht allzu groß, aber immerhin geräumig genug, daß man einen Landfremden durch sämtliche Provinzen reisen lassen könnte — jeden Tag in einer anderen —, bis der Dampfer, mit dem er nach Europa fahren wollte, hundert Meilen vom Hafen ist.«

»Man wünscht also, deutsch gesagt, meine Rückkehr nach Europa zu hintertreiben?«

»Ja.«

»Wer ist dieses ›Man‹?«

»Als höchste Instanz — die japanische Regierung.«

Gerhard Hoyermann stand auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Der Fremde[S. 68] saß still, in seinen Stuhl zurückgelehnt; er betrachtete seine Fingerspitzen.

»Ich will Ihnen etwas sagen,« begann Hoyermann nach einer Weile und blieb stehen. »Vor vierzehn Tagen hätte ich wahrscheinlich geglaubt, Sie seien ganz einfach ein Gespensterseher oder ein Betrüger, der den Versuch machte, für eine Warnung vor nicht bestehenden Gefahren eine Belohnung zu erpressen ... Aber ich habe in der Zwischenzeit allerhand erlebt, was mir Ihre Reden sehr glaubhaft erscheinen läßt ...«

»Ich weiß,« warf der Fremde ein. »Man hat in der Brandnacht Ihre Koffer erbrochen und Ihre Papiere untersucht ...«

»Woher wissen Sie das — Herr?«

»Sie sprechen manchmal etwas zu laut — für japanische Verhältnisse,« sagte der Fremde freundlich. »Und Sie haben aus Ihrer Entrüstung über den Vorfall durchaus kein Hehl gemacht, als Sie sich mit Ihrem Freunde Tystendal in dessen Wohnung darüber unterhielten. Übrigens hatte ich etwas Ähnliches erwartet, denn ich wußte, daß Sie keinen Brief erhalten, der nicht zuvor von der japanischen Geheimpolizei unbemerkt geöffnet wurde ... Das war auch der Grund, warum ich Ihnen nicht schreiben durfte, sondern gezwungen war, mich Ihnen auf der Straße zu nähern ...«

Gerhard Hoyermann stand vor dem kleinen[S. 69] Fremden und blickte auf ihn hinunter. Sein Gesicht verlor allmählich das, was Beate den Ferienfahrplan nannte: die unbekümmerten und fröhlichen Züge, die ins Grünblaue der Welt gehen. Es sammelte sich und verschloß sich mit plötzlich harten Lippen, und seine Pupillen zogen sich zusammen, als fiele ein jähes Licht in sie hinein.

»Ich weiß, was Sie denken,« meinte der Fremde. »Sie sind ebenso verwundert wie empört ... Wenn Sie länger in Japan lebten — jahrelang, wie nun ich —, dann würden Sie weder das eine noch das andere mehr sein. Die japanische Polizei ist in der Hand eines geschickten Mannes das wunderbarste Instrument, das man sich denken kann. Es hat immer den rechten Ton, versagt niemals und hat das vollkommene Taktgefühl einer gutgeschmierten Maschine. Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie vom ersten Tage Ihres japanischen Aufenthalts an keinen einzigen unbewachten Schritt getan haben.«

»Zu diesem Zweck —« begann Hoyermann, unterbrach sich aber sofort mit der Frage: »Glauben Sie, daß meine Dienerschaft bei der Durchsuchung meiner Koffer beteiligt war?«

»Sehr wahrscheinlich.«

»Ich werde die Kerle heute noch hinauswerfen ...« murmelte Hoyermann.

[S. 70]

Der Fremde schüttelte den Kopf.

»Tun Sie das nicht. Sie wechseln nur die Namen — weiter nichts. Wenn Sie sich zwanzig Diener vorstellen ließen und alle wieder wegschickten, um den einundzwanzigsten zu nehmen, so würde eben dieser Einundzwanzigste derjenige sein, der im voraus für Sie bestimmt war. Es ist eine bewunderungswürdige Organisation.«

»Sie werden entschuldigen,« sagte Hoyermann, »wenn ich augenblicklich zu sehr Partei bin, um für diese bewunderungswürdige Organisation die nötige Objektivität zu besitzen. Ich bin der harmloseste Mitteleuropäer, den sich die japanische Regierung wünschen kann, und will meinerseits in Ruhe gelassen werden.«

»Ihre Harmlosigkeit ist es eben, die man bezweifelt.«

»Und warum, zum Teufel hinein —?!«

»Sie waren deutscher Offizier ...«

»Ich war in der Schutztruppe.«

»Zuletzt — ja. Vor sechs Jahren waren Sie noch Oberleutnant im preußischen Heer, traten dann zur Schutztruppe über und sind schließlich auch aus dieser ausgetreten ...«

»Allerdings. Ist das in japanischen Augen ein Verbrechen?«

»An sich — nein. Aber wenn ein ehemaliger Oberleutnant Seiner Majestät des Deutschen Kaisers plötzlich als Privatmann in Japan auftaucht,[S. 71] dann erinnert man sich hier an die Gepflogenheit, daß Offiziere, die in irgendeinem fremden Lande besondere Studien treiben wollen, aus dem Heere ausscheiden, um — wenn ihre Studien allzu eingehend befunden und unter richterliche Beleuchtung gezogen werden — ihre Regierung nicht zu kompromittieren ...«

»Ah —!« machte Gerhard Hoyermann. »Man glaubt, ich sei ein Spion ...«

»Ja.«

»Zu solchen — Ausflügen pflegt man im allgemeinen seine Frau nicht mitzunehmen ...«

»Warum nicht? Um so harmloser wirken sie.«

»Pfui Deibel!« sagte Gerhard Hoyermann.

Der Fremde hob die Schultern.

»Sie kennen dieses Volk nicht,« meinte er. »Man wollte neulich Ihre Papiere durchsuchen und machte sich den großen Brand zunutze. Wäre der Brand nicht infolge des Erdbebens ausgebrochen, so würde man ihn vielleicht angelegt haben, unbekümmert darum, daß eine Stadt dabei zugrunde ging. Eine Stadt ist etwas sehr Geringfügiges, wenn es um die Sicherheit Nippons geht, nicht wahr? Und es gäbe unter denen, die im Feuer Hab und Gut verloren, kaum einen Menschen — nein, ich glaube wirklich, keinen einzigen —, der es nicht selbstverständlich fände, alles zu verlieren für das große Nippon. Begreifen Sie das?«

[S. 72]

»O ja,« sagte Gerhard Hoyermann mit großem Nachdruck. »Das begreife ich sehr gut ...«

»Es ist eine Art von Religion — das Hohelied des Vaterlandsdienstes in die Lehre des Shinto hineingegossen. Diese Menschen haben nichts, was sie nicht opfern würden, wenn es um die Größe und Ehre Nippons geht. Sie besitzen tatsächlich alles nur gewissermaßen auf Widerruf: Leben, Vermögen, Freiheit, Glück ... Sie haben in Wahrheit nichts zu verlieren, weil sie nichts in Wahrheit ihr eigen nennen, — und es ist ein sehr weises Wort Goethes, der sagt: ›Fürchterlich ist einer, der nichts zu verlieren hat‹ ... In der Tat — fürchterlich gefährlich ...«

Gerhard Hoyermann erwiderte nichts. Er ging im Zimmer auf und ab und hatte den Kopf gesenkt.

»Im übrigen«, fuhr der Fremde fort, »bin ich nicht zu Ihnen gekommen, um über die Psyche des Japaners mit Ihnen zu philosophieren ...«

»Es ist ein sehr reizvolles Thema,« murmelte Hoyermann.

»Aber ein unerschöpfliches. Während der fünf Jahre, die ich in Japan bin, war es mein Steckenpferd, die japanische Seele zu analysieren. Es ist mir nicht gelungen. Das einzige Ergebnis meiner Schürfungen liegt in der Erkenntnis dessen, was den Ostasiaten vom Westeuropäer[S. 73] trennt — und es kann sein, daß auch das ein Trugschluß ist —: die Verschiedenheit der Ehrbegriffe ...«

»Ist die so schwerwiegend?« fragte Gerhard Hoyermann mit einem flüchtigen Lächeln.

»Urteilen Sie selbst. Ich will Ihnen zwei winzige Geschichten erzählen, die den Japaner vollkommen widerspiegeln ... Ein Europäer hilft einem Japaner aus großer Verlegenheit, indem er ihm eine ziemlich beträchtliche Summe leiht. Der Japaner gibt die geliehene Summe nach geraumer Zeit zurück mit der Versicherung, daß er seinem Helfer aus der Not bis an sein Lebensende die unverbrüchlichste Dankbarkeit bewahren werde. Bei irgend einer späteren Gelegenheit geraten die beiden Männer in einen heftigen Zwist, und der Europäer läßt sich im Laufe der Auseinandersetzung dazu hinreißen, den Japaner zu ohrfeigen. Der Japaner will sich auf ihn stürzen, bezwingt sich aber, verneigt sich lächelnd und geht. Zu Hause angelangt, schreibt er dem Europäer einen Brief, in dem er ihm mitteilt, daß er von ihm aufs tödlichste beleidigt worden sei, daß ihm die Dankbarkeit gegen seinen einstigen Wohltäter jedoch verbiete, sich an ihm zu rächen. Er wähle darum den einzigen Weg, der ihm übrigbleibe, um die Schmach von sich abzuwaschen. Nachdem er den Brief sorgfältig gesiegelt und fortgeschickt, begeht[S. 74] er Harakiri, indem er sich den Bauch aufschlitzt ...«

»Und die andere Geschichte?« fragte Gerhard Hoyermann, seinem Gaste den Rücken zugewendet.

Der Fremde lächelte.

»Die zweite Geschichte ist noch bedeutend kürzer, aber nicht minder lehrreich,« sagte er. »Ein Japaner bittet die Götter um Erfüllung seiner heißesten Wünsche — er hat sie ihnen, glaube ich, aufgeschrieben — und legt ein Gelübde ab, ihnen dafür einen Torii aus edelstem Metall zu erbauen. Seine Wünsche werden erfüllt, und er baut den Göttern einen Torii aus drei winzigen Stahlnadeln ...«

»Und die Summe von beidem: — eine erhabene Schweinebande,« sagte Gerhard Hoyermann, ohne sich umzuwenden.

»Mag sein. Auf jeden Fall ein Menschenschlag, der eine andere Ehre hat als wir. Sie haben ein anderes Gut und Böse als wir — als die ganze übrige Welt, mit der wir rechnen müssen. Es wird gut sein, wenn wir das beizeiten erfassen und uns danach richten.«

»Wer — wir?«

»Wir — von der anderen Seite der Erde ...«

»Falls es der Zweck Ihres Herkommens war,« sagte Gerhard Hoyermann, »mir diese Warnung zu übermitteln und mich — trotz aller Schwierigkeiten,[S. 75] die ihr entgegenstehen — zur beschleunigten Abreise aus Japan zu veranlassen, so begegnen sich unsere Wünsche. Ich reise so bald als möglich, und wenn ich persönlich die japanische Regierung von der Grundlosigkeit ihres Verdachts gegen mich überzeugen müßte, um loszukommen.«

Der Fremde stand auf.

»Im Gegenteil,« sagte er langsam. »Der Zweck meines Herkommens war, Sie zu bitten, nicht nur Ihre Reise nach Europa bis zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzuschieben, sondern auch keinerlei Schritte zu unternehmen, den Verdacht der japanischen Regierung gegen Sie zu entkräften ... Es ist von alleräußerster Wichtigkeit, daß dieser Verdacht gegen Sie bestehen bleibt, bis —«

»Bis —?«

»Bis die Person, gegen die er sich eigentlich richten müßte, Zeit gefunden hat, ihre Aufgabe zu erfüllen ...«

»Diese Person sind Sie?« fragte Gerhard Hoyermann mit einem ruhigen Blick.

»Ja.«

»Sie sind also —«

»Was ich bin,« fiel ihm der Fremde sehr rasch in die Rede, »darauf kommt es jetzt nicht an. Man pflegt im allgemeinen unserem Beruf einen etwas anrüchigen Namen zu geben; auch darauf kommt es nicht an. Nichts ist jetzt wichtig[S. 76] als die Tatsache, daß ich in diesem Beruf eine Aufgabe zu erfüllen habe, die ich keinem sonst anvertrauen kann. Denn niemand — außer mir — der Nichtjapaner ist, geht unbeargwöhnt durch dieses Land. Mich haben die Jahre sanktioniert, in denen ich, mich von Reis und Tee nährend, auf mein einstiges Vaterland, meine frühere Religion und alle Gewohnheiten von ehemals spuckte. Ich gelte als Überläufer, werde als solcher verachtet und nicht bewacht. Glauben Sie mir, Herr Hoyermann, man muß sein Vaterland sehr lieben, um so leben zu können ... Nun, verzeihen Sie, ich wollte nicht von mir persönlich reden ... es ist eine fast dienstliche Angelegenheit, in der ich zu Ihnen gekommen bin ...«

»Ich habe Sie sehr gut verstanden,« sagte Gerhard Hoyermann. Nach einer Pause fuhr er fort: »Sie sprachen von einem bestimmten Zeitpunkt, bis zu welchem ich meine Heimreise verschieben sollte. Welcher ist das?«

»Die russische Kriegserklärung an Österreich.«

»Sie rechnen mit aller Bestimmtheit auf sie?«

»Ich habe Nachrichten aus zuverlässigster Quelle, daß Rußland bereits in aller Stille mobilisiert.«

»Gegen Österreich —?«

»Und gegen Deutschland — natürlich ...«

»Das wissen Sie?« fragte Gerhard Hoyermann[S. 77] und schlug mit der Faust auf die Lehne des Stuhles — »und dabei verlangen Sie von mir, Mensch, daß ich noch einen Tag länger in diesem gottverfluchten Nest sitzenbleiben soll, während es zu Hause um Kopf und Kragen geht —?!« Er stieß beide Hände vor sich hin, als schöbe er etwas weit von seiner Brust ab. »Nee, mein Bester! Zu dem Handel suchen Sie sich gefälligst einen anderen! Mich kriegen Sie nicht dazu!«

»Ein anderer steht mir leider nicht zur Verfügung,« sagte der Fremde mit völlig unbewegtem Gesicht. »Ich würde Sie sonst ganz gewiß nicht belästigt haben. Es bleibt mir aber keine Wahl. Obgleich ich fest davon überzeugt bin, daß das Deutschtum in Ostasien augenblicklich auf einem verlorenen Posten kämpft und sehr bald gänzlich außer Gefecht gesetzt sein wird, halte ich es doch für meine Pflicht, bis zum letzten Moment auf meinem Posten auszuhalten. Zu diesem Zweck ist es sehr notwendig, daß ich eine Nachricht, die mir persönlich überbracht werden soll, hier in Ruhe erwarten und dann meinerseits persönlich weiterbringen kann, da sowohl Briefe als Depeschen — Chiffredepeschen nicht ausgeschlossen, denn sie würden einfach nicht befördert werden — für mich nicht in Betracht kommen. Man war mir auf der Spur ... Seit Beginn der europäischen Krise[S. 78] ist man in Ostasien sehr nervös geworden ... Es blieb mir nichts anderes übrig — ich brachte die Spürhunde Haganés, der selbst der schlauste seiner Hunde ist, auf Ihre Fährte ...«

»Sie waren allerdings nicht heikel in der Wahl Ihrer Mittel,« meinte Hoyermann mit einem kurzen Lachen.

»Was wollen Sie ... es werden weit schmutzigere Mittel für weit wertlosere Ziele tagtäglich in der Politik angewandt, und die meisten werden durch den Erfolg gerechtfertigt und durch den Mißerfolg gerichtet.«

»Ihre Philosophie, Herr, ist mir jetzt völlig egal, — mich kümmert nur das eine, daß Sie mich veranlassen wollen, hier hockenzubleiben, während bei uns in Deutschland womöglich schon die scharfen Patronen im Lauf sind!« sagte Hoyermann und schlug mit der Faust in die Luft. »Wäre ich doch bloß meinem ersten Trieb gefolgt und wäre abgereist, als ich vom Mord in Serajewo hörte!«

»Sie würden vermutlich auch nicht weiter als bis zum Suezkanal gekommen sein,« meinte der Fremde. »Wofür glauben Sie, daß England seine Flotte gebaut hat?«

»England —?«

»Wir sprachen vom europäischen Konflikt ... Rechnen Sie England nicht mit zu Europa?«

»Unsere eigenen Vettern ...?«

[S. 79]

»Hm ...« machte der Fremde. Er räusperte sich. »Was das betrifft, so kommen in den besten Familien Streitigkeiten vor, sobald es sich um Geldangelegenheiten handelt. Die Gründe, um derentwillen es zum europäischen Kriege kommt, mögen sein, was sie wollen, — in jedem Falle wird es ein Wirtschaftskrieg; und was ist der anderes als eine Geldangelegenheit ... wenigstens für den, der ihn anzettelt ...«

»Sie sehen die Dinge von einem übelkeiterregenden Standpunkt, Herr ...«

»Ich sehe sie vom Standpunkt des Kaufmanns aus London City und der Bank von England. Wenn Sie mir heute nicht glauben, werden Sie es in vier Wochen tun. Vielleicht auch schon eher. Es kommt auf die Geduld des Deutschen Reiches an, wie viele Armeekorps Rußland gegen seine Westgrenzen marschieren lassen kann, ehe ihm von deutscher Seite aus der Krieg erklärt wird. Von diesem Augenblick an, dürfen Sie überzeugt sein, ist die Hauptsprache des Krieges die englische. Ganz besonders in Amerika und Japan ...«

»Ich glaube Ihnen heute schon,« sagte Gerhard Hoyermann und bog den Kopf in den Nacken. »Pfui Deibel!«

»Wir werden in der nächsten Zeit noch öfters Gelegenheit haben, ›Pfui Deibel!‹ zu sagen,« meinte der Fremde. »Das schadet nichts; es[S. 80] stärkt das Rückgrat und das Bewußtsein der Berechtigung, gegen allerhand Gesindel loszugehen, ohne Samthandschuhe.«

»Und ausgerechnet dabei soll ich nicht mit zupacken!« Gerhard Hoyermann lachte grimmig. »Nee, mein Bester! Sie können sagen, was Sie wollen! Ich habe auch eine Pflicht zu erfüllen — da drüben, wo Deutschland liegt! Hier mit meinen zwei gesunden Fäusten! Ich will zu meinem Regiment. Da können sie jetzt bestimmt jeden brauchen, der ein Gewehr anzupacken weiß. Und wenn ich weiter nichts tun könnte, als Rekruten drillen für den Felddienst — das wäre mir wurscht. Aber dabei sein will ich ... Ich reise ...«

»Ich weiß nicht,« begann der Fremde und räusperte sich, »ob ich mich so außerordentlich unklar ausdrücke ... Wenn ich mich nicht irre, Herr Hoyermann, erlaubte ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Ihre Abreise — selbst wenn sie Ihnen gelänge ...«

»Darauf können Sie sich verlassen ...«

»Gut. Nehmen wir das vorläufig an ... — doch zu keinem anderen Ziele führen würde, als daß Sie bestenfalls irgendwo in ein Konzentrationslager kämen. Glauben Sie wirklich, daß die Gegner Deutschlands die Rückkehr seiner wehrfähigen Männer aus dem Ausland zulassen würden?«

[S. 81]

»Wir würden es tun ...«

»Ja ... Wir sind bei allen solchen Dingen von einer bedauerlichen Anständigkeit, die kein anderes Ergebnis hat, als daß sie mißverstanden und als Schwäche gedeutet wird. Ich glaube aber, daß es weder sehr angenehm ist, interniert zu werden, noch daß es für das Land, dem Sie doch helfen wollen, den geringsten Zweck hat. Die einzige Art, auf die Sie Ihrem Vaterlande einen Dienst erweisen können, ist, daß Sie mir helfen, meine Botschaft unbehelligt an ihren Bestimmungsort zu bringen. Bitte, geben Sie mir jetzt eine klare Antwort — ja oder nein. Meine Zeit ist leider nicht unbemessen, und ich stehe beständig in Gefahr, den rechten Augenblick zu versäumen.«

Gerhard Hoyermann sagte weder ja noch nein. Er ging im Zimmer auf und ab und rannte mit dem Kopf gegen unsichtbare Hindernisse.

Der Fremde war aufgestanden und wartete, den Hut in der Hand. Sein Gesicht war weder ungeduldig noch besorgt. Er schien seiner Sache gewiß zu sein.

»Sie sagten,« fing Hoyermann endlich an, »daß ich bis zum Ausbruch des drohenden europäischen Krieges hierbleiben sollte ... Dann bin ich meiner Verpflichtung ledig?«

»Ja.«

[S. 82]

»Das ist eine Verspätung von mindestens acht Wochen ...« murmelte Hoyermann.

»Ich fürchte, Sie kommen auch dann noch reichlich zur Zeit, wenn es Ihnen gelingen sollte, durchzubrechen,« meinte der Fremde. »Dieser Krieg wird, wenn er in der Tat ausbrechen sollte, nicht in acht Wochen beendet sein. Denn es geht um die Erbfolge in der Welt, das können Sie mir glauben. Und jeder wird sich um sein Letztes wehren müssen ...«

Gerhard Hoyermann blieb stehen und dachte nach. Und dann schob er mit einem Ruck, der das Kartenhaus ins Wanken brachte, die Zimmerwand beiseite, die ihn von seiner Frau trennte.

»Komm herein, Kamerad,« sagte er. »Du sollst mir helfen ...«

Der Fremde grüßte die junge Frau mit einer Höflichkeit, die seinen fünfjährigen Aufenthalt in Japan bestätigte. Beate sah ihn ernst und schweigsam an. Sie war sehr blaß.

»Nun, Beate —? Du weißt, worum es sich handelt?«

»Ja.«

»Und was sagst du?«

»Ich glaube,« antwortete Beate mit trockenen Lippen, »daß du tun mußt, was er von dir verlangt.«

»Ich danke Ihnen, gnädige Frau,« sagte der Fremde.

[S. 83]

Beate erwiderte nichts. Sie sah ihren Mann an. Ihre Augenlider zitterten.

Gerhard Hoyermann wandte sich um.

»Es ist gut,« sagte er. »Ich bleibe. Acht Wochen früher oder später — es macht so viel nicht aus. Aber ich stelle eine Bedingung.«

»Bitte ...«

»Ich kenne Sie nicht. Ich habe keinerlei Bürgschaft dafür, daß Sie nicht im Auftrage unserer Gegner handeln, wie Sie handeln. Diese Bürgschaft will ich haben. Am liebsten eine schriftliche. Welcher Art — das überlasse ich Ihnen ...«

»Ihr Verlangen ist sehr gerechtfertigt,« meinte der Fremde. »Ich hätte daran denken sollen. Aber ich hole es nach. Hierher will ich nicht zum zweiten Male kommen. Ich kann nicht vorsichtig genug sein ... Bestimmen Sie, wo Sie mich in einer Stunde — oder wann es Ihnen beliebt — treffen wollen ...«

Gerhard Hoyermann überlegte.

»Wenn ich nicht komme, so wagen Sie nichts dabei,« meinte der Fremde, der sein Zögern mißverstand. »Es steht dann Ihrer Abreise nichts im Wege.«

»In einer Stunde am Tempel der Kwan-on,« sagte Gerhard Hoyermann.

»Ich werde pünktlich dort sein.«

Der Fremde verneigte sich und ging.

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Gerhard und Beate sahen sich an. Minuten vergingen. Dann sagte der Mann, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr: »Nun mußt du deine Koffer wieder auspacken, arme Beate ...«

»Ich habe es schon getan,« antwortete die Frau mit ihrem stillen Gesicht. Dann, als hätte sie einen Stoß von innen her erhalten, warf sie ihrem Manne die Arme um den Hals und fragte, Herz an Herz gedrängt: »Wir werden uns nie trennen, Gerd, nicht wahr —? Was auch geschehen mag — was du auch tun willst, Gerd — wir werden uns nie trennen, nicht wahr —?«

»Ich weiß es nicht, mein Liebling,« sagte Gerhard Hoyermann. Und als der halb unbewußte Blick seiner Augen den Jammer der ihren ergriffen, fuhr er fort: »Wir werden tun, was wir müssen, geliebte Frau ... und was gut ist — ja, das werden wir tun ...«

»Woher willst du wissen, was das Gute ist?« murmelte sie, die Hände auf seinen Schultern.

»Man weiß es immer,« sagte Gerhard Hoyermann nachdenklich. »Man tut es nur nicht immer ...« Er nahm das Gesicht seiner Frau in beide Hände und sah sie an, ein wenig mitleidig und ein wenig froh. »Wir beide, Beate — wir werden es wissen und tun ... Das ist gewiß.«

Sie entgegnete nichts mehr. —

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Eine halbe Stunde später machte sich Gerhard Hoyermann auf den Weg zum Tempel der Kwan-on.

Mosaku, im Strohmantel, triefend vor Nässe, trabte mit offenem Munde. Sein bellendes »Hai!« fuhr in die Menschen hinein, die mit Papierschirmen, auf die der Regen trommelte, über die Lachen und Löcher der Straße stelzten. Gerhard Hoyermann sah heute gleichsam durch die Menschen hindurch. Er bemerkte keine Gesichter. Seine zusammengelegten Hände öffneten und schlossen sich gedankenlos. Der Regen schlug auf ihn nieder. Er war lichter als vor ein paar Stunden; morgen gab es vielleicht einen schönen Tag.

Und Gerhard Hoyermann dachte, wie wohl zu Hause der Himmel aussehen mochte.

Nichts auf der Welt schien ihm jetzt wichtiger zu sein, als zu wissen, ob es daheim regnete oder ob die Sonne schien ...

Am Vorhof des Tempels angelangt, stieg er aus und stieg die glitschigen Stufen zum Gipfel des Hügels hinauf. Es war kein Mensch weit und breit zu sehen. Auch nicht der Fußtritt eines Menschen. Die Fichten um den Tempel der Göttin mit den schönen Augen standen zum Teil entwurzelt, und der Regen wusch die letzte Erde von den zersprengten lebendigen Seilen, mit denen sie in der Erde verankert gewesen.

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Der Fremde war nicht gekommen.

Gerhard Hoyermann sah auf die Uhr.

Er trat in den Tempel; kein Priester, kein Betender war zu erblicken.

Als Gerhard Hoyermann zum zweiten Male nach der Zeit sah, waren zwanzig Minuten über die bestimmte Zeit verstrichen.

»Um so besser,« sagte Hoyermann halblaut. »Dann reisen wir also morgen ...«

Nach weiteren zehn Minuten beschloß er, noch einmal rund um den Tempel zu gehen, um ja sicher zu sein, daß er den Fremden nicht an falscher Stelle gesucht.

Als er die Rückwand des Tempels erreicht hatte, fand er ihn.

Es war schon sehr dämmerig, und der Regen trübte den Tag noch mehr. Aber Gerhard Hoyermann erkannte den Mann sofort.

Er lag neben einer umgestürzten Fichte auf dem Rücken; sein langes Haar fiel ihm in die Augen, die nach oben starrten und einen merkwürdigen fischigen Glanz hatten. Der Mund stand offen und war so sehr verzerrt, daß es schien, als grinse er in einem ungeheuren, lautlosen Gelächter. Die starken weißen Zähne bleckten ganz entblößt.

Der Mann war tot.

Er war erwürgt worden; mit einem guten Griff.

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Dschiu Dschitsu, dachte Hoyermann mechanisch. Er schüttelte sich, in einem plötzlichen Zittern wütendster Wut. Dann packte er den Toten, dessen Last er nicht fühlte, und schleppte ihn in den Tempel der Kwan-on.

»Mag sie samt denen, die zu ihr beten, zusehen, wie sie mit ihm fertigwerden,« dachte er...

Als er heimkam, trat ihm Beate mit der Frage entgegen, ob er Takejiro entlassen habe.

»Nein.«

»Er ist aber fort, samt seinen Sachen.«

»Laß ihn laufen,« sagte Gerhard Hoyermann schwerfällig. Er setzte sich und legte den Kopf in die Hände.

»Was hast du?« fragte seine Frau und griff nach seiner Schulter.

Da erzählte er ihr.

Beate wurde grau im Gesicht.

»Glaubst du,« sagte sie und würgte an den Worten, »daß Takejiro ... euch belauscht hat und dann ...«

»Sehr möglich ...«

»Und du willst ihn laufen lassen —?!«

Gerhard Hoyermann zuckte die Achseln.

»Was willst du? Wenn er den Mord im Auftrag der Polizei beging, was mich gar nicht wundern würde und sehr wahrscheinlich ist, denn der Tote war entschlossen und tüchtig in[S. 88] seinem Fach —, dann wird die Polizei ihn schützen. Und wenn wir oder irgend jemand sonst bei der deutschen Gesandtschaft vorstellig würden und diese die Bestrafung des Mörders forderte, dann sei versichert, daß sich irgendeiner finden würde, der den Mord auf sich nähme und sich hängen ließe für den wirklichen Mörder, der vielleicht seinem Lande noch nützlich sein kann ...«

Er stand auf und reckte die Schultern.

»Wir leben nicht unter Menschen — wir leben unter Begriffen, Beate ... Und die haben in einem Lande, wie dieses ist, das ewige Leben ...«

Er hatte das Wort noch im Munde, als Tystendal hereintrat. Er hatte ein Zeitungsblatt in der Hand ...

»Das Ultimatum Österreichs an Serbien,« sagte er.

»Gut!« sagte Gerhard Hoyermann nachdrücklich.