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Die Flucht der Beate Hoyermann cover

Die Flucht der Beate Hoyermann

Chapter 4: 3
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About This Book

Die Erzählung begleitet Beate Hoyermann, die mit ihrem Mann in fernen Gegenden lebt, und schildert ihr Ringen zwischen Fremdheitserleben und kultureller Neugier. Sie beobachtet Sitten und Menschen, bemüht sich um Sprachkenntnisse und sucht zärtliche Verbindungen zu Dienenden und Reisenden, während kleine Abenteuer wie rasante Fahrten und die Rivalität lokaler Fuhrleute den Alltag durchziehen. Ein schwerer Krankheitsfall des Mannes führt zu existenziellen Prüfungen und Entscheidungen über Aufenthalt und Rückkehr. Stilistisch verbindet die Darstellung genaue Beobachtungen von Landschaft und Gesellschaft mit reflektierenden Passagen über Identität, Sehnsucht und die Schwierigkeit, an fremdem Ort Wurzeln zu schlagen.

[S. 89]

3

Beate lag in ihrem Zimmer, dessen papierene Wände in der Nacht wie Milchglas matt schimmerten, und wartete auf ihren Mann.

Umè hatte der Herrin das Lager aus vielen kostbar seidenen und wattierten Futons übereinander geschichtet und auch das hölzerne Bänkchen bereitgestellt, auf das die Japanerinnen ihre kunstvoll frisierten Köpfe legen und das, nach unerforschtem Brauch, so heilig ist, daß niemand es versehentlich stößt, ohne es um Verzeihung zu bitten. Die Herrin hatte zwar erklärt, seiner nicht zu bedürfen, aber Umè hielt es immerhin für besser, wenn es an seinem Platze stand.

Draußen schritt eine wunderschöne Sommernacht über Land und See. Die Frösche quakten, aber ganz fern; manchmal rief ein Vogel einen einzigen, schwermütigen Laut in die milde Tiefe der Dunkelheit. Unten am Teich schwatzte der kleine Wasserfall.

Beate lag auf dem Rücken und hatte den Kopf ganz in den Nacken gebeugt. Sie hatte[S. 90] ein Gefühl, als träte jede einzelne Minute auf ihren Leib, und sie könnte sich nicht wehren. Ihre weit offenen Augen sahen gegen die Decke des niedrigen Zimmers; aber sie waren wie blind.

Sie lauschte.

Es war schon sehr spät — weit nach Mitternacht. Gerhard hatte sich in der Stadt mit Tystendal verabredet. Sie waren jetzt oft zusammen, die Freunde; öfter noch als sonst. Und wenn er dann nach Hause kam, blieben doch seine Augen wie weit fort, und seine Liebkosungen waren ein wenig traurig.

Jedesmal, wenn er sie dann küßte, beugte sich Beate in seinen Armen zurück und hielt mit ihren Händen seinen Nacken und sah ihn verzweifelt an. Sie wollte ihn fragen: »Was hast du? — Was verschweigst du mir?« Aber sie fragte nicht. Sie hatte Angst vor seiner Antwort.

Aber nun ertrug sie es nicht mehr.

Vom ersten Tage ihrer Ehe an war sie gewöhnt gewesen, daß sie beide alles, was sie zwischen zwei Dämmerungen erlebt hatten, zusammenpackten und zueinander brachten, um es auszutauschen. Sie pflegten sich gegenseitig bei den Ohren zu nehmen und dem anderen vorzuwerfen, daß er verschwenderisch und aus der Maßen leichtsinnig sei, um sich am Ende dieser[S. 91] Auseinandersetzungen mit blanken Augen anzulachen — Gerhard mit seinem urwalderschütternden Gedröhn und sie mit ihrem leichtfüßigen Jauchzen darüberkletternd: »Hohoho, meine Löwin —!« ... »Bär! Bär, du hast eine schwarze Nasenspitze — hahei!«

Nein, sie waren ganz taumelig — total verrückt — und glücklich, glücklich — glücklich — ach! Die ganze Welt tanzte in der Hand ihres vergnügten Schöpfers ...

Nun, seit Tagen, schwiegen sie voreinander.

Aber sie wollte nicht mehr schweigen. Sie wollte nicht mehr, weil sie nicht mehr konnte. Sie würde ihn fragen, beide Hände auf seine Brust gelegt, als wollte sie an seinem Herzen anpochen ... Gerd —?

Dann mußte er Antwort geben.

Und darum wartete sie auf ihn mit offenen Augen, während sie in ihrem Zimmer mit den milchigen Wänden lag und die Dunkelheit um das Haus herfloß wie ruhig ziehendes, tiefes Wasser um einen gläsernen Schrein.

Die kleineren Sterne waren schon unsichtbar geworden, als Gerhard Hoyermann nach Hause kam. Beates Ohren, durch das schweigsame Lauschen in die Stille hinein geschärft, hörten das Knirschen des feinen Sandes, in dem das Boot auflief, und dann die Schritte ihres Mannes, die sich dem Hause näherten.

[S. 92]

Aber er kam nicht herein.

Sie hörte, wie er stehenblieb und dann zögernd wieder ging; doch nicht zu ihr. Er ging durch den Garten. Nun entfernten sich seine Schritte; nun kamen sie wieder näher; sie wanderten um das stille, wartende Haus, ruhelos und müde; so wie Verbannte um die Grenzen ihrer Heimat schleichen, dachte Beate. Sie lag noch immer, als könnte sie sich nicht rühren, mit offenen Augen und Lippen, die eine uneingestandene Bitterkeit ein wenig herbe machte.

Doch als die Schritte draußen den Weg zu ihr nicht finden konnten, obgleich es schien, als sehnten sie sich sehr, hereingerufen zu werden, stand sie auf und tastete sich, unsicheren Ganges, nach der Tür, die auf die Veranda führte. Sie schob sie auf und beugte sich, vortretend, über das schmale Geländer.

Die Nacht war nicht dunkel. Sie konnte den Mann gut sehen, der mit gesenktem Kopf unter den Pflaumenbäumen hinging. Er trug den Hut in der Hand.

»Gerd —!« rief sie halblaut.

Er fuhr zusammen und kam auf sie zu — so eilig, als wollte er einer Frage zuvorkommen.

»Mein Liebling ...«

»Ich hörte dich durch den Garten gehen ... Warum kommst du nicht herein?«

»... Ich wollte dich nicht wecken.«

[S. 93]

»Ich schlief nicht ...«

Er entgegnete nichts, sondern kam herauf und in das Zimmer, in das Beate zurückgetreten war. Sie wartete, ob er etwas sagen würde. Er schwieg aber, strich nur, als er an ihr vorüberging, mit seiner Hand über ihre Schulter. Ein sinnloses Schluchzen stieg der Frau in die Kehle. Aber es wurde nicht laut.

Sie legte sich nieder und wartete. Plötzlich, als fühlte er die Stille des Zimmers körperlich und peinigend, sagte er laut: »Tystendal läßt sich dir empfehlen ...«

»Danke schön ... Warst du mit ihm allein?«

»... Entschuldige ... was fragtest du?«

Beate schluckte. »Laß nur, es war nichts Wichtiges ...«

»Ob ich mit ihm allein war ... ja, natürlich ... Habe ich dir seine Grüße ausgerichtet?«

Beate gab keine Antwort. Er schien auch keine erwartet zu haben, denn er fragte nicht zum zweiten Male. Er legte sich nieder, atmete tief und lag still.

»Gute Nacht, mein Liebling,« sagte er halblaut mit jener schweren und traurigen Zärtlichkeit, die sie ganz verstörte. »Schlaf gut ...«

Sie gab ihm den Wunsch nicht zurück.

Sie wartete eine Weile und horchte auf seine Atemzüge. Sie fühlte, daß er nicht einschlafen konnte. Sie richtete sich behutsam auf[S. 94] und beugte sich über ihn. Seine Augen standen weit offen.

Da legte sie ihre Hände auf seine Brust, so wie sie es hatte tun wollen und sich gesehnt zu tun, und fragte: »Gerd ...?«

»Ja, Beate?«

»Gerd, warum verschweigst du mir auf einmal so vieles?«

Er sagte nichts. Sie fühlte sein Herz unter ihrer Hand.

»Früher«, fuhr sie fort — und ihre Stimme war wie die des kleinen Vogels, der in der Nacht nach seinem Freunde rief — »sprachen wir zueinander von jeder Stunde des Tages, von den fröhlichen und den traurigen. Ich weiß nichts, was ich dir jemals nicht gesagt hätte, und glaube nicht, daß du mir etwas verschwiegst ... Ich kam immer zu dir gelaufen und mußte alles erzählen, und so tatest du auch, und wir teilten uns hinein — ... War das schön?«

»Ja, Beate ...«

»Und wenn wir Sorgen hatten oder Kummer — und wenn wir einmal nicht wußten, wo ein noch aus ... Gerd, wir haben uns so fest bei der Hand gehalten und sind uns so nahe gewesen in schweren und schwersten Stunden, daß es war, als läge alle Last auf einer Schulter, und doch war's deine und meine ... Aber wir spürten die Last kaum, weil wir zusammen gingen ...[S. 95] Ich glaubte, ich sei dir ein guter Kamerad gewesen ...«

»Das warst du, Beate — weiß Gott!«

»Warum schiebst du mich dann jetzt beiseite, Gerd?«

»Das tu' ich nicht — nein ... Ich wollte nur noch ein wenig warten, Beate ... Wir werden leicht feige, wenn wir wehtun müssen, nicht wahr?«

»Mußt du mir weh tun, Gerd?«

»Ja, mein Liebling ...«

»Ich will dir schon stillhalten.«

Gerhard Hoyermann hob die Hand und legte sie um den Nacken seiner Frau.

»Ich möchte jetzt wohl dein Lächeln sehen,« sagte er nachdenklich. »Ich weiß noch, wie du damals lächeltest, als ich nach Hause kam und sagte: ›Ich habe das Fieber‹ ... ›Das wollen wir schon unterkriegen‹ sagtest du und lächeltest und warst so weiß wie dein Kleid ... Damals warst du ergreifend schön; ich hab's nie vergessen können ...«

»Sprich nicht von damals,« sagte Beate und netzte ihre spröden Lippen. »Sprich von heut.«

»Ja. Das muß ich auch ... Nun, der Krieg ist erklärt ...«

»Zwischen Österreich und Serbien?«

»Ja.«

Beate sagte nichts. Erst nach einer Weile fragte sie: »Und Rußland?«

[S. 96]

»Rußland mobilisiert ...«

»Aber ... der Zar — hast du die Depeschen nicht gelesen, die zwischen dem Zaren und dem Kaiser gewechselt worden sind? Der Zar hat sein Ehrenwort gegeben.«

»›Ehrenwort‹ klingt anders in russischer Sprache als in deutscher,« sagte Gerhard Hoyermann mit einiger Bitterkeit.

»Du glaubst also — daß der europäische Krieg unvermeidlich sein wird?«

»Ich hoff's, Beate — ich hoff's —!« rief der Mann und hob die Arme über den Kopf. »Herrgott, wenn wir nur jetzt nicht wieder zurückzucken! Wenn wir nur jetzt fest bleiben! Wenn es nur um Gottes willen nicht wieder wie damals wird bei der Marokkogeschichte! Wir gehen vor die Hunde, wenn der Krieg nicht kommt! Rußland, England, Frankreich treten uns mit den Stiefelabsätzen im Gesicht herum — und wenn wir jetzt unsere Stellung in der Welt nicht wahren, fressen sie uns auf wie die Geier ein Aas —! Ach wir — wir mit unserer blonden, satten, himmelstürmenden Gutgläubigkeit —! Wir Narren, wir Hanswurste der Weltgeschichte! — Wir haben die Kraft und die Begabung, um dem ganzen Erdball unseren Stempel aufzuprägen — und wir bücken uns und heben den Abfall auf, den die Herren an der Tafel uns übriglassen ...! Sag mir nichts, Beate — es[S. 97] muß einmal herunter! Es würgt mich lange genug ...«

»Ich sage nichts, Gerd ...«

»Sieh dir unsere Kolonien an — was sind sie? Ein Flicken auf der Landkarte! Wir plagen uns nach dem Worte der Bibel mit Dornen und Disteln um den Acker herum ... und bei den anderen trägt er, kaum daß sie säen, zweimal Frucht. Warum? — weil wir zu spät kamen! Sieh dir unsere Flotte an! Ja! — ja! Sie entwickelt sich und wächst, und es stehen Kerle an ihrer Spitze, bei denen einem das Herz im Leibe lacht ... Und laß den Krieg kommen — was dann? Dann fegen die englischen Kreuzer das Weltmeer rein, und wir müssen hinunter, und sie bleiben obenauf! Warum? — weil wir zu spät kamen! Glaube mir, Beate: es wird Zeit, daß wir hochgerüttelt werden! Uns muß man schon hart packen, wenn wir's glauben sollen, daß es ernst gemeint ist! Uns muß man schon mit Kolbenstößen auf den Platz befördern, auf den wir von Rechts wegen gehören — und auch dann bitten wir noch vielmals um Entschuldigung, daß wir uns erlauben, das tüchtigste Volk zwischen beiden Polen zu sein ...«

»Du mußt nicht hart sprechen von Deutschland,« sagte Beate; »nicht hier ...«

»Warum tu' ich's denn?« fragte der Mann und richtete sich auf. »Weil ich das Land liebe[S. 98] — liebe mit einem solchen Zorn und einer solchen Inbrunst, daß ich daran innerlich zugrunde gehen könnte ... Und darum wünsche ich ihm den Krieg — ja, das tue ich!«

Es war eine Weile still zwischen den zwei Menschen. Beate sah vor sich hin.

»All das«, meinte sie dann, »war es nicht, was du mir sagen mußtest, Gerd. Ich warte noch darauf ... Du sagtest, du müßtest mir weh tun ... Tu's! ... Ich kann's schon ertragen, wenn es von dir kommt ...«

Gerhard Hoyermann lag ganz still. Beate konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber sie fühlte, daß er sie nicht ansah.

»Beate,« fing er an und hob die Hand zu ihrem Arm, »wenn wir in Deutschland wären und es gäbe Krieg ...«

Er hielt inne. Beate sagte nichts. Sie saß aufrecht in den seidenen Decken und hatte die Finger ineinandergeschlungen. Sie wußte, was nun kommen würde. Sie wußte auch, daß er hoffte, sie würde ihm das bittere Wort aus dem Munde nehmen. Aber sie tat es nicht. Sie spürte das aufdämmernde Wissen von dem, was er sagen wollte, wie einen galligen Geschmack im Munde und dachte, ungerecht vor Jammer: Mag er es auskosten, das Bittere, das er mir zu trinken gibt ...

»Ich glaube, du würdest wohl weinen, Beate,[S. 99] wenn ich in den Krieg ginge,« fuhr Gerhard Hoyermann fort, und seine Stimme klang merkwürdig still. »Aber du würdest mich nicht zurückzuhalten suchen, wenn ich mich freiwillig stellte bei meinem alten Regiment — nicht wahr?«

Beate schwieg. Alle ihre Muskeln spannten sich unbewußt, wie bei einem Menschen, der einen schweren Stoß erwartet; sie hielt den Atem zurück.

»Warum antwortest du mir nicht, Beate?«

»Sprich weiter,« murmelte sie zwischen den Zähnen.

»Es ist nicht viel zu sagen, liebste Frau ... Du bist immer tapfer gewesen, warst ein guter Kamerad und hast den Kopf nicht verloren, wenn du auch wußtest — damals in Afrika —, daß ich nicht von jedem Ausmarsch wiederzukommen brauchte. Du ließest mich immer ohne Klage gehen, denn ich hatte meine Pflicht zu tun. Und wenn du sie auch nicht immer liebtest, so hast du sie doch geachtet ... Mehr will ich schließlich auch heute nicht von dir ... Du sollst mich gehen lassen und tapfer sein ...«

»Gehen ... wohin?«

»Nach Hause, Beate ...«

»Das können wir ja nicht — wir kommen ja nicht mehr durch ... sagte der fremde Mensch neulich — und Tystendal meinte es auch ...«

»Es handelt sich nicht um uns, Beate — es[S. 100] handelt sich nur um mich,« sagte Gerhard Hoyermann.

»— Was sagst du —?«

»Ich würde versuchen, allein durchzukommen ... Ein Mann kann hundert Wege gehen, die einer Frau versperrt sind; wir müßten uns trennen, Beate — ja!«

Beate holte tief Atem. Und dann hob sie die Hand und strich damit durch die Luft, als schnitte sie etwas mitten entzwei.

»Niemals!« sagte sie. Sie sagte es ohne jede Leidenschaft, mit einem tief schwingenden Ton. Aber das Wort stand wie ein Baum.

»Doch, Beate — doch!«

»Niemals! Und wenn du hunderttausendmal dein ›Doch!‹ sagst, — ich antworte dir hunderttausendmal ›Niemals!‹ Du hast mich eine tapfere Frau genannt. Gut. Das will ich sein. Es war noch kein Weg in unserem Leben, den wir nicht zusammen gegangen sind, und wenn ihn nie zuvor eine Frau gegangen war. Ich trenne mich nicht von dir, Gerd — mag kommen, was will! Es kann dein Ernst nicht sein, das von mir zu verlangen ...«

Er wollte reden, aber sie verschloß ihm den Mund mit der Hand, und ihre fiebernden Worte überstürzten sich und bebten jetzt vor Angst wie frierende Vögel, weil sie fürchteten, doch — doch vielleicht vergeblich zu sein.

[S. 101]

»Du mußt mich nicht mißverstehen, Gerd ... es ist nicht, daß du in den Krieg willst ... Gott im Himmel, das weiß ich, daß ich dich da nicht festhalten dürfte — und wenn ich weinte ... ich bin eine Frau, Gerd ... und Bäume, in die man mit der Axt hineinschlägt, die weinen auch ... Nein, nein, ich ließe dich gehen! Ich würde vielleicht auch fröhlich tun und sagen, daß ich ganz voller Zuversicht sei und wüßte, du kämst mir wieder ... Das ist es nicht, Gerd — das nicht! Aber daß du fortgehen willst von hier — und mich zurücklassen — und ich weiß nicht, ob dir deine Flucht gelingt, ob du — Gott weiß, auf welchen Wegen — nach Deutschland gelangst ... Soll ich hier sitzen, Tage um Tage und Wochen um Wochen, und nicht wissen, wo du bist — ob daheim oder in Gefangenschaft oder irgendwo im Kriege — soll hier in den Nächten liegen und die Stunden über mich hingehen fühlen und Narrenspiele treiben mit sinnlosen Orakeln: Lebst du? Bist du tot —? Soll keinen Brief von dir erwarten dürfen — nichts dir selber geben ... soll meine Angst und meine Hoffnung, die beide keinen Bürgen haben, auf die weißen Blätter schreiben und denken: Vielleicht wirst du sie niemals lesen ...! Das kannst du nicht von mir verlangen, Gerd —? Das kannst du nicht von mir verlangen —!«

[S. 102]

Sie schluchzte auf und erstickte den jämmerlichen Laut mit beiden hochgerissenen Händen, die sie an den Mund preßte. Sie wollte nicht weinen, nein; das war nicht die Stunde zum Weinen; sie mußte die Gedanken klar behalten, um den großen Kampf gut führen zu können. Weinen ist ein Entspannen aller Kraft — und sie brauchte ihre straffen Kräfte.

Sie war nicht erfahren in Weibesmitteln, hatte niemals solche Waffen geübt noch gebraucht; doch mit dem Tastsinn ihrer verzweifelten Angst griff sie unbewußt nach der stärksten. Sie gab sich ganz auf und hin, warf sich gleichsam muskellos, den Jammer ihrer Seele ganz entblößend und aussagend, in die Hände des Mannes und rief seine Großmut an ...

»Du sagst, ich sei tapfer, Gerd ... ich bin's auch — aber nicht ohne dich! Ich bin feige und elend ohne dich ... Wenn du mir heute sagst: Ich will im Ruderboot mit dir über den Atlantischen Ozean — da besinn' ich mich nicht einen Augenblick, ich fahre mit dir ... Und wenn du quer durch Sibirien laufen willst oder durch Tibet — sag mir nur, wann du aufbrechen willst; ich gehe mit ... Ich will mich verkleiden — als Mann, als was du willst. Du wirst mich nie müde finden, nie ängstlich oder verdrossen ... Ich will wie dein junger Bruder sein, Gerd — ganz unerschrocken, ganz unermüdlich ... Aber[S. 103] laß mich nicht allein —! Laß mich um Gottes, um Himmels willen nicht allein, Gerd —!«

Sie spürte sein tiefes Atemholen und schob sich näher zu ihm hin, kauerte sich ganz zusammengeduckt neben seine Brust und schob ihre flatternden Hände, die wie geblendete Vögel umherirrten, nach seinem Munde.

»Sprich nicht,« bettelte sie; »sprich noch nicht ... Ich habe dir ja noch nichts gesagt — noch nichts von allem, was wichtig ist ... Ich weiß auch nicht, wie ich es sagen soll ... Der Kopf tut mir weh ... Ich bin auch nicht beredt — hab' dich noch nie um etwas so bitten müssen ... Hab Mitleid mit mir, Gerd ... ich geh' daran zugrunde ... Was soll ich zu dir reden, Gerd ...? Welche Worte muß ich finden, damit du mich hörst —? Du hörst mich nicht ... du siehst mich nicht an ... Ich liege hier und bettle um mein Leben, und du siehst mich nicht an ... Hast du alles vergessen, Gerd, was wir uns gewesen sind? Soll das alles vorbei sein? — Ich liebe dich ... ich liebe dich ... Ich kann dir nichts anderes sagen als dies: Laß mich nicht so bettelarm fortgehen, Gerd ...«

Ihr blutendes Stammeln erlosch; sie beugte den Kopf auf ihre Hände und weinte.

Gerhard Hoyermann streichelte ihr Haar. Er zog sie zu sich nieder und hielt sie an seinem Herzen fest. Und als ihr Weinen leiser geworden[S. 104] war und der Krampf ihres Körpers nachließ, begann er zu sprechen. Er sprach sehr leise, und sie spürte die Schläge seines Herzens hart und stark.

»Meine arme kleine Beate ... nun hast du mir dein ganzes Herz gezeigt; das war schön, Beate — wunderschön ... Und ich will dir auch das meine zeigen, damit du nicht dastehen und glauben könntest, du habest dich vor einem enthüllt, der nicht wüßte, was du damit getan ... Es ist nicht wahr, daß du unberedt seist, geliebte Frau ... Du hast mir alles gesagt, was ein Mensch dem anderen sagen kann, um ihn zu sich hinüberzurufen — auf die andere Seite ... Ich will nichts anderes tun. Ich will dir alles sagen. Und ich lege die Entscheidung in deine Hände ... Ja, das tue ich ...«

Beate hielt den Atem an. Sie lag wie eine Tote. Noch ehe er zu sprechen anfing, wußte sie, was das Ende sein würde. Er kannte sie und wußte, was er tat, wenn er die Entscheidung in ihre Hände legte.

»Daß wir gemeinsam versuchen könnten, nach Deutschland zu gelangen, Beate — daran ist nicht zu denken ... Am allerwenigsten von hier aus ... Bis zum Suezkanal kämen wir — vielleicht. Dann würden sie uns wohl aufgreifen ... Wir müßten also hierbleiben. Oder nach Amerika gehen. Das bliebe sich gleich.[S. 105] Wo wir auch wären, wir wären nirgends auf deutschem Boden ... Vielleicht würde das Leben, das wir führten, sehr schön sein, sehr bequem und sorgenlos. Vielleicht wäre die Natur um uns her so ergreifend schön, daß wir sie schmerzlich lieben müßten. Vielleicht fänden wir auch Menschen, die uns wert würden — wer weiß es? Vielleicht kämen Stunden, in denen wir sehr glücklich wären und uns aneinanderklammerten und dächten: Gott sei Dank — Gott sei Dank, daß wir uns haben und fühlen mit unseren Händen und Lippen ...

»Aber dann, Beate, die anderen Stunden, die ganz gewiß kämen — und reichlicher mit jedem Tage ... in denen einer von uns das Wort Krieg ausspricht ... Im Anfang hätten wir wohl noch den Mut dazu. Dann hätten wir ihn nicht mehr. Denn wir lieben unsere Heimat, Beate, nicht wahr? ... Und wir würden denken: Da drüben auf der anderen Seite der Erdkugel, da ist Krieg. Da ereignet sich das Größte, was Menschen erleben können. Und wir sind nicht dabei. Deutschland schlägt seinen wildesten Krieg; aber wir wissen nicht — bis zum Ende nicht —, ob es siegt oder unterliegt ... Denn der arme Teufel, den sie neulich erdrosselt haben, weil er zu gute Ohren hatte, der sprach ganz gewiß eine bittere Wahrheit, als er sagte, daß die Hauptsprache dieses Krieges die englische sein[S. 106] wird — Zeitungsenglisch, Beate. Wenn wir siegen, werden sie stumm sein; wenn wir unterliegen, werden sie's verdreifachen — aber immer werden wir im ungewissen sein. Vielleicht lügen sie auch — es ist ihnen schon zuzutrauen — und dann quälen wir uns im Dunkeln und schlagen uns Kopf und Hände an türenlosen Mauern wund ...

»Und wenn wir erst einmal so weit sind — Beate, ich denke mir dann meine Tage und Nächte aus ... ja, ja, Geliebte, ganz eigensüchtig denke ich nur an mich dabei — den Mann.... Ich sitze hier, die Hände im Schoß, und genieße mein Dasein, nicht wahr? Ich freue mich am guten Wetter, gehe auf die Jagd, treibe Sport und lebe meiner Gesundheit, nicht wahr? Ich kaufe schöne, bunte Stoffe und fremden, verwirrenden Schmuck und putze meine Frau damit. Ich habe ein gutes Gewissen, denn ich bin ja verhindert worden, nach Hause zu fahren, um mich zu stellen. Ich hätte es gern getan, gewiß — aber man hat mir abgeraten ... Kannst du dir das ausdenken, Beate?«

Die Frau gab keine Antwort.

»Du sagtest,« fuhr Gerhard Hoyermann fort und zog sie fester an sich, »du habest mich lieb ... Ich liebe dich, weiß Gott, so sehr, mein Herz, daß ich keinen Maßstab dafür habe. Du weißt es auch. Wir haben am Alltag keine Worte[S. 107] dafür; aber tief in uns, wo die Feiertage unserer Seelen liegen, da sind wir uns dessen ganz bewußt, daß unsere Liebe etwas unbegreiflich Wundervolles ist. Das will ich uns erhalten. Ich will nicht, daß wir uns eines Tages mit heimlich feindseligen Blicken betrachten, wie die Menschen tun, die unglücklich und einsam sind und ohne Vertrauen zueinander, weil sie sich nicht mehr achten. Das ist es, Beate ... Wir würden anfangen, uns selbst zu hassen, weil wir um unserer Liebe willen feige waren. Und dann würden wir unsere Liebe hassen ... Vielleicht würde ein Tag kommen, wo mich der Ekel vor mir und meiner Tatenlosigkeit so würgen würde, daß ich nicht gut zu dir sein könnte, nur weil der Mann und Soldat in mir sich schämten. Und weil wir ungerecht werden, wenn wir unglücklich sind, darum ließe ich es dich vielleicht entgelten, und unsere Ehe würde in Scherben gehen. Kannst du dir die Zeit ausdenken, Beate, da wir es vermeiden würden, uns in die Augen zu sehen ...? Und die Zeit müßte kommen, weil wir sind, wie wir sind. Aber ich will sie nicht erleben ...«

»Ich auch nicht,« flüsterte Beate mit einem Schauder, der ihr die Hände krampfte.

»Nicht wahr, mein Liebling ... Und das kannst du nicht wollen, du, die mich liebhat, daß ich hier liegen soll wie ein Tier im Käfig,[S. 108] wie ein — wie ein leckes Schiff ... es gibt ja keinen Vergleich für einen Menschen wie mich, mit gesunden Knochen und als tüchtiger Soldat erprobt, der irgendwo in der Welt dem Herrgott die Tage stiehlt, während in der Heimat die Erde brennt — das kannst du nicht wollen, Beate — nicht wahr, nein?«

Beate gab auch jetzt keine Antwort. Sie wußte, daß ihr Schicksal besiegelt war, aber sie begriff es noch nicht. Sie betrog sich noch selbst.

Natürlich ist das alles Unsinn ... dachte sie. Entweder ich träume — dann wird es süß sein, aufzuwachen und Gerhard neben sich zu fühlen — und dann am Morgen ihm den Traum zu erzählen und sich von ihm auslachen zu lassen ... Oder er spricht wirklich zu mir — dann scherzt er nur; er will sehen, was ich ihm antworte ... ich muß ein wenig auf der Hut sein mit meiner Antwort ... sonst neckt er mich bis ans Ende meiner Tage damit, daß ich mich — damals — ins Bockshorn jagen ließ ...

Und über diesen Gedanken, die sich duckten und krümmten, lag die Erkenntnis dessen, was wirklich war, richtete sich auf und reckte sich und griff mit hartem Griff nach allen anderen, verlogenen Gedanken.

»Mein Gott, mein Gott —!« murmelte sie und hob ihre beiden Hände mit einer ganz verstörten Gebärde zu den Schläfen. Sie preßte[S. 109] die Zähne in die Lippen, daß sie stöhnen mußte. Ich will mich zusammennehmen, dachte sie. Sonst verliere ich den Verstand ... und den darf ich nicht verlieren ...

»Es gibt keinen anderen Weg,« sagte sie vor sich hin; es war aber keine Frage.

»Wenn's einen gäbe, Beate — ich hätt' ihn gefunden ... Aber es gibt keinen. Ich allein schlage mich vielleicht durch. Wenn es mißlingt, dann hab' ich wenigstens das Bewußtsein, das Menschenmögliche versucht zu haben. Doch ich hoffe, es gelingt mir. Tystendal wird mir helfen. Aber ich habe die Entscheidung in deine Hände gelegt, geliebte Frau. Ich hab' nichts mehr zu sagen ...«

»Es ist auch nichts mehr zu sagen,« antwortete Beate halb gedankenlos. »Du wirst fortgehen, und ich werde hierbleiben. Es ist eigentlich ganz einfach. Es ist gar nicht so schwer zu verstehen ... Ich kann mir nur vorläufig noch nichts darunter denken ... sei nicht böse ...«

»Sei still —!« sagte der Mann, fast rufend.

Und so wie sie lagen, Brust an Brust, spürte eins das Beben des anderen, den würgenden Jammer vor dem, was kommen würde; und sie küßten sich, um nicht zu stöhnen.

»Wann willst du fort?« fragte Beate und reckte sich unwillkürlich auf, als wollte sie den Schlag des Wortes gewappneter empfangen.

[S. 110]

»Heute noch, mein Liebling,« sagte Gerhard Hoyermann.

»Heu—te ...?!!« Sie riß sich auf die Knie hoch und beugte sich zurück, daß sie die Hände gegen die Wand stemmen mußte, um nicht zu fallen. »Heute — hast du gesagt —?!«

»Beate, Beate —!« Er sprang auf und griff nach ihren Händen, um sie aufzuheben, aber sie wehrte sich, schüttelte den Kopf, umschlang seine Knie und preßte ihre Stirn dagegen.

Sie war nicht mehr tapfer, nein — sie konnte nicht mehr. Sie wollte auch nicht mehr. Was lag daran, ob sie kraftlos wurde im Weinen, ob sie vollkommen ihrem Jammer unterlag. Sie schrie die bittere Not ihres Herzens aus, und das hilflose Schluchzen rüttelte sie: »Heute, Gerd — heute —?!«

»Ja ... Es ist gleich, Beate, ob heute oder morgen ... es wäre nur ein längeres Abschiednehmen ... Liebes Kind — Beate, als ich vorhin durch den Garten lief und mich nicht zu dir hineingetraute, da war ich so feige, daß ich den Gedanken erwog, heimlich, in aller Stille fortzugehen und dir nur zu schreiben ... Aber ich sehnte mich danach, den Abschied mit dir zu teilen und deinen Kummer und deine Tränen wie ein Geschenk zu empfangen und mit mir zu nehmen ... So eigensüchtig war ich, Beate. Gönn es mir. Es[S. 111] wird für lange Zeit das Letzte sein, was ich von dir empfange.«

Beate verstand nichts von dem, was er sagte. Der grauende Tag, der die Dunkelheit auch von ihrem Gesicht wischte, ließ ihre Züge erkennen. Und Gerhard Hoyermann bückte sich, um diese Züge, die er nicht ertragen konnte, mit seinen Händen zuzudecken.

Unter seinen Fingern wiederholte sie, wie eine Blöde, ausdruckslos: »Heute?« Und immer wieder: »Heute —?«

Gerhard Hoyermann sagte nichts. Es war eine Weile völlig still in dem dämmerigen Zimmer. Dann stand Beate auf; er half ihr, aber sie sah ihn nicht an.

»Ich muß dann wohl packen — für dich,« murmelte sie.

»Nein, Beate ... Ich darf nichts mitnehmen. Ich muß fortgehen wie zu einem Ausflug. Tystendal wird mich abholen, als wollten wir nach Enoshima — für ein, zwei Tage ... Du weißt, wie wir beobachtet werden ... Alles hängt davon ab, daß ich unbemerkt von hier fortkomme. Das Spätere muß sich aus den Umständen ergeben. Ich kann keinerlei Pläne machen, kann dir auch nichts mitteilen — entsinne dich, was der Mann, den sie ermordet haben, von unseren Briefen sagte ... Vielleicht ist es mir möglich, dir durch Tystendal Nachricht zu schicken ...«

[S. 112]

»Er wird dich abholen,« wiederholte sie stumpf.

»Ja.«

Sie nickte vor sich hin. »Das wird wohl das beste sein,« meinte sie und rieb sich die Stirn, wie ein Mensch, der sich auf sich selbst besinnen möchte. »Wann wird er kommen?«

»Gegen acht Uhr ...«

»So bald,« sagte sie vor sich hin. Und als er sprechen wollte, schüttelte sie den Kopf. »Laß nur,« sagte sie. »Es tut nichts. Jede Stunde ist die gleiche, wenn sie die letzte sein soll. Dann besser bald. Dann besser gleich. Wir wollen uns nicht aneinander quälen. Du bist sehr gefaßt. Ich will es auch sein. Du sollst dich nicht in mir getäuscht haben ...«

Gerhard Hoyermann sah seine Frau an und schüttelte den Kopf.

»Jetzt bist du ein wenig ungerecht gegen mich, Beate,« sagte er still.

Sie stand mit hängenden Armen.

»Es mag sein,« antwortete sie und sah vor sich hin. »Aber du mußt mich jetzt schon lassen, wie ich bin. Sonst ... stehe ich nicht sehr fest auf den Füßen. Und das muß ich doch ... Vielleicht ist es notwendig, daß eine Frau ganz ausgelöscht wird, wenn der Mann für einen ganz nur männlichen Gedanken brennt. Ich glaub' es fast und sehe es auch ein. Aber es wird dadurch[S. 113] nicht leichter ... Morgen schon ... und später jeden Tag und jede Nacht, Gerd, will ich dir alles abbitten, was jetzt in mir an Bitterkeit ist; heute laß mich nur ... Es tut zuweilen ganz gut, ungerecht zu sein, und es hilft einem weiter als alle gute Erkenntnis ...«

Sie tat ein paar Schritte und blieb verwirrt stehen, als er ihr in den Weg trat.

»Wo willst du hin, Beate?«

»Ich weiß es nicht,« sagte sie. Und sie sagte die Wahrheit.

Da nahm er sie in seine Arme ...

Es war der kleinen pechäugigen Umè durchaus nicht abzugewöhnen gewesen, daß sie einfach in das Schlafzimmer ihrer Gebieterin und deren verehrungswürdigen Gemahls trat, wenn sie es für angemessen hielt. Der Verehrungswürdige hatte sich das schon zu verschiedensten Malen verbeten, ohne die Kraft seiner Stimme im geringsten zu schonen, und hatte sich etliche Gelegenheiten, seine Wurfsicherheit zu erproben, nicht entgehen lassen. Aber Umè wußte, was sich für eine japanische Dienerin schickte. Sie sammelte die Gegenstände, die ihr an den Kopf geflogen waren, sorgfältig auf und stellte sie dem Gebieter mit einer untertänigen Verbeugung für späteren Gebrauch wieder zur Verfügung. Und blieb ... Lag an der Türe auf den Knien und blieb. Daß ein Mensch sich[S. 114] wusch, war ja nichts, dessen er sich zu schämen gehabt hätte. Höchstens, wenn er sich nicht wusch.

An diesem Morgen erwachte Umè eher als sonst. Sie erwachte von einem Ruf oder einem Schrei, von dem die Luft noch zu beben schien, und sie wußte doch nicht, ob er wirklich war oder ob sie ihn nur geträumt. Aber vielleicht hatte die Herrin nach ihr gerufen. Umè stand auf und schlüpfte, ohne sich anzumelden, wie es ihre bescheidene Erziehung forderte, durch die auseinandergeschobenen Wände ins Zimmer ihrer Herrin.

Nein, die Herrin schlief nicht mehr. Sie stand aufrecht mitten in dem zarten, weiten Gemach, dessen Gartenwand von der aufgehenden Sonne in einen einzigen roten Schimmer verwandelt schien, und sie löste sich aus den Armen ihres lieben Herrn, als sie Umè eintreten hörte, wandte sich um und sah das Mädchen an.

Und obgleich sie lächelte und ganz gewiß nicht zürnte, fiel Umè beim Anblick dieses Lächelns lautlos auf die Knie, neigte die Stirn zu Boden und stand auf und ging hinaus.

Beate rief sie zurück.

»Willst du dem Herrn das Bad zurechtmachen, Umè?«

Gewiß, wenn die Herrin befahl ... Umè[S. 115] war in großer Verwirrung. Sie mußte doch wohl geträumt haben, als sie den Schrei hörte. Und dann hatte die Sonne sie geblendet, als sie vor dem Antlitz ihrer Herrin erschrak. Sie schämte sich sehr.

Das ganze Haus wurde lebendig. Es nahm ein Bad in der sprühenden Sonne, die über das Meer und den feuchten Sand tanzte. Die Schwertlilien, die um den kleinen Teich her standen, taten sich weit auf und schienen vor Entzücken zu beben. Turmhoch über der Insel, in einer Luft, die vor Licht und Frische glitzerte, stand eine Gabelweihe und fiel und schwang sich wieder auf, die Morgenbeute in den Fängen.

Umè haßte die Gabelweihen und die Krähen gleichermaßen und wußte viele Spottlieder auf sie ...

Aber jetzt war keine Zeit zum Singen. Der verehrungswürdige Gebieter wünschte zu frühstücken. »Sofort!« hatte er gesagt.

Wenn der Verehrte mit der Stimme Emm-As, des Gottes der Unterwelt, seine Wünsche durch das Haus donnerte, glaubte Yuki keine Veranlassung zu haben, sich besonders zu beeilen. Sie lächelte dann ermutigend und versprach, daß der Verehrte in kürzester Zeit zufriedengestellt sein würde — ein Versprechen, das sie niemals hielt.

Aber wenn er sehr ruhig sprach, Yuki ansah[S. 116] und »Sofort!« sagte, dann bebte die kleine Kochfrau. Und dann verdarb sie regelmäßig den Tee.

Heute half ihr die Herrin bei dem wichtigen Amte der Teebereitung. Und obgleich Yuki in der Tiefe ihres japanischen Herzens feststellte, was sie längst wußte — daß die hochverehrten Menschen mit der weißen Haut nicht die geringste Ahnung von der Feierlichkeit besaßen, mit der echter Tee bereitet sein wollte, noch von den dabei zu wahrenden Regeln der Höflichkeit und der Schönheit —, so lag doch etwas in den Bewegungen, mit denen die fremde, weiße Frau ihrem lieben Herrn das Frühstück bereitete, das die kleine Yuki nachdenklich stimmte.

Drüben am Strand, den die Ebbe freilegte, hockten Akira und Mosaku bei ihrem Kohlenfeuer, klopften die Pfeifen aus und stopften sie und grinsten sich feindselig an. Sie erhofften viel vom heutigen Tage, denn das Wetter war schön wie eine junge Frau am Morgen der Hochzeit.

Die Wildtauben schwatzten im Gehölz ...

Gerhard und Beate gingen zusammen durch den Garten. Sie gingen Arm in Arm geschlungen und hielten sich an den Händen. Eine Stunde hatten sie noch Zeit. Und der Mann sah sich nicht um in dem Lande, das er verlassen wollte. Aber die Frau ließ ihre Augen über[S. 117] den Garten hingehen, über die Bäume, den Teich und die Blumen, über die mildfarbigen Steine und künstlichen Grotten, über den kleinen Wasserfall, die Goldfische und den klaren Sand der Wege — über all die in sich selbst entzückte Schönheit eines Gartens, den die Pflege von Jahrzehnten zum Meisterwerk geschaffen hatte — als ob sie es sei, die Abschied nehmen mußte — nicht der Mann.

Und ganz gewiß würde sie seine Schönheit von nun an nicht mehr sehen ...

Plötzlich sagte sie: »Ich werde es wissen, wenn du tot bist ...«

Er drückte ihre Hand.

»Wenn du es kannst, denke fröhlich an mich. Ich habe es immer gefühlt, wenn du mit deiner großen Zuversicht bei mir warst ...«

»Ja,« antwortete sie. »Ich werde es wissen, wenn du tot bist.«

Sie sprach diese Worte, als hätte sie mit ihnen eine tiefe Kraft aus sich geschöpft. Sie holte ruhiger Atem, nachdem sie sie gesprochen.

Gerhard sagte: »Du kannst dich auf Tystendal verlassen wie auf mich selbst. Wir haben alles Notwendige verabredet. Laß die Zeit sich klären. Wenn es ohne Gefahr geschehen kann, wird er dich zu seiner Mutter bringen. Von Schweden aus gelangst du ohne Schwierigkeiten nach Deutschland.«

[S. 118]

»Du mußt nicht an mich denken,« sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln.

Als sie an das Ende des Gartens gekommen waren, blieb Beate stehen. Sie blickte auf die Uhr an ihrem Handgelenk.

»Tystendal wird gleich kommen,« sagte sie und schluckte. Sie hob den Kopf.

»Laß dich noch einmal recht ansehen,« murmelte sie. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, und während sie mit ganz geweiteten Augen in sein Gesicht sah, ließ sie ihre Finger niedergleiten über seine Arme und Hände, legte sie auf seine Brust und tastete nach seinem Herzen, als fürchtete sie, blind zu werden und ihn nie wiederzusehen. Sie lächelte dabei und sah ihn immer an. Ihre Lippen standen ein wenig offen, als suchten sie irgendein Wort, das sie nicht finden konnten.

»Mein geliebter Mann,« sagte sie. Es klang fast einfältig.

Und ehe der Mann ihr antworten konnte, kam der Diener und meldete, das Boot des erwarteten Freundes seines verehrten Herrn sei soeben an Land gestoßen.

»Es ist gut,« sagte Gerhard Hoyermann.

Beate senkte den Kopf. Sie wandten sich und gingen nach dem Hause.

Der Schwede kam ihnen nicht entgegen. Er erwartete sie im Empfangszimmer, wo Yuki[S. 119] bereits auf den Knien lag, um für den verehrten Gast den Tee zu bereiten.

Beate streckte dem Freunde ihres Mannes die Hand entgegen. Er sah sie an und wollte reden, aber er tat es nicht. Er küßte ihr die Hand. Dann schüttelte er Hoyermann die Rechte. Die Diener warteten. Drunten am Strande schwatzten die Bootsleute.

»Hoffentlich sind Sie mir nicht böse, gnädige Frau,« begann der Schwede, »daß ich Ihnen Ihren Herrn Gemahl für ein paar Tage entführe. Aber wenn man Sie ansieht, glaubt man's Ihnen, daß Sie zu angegriffen sind, um mit von der Partie zu sein ...«

»Es tut mir selbst sehr leid,« antwortete Beate. »Enoshima soll sehr schön liegen und viel Interessantes bieten ... Stammen die reizenden japanischen Perlmutterarbeiten nicht aus Enoshima?«

»Ich werde dafür sorgen,« sagte Tystendal, »daß Ihr Gatte Ihnen das Hübscheste mitbringt, was wir gemeinsam bei sämtlichen Künstlern auftreiben können.«

»Danke!« sagte Beate mit erlöschendem Laut.

Die beiden Männer sahen sich an.

»Fertig?«

»Ja.«

»Dann können wir also aufbrechen ...«

»Ich bin bereit ...«

[S. 120]

»Auf Wiedersehen, gnädige Frau!« sagte der Schwede und beugte sich zum zweiten Male über Beates Hand.

Unwillkürlich deckte er diese Hand auch mit seiner anderen, als wollte er sie wärmen. Dann ließ er sie los, verbeugte sich und ging aus dem Zimmer.

»Auf Wiedersehen, Beate!« sagte auch Gerhard Hoyermann.

»Auf Wie—«

Sie fuhr sich mit der Linken nach dem Halse — nach der Stirn, lächelte und hob ihr weißes Gesicht den Lippen ihres Mannes entgegen. Sie schloß die Augen, und für die Dauer eines Kusses, den drei sanfte, staunende und unbewußt etwas verächtliche Pechaugenpaare beobachteten, krampften sich ihre Finger in den Stoff seines Rockes. Dann lösten sie sich.

»Auf Wiedersehen, Gerd!« sagte die Frau.

»Beate ... Beate, wir sehen uns wieder ...«

»Ja, ganz gewiß ...«

»Leb wohl ... sag mir noch irgendein Wort ...«

»Ich weiß nichts, Gerd ... Ich liebe dich — ist es das?«

»Ja, Beate.«

»Ich liebe dich,« wiederholte sie. Sie hatte das Lächeln jener Frauen, die für ihren Glauben starben. Und sie schien dem Tode nicht fern zu sein.

[S. 121]

»Nun mußt du gehen,« sagte sie. »Leb wohl ...«

Er ließ ihre Hände los. Sie fielen an ihr nieder, als wären sie leblos, aus Holz.

Er ging.

Beate trat auf die Veranda, um ihm nachzusehen. Sie beugte sich über das Geländer. Vor weniger als zwölf Stunden hatte sie auch hier gestanden und ihn zu sich gerufen. Wenn sie ihn jetzt noch rief — vielleicht kehrte er um ... Aber sie rief ihn nicht ...

Sie sah ihn unter den Bäumen, die am Ufer standen, verschwinden, ging die Stufe zum Garten hinunter und nach dem Strande. Als sie ihn erreichte, war das Boot schon abgefahren, und die weichen Morgenwellen glitten unter ihm geschmeidig fort. Der Wind lag im Segel, das sich in die Brust warf wie ein Schwan.

Beate ließ ihr Taschentuch wehen. Sie sah nichts. Von den Männern einer sprang auf und winkte mit dem Arm — schrie ihr etwas zu — aber sie hörte nichts. Vielleicht sollte sie heimgehen. Vielleicht war es nicht gut, daß sie hier stand und ihnen nachsah. Sie neigte den Kopf und ging zum Hause zurück, ohne sich noch einmal umzusehen.

Sie ging in ihr Schlafzimmer, das Umè schon längst in Ordnung gebracht hatte; denn sie war eine gewissenhafte kleine Dienerin und[S. 122] ängstlich bemüht, ihre Herrin immer zufriedenzustellen.

Fest davon überzeugt, daß die Herrin wieder vergessen hatte, beim Eintritt ins Haus die Sandalen abzustreifen, ging sie ihr nach, um den Fehler gebührend wieder gutzumachen. Aber als sie einen Blick in das Gemach der Herrin getan, kehrte sie um und schlüpfte in die Küche, wo Yuki Kuchenteig bereitete und sang.

Sie sang ein kleines Lied, wie es einsame Wanderer singen, die in der Fremde sein müssen und an die Heimat denken:

»Wenn ich auch verarmt und glückberaubt
Fern von dir ein totes Leben führe —
Lasse du im Frühling, neubelaubt,
Tausend Blüten duften um dein Haupt,
Süßer Pflaumenbaum vor meiner Türe ...«

»Sei still, Yuki,« sagte Umè. »Die Herrin schläft.«

Sie irrte sich; ihre Herrin schlief nicht. Und sie wäre von dem Dröhnen der mächtigsten Tempelglocken Buddhas, des Erhabenen, ebenso wenig aufgeweckt worden wie von dem Singen Yukis.

Aber die kleine Dienerin hatte noch nie einen ohnmächtigen Menschen am Boden liegen sehen, und darum war ihr Irrtum verzeihlich. Denn für eine japanische Frau wäre es keinesfalls schicklich gewesen, die Besinnung zu verlieren.