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Die Flucht der Beate Hoyermann cover

Die Flucht der Beate Hoyermann

Chapter 5: 4
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About This Book

Die Erzählung begleitet Beate Hoyermann, die mit ihrem Mann in fernen Gegenden lebt, und schildert ihr Ringen zwischen Fremdheitserleben und kultureller Neugier. Sie beobachtet Sitten und Menschen, bemüht sich um Sprachkenntnisse und sucht zärtliche Verbindungen zu Dienenden und Reisenden, während kleine Abenteuer wie rasante Fahrten und die Rivalität lokaler Fuhrleute den Alltag durchziehen. Ein schwerer Krankheitsfall des Mannes führt zu existenziellen Prüfungen und Entscheidungen über Aufenthalt und Rückkehr. Stilistisch verbindet die Darstellung genaue Beobachtungen von Landschaft und Gesellschaft mit reflektierenden Passagen über Identität, Sehnsucht und die Schwierigkeit, an fremdem Ort Wurzeln zu schlagen.

[S. 123]

4

Wie auch die übrige Welt sich zum Ausbruch des europäischen Krieges stellen mochte, — die japanischen Zeitungsjungen jedenfalls riefen den Segen der Gottheit auf ihn herab, denn er hob ihre Kaste zu den Höhen eines Triumphes, wie sie ihn seit den Tagen von Port Arthur nicht wieder erlebt.

Das Klappern ihrer dienstfertigen Holzsandalen wuchs zum Getöse an, und ihre Stimmen gellten übereinander weg:

»Die Kriegserklärung Deutschlands an Rußland —!«

»Die Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich —!«

»Die Deutschen haben Luxemburg besetzt —!«

»Einmarsch der Deutschen in Belgien —!«

»Die Kriegserklärung Englands an Deutschland —!«

»Der Beginn der Feindseligkeiten —!«

O, es war herzerhebend, wie der Nachrichtendienst arbeitete. Es war ein Vermögen zu verdienen durch Zeitungsüberschriften. Man berauschte[S. 124] sich an Druckerschwärze. Der hypnotische Wahnsinn des allgemeinen Schreiens benebelte die Gehirne; der Veitstanz der großen Worte brach aus und griff um sich wie Flugfeuer.

»Schwere Niederlage der Deutschen bei Metz —!«

»Die Russen auf dem Vormarsch gegen Wien und Berlin —!«

»Selbstmord des deutschen Kronprinzen —!«

Die englischen Redaktionen zermarterten sich die Hirnkästen, um ihre Kunden zufriedenzustellen. Man zog den europäischen Krieg auf Flaschen und schenkte ihn möglichst vorteilhaft aus. Wo die Tatsachen mangelten, behalf man sich mit Erfindungen — alles nur den Kunden zuliebe ... Man war es ihnen schuldig; sie mußten auf ihre Kosten kommen.

Nichts Neues? — O doch, bitte: Die deutsche Flotte bei Wilhelmshaven vernichtet —! Falls sie genaue Zahlen wünschten, — es sollte auf ein paar Kreuzer oder Linienschiffe nicht ankommen, nein ...

Beate kaufte keine Zeitungen mehr. Mochten die Jungen neben ihrem Jinrikisha herlaufen, ihr das letzte gellende Ereignis in die Ohren trompetend, — sie wandte nicht mehr den Kopf danach. Sie warfen ihr die druckfeuchten Blätter in den Schoß; sie strich mit der Hand darüber und ließ sie in den Schmutz der Straße fallen.

[S. 125]

Da gehörten sie hin ...

Sie hatte ein anderes Gesicht bekommen, die junge Beate Hoyermann. In wenigen Tagen waren ihre Lippen schmal und hart geworden, und ihre Mundwinkel hatten sich gesenkt. Der Kummer hatte das Werk angefangen, und der Ekel hatte es vollendet. Sie war mager geworden, denn sie aß seit Tagen fast nichts, weil alles in ihrem Munde zu Galle wurde.

Die Zeit war vorbei, da sie auf ihren Fahrten mit Akira oder Mosaku japanische Vokabeln und Sprichworte lernte. Sie fragte der fremden Seele nicht mehr nach. Die ganze Erdkarte schien für sie ausgelöscht zu sein bis auf den kleinen Fleck, der Deutschland hieß. Den aber liebte sie.

Und sie liebte ihn mit der zornigen Sehnsucht, aller Welt ins Gesicht zu schreien, wie sehr sie ihn liebte. Obgleich sie sehr wohl fühlte, daß dies weder der Ort noch die Stunde dafür sei.

Tystendal hatte ihr einen Boten geschickt. Seinen schwedischen Diener, der nichts als seine Muttersprache verstand. Tystendal hielt einen schweigsamen Diener für vorteilhafter als einen sprachgewandten. Er behielt ihn so lange, bis er ihn beim Versuch einer fremdsprachigen Unterhaltung ertappte; dann entließ er ihn. Da er seine Untergebenen ausgezeichnet bezahlte, zogen sie es vor, sich aufs Schwedische zu beschränken.

[S. 126]

Lars Larssen hatte der Herrin im »Garten des Freundes« einen Brief überbracht, ohne ein Wort zu verlieren. Der Brief enthielt drei Zeilen und eine Nachschrift.

»Da ich es in Ihrem Interesse nicht für ratsam halte, wenn ich ohne Gerhard von Enoshima zurückgekehrt bei Ihnen erscheine, bitte ich Sie, sich meinem Diener rückhaltlos anzuvertrauen.

Tystendal.

Verbrennen Sie diese Zeilen, noch ehe Sie fortgehen.«

Beate hatte nicht einen Augenblick gezögert, die Aufforderung Tystendals zu befolgen. Sie tat es vielmehr mit dem Nachdruck und der Entschiedenheit eines Menschen, der gewillt ist, alle Dinge auf ihre Brauchbarkeit für einen einzigen und sehr bestimmten Zweck zu prüfen und sie, falls sie tauglich befunden wurden, sich unbedingt dienstbar zu machen.

Lars Larssen war ihr vorangegangen, denn der Strand war trocken von Küste zu Küste, hatte sich in seinen Jinrikisha gesetzt und dem herbeistürzenden Akira einen Wink gegeben, ihm mit der weißen Frau zu folgen. Akira erkundigte sich bei seinem Kastengenossen nach dem Ziele der Fahrt und erhielt eine Auskunft, die ihn bleich machte. Er beschloß jedoch, ans Ziel zu kommen oder vor seinem Jinrikisha den Geist aufzugeben, und trabte herzhaft hinter seinem[S. 127] um vieles jüngeren und sehnigeren Führer drein.

Nach einer Fahrt von mehr als einer Stunde hielten sie an einem Tempelhof, den Beate nicht kannte. Aber das wollte wenig sagen in diesem Lande der Tempel. Sie stieg aus und folgte dem Schweden, der sie über Treppen und Höfe zu einem anderen Tor führte, vor dem er stehenblieb und zwei der herbeistürzenden Jinrikishabesitzer mit Beschlag belegte. Diesen sagte er ein einziges Wort und erntete dafür ziemliche Betroffenheit. Dann fuhren sie davon, und Beate erkannte bereits nach einigen Minuten, daß sie nach einem kleinen Umweg auf derselben Straße zurückfuhren, auf der sie gekommen waren.

Diese Vorsichtsmaßregel, die im natürlichen Zusammenhang mit ihrer Notwendigkeit wenig geeignet war, das Gefühl persönlicher Sicherheit zu verstärken, weckte in Beate das instinkthafte Aufhorchen, das die Tiere der Wildnis haben. Durch ihr Leben in dem ostafrikanischen Vulkangebiet war sie daran gewöhnt worden, jeden Aufenthalt in einem fremden Lande als Freundschaft mit einem zahmen Löwen zu betrachten. Wenn die prankenbewehrte Majestät im Vollbesitz ihres Gebisses und schlechter Laune ist, läßt sich schwer für sie einstehen. Ohne einen sehr dringenden Grund hetzte Christian Tystendal[S. 128] die Frau, die er gebeten, zu ihm zu kommen und den Brief, in dem er sie dazu aufforderte, zu verbrennen, nicht durch die halbe Provinz hin und her. Im Gegenteil. Und Beate Hoyermann war entschlossen, den Grund in seiner ganzen Tragweite kennenzulernen.

Ihre erste Frage, als sie Tystendal gegenüberstand, galt ihm.

Der Schwede war ihr bis an die Grenze seines japanischen Besitztums entgegengegangen, und das bedeutete von seinem Hause aus einen Weg von fünf Minuten, wenn man sich nicht sehr beeilte. Der Garten war gewiß der schönste, den liebevolle Künstlerhände nach einem japanischen Traum von Anmut und Zierlichkeit geschaffen; aber die beiden Menschen des Abendlandes, die ihn durchschritten, verstanden weder den Tiefsinn von kleinen bunten Steinen am Saum von schneeweißen Wegen, die nur zum Beschauen, nicht zum Betreten auf ihrer Inselwelt waren, noch hörten sie den Schwung und erstarrten Rhythmus jener hochgewölbten Brücken, die über einen Teich führen, als läge am anderen Ufer das Land der ewigen Glückseligkeit.

»Warum der Umweg?« hatte Beate gefragt.

»Trauen Sie Akira so unbedingt?« fragte der Schwede dagegen.

»Er sieht sehr harmlos aus,« meinte Beate nach einem kleinen Zögern.

[S. 129]

»Um so besser eignet er sich für gewisse Zwecke seiner Obrigkeit,« sagte Tystendal ernst. »Ich bin jedenfalls zu dem Entschluß gekommen, keinem Menschen zu trauen, bevor ich ihn geprüft habe. Auf diese Weise kann ich nur noch angenehm enttäuscht werden.«

»Sie sind Skeptiker, Herr Tystendal ...«

»Allerdings ... da ich die Menschen kenne.«

»Ist das die notwendige Folge davon?«

»Für mich war sie es, gnädige Frau ...«

Beate schwieg.

»Wir sind vollkommen ungestört,« fuhr Tystendal mit einem zugleich brüderlichen und ehrfürchtigen Lächeln fort und blickte auf die schmalen Hände der Frau, die sich gedankenlos öffneten und schlossen. »Fragen Sie mich alles, was Sie fragen wollen, gnädige Frau. Soweit es in meiner Macht liegt, will ich Ihnen Antwort geben.«

»Wo ist mein Mann?« fragte Beate.

»Soviel ich weiß, noch in Japan,« antwortete der Schwede. »Die Schiffe laufen nicht aus. Die Kriegserklärung zwischen England und Deutschland hat die Schiffe von der See in die Häfen gescheucht. Sie werden eine Weile brauchen, bis sie sich wieder hinaustrauen ...«

»Hat er mir ... noch etwas Besonderes sagen lassen?« fragte Beate weiter. Sie sah vor sich hin, in den Himmel hinauf.

[S. 130]

»Er hat mir einen Brief gegeben,« sagte der Mann. Und er dachte, während er neben ihr stehenblieb und auf sie niedersah: »Wunderlich sind sie, die Frauen ... Sie stehen da und lächeln, wenn sie Abschied nehmen. Und ein Glück wirft sie um.«

Es war ihm nicht wohl zumute.

Er gab ihr wortlos den Brief, den sie empfing, als sei er eine zerbrechliche Schale; und so auch hob sie ihn an die Lippen ... Wenn sie allein wäre, dachte der Mann, dann würde sie auf den Knien liegen und mit geschlossenen Augen weinen.

»Gnädige Frau!« sagte er bittend.

Erst nach einer Weile antwortete sie mit einem so sanften Ernst, daß er den Kopf senkte, als hätte sie ihm die Hand aufs Haar gelegt: »Wenn Sie einmal eine Frau haben werden, Herr Tystendal, dann wünsche ich ihr und Ihnen, daß Sie es nie nötig haben mögen, sich solch einen Brief zu schreiben ... Aber wenn Sie es tun müssen, dann wünsche ich Ihnen, daß Ihr Brief für die Frau, die Sie lieben, so viel vom Kostbarsten des Lebens bedeuten möge wie dieser Brief für mich. Denn dann müssen Sie sehr glücklich miteinander werden ...«

»Ich danke Ihnen für diesen guten Wunsch, gnädige Frau,« sagte der Schwede etwas schwermütig.

[S. 131]

Sie hatten das Haus erreicht und betreten. Der Diener schob die Wände des Empfangszimmers vor ihnen auseinander.

»Es ist eine nordische Sitte,« meinte Tystendal, »daß man seine Gäste an der Schwelle willkommen heißt. Ich habe sie fast vergessen; aber ich möchte Ihnen beim Kommen und Gehen sagen: Gott segne Sie, Beate Hoyermann, um Ihrer großen Liebe willen ...«

Er neigte sich vor ihr und ließ sie allein, um ihr Zeit zu lassen, den Brief ihres Mannes zu lesen. Aber sie las ihn nicht. Sie fühlte ihn nur mit gleitenden Fingern und sah sich verloren um. Sie würde noch viele, viele Tage Zeit haben, diesen Brief zu lesen. Und sie bedurfte jetzt aller ihrer Kräfte, die sie durch den Brief vielleicht verlor. Sie war nicht hierhergekommen, um sich auf den Boden fallen zu lassen und die Hände zu ringen. Sie war gekommen, um Auskunft und Rat und, wenn es möglich war, auch Hilfe zu holen, und darum sah sie sich das Zimmer, in dem sie stand, mit Augen an, die seinen Besitzer durch die Umgebung, in der er lebte, ganz ergründen wollten.

Die Wohnung Christian Tystendals war ein wunderliches Gemisch von Sybariten- und Spartanertum. Er schien die Liebhaberei zu haben, seine Mahlzeiten im Liegen einzunehmen, und hatte sich aus allen Zeiten und Weltteilen zusammengeschleppt,[S. 132] was die verschiedensten Begriffe menschlicher Bequemlichkeit hervorgebracht hatten. Seine Mahlzeiten selbst aber waren auf die Notwendigkeit, das Leben zu erhalten, beschränkt und dienten außerdem lediglich als Überleitung zu dem Genuß, unter vollkommenem Stillschweigen, höchstens in Gesellschaft eines naturwissenschaftlichen oder geschichtlichen Buches, eine Zigarre, einen Tschibuk oder eine Wasserpfeife zu rauchen.

Er betrachtete die Kunst in allen ihren Erscheinungen als persönliche Angelegenheit des Empfängers und hatte den Mut, Berühmtheiten des Tages schon am Morgen abzulehnen, ehe ihnen vom Abend das Todesurteil gesprochen wurde. Er war in allen Dingen, auf die es ankam, ganz gewiß ein Mensch, über den sich seine Nachbarn — sofern er welche besaß — in mehr als üblichem Maße ärgerten, weil er unabhängig und gleichgültig war. All dies zusammengenommen, glaubte Beate, daß er der Mann sei, an den sie sich wenden mußte, um ihr Ziel zu erreichen.

Dieser Gedanke machte sie sehr ruhig, und als Christian Tystendal wieder eintrat, ganz darauf vorbereitet, sie über dem Briefe ihres Mannes, im Jammer ihrer Tränen zu finden, saß sie mit einem stillen und willensstarken Gesicht, ein wenig gerader aufgerichtet als sonst,[S. 133] im Sessel neben seinem Schreibtisch, hatte die Hände im Schoß zusammengelegt und sah ihm mit Augen entgegen, die schon auf ihn gewartet hatten. Woraus Christian Tystendal die Schlußfolgerung zog, daß Frauen im allgemeinen immer das Gegenteil von dem tun, worauf der Mann vorbereitet war.

Während der Diener den Tee brachte und einschenkte, schwiegen sie beide; doch als sich die Türe hinter ihm zugeschoben hatte, begann die Frau, und ihre Worte sprangen wie ein Pfeil auf das Ziel: »Was haben Sie mir zu sagen?«

»Zunächst das eine, das mir das Wichtigste ist,« antwortete der Schwede sehr nachdrücklich. »Ihr Mann ist mein Freund; wir haben in letzter Zeit Stunden gemeinsam verlebt, die uns zusammengeschweißt haben. Daran bitte ich Sie zu denken und als Gerhard Hoyermanns Frau immer und bedingungslos über mich zu verfügen.«

»Danke,« sagte Beate einfach und sah ihn mit ruhigen Augen an. »Ich werde es tun.«

»Gut. Und nun zu Ihnen, gnädige Frau ... Ihre Lage ist nicht ganz einfach. Es kann den japanischen Behörden nicht verborgen bleiben, daß Ihr Mann verschwunden ist. Sie dürfen sogar fest davon überzeugt sein, daß sie recht bald darauf aufmerksam werden. Für diesen[S. 134] Fall halte ich es durchaus nicht für ausgeschlossen, daß der Verdacht, der durch den Tod jenes armen Narren eingeschläfert wurde, von neuem auflebt und sich auch gegen Sie richtet. Sie haben es nie versäumt, Ihr Deutschtum und Ihre Vaterlandsliebe in einer Weise zu betonen, die jedes Mißverständnis in dieser Richtung ausschließt. Und bei einiger Beobachtungsgabe, die ich der japanischen Geheimpolizei in hohem Maße zutraue, wird man zu dem Schluß kommen, daß Sie sehr wohl die Frau sind, von Gefühlen zur Tat überzugehen.«

»Und die Folgen davon?«

»Welche das auch sein mögen — auf keinen Fall dürfte es im Sinne Ihres Mannes sein, wenn Sie sich ihnen aussetzten,« sagte Tystendal.

»Weiter ...« sagte Beate und sah ihn aufmerksam an.

»Ich möchte Sie darum bitten, sich in den Schutz irgendeiner Persönlichkeit zu begeben, die nicht nur dadurch, daß sie Ihnen Gastfreundschaft gewährt, jeden Verdacht gegen Sie von vornherein entkräftet, sondern durch ihre Stellung auch in der Lage ist, Sie gegen jeden Übereifer zu schützen, von welcher Seite der auch kommen möge.«

»Und welche Persönlichkeit meinen Sie?«

»Den amerikanischen Konsul.«

»Danke,« sagte Beate. »Der Mann spricht[S. 135] Englisch. Wahrscheinlich denkt er auch in dieser Sprache. Wir würden uns schwerlich verstehen.«

»Er ist der Vertreter einer neutralen Macht, gnädige Frau.«

»Es gibt keine Neutralität der Gesinnung,« sagte Beate. »Jeder ergreift Partei, wenn auch nicht jeder die Konsequenzen zieht. Ich will es lieber nicht darauf ankommen lassen, die Probe auf die Gesinnung des Amerikaners zu machen. Ich wüßte nicht, was mich veranlassen könnte, die Farben des neutralen Sternenbanners für waschecht zu halten. Der Grundstock der amerikanischen Presse ist das englische Geld; das wollen wir nicht vergessen. Haben Sie die Zeitungen gelesen?«

»Ja.«

»Und glauben Sie, was Sie da gelesen haben?«

»Ich denke gar nicht daran,« antwortete der Schwede kopfschüttelnd.

»Ich danke Ihnen.«

»Es scheint eine Art von Delirium über die amerikanische Presse gekommen zu sein,« fuhr Tystendal fort. »Jede Zeitungsüberschrift eine Kinoreklame ... Dabei kann man ihnen allein nicht einmal die Verantwortung zuschieben. Sie drucken, was ihnen die englischen Kabel übermitteln. Denn es gibt keine deutschen Kabel mehr. Und wir können uns ziemlich fest darauf[S. 136] verlassen, daß den Herren der Vereinigten Königreiche, die Amerika mit Kriegsberichten versorgen, bei der Übersetzung Ihrer Generalstabsmeldungen — soweit sie sich auf deutsche Siege beziehen — plötzlich die Vokabeln ausgehen werden.«

Beates Lippen verzogen sich in schmerzlichem Hohn.

»Nun!« sagte sie und beugte sich im Sitzen vor. »Glauben Sie wirklich, lieber Freund, ich würde es gelassen mit ansehen, wenn der amerikanische Konsul mit seiner ehrenwerten Familie beim Frühstück die deutsche Flotte verspeist, beim Dinner den Kronprinzen mit englischer Soße und beim Abendessen drei bis vier deutsche Armeekorps à la Eiffelturm zubereitet —? Ich würde ihm, wenn er es wagte, zu behaupten, daß er den Wahnsinn seiner Zeitungen für wahr hielte, diese seine sämtlichen Zeitungen an den Kopf werfen, so wahr ich Beate Hoyermann heiße. Und hätte im gleichen Augenblick sein Haus verlassen. Und dann stünde ich auf demselben Fleck wie vorher.«

»Gut, gut,« sagte Tystendal mit einem flüchtigen Lächeln. »Ich ziehe meinen Antrag zurück. Und ich bitte Sie, mir Ihre Vorschläge zu machen. Denn ich müßte mich sehr in Ihnen täuschen, wenn Sie nicht bereits Ihre festen Pläne hätten, Frau Beate Hoyermann ...«

»Sie haben Recht,« antwortete Beate. »Und[S. 137] mein Plan ist sehr einfach ... Ich will nach Deutschland zurück.«

Christian Tystendal sah die Frau, die vor ihm saß, an und zog die Augenbrauen hoch.

»Wenn Sie das einen einfachen Plan nennen, so möchte ich wissen, was Sie unter einem verwickelten verstehen, gnädige Frau,« sagte er, ohne zu lächeln.

»Ich glaube, Sie mißverstehen mich,« antwortete Beate. »Ich bin mir der Schwierigkeiten durchaus bewußt. Aber ich habe mich entschlossen, es mit ihnen aufzunehmen ... Und ich wende mich nun an Sie, weil Sie der Freund meines Mannes sind. Sie haben mir gesagt, daß ich mich auf Sie verlassen kann; nun nehme ich Sie beim Wort.«

Christian Tystendal stand auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Die Augen Beates folgten ihm mit großer Aufmerksamkeit. Sie unterbrach sein Nachdenken mit keiner Bewegung.

»Würde es Sie sehr stören, gnädige Frau,« begann der Schwede nach einer Pause, »wenn ich mir eine Zigarre ansteckte?«

»Höchstens als Symptom,« meinte Beate. »Denn mein Mann pflegte zur Zigarre zu greifen, wenn die Sachlage kritisch wurde ...«

»Abermals eine Ähnlichkeit zwischen Ihrem Manne und mir,« sagte der Schwede trocken.

[S. 138]

Beate legte die Hände zusammen. »Sie müssen ganz offen sein,« meinte sie mit jener aufmerksamen und sanften Gelassenheit, um derentwillen Gerhard Hoyermann seine Frau »Kamerad« zu nennen liebte.

»Das muß ich wirklich, gnädige Frau,« antwortete Tystendal. Er setzte sich ihr gegenüber und betrachtete den Brand seiner Zigarre. »Wie haben Sie sich Ihren Weg nach Deutschland gedacht?«

»Über Kiautschou,« sagte Beate. »Das ist deutscher Boden. Und da finde ich deutsche Menschen. Von dort aus will ich mir schon weiterhelfen.«

Christian Tystendal zog die Oberlippe zwischen die Zähne. »Ich fürchte, gnädige Frau, wenn Sie nach Kiautschou gingen ... Sie würden dort nicht lange auf deutschem Boden stehen ...«

»Was heißt das ...?«

»Der Hafen von Tsingtau ist zu günstig für die englische Schiffahrt, als daß sie nicht wünschen sollte, ihn, wenn nicht selbst zu besetzen, so doch wenigstens den Deutschen zu entreißen. Und das wird sie sehr bestimmt und sehr bald tun ...«

»Nein —!«

»Ja, gnädige Frau.«

»Sie glauben ernsthaft, daß England seine[S. 139] Truppen herüberschicken wird, um Kiautschou zu erobern —?!«

»Das wird England nicht nötig haben,« meinte der Schwede. »Es wird an sein Ziel kommen und die eigenen Truppen sparen.«

»Glauben Sie,« fragte Beate mit einem bitteren Lächeln, »daß der Gouverneur von Kiautschou das Pachtgebiet gutwillig übergibt?«

»Ganz gewiß nicht. Aber wie stark die Truppen, über die er verfügt, auch sein mögen, — die Feinde werden, wenn sie es für nötig halten, in der zehnfachen Übermacht sein und vollkommen ausreichend, um das deutsche Gebiet von der Seeseite her wie vom Lande abzuschnüren.«

»Über chinesischen Boden hinweg?«

Tystendal zuckte die Achseln.

»China«, antwortete er, »ist weder ein militärischer noch ein politischer, sondern höchstens ein geographischer Begriff. Er wird die japanischen Truppen ganz gewiß nicht aufhalten.«

»Was für Truppen?« fragte Beate.

Der Mann blickte zu ihr hin und nickte. »Ja, ja, meine gnädige Frau — der arme, tote Narr, der, wie mir Ihr Mann erzählte, den Wesensunterschied zwischen der asiatischen und der europäischen Rasse in der Verschiedenheit der Ehrbegriffe suchte, war vielleicht ein größerer Weiser, als wir dachten ... Ich bin fest davon[S. 140] überzeugt, daß Japan sich die Ehre, seinen ehemaligen Lehrer und Meister abwürgen zu helfen, außerordentlich hoch bezahlen läßt. Aber es wird das Geld einstecken und sich feierlich auf den Bündnisvertrag mit England berufen, um vor der Welt im Recht zu sein ... Wenn der Deutsche die Leidenschaft des Lehrens hat, so hat der Japaner die des Lernens. Und wie der eine ein unübertrefflicher Lehrer ist, so ist der andere ein unübertrefflicher Schüler, aber im Grunde genommen ist es für jeden Schüler ein befriedigendes Gefühl, seinen Lehrer zu besiegen; er glaubt damit sein Meisterstück zu machen und sich die innerliche Unabhängigkeit von dem Besiegten zurückzukaufen. Es mag abscheulich sein, aber es ist menschlich. Und um so menschlicher, je abscheulicher es ist. Damit müssen wir rechnen, Frau Beate!«

»Sie müssen aber doch einen Grund für ihr Vorgehen angeben ...« meinte Beate.

»Mein Gott, der Grund ... Kain erschlug seinen Bruder Abel wegen eines Opferfeuers. Vielleicht wird dieser ›Grund‹ später einmal das Gelächter der Weltgeschichte; augenblicklich handelt es sich um ein Geschäft.«

Beate richtete sich auf und bog den Kopf in den Nacken.

»Sie rechnen also damit,« zog sie den Schluß, »daß Japan über kurz oder lang auf[S. 141] die Seite von Deutschlands Feinden treten wird?«

»Ja,« nickte der Schwede.

»Und trotzdem machten Sie mir vorhin das Anerbieten, in Japan zu bleiben?«

»Trotz aller Ihrer Einwände, gnädige Frau, halte ich meinen Vorschlag nach wie vor für den besten, den Ihnen ein Freund machen kann,« sagte Tystendal ernst.

»Das gibt mir leider den Beweis, daß Sie eine sehr falsche Meinung von mir haben,« antwortete Beate und stand auf.

Auch der Mann erhob sich. Sie standen sich gegenüber.

»Liebe gnädige Frau,« sagte der Schwede, ohne sich zu bewegen, »ich bitte Sie herzlich — im Namen Ihres Mannes, den Sie lieben —, keine Unbesonnenheit zu begehen!«

Beate fuhr sich mit beiden Händen nach den Schläfen. »Unbesonnenheit!« wiederholte sie, und ihre Augen wurden dunkel. »Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Tystendal! Wenn ich hier bliebe in diesem Lande, das demnächst mit uns im Kriege sein wird — unter diesem Volke, das die Ausbildung seines Heeres deutschen Offizieren verdankt, das an unseren Universitäten gelernt hat und bei unseren Ingenieuren in die Schule gegangen ist —, dann würde ich nicht nur vielleicht, sondern ganz[S. 142] gewiß eine Unbesonnenheit begehen! Denn ich könnte nicht schweigen! Ich müßte mir's von der Seele herunterreden — allen Groll und allen Schmerz und alle Verachtung — und alle meine himmelhohe Zuversicht für die deutsche Sache! Und wenn die Herren Japaner bis dahin keinen Grund gehabt hätten, mich mit mißtrauischen oder feindseligen Augen zu betrachten, — dann würden sie ihn bekommen!«

»Niemand würde Sie mit feindseligen Augen betrachten,« sagte der Schwede. »Im Gegenteil! Ich bin fest davon überzeugt, daß Japan alles tun wird, den drohenden wie den verwirklichten Kiautschoukonflikt als eine Episode hinzustellen, die auf seine sonstigen guten Beziehungen zum Deutschen Reich nicht den geringsten Einfluß hat, und wird diese Bemühung durch besondere Zuvorkommenheit gegen die Angehörigen der deutschen Nation unterstreichen ...«

»O, ganz gewiß!« sagte Beate. »Sie würden uns das Herz aus der Brust nehmen und lächelnd versichern, daß es nur ad majorem gloriam Nippons und ohne jede böse Absicht gegen uns geschehen sei. Aber ein höflicher Henker ist auch ein Henker, und ich für meine Person ziehe den Haß, der mir ins Gesicht springt, bei weitem der lächelnden Klugheit vor, die aus dem Kriege eine Geschäftsepisode macht und durch eine Verbeugung[S. 143] ihre Gemeinheit zu entschuldigen sucht. Und wenn mein Entschluß, dieses Land zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren, schon vorher sehr fest war, — jetzt ist er unerschütterlich geworden.«

»Und wie wollen Sie das anfangen?«

»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, daß Sie mir helfen werden.«

»Nein, gnädige Frau,« sagte der Schwede.

»Sie verweigern mir Ihre Hilfe?«

»Ich weigere mich, bei einem Unternehmen mitzuwirken, das, wie ich bestimmt weiß, die Billigung Ihres Mannes nicht haben würde.«

Beate lächelte. Und dies Lächeln war so wenig die Antwort, die der Mann erwartet hatte, daß er glaubte, die Frau habe ihn mißverstanden.

»Sie sagen, Sie kennten meinen Mann gut,« meinte Beate. »Ich kenne ihn besser, und er kennt mich. Ich sage Ihnen heute — und hoffe, es wird ein Tag kommen, an dem Sie die Bestätigung meiner Worte erhalten: In dem Augenblick, wo mein Mann erfährt, daß zwischen Japan und Deutschland der Krieg ausgebrochen ist, weiß er, daß ich nicht mehr in Japan bin. Und wenn wir uns wiederfinden sollten — vielleicht erst sehr spät, vielleicht schon bald, wer kann das sagen? —, dann werde ich ihm nichts zu sagen und zu erklären brauchen; er wird alles[S. 144] im voraus begreifen und billigen. Denn er kennt mich und liebt mich, wie ich bin ... Ich weiß den Weg noch nicht, den ich gehen muß, aber ich werde ihn ganz gewiß finden. Und es wird kein anderer Unterschied sein als der: ob ich ihn mit Ihrer Hilfe finden werde oder ohne sie. Ich habe Ihnen meinen Entschluß mitgeteilt und werde Sie ganz gewiß nicht zu beeinflussen suchen. Aber je rascher Sie sich entscheiden, um so dankbarer werde ich Ihnen sein.«

Christian Tystendal antwortete nicht. Er sah vor sich nieder, und in seinem Gesicht spielten die Muskeln. Beate ließ ihm Zeit. Aber als die Minuten vertropften, ohne daß er sprach, nahm sie die Rede wieder auf, und ihre Stimme war die eines Menschen, der seiner selbst ganz gewiß ist und darum sanft und heiter sein kann.

»Als ich von Gerhard Abschied nahm, da haben Sie mich vielleicht für eine sehr tapfere Frau gehalten, Herr Tystendal. Aber Sie haben sich getäuscht. Ich war damals schon entschlossen, ihm nachzugehen — wenigstens so weit, daß ich — die deutschen Verlustlisten in die Hand bekam. Ich wollte seine Spur finden und wissen: er ist da oder dort. Dann wollte ich auf mich nehmen, was das Schicksal mit mir vorhat. Und arbeiten wollte ich. Es wird genug zu tun geben für eine Frau, die zugreifen kann und[S. 145] will. Und ich wollte an Gerhard schreiben: Ich bin hier; sorge dich nicht um mich — ich bin nun ganz ruhig; ich warte ... Dann hätte mein Leben doch einen Sinn ... Aber wenn ich hier bliebe oder irgendwo sonst, wo nicht Deutschland ist, dann würde ich nicht leben ...«

Tystendal räusperte sich, aber er sagte nichts. Beate senkte den Kopf.

»Sie kennen uns erst so kurze Zeit,« sagte sie, fast ohne die Lippen zu bewegen. »Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen werden, was wir in unserer Ehe einander geworden sind ... Ich glaube, Sie denken nicht sehr hoch von den Frauen ... Vielleicht gehören Sie zu jenen Menschen, deren Sehnsucht nach der Frau so grenzenlos ist, daß sie notwendig enttäuscht werden müssen ... Mein Mann und ich, wir sind zwei Bäume, die zusammenwuchsen ... Sind Sie einmal durch einen Wald gegangen und haben zwei Bäume klagen hören, an deren ganz verschlungenen Stämmen der Sturm riß? — Es klingt, als läge im Gebüsch ein Tier, das verendet ... Und wenn man sie trennt, dann bluten sie ... Niemand weiß um unsere Liebe ... Wenn wir vor den Menschen stehen, dann lachen wir uns an und sind Geschwister. Aber wenn wir allein sind und unser selbst bewußt werden, dann beben wir im Innersten vor großem Glück und Staunen und stehen manchmal, wie Menschen[S. 146] in einem allzu starken Licht, mit geblendeten, geschlossenen Augen und sind alle beide mit lachenden Lippen und tanzenden Herzen sehr zum Knien und Weinen geneigt ... Ich will, daß Sie mich verstehen, lieber Freund, und darum spreche ich Ihnen von unserer Liebe ... Wenn ich dahin gehen will, wo ich wenigstens Nachricht von meinem Manne erhalten kann, und wäre es die schlimmste — die Nachricht von seinem Tode —, dann ist das nicht, weil ich unbesonnen bin. Es ist auch nicht das Abenteuer einer unternehmungslustigen Frau. Es ist einfach eine Notwendigkeit für mich — ein Mut, der einer Feigheit sehr ähnlich sieht; denn ich weiß: ich würde das Leben nicht ertragen ... Da haben Sie die ganze Wahrheit. Und ich schwöre Ihnen, sie ist bitterlich wahr ...«

»Ich glaube Ihnen, Frau Beate,« sagte der Schwede mit einem trinkenden Atemzug. Er sah etwas verträumt aus. Dann gab er sich einen Ruck und fuhr fort: »Und ich werde Ihnen helfen ...«

»Danke,« antwortete Beate Hoyermann. Sie schien ihrer Sache ganz sicher gewesen zu sein. Sie sah den Mann mit ruhigen und freundlichen Augen wartend an, daß er lächeln mußte, als er ihrem Blick begegnete.

»Sie müssen mir etwas Zeit lassen,« meinte er. »Ich war, weiß Gott, so wenig auf Ihren[S. 147] Plan vorbereitet wie auf meinen Tod. Und wir müssen mit höchster Überlegung zu Werke gehen. Von der Verantwortung abgesehen, die ich auf mich nehme und der ich nichts als die Wahrung alleräußerster Vorsicht entgegenzusetzen habe, würden Sie, gnädige Frau, bei einem möglichen Scheitern Ihres Vorhabens in eine sehr viel unangenehmere Lage geraten, als Sie je erlebt haben. Deutsche oder österreichische Schiffe kommen für Sie nicht mehr in Betracht; es handelt sich nur um ein feindliches oder ein neutrales, was auf dasselbe herauskäme; denn Sie würden auch auf einem holländischen Dampfer der Durchsuchung des Schiffes durch englische Kreuzer nicht entgehen. Und es ist durchaus nicht sicher, ob man nicht vorziehen würde, Sie als deutsche Frau höflichst aufzufordern, mit nach England zu reisen. Möglich, daß man Ihnen nach einiger Zeit die Heimreise nach Deutschland gestattete. Aber es ist nicht sicher. Und Sie würden in England nicht weiter noch näher von Deutschland und der Wahrheit entfernt sein als in Japan oder Amerika. Das sehen Sie ein, nicht wahr?«

»Ohne weiteres.« Beate hatte sich wieder gesetzt und die Hände im Schoß zusammengelegt, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie sich vollkommen sammeln wollte.

»Also —«

[S. 148]

»Also werde ich nicht als Deutsche reisen,« sagte Beate.

»Mit falschem Paß ...«

»Mit einem englischen Paß.«

»Warum gerade mit einem englischen?«

»Ich spreche Englisch wie Deutsch, mit dem Londoner Akzent ...«

»Gut, sehr gut ...« Tystendal ging im Zimmer hin und her; er hatte eine gerötete Stirn. Beate rührte sich nicht. Der Diener trat ein und räumte die unberührten Tassen fort; er ging wieder hinaus und schob die Türe zu. Obgleich Tystendal ihn nicht bemerkt zu haben schien, hatte der Eintritt des fremden Menschen doch seine Gedanken unterbrochen und in eine neue Bahn gejagt. Er sah dem Diener nach und brummte. »Hm ...«

Endlich wandte er sich mit einer entschlossenen Bewegung zu der wartenden Frau und schlug die flache Hand auf den Schreibtisch.

»Lassen Sie mir ein paar Tage Zeit, gnädige Frau — ich muß eine Reise machen ... Seien Sie versichert, daß ich keine Stunde verlieren werde; aber zwei bis drei Tage brauche ich notwendig, um die Sache ins Geleise zu bringen ... Ich hoffe, ich werde zu Ihrer Zufriedenheit arbeiten. Vertrauen Sie sich mir an?«

»Ja.«

[S. 149]

»Und lassen Sie mir in allen Entschließungen freie Hand?«

»Vollkommen.«

»Danke, gnädige Frau! Mehr brauche ich nicht zu wissen.«

Beate erhob sich. Sie reichten sich die Hände.

»Auf Wiedersehen, mein Freund!«

»Auf Wiedersehen, Frau Beate ... Gott segne Sie ...«

»Ich werde Tag und Nacht auf Sie warten.«

»Ich komme, sobald ich Ihnen etwas Greifbares zu bringen habe. Aber seien Sie mit jeder Stunde auf Ihre Abreise vorbereitet ...«

»Gut,« sagte Beate ernst.

Sie fuhr auf demselben Wege zurück, auf dem sie gekommen war. Bevor sie die Insel erreichte, war es Nacht geworden. —

Als Umè vier Tage später ins Schlafgemach ihrer Herrin trat, um sie zu wecken, fand sie das Zimmer leer.

Sie dachte: Die verehrungswürdige weiße Frau wird zum Baden ans Meer gegangen sein, und hockte sich auf die Fußmatte, um geduldig zu warten.

Aber sie wartete umsonst. Ihre Herrin kam nicht wieder ...