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Die Flucht der Beate Hoyermann cover

Die Flucht der Beate Hoyermann

Chapter 6: 5
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About This Book

Die Erzählung begleitet Beate Hoyermann, die mit ihrem Mann in fernen Gegenden lebt, und schildert ihr Ringen zwischen Fremdheitserleben und kultureller Neugier. Sie beobachtet Sitten und Menschen, bemüht sich um Sprachkenntnisse und sucht zärtliche Verbindungen zu Dienenden und Reisenden, während kleine Abenteuer wie rasante Fahrten und die Rivalität lokaler Fuhrleute den Alltag durchziehen. Ein schwerer Krankheitsfall des Mannes führt zu existenziellen Prüfungen und Entscheidungen über Aufenthalt und Rückkehr. Stilistisch verbindet die Darstellung genaue Beobachtungen von Landschaft und Gesellschaft mit reflektierenden Passagen über Identität, Sehnsucht und die Schwierigkeit, an fremdem Ort Wurzeln zu schlagen.

[S. 150]

5

Die »Princeß of India« war eine schöne, starke und schnelle Riesin. Sie bebte vor verhaltener Kraft. Drei Tage länger, als sie zuerst gewollt, hatte sie im Hafen vor Anker liegen müssen. Der Gipfel des Fujiyama hatte sich ihr nicht entschleiert; der Regen, der schräge Regen eines wohlwollenden Gottes, hatte ihr die Flanken gewaschen. Nun war sie ihn leid. Sie wollte in die Sonne hinein und glänzend, rauschend und brausend, von Musik umspült wie von den langen Wogen des Ozeans und der Luft ihre neuen Ziele suchen.

Die »Princeß of India« war das erste Schiff, das nach Ausbruch des europäischen Krieges einen japanischen Hafen verließ. Um so mehr Fahrgäste hatten sich an Bord gedrängt. Es waren fast durchweg Angehörige der britischen Nation, die nach Southampton zurück wollten. Und die meisten hatten es sehr eilig. Sie wollten noch rechtzeitig in Europa ankommen, um den Einzug der siegreichen französischen und russischen Truppen in Berlin mitzuerleben und die[S. 151] Heimkehr der Lorbeergekrönten nach Paris. Die hübschen Töchter von Sir Hugh Trelawney fürchteten ernsthaft, daß der Krieg schon längst durch die Zerschmetterung Deutschlands beendet sein würde, wenn die »Princeß of India« in den Heimatshafen einlief.

Im übrigen war die Stimmung an Bord so heiter wie möglich. Niemand ließ es sich in den Sinn kommen, dem Kriege einen ernsthaften oder gar besorgten Gedanken zu widmen. Man befand sich auf dem Meere — das hieß, man befand sich auf englischem Grund und Boden. Und man fuhr mit einem englischen Schiffe — das hieß, man war so sicher wie beim lieben Gott.

Die Musik spielte »Rule, Britannia!« und »God save our gracious king!« und verzichtete auf Richard Wagner. Das war vielleicht das einzige Auffallende an dieser ganzen Fahrt.

Außer den englischen Reisenden — die »Princeß of India« hatte nahezu achthundert Gäste an Bord — fuhren nur wenige Ausländer mit. Ein lungenkranker Chilene, der nach Heluan wollte, aber alle Aussicht besaß, sich schon lange vor seiner Ankunft in Ägypten an Whisky und Sodaeiswasser zu Tode getrunken zu haben. Ein Schweizer Missionar mit seiner Frau und zwei Töchtern, den die Aussichtslosigkeit seiner Bestrebungen auf japanischem Boden an den[S. 152] Rand des Tiefsinns gebracht hatte; er hoffte, in der Umgebung von Benares davon geheilt zu werden, ohne für diese Annahme den leisesten Grund zu haben ... Und eine Russin, die bereits von Afrika aus mit der »Princeß of India« nach Japan gefahren war und nun wieder umkehrte, ohne japanischen Boden betreten zu haben.

Der Grund ihrer Reise war, daß sie das Grab ihres ältesten Sohnes hatte aufsuchen wollen. Dieses Grab war das Meer des Ostens. Jewgenij Iwanowitsch Petulikow war bei der großen Vernichtung der Zarenflotte im russisch-japanischen Kriege mit der »Ossljabja« untergegangen.

Als die »Princeß of India« bei der Hinfahrt, von Süden her, in die japanischen Gewässer kam, hatte sich Jelisaweta Petulikowa, die Witwe des Iwan Petulikow, zum ersten Male während der ganzen Reise aus ihrer Kabine aufgemacht, um den Kapitän zu suchen. Und dann fragte sie ihn, während auf ihrem erschöpften Gesicht, das sie seit dem Tode ihres Sohnes nicht mehr schminkte und dem der Puder den Ton von welkendem Flieder gab, ein unaussprechlicher Schrecken ausgeprägt war, wann die »Princeß of India« in die Seestraße von Korea komme.

»Überhaupt nicht,« hatte der Kapitän geantwortet.

[S. 153]

Er mußte es wissen. Lisa Petulikowa glaubte ihm und ergab sich.

Sie war von ihrem Gute aus, das in der Nähe von Moskau lag — kaum hundertzwanzig Kilometer westlich davon —, in Begleitung ihres jüngeren Sohnes nach Afrika gefahren, hatte sich dort nach dem ersten Dampfer erkundigt, der nach Japan wollte, und hatte auf der »Princeß of India« die Reise angetreten.

Jewgenij Iwanowitsch war ihr Gott gewesen. Die Liebe einer Mutter lag nicht in ihrem Wesen; Jewgenij Iwanowitsch war nicht ihr Sohn, er war ihr Ritter. Er kam nur selten nach dem Gute seines Vaters, aber wenn er kam, brachte er alles Brausen seiner Jugend, allen Leichtsinn seiner Zärtlichkeit, allen Rausch der Siegesgewißheit mit und überschüttete die immer noch sehr schöne Frau, die seine Mutter war, mit Liebkosungen, mit Geschenken, mit Verheißungen für die Zukunft, wenn er eine Braut gefunden haben würde und einen Palast in Petersburg am Wassilij Ostrow besaß und die Mutter bei ihnen wohnen sollte ... Aber er fand die Frau nicht, die er suchte. Sie mußte wie seine Mutter sein — das war die Schwierigkeit ...

Jewgenij Iwanowitsch lachte sein heiterstes Lachen, während er so sprach. Und seine Mutter sah ihm mit Entzücken nach, wenn er pfeifend[S. 154] durch die alten Zimmer des Gutshauses schritt und sich in den Hüften wiegte.

Solange Jewgenij Iwanowitsch lebte, war Lisa Petulikowa eine junge Frau.

Aber dann starb er. Und Kyrill, sein Bruder, war nicht der Mensch, sein Erbe anzutreten. Als er den Bruder verlor, war er zwölf Jahre alt, und es diente seinem schüchternen und vom eigenen Unwert gänzlich überzeugten Wesen nicht zum Vorteil, daß er gleichsam im Schatten der Trauer um einen Toten aufwuchs.

Die beiden Brüder hatten sich nur selten gesehen. Lisa Petulikowa war der Meinung gewesen, daß es für Kyrill das beste war, in einem sehr vorzüglichen Institut des Auslandes erzogen zu werden. Sie schickte den Knaben nach Paris, von wo aus er nur zu den großen Festen nach Hause kam.

Erst als Jewgenij Iwanowitsch gestorben war, rief die Mutter nach ihrem jüngeren Sohne und behielt ihn bei sich; sie brauchte einen Menschen, der geduldig zuhörte, wenn sie von dem Toten sprach und sein Leben im Erzählen zu einer Legende schuf, bis sie sie auswendig hersagen konnte.

Geduld war die eigentümlichste Eigenschaft von Kyrill Petulikow. Er kannte seinen Bruder kaum und hatte ihn nicht geliebt — wenigstens nicht mehr als alle Menschen, denen er stets mit[S. 155] Sanftmut und dem besten Willen zum Frieden entgegentrat. Er hatte den Bruder im Gedächtnis als etwas sehr Lautes — etwas, das die Wände beben machte, wenn es die Türen ins Schloß jagte und mit den Absätzen in die Dielen hackte — das, wenn es betrunken war — und das war nicht selten —, die Knechte prügelte und die Hunde mit Stühlen warf, um ihnen beiden, Menschen wie Tieren, am anderen Morgen strahlend abzubitten — etwas, das viel und eigentlich ohne rechten Grund zu lachen pflegte, im Gras lag und schwermütige Lieder sang — etwas, dem die Weiber nachliefen wie die Ziegen einem, der Salz trägt — etwas, das im Lichte stand und sich nicht kümmerte, auf wen es seinen Schatten legte.

Er hatte keine Ursache, seinen Bruder anzubeten, wie die Mutter es tat. Aber da er fühlte, daß es für Lisa Petulikowa zum Zweck des Lebens geworden war, von Jewgenij Iwanowitsch zu reden, so saß er Abend für Abend neben ihr und hörte ihr zu. Das war alles, was er für seine Mutter tun konnte. Ihr den Toten zu ersetzen, vermochte er nicht — hätte er auch nie versucht. Und da wurde Lisa Petulikowa sehr rasch eine alte Frau, die nicht mehr acht auf sich gab, ein wenig liederlich herumging und ihr Haar nachlässig ordnete. Aber sie trug noch immer ihren schönen Schmuck und hatte ihn[S. 156] auch für die Reise nicht abgelegt, obgleich sie an Ceylon und den beiden Indien vorüberfuhr, indem sie in der Kabine saß und Patiencen legte, die nie aufgingen.

Sie haßte die Menschen, die fröhlich waren, obgleich Jewgenij Iwanowitsch starb — und die Erde, den Himmel und das Meer, die schön waren, ohne daß er sich ihrer freuen konnte.

Außerdem war sie leidend. Und als sie die Nachricht bekommen hatte, daß sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen würde, fiel sie gleichsam in sich zusammen. Gewiß, man konnte in Japan aussteigen und ein anderes Schiff nehmen, das durch die Straße von Korea fuhr. Aber zu diesem Vorschlag, den Kyrill ihr machte, schüttelte Lisa Petulikowa hartnäckig den Kopf. Nein, sie wollte auf diesem Schiffe bleiben und umkehren und nach Hause fahren.

Diese ungeheuerliche Reise, die sie unternommen hatte, um das Grab ihres Abgotts zu besuchen, bedeutete den höchsten Einsatz von Willenskraft und Unternehmungsgeist, den sie in ihrem ganzen Leben aufgewendet hatte. Nun war alles sinnlos gewesen — und wurde durch seine Sinnlosigkeit grotesk, eine Narrheit, die dem Mitleid nicht näher stand als dem Spott.

Alles, was sie an innerlichen Kräften besaß, hatte sie für diese närrische Reise aufgewendet. Ein Mehr davon war in ihr nicht übrig. Sie[S. 157] ließ sich zu Boden fallen, und da wollte sie liegenbleiben. Wer sie aufhob, wußte sie nicht und dankte es ihm nicht. Da sie an Herzkrämpfen litt, brauchte sie eine ständige Wache für die Nacht. Eine Stewardeß übernahm die Pflege. Es war ein stilles, etwas schweigsames Mädchen, aus Sheffield gebürtig, früher in Diensten auf der »North-Carolina«, die in San Franzisko beheimatet war. Aber nun wollte sie nach Hause. Sie hieß Kate Mathew und hatte blondes Haar.

Kyrill Petulikow pflegte bis gegen Mitternacht bei seiner Mutter zu wachen. Dann kam das Mädchen und nahm seine Stelle ein. Aber nicht immer ging er dann. Er setzte sich meistens in eine Ecke des behaglichen und nicht engen Raumes und blieb dort, ohne sich zu rühren, stundenlang, die Hände auf den Knien zusammengelegt, mit gesenktem Kopfe, von dem die dunklen Haare weich und locker in die Stirn fielen. Wenn das Mädchen sich umgewandt hätte, dann wäre sie seinem Blick begegnet, der still und gleichsam ausruhend auf ihr lag. Aber sie wandte sich nicht um.

Sie sprachen fast gar nicht miteinander. Er war des Englischen so wenig mächtig wie sie des Russischen. Einmal redete er sie französisch an, und sie antwortete in der gleichen Sprache, aber so einsilbig, daß er wieder verstummte.[S. 158] Personen dienenden Standes gegenüber war Kyrill Petulikow immer etwas befangen. Es war ihm stets peinlich, die Dienste eines Menschen in Anspruch zu nehmen, so hoch er sie auch bezahlte. Er war ein Narr im Trinkgeldgeben und schämte sich für die Leute, die es annahmen. Aber während er Kate Mathew beobachtete, kam er zu dem Ergebnis, daß es unmöglich sein würde, ihr eine Fünfpfundnote in die Hand zu drücken.

In einer Nacht, da die Kranke besonders heftig an Herzkrämpfen gelitten hatte und Kate Mathew sie in den Armen hielt und stützte und leise, unverständliche Worte zu ihr sprach, auf die die Kranke mit wirren Augen horchte, fing Kyrill Petulikow zu reden an.

Er beugte sich in seinem Sessel vor und schüttelte den Kopf.

»Sie sind nicht immer Stewardeß gewesen,« meinte er halblaut, und es war kaum eine Frage.

Kate Mathew stand einen Augenblick, ohne sich zu bewegen, und dann wandte sie sich mit einer Art betonter Festigkeit nach dem Manne um.

»Warum glauben Sie das?« fragte sie und schob mit dem Ton ihrer Stimme das Gespräch weit von sich ab. Aber das hörte Kyrill Petulikow nicht, oder er wollte es nicht hören. Er lächelte ein wenig.

»Ich habe ohne Unterlaß auf Ihre Hände[S. 159] gesehen,« sagte er mit einer gewissen schwermütigen Heiterkeit, für die er keinen Grund hätte angeben können. »Sie haben helfende Hände, aber keine dienenden. Ihre Hände tun, was getan werden muß, von selbst, wie von innen heraus. Man muß ihnen nichts befehlen. Sie wissen mit ihren eigenen Nerven, was das Notwendige und das Gute ist. Dienende Hände sind gehorsam — das ist alles. Wenn man sie nicht schickt und leitet, irren sie sich leicht und greifen fehl. Aber Ihre Hände irren sich niemals. Und ich möchte auf Ihre Hände schwören, daß sie nur dienen, weil etwas außerhalb ihres Wesens sie dazu zwingt.«

Kate Mathew antwortete nicht gleich. Die halblauten und ruhigen Worte des Mannes, der mit seinen stillen Augen zu ihr hinsah, waren so völlig sanft und voller Erkenntnis, daß es sinnlos gewesen wäre, sie verwirren zu wollen.

»Sie haben Recht,« sagte Kate Mathew nach einer Pause. »Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nicht mehr über mich nachdenken wollten, denn es würde zu keinem Ergebnis führen.«

»Sie können mir verbieten, es Ihnen zu sagen,« meinte Kyrill Petulikow, »aber Sie können mir nicht verbieten, es zu tun. Ich bitte Sie sehr um Verzeihung, Miß Mathew, wenn[S. 160] ich Sie mit meiner Teilnahme belästige ... Sie waren sehr gut zu meiner Mutter. Meine Mutter hat Sie gern um sich herum, was mit sehr wenig Menschen der Fall ist. Darum sprach ich zu Ihnen ... Wenn Sie Ihren jetzigen Beruf nur aus Zwang erwählt haben — unter dem Drucke irgendeiner Not ...«

»Ja ...« antwortete Kate Mathew, da er etwas innehielt und sie ansah. »Ja, es war eine Not ... Aber nicht, die Sie meinen ... Bitte, wir wollen nicht mehr davon reden, m'sieur ...«

»Verzeihen Sie mir, Miß Kate,« wiederholte der Russe demütig. »Ich hoffte, Ihnen helfen zu können.«

Kate Mathew nahm die Schüssel, in der das Eis zerronnen war, und ging lautlos aus der Kabine. Kyrill Petulikow ging ihr nicht nach. Wenn er es getan hätte, so würde es ihn vielleicht sehr nachdenklich gestimmt haben, die Pflegerin seiner Mutter, Stewardeß auf der »Princeß of India«, zehn Schritte weiter auf einer Treppe sitzend zu finden, wie sie den Kopf in beiden Händen hielt und sehr leise und sehr inbrünstig mit ihrem Herrgott deutsch sprach.

Viel Wunderliches hatte geschehen müssen, bis Kate Mathew von der »North-Carolina« mit dem Engländer nach Europa zurückfuhr ...

Die »North-Carolina« war von Frisko gekommen,[S. 161] und das weibliche Dienstpersonal hatte Urlaub erhalten, sich in der fremden Stadt ein wenig umzuschauen. An der Landungsbrücke, wo die Boote anlegten, hatte ein Mann gestanden und die Mädchen an sich vorübergehen lassen; und als Kate Mathew kam, war er ihr nachgegangen und hatte, an ihr vorüberstreifend, ihr eine Fünfpfundnote in die Hand gedrückt und gesagt, sie möge sich einen Jinrikisha nehmen und ihm folgen.

Das hatte Kate Mathew ohne weiteres getan.

In einem behaglichen Zimmer des Yeddo-Hotels hatte der Mann ihr auseinandergesetzt, was er von ihr wollte. Es war eine einfache und klare Sache. Er wünschte ihren Paß, ihre sämtlichen Papiere und ihr gesamtes Hab und Gut zu kaufen, soweit es sich auf ihren Beruf als Stewardeß bezog. Darauf würde sie sich in ein sehr hübsches japanisches Landhaus zurückziehen, das ihr mit allen Bequemlichkeiten der Verpflegung und einer zahlreichen Dienerschaft zur Verfügung stand — bis zu dem Tage, wo man sie bitten würde, sich möglichst unauffällig zu trollen. Dann sollte sie sich beim Konsulat beschweren, daß man ihr die Papiere gestohlen habe. Sie konnte es ohne jede Gefahr tun. Ihr Sheffielder Dialekt hätte vor jedem englischen Gerichtshof ihre britische Waschechtheit bezeugt.

[S. 162]

Für das Eingehen auf diesen Plan bot ihr der Fremde die runde Summe von zweihundert Pfund, zahlbar in zwei Raten: bei der Auslieferung ihrer Papiere und Ausrüstung und am Ende ihrer Wartezeit.

Kate Mathew von der »North-Carolina« war ein verständnisvolles und selbstsicheres Mädchen; sie verlangte dreihundert. Und dann tat es ihr leid, daß sie nicht fünfhundert gefordert hatte. Sie war überzeugt, daß man ihr auch diese Summe anstandslos bewilligt hätte, und vielleicht irrte sie sich nicht.

Am Abend des Tages, da Kate Mathew ihr hübsches Landhaus bezog, machte Christian Tystendal eine nächtliche Bootsfahrt aufs Meer hinaus.

Das Meer dehnte sich über der vollkommenen Dunkelheit der Tiefe wie eine leichtgewölbte Kuppel über einer Halle aus Saphir. Breit ausgegossen lag der Schein des Mondes über der ruhigen Bläue. Und Christian Tystendal lag in seinem Boote auf dem Rücken, spürte das anschmiegende Gleiten der Wellen unter sich und wartete auf Monduntergang.

Einmal — und auch darauf hatte er gewartet — glitt der Schatten eines Drachensegels über sein Boot. Und dicht an ihm vorbei, wie eine Möwe, strich ein kleines, schnelles Schiff. Ein Mann beugte sich über den Rand und spähte dem Liegenden ins Gesicht.

[S. 163]

Aber Christian Tystendal sang mit der Stimme eines Trunkenen, halblaut und glückselig, das Lied des großen und zeit seines Lebens nicht nüchternen Dichters Li-tai-po in den Mond hinauf:

»Trinket der Becher drei, und ihr ergründet die Tiefe der Weisheitslehre!
Leeret die Flasche, und ihr erschöpfet die Weisheit der Welt!
Nur im Becher wohnt das Glück und die Wonne der Erde!
Laßt mich, des Weines voll, eingehn zur Unsterblichkeit!«

Der Mann im Drachenboot schien keine Ursache zu haben, diese poetische Weinseligkeit zu stören; das Boot verschwand. Es steht in Japan jedem Betrunkenen frei, auf die von ihm bevorzugte Weise aus dem Leben zu verschwinden. Die Behörden kümmern sich lediglich um die übrigen.

Als der Mond hinter dem Hügel der Göttin Kwan-on versunken war und die Flut einsetzte, trieb das Boot des Jüngers von Li-tai-po an die Insel mit dem schönen Namen »Garten des Freundes« und lief knirschend am Ufer auf, unsichtbar vom jenseitigen Lande. Und ein erschrockener Nachtvogel huschte aus den Zweigen des Pflaumenbaumes, der die Tür des Hauses bewachte.

Eine Frau war aus dem Hause getreten und im Garten verschwunden.

Sie hatte seit Tagen und Nächten auf das[S. 164] Kommen des Mannes gewartet und war in jeder Stunde bereit gewesen, mit ihm zu gehen.

Sie wechselten nur wenige Worte.

»Wollen Sie als Stewardeß mit dem nächsten Europadampfer abreisen?«

»Ja.«

Sie hatte sich nicht einen Augenblick besonnen, ehe sie das Wort aussprach.

»Dann kommen Sie,« sagte Tystendal einfach.

»Was soll ich mitnehmen?«

»Nichts als das Geld, das Sie flüssig haben. Alles andere müssen Sie von der Eigentümerin Ihrer Papiere übernehmen. Sie sieht Ihnen soweit ähnlich, daß man eine geschmeichelte Photographie von ihr für eine miserable von Ihnen halten kann. Mehr brauchten wir nicht für den Augenblick. Diese flüchtige Ähnlichkeit veranlaßte mich, mit dem Mädchen in Unterhandlung zu treten, und sie erklärte sich bereit. Wenn Sie es auch tun, sind wir sehr bald am Ziele.«

Nach fünf Minuten hatte Beate Hoyermann den »Garten des Freundes« verlassen. Nach zwei Tagen trat die neue Stewardeß auf der »Princeß of India« ihren Dienst an; sie wurde die Pflegerin von Jelisaweta Petulikowa. Sie wachte in den Nächten und schlief nicht am Tage; und manchmal, wenn sie sich allein glaubte, saß[S. 165] sie auf den Treppenstufen und legte den Kopf in die Hände, horchte auf das unentwegte, gleichmäßig gesunde Pulsschlagen der Schiffsmaschinen und dachte an das höllische Feuer, das sie ernährte — und sehnte sich, einen Weg zu gehen, den sie nur einmal gegangen war, am zweiten Tage ihres Hierseins, als sie gegen Morgen für Jelisaweta Petulikowa Eis holen wollte und sich im Gewirr der Gänge und Treppen verirrte.

Und schließlich war sie dahin gekommen, wo das dumpfe Brausen der Maschinen zum Tosen wurde und das Zittern des Schiffes zum schwirrenden Beben — und hatte umkehren wollen und war stehengeblieben, weil irgendwo in der Finsternis unter ihr eine Tür sich geöffnet hatte und ein Bach von düsterem Glutschein sich in die Dunkelheit ergoß.

Eine schmale, steile Leiter führte aus der Tiefe halb empor und brach ab, als wagte sie sich nicht ins Lichte hinauf, das seine reinere Luft, seine Kühle und Frische gleich einem Almosen in das Glühen, den Dunst und die Finsternis hier unten warf.

Diese Leiter kam ein Mann empor. Er tauchte nur halb herauf, und der Widerschein des Feuers hinter und unter ihm röstete seinen nackten Rücken, seine Arme und Schultern, während das bleiche Licht der schwindenden[S. 166] Nacht auf sein Gesicht fiel und seine keuchende, entblößte Brust badete.

Er stand, die rußigen, vom Schweiß triefenden Fäuste ins Eisengestänge der Leiter klammernd, und hob das Gesicht, mit offenen Lippen atmend, wie einer atmet, der hart am Ersticken war; und das von der irrwitzigen Glut der Tiefe gejagte Herz toste gegen die Rippen, daß es den ganzen Menschen zu erschüttern schien.

Aber das Grausigste an diesem Menschen waren seine Augen — die weitaufgerissenen, blutigen und verdorrten Augen derer, die aus der Hölle kommen, den Himmel anstarren und wieder hinunter müssen ...

Du Gott — du großer Gott im Himmel —!!

Der Mann auf der Leiter ahnte nicht, daß zehn Schritte von ihm entfernt eine Frau stand, die sich bei seinem Anblick rücklings gegen die schütternde Wand des Schiffsganges warf und beide Hände gegen ihren Mund preßte, um nicht zu schreien — und die Zähne tief hineinpreßte in ihre Lippen, die sich öffnen wollten, und mit flatternden Fingern nach rechts und links tastete ... nicht nach einem Halt — nein, nach irgend etwas, daran sie sich mit ihrem letzten, versagenden Willen festnageln konnte, um nicht vorwärts zu stürzen, auf den Mann zu, dem die Augen im Kopfe verkohlt waren von der Arbeit freiwilliger Verdammnis.

[S. 167]

Aber sie rührte sich nicht; sie krallte sich die Nägel ins Fleisch und ging nicht. Sie starrte den Mann mit Blicken an, die ein einziges stummes Schreien waren; aber sie blieb, wo sie war.

Und erst, als er, mit einem letzten trinkenden Atemzug, die Fäuste vom Gestänge der Leiter löste und mit tastenden Füßen niedertauchte in das lohende Schwarzrot des unterirdischen Feuers und verschwand — da ließ sie sich, wo sie stand, auf die Knie fallen und schlug mit der Stirn auf den Boden und streckte die verkrampften Hände vor sich hin — und schleppte sich, auf den Knien liegend, zu der Stelle, wo er gestanden hatte, und drückte den Kopf in ihre Arme und biß in ihr schwarzes Kleid und stöhnte, lautlos, nach innen hinein: »Gerd —! Gerd —! Gerd!«

Ja, die »Princeß of India« war das erste Schiff gewesen, das Japan nach Ausbruch des europäischen Krieges verließ; daran hätte sie denken müssen. Sie hatte nicht daran gedacht. Ihre Gedanken waren im Grenzenlosen umhergeirrt und hatten den Mann, den sie liebte, gesucht — auf dem Wege nach Amerika, nach China, nach Indien ... aber sie hatte keinen Herzschlag lang daran gedacht, daß sie auf gleichen Schiffsplanken stehen würden und die Heimat suchen — in feindlichem Dienste, mit fremden Namen — unbekannt sich selbst wie den anderen.

[S. 168]

Denn das hatte sie begriffen im Augenblick, wo sie ihn sah: Er durfte nicht wissen, daß sie auf diesem Schiffe war ... Er mußte den unerhört schweren Weg, den er gehen wollte, zu Ende gehen ohne einen Gedanken der Sorge um sie. Wenn ihnen die Entdeckung drohte — jetzt ... während der Weiterfahrt ... am Ende ihrer Reise ... mit keinem Blick, mit keiner Bewegung durften sie voneinander wissen.

Und Kate Mathew schwieg ....

Sie suchte auch den Weg nicht wieder, den sie in jener Nacht, sich verirrend, gefunden. Sie versagte sich das jämmerliche Glück, da, an den bebenden Rippen des Schiffs in der Dunkelheit zu kauern und darauf zu warten, daß vielleicht noch einmal in fünfzig Nächten der Heizer, dessen Namen sie nicht kannte, heraufkommen würde, um Atem zu holen nach dem Brodem der Tiefe. Und das einzige, was sie sich gönnte, war, daß sie, wenn ihre Kranke eingeschlafen war, in irgendeinem Winkel saß und den Kopf in die Hände legte und in scheuen deutschen Lauten vor sich hinsprach — Worte der Zärtlichkeit, die ihr Ziel nicht erreichten ...

Und sie legte die Hand an die Wände des Schiffs, durch die der Pulsschlag seiner Maschinen zuckte, als suchte sie den Strom, der aus der Feuerbrandung kam und Leben wurde und Bewegung ...

[S. 169]

Und während ihre Hand den Pulsschlag des Schiffes prüfte, spürte sie, daß er sich veränderte ...

Nein, es war keine Täuschung ...

Der Takt des stählernen Pulses beschleunigte sich, als ob ihm das Fieber ins Blut gefallen wäre.

Warum hatte es die »Princeß of India« mit einem Male so eilig?

Beate stand auf und wollte die Treppe hinaufsteigen, um an Deck zu gelangen. Aber im gleichen Augenblick stolperte von droben ein Mensch die schmalen Stufen hinab, stieß an die Frau, die da im Halbdunkel stand, und brüllte: »Verdammnis über die Hunde —! Lichter aus!«

Im nächsten Moment erloschen sämtliche Lampen, und Beate stand in vollkommener Finsternis.

Was hieß das, großer Gott —?!

Beate hörte, daß eine Türe sich öffnete; Schritte kamen den Gang herauf. Der dünne und scharfe Strahl einer elektrischen Taschenlampe spießte sich in die Dunkelheit, glitt über ihr Kleid und ihr Gesicht.

»Miß Kate?«

»Ja ...«

»Was geht auf dem Schiffe vor?«

»Ich weiß es nicht. Warum sind die Lampen gelöscht worden?«

[S. 170]

Kyrill Petulikow zuckte die Achseln. »Gehen wir hinauf!« sagte er und beleuchtete die Stufen. Aber die Stewardeß schüttelte den Kopf.

»Ich muß zu der Kranken,« sagte sie.

»Meine Mutter schläft,« antwortete der Russe.

»Sie könnte doch erwachen und würde sich vielleicht ängstigen in der Dunkelheit.«

»Gut, gut ... Ich danke Ihnen, Miß Kate ... Ich werde Nachricht bringen, wenn es sich um etwas Besonderes handeln sollte ...«

Er leuchtete ihr nach der Türe seiner Mutter und stieg, als sie dahinter verschwunden war, die Treppe hinauf. Beate blieb an der Schwelle der Kabine stehen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

Das war sehr merkwürdig, alles ...

Sie spürte das verdoppelte Jagen der Schiffsmaschinen wie ihren eigenen Pulsschlag durch den ganzen Körper, von den Füßen bis zum Halse. Sie sah sich um, völlig verständnislos.

Die Kranke lag und schlief. Durch die beiden runden Fenster glotzte eine bleiche Dunkelheit. Es regnete nicht mehr. Es war windig geworden. Zuweilen flogen, Möwen gleich, schneeweiße Fetzen von Gischt an den dicken Scheiben vorbei.

Die »Princeß of India« hatte ihre schöne, schnelle Gelassenheit verloren; sie raste mit berstenden Lungen vorwärts, vorwärts ...

Plötzlich wurden die Fenster weiß.

[S. 171]

Ein tagheller, fressender Schein glitt an ihnen vorbei — war gleich wieder erloschen — und kam wieder ...

Im selben Augenblick trat Kyrill Petulikow in die Kabine.

Er atmete sehr hörbar.

»Was ist?« fragte Beate. Sie stand noch an der Türe. Das spitze Licht in seiner Hand erhellte ein wenig ihr vorgeneigtes Gesicht.

»Wir werden verfolgt,« antwortete Kyrill Petulikow.

Beate verstand nicht. »Verfolgt —?«

»Ja.« Er sagte es, aber sie hörte es nicht. Sie sah es nur an der Bewegung seiner Lippen.

Sie wollte weiterfragen, aber sie kam nicht dazu.

Der schwere und rollende Schlag eines Kanonenschusses dröhnte über das Jagen des Schiffes hin.

Die Kranke fuhr in die Höhe und schrie auf — schrie zu allen Heiligen ...

Kate Mathew sprang ihr zu Hilfe.

»Heilige Mutter Gottes von Kasan — was war das —?! Warum wird geschossen, Kyrill — Kyrill —?!«

»Ein deutscher Kreuzer verfolgt uns,« antwortete Kyrill Petulikow und wandte sich nach Kate Mathew um, die fast gefallen wäre.

Aber es war nur ein Augenblick gewesen.[S. 172] Im nächsten hatte sie sich schon wieder in der Hand.

Und fast ohne ein Wort zu reden, zerrte sie die jammernde und widerstrebende Frau auf die Füße, half ihr, sich anzukleiden ... Vorwärts, vorwärts, Lisa Petulikowa — wir haben bei Gott nicht einen Augenblick zu verlieren ... Das war ein blinder Schuß ... der nächste wird scharf sein ... Es ist Krieg, und ein deutscher Kreuzer verfolgt ein englisches Schiff ...

Ja, das tat er. Er fegte hinter der »Princeß of India« drein, daß die lohende Glut aus allen Schornsteinen breit flackernd wehte. Er hatte seinen knappen »Halt!«-Befehl zu dem flüchtigen Schiff hinübergefunkt, aber die »Princeß of India« ergab sich nicht; sie floh weiter, was die Maschinen hergeben wollten, und sie jagte ihre Hilferufe in alle Richtungen der Windrose.

Der Mann am Marconiapparat würgte seine Flüche hinunter; der Schweiß lief ihm übers Gesicht. Er bekam keine Antwort.

Und drunten im Heizraum standen zehn, zwölf nackte Menschen vor dem geöffneten Rachen der Hölle, die Weißglut von sich spie, und das Wasser verdampfte auf ihren krebsroten Körpern und verzischte auf dem Boden unter ihren Füßen und rieselte und spülte unablässig um sie, während sie keuchend, knirschend, mit versagenden Lungen und Augen, die aus[S. 173] den Höhlen quollen, Felstrümmer, Berge von Kohlen in die gefräßige Glut schleuderten.

Das Schiff stöhnte vor Anstrengung. Das gleichmäßige Sausen der Maschinen wurde zum Geheul. Auf eine halbe Meile rund um die »Princeß of India« war das Meer in kochenden Gischt zerschlagen und zerpflügt.

Aber es half ihr nichts ...

Der erste Schuß grollte über die Wellen. Er war ein letzter Haltbefehl. Er jagte die schlafenden Fahrgäste aus den Betten; halbbekleidet, grotesk und lächerlich, mitleiderregend hasteten sie die Treppen hinauf — drängten sich an das Oberdeck. Männer, Weiber, Kinder taumelten durcheinander und klammerten sich an jeden Menschen, der ihnen in den Weg kam — fragten, heulten, beschwerten sich ...

Der Kapitän der »Princeß of India« war ein ruhiger und kaltblütiger Mann. Er war fest entschlossen, es aufs Äußerste ankommen zu lassen. Er ergab sich nicht beim ersten blinden Schuß. Den Revolver in der Hand, erteilte er seine Befehle. Die Bedienungsmannschaft der Rettungsboote flog an ihre Plätze. Das ohrenzerreißende Rufen der Trillerpfeife gellte ununterbrochen über Deck. Das Schiff lag noch immer im bleichen Dunkel der ersten Morgenstunde.

Aber da kam das weiße Gleißen wieder ...[S. 174] Der breite Keil eines Scheinwerfers sauste aus der Höhe und Ferne des verfolgenden Kreuzers mit einem schwingenden Zupacken zu dem fliehenden Schiff hinüber und hielt es in den Klauen. Ein zweiter legte sich flirrend daneben ...

Zwei Sekunden später blitzte es drüben auf — das Gebrüll eines Raubtiers folgte ...

Zweihundert Meter hinter dem gehetzten Schiff schlug das Geschoß ins kochende Gischten des Kielwassers und schleuderte einen Geiser sprühender Wassersäulen haushoch in die Luft.

Auf der »Princeß of India« brach eine Panik aus.

Die Fahrgäste taumelten durcheinander, als seien sie betrunken vom Schrecken. Das Geschrei der Frauen und Kinder übertönte jeden anderen Laut. In dem weißen und eiskalten Licht der Scheinwerfer, die das fliehende Schiff nicht aus den Fängen ließen, die es förmlich aufzusaugen schienen, waren alle Gesichter verzerrt und durch das Fremde, Niegedachte, Nieerlebte von einer Art grausiger Neugier gespannt.

Aller Lippen standen offen; alle raunten, murmelten, schrien etwas.

Eine Gruppe von Frauen drängte sich um den Schweizer Missionar, der barhäuptig und ohne Rock mitten auf Deck stand und mit unerschütterlicher Stimme und hocherhobenen[S. 175] Armen die kräftigsten Psalmen Davids sprach; die Stimmen seiner Frau und seiner Töchter schwangen sich über die seine hinweg wie ein Flug von geängstigten Tauben.

Die englischen Frauen und Mädchen, die kein Wort von dem verstanden, was er sprach, merkten doch, daß er ein Geistlicher war und mit dem Schöpfer des Himmels und der Erde verhandelte; sie warfen sich neben ihm auf die Knie, reckten die Hände in die Höhe und mischten das irre Gestammel ihrer Angst mit seinem ruhigen und fast gewaltigen Beten.

Die schneidende Stimme des Ersten Offiziers hallte scharf und hoch über das ganze Schiff: »Wenn der Befehl zum Verlassen des Schiffes gegeben wird — die Frauen zuerst in die Boote —!«

Der Chilene kam, völlig betrunken, die Treppe heraufgestolpert. Er war kreideweiß im Gesicht.

»Die Boote sollen ins Wasser gelassen werden!« schrie er und rannte torkelnd in die Menschen hinein. »Wo ist der Kapitän —? Die Boote sollen ins Wasser gelassen werden —!«

»Verhalten Sie sich ruhig, Herr —!« antwortete ihm der Erste Offizier mit einem grimmigen Ton.

Aber der Chilene bekam einen mächtigen Verbündeten. Drüben auf dem deutschen Kreuzer blitzte es zum zweiten Male auf, und das Gebrüll[S. 176] des Schusses erschütterte die gepeitschte Luft, und diesmal schlug das Geschoß keine Schiffslänge mehr hinter der »Princeß of India« ins Wasser. Der aufspringende Wind trieb die Tropfenschleier des hochgeschleuderten Geisers über die Menschen hin, aus deren Mitte ein verworrenes Geschrei aufstieg und Worte gewann und schließlich drohende Fäuste.

»Der Dampfer soll halten —! Der Kapitän soll das Zeichen geben, daß er halten will —! In einer Minute können wir alle in die Luft fliegen —!«

Der betrunkene Chilene war der Wortführer einer Schar, die ständig wuchs; er erzwang sich mit den rücksichtslosen Ellbogen der Trunkenheit und der Angst den Weg zum Kapitän.

»Herr, lassen Sie das Schiff halten!« brüllte er, und um so lauter, je mehr ihm das Grausen vor dem Erleben dieser Nacht nach der Kehle griff. »Wir befehlen Ihnen, daß Sie das Schiff halten lassen —!«

»Ich verbiete Ihnen, sich in meine Angelegenheiten zu mischen,« sagte der Kapitän sehr scharf, denn er wußte recht gut, daß hinter dem Chilenen eine brandende Mehrheit stand. Es ging um die Kommandogewalt auf der »Princeß of India«.

»Ihre Angelegenheiten, Herr —?!« brüllte der Chilene. »Wenn wir von dem Satan hinter uns in Grund und Boden geschossen werden,[S. 177] so ist das ebensogut unsere Angelegenheit wie die Ihre —! Und wenn Sie sich weigern — Herr, ich sage, wenn Sie sich weigern,« wiederholte er und schrie in der Fistel, während er dem Kapitän mit beiden Händen vor dem Gesicht herumfuchtelte, »dann werden wir uns der Leitung des Schiffes mit Gewalt bemächtigen —! Dann sind Sie Kapitän gewesen! Dann machen wir selbst die Boote klar —!«

Der Kapitän der »Princeß of India« hob den Revolver in Augenhöhe.

»Den ersten, der sich untersteht, einen Schritt zu tun, den ich nicht billige,« sagte er klingend, »schieße ich über den Haufen — auf mein Wort! Verhalten Sie sich ruhig, Myladies und Gentlemen! Ich habe die Verantwortung — das kann Ihnen genügen.«

Es trat ein Augenblick der Stille ein, in dem nichts zu hören war als das Keuchen des fliehenden Schiffes und das Tosen des Wassers, nichts als das Schluchzen einiger Frauen und die gehobene Stimme des Missionars, über dem die volle Heiterkeit einer geliebten Pflichterfüllung lag.

Das leise Jammern Jelisaweta Petulikowas war verstummt und hatte der Stumpfheit Platz gemacht, die auf alles gefaßt ist und sich in alles ergibt. Sie hockte auf ihren eigenen Fersen und war durch nichts zu bewegen, aufzustehen und[S. 178] sich bequemer unterbringen zu lassen. Sie hatte den Kopf mit den halbgelösten Haaren in die Arme vergraben und zitterte unaufhörlich. Sie antwortete auf keine Frage mehr.

Neben ihr standen ihr Sohn und ihre Pflegerin. Und Kyrill Petulikow ließ seine Augen mit einem sonderbaren Ausdruck auf der Frau ruhen, deren Blicke nicht den Himmel, nicht das Meer, nicht die Menschen suchten — nur das Schiff hinter ihnen — nur den deutschen Kreuzer.

Kate Mathew wußte es ebensogut wie der Chilene, wie die jammernden Frauen und Kinder, wie der Kapitän und die Männer, die sich und ihre Angehörigen mit Rettungsgürteln versahen: das war eine Fahrt auf Leben und Tod. Und der Kreuzer fraß die Entfernung zwischen sich und dem Engländer. Er mußte — er würde ihn einholen ... Der nächste Schuß würde der »Princeß of India« in den Flanken sitzen, so gewiß da drüben deutsche Matrosen an den Geschützen standen.

Und wenn sie dann in die Rettungsboote gehen mußten — die See war aufgeregt wie die Menschen ... Es gab keine Gewähr gegen das Unglück. Und der nächste Schuß aus den Kruppschen Geschützen konnte, zu hoch gehalten, das Deck treffen, an Stelle des Schiffsrumpfes — konnte mittenhineinschlagen in die Menschenmasse,[S. 179] die sich jammernd zusammendrängte und sinnlose Schutzwände suchte.

Und doch war der Ausdruck auf dem Gesicht von Kate Mathew, das weiß und leuchtend im vollen Schein der feindlichen Lichtströme stand, nicht Furcht, nicht Haß, nicht Verstörtheit noch Ergebenheit ...

In ihren Augen, die sich ganz weit aufgetan hatten, in ihren Händen, die sich falteten, in dem Sichöffnen ihrer Lippen, die nicht lächelten, doch stets dazu bereit schienen, lag eine solche Inbrunst der Liebe, wie Kyrill Petulikow sie noch niemals auf einem Menschengesicht gesehen hatte.

Und darüber staunte er sehr, und seine Gedanken gingen wunderliche Wege.

Die Frau neben ihm wußte nicht, daß sie beobachtet wurde. Vielleicht wäre es ihr in dieser Stunde auch gleichgültig gewesen. Sie sah dem deutschen Kriegsschiff in die flammenwerfenden Augen hinein und spürte eine närrische Sehnsucht, niederzuknien und zwischen Jauchzen und Weinen das deutsche Schiff bei Namen zu rufen: »Du —! Du —!«

Sie liebte die Lichtkegel, die die Dunkelheit zerfraßen und das englische Schiff in den starken Klauen hielten wie an straff gespannten, bebenden Seilen.

Sie liebte die breite Fahne, die da drüben[S. 180] im Luftzug dieser rasenden Wettfahrt knatterte und die sie nur mit den Sinnen ihrer Seele hörte und sah; sie liebte das sprühende Feuer, das aus den drei Schloten wehte; sie liebte die Rauchstandarte, die im Winde flog und flackte.

Sie liebte — ja, sie liebte das Aufblitzen und Aufbrüllen der deutschen Geschütze und würde das Geschoß lieben, das mit jeder Sekunde hineinschlagen konnte in den Rumpf des englischen Schiffes, und wenn's auch um den Preis ihres eigenen Unterganges wäre — sie würde es doch lieben ...

Denn all dies war ein Stück Heimat — ein Stück von Deutschland, das im Kriege stand mit der halben Welt — etwas von allem, dem in dieser Zeit ihre tiefste und schmerzlichste und ihre gläubigste Liebe galt — Heimat, Volk und Vaterland ...

Und der Gedanke erfüllte sie mit einer heimlichen und grenzenlosen Glückseligkeit: da unten, da, wo das Herz des Schiffes schlug, schlug auch das Herz eines Menschen, der fühlte wie sie ... Auf diesem von sinnloser Flucht gejagten Menschenboot, innerhalb dieser keuchenden, glühenden, von Wut und Angst geschleuderten Menge, die zu Gott im Himmel um Rettung schrie, war einer, der grimmig und herzlich lachte — einer, der nur darauf wartete, daß die »Princeß of[S. 181] India«, die sich gutwillig nicht ergab, vom nächsten scharfen Schuß des deutschen Kreuzers getroffen der Vernichtung in den Rachen taumelte — und wenn er mit hinunter müßte ... mit einem letzten Gedanken inbrünstigen Hasses und inbrünstiger Liebe ...

»Nicht ohne mich, mein Mann,« flüsterte Beate und suchte mit ihrer Hand, wie sie in diesen Tagen oft getan, den Pulsschlag der Maschinen, die ein Gruß aus der brüllenden Tiefe waren; »nicht ohne mich ...«

Kyrill Petulikow sah, daß ihre Lippen sich regten; aber er verstand nicht, was sie sagte — er beugte sich zu ihr ... und im nächsten Augenblick taumelten sie beide — wie die Fichten um den Tempel der Göttin mit den schönen Augen, als das Erdbeben sie warf.

Diesmal hatten sie gut gezielt auf dem deutschen Kreuzer ...

Das dröhnende Rollen des dritten Schusses mischte sich mit dem kreischenden Laut, der die Flanken der »Princeß of India« zerriß — und mit dem aufgellenden Schrei der Menschen, die er halb zu Boden warf.

Jelisaweta Petulikowa lag auf den Knien und krallte ihre beiden Hände in das Kleid ihrer Pflegerin; der Mund stand ihr offen und war ganz verzerrt. Sie hatte den Blick einer Wahnsinnigen und schrie ununterbrochen nach ihrem[S. 182] toten Sohne. Ihr Schreien war das eines Kindes, das vor Schrecken verrückt geworden ist.

Beate bückte sich zu ihr und nahm den Kopf der Heulenden mit beiden Armen an ihre Brust. Auch ihre Augen, ihre Lippen standen weit offen — aber sie lauschte auf etwas anderes.

Mitten in dem tosenden Durcheinander von Rufen, Schluchzen, Brüllen, Pfeifen hörte sie: die Maschinen der »Princeß of India« arbeiteten nicht mehr im Takt.

Alle ihre Pulse waren in Verwirrung geraten. Jetzt rasten sie, und jetzt hielten sie fast gänzlich inne — und waren wie der Herzschlag von einem, der mit dem Tode ringt.

Das Geschoß war in den Maschinenraum geschlagen ...

Die »Princeß of India« jagte noch immer wie von tausend Teufeln besessen durch das zischende Wasser. Aber was sie vorwärts trieb, war nur noch der eigene Schwung der Bewegung. Sie gehorchte der Steuerung nicht mehr. Der ungeheure Leib des Schiffes taumelte wie betrunken.

Aus allen geöffneten Ventilen trillerte der abblasende Dampf mit einem Zischen, das die Ohren taub machte. Das Schiff schrie, als sollten die Sirenen platzen.

Rauch quoll aus der Tiefe ...

Der Chilene torkelte über das Deck und krallte die Finger in die Luft.

[S. 183]

»Feuer —!« gellte seine Stimme auf. Und noch einmal: »Feuer —!«

Dann fiel er hin und schlug mit den Fäusten und Füßen um sich.

In einem Augenblick wußten es alle, daß er Recht hatte: Die »Princeß of India« brannte in ihrer Tiefe.

Das zerreißende Jammern der Weiber, die ihre Kinder in den Armen hielten, deckte die Stimme des Kapitäns zu, der den Befehl zum Halten gab. Er hatte es nicht mehr nötig. Die »Princeß of India« war am Ende ihrer Kraft. Noch ein paar hundert Meter vorwärts geschleudert ohne Willen, lag sie treibend auf dem Wasser.

Langsam, unendlich langsam und dennoch merklich, neigte sie sich, wie ein ungeheurer Riese, dem eine Flechse durchschnitten wurde.

Die Turbogeneratoren, die den Lichtstrom erzeugten, arbeiteten nicht mehr. Das Schiff war in seinen Tiefen so dunkel wie die Tiefe des Meeres. Aber die Scheinwerfer des deutschen Kreuzers badeten seinen Untergang mit weißem, ganz enthüllendem Licht, das ohne alle Wärme unbarmherzig war.

Das Schiff, das die deutsche Kriegsflagge trug, fegte mit der wundervollen und federnden Kraft all seiner bedingungslos gehorchenden Muskeln an die »Princeß of India« heran. In dem Augenblick, da das erjagte Schiff seine[S. 184] Rettungsboote ins Wasser ließ, setzte auch der Kreuzer seine sämtlichen Boote aus. Zwischen den beiden Riesen, über die sich, das Licht der Scheinwerfer für Minuten trübend, der schwere Qualm der Schornsteine wälzte, tanzten die schnellen und beweglichen Geschöpfe auf den Kämmen der eingepreßten Wellen, mit ausgestreckten Riemen, stoßbereit wie Vögel.

»Die Frauen in die Boote —!« brüllte der Kapitän.

»Die Frauen in die Boote —!« brüllten die Offiziere.

Kyrill Petulikow wollte seine Mutter aufheben. Sie sträubte sich; sie hatte eine wahnwitzige Angst vor den gleichgültigen, langen und greifenden Wellen, die ein Boot voller Menschen schleudern wie einen Ball. Sie fühlte nicht, daß die »Princeß of India« sich mehr und mehr neigte, achtete nicht auf den Rauch, der aus allen Luken dunkel quoll — sie fühlte nur, daß sie noch festen Boden unter den Füßen hatte, und wollte ihn nicht verlassen.

Mit Gewalt schleppten Kyrill und Kate Mathew die Frau, die verzweifelt um sich schlug, nach der Stelle, wo die Ausbootung vor sich ging.

Der Erste Offizier des deutschen Kreuzers schwang sich an Deck der »Princeß of India«. Er grüßte den Kapitän.

[S. 185]

»Ich bedaure, durch den Fluchtversuch Ihres Schiffes zu Gewaltmaßregeln gezwungen worden zu sein,« sagte er. »Ich habe jedoch nicht viel Zeit. Jeden Augenblick können englische Kreuzer auftauchen. Bitte, beeilen Sie sich. In fünf Minuten muß das Schiff verlassen sein; wir sind im Krieg.«

Der Kapitän grüßte. Mit der Uhr in der Hand verfolgte der deutsche Offizier das Fortschreiten der Rettungsarbeit.

Es waren hauptsächlich Frauen an Bord der »Princeß of India« gewesen. Sie hatten den Kopf verloren und wehrten sich teils verzweifelt gegen die Hände, die sich nach ihnen ausstreckten, teils sprangen sie blindlings über Bord, ins Wasser, das über ihnen zusammenschlug — in die schon gefüllten Boote hinein, denen, die sich darin zusammendrängten, daß die Bemannung die Riemen nicht mehr rühren konnte, auf die Köpfe.

Die Frau und die Töchter des Schweizer Missionars befanden sich im zweiten Boot und streckten unter jammerndem Schreien die Arme nach dem Mann und Vater aus, der noch auf Deck des Schiffes stand und unentwegt seine starken und fast freudigen Gebete in das Toben der Verwirrung schickte.

Die beiden Töchter von Sir Hugh Trelawney hielten sich eng umschlungen und warteten, totenblaß[S. 186] und entschlossen, bis die Reihe an sie kommen würde. Sie schienen sehr geneigt zu sein, dem deutschen Kreuzer die Vernichtung der »Princeß of India« zu vergeben, weil er seine Sache sportsmäßig tadellos gemacht hatte. Dafür besaßen sie Verständnis.

»Drei Minuten,« sagte der deutsche Offizier laut.

Der Chilene, den angesichts der doppelten Gefahr von Wasser und Feuer die Seekrankheit mit allen Krallen gepackt hatte, stieß einen gurgelnden Schrei aus und arbeitete sich mit wütenden Ellbogenstößen eine Gasse durch die Frauen, die ihm vorgezogen wurden.

Der Kapitän der »Princeß of India« nahm ihn beim Kragen und schüttelte ihn wie einen nassen Hund ... »Feigling, infamer —!«

Aber die Angst um sein Leben gab dem Betrunkenen doppelte Kräfte. Er riß sich los und sprang über die Reling, schlug mit flachem Körper auf den Rand eines Bootes auf, das eben abstoßen wollte, und glitt ins Wasser. Von der nächsten Welle zurückgetrieben, stieß das Boot mit voller Wucht gegen den Körper des Schiffes — gerade in dem Augenblick, als der Chilene wieder auftauchte. Er stieß einen grauenvollen Schrei aus, den niemand hörte, denn die heranrollende Welle spülte über seinen aufgerissenen Mund ... Ein Matrose bückte sich, um nach dem[S. 187] Versinkenden zu greifen; aber der ging unter wie ein Sack.

Kyrill Petulikow trug seine Mutter die Treppe hinab; irgend jemand nahm sie ihm aus den Armen; sie wehrte sich nicht mehr. Sie war ohnmächtig geworden.

»Miß Kate!« schrie der Russe und sah sich nach allen Seiten um. »Miß Kate —!«

Kate Mathew antwortete ihm nicht.

Sie wollte das Schiff nicht verlassen, ehe sie nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, daß auch die Heizer alle es verließen. Sie verkroch sich in einen dunklen Winkel und preßte die Zähne in ihre Hand.

»Nicht ohne dich, Gerd ... nicht ohne dich ...«

Sie hörte das Rufen Kyrill Petulikows, aber sie drückte sich nur noch tiefer in ihr Versteck ...

»Nicht ohne dich ... nicht ohne dich ...«

Es waren keine Frauen mehr an Bord — nur sie allein. Die männlichen Fahrgäste verließen das Schiff, das Personal, die Offiziere — und die Heizer. Aber der, den sie suchte, war nicht dabei.

Von den Heizern waren drei oder vier verwundet ... Einen mußten sie ins Boot hinuntertragen. Sein nackter Oberkörper war mit einem Tuch verhüllt, das dunkle Flecken zeigte.

Kyrill Petulikow suchte noch immer und rief nach ihr, die nicht hören wollte.

[S. 188]

»Fertig —?«

»Nein, um Gottes willen, nein —!«

»Bitte, beeilen Sie sich — es ist die letzte Minute ...«

Das Wort jagte die Frau aus ihrem Winkel hervor. Sie wollte in das Schiffsinnere hinunter. Sie wollte den Mann suchen, den sie vermißte. Sie würde den Weg wiederfinden, den sie damals gegangen war. Sie würde nach ihm rufen — mochte dann geschehen, was wollte ...

Bei dem ersten Schritt, den sie tat, entdeckte Kyrill Petulikow ihren Schatten. Er stolperte auf sie zu und griff nach ihr.

»Kate — Kate, haben Sie den Verstand verloren —?!«

Er zerrte sie hinter sich drein; sie wehrte sich wie ein wildes Tier. Sie wollte ihm sagen: »Lassen Sie mich los! — Lassen Sie mich frei —!«

Aber in der fürchterlichen Verwirrung dieser Stunde fehlten ihr die Worte der fremden Sprache. Sie konnte sich nicht besinnen, und wenn der Weltuntergang daran gehangen hätte, was das für Laute waren, die sie in diesem Augenblick brauchte. Sie rüttelte an den Armen, die sie hielten, und biß in die Hand, die ihre Hände fesseln wollte.

Mit schleifenden Füßen hängte sie sich, so[S. 189] schwer sie konnte, an die Kraft des Mannes, den sie ermüden wollte. Aber sie vermochte nicht, ihn zu bewegen, daß er sie losließ. Die deutschen Worte sprangen ihr bettelnd auf die Lippen, aber sie würgte sie mit einer ungeheuren Anstrengung hinunter. Nichts verraten — ihn nicht — sich nicht ... Heiliger Gott im Himmel!

»Fertig —?«

Der deutsche Offizier sprang in das letzte Boot. Gleichzeitig mit dem seinen stieß auch das, in dem Kyrill Petulikow, Beate quer vor sich in den Armen haltend, angelangt war, von der »Princeß of India« ab.

Beate ließ sich zu Boden fallen; sie krallte mit beiden Händen in ihr Haar.

Als das letzte Boot dreißig Meter von dem verlorenen Schiffe entfernt war, erschien droben, an der Reling der »Princeß of India«, ein Mann, dem das Blut über das Gesicht lief. Er hob den nackten Oberkörper; der linke Arm gehorchte ihm nicht; er winkte mit dem rechten. Und er schrie mit der ganzen Kraft seiner Lungen zu den deutschen Matrosen hinüber: »Kameraden —!«

In dem Boot, in dem Kyrill Petulikow saß, entstand eine Bewegung. Eine Frau war aufgesprungen und hatte sich mit einem Rufe, den niemand verstand, ins Wasser geworfen, um[S. 190] nach der sinkenden »Princeß of India« zurückzuschwimmen.

Ein Mann neben ihr, ein englischer Matrose, packte sie bei den Haaren und hob sie ins Boot zurück, wo sie regungslos liegenblieb.

»Es ist nichts, es ist nichts,« sagte er gleichmütig und schob ihr seinen Rock unter den triefenden Kopf. »Sie hat wahrscheinlich den Verstand verloren.«