[S. 191]
6
Wellen kamen — aus einer unendlichen Tiefe her. Sie stiegen auf ... müde, müde ... waren so dunkel und so schwer wie schwarzer fließender Marmor. Und immer, wenn sie dem Lichte des Bewußtseins und dem Tage nahe kamen, ebbten sie langsam wieder zurück und versanken in einem Meere von Verwirrung und Unlösbarem.
Beate schlief nicht. Sie träumte auch nicht. Sie lag nur unbeweglich und fühlte mit weit offenen Augen, wie die dunklen Wellen aus ihrer Tiefe heraufkamen und zu ihr emporstiegen, immer schwerer, immer breiter — langrollend und unaufhaltsam. Im nächsten Augenblick würden sie über sie wegfluten oder sie fassen und mit sich saugen in die grenzenlose Dunkelheit, aus der sie gekommen waren, um wieder in ihr zu versinken.
Dann suchte sie irgend etwas, an das sie sich anklammern konnte — vermochte kein Glied zu rühren und fühlte das Versagen ihrer Lungen, wollte schreien und schrie doch nicht ...
[S. 192]
Denn immer, wenn sie die Lippen öffnen wollte, blitzte als einziges Licht in der Finsternis das Warnen ihres Verstandes auf: nichts verraten — verrate dich nicht ...
Dieses wachende Licht erlosch nicht einmal im Fieber. Aber es war schuld daran, daß ihr Puls und ihr Hirn nicht zur Ruhe kommen konnten — daß sie mit fliegendem Atem und dem Herzschlag eines kleinen kranken Kindes in der Kabine des holländischen Dampfers lag, der die Mehrzahl der Fahrgäste von der »Princeß of India« dem deutschen Kreuzer abgenommen hatte.
Von der »Buitenzorg« wehte der Heimatwimpel; sie kam von Batavia und wollte nach Amsterdam. Kyrill Petulikow und seine Mutter hatten beabsichtigt, auf gleichem Wege heimzukehren, wie sie ausgefahren waren. Aber die Pforte hatte die Dardanellen gesperrt, und schon der Gedanke an die Möglichkeit, noch einmal zwischen zwei Staaten zu geraten, die in Meinungsverschiedenheiten waren, genügte, um Lisa Petulikowa krank zu machen — um so mehr, als die Ereignisse, die hinter ihr lagen, ihrer Gesundheit schon einen schweren Stoß versetzt hatten.
Kate Mathew fehlte ihr.
Die junge Holländerin, die ihre Pflege übernommen hatte, konnte sich mit ihr nicht verständigen[S. 193] und brachte die Kranke, der alle Nerven bebten, zu Weinkrämpfen durch die Unerschütterlichkeit ihrer heiteren Seelenruhe, durch ihre roten Pausbacken und ihre blanken Augen — und durch die unschuldige Freude, die sie an den Tag legte, wenn Lisa Petulikowa das Essen zurückschickte.
Am Tage, bevor die »Buitenzorg« in den Suezkanal einfuhr, fragte Kyrill Petulikow, ob er Kate Mathew sprechen könne.
Der Schiffsarzt zuckte die Achseln. Gewiß könne er das; aber es sei die Frage, ob sie ihm antworten würde. Sie war nicht eigentlich krank; es lag nur eine Starrheit über ihr, wie über einem Menschen, den der Schreck versteint hat. Es bestand nicht die geringste Gefahr für ihr Leben; aber es schien, als weigere sie sich, zum vollen Bewußtsein zurückzukehren. Ihr Geist tastete sich einen weiten Weg zurück, aus der Dunkelheit ins Licht; aber wenn sie an der Türe des Erkennens stand, die Klinke schon in der Hand hatte, schauderte sie und kehrte wieder um — tauchte von neuem unter im Nichts.
Kyrill Petulikow sagte, er wolle sie trotzdem sprechen. Sie sei die Pflegerin seiner Mutter gewesen und habe immer gewußt, wie man am besten mit der Kranken fertig werden konnte. Vielleicht war sie doch imstande, ihm das Mittel[S. 194] zu nennen, das sie angewandt, um Lisa Petulikowa zur Ruhe zu bringen ...
»Versuchen Sie's,« meinte der Arzt. »Es wäre ein großes Glück, wenn es Ihnen gelänge, dieses Mädchen aus seiner Stumpfheit aufzurütteln. Der Zustand, in dem sie sich befindet, erinnert verzweifelt an eine beginnende Geisteskrankheit ...«
Kyrill Petulikow antwortete nicht.
Das saubere und freundliche Geritje, das die Kabine mit Kate Mathew teilte, war sehr erstaunt, als der junge Russe bei ihnen eintrat; es lächelte sein hübschestes Lächeln und wollte ihm das Feld überlassen. Aber Kyrill Petulikow nickte ihr zu, sie möge nur getrost dableiben. Von Geritje wußte er, daß sie kein Französisch verstand.
Kate Mathew hatte seinen Eintritt nicht bemerkt.
Sie lag, wie sie seit vielen Tagen zu liegen pflegte, mit weit offenen, trockenen Augen, die nichts sahen, und mit krampfhaft geschlossenen Kinnbacken, als müsse sie etwas in ihrem Munde festhalten, an dem ihr Leben hing. Ihre Hände, die ganz durchsichtig geworden waren, lagen bleich und schmal ausgestreckt auf der bunten Decke ihres Bettes. Ihre Wangen waren so eingefallen, daß sich alle Zähne dahinter abzeichneten. Sie glich sich selbst so wenig, daß[S. 195] Kyrill Petulikow Mühe hatte, sie zu erkennen.
Und er dachte, während er auf sie niedersah, daß Kate Mathew nicht der Mensch war, den die Angst, das eigene Leben zu verlieren, um seinen klaren, starken Verstand brachte.
Er hatte nicht nach Kate Mathew gefragt um seiner Mutter willen; aber er glaubte, vielleicht sei die Mahnung an ihre Pflicht das einzige, was imstande war, die Wand zu durchstoßen, die sie vom Bewußtsein schied.
»Miß Kate,« sagte er behutsam, indem er sich über sie beugte, »meine Mutter ist sehr leidend; sie verlangt nach Ihnen. Werden Sie kommen?«
Ja, nun war es geschehen. Nun hatte eine andere Hand die Türe aufgemacht, vor der Kate Mathew sich so geängstigt hatte. Sie schrak zusammen und faltete die Stirn, als besänne sie sich auf die Worte, die sie gehört; und dann begriff sie.
Es ging nicht an, daß man sich vor dem Leben verkroch und sich taub und blind stellte. Das Leben kannte seine Diensttauglichen ganz genau und rüttelte sie wach, wenn es glaubte, daß es Zeit sei.
Sie war nicht Beate Hoyermann, die sich fallen lassen durfte und ihre Not austrinken wie eine Schale voll von betäubendem Wein.[S. 196] Sie war Kate Mathew, Stewardeß auf der »Princeß of India« und Pflegerin einer kranken Frau, die nach ihr verlangte.
In ihre Augen kam der Blick zurück. Sie faßte die Gegenstände und den Menschen, der sich über sie beugte, und begriff sie und was sie von ihr wollten.
»Ja,« sagte sie, die Lippen regend, als müsse sie erst wieder sprechen lernen. »Ja, ich komme.«
Kyrill Petulikow hatte noch weitersprechen wollen; aber die Enge und Ungemütlichkeit des Raumes bedrückte ihn.
Er sagte: »Danke, Miß Kate,« und ging hinaus. Auf dem Gang, den sie durchschreiten mußte, wartete er auf sie.
Er brauchte nicht lange zu warten.
Nach zehn Minuten kam sie aus der Kabine, in dem schwarzen Kleid, das sie am Tage der Schiffskatastrophe getragen und das um ihren abgemagerten Körper schlotterte. Sie ging mit ganz unsicheren Füßen und dennoch eilig, mit den ausgestreckten Fingerspitzen rechts und links die Wände des Ganges berührend. Ihre Augen standen noch immer viel zu weit offen, und es sah aus, als hätten sie sich nie mehr geschlossen, seit sie das Letzte — das Bild des verwundeten Mannes auf der »Princeß of India« — geschaut, und als sähen sie es noch immer. Über ihre Lippen, die das Fieber verbrannt hatte, flog der[S. 197] Atem. Ihre Füße schlürften über den Boden, als seien sie sich selbst zu schwer.
Unwillkürlich machte Kyrill Petulikow eine Bewegung, als wollte er ihr entgegengehen. Aber er besann sich und ließ sie auf sich zu kommen.
Kate Mathews geweitete Augen schienen durch ihn hindurch zu sehen. Er stand an der Treppe, die zum Deck hinaufführte, und hielt die Kommende mit einer kleinen Bewegung seiner Hand zurück.
»Verzeihen Sie,« murmelte Kate Mathew und schwankte, als sie stehenblieb. »Ihre Mutter —?«
»Meine Mutter, Miß Kate,« sagte Kyrill Petulikow mit seinem mildesten und ehrerbietigsten Lächeln, »mag ein wenig warten ... Sie haben sehr lange keine Sonne gesehen und keinen Salzwind geatmet ... Das würde Ihnen gut tun. Und ich möchte Ihnen dies und jenes sagen, ehe Sie zu meiner Mutter gehen. Bitte, kommen Sie ...«
Sie machte nicht den leisesten Versuch des Widerstandes; sie ging sofort auf die Treppe zu und begann, die Stufen hinaufzusteigen. Kyrill Petulikow hatte das Gefühl, daß sie mit derselben Widerstandslosigkeit in brennendes Feuer hineingegangen wäre, so völlig war sie ihres eigenen Willens beraubt.
[S. 198]
»Hier ...« sagte er und schob ihr einen Stuhl hin. Das Sonnensegel dämpfte Licht und Wärme. Sie setzte sich und legte die flachen Hände im Schoß zusammen. Sie sah den Mann nicht an; ihre Augen irrten über das schöne, stille Meer, wie Vögel, die nicht wissen, wo sie ruhen sollen.
Kyrill Petulikow setzte sich ihr gegenüber.
»Miß Kate,« begann er mit einem vorsichtigen Rufen, als wünschte er, sie aufzuwecken, damit sie seine Worte gut begriff, »ich möchte Ihnen sagen ... vielleicht tut es Ihnen gut, das zu wissen ... der Mann, der — damals — auf der ›Princeß of India‹ zurückgeblieben war und verwundet schien und rief ... er ist gerettet worden ...«
Eine Weile schien es, als hätte die Frau ihn nicht verstanden. Sie starrte ihn völlig blicklos an. Und dann ging ein Zittern über ihre Lider, ihre Lippen, über ihre Hände, die sie ihm entgegenhob. Sie hielt den Atem in der Brust zurück und schluckte krampfhaft, ehe sie mit einem fast blöden Ausdruck fragte: »Was sagten Sie eben, Kyrill Petulikow?«
Der Mann wiederholte seine Worte mit einer merkwürdigen Bitterkeit des Tons. Er sah die Frau an und dachte: Ich bin ein Narr ... Und er stand auf, um fortzugehen.
Aber er ging nicht.
[S. 199]
Kate Mathew hielt ihn zurück — weit mehr noch durch ihren Blick als durch die unschlüssige Gebärde ihrer Hände.
»Er ist also gerettet worden?« fragte sie. »Er ist gewiß gerettet worden?«
»Ja, Miß Kate,« antwortete Kyrill Petulikow.
Kate Mathew schloß die Augen. Und dann lächelte sie.
»Das ist gut,« sagte sie, mit einem schluchzenden Atemholen. »Das ist gut ...«
Und dann stand sie auf. Sie hatte ihren Willen wiedergefunden, und sie konnte auch wieder, was sie wollte.
»Sie wünschten mir etwas zu sagen,« meinte sie mit einem helleren Ton und Blick. Sie stand vor Kyrill Petulikow, als erwartete sie seine Anordnungen.
»Das Wichtigste habe ich Ihnen gesagt,« entgegnete der Russe ernst.
Die Frau sah ihm ins Gesicht. Und sie begriff, als sie seinem klaren und etwas schwermütigen Blick begegnete, daß er, wenn auch auf falschem Wege, zum mindesten ein Stück der Wahrheit erraten hatte. Und sie begriff zugleich mit dem Instinkt der Frau, die sich in ihrer Liebe sicher weiß und es nur natürlich finden würde, wenn Gott und seine Engel, die Menschen und die Tiere und alles, was auf der[S. 200] Welt ist, einzig dieser Liebe dienen würden, daß hier ein Mensch war, von dem sie alles erbitten und alles nehmen durfte, weil er wußte, wie groß ihre Liebe zu einem anderen war.
Sie wollte reden, aber Kyrill Petulikow schüttelte den Kopf.
»Sagen Sie mir jetzt nichts, Miß Kate,« kam er ihr zuvor. »Wenn Sie die Bitte, die ich an Sie richten will, erfüllen werden, dann haben wir noch reichlich Zeit vor uns, Geheimnisse aufzuklären — falls Sie glauben, daß Sie das tun möchten ...«
»Ihre Bitte, Kyrill Petulikow?«
Er zögerte einen Augenblick. Er schien ein Wort zu suchen, das dem Mädchen gezeigt hätte, wieviel ihm an der Erfüllung seines Wunsches lag. Aber dann sagte er ganz einfach: »Ich wäre Ihnen so sehr dankbar, Miß Kate, wenn Sie meine Mutter nach Rußland begleiteten ...«
Er schwieg und wartete, ob sie etwas sagen würde; aber sie schien von seinem Vorschlag so überrascht zu sein, daß sie zunächst nichts erwiderte und ihn auch nicht ansah.
»Meine Mutter,« fuhr Kyrill Petulikow darum nach einer Pause fort, »hat Sie sehr entbehrt, Miß Kate. Sie haben eine feste und sanfte Art und sind der einzige Mensch, von dem sich meine Mutter etwas abschlagen läßt, das ihrer Krankheit förderlich wäre. Wir haben[S. 201] noch eine endlose Reise vor uns, die der Kriegszustand doppelt erschwert. Die Pforte hat die Dardanellen gesperrt. Ich glaube kaum, daß meine Mutter die Geduld besitzen wird, so lange in Ägypten zu bleiben, bis die Meerstraße wieder geöffnet ist. Wir wollen über Griechenland und Rumänien nach Rußland reisen ... Sie können sich denken, was solch eine Reise für meine Mutter bedeutet ... Sie würden ihr alles so sehr erleichtern ... Und auch mir, Miß Kate ... Aber ich bitte nicht um meinetwillen ...«
»Ich will nicht sofort eine Antwort von Ihnen,« schloß er seine Rede, da Kate Mathew noch immer schwieg und vor sich niedersah. »Ich will Ihnen gern Zeit lassen, mit sich zu Rate zu gehen. Ehe wir an die Weiterreise denken können, bleiben wir mindestens vierzehn Tage in Kairo. Vielleicht schenken Sie uns diese Zeit und sagen mir dann, was Sie tun wollen. Ist es Ihnen so recht?«
»Ja,« sagte Kate Mathew mit einem dankbaren Lächeln. Sie holte tief Atem und sah sich um.
»Was suchen Sie?« fragte Kyrill Petulikow.
Sie zögerte ein wenig; dann sagte sie, während ihr das Blut in die Schläfen stieg: »Ich habe Hunger ...«
»Gut, gut,« sagte der Russe, nun seinerseits[S. 202] lächelnd. »Wir wollen also wieder leben, wie es scheint ...«
Die Frau sah ihn an und nickte. Die Tränen standen ihr in den Augen.
»Sie sind sehr gut zu mir,« meinte sie ernst.
Kyrill Petulikow erwiderte nichts ...
Sechs Wochen nach der Abfahrt der »Princeß of India« von Japan kamen die Fahrgäste der »Buitenzorg« in Ägypten an. Und am Abend des nächsten Tages mietete Kyrill Petulikow für seine Mutter, deren Pflegerin und sich die stillsten und schönsten Zimmer von Shephards Hotel in Kairo.
Man hatte ihre Pässe und ihr sehr bescheidenes Gepäck — die Riesenkoffer Lisaweta Petulikowas waren mit der »Princeß of India« untergegangen — mit einer Gründlichkeit und Strenge durchsucht, die in schroffem Gegensatz zu der früheren Großzügigkeit der englischen Zollbeamten stand.
Kairo war nicht mehr die Stadt, die sie sonst gewesen. Sie hatte sehr viel von den Zügen der Weltdame verloren, sehr viel von ihrer Lebhaftigkeit, ihrem gastfreien Sinn und ihrer Sicherheit. An deren Stelle war das Gesicht des Feldherrn getreten, der Soldaten suchte — Wachsamkeit und Nervosität.
Es gab auf den Straßen sehr viele Männer, die keine Polizeiuniform trugen, aber auf alles[S. 203] aufpaßten und stets bereit schienen, ihre Berechtigung dazu nachzuweisen. Sie waren sehr höflich, aber ebenso bestimmt, wenn sie es für gut befanden, ein Haus, eine Brücke, eine Straße für etliche Zeit zu schließen. Man erfuhr niemals den Grund dieser Maßnahmen; aber sie häuften sich von Tag zu Tag.
Kyrill Petulikow ermüdete die Beamten der öffentlichen Sicherheit durch seine Freude an dem fremden und starken Leben der Stadt, dem er mit einer sanften Unentwegtheit nachforschte, ohne sich im mindesten um politische oder militärische Grundsätze zu kümmern. Er geriet mitten hinein in eine Abteilung frisch angekommener indischer Soldaten, deren schmale und leidenschaftliche Gesichter er mit einer Art künstlerischer Freude anstaunte. Er bat sehr höflich um Entschuldigung. Er wußte mit solchen Dingen nicht Bescheid. Sein Lächeln entwaffnete jede Entrüstung. Schließlich hatte man sich an ihn gewöhnt und betrachtete ihn als einen liebenswürdigen und wohlwollenden Halbnarren einer verbündeten Nation. Sollte man ihn in Gottes Namen laufen lassen ...
Lisa Petulikowa war großmütig genug, ihrer Pflegerin zuzureden, sich den forschenden und genießenden Streifereien Kyrills anzuschließen. Aber Kate Mathew machte keinen Gebrauch von dieser Erlaubnis. Die Augen taten ihr weh,[S. 204] wenn sie über die Straßen ging und die turmhohen Buchstaben der angeschlagenen Extrablätter ihr in allen Farben entgegenbrannten.
Ja, die Deutschen hatten Lüttich erobert, hatten Brüssel besetzt und Maubeuge genommen ... O, niemand dachte daran, zu leugnen, daß sie tapfere Leute seien, diese armen Soldaten eines wahnsinnigen Kaisers ... Aber dann war die Schlacht an der Marne gekommen — glorreiche Tage für Frankreich und seine erhabenen Verbündeten ... mehrere Armeekorps waren teils gänzlich aufgerieben, teils gefangen genommen ... Und die Gefangenen erzählten greuliche Dinge über das Gemetzel, das die eigenen Maschinengewehre in ihren Reihen angerichtet hatten, um Rebellion und Empörung gegen die Führer zu unterdrücken ...
Ja, die Deutschen hatten die Russen ein wenig geschlagen, nachdem diese ganz Ostpreußen besetzt und das Land einer Wüste gleich gemacht hatten ... Mein Gott, was hieß das, wenn Rußland ein paar tausend Soldaten verlor ... Rußland hatte Millionenheere genug ... Und die Russen hatten Lemberg erobert ...
In wenigen Wochen würden sie in Wien sein und bald darauf in Berlin, und die Schlacht an der Marne feierte ihren Triumph in der endgültigen Vertreibung des Feindes bis an das rechte Ufer des Rheins.
[S. 205]
Bis Weihnachten war alles erledigt ...
Nun, Kate Mathew, die Engländerin, aus Sheffield gebürtig, hätte mehr Freude über all diese Dinge an den Tag legen müssen, als sie in Wirklichkeit tat. Sie war selbst für eine Engländerin ein wenig zu gleichgültig gegen die Dinge der Weltgeschichte ...
»Miß Kate,« sagte Kyrill Petulikow eines Abends zu dem Mädchen, als sie der Kranken das Orangenblütenwasser bereitete, »ich kann es begreifen, daß man nach Japan fährt, ohne den Fujiyama zu sehen; denn wir haben es in der Tat fertiggebracht, meine Mutter und ich ... Aber daß man in Kairo ist, ohne die Pyramiden aufgesucht zu haben, das heißt, diese Methode des Reisens ein wenig zu weit treiben ...«
Kate Mathew begriff sehr gut, daß dies eine Bitte sein sollte. Sie sah die Kranke an und zögerte.
»Meine Mutter wird Sie entschuldigen,« fuhr Kyrill Petulikow mit seiner liebenswürdigen Sanftheit fort, gegen die es kein Mittel gab. »Wir reisen in wenigen Tagen ab ... Es ist ganz gewiß eine besondere Schönheit der Erde, Sonnenuntergang und Mondaufgang bei der Sphinx von Gizeh zu erleben ... Verderben Sie mir die Freude nicht — kommen Sie mit!«
»Wenn Sie es ausdrücklich wünschen, Kyrill Petulikow — und Ihre Mutter es gestattet ...«
[S. 206]
»Beides, Miß Kate — da es nötig zu sein scheint ...«
»Und wann wollen Sie aufbrechen?«
»In zehn Minuten werden die Esel vor der Treppe stehen.«
Der Eseljunge war pünktlich, und Kate Mathew war es auch. Achmed, der jugendliche und reichlich verschlagen aussehende Besitzer der beiden Reittiere, beschloß, als er Kyrill Petulikow in Begleitung einer Dame kommen sah, ihn unerhört zu betrügen, was ihm am Ende auch in Vollkommenheit gelang.
Da er den Russen französisch sprechen hörte, erwies er ihm die Ehre, seinen Esel Napoleon zu nennen, während Miß Kate auf Lord Nelson saß. Vor dem Kriege hatten sie zuweilen auch Bismarck und Radetzky geheißen, aber seit der europäischen Verwicklung, von der Achmed nichts begriff, als daß seitdem sein Geschäft zurückging, waren die Vertreter der Mittelmächte beurlaubt.
Sie ritten langsam, solange sie sich im Getriebe der Straßen befanden, das sich verstärkte, je mehr sie sich der Nilbrücke näherten. Wasserverkäufer mit ihren schwappenden Ziegenschläuchen, Obsthändler und Schuhputzer priesen Gott und sich selbst als die Wohltäter der Menschheit. Ihre singenden Rufe gingen unter im Geschrei der Zeitungsverkäufer, die das neueste Extrablatt ausriefen und eine grellrote, mit[S. 207] schwarzen Schrägstreifen geschmückte Broschüre: »Die Greueltaten der Deutschen in Belgien, nach amtlich beglaubigten Aussagen von Augenzeugen!«
Kate Mathew kaufte sich das Heft. Es war billig — einen Sixpence kostete es. Der Verleger hoffte auf Massenabsatz, den er wahrscheinlich auch fand. Kyrill Petulikow sah, daß sie das Heft kaufte, schien sich ein wenig zu wundern, sagte aber nichts. Kate Mathew hatte das Gefühl, daß sie ihn in diesem Augenblick enttäuschte, und sie freute sich darüber. Sie steckte die Broschüre in ihre Manteltasche.
Längs der Straße, durch die sie ritten, säumten zu beiden Seiten, dichtgedrängt wie Datteln auf einer Schnur, bettelnde Kinder, Weiber und Greise den Weg, die meisten blind oder mit entsetzlichen Augenkrankheiten behaftet, von der Not und der Sonne zu Gerippen gedörrt, mit Lumpen bedeckt, ihre Krankheiten und Gebrechen entblößend; sie streckten ihre leichendürren Hände aus und murmelten, zu faul, das Wort »Bakhschisch« in seinem vollen Umfang auszusprechen, unaufhörlich: »— schisch, schisch — schisch ...«
Kyrill Petulikow warf Hände voll kleiner und großer Münzen unter sie, aber es war ein nutzloses Beginnen; das Elend schluckte seine Gaben ein wie die Wüste den Tau — und blieb Elend, wie sie Wüste bleibt.
[S. 208]
Eine Schar von schwatzenden Fellachenweibern, verschleiert, dampfend vor Hitze, kehrte über den Kasr en Nil nach ihrem Dorfe zurück. Über ihren nackten Füßen klirrten die Spangen. Sie trugen die leeren Körbe auf den Köpfen und hatten den Gang von jungen trächtigen Gazellen. Vom Rücken ihrer Mütter herunter bettelten die Kinder, die noch nicht laufen konnten, mit ausgestreckten Händchen: »—schisch.«
Als Beate den Nil erblickte, hielt sie unwillkürlich ihren Esel an. Sie blickte nach Süden, woher er kam, und dachte an das Land, in dem seine Quellen lagen — das sie geliebt hatte und dessen Wasser sie getrunken.
Ein plötzlicher tiefer Jammer würgte sie am Halse. Kyrill Petulikow fragte sie etwas; sie gab keine Antwort. Blind vor Tränen, die ihr die Augen beizten, ritt sie weiter. Sie überließ es dem Russen und Achmed, mit den bettelnden Bewohnern von El Kafr fertigzuwerden, die die Straße nach Gizeh belagerten und unermüdlich neben den Fremden herliefen, um ihnen unechte Skarabäen, falsche Münzen und Mumienglieder aus jüngster Zeit der Schöpfung aufzudrängen.
Achmed schlug mit dem Stecken unter zornigen Anrufen Allahs, des Allvermögenden, in das zudringliche Gesindel hinein, wobei er nicht verfehlte, den scheinbar unerschöpflichen Sack[S. 209] seiner schwerstwiegenden Schimpfwörter über das Gezücht von Hunden und Schakalen auszuschütteln. Aber es nützte ihm nur wenig. Bis an die Türe des Menahouse-Hotels, vor dem die mauerngefaßte Straße zu den Pyramiden schon in blauem Schatten lag, blieben ihnen die Schmarotzer der Pharaonen getreu. Dann erkaufte sich Kyrill Petulikow ihren Verzicht auf weitere Annäherungsversuche durch Vermittlung des Portiers mit einem Bakhschisch, dessen Höhe ihn für ewige Zeiten zu einem Nationalheiligen von El Kafr erhob.
Kyrill Petulikow und Beate hatten auf dem Wege von Kairo nach dem Menahouse-Hotel kaum ein Wort miteinander gewechselt. Jetzt, als sie nach einer kurzen Pause der Erfrischung ihre Wanderschaft zur Cheopspyramide fortsetzten, kam er an ihre Seite und sprach sie an.
»Ich wußte nicht, daß Ihnen dieser Ausflug so sehr ungelegen kommen würde,« begann er das Gespräch. »Ich hätte Sie sonst nicht um Ihre Begleitung gebeten, Miß Kate.«
Kate Mathew sah geradeaus.
»Verstehen Sie mich nicht falsch, Kyrill Petulikow,« antwortete sie. »Ich bin wahrscheinlich sehr ungerecht ... Das wird man, wenn man unfrei ist. Ich weiß, wie gut Sie es meinen, und danke Ihnen ehrlich dafür. Aber ich wünschte mir eben so sehr, Sie möchten[S. 210] mich in Zukunft nur als die dienende Pflegerin Ihrer Mutter betrachten, wie ich mir anderseits wünschen muß, daß ich von Ihrem guten Willen weniger abhängig wäre.«
»Sie sind keine Dienerin,« sagte Kyrill Petulikow kopfschüttelnd.
»Ich bin es, denn ich bin im Dienst ...«
»Ja, ja ... Seien wir nicht kleinlich, Miß Kate ... Wenn eine Königin zum Rocken greift, so wird sie keine Spinnerin; aber sie macht das Spinnen zu einer königlichen Arbeit.«
»Halten Sie mich für eine verbannte Königin?« fragte Beate, unwillkürlich lächelnd.
»Vielleicht,« antwortete Kyrill Petulikow etwas verträumt.
»Das ist etwas sehr Trauriges,« meinte die Frau.
»Nein, Miß Kate. Sie sind, so wie Sie nun leben müssen, doch ganz gewiß ein königlicher Mensch — wie Raffael ohne Hände der große Maler ... Irgendein deutscher Dichter hat einmal so etwas gesagt.«
»Sie irren sich, Kyrill Petulikow.«
Der Russe schwieg, aber sie fühlte, daß er es nur tat, um ihr nicht noch einmal zu widersprechen.
Sie gingen allein. Achmed war bei seinen Eseln zurückgeblieben; die drei Beduinen, die ihnen bei der Ersteigung der Cheopspyramide[S. 211] helfen sollten, waren vorausgegangen und erwarteten sie am Fuße des Grabmals. Die Sonne stand nur noch zwei Hände breit über dem Horizont. Die Luft war sehr dunstig.
Als sie droben standen, ging die Sonne unter.
Und die drei braunen Männer, denen die weißen Mäntel um die langen, hageren Glieder schlugen, lösten sich die Gürteltücher von den Hüften, breiteten sie aus und warfen sich zum Beten auf ihr Gesicht.
»Es ist kein Gott außer Gott ...«
Kyrill Petulikow und Beate hatten sich am Rande der platten Kuppe niedergelassen und schwiegen.
Unter ihnen, vom Sande der Jahrtausende halb begraben, lag die Sphinx und wandte ihr fremdes, strenges Haupt nach Osten, gen Sonnenaufgang. Fern drüben schimmerten die Kanäle, vom Grün der Sykomoren überlaubt. Und ganz verloren im Duft des Sonnensinkens ruhte die Stadt — die »Siegreiche«. Ihre schlanken, unwirklich zarten Kuppeln und Minarette blickten aus den Träumen einer anderen Welt herüber zu den lastenden Gräbern ihrer Königsahnen, und mitten zwischen beiden pfiff der Schnellzug von Assuan.
Beate Hoyermann sah und hörte dies alles und bemerkte es doch nicht. Sie spürte in der[S. 212] Tasche ihres Mantels das grell gebundene Heft über die Greueltaten der Deutschen in Belgien, und sie kam sich vor, im Angesicht der ausgebreiteten Herrlichkeit zu ihren Füßen, wie ein Mensch, der Brot braucht und jemand schenkt ihm eine Perlenkette.
»Sagen Sie mir, Kyrill Petulikow,« flüsterte sie, um die Betenden nicht zu stören, »würde es schwierig sein, von Rußland aus nach Schweden zu reisen?«
Kyrill Petulikow sah aus, als müsse er seine Gedanken erst zusammenrufen, ehe er antworten konnte.
»In Rußland ist alles schwierig,« meinte er dann; »aber in den meisten Fällen ist es eine Geldfrage.«
»Das würde keine Rolle spielen ...«
»Wie die Verhältnisse jetzt im Kriege liegen, kann ich natürlich nicht sagen, da ich Rußland verlassen habe, bevor der Krieg ausgebrochen war. Aber ich glaube, mit einigem guten Willen wäre es zu erreichen, daß Sie Schweden ... Übrigens, was wollen Sie in Schweden, Miß Kate?«
»Ich suche eine Brücke, um nach Hause zu kommen,« antwortete Beate.
»O — und Sie wollen mit uns nach Rußland fahren —?«
»Es bleibt sich gleich für mich, auf welchem[S. 213] Umweg ich nach Hause reise,« antwortete Beate etwas herb. Sie merkte an seinem Schweigen, daß er diese Herbheit sehr wohl empfand. Mit einer unwillkürlichen und starken Gebärde faltete sie die Hände.
»Es ist, wie es scheint, eine unglückliche Bestimmung, Kyrill Petulikow, daß ich auf alle Ihre guten Worte eine rauhe Antwort haben muß, wenn ich nicht heucheln will ... Aber in alles, was ich denke, redet mir der Krieg hinein ... Wenn ich zu anderen Zeiten und nicht als die Kate Mathew, die Sie kennen, auf dem Gipfel der Cheopspyramide säße, dann würde ich's vielleicht den Männern da drüben nachtun, meine Augen nach Sonnenaufgang wenden und anbetend sprechen: ›Es ist kein Gott außer Gott‹ ... Aber dies ist dafür nicht die Stunde ... Und zu anderen Zeiten wäre ich vielleicht sehr stolz darauf gewesen, daß Ihnen und Ihrer Mutter so viel daran liegt, daß ich mit Ihnen reise — und daß Sie mir die Kranke anvertrauen. Aber heute ist die Reise nach Rußland für mich nichts als ein Weg, der auch ein anderer sein könnte, um mich nach Hause zu bringen — und den ich nur darum gehe, weil er vielleicht trotz allem der beste ist ...«
»Sie nehmen großen Anteil am Kriege,« meinte der Russe nach einer Pause.
»Ja, das tue ich ... Sie nicht?«
[S. 214]
»Nein,« sagte Kyrill Petulikow. »Nicht sehr. Nicht so, wie Sie es meinen.«
»Das wundert mich,« meinte Beate und schüttelte den Kopf.
Kyrill Petulikow schwieg. Er wandte den Kopf von Beate ab und schaute nach Westen, wo die Sonne nun ganz versunken war, wo die Wüste anfing und die Nacht. Sie kam sehr rasch, ohne Dämmerung; alle Farben erloschen, als stürben sie für immer. Die Unendlichkeit der erstarrten Wellen im »Meere ohne Wasser« schien gleichsam mit geschlossenen Augen unter dem blassen Himmel zu liegen, an dem die Sterne groß und weit voneinander verstreut zu funkeln begannen.
Der Wind, der während des ganzen Tages fast unfühlbar gewesen, machte sich nun auf und wehte von Nordwesten, mit einem langen, sehr sanften Hauchen, schwermütig und einsam. Das kaum hörbare Gleiten, Rieseln und Beben des Sandes wurde in der Vollkommenheit der Stille ringsum ein Klang.
Die Sphinx war ganz in Dunkelheit versunken. Über Kairo, jenseits des Nils, war der Himmel trüb golden vom Widerschein der erleuchteten Stadt.
Die Beduinen hatten sich niedergehockt und schwatzten leise miteinander. Allmählich verstummten sie auch. Ihre weißen Burnusse schimmerten in der Finsternis.
[S. 215]
»Jetzt bin ich Ihnen ganz fremd geworden,« sagte Kyrill Petulikow nach einer tiefen Stille, ohne sich umzuwenden.
»Ist es nicht ein wenig sonderbar,« meinte Beate dagegen, »wenn ein Mensch — und noch dazu ein Mann — eines der größten Ereignisse der Weltgeschichte miterlebt und sagt, er nehme keinen rechten Anteil daran?«
»Was nennen Sie miterleben?« fragte Kyrill Petulikow. »Zur selben Zeit auf der Welt sein? Ich bin nie Soldat gewesen und werde es nie sein können.«
»Und ich bin eine Frau,« sagte Beate, — »ich bin auch nie Soldat gewesen und habe meinen Platz ein gut Stück hinter der Front, wo diese auch sein möge ... Aber wer seine Heimat und sein Vaterland liebt, der erlebt den Krieg mit allen Nerven und Fasern seines Herzens, und wenn er nie einen Schuß mit eigenen Ohren zu hören bekommt.«
»Ich weiß nicht, ob ich mein Vaterland liebe,« sagte Kyrill Petulikow.
»Dann wollen wir nicht mehr über den Punkt sprechen,« antwortete Beate und richtete sich ein wenig auf.
Es war wieder still zwischen ihnen. Kyrill Petulikow stützte den Kopf in die Hand.
»Ich wünschte mir doch, Sie hörten mich an,« meinte er schließlich, und seine stille Stimme[S. 216] tastete sich vorsichtig durch die Dunkelheit, als sei sie ein lebendiges Wesen, das in der großen Einsamkeit verirrt und müde nach Hause verlangte. »Aber ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen können, Miß Kate. Wir sind einander so unendlich fern und fremd. Wenn wir reden, so müssen wir unsere Worte im Geist aus zwei verschiedenen Sprachen in eine dritte übersetzen; glauben Sie, daß es dann wirklich noch dieselben Worte sind, die wir gedacht haben? Und warum soll ich es Ihnen nicht sagen, Miß Kate ... ich habe es mir sehr gewünscht, einmal mit Ihnen zu sprechen ... wie man eben nur ein einziges Mal mit einem Menschen spricht, in besonderen Stunden, die nie wiederkommen ... Und nun habe ich nicht den Mut dazu ... Denn man kann sein Tiefstes nicht so hinschütten in den Sand, vor die Füße eines Menschen, der nicht darauf achtet — wenn man weiter mit ihm leben will. Es darf keine Scham zwischen zwei Menschen sein, die unter einem Dache wohnen ... Scham ist schlimmer als Haß; und manchmal ist sie seine Mutter ... Man muß seine Seele in zwei Hände legen können, die sich zu einer Schale zusammenfügen. Dann ist das Reden leicht ... Aber ich weiß nicht, ob Sie mir Ihre Hände so geben wollen ...«
»Das will ich, Kyrill Petulikow,« sagte Beate geduldig.
[S. 217]
»Ja, vielleicht. Aber Sie wissen nicht, ob Sie es bis zum Ende wollen. Wer sind Sie und wer bin ich? Ich kenne nicht einmal Ihren Namen. Denn Sie sind nicht die Kate Mathew, für die Sie sich ausgeben; daraus haben Sie mir gegenüber nie ein Hehl gemacht, und das danke ich Ihnen. Und ich möchte doch gern wissen, wie Sie eigentlich heißen, damit ich Sie manchmal bei Namen nennen kann, wenn ich Sie selber rufe und nicht irgendeine fremde Frau ... Und ich möchte, daß Sie mich nennen, wie mich meine Freunde nennen, Kyrill Iwanowitsch ... Ah, ich möchte, daß Sie ein wenig Russisch könnten, um mir dieses oder jenes Wort zu sagen, das nur in der Muttersprache einen Sinn hat ...«
»Um Russisch zu lernen,« meinte Beate, »werde ich wohl kaum genügend Zeit haben, Kyrill Iwanowitsch ... Aber bei Namen will ich Sie gerne nennen, wenn Sie es wollen. Vielleicht kommt auch einmal eine Stunde, in der ich Ihnen meinen Namen sagen werde ... Aber dann müßte es Frieden sein, oder wir müßten einander in meiner Heimat wiedersehen, was ich schwerlich glauben kann, solange es Krieg ist. Können Sie sich nicht an Miß Kate gewöhnen?«
»Nein,« sagte der Russe kopfschüttelnd. »Miß Kate ist irgend jemand, aber nicht Sie ... Ich hatte eine kleine Schwester, die Mascha hieß.[S. 218] Sie ist als Kind gestorben; meine Mutter liebte sie nicht sehr. Meine Mutter liebte nur Jewgenij Iwanowitsch, der ein schöner und starker Mensch war und immer lachte ... Meine kleine Schwester war kein heiteres Kind, aber wir liebten uns sehr. Und sie war ein schönes Kind, obwohl sie immer vor irgend etwas zu zittern schien und sich in sich selbst verkroch. Als sie starb und begraben werden sollte, versteckte ich mich auf dem Friedhof in ihrem Grabe. Aber sie entdeckten mich, wie sie den Sarg hinunterließen, und zogen mich herauf, und meine Mutter war ganz verstört, weil sie sich vor allen Menschen meiner schämen mußte. Ich habe meine Schwester nie vergessen. Sie ist in mir lebendig geblieben, mit mir gewachsen und nun groß geworden. Aber nun weiß ich nicht mehr, wie sie aussieht, und manchmal quält mich das ... Wenn ich Ihren Namen nicht wissen soll, so möchte ich Sie Mascha nennen. Und der Name ist sehr schwer von trauriger und inniger Verehrung ...« Kyrill Petulikow lächelte ein wenig. »Das mag daher kommen, daß ich als Knabe glaubte — und heute noch nicht ganz sicher bin, ob ich mich in meinem Glauben getäuscht habe —, daß meine kleine Schwester nun viel klüger und stärker sei als ich, weil sie das Leben und den Tod gleichermaßen überwunden hatte und bei Gott war, der sie liebte ...«
[S. 219]
Kyrill Petulikow schwieg. Beate hatte den Arm aufs Knie gestemmt und ihr Kinn in die Hand gelegt. Sie sah mit ganz verträumten Augen in den grenzenlosen Schatten des »Meeres ohne Wasser« hinab.
»Soll ich nun sprechen?« fragte der Mann behutsam.
»Ja ... ja ...«
»Ich glaube, Sie lieben Ihr Vaterland sehr, Miß Kate, nicht wahr ...«
»Ja, weiß Gott ...«
»Sie lieben es, weil Sie an seine Zukunft glauben — ist es das?«
»Ich weiß nicht, was der Grund ist — und ob man überhaupt einen braucht, um zu lieben. Aber ich glaube an seine Zukunft, und ich liebe es ...«
»Ich könnte mir denken, daß es so wäre,« fuhr der Russe fort, »daß man sein Vaterland mit dem Gefühl umschlösse, das eine Mutter, die nicht wie die meine ist, für ihr Kind haben mag. Ja, das ist wunderlich, nicht wahr ... Wir sind doch selbst die Kinder des Landes und müßten zu ihm aufschauen als zu dem Älteren — dem, das vor uns war, geheiligt durch Überlieferungen, durch die Größe des Vergangenen — das Geliebte um der Ehrfurcht willen ... Und dennoch weiß ich: wenn ich mein Vaterland lieben würde, dann würde ich es tun in einem Gefühl — jenem sehr verwandt, das wir für die[S. 220] Jüngeren haben, für die, die sind, wenn wir nicht mehr sein werden, für die Kommenden, die Zukünftigen ... in einem Gefühl des grenzenlos beglückten Beiseitestehens, unverlangend, voller Ergriffenheit, dankbar und vertrauend ...«
»Ja,« murmelte Beate.
»Und ich könnte mir auch denken, wenn das Land, das man so liebt, in den Krieg zöge, daß man mit jedem Herzschlag, mit jedem Atemzug und jedem Gedanken bei ihm wäre in Angst oder Zuversicht, weil es um ein Höher oder Tiefer die Würfel schüttelte ...«
»Ja ... ja ...«
»Ich könnte mir auch denken, daß man im Kriege sein Bestes opfert, sein Leben wegwirft und fühlt: es ist nicht zuviel ... Denn das Opfer ist gut und hat einen Sinn. Es wird Früchte tragen und gesegnet sein ... Das liebe Land, das geliebte Land wird größer durch die Opfer, die es fordert — wir fallen ihm wie Ähren dem Schnitter, damit es neue Aussaat hat — dieses Land, das junge, das zukünftige — das Land von morgen ... Ja, das wäre schön. Das könnte einem dazu verhelfen, sein Leben zu lieben, nur um es als gedoppeltes Opfer darbringen zu können ... Aber Opfer, die Rußland gebracht werden, haben keinen Sinn ...«
»Das ist ein sehr hartes Wort, Kyrill Iwanowitsch ...«
[S. 221]
»Sie werden Rußland sehen, Miß Kate — Sie werden es mit Ihren klaren germanischen Augen sehen und werden sagen: er hatte Recht, der Kyrill Iwanowitsch ... Glauben Sie mir, es ist ein sinnloser Zufall, daß die Grenze Europas quer durch Rußland läuft. Wir gehören nicht mehr zu Europa. Wir sind Asien. Wir sind ein Koloß auf tönernen Füßen. Unsere Dichter — und wir haben herrliche Dichter! — halten uns den Spiegel vors Gesicht: Seht — seht, wie ihr in Wahrheit ausseht ... Wir betrachten uns und nicken: Ja, ja, du hast Recht, Brüderchen ... aber was willst du? So sind wir nun einmal — Gott hat uns so geschaffen ... Wenn ich das Saufen lasse, Brüderchen, so wird die Welt darum nicht besser. Und der Schnaps schmeckt mir; warum soll ich ihn nicht trinken, wenn er mir schmeckt? Er ist dazu da, um getrunken zu werden. Und wenn ich ein Beamter bin, so ist es nicht schön von mir, wenn ich mich bestechen lasse — aber sage selbst, Brüderchen: soll ich das Geld einem anderen lassen, einem Amtskollegen, der es doch auch nur versäuft —? Wir sind allzumal Sünder vor Gott; aber Gott ist gut, er verzeiht uns ...
»Es gibt auch andere — Schwärmer, ja ... die machen Revolutionen. Und es gibt auch Schurken; die machen den Krieg. Die einen wollen das Heil für Rußland, die anderen für[S. 222] sich selbst. Und die Revolutionen kosten Blut und Geld, und der Krieg kostet Blut und Geld, und wenn irgend jemand dabei gewinnt, so ist es nicht Rußland. Wir haben uns in eine Sackgasse verrannt und finden nicht den Mut zur Umkehr, das ist es ... Wenn der russische Soldat sich schlägt und sich opfern läßt, wie man Stiere opfert — glauben Sie, er weiß, wofür er sich schlägt und geopfert wird? Es ist ein Bild zum Heulen, Miß Kate: Millionen von Menschen, die dumm und gutmütig in den Krieg ziehen — für nichts ... Denn wenn dieser Krieg überhaupt einem Lande Nutzen bringt, dann wird es nicht Rußland sein.«
»Warum,« fragte Kate Mathew etwas hart, »gab sich Rußland dann zum Schilde von Mördern her?«
»Ich glaube, diese Frage wird man Ihnen in London besser beantworten können als in Petersburg,« antwortete Kyrill Petulikow vorsichtig.
Kate Mathew wollte etwas sagen, aber sie verschluckte es.
»Vielleicht wird man einmal behaupten,« fuhr Kyrill Petulikow fort, »daß dieser Krieg auch von Rußlands Seite aus wirtschaftlichen Gründen geführt worden ist. Und die Worte vom eisfreien Hafen und vom Einfluß in Kleinasien werden wieder auftauchen ... Aber der schönste[S. 223] eisfreie Hafen kann dem russischen Reiche das nicht geben, was es braucht: eine andere Volksseele ...«
Beate hob den Kopf.
»Ich habe bisher geglaubt, daß die russische Volksseele sehr liebenswert sei,« meinte sie.
»Ja. Für die anderen. Wir sind so unendlich sanft, nicht wahr ... Wir sind die Ergebungsvollen und die Ungefährlichen. Wir haben das Lächeln, das Christus hatte, als er seinen Feinden verzieh — wissend und wehrlos. Darum wurde er auch ans Kreuz geschlagen. Aber mit all unserer sanften Ergebung in den Willen Gottes, der in Rußland sehr schlechte Statthalter besitzt, sind wir so weit gekommen, daß wir keine Rettung für den Staat mehr haben als Krieg oder Revolution. Und beide sind zwecklos. Man rettet einen blutkranken Menschen nicht dadurch, daß man ihn wirtschaftlich unabhängig macht; man erleichtert ihm höchstens sein Siechtum. Aber darauf kommt es nicht an ... Man müßte ihm ein Bethesda weisen, in dem er sich gesund baden könnte, und das liegt nicht am Persischen Golf und nicht am Bosporus. Das müßte im Herzen Rußlands selber liegen ...«
»Was nennen Sie das Herz Rußlands?« fragte die Frau.
»Das Herz jedes Volkes — seine Mütter,« antwortete der Russe.
[S. 224]
Kate Mathew machte eine Bewegung. »Die Mütter,« wiederholte sie. Und unwillkürlich kam das Wort sehr versonnen aus ihrem Munde.
»Ja — die Mütter ...«
Es war wiederum eine Weile zwischen den beiden Menschen ganz still. Und als Kyrill Petulikow weitersprach, geschah es so leise und so stockend, daß die Frau Mühe hatte, ihn zu verstehen.
»Vielleicht ist es nur ein neues Narrentum — wer weiß es? — Vielleicht sucht man immer in dem das Alleinseligmachende, was man selbst am meisten entbehrt ... Vielleicht ist es eine Torheit mehr, die Genesung des russischen Volkes in einem Traum von sehr mütterlichen Frauen zu suchen ... Ich weiß es nicht ... Und wenn ich es auch gewiß wüßte — das wäre noch kein Schritt weiter zur Erfüllung dieses Traumes. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß Unglück zur Stärkung eines Menschen notwendig und gut sei ... Die Glücklichen sind die Starken ... Und wir sind nicht glücklich. Wir betrinken uns nicht um des schönen Rausches willen und feiern unsere Feste nicht, weil wir das Leben lieben. Wir betrinken uns, weil wir dann vergessen, und sind ekstatisch heiter in der Erkenntnis, daß wir nichts anderes haben als den Taumel. Und dann kommen die grauen Stunden der Ernüchterung, aus denen es keine Errettung gibt[S. 225] als die neue Trunkenheit des Vergessens ... Und wir müssen sehr viel vergessen und haben nichts, daran wir uns gern erinnern — nicht einmal die Stunden, da wir Kinder waren. Wir haben auch keine Hoffnungen — wir haben nur das Vergessen.«
»Sie sprechen von sich selbst,« meinte Beate halblaut. Es war eine Mahnung.
»Ich spreche von mir wie von hundert und tausend anderen. Wir sind arm und müde, weil unsere Kindheit arm und müde ist und sehr einsam. Wir wissen nicht, was wir lieben sollen, und lieben uns selbst am wenigsten. Es ist etwas Gespenstisches um unsere Heiterkeit wie um unsere Trauer. Wir wissen, daß wir krank sind, aber wir glauben an keinen Arzt. Die Schönheit der Erde stimmt uns traurig. Denn es hat uns niemand gelehrt, als wir Kinder waren, daß sie für uns schön ist und uns gehört. Das Leben schenkt uns nichts, wir müssen uns alles erobern, ohne Eroberer zu sein. Denn niemand sagt uns, wenn wir Kinder sind, welchen Weg wir gehen müssen, um glücklich zu werden; vielleicht wissen unsere Mütter es selber nicht; auch das mag sein. Diese Frauen, die immer ein wenig träge sind, die das Leben bitter gemacht hat, weil sie es nicht verstanden, das Leben auszulachen — die legen ihre breiten Schatten auf unsere kindischen Wege und nehmen uns den Glauben daran,[S. 226] daß unsere Zukunft einmal schöner sein könnte als ihre Gegenwart. Sie lieben uns vielleicht als Menschen, wenn wir erwachsen sind. Aber sie lieben uns nicht als Kinder, die beständig fragen, wünschen und hoffen. Und das Erbe dieser Frauen ist es, das ein Volk von Männern mit sich schleppt. Die Freudlosigkeit, die wir ererbt haben, die Sanftheit des Entsagens und der Unglaube an morgen — das ist's, woran wir elend geworden sind. Aber nun liegt es uns im Blute ...«
»Vielleicht«, sagte Beate nach einer Stille, »wird dieser Krieg das alles wachrütteln, was an Liebe, an Kraft und Hoffnung im russischen Volke schläft ...«
»Wenn es eine Liebe ist, so ist es eine verzweifelnde,« antwortete Kyrill Petulikow. »Denn wir werden am Ende dieses Krieges an nichts reicher sein als an Gräbern.«
»So mutlos sind Sie ...«
»Ja ...«
Beate Hoyermann wandte den Kopf und sah dem Manne ins Gesicht.
»Sie sind nicht glücklich, Kyrill Iwanowitsch,« sagte sie gelind.
»Wer ist glücklich?« fragte der Russe mit einem Lächeln.
»Ich,« sagte die Frau. Dann verstummte sie. Sie legte ihren Kopf in beide Hände.
[S. 227]
»Nun wissen Sie,« fuhr Kyrill Petulikow fort, »warum ich an dem großen Kriege weniger Anteil nehme, als Sie von einem Manne erwarteten — und vielleicht auch zu erwarten berechtigt waren. Man kann ein großes Unglück lieben, wenn es der Weg zu großen Zielen ist. Aber das Sinnlose kann man nicht lieben ... Ich bin ein Bauer, wenn Sie so wollen, und mein Vaterland ist meine Erde, die nimmt und gibt. Aber der Bauer treibt keine Politik und kümmert sich nicht um die Händel der Welt, solange man ihm die Äcker nicht verwüstet. Und auch dann denkt er: Sie mögen die Städte und die Dörfer niederbrennen — die Erde können sie nicht verbrennen. Und das ewige Gesetz von Saat und Ernte bleibt bestehen, wenn alle anderen Gesetze aufgehoben werden. Was will ich mehr?«
»Es würde Sie also nicht bekümmern, wenn Rußland schwer geschlagen würde?« fragte Beate Hoyermann.
»Nein, Miß Kate. Denn wenn die Männer, die Rußland in den Krieg geschickt haben, Recht behielten, dann wäre das ein viel größeres Unglück für das Land als eine Niederlage.«
»Und nach der Niederlage — was dann?«
»Was dann? — Nichts ... Sommer und Winter, Frost und Hitze, Samen und Ernte — Tag und Nacht ...«
[S. 228]
»Und Sie stehen abseits und bauen den Acker. Auch das ist schön ...«
»Sie irren sich, Miß Kate. Sie denken jetzt, auch Bauerndienst sei Vaterlandsdienst. Aber daran habe ich nicht gedacht. Und auch bei dem, was ich tun will, wenn ich in Rußland sein werde, denke ich nicht an Vaterlandsdienst ...«
»Was wollen Sie tun, Kyrill Iwanowitsch?«
Der Russe gab keine Antwort. Sie hörte an seinem Atmen, daß er reden wollte, aber er schien die Worte nicht zu finden, die er suchte. Beate Hoyermann ließ ihm Zeit. Und dann fragte sie noch einmal und mit aller Zartheit einer guten Schwester: »Mascha fragt, was Sie tun wollen, Kyrill Iwanowitsch ... Mögen Sie es ihr nicht sagen?«.
Er schwieg aber.
Beate fragte nicht weiter. Den Kopf in die Hand gelehnt, sah sie in die Dunkelheit hinein, die immer blasser und blauer geworden war. Im Nordosten über der Stadt war der Mond heraufgekommen. Er badete die Stirn der Sphinx mit einem kühlen, weißen Licht. In El Kafr heulten die Hunde; sie hatten Furcht. Die Nacht am Saume der Wüste hatte keinen Frieden; sie war ganz unerlöst und schön wie eine schöne Tote.
»Warum fragten Sie mich, Miß Kate?« sagte Kyrill Petulikow tonlos.
[S. 229]
»Sie wollten mich wie Ihre Schwester nennen — warum tun Sie's nicht?«
»Ich weiß nicht, ob Sie mir antworten würden, wie Mascha getan hätte ...«
»Versuchen Sie's nur, Kyrill Iwanowitsch,« sagte die Frau, in der stillen Sicherheit ihres Herzens gütig und fest.
Kyrill Petulikow holte tief Atem.
»Sie haben meinen Bruder nicht gekannt,« begann er. »Er war der Abgott meiner Mutter, weil er ihr Ritter war. Während er lebte, liebte sie ihn; als er gestorben war — und als ein Held gestorben —, betete sie ihn an ... Miß Kate, Kain war kein Russe ... Was wissen wir, wieviel er litt, bevor er Abel erschlug?«
»Haßten Sie Ihren Bruder so sehr?« fragte Beate mit einer schweren Bewegung.
»Nein. Ich haßte ihn nicht. Aber ich wünschte, ihm ähnlich zu sein. Jewgenij Iwanowitsch ähnlich sein, das hieß: ganz sorglos, ganz leichtsinnig, ganz ohne Schwermut sein, niemand in Wahrheit lieben und die Liebe aller besitzen. Ich wünschte mir nur eine Liebe: die meiner Mutter. Diese Sehnsucht meiner Kindheit und meiner Knabenjahre ist mir sehr treu geblieben ... bis auf den heutigen Tag ... Und vielleicht habe ich das Mittel gefunden, meine Mutter zu zwingen, daß sie mich wenigstens nach meinem Tode liebt ...«
[S. 230]
»Wollen Sie sterben, Kyrill Iwanowitsch?«
»Nein. Nicht so ... so ohne Sinn ...« Kyrill Petulikow beugte den Kopf in den Nacken und sah in den lichtgetränkten Himmel hinauf. »Es ist vielleicht eine närrische Torheit ... nun, was mehr? In meinem Leben ist nichts, das weise wäre. Und ich kenne nichts Schöneres, als zu fliegen — die Erde unter sich wegsinken zu sehen — losgelöst zu sein von allen Gesetzen, denen wir hier unten dienstbar sind ... Ich habe einen Freund, der auch Flieger ist; er war nicht sehr glücklich vordem ... Nun hat er den Rausch gefunden, dem kein Ekel folgt ... dieses Gaukeln mit dem Tode ... Mein Bruder ging in den Krieg und fand den Tod im Meere ... Da sie mich als Soldat nicht brauchen können und meine Mutter mir das nicht verzeiht ...«
»O Kyrill Iwanowitsch —!«
»Was wollen Sie, Mascha? Es ist so ... Sie liebt mich nicht, weil sie nicht stolz auf mich sein kann. Und es mag närrisch sein, das gebe ich freilich zu — aber ich sehne mich nach der armen Rechtfertigung meines Lebens, daß ich den Tod nicht fürchtete ... und daß meine Mutter es erfahren wird ... ja, danach sehne ich mich sehr ...«
»Sie lieben Ihre Mutter, Kyrill Iwanowitsch ...«
»Ja,« sagte der Mann. »Ja, ich liebe meine[S. 231] Mutter ... Oder ich weiß nicht einmal, ob ich sie liebe ... Ich möchte nur, daß sie mich liebt und daß ich ein Recht dazu hätte, es von ihr zu fordern — da sie mir das Recht nicht schenkt ...«
»So einsam sind Sie?« murmelte die Frau.
»Wir alle sind einsam, der eine mehr, der andere weniger, Mascha ... Und dieses große Einsamsein macht uns zu Schwächlingen ... Jetzt spreche ich, weil es Nacht ist und weil wir am Rande der Wüste sind und gleichsam unkörperlich zwischen zwei Ewigkeiten. Morgen, wenn es Tag sein wird und wir in der Stadt einander wiedersehen werden, bereue ich es wahrscheinlich, daß ich ein Schwächling war und Sie beim Namen meiner toten Schwester nannte, um Ihnen meine tiefste Seele in die Hände zu schütten ... Kennen Sie die Sage von den Memnonsäulen? ... Ich glaube, wir alle haben eine Stunde, in der wir zu klingen anfangen ... Und dann verstummen wir wieder und sind Stein ... Man sagt, die Memnonsäulen klingen bei Sonnenaufgang ... Sie sind in mein Leben hineingetreten, Mascha, wie ein starkes, klares Licht und haben alles in mir zum Klingen gebracht, was steinern war ... Sie brauchen nicht zu erschrecken ... Was ich sage, ist ganz ehrfürchtig und ohne Wunsch. Ich habe Sie an jenem Tage — in jener Nacht, da die ›Princeß of India‹ unterging, gesehen, wie Sie sich mit[S. 232] beiden Händen ins Haar griffen, weil da auf dem untergehenden Schiffe ein Mann war, dem das Blut übers Gesicht lief, und ich habe ihre irren Augen gesehen und die Gebärde, mit der Sie sich ins Meer warfen ... Und ich habe Sie gesehen, wie Sie die Augen schlossen, als ich Ihnen sagte, der Mann sei gerettet worden ... Sie haben Ihr Geheimnis, und ich rühre nicht daran. Und ich sage Ihnen, was ich davon erriet, nur, um Sie meiner ganz sicher zu machen ...«
Beate Hoyermann faltete die Hände und hob sie vor ihre Stirn; und dann ließ sie sie auf die Knie fallen und reckte sich in den Schultern.
»Ich will kein Geheimnis vor Ihnen haben, Kyrill Iwanowitsch,« sagte sie fest, und die Worte fielen klingend in die Stille. »Ich habe Ihr Vertrauen genommen wie ein Geschenk und gebe Ihnen das meine ... Der Verwundete, den Sie auf dem Schiffe gesehen haben, war mein Mann.«
Kyrill Petulikow sagte nichts. Er wartete.
»Er hat als Heizer die Reise auf der ›Princeß of India‹ angetreten, wie ich als Stewardeß, um nach Hause zu gelangen ...«
»Nach England?«
»Nach Deutschland ...«
Stille ...
Kyrill Petulikow hob die Hand und fuhr sich über die Stirn.
[S. 233]
»Sie müssen Ihr Vaterland sehr lieben,« sagte er still.
»Das tun wir. Und nun habe ich's in Ihre Hände gelegt, Kyrill Iwanowitsch, ob ich den Weg nach Hause finden werde oder nicht ...«
Kyrill Petulikow lächelte schwermütig.
»Sie irren sich, Mascha ... Selbst wenn ich wollte — ich könnte nichts gegen alle Ihre Schritte tun. Ich glaube, Sie sind einer von jenen Menschen, die in ihrer Liebe gehen wie in einem Mantel aus Stahl und Gold; nichts kann sie verletzen noch aufhalten. Wie die Heilige der Sage gehen sie mit schlafwandlerischer Sicherheit über Drachen und Teufel, die sich unter ihre Füße werfen ... Das Leben ist sehr seltsam, Mascha. Immer gibt es uns so viel, daß wir von dem, was mehr wäre, träumen müssen ... Auch das ist sehr schön ... Ich will Ihnen helfen ...«
»Geben Sie mir die Hand, Kyrill Iwanowitsch,« sagte Beate.
Der Russe nahm die Hand, die sie ihm gab, und hob sie an seine Lippen. Aber er küßte sie nicht. Er bog den Kopf in den Nacken und gab ihre Hand wieder frei.
»Wollen wir gehen?« fragte er, atemholend.
Beate stand auf. Sie weckten ihre schlafenden Helfer und begannen den Abstieg, dem der Mond leuchtete.
[S. 234]
»Ich möchte noch einmal der Sphinx ins Gesicht sehen,« sagte Beate.
Schweigend wanderten sie durch den feinen losen Sand.
Das volle Licht des Mondes lag auf dem kantigen Schädel des Rätsels der Jahrtausende. Und um den Mund der steinernen Riesin lag der grauenhafte Zug des Alleswissens und der Erkenntnis in das Nichts alles Irdischen. Und ihre toten Augen, die dem Sonnenaufgang entgegensahen, waren voll grenzenloser Gleichgültigkeit gegen das Lebende.
Schweigend, wie sie gekommen waren, gingen die Menschen.
Auf dem Heimwege nach Kairo, den Achmed der Eseljunge nur unter standhaften Anrufungen Allahs auf sich nahm, blieb Kyrill Petulikow, plötzlich anhaltend, stehen.
»Was war das?« fragte er und neigte den Kopf auf die Seite.
Beate hatte nichts gehört. Achmed, der an die Dämonen der Wüste dachte, fing an, die heilige Fatah zu beten.
Über sein Flüstern hinweg ging ein heller, bretterner Ton. Es klang, wie wenn dünne, harte Hölzer sehr rasch gegeneinandergeschlagen werden.
»Gewehrfeuer,« flüsterte Beate. Sie kannte den Laut aus ihren ostafrikanischen Tagen.
[S. 235]
Kyrill Petulikow trieb seinen Esel an. Achmed trabte ihm dicht zur Seite. Er fürchtete sich anscheinend bedingungslos vor Menschen und Geistern.
Plötzlich stieg aus dem trübgoldenen Schimmer der noch fernen Stadt eine feine, sehr helle Flamme nadelspitz in die Luft. Und Sekunden später folgte der Knall, den die Entfernung schwächte.
»Das sieht nicht sehr nach nächtlicher Übung aus,« murmelte der Russe.
Als sie näher kamen, schwirrte die Luft von einem grellen, doch schon erstickenden Geschrei.
An der Nilbrücke standen zwei Posten, das Gewehr schußfertig in der Hand. Sie verweigerten die Freigabe des Weges in die Stadt.
»Was ist denn los?« fragte Kyrill Petulikow durch Beates Vermittlung, die sich als gute Britin auswies. Die Posten zuckten die Achseln. Achmed schimpfte und machte sich mehrerer Beamtenbeleidigungen schuldig. Nach einer Stunde ergebnislosen Hinundherredens kam die Ablösung der Wache aus der Stadt, mit ihr ein Offizier, an den sich Kate Mathew wandte, um gegen den Eingriff in die von Gott und aller Welt anerkannte persönliche Freiheit jedes britischen Staatsangehörigen Verwahrung einzulegen.
Der Offizier hörte sie ruhig bis zu Ende[S. 236] und sagte dann, ziemlich einsilbig: »Es ist Krieg ...«
»In Ägypten —?!«
»Es scheint so ... Sie können weiterreiten ... Gute Nacht ...«
»Was heißt das?« fragte Kyrill Petulikow unterdrückten Tones, als sie die Brücke hinter sich hatten.
Beate zuckte die Achseln. Sie atmete fieberhaft, und ihre Augen funkelten vor Freude.
»Wartet —!« sagte sie vor sich hin, und nun sprach sie deutsch. »Wartet nur!«
Am anderen Morgen erfuhren sie, daß in dieser Nacht zwanzig Rädelsführer eines meuternden indischen Regiments erschossen worden seien. Ein Pulvermagazin war in die Luft geflogen ...
Die Stadt war ruhig ...