[S. 237]
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»Lieber Freund!
Ich schreibe Ihnen englisch, weil mir das sicherer erscheint. Ob der Brief überhaupt in Ihre Hände kommen wird, das weiß Gott. Vielleicht sind Sie gar nicht mehr in Japan. Vielleicht haben Sie meine Zeilen, die ich aus Kairo an Sie richtete und die Ihnen soviel erzählen sollten, auch nicht mehr erhalten. Manchmal, wenn ich mir überdenke, was ich erlebt habe, seit Sie mir im ›Garten des Freundes‹ in Ihr kleines Boot halfen, glaube ich meiner eigenen Erinnerung nicht und bin wie im Traum. Aber das Leben träumt nicht, das ist sehr wirklich und läßt es uns fühlen.
Seit vierzehn Tagen sind wir nach einer endlosen und höchst ungemütlichen Reise auf dem Gute Lisa Petulikowas. Sie würden wahrscheinlich sehr erstaunt sein, wenn Sie dieses Gut kennenlernten. Es ist größer als manches kleine deutsche Fürstentum, und das Herrenhaus sieht aus wie eine große Scheune. Ein langgestreckter, einstöckiger Kasten, grau beworfen,[S. 238] mit winzigen Fenstern. Das Land ist so flach wie ein Tisch, aber nicht reizlos, namentlich nicht jetzt, da der Schnee kniehoch liegt.
Ja, mein Freund, als wir uns trennten, war es Sommer auch hier. Nun ist es November geworden und Winter. Seit drei Monaten weiß ich nicht mehr, wo meine Gedanken den Mann suchen sollen, den sie lieben. Sie haben mir redlich geholfen, den Weg zu finden, der mir versperrt zu werden drohte, um wenigstens nach Europa zu gelangen. Nun bin ich in Europa. Bin ich meinem Ziele näher? Ich weiß es nicht!
Die Überwachung aller Grenzen — auch der neutralen — ist so streng, daß es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint, ohne genügenden Ausweis an sein Ziel zu kommen ... Sie wissen, ich kann mich nicht deutlicher ausdrücken. Ich fürchte schon bei jedem Wort, zuviel gesagt zu haben. Von Rumänien oder Griechenland aus wäre ich als Kate Mathew wohl nach Österreichs Grenze gekommen — aber als Kate Mathew nicht hinüber. Und da wohl Kyrill Petulikow weiß, wer ich bin, aber nicht seine Mutter, habe ich es vorgezogen, in dieser Richtung keine weiteren Schritte zu unternehmen, sondern auf bessere Gelegenheit zu warten ...
Meine dringlichste Bitte an Sie, lieber Freund, ist nun die: Schicken Sie einen genauen Bericht der Vorkommnisse in Japan in ihren ganzen[S. 239] Einzelheiten an eine schwedische Persönlichkeit, zu der Sie Vertrauen haben und an die ich mich wenden kann, wenn ich von Rußland aus über Schweden nach Hause zu kommen versuche. Und teilen Sie mir mit, ob Sie das getan haben und was Sie mir weiterhin raten. Selbstverständlich werde ich auch alle anderen Wege einzuschlagen versuchen, aber ich möchte die Beruhigung haben, daß ich mich im Notfall auf Sie berufen kann und wenigstens einen ungefähren Zeitpunkt vor Augen habe, an dem ich auf meine Heimkehr rechnen kann.
Wie ich mich danach sehne, kann ich Ihnen nicht schildern. Sie wissen es! Denn Sie wissen, wie ich mich nach Hause gesehnt habe. Meine Gefangenschaft hier ist eine sehr gelinde, denn Kate Mathew genießt das Vertrauen, das die Behörden für das Haus Petulikow haben, mit. Aber meine Nerven ertragen es doch nicht mehr allzulange, nichts zu wissen und alles zu befürchten ... Der Krieg geht seinen fürchterlichen Weg, und ich erhalte keine Nachricht ...
Übrigens geht es mir nicht schlimmer als den meisten russischen Familien selbst. Die mörderischsten Schlachten werden geschlagen, aber weder das Ergebnis noch die Verluste werden bekannt. Die russischen Mütter und Frauen brauchen ihr ergebenes Lächeln jetzt sehr notwendig und auch ihre Dumpfheit gegen das[S. 240] Schicksal. Ich, weiß Gott, besitze weder das eine noch das andere ...
Was soll ich Ihnen noch schreiben? Meine Tage sind einförmig in verschiedenste Pflichten eingeteilt. Die oberste heißt Lisa Petulikowa. Sie bedarf meiner, und das macht mich ein wenig ruhig in aller Unruhe, daß ich doch einem Menschen etwas nützen kann, wenngleich ich tausendmal lieber in einer Seuchenbaracke daheim Pflegerin wäre. Die Menschen hier sind gut gegen mich. Und ich bin ungerecht, ich weiß es, denn es geht mir wohl. Aber ich wäre doch lieber zu Hause und teilte die Not meines lieben Landes, als daß ich hier in der braven Sicherheit der Fremde sitze.
Man redet in den Zeitungen viel von dem baldigen Ende Deutschlands. Nun, dann wäre der Krieg aus ... Was soll ich darüber sagen? Ich kann es mir nicht denken, daß das wahr sein soll. Wir hören hier nur die Kriegsberichte der Entente ...
Und Kiautschou ...
Lieber Freund, Sie waren ein sehr, sehr guter Prophet ...
Was soll ich Ihnen noch erzählen? Es ist sehr schwer, Lebensberichte um den halben Erdball herumzuschicken. Alles wird schwerfällig und unklar. Auch muß ich immer denken, daß der Brief doch nicht in Ihre Hände kommen wird, und das macht mich ganz unfrei.
[S. 241]
Ich lerne Russisch. Kyrill Petulikow gibt sich viel Mühe mit mir. Wenn nicht diese verwirrende Fülle fremder Schriftzeichen wäre, käme ich wohl noch rascher voran. Aber ich fürchte — oder ich hoffe, — mein Aufenthalt in Rußland wird nicht ausreichen, um mir die Sprache ganz zu eigen zu machen.
Kyrill Petulikow bastelt halbe Tage und Nächte lang an seiner Flugmaschine. Er behauptet, eine Erfindung gemacht zu haben. Ich verstehe nichts vom Technischen, aber er hat einen ansteckenden Eifer. Ich fange wirklich an, mich auch dafür zu interessieren. Im Grunde genommen ist es ganz einfach. Die Beherrschung einiger Handgriffe — nicht einmal so sehr viel körperliche Kräfte gehören dazu. Nur die Nerven muß man in der Hand behalten — und namentlich dann, wenn es das Menschlichste wäre, die Augen zuzumachen und das Ende dem Zufall zu überlassen. Manchmal denke ich ...«
Beate Hoyermann unterbrach sich im Schreiben, richtete sich auf und sah gerade vor sich hin. Dann legte sie die Feder aus der Hand und stützte den Kopf in die Hände.
Es war drei Uhr nachmittags und dämmerte schon. Aber das Schneeleuchten gab noch ein feines, unirdisches Licht.
Das Zimmer, in dem Beate Hoyermann wohnte, lag im Giebel des Gutshauses und schaute[S. 242] mit seinen drei niedrigen Fenstern auf das flache Feld hinaus. Der Himmel über dem Felde war so ungetönt wie Wasser. Seit Wochen hing er voller Schnee. Und Schnee lag, grenzenlos weit und dicht, über dem demütigen Lande.
Beate liebte das Bild, das sich ihr von ihrem Platze aus bot, mit einer Art von schmerzlicher Liebe. Es störte sie nicht; es war traurig und still und paßte zu sehnsüchtigen Tagen und schlaflosen Nächten gut.
Nach Westen zu schloß ein Wald den Augenkreis — einer von jenen unendlichen Wäldern, die tief und unerforschlich sind wie die Wüste und wie das Meer. Er schien ganz unlebendig; die Bäume standen bewegungslos. Wenn eine Axt sie getroffen hätte, so wäre ein Klang durch sie hingefahren wie von zerspringendem Kristall. Zuweilen strichen die Krähen von ihren Horsten aufs Feld hinaus oder zum Gutshof hinüber. Sie starben zu Tausenden in den strengen Stunden der Frühdämmerung. Wenn der Wind ging, blies er ihre Federn in Wolken über das fleckenlose Weiß rundum.
Tausend Schritte vom Gut entfernt lagen die geduckten Holzhäuser der Bauern, bis an die Fenster im Schnee versunken. Manchmal — ganz selten — kam ein Wagen, ein Schlitten aus der Stadt; die zwei Pferde, eins vor das andere gespannt, dampften, daß sie kaum zu[S. 243] erkennen waren. Und ihre kleinen Glocken klangen — es war ein fast rührender Klang in dieser furchtbaren und ihrer selbst ganz unbewußten Einsamkeit, in die er sich verirrt hatte und sich selbst zum Trost geschaffen schien.
Beate beschloß, ihren Brief selbst in die Stadt zu bringen und auf die Post zu tragen. Sie schloß ihn mit drei Worten, unterschrieb und steckte ihn in den Umschlag, den sie offen ließ, schrieb die Adresse in russischen und englischen Worten und fügte den Absender dazu. Bei all dem dachte sie: Es ist sinnlos, daß ich es tue; Tystendal wird den Brief nie bekommen. Aber das hoffende »Vielleicht doch!« behielt die Oberhand.
Sie verließ das Zimmer und ging die Treppe hinunter, die, mit weißem Sande bestreut, vor Sauberkeit leuchtete.
Dmitri, der Diener Kyrill Petulikows, tauchte aus dem Winkel neben der Türe seines Herrn auf, wie ein alter lichtscheuer Kauz ins Helle blinzelnd.
»Dmitri, wo ist dein Herr?«
Der Alte deutete mit dem Kopf nach dem Hofe hinaus, in der Richtung der Werkstatt, die Kyrill Iwanowitsch sich eingerichtet hatte. Dmitri sprach nicht gern. Seine Stimme war wie eingerostet und schwer aus ihrem Verlies heraufzulocken. Aber er hatte Ohren wie eine Katze und[S. 244] Augen wie ein Sperber und hätte sich für seinen jungen Herrn lebendigen Leibes zerreißen lassen. Und er liebte die junge fremde Frau, die mit seinem Herrn gekommen war, weil er es wohl gemerkt hatte, daß Kyrill Iwanowitsch vom Morgen bis zum Abend nach den Händen dieser Frau blickte, daß sie seine Herrin geworden war und daß seine Seele sich vor ihr bückte bis auf die Erde. Da hatte sich auch Dmitri stillschweigend in ihren Dienst gestellt.
Als er ihr den Pelz umgegeben hatte und sie die Mütze über das Haar zog — denn der Weg bis zum Werkstattschuppen genügte, um sich die Ohren zu erfrieren, wenn man aus dem Süden kam —, blieb der Alte vor ihr stehen, und seine wunderlichen Kropfbewegungen deuteten darauf, daß Dmitri sprechen wollte, was immer, seiner Seltenheit entsprechend, einiger Vorbereitungen bedurfte.
Beate, die mit ihren Gedanken sehr fern war, bemerkte es nicht. Sie wandte sich zum Gehen. Aber der Alte trat ihr in den Weg und legte die Hand auf die Klinke, die sie erfassen wollte.
Beate blieb stehen und sah ihn an.
»Nun, Dmitri!« sagte sie zuredend und lächelte, denn sie wußte, daß ihr sehr junges Russisch auf eine harte Probe gestellt werden würde.
[S. 245]
Dmitri bückte sich, um den Saum ihres Kleides an die Lippen zu ziehen.
»Ich bitte dich um Vergebung, Mütterchen!« sagte er, mit einer gewissen Feierlichkeit. »Aber es ist nicht gut ...«
»Was ist nicht gut, Dmitri —?«
»Es ist nicht gut, was unser Herr tut, Mütterchen ... Ich sage es dir, Mütterchen, und ich weiß, was ich sage ...«
»Was tut denn unser Herr, das nicht gut wäre?« fragte Beate geduldig. Sie sah ein, daß sie so leichten Kaufes nicht davonkommen würde, und lehnte sich gegen die Wand.
»Was er tut, Mütterchen, das heißt Gott versuchen — in Wahrheit, Mütterchen, das heißt Gott versuchen,« sagte der Alte und rüttelte die aufgehobene Hand. »Sascha Alexandrowitsch, der auch ein Flieger war und unseren Herrn dazu verleitet hat, daß er es ihm nachtut, war ein kühner junger Mann und fürchtete den Tod nicht. Aber er liebte ihn auch nicht — er liebte das Leben mehr ... Aber unser Herr liebt das Leben nicht, und das ist Sünde ...«
»Warum glaubst du, daß er das Leben nicht liebt?« fragte Beate mit einer unwillkürlichen Schwermut, der sie sich nicht entziehen konnte.
»Du gehst ihm nicht nach, Mütterchen — du siehst ihn nicht ... Ich gehe ihm nach, und ich[S. 246] sehe ihn. Ich habe meine scharfen Augen noch, obgleich ich alt geworden bin, und ich gebrauche sie, meine scharfen Augen ... Wenn unser Herr zum Flug aufsteigt — die Pest über die Maschinen, Mütterchen: sie denken nicht, sie sind tot —, gehe ich aufs Feld hinaus und warte, bis der Herr wiederkommt. Wenn er wiederkommt, kreist er über dem großen Felde wie ein Adler. Ich stehe unter ihm im Schnee und recke meine alten Arme hoch und schreie, denn ich glaube in jedem Augenblick: nun stürzt er, dein Herr ... Aber er hört mich nicht — wie sollte er? Er ist viel zu hoch über mir, um mich zu hören. Und doch kann ich das Schreien nicht lassen; es preßt mir das Herz aus dem Halse, Mütterchen, dem Herrn zuzusehen ... Er fliegt nicht, wie die Vögel tun ... Fliegen ist ein schönes Ding, und Sascha Alexandrowitsch lachte immer, wenn er davon erzählte ... Aber der Herr fliegt nicht, — er stürzt und steigt, stürzt und steigt — wie die Lerchen tun ... Aber eines Tages wird er stürzen und nicht mehr steigen ... Er wird fallen und ein Loch in die Erde hineinschlagen, tief genug für ein Grab ... Er wird das tun, weil er Gott versucht und weil er das Leben nicht liebt, Mütterchen — ich, Dmitri, sage es dir ...«
»Warum sagst du es mir, Dmitri,« meinte Beate und sah über den Alten fort ins Leere,[S. 247] »und sagst es nicht dem Herrn selbst? Er würde auf dich hören.«
Der Alte schüttelte den Kopf.
»Er würde auf mich nicht hören und nicht auf Lisa Petulikowa und auf Sascha Alexandrowitsch auch nicht, Mütterchen ... Er würde sagen, daß wir töricht seien, weiter nichts. Und er würde mir vielleicht verbieten, ihm nachzugehen und ihm zuzusehen, wenn er über dem großen Felde fliegt ... Aber auf dich würde er hören, Mütterchen; darum sage ich es dir. Und du mußt mit ihm reden, daß er davon abläßt, Gott zu versuchen. Denn was er tut, ist eine schwere Sünde, für die er verdammt werden wird, wenn er nicht davon läßt. Niemand darf sein Leben so wegwerfen, wie unser Herr es tut ... Sprich zu ihm, Mütterchen, ich bitte dich darum ...«
»Ich will es versuchen, Dmitri,« sagte Beate und wandte sich zum Gehen. »Aber du mußt es nicht auf meine Schultern schieben, wenn dein Herr auch auf mich nicht hört ...«
Dmitri antwortete nicht. Er bückte sich, um Beates Kleid zum zweiten Male an die Lippen zu ziehen. Mit einer tiefen Verbeugung öffnete er das schwere Haustor vor ihr und ließ sie hinaus.
Wie ein bissiger Hund sprang der Wind in den Flur hinein.
Beate hob den Muff vors Gesicht und stemmte[S. 248] die Stirn dem Druck der eisigen Luft entgegen. Es schneite nicht, aber der Wind blies die scharfgeschliffenen Kristalle von den Dächern und ließ sie tanzen; sie zerschnitten die Haut wie unsichtbare winzige Messer. Auf dem Wege vom Haus zum Werkstattschuppen jenseits des Hofes hatte sich der Muff Beates vom Hauch ihres Mundes mit Eis bedeckt.
Die Werkstatt Kyrill Petulikows war ein sehr großer, niedriger Raum, an den sich der Schuppen für die Flugmaschine anschloß. Kyrill hatte sich die Werkstatt selbst gebaut, indem er die alte Scheune ausräumte und in alle vier Ecken einen mächtigen Herd einsetzte. Auf diesen Riesenherden brannten die Feuer unausgesetzt. Es wäre sonst vor Kälte nicht zu ertragen gewesen. Im Schein der Feuer arbeitete Kyrill Petulikow am Schraubstock. Mitten im Raum stand der rohe Tannentisch, mit Werkzeugen aller Art bedeckt. Kyrill Petulikow hatte keinen Gehilfen; er tat alles selbst. Und wenn Beate ihn bei seiner Arbeit beobachtete, fühlte sie, daß dies die einzigen Stunden waren, in denen Kyrill Petulikow etwas wie Glück empfand.
Sie trat bei ihm ein, ohne anzuklopfen. Sie wußte, daß es ihn freute, wenn sie wie eine Schwester, unangemeldet, zu allen Stunden, zu ihm kam. Er saß auf der Ecke der Hobelbank und prüfte das Gewinde einer Schraube. Als[S. 249] er die Türe gehen hörte, hob er den Kopf und grüßte die Frau mit seinem stillen Lächeln, das immer unerwidert blieb.
»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte Beate etwas schüchtern, da sie russisch sprach. Ihrer Gewohnheit getreu, ging sie der fremden Sprache mit großer Hartnäckigkeit zu Leibe. Sie versäumte keine Gelegenheit, sich darin zu üben.
»Setzen Sie sich, Mascha,« entgegnete Kyrill Petulikow und schob mit der Hand einen Haufen von Berechnungsplänen von einem hölzernen Schemel.
Sie setzte sich und sah ihm zu.
»Sind Sie zufrieden mit Ihrer Arbeit?« fragte sie nach einer Weile.
»Ja, Mascha ... Aber Sie kamen nicht, um mich das zu fragen, nicht wahr?«
»Nein,« sagte sie ehrlich und sanft.
In seinem Gesicht rührte sich kein Muskel. Er nahm die Feile zur Hand.
»Ich bin gekommen,« fuhr sie fort, »um Sie zu fragen, Kyrill Iwanowitsch, ob ich heute noch zur Stadt fahren könnte — oder ob Sie anders über die Pferde verfügt haben.«
»Warum fragen Sie das, Mascha?« sagte Kyrill Petulikow und sah sie kopfschüttelnd an. »Sie wissen, daß Sie die Herrin in diesem Hause sind, solange Sie darin wohnen. Ich bin eigensüchtig:[S. 250] ich hoffe, daß es lange ist. Sie wünschen sich das Gegenteil, und ich sehe Sie nie nach der Stadt fahren, Mascha, ohne daß ich darauf vorbereitet wäre, Sie nicht wiederkommen zu sehen. Aber ich bitte Sie — nicht um meinetwillen, sondern weit mehr noch für Sie selbst und Ihren eigenen Wunsch —: unternehmen Sie nichts Unbedachtes ... Sie kennen Rußland und seine Verhältnisse nicht. Sie kennen vor allem nicht die russische Polizei. Es genügt der allergeringste Anlaß, um Sie den Behörden verdächtig zu machen. Dann wird man Ihnen den Paß abfordern, und dann sind Sie jeder Willkür ausgeliefert. Als Ausländerin sind Sie den Leuten sowieso eine unheimliche Erscheinung. Erkennt man Sie als Deutsche, Mascha, so stehe ich für nichts ein ...«
»Ich werde vorsichtig sein,« versicherte sie mit einem Lächeln, das seiner Sorge dankte. »Ich werde auch nichts unternehmen, ohne Sie um Rat gefragt zu haben. Aber setzen Sie sich in meine Lage, Kyrill Iwanowitsch ... Ich bin nicht Ihr Gast — ich bin durch die Verhältnisse eine halbe Gefangene, und während ich hier sitze und die Hände in den Schoß lege, bricht vielleicht mein ganzes Leben zusammen, und ich weiß es nicht einmal ... Ich will nach Hause ... Ich muß nach Hause ... Geben Sie mir ein wenig Hoffnung, daß ich bald nach Hause komme,[S. 251] Kyrill Iwanowitsch — und ich will mich gedulden ...«
Kyrill Petulikow arbeitete schweigend. Dann sagte er: »Ich verspreche Ihnen, daß ich in nächster Woche nach Moskau fahren werde, um mich für Sie einzusetzen, daß man Ihrem Wege nach Schweden nichts in den Weg stellt. Vielleicht gelingt es mir; es kommt auf die Stunde an. Niemand kann in Rußland sagen, was ein Beamter tun wird, wenn er schlechter Laune ist. Der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit. Er ist sogar sehr weit ... Aber ich will es versuchen ... Genügt Ihnen das?«
»Ja, Kyrill Iwanowitsch — ich danke ...«
»Danken Sie mir nicht, Mascha,« sagte Kyrill Petulikow leise.
Sie schwiegen beide.
Kyrill Petulikow schob einen der riesigen Holzklötze, die am Herde lagen, an die Flamme, die ihn spielend zu belecken anfing. Mit einem verlorenen Blick sahen der Mann und die Frau dem Spiele zu; aber ihre Gedanken gingen sehr verschiedene Wege.
»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, Mascha,« begann der Russe, »daß Sie sich beeilen müssen, wenn Sie heute noch in die Stadt wollen? Es dunkelt früh, und die Wege sind keine Wege mehr ... Sie haben mir nie erlaubt, Sie zu begleiten, und ich achte Ihre Gründe,[S. 252] obgleich sie ein wenig schmerzlich für mich sind ... Aber Sie können mir nicht verwehren, daß ich mich um Sie sorge ...«
»Dazu haben Sie keinen Grund, Kyrill Iwanowitsch,« antwortete Beate. »Ich nehme mich schon in acht ... aber ich kann nicht fortgehen, ohne Ihnen gesagt zu haben —«
»Was — Mascha?«
Sie hob den Kopf und sah ihn an.
»Kyrill, warum spielen Sie mit dem Tode?«
Er machte eine Bewegung, mehr des Erstaunens als des Unwillens.
»Wer hat Ihnen gesagt, daß ich das tue?«
»Ich weiß es, das ist genug. Warum tun Sie das, Kyrill?«
»Nun,« fragte der Russe versonnen, »und wenn ich es tue? Das Spiel ist schön!«
Sie schüttelte den Kopf mit ernsten Augen. »Es ist ein unedles Spiel, Kyrill Iwanowitsch ...«
Er lächelte. »Wie Sie das sagen, Mascha! — So ernsthaft, als wenn Ihr Herz es sagte ... Und das fragt nichts danach ... Seien Sie unbesorgt ... Wir spielen mit dem Leben oder mit dem Tode — es kommt am Ende auf eins heraus; nur daß das Spiel des Todes keinen Ekel kennt. Und das ist schon viel wert ... Als ich den Gedanken faßte, Flieger zu werden, hatte er einen Sinn. Jetzt hat die Wirklichkeit einen anderen. Und ich liebe sie beide und weiß[S. 253] manchmal nicht, welcher der stärkere ist. Das, was ich auf der Erde niemals hatte, das breite und zufriedene Herrengefühl — da oben habe ich es. Und wenn ich es ausgekostet habe, was soll ich dann die Gewohnheit an seine Stelle treten lassen, und die Übung an die Stelle der Kühnheit? Das wäre schal, Mascha — das wünschen Sie mir nicht ...«
»Sie sagen es also — Sie sagen es, daß Sie das Leben wegwerfen wollen!« rief die Frau mit einem tiefen und schönen Zorn.
Er schüttelte den Kopf. »Nicht ohne Zweck, Mascha — ganz gewiß nicht ohne Zweck ... Seien Sie unbesorgt ...«
Sie stand auf und legte ihm die Hände auf den Arm.
»Ich will nicht, daß Sie so reden!« sagte sie und rüttelte ihn, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen.
Kyrill Petulikow beugte den Nacken. Er schob ihre Hände von seinem Arm.
»Bitte, tun Sie das nicht —!« sagte er leise.
Beate Hoyermann ging.
Er sah ihr einen Augenblick nach; dann nahm er die Schraube wieder zur Hand. Aber er arbeitete nicht. Der Widerschein der großen Feuer spielte in seinen dennoch unerhellten Augen ...
Eine halbe Stunde später wateten die Pferde, die Dmitri lenkte, durch den kniehohen Schnee[S. 254] der Straße, die zum Dorfe führte. Es war ein weiter Weg nach der Stadt; sie würden die Gäule wechseln müssen.
Als sie das Dorf hinter sich hatten, blies der Wind über die flachen Felder. Die Bäume am Straßenrand waren bis zu den Kronen eingeweht. Es war nicht mehr so kalt, wie es am Morgen gewesen war; Schnee drohte in dem tiefgespannten, gleichsam gelockerten Himmel.
Beate hatte sich an diese Schlittenfahrten auf Straßen, die keine Straßen waren, allmählich gewöhnt. Sie wußte schon, wie man sich festhalten mußte, um nicht zermalmt und zerschleudert am Ziele anzukommen. Die Pferde stöhnten und dampften. Dmitri fluchte vor sich hin und redete den Gäulen zu, indem er ihnen schmeichelte ...
»Vorwärts, vorwärts, meine Täubchen, meine Schwalben — vorwärts, meine Prinzessinnen, meine Edelsteine! Ihr, schneller als der Wind und ausdauernder! Vorwärts, lauft, lauft, meine goldenen Rosen! Ihr sollt in Hafer stehen bis an die Augen! Ihr sollt Brot und Zucker haben und Schnaps zu saufen! Brecht euch das Genick, aber lauft!«
Schließlich erstickte auch sein Gemurmel hinter dem Vorhang aus dampfendem Eis, zu dem sein Bart geworden war.
Im Hause des Postmeisters, wo sie die Pferde[S. 255] wechseln mußten, war Beate wohlbekannt; sie hatte immer die Taschen voll Süßigkeiten für das Kindergewimmel, das vom ersten Schneefall bis zur Schmelze nicht vom Backofen herunterkam.
In dem niedrigen halbdunklen Raum, der vor Hitze zu beben schien, knisterten die Holzkohlen des Samowars, und es dauerte keine Minute, daß vor Beate das glühende Glas mit frischem Tschai stand. Während Dmitri und der Postmeister die Pferde aussträngten und wechselten, saß Beate am Herde und ließ die Kinder auf sich herumklettern, und unter ihren Füßen balgten sich friedlich die Schweine und die Hühner — die Überreste des Paradieses, auf die mit weltabgewandten Augen die bunten Heiligenbilder niederblickten.
Es war völlig Abend geworden, als Dmitris Schlitten in die Stadt einbog.
Die Stadt war nicht groß — ein sehr weit vorgeschobener Vorposten von Mütterchen Moskau. Zur Zeit des Friedens hatte sie einen starken und gesunden Pulsschlag. Aber der Krieg hatte ihr das beste Blut aus den Adern gepumpt; das dralle junge Weib war zur Vettel geworden.
Wie immer, wenn sie in die Stadt fuhr, hatte Beate alle Hände voller Aufträge für das Gut. Aber da es ihr darum zu tun war, möglichst rasch wieder nach Hause zu kommen, übertrug[S. 256] sie die Erledigung der Hälfte Dmitri und erklärte ihm, sie werde sich zu Fuß auf den Weg machen, das übrige besorgen und nach einer Stunde im Gasthof sein, wo er ausspannte.
Dmitri war mit dieser Anordnung durchaus nicht einverstanden. Und er wußte, auch sein Herr hätte es nicht geduldet, daß die Frau, die er Mascha nannte, zu Fuß wie eine Bäuerin durch die schmutzigen Gassen der Stadt lief, sich neben stinkende Weiber in die Läden drängte und sich mit den betrügerischen Hundesöhnen von Kaufleuten bei jedem Handel um dreißig Kopeken die Lunge aus dem Halse schreien mußte.
Aber Dmitri hatte den bedingungslosen Gehorsam der Leibeigenen noch im Blute; er widersprach nicht; er bückte sich vor der jungen Frau und tat, wie sie ihm gesagt hatte ... In einer Stunde, wie die Herrin befohlen, würde er wieder zur Stelle sein, gut, gut ... Gott schütze dich, Mütterchen ...
Beate ging zuerst nach der Post und gab ihren Brief an Tystendal auf. Um zu bezahlen, zog sie ihre Pelzhandschuhe aus, die sie behinderten. Ein Mann stieß an sie an; die Handschuhe fielen zu Boden. Er entschuldigte sich sehr höflich und bückte sich, um seine Ungeschicklichkeit wieder gutzumachen. Beate dankte freundlich und gedankenlos. Sie verließ das Postgebäude[S. 257] und sah nach ihrem Zettel, auf den sie die notwendigen Besorgungen aufgeschrieben. Sie konnte ihn aber nicht finden.
Sie entsann sich, daß sie ihn in den rechten Handschuh gesteckt, um ihn immer griffbereit zu haben. Wahrscheinlich war er ihr bei dem kleinen Zwischenfall in der Post verlorengegangen. Sie nahm es nicht sehr schwer. Sie hatte ein gutes Gedächtnis und würde wohl nichts vergessen. Schlimmstenfalls wiederholte sie an einem der nächsten Tage ihre Fahrt.
Sie blickte auf die Uhr und setzte ihren Weg beschleunigten Schrittes fort. Die Zeit drängte. Lisa Petulikowa liebte es nicht, wenn sie warten mußte.
Als Beate auf die Straße trat, hörte sie in der Entfernung lebhaftes Schreien und Rufen, ohne sonderlich darauf achtzuhaben. Aber das Schreien lief ihr in den Weg. Es spülte sich von weit her heran wie eine ständig steigende Flut, auf der, gleich weißen Gischtflocken, die hellen Stimmen von Weibern tanzten. Was sie riefen, war nicht zu verstehen, aber das Brausen der Rufe war nicht freundlich.
Unwillkürlich blieb Beate stehen. Kyrill Petulikow hatte ihr genug von den Aufläufen in russischen Städten erzählt, daß sie wünschen mußte, keinem zu begegnen. Sie sah sich um, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte. Aber[S. 258] sie kam nicht dazu, für sich selbst einen Entschluß zu fassen. Was sie sah, mehr noch als was sie hörte, hielt sie fest auf der Stelle, wo sie stand.
Am äußersten Ende der Straße, in der das Postgebäude lag, erschien ein Mensch — ein Mann, der in lang flatterndem Kaftan, barhäuptig, in Sprüngen wie ein gehetzter Hund, über den Schneeschlamm des Fahrweges setzte. Den Kopf über die Schulter gewandt, rannte er taub und blind drauflos. Beate sah, daß er alt war; die langen, schmutzigen Locken hingen ihm grau um das zerpflügte Gesicht. Der Mund stand ihm offen; bei jedem Sprunge, den er tat, pfiff ihm der Atem durch die klaffenden Lippen.
Die Menschen auf der Straße blieben stehen und gafften. Ein Jude, der um sein Leben lief — nun ja, was weiter? Die einen spuckten aus, die anderen lachten ...
Aber dann überlegten sie ... Warum lief der Jude um sein Leben? Er wurde verfolgt — was hatte er getan? Gleichgültig, was er getan hatte ... Man mußte ihn aufhalten ... He —! He ...! Zwei — drei — fünf der Gaffer schlossen sich zu einem neuen Trupp von Verfolgern zusammen.
Aus der Richtung, von der der Flüchtende gekommen war, schwoll das Geschrei näher heran. Immer spritzten die gellenden Stimmen[S. 259] der Weiber über das dumpfere Brausen hinaus. Jetzt spülten sie um die Ecke, die ersten trüben Wellen einer Empörung, die satt werden wollte.
»Haltet den Juden fest —! Haltet ihn fest, den Hundesohn —!«
Schrille Pfiffe von rechts, von links ...
»Was hat er denn getan — was —? Was ...?!«
Nun, was wird er getan haben! Es war eine sehr einfache Sache ... O, es gab noch eine Gerechtigkeit auf der Welt —! Die Gerechtigkeit soll leben ...
Michail Michailowitsch war ein guter Wirt; seine Kneipe erfreute sich des regsten Besuches, denn er war ein gemütlicher Mann und verstand es, zur rechten Zeit beide Augen zuzudrücken ... Nein, niemand hatte Ursache, sich über Michail Michailowitsch zu beklagen ...
Aber der Zar — Gott segne ihn! — hatte in seiner Weisheit verboten, daß irgend jemand im russischen Reiche Schnaps ausschenken sollte. Gegen den Willen des Zaren gab es keine Auflehnung. Es wurde kein Schnaps mehr ausgeschenkt; die Welt wurde so nüchtern wie am ersten Tage ihrer Schöpfung.
Doch das Unglück — oder die Gerechtigkeit (für die Sünder ist die Gerechtigkeit immer das Unglück) — wollte es, daß gestern Abend ein paar Dutzend Soldaten in die Stadt einrückten, die nach Moskau weiterbefördert werden sollten.[S. 260] Es war Krieg, und man brauchte die Soldaten, gut —!
Als sie ankamen, waren sie so nüchtern wie frisches Stroh. Heute hatte man sie sternhagelvoll in sämtlichen Kammern der Kneipe Michail Michailowitschs zusammensuchen müssen.
Die Offiziere hatten geflucht, daß die Fenster bebten. Sie hatten geschworen, der Ursache dieser Schweinerei auf den Grund zu kommen. Sie hatten den Wirt in den Hof geschleppt und ihm mit der blanken Klinge unter der Nase herumgefuchtelt: »Kerl, wo hast du den Schnaps her, den du gestern nacht an die Soldaten verkauft hast —?! Weißt du nicht, du Dreckseele, daß es verboten ist, Schnaps zu verkaufen —?!«
Michail Michailowitsch fiel auf die Knie und beschwor seine sämtlichen Ahnen in ihren Gräbern: er hatte keinen Schnaps — nicht ein Fäßchen, nicht ein Glas voll, so wahr er selig werden wollte!
Aber die Juden hatten Schnaps — ja, die verbargen ihn in ihren Kellern ...
Sein Nachbar — der hatte Schnaps! Man mußte nur suchen! Die Fässer würden ja wohl noch übrig sein.
War sein Nachbar ein Jude —?
Ein polnischer Jude, meine Herren — ein krummer Hund, der es mit den Deutschen gehalten hatte. Niemand wußte, mit wem er es[S. 261] jetzt hielt — er trieb sich in den Nächten viel draußen herum ... Wenn man seiner habhaft wurde, kam sicherlich manches an den Tag, wovon man sich bis heute nichts hatte träumen lassen ...
Aber der Jude wartete es nicht ab, daß man ihn fing wie eine Maus in der Falle. Er kannte die russischen Gefängnisse und die russische Polizei. Und er wußte, wenn die russische Polizei einen Schuldigen brauchte, dann fand sie ihn, und wenn der, den sie finden wollte, ein Jude war, dann war er schuldig, und hätte der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs selber für seine Unschuld gezeugt.
Die Keller des Juden waren ebenso frei von gefüllten wie von leeren Fässern, und drüben bei Michail Michailowitsch brauchte man nur ein paar Säcke voll Lumpen wegzuräumen, um zu entdecken, was man suchte. Aber Michail Michailowitsch war ein getreuer und gehorsamer Untertan des Zaren und ein gutgläubiger Christ, und er würde einen Eid schwören, so hoch und teuer man es nur irgend von ihm verlangte, daß er von dem Vorhandensein der Fässer nichts geahnt bis zu dem Augenblick, da man sie ihm zeigte — und daß der verfluchte Hund, der beschnittene, die Fässer heimlich in den Keller von Michail Michailowitsch geschafft hatte, um ihm zu schaden ...
[S. 262]
Der Jude, dem die Verfolgung von Jahrhunderten ein gutes Gehör vererbt hatte, lief, sobald der Tumult in der Nachbarschaft nach der Polizei schrie, zu seiner Frau und seiner Tochter, die an der Schwindsucht litt; er jagte sie, wie sie gingen und standen, auf die Straße hinaus — durch die Hintertüre, nach der Judengasse. Er ließ ihnen nicht so viel Zeit, sich warm anzukleiden. Die Kälte konnte barmherzig sein — die Polizei gewiß nicht ...
Die Frau warf der Tochter eine Tischdecke um den Kopf und die Schultern; sie hasteten über die unerhellten Stiegen ihres Hauses. Die Frau hielt die Hintertüre offen und schrie nach ihrem Manne. Sie wollte nicht ohne ihn davon.
Aber er jagte sie — er fand harte Worte für die schlechte Mutter, die ihr Kind in die Hände der Henker fallen lassen wollte ... Willst du wohl gehen —?!
Das Weib und das Mädchen drückten sich schluchzend an den Mauern entlang; sie wandten bei jedem Schritt die Köpfe nach dem Gatten und Vater. Aber der kam nicht.
Es war nicht genug, daß er Frau und Kind zur Flucht verholfen — er mußte auch die Verfolger auf sich hetzen — er selbst ... Sie durften nicht Zeit gewinnen, um nachzuforschen, wieviel Türen das Haus des Juden hatte ...
Und er rannte und rannte. Und die Meute[S. 263] hinter ihm drein ... O, es war eine lustige Jagd, wahrhaftig! Sie rafften Schneeballen auf, so groß wie Kindsköpfe. Steine waren darin versteckt und Eisklumpen ... Um so besser flogen sie. Und wie sie flogen —! Da hatte einer den Juden am Kopfe getroffen ... Taumelst du, Jude —? Du sollst noch ganz anders taumeln —! Wartet, wartet —! Sperrt ihm den Weg ab! O zum Teufel, ihr seid nicht schnell genug! Er hat Feuer unter den Sohlen, der Jude —! Da ist er euch unter den Händen entwischt ... Gelächter, Fluchen, Pfeifen ...
Und plötzlich ein wiehernder Schrei — er liegt! Er liegt —! Ein Klumpen Eis — wer hat ihn geworfen? es muß, bei den Heiligen, eine wackere Faust gewesen sein! — der hat ihn zwischen den Schultern getroffen. Und da ist er gestolpert und gefallen ...
Nun liegt er im Schneeschlamm, der ihm den Mund füllt ... Ersticken sollst du daran, schmutzige Bestie ... Aber erst sollst du gestehen: Wo hast du den Schnaps her, Hundesohn —?!
»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren ...«
Seht doch, seht doch — sie will leugnen, die Dreckseele! Hund, man wird dir das Geständnis aus allen Gedärmen treten —! Wo hast du den Schnaps her — hörst du nicht? Sie wollen eine Antwort, die Frager ...
»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren! Ich[S. 264] habe keinen! Und wenn ihr mich totschlagt, ich weiß nicht, was ihr wollt —!«
»Man wird dich totschlagen, sei ganz ruhig — aber alles zu seiner Zeit! Erst gestehe! Du hast den Soldaten gestern Schnaps verkauft!«
»Nein, nein, nein —!«
»Willst du die Wahrheit sagen, du Mistkäfer?!«
»Ich sage die Wahrheit ...«
Er sagt sie mit blutigem Munde. Er liegt am Boden, sie lassen ihn nicht aufstehen. Fußtritte regnen auf seinen Rücken, auf seine Hüften. Er soll gestehen. Er gesteht nichts, weil er nichts zu gestehen hat. Sie müssen von ihm ablassen — es ist nichts aus ihm herauszubekommen.
Aber die Menge hat einen Gedanken! Daß man nicht schon viel eher auf diesen erleuchteten Gedanken gekommen ist! Mag sein, daß dieser Jude nichts zu bekennen hat, daß er sogar unschuldig ist, so unwahrscheinlich das auch wäre ... Aber es gibt viele Juden in der Stadt! Wenn man bei denen nachforschte ...
Begeistert greifen sie den Gedanken auf ...
Zum Judenviertel —! Zum Judenviertel!
Was scheren sie sich noch um den Einzelnen, der am Boden liegt und dem das Blut aus Nase und Mund läuft und den Schnee rot färbt ... Jetzt haben sie höhere Ziele ... Die Polizei setzt sich an die Spitze der Menge ... Hunderte,[S. 265] Tausende folgen ihr. Das Geschrei löst sich auf in johlende Lieder. Sie müssen sich Luft machen; die Begeisterung macht sie trunken. Es gilt eine heilige Sache — eine herrliche Sache, Brüderchen ... die Juden haben unseren Herrn ans Kreuz geschlagen ... wir wollen ihn rächen ... Wer nicht mittut, ist ein schlechter Christ und ein Lump ...
Beate steht, die Hände rückwärts an die Hauswand stemmend; ihre Augen klaffen vor Grauen und Entsetzen und jammervollem Mitleid. Sie will schreien, aber der Laut erstickt ihr auf den Lippen. Sie will sich wehren, aber sie muß mit. Wenn sie nicht zertreten und zerrissen sein will von der Horde, die der Mordrausch toll gemacht hat, dann muß sie mit, eine Welle im siedenden und brodelnden Strom. Und sie taumelt vorwärts und sieht — muß sehen und hören ...
Ohne Füße gleichsam geht sie diesen Weg ...
In der Judengasse sind alle Fenster und Türen geschlossen und verriegelt. Seht doch — das schlechte Gewissen! Wie sie sich verkriechen! Wie sie ihre stinkenden Höhlen verrammeln! Es soll euch nichts nützen — ihr Kinderschlächter!
Wo haben sie die Äxte, die Hacken, die Steine her? Niemand weiß es. Aber mit einem Male sind alle Fäuste bewaffnet und hochgeschwungen. Ein Steinhagel prasselt gegen das erste beste[S. 266] Haus ... Kriech aus deinem Loch, du Hundeseele ...!
Willst du nicht? Nur Geduld — Geduld, sie werden dich schon holen —!
Ein Axthieb schmettert gegen die Haustür ... Weicht doch zurück, zum Teufel — ich kann nicht ausholen ... Zum zweiten Male ... klingend trifft Eisen auf Eisen ... das Schloß kreischt und singt ...
Die gutgefügten Bänder platzen beim vierten, fünften Hieb ...
Aber die Türe gibt noch nicht nach, so wütend sich auch die Schultern des Stärksten dagegen pressen. Sie haben den Eingang durch Möbel verstellt — o, einmal werden sie doch nachgeben müssen ... fester — fester —! Noch einmal — hoi —!
Nun haben sie's erzwungen ... Sich stauend, stoßend und drehend schwemmen die Angreifer in das gestürmte Haus ...
Die Weiber bleiben auf der Straße. Mit offenen Mäulern und zuckenden Fäusten. Die Männer werden ihnen die Beute schon zutreiben; sie brauchen sich keine Mühe zu geben, selbst die Judenbrut aus den Schlupfwinkeln zu zerren.
Im Innern des Hauses erhebt sich ein jämmerliches Geschrei ... Sie schleifen die Kinder aus den Betten, in die sie sich verkrochen hatten ... Ein junges Weib, eine Mutter, der das Haar in[S. 267] langen wirren Strähnen um die zerkratzten Wangen hängt, klammert sich an den Arm eines Kerls, der so lang ist wie Saul und einen Säugling hoch über seinen Kopf hält ...
»Gib deinen Schmuck her, Judenhexe, oder ich schlage dir mit deinem eigenen Wechselbalg den Schädel ein ...!«
Das Weib reißt sich die dünnen Goldringe aus den Ohren, zwei, drei Ringe von den Fingern ...
»Da — da, nimm —!«
»Das ist nicht genug ... Du hast mehr, viel mehr, meine Taube —!«
»Nein, Herr, nein — lieber, guter Herr, ich habe nicht mehr! Will ich tot hinfallen, wenn ich mehr habe!«
»Such nur — du wirst schon noch was finden, das du vergraben hast!«
»Herr, Herr — ich habe nichts mehr — nichts!«
»Such, Hündin — sage ich dir!«
Das Kind schreit auf ...
Und das junge Weib, dem die Verzweiflung fast die Augen aus den Höhlen treibt, greift nach ihm, kann es nicht erreichen — springt mit versagenden Flechsen, unter dem johlenden Gelächter der anderen — und wendet sich plötzlich, reißt laut heulend alle Fächer, alle Schränke, alle Schübe auf, daß die Kästen herausfallen und ihr Inhalt sich in den Stuben verstreut ...
[S. 268]
»Da —! ... Da — ... da —!!«
Fluchend bückt sich der Kerl und läßt das Kind fallen. Das Weib fängt es auf, wendet sich zur Flucht.
»Wohin willst du, Kröte —? Hiergeblieben!«
Sie duckt sich, kriecht in eine Ecke, hält ihr Kind auf dem Schoß und schlägt die Arme über dem Kopf zusammen.
Die Beute war ganz gut — aber sie muß noch besser werden. Das lohnt sich nicht, das Gewerbe ... Was ist da unten los? — Ein junger Bursche spielt auf der Ziehharmonika.
O Nikolai Sontscheff — du bist eine Seele — ein Gemüt von Wachs ... Und außerdem bist du betrunken, Brüderchen! Wo hast du den Schnaps her —?
Nikolai Sontscheff gröhlt aus vollem Halse:
»Meines Mädchens rote, rote Lippen ...«
Zum Teufel mit den roten Lippen deines Mädchens, Geizkragen — wo hast du den Schnaps gefunden —?
Geht zu Michail Michailowitsch, ihr Narren — er wird ihn euch schon verschaffen! Michail Michailowitsch ist ein braver Junge und schlauer als ihr Dummköpfe alle miteinander ...
Nimm dich in acht, Brüderchen — du wirst dich um den Hals reden ... die Polizei ist da ...
Hol' der Henker die Polizei — wo ist sie?
[S. 269]
Verschwunden ...
Was ging es die Polizei an, wie sich das Volk mit den Juden auseinandersetzte? Michail Michailowitsch hatte jedem der Beamten zwanzig Rubel in die Hand gedrückt ... Gott segne ihn ... Die Polizei hatte seine Keller durchsucht und nicht das geringste gefunden. Das genügte für eine Berichterstattung vollständig. Michail Michailowitsch war ein Ehrenmann; wenn man ihm ein Winkchen gab, fand die Polizei vielleicht Gelegenheit, die zwanzig Rubel auf gute Weise wieder loszuwerden ...
Was in der Judengasse vorging, stand auf einem ganz anderen Blatt ...
Nikolai Sontscheff kletterte auf einen Mauervorsprung. Er schrie, bis alle auf ihn horchten.
Was wollt ihr hier in der jämmerlichen Gasse, in den Rattenlöchern, ihr Esel und Narren! Warum, wenn ihr euch schon das Vergnügen machen wollt, die Juden auszuräuchern und ihre starren Beutel ein wenig zu schröpfen — warum, im Namen der ganzen Hölle, frage ich euch, geht ihr nicht dahin, wo das Gold in Haufen zu finden ist —? Warum sucht ihr nach dem Abfall, wo ihr die ganze Tafel voller Herrlichkeiten haben könnt —?
Er hat Recht —! Freilich hat er Recht, der wackere Nikolai —! Vorwärts, vorwärts — zu den Reichen! Zu den verdammten Blutsaugern,[S. 270] die auf ihren Goldsäcken sitzen! Wir wollen sie heruntertreiben, bei den Heiligen! Sie sollen uns Gold und Kleider, zu essen und zu trinken geben! Wir wollen an ihren Tischen sitzen, in ihren Betten schlafen ... Ihre Weiber sollen uns bedienen ... Wir wollen sie tanzen machen — hoch Nikolai Sontscheff — hoch —!
Hierhin, dahin brandeten die Wellen — wo war der kürzeste Weg zum Ziel? Da lag ein Garten mitten vor ihnen, verschneit und einsam — das Haus hinter den Bäumen mit toten Fenstern, geschlossenen Läden, ein Bild der Verlassenheit.
Wem gehört der Garten, wem gehört das Haus —?
Irgend jemand brüllt den Namen: »Schirmer — Andrew Schirmer —!«
Ein Deutscher — was?
Nun, mein Gott, ein Deutscher — das kann man nicht sagen ... Er lebt seit dreißig Jahren hier.
Das ist ganz gleichgültig — er ist trotzdem ein deutsches Schwein! Wäre er sonst geflohen? Du siehst ja, daß er nicht zu Hause ist! Er ist ausgerissen, der Feigling!
Nun, was das betrifft — Nikolai Sontscheff hat ein wunderbares Geschick, immer einen erhöhten Standort zu finden, von dem aus er[S. 271] seine Reden in die Menge schleudert — was das betrifft, gute Freunde — vertraut euch meiner Führung an! Ich zeige euch Nester, in denen die Vögel noch sitzen ...
Was — Deutsche —?
Deutsche, bei meiner armen Seele —! Die schönsten und reichsten Läden der ganzen Stadt gehören den deutschen Schweinen! Und den Juden —! Wer weiß, ob die nicht überhaupt unter einer Decke stecken? Ob die nicht schuld an allem sind, was der Krieg über uns bringt? Wer hat ihn angezettelt? Die Deutschen — komme die Hölle über sie dafür!
Was — die Hölle —! Wir wollen über sie kommen! Jetzt — auf der Stelle! Mach voran, Nikolai Sontscheff! Zeig uns den Weg —!
»Meines Mädchens rote, rote Lippen
Küss' ich morgens, mittags und am Abend!«
sang Nikolai Sontscheff und ließ die Ziehharmonika quieken.
Beate Hoyermann raffte ihren Mantel zusammen und lief — lief wie eine Hirschkuh auf der Flucht. Von rechts, von links wurden ihr Püffe und Stöße zuteil. Sie fühlte nichts, sie lief. Man schrie ihr nach — he, he — was hat sie es so eilig —? Sie hörte nichts, sie lief. Menschen kamen ihr entgegen, Gesichter beugten sich zu ihr, Hände streckten sich nach ihr aus. Sie sah nichts, sie lief.
[S. 272]
Sie lief, und vor ihren Augen flirrte das Blut. Sie kam in die Straße, wo Dmitri auf sie warten sollte. Er war nicht da. Der Schlitten war nicht da. Frische Spuren zerschnitten den Schneeschlamm. Und dennoch schrie Beate mit aller Kraft ihrer Lungen, als müßte — müßte der Mann sie hören: »Dmitri —! Dmitri —!«
Was wollte sie von ihm? Er sollte ihr helfen! Helfen — wobei? — Mein Gott, wobei —?! Beim Warnen, beim Retten ...
»Dmitri —! Dmitri —!!«
Keine Antwort ...
Sie stürzte vorwärts, aufs Geratewohl in eine Straße hinein. Da standen Menschen, anständig gekleidete Menschen ... Sie rannte auf diese Menschen zu ...
»Helfen Sie! Um Gottes willen, helfen Sie!«
Niemand verstand sie — sie hatte deutsch gesprochen ... Sie rang die Hände und hob sie vor die Stirn ... Mein Gott, mein Gott, was sollte sie tun —?!
Das Gebrüll der Menschen, die auf Raub ausgingen wie die Tiere der Wildnis, kam näher und näher heran. Worte schäumten auf: »Nieder mit den Deutschen! Nieder mit den Juden —! Schlagt sie tot, die verdammten Hunde —! Hängt sie —! Hängt sie —!«
In dem Eckhaus der Straße, Beate zunächst,[S. 273] wo ein freier Platz sich breitete, erloschen plötzlich die Lichter.
Die Tür des Ladens schloß sich. Irgend jemand mühte sich, die Rolläden herabzulassen. Aber die Mechanik versagte, oder die Hände waren ungeschickt. Schiefhängend verbargen sie nur halb die weiße Schrift auf den großen Scheiben.
Vielleicht hatte ein Fernruf den Besitzer des Ladens gewarnt. Vielleicht war in dieser behexten Stadt ein Mensch, der alle warnen wollte, die deutsche Namen trugen oder jüdischen Ursprungs waren, mochten sie außerdem so gute Russen sein wie der Zar selbst.
Aber er konnte so schnell nicht warnen, wie der Pöbel an sein Werk ging. Und die herabgelassenen Läden boten dem auch keinen Widerstand — sie reizten ihn nur noch mehr.
Was —? Wollten die Hunde sich verstecken? Wollte man sie um ihr schönes Vergnügen bringen — um ihre Beute, um ihren herrlichen Raub —?!
Hoch die Stangen, die Gitter — auf, auf —!
Glas splitterte und knirschte unter wütenden Tritten ... Wie hieß der Name, der auf den Scheiben stand? Lochmann — Julius Lochmann. Wagte es die schmierige Seele wahrhaftig noch, in einer gut russischen Stadt, auf russischem Grund und Boden russisches Geld verdienen zu wollen?[S. 274] — Warte —! Dafür sollst du bluten! Wir wollen dein Geld schon finden — und dich dazu!
Wer wohnt da drüben? Konstantin Abramow ... Ein Jude —? Nein, nein! — Wer weiß das? — Zum mindesten stammt er von Juden ab. Nieder mit dem Juden —!
Nikolai Sontscheff trat mit dem Stiefelabsatz in die Spiegelscheibe hinein. Unter dem brausenden Gelächter der Menge begann er, die Juwelen und Goldsachen der Auslage mit vollen Händen unter die Weiber zu streuen, die sich darum die Gesichter blutig schlugen ...
Aber es war zu dunkel — viel zu dunkel —! Sie hatten die Lampen ausgelöscht, die deutschen Hunde! Glaubten Sie vielleicht, im Dunkeln entkommen zu können? He, ihr Schlauberger, ihr sollt eine Fackel auf euren Weg bekommen, daß euch die Augen tränen sollen ...
Fäuste donnerten an eine gutrussische Tür.
»Aufgemacht, Väterchen — wir brauchen deine schöne Lampe!«
Erschrockene Gesichter zeigten sich an den Fenstern.
»Was ist, um der Heiligen willen?!«
»Laßt die Heiligen ungeschoren — wir wollen eure Lampe haben! Was braucht ihr eine Lampe? Es soll euch bald hell genug werden ... Oder steckt ihr vielleicht mit den deutschen Hunden unter einer Decke —?«
[S. 275]
»Nein, nein ...« Es gab keinen Schwur, der hoch genug gewesen wäre, um in dieser Stunde die Gemeinschaft mit den Deutschen abzuschwören ....
Die Lampe wurde aus dem Fenster gereicht. Sie flackerte; die Stichflamme zuckte aus dem Zylinder ...
He, he, meine blonde Schöne, nicht so hitzig ...
Nikolai Sontscheff stand auf einem Prellstein und sang aus voller Kehle ...
Geh herunter, besoffenes Schwein — du nimmst mir den besten Platz weg —!
Und der lange Kerl, der in der Judengasse zwei Ohrringe und drei dünne goldene Reifen erbeutet hatte, gab dem Betrunkenen einen Stoß, daß er in den Schnee torkelte. Gelächter wusch über ihn weg ... Er raffte sich fluchend auf und trat seinem Gegner in die Kniekehle, daß der vornüberschlug, in die Scherben eines Fensters hinein. Die Wucht des Angriffs nahm auch ihm das Gleichgewicht; sie lagen in Schlamm und Scherben und verbissen sich ineinander; um sie herum färbte sich der Schnee blutrot ...
Und dann zuckte eine Flamme auf. Eine breite, schöne und sehr helle Flamme. Jemand, der sein Geschäft verstand, hatte die brennende Petroleumlampe in ein Lager von Seidenstoffen geschleudert. Die Lampe war gesprungen, und[S. 276] das Öl lief breit lohend über die köstlichen Stoffe. Nun war die Straße bedeutend heller erleuchtet, als sie es jemals auf Kosten der Stadt gewesen.
Willst du deine Lampe bezahlt haben, Väterchen? Komm heraus und hole dir, was du willst ... Alle Schätze stehen dir zur Verfügung ... Gold, Edelsteine, Seide und Pelze ... Ist deine Tochter blond, Väterchen? — Dann nimm den schwarzen, er wird sie wunderbar kleiden ... Eine Fürstin hätte dreitausend Rubel und mehr dafür bezahlen müssen. Du bekommst ihn für eine Petroleumlampe. Preise dein Schicksal und die Gnade der Heiligen und greif zu ...
Da drüben heulen sie, die deutschen Wölfe ... Man hat sie zu Paaren getrieben und kitzelt sie mit langen guten Messern ... O, nur ein wenig, nur zum Spaß ... Es soll ihnen nicht ans Leben gehen ... Obgleich es gut wäre, wenn man sie samt und sonders mit einem guten Strick aus der Welt beförderte ... Was meinst du, Brüderchen? Haben sie's etwa nicht verdient?
Kniet nieder, ihr schmutziges Gesindel, und bittet um euer Leben ...!
Greise, Frauen und Kinder — weiter niemand ... Die Männer waren schon längst aus der Stadt getrieben worden — nach Sibirien verschickt — geradeswegs aus den Betten in die Untersuchungsgefängnisse und dann in die Bahnwagen.[S. 277] Man machte wirklich nicht viel Federlesens mit ihnen ... Warum sollte man es mit denen machen, die übriggeblieben waren?
Die eine oder andere der Frauen war schön ... Und wenn man ihnen die Kinder nahm, wurden sie vielleicht auch willfährig.
»He, du Kleine, komm her —!«
Das Kind, von den Flammen, dem Geschrei, dem Blut im Schnee und an den Fäusten der Männer zu Tode geängstigt, verkroch sich noch tiefer hinter den Rock seiner Mutter, die am Boden lag und heulte.
»Komm her, sag' ich dir —!«
Das Kind gehorchte. Aber die Mutter fuhr in die Höhe, schnellte auf, als seien ihre Knie von Stahl.
»Rühr das Kind nicht an!« schrie sie. Allen Jammer, alle Verzweiflung, allen Haß funkelten ihre Augen dem Menschen entgegen, der nach ihrem Kinde griff.
»Ruhig, ruhig, meine Taube — sonst wird man es dir beibringen ...«
»Seht doch, seht doch —! Wassilij Petrow im Kampf mit der deutschen Wölfin! He, he, Wassilij — nimm dich in acht! Sie hat blanke Zähne!«
»Willst du loslassen, verdammte Bestie?!«
Aber das Weib ließ nicht los. Sie hatte ihm die Zähne in die Hand gegraben und krallte sich in seinen Rock.
[S. 278]
»Du Teufel —! Du elender Teufel —!«
Wassilij Petrow wehrte sich nicht sehr. Er war mehr erstaunt als erzürnt. Er sah auf die Frau hinunter, die ihm mit den Zähnen am Leibe hing — und dann machte er eine Bewegung — nur eine ganz kleine. Er war ein starker Kerl, der Wassilij — alle Achtung! Wie sie beiseiteflog, die deutsche Beißzange — wie ein Sack Lumpen ...
Da lag sie ...
Wassilij Petrow bückte sich über sie ... »Nun, meine Taube —? Wirst du jetzt vernünftig sein —? Komm her —!«
Er richtete sich auf. Eine Faust war ihm ins Gesicht geschlagen. Die Faust einer Frau, die mit ihrem Leibe die Liegende deckte.
»Du Feigling —!« sagte die Frau mit einer ganz tiefen, schwingenden, von Ekel und Empörung gesättigten Stimme. Ihre Augen sprühten ihn an. »Du Feigling —!«
Wo kam die fremde Frau her? Sie sprach deutsch ... Sie trug einen kostbaren Pelz und hatte blonde Haare ...
Nikolai Sontscheff duckte sich, schlich an den Häusern hin und rannte zuletzt ...
Eine dürre, schmutzverkrustete Hand schob sich vor Beates Mund. Eine Stimme zischelte ihr am Ohr: »Wenn der Frau Baronin lieb is ihr Leben, soll se sein ganz still und laß mich machen.«
[S. 279]
Beate bog den Kopf zurück; ihre Augen suchten. Sie kannte den Mann, der sich vor ihr hin in den Schnee warf, ihre Füße küßte und ihr Kleid und einen Schwall von russischen Worten über sie ergoß. Allmählich verstand sie ... ja, ja, der gute alte Nathan, der Raritätenhändler aus der Jüdengass' — Nathan Löb hieß er, nun besann sie sich ... Der wollte sie schützen. Der gab sie für eine Russin aus — vielleicht gar für eine Fürstin, alter Nathan, wie? — es kam dir nicht darauf an ... Du merktest nur, daß die deutsche Frau, die freundlich zu dir, zu deiner Frau und deiner Tochter gewesen war, in eine brandhelle Gefahr hineingelaufen war mit ihrem zornigen und von Mitleid überströmenden Herzen ... Und da sannst du dir ein gutes Märchen aus, braver alter Löb ...
Aber es sollte dir nichts helfen — und der Frau auch nicht, vor der du dich als ein lebendiger Schild aufgerichtet hattest ... Nikolai Sontscheff hatte flinke Füße, trotz seiner Betrunkenheit ... Und er hatte ganz genau gewußt, wo er die Polizei finden würde ... Bei Michail Michailowitsch ...
Eine Hand legte sich auf die Schulter der Frau. Sie fuhr herum ...
»Was ist —?!«
»Kommen Sie ...«
»Wohin —?«
[S. 280]
»Auf die Wache ...«
Vor Beates Augen tanzte die ganze Welt. Sie straffte sich in den Knien; aber sie schwankte doch.
»Was soll ich — auf der Wache —?!«
»Das werden Sie dort erfahren ... Kommen Sie ...«
Sie ging.
Nathan Löb, der alte Raritätenhändler aus der Jüdengass', blieb auf den Knien liegen und drückte seinen mürben, ratlosen Kopf in beide Hände ...
Die Polizisten führten Beate durch drei, vier Gassen; sie kamen an ein sehr langgestrecktes, graues Gebäude mit vergitterten Fenstern. Posten schritten davor auf und ab. Sie wandten neugierig die Köpfe.
Durch zwei eiserne Tore und einen Gang, in dessen steinernen Gewölben sich die Laute ihrer Füße fingen, kamen sie auf einen engen, viereckigen Hof, der völlig leer war. Eine Türe tat sich auf. Ein dunkler Flur ... Stufen, ausgetreten und krumm ... eine Öllampe an der Windung der Treppe; Tabaksqualm — Stimmen und Faustschläge auf dröhnende Tischplatten. Dann abermals eine Tür, die sich öffnete ...
Um einen Tisch, den die Holzwürmer zerfressen hatten, saßen fünf oder sechs Polizisten, die beim Eintritt der Frau und ihrer Begleiter[S. 281] die Köpfe wandten. Sie spielten Karten und ließen sich nicht stören. Nur einer, der auf einem dreibeinigen Schemel an der Tür gesessen hatte, stand auf, wechselte ein paar Worte mit den Neuangekommenen und verschwand, ohne einen Blick auf Beate geworfen zu haben, im Nebenzimmer.
Einige Augenblicke später stand Beate Hoyermann vor einer Schranke, die sie von mehreren Beamten trennte, deren Tätigkeit vor kurzem auch das Kartenspiel gewesen sein mußte, denn die französischen Blätter und Haufen von kleinen und großen Münzen lagen noch auf den Tischen.
Einer von Beatens Begleitern erstattete Meldung. Der älteste der Beamten forderte die Frau mit einer Handbewegung auf, näher zu treten. Beate gehorchte, ohne zu zögern. Sie sammelte alle ihre Kraft.
»Darf ich fragen, Madame,« begann der Russe in fließendem Deutsch, »wie es gekommen ist, daß Sie sich in eine Angelegenheit des Straßenpöbels mischten?«
Beate, die auf eine andere Frage vorbereitet gewesen war, zögerte einen Augenblick. Aber dann hob sie den Kopf in den Nacken und sagte, ebenfalls deutsch redend: »Weil ich zu meinem Bedauern feststellen mußte, M'sieur, daß die Polizei nicht zur Hand war, um wehrlose Frauen und Kinder vor der Gemeinheit des Straßenpöbels zu bewahren.«
[S. 282]
Der Beamte sah seine Kollegen an und lächelte ein wenig.
»Deutsche Frauen und Kinder — nicht wahr?« fragte er weiter.
»Allerdings, M'sieur ...«
»Und eben, weil es deutsche Frauen und Kinder waren, fühlten Sie sich veranlaßt, sie in Ihren Schutz zu nehmen ...«
»Die Nationalität würde in keinem Falle bei mir eine Rolle spielen, wenn es sich um die Verhütung einer Gemeinheit handelt,« sagte Beate etwas herb.
»Sehr anerkennenswert ... Aber man hat gehört, wie Sie Deutsch sprachen, Madame ...«
»Sie selbst sprechen ein ausgezeichnetes Deutsch, M'sieur ...«
»Es ist ein Vergnügen, mit Ihnen zu verhandeln, Madame — Sie führen eine vortreffliche Klinge,« sagte der Beamte mit einer Verbeugung. Beate antwortete nicht.
Der Beamte nahm ein Aktenformular aus dem Pult und legte es vor sich hin.
»Wenn ich recht unterrichtet bin, wohnen Sie augenblicklich auf dem Gute von Kyrill Iwanowitsch Petulikow — nicht wahr?«
»Ich bin die Pflegerin seiner Mutter,« sagte Beate.
Der Beamte lächelte leicht.
»Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein,«[S. 283] sagte er, »daß man Sie in der Stadt in nähere Beziehung zu Kyrill Petulikow selbst als zu seiner Mutter bringen will, Madame ...«
Beate verstand nicht gleich. Und dann lief ihr das Blut übers Gesicht. Im nächsten Augenblick war sie kalkweiß bis zu den Lippen.
»M'sieur,« sagte sie, und ihre Augen funkelten, »ich genieße den ehrerbietigsten Schutz im Hause Kyrill Petulikows, den sich eine verheiratete Frau wünschen kann.«
Der Beamte verbeugte sich.
»Sie sind also verheiratet?«
»Ja.«
»Mit wem?«
»Das tut nichts zur Sache.«
»Ganz wie Sie wollen, Madame ... Gestatten Sie mir eine andere Frage: —« und er nahm einen Brief aus dem Aktenbogen, den er Beate reichte ... »haben Sie dieses Schreiben verfaßt und heute zur Post gegeben?«
Beate nahm den Brief nicht; sie erkannte ihn beim ersten Blick. Es war der, den sie an Tystendal geschrieben.
»Ja,« sagte sie.
»Sie werden es begreiflich finden, Madame, daß sich der Staat in diesen Zeiten — zur eigenen Sicherheit — um die Angelegenheiten seiner Bürger mehr noch als sonst bekümmern muß ...«
[S. 284]
Er sah die Frau an; aber Beate schwieg.
»Der Brief ist geöffnet an uns übergeben worden; und die Polizei hat ihn gelesen ... Er enthält einige Punkte, die im Zusammenhang mit anderen Ereignissen nicht uninteressant für uns waren ... Doch zuvor noch etwas anderes.« Er nahm abermals den Aktenbogen zur Hand. »Haben Sie dies hier geschrieben?«
Beate nahm den Zettel, den er ihr bot.
»Ja,« sagte sie. Es war der Zettel, den sie auf der Post verloren zu haben glaubte. Sie wurde rot vor Zorn.
»Wie kommt es, Madame,« fuhr der Beamte in seinem Verhör fort, »daß sie deutsche Worte mit russischen Buchstaben geschrieben haben?«
»Zur Übung,« sagte Beate einfach.
»So ... Sie lernen also Russisch?«
»Ja. Ist das ein Verbrechen?«
»Etwas Ähnliches, Madame ... Wenigstens in diesen Zeiten ...«
»Das verstehe ich nicht.«
Der Beamte zuckte die Achseln.
»Es muß um so verwunderlicher erscheinen, als Sie — nach diesem Brief zu urteilen — die Absicht haben, Rußland recht bald wieder zu verlassen!«
»Bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bietet.«
»Das heißt — Sie wünschen nach Deutschland[S. 285] zurückzukehren,« sagte der Beamte, ohne Beate anzusehen.
»Ja,« sagte sie kurz und fest. Wenn ihr Leben davon abgehangen hätte — es wäre ihr unmöglich gewesen, »nein« zu antworten.
»Sie sind also deutsche Staatsangehörige?«
»Ja.«
»Mit einem deutschen Manne verheiratet?«
»Ja.«
Der Beamte machte eine Pause.
Dann wandte er sich Beate ganz zu und sah ihr mitten ins Gesicht.
»Darf ich um Ihren Paß bitten, Madame?« sagte er mit vollkommener Höflichkeit.
Beate öffnete ihre Tasche, die sie im Muff getragen hatte, und übergab ihm den Paß. In diesem Augenblick wußte sie, daß sie verloren war. Sie stand aufrecht und still.
Der Beamte prüfte den Paß, ohne daß sich in seinem Gesicht irgendeine Regung gezeigt hätte.
»Dieser Paß ist gefälscht?« fragte er.
»Es ist der Paß einer anderen,« antwortete Beate.
»Weiß Kyrill Iwanowitsch oder seine Mutter, daß Sie Deutsche sind?«
»Nein,« sagte Beate, ohne sich zu besinnen.
Der Beamte schob den Paß zu den übrigen Stücken der Akten.
[S. 286]
»Ich bedaure, Madame, durch Ihr Verhalten dazu gezwungen zu sein, Sie verhaften zu lassen,« sagte er höflich, aber sehr ernst.
Beate schluckte.
»Warum?« fragte sie dann. Sie fragte es fast nur, um Zeit zu gewinnen.
»Sie stehen unter dem dringenden Verdacht der Spionage ...«
»Das ist ein Irrtum,« sagte Beate still.
»Ich hoffe es um Ihretwillen, Madame,« antwortete der Beamte.
Er drückte auf einen Klingelknopf. Einer der Polizisten trat ein. Der Beamte sagte ihm nur zwei Worte. Der Polizist öffnete die Tür ...
Und Beate folgte ihm ...