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Die Flucht der Beate Hoyermann cover

Die Flucht der Beate Hoyermann

Chapter 9: 8
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About This Book

Die Erzählung begleitet Beate Hoyermann, die mit ihrem Mann in fernen Gegenden lebt, und schildert ihr Ringen zwischen Fremdheitserleben und kultureller Neugier. Sie beobachtet Sitten und Menschen, bemüht sich um Sprachkenntnisse und sucht zärtliche Verbindungen zu Dienenden und Reisenden, während kleine Abenteuer wie rasante Fahrten und die Rivalität lokaler Fuhrleute den Alltag durchziehen. Ein schwerer Krankheitsfall des Mannes führt zu existenziellen Prüfungen und Entscheidungen über Aufenthalt und Rückkehr. Stilistisch verbindet die Darstellung genaue Beobachtungen von Landschaft und Gesellschaft mit reflektierenden Passagen über Identität, Sehnsucht und die Schwierigkeit, an fremdem Ort Wurzeln zu schlagen.

[S. 287]

8

Nathan Löb hatte keinen Schlitten, aber er hatte einen Karren. Und er besaß keine Pferde, aber er besaß Freunde. Das kam auf eins heraus.

Er schickte seinen Sohn in den Hof hinunter; er mußte den Karren abladen, die Räder losschrauben und den Karren auf Kufen setzen. Das war eine Arbeit von zwanzig Minuten. Und Nathan Löb selber lief in der Nachbarschaft umher und fragte, wer ihm zwei Pferde leihen wollte. Da er ein ehrlicher Mann war, fügte er gleich hinzu, es sei sehr möglich, daß er die Pferde zu Tode jagen würde. Aber Nathan Löb stand im Rufe, zwei Pferde recht gut ersetzen zu können. Er bekam sie.

Er sagte keinem Menschen, wohin er fahren wollte. Er dachte: was einer nicht weiß, das verrät er nicht. Als er die Stadt hinter sich hatte, hieb er auf die Gäule ein, daß sie den Schlittenkarren hinter sich dreinrissen, als säße ihnen der Satan im Genick. Sie hatten es nicht allzu schwer. Sie liefen auf der Spur eines anderen Schlittens, der die gleiche Richtung hielt. Und dem Mann,[S. 288] der diesen Schlitten gelenkt hatte, mußte es auch nicht auf das Leben oder die Beine seiner Pferde angekommen sein. Der Schlitten hatte Sprünge gemacht wie ein Ball ...

Als Nathan Löb beim Postmeister anlangte und Pferde von ihm forderte, sagte der Mann, er habe keine. Nathan Löb griff in die Tasche seines Kaftans und klimperte mit gutem Silber. Der Postmeister blieb dennoch bei seiner Behauptung. Nathan Löb sagte, er wolle die Pferde kaufen und ihm außerdem die anderen überlassen. Der Postmeister führte ihn in den Stall und zeigte ihm die Gäule, die er drin stehen hatte. Aber sie standen nicht, sie lagen. Ein Knecht rieb sie mit Strohwischen. Nathan Löb betrachtete sie, schüttelte den Kopf und ging hinaus. Nein, die konnte er nicht brauchen. Sie dampften noch von der letzten Fahrt. Und das war keine gute gewesen.

Die Frau des Postmeisters, die auf dem Ofen lag und ihr jüngstes Kind säugte, wollte wissen, was es denn drin in der Stadt gegeben habe ... Der Dmitri vom Gut sei dagewesen, habe die halbtoten Pferde ausgewechselt und sei wie verrückt gewesen. Was habe es denn gegeben, bei allen Heiligen —?

Nathan Löb blinzelte.

»Nu — was soll es gegeben haben —? Nichts ... Die Leute machten sich ein Späßchen[S. 289] ... Warum sollen sie sich nicht ein Späßchen machen bei den ernsten Zeiten, so gut sie es verstehen? — Hübsche Kinderchen hast du, Mütterchen, unberufen — und gesunde Kinderchen ... Hundert Jahre sollst du werden und hundert Enkel haben, Mütterchen ... Gute Nacht ...«

Die Postmeisterin zog ihr Jüngstes fester an sich und seufzte. Sie stützte den Ellbogen auf und legte das Gesicht in ihre flache Hand. Dann hustete sie .... Es war Winter. Und der Winter pflegte sehr lange zu dauern ... Nun, man mußte Geduld haben ... Einmal nahm alles ein Ende ...

Nathan Löb fuhr weiter ...

Zwanzig Werst hinter dem Postmeisterhause, etwa auf halbem Wege zum Gut, lag ein dunkler Klumpen im Schnee. Das war der Schlitten von Dmitri. Er war umgefallen und halb im Schnee versunken. Dmitri hatte die Pferde ausgesträngt. Das eine stand mit hängendem Kopfe, und der Wind blies ihm die lange Mähne um Hals und Augen. Das andere lag am Boden; es war tot. Der Schlag hatte es getroffen. Unter seinen Nüstern fletschten die ganz entblößten Zähne. Der Schaum an den Lefzen war zu Eis geworden.

Mit triefendem Gesicht arbeitete Dmitri, um den Schlitten wieder aufzurichten. Er wandte sich, wischte sich den Schweiß aus den Augen und winkte.

[S. 290]

»Jude, hilf mir und gib mir deine Pferde!«

Nathan Löb betrachtete sich das Bild. Er schüttelte den Kopf.

»Warum soll ich dir geben meine Pferde, daß du mir die fährst auch noch kaput?« fragte er. »Wenn du willst fahren aufs Gut, Dmitri, komm auf meinen Karren. Wirst du fahren e bissel langsamer, aber sicherer mit dem alten Juden. Wenn mer hat Eile, is e totes Pferd nix nutz. Oder biste gefahren wie meschugge, bloß um dich selber zu bringen in Sicherheit —?«

Dmitri sagte nichts. Er spannte das ledige Pferd neben dem ersten des Juden ein, kletterte auf den Karren und griff nach den Zügeln. Aber Nathan Löb schüttelte den Kopf und hielt sie fest. Dmitri ließ ihn gewähren. Er merkte sehr bald, daß der Jude die Gäule nicht schonte. Als sie auf dem Gute anlangten, war es zehn Uhr.

Lisa Petulikowa schlief noch nicht. Sie wartete auf ihre Pflegerin. Es war noch niemals vorgekommen, daß Kate Mathew länger als vier Stunden in der Stadt geblieben wäre, ohne auf irgendeinem Wege Nachricht zu schicken, daß sie aufgehalten worden sei. Kyrill Iwanowitsch hatte alle Welt angerufen — niemand wußte etwas. Mit einem Male hatte das Amt keine Antwort mehr gegeben, was die Unruhe und Besorgtheit noch gesteigert hatte.

[S. 291]

Kyrill Iwanowitsch war im Begriff gewesen, den nächsten besten Ackergaul zu nehmen, um nach der Stadt zu reiten und nach Beate zu suchen. Aber Lisa Petulikowa lag ihm mit ihrer krampfhaften Furcht vor dem Alleinbleiben vor den Füßen. Sie traute keinem Menschen außer ihm, Kate Mathew und Dmitri. Wenn alle sie zu gleicher Zeit verließen, würde sie verrückt werden vor Angst.

Also blieb er.

Das Zimmer Beatens war das einzige, von dem aus man nach der Landstraße blicken konnte, die zur Stadt führte. Kyrill Petulikow hatte es noch nie betreten. Jetzt schlich er um die Türe herum wie ein Verfluchter um die Kirchentür. Und endlich drückte er die Klinke nieder.

Das Zimmer war unverschlossen. Kate Mathew hatte keine Geheimnisse, die man mit Schlüsseln sichern konnte. Die warme Dunkelheit und der Duft des Menschen, der es bewohnte, gab ihm etwas von der Lebendigkeit des Menschen selbst. Die drei kleinen Fenster glotzten bleich und in ihrer Dreiheit gespenstisch wie die Augen eines Märchenwesens.

Kyrill Petulikow drückte den Kopf an die kühle, gleichgültige Scheibe. Er war sehr hilflos, weil er schweigsam sein mußte. Er starrte die Straße an, als sei sie verantwortlich für das, was auf ihr entlang kommen mußte — und endlich auch kam.

[S. 292]

Mit zwei Pferden war Dmitri fortgefahren; mit dreien kam er zurück. Kyrill Petulikow war sehr geneigt, diesen unvermuteten Zuwachs des Reichtums für ein böses Zeichen zu halten. Für sein Wesen war das Unvermutete und Unvorhergesehene auch immer das Unglückbringende.

Er lief quer durch das ganze Haus; Lisa Petulikowa öffnete ihre Türe; ein Lichtschein fiel auf die ersten Treppenstufen; die anderen verloren sich im Dämmer des Lämpchens vor dem bunten Heiligenbild.

»Kyrill —! Kyrill, wohin läufst du so —?«

»Sie kommen!« antwortete Kyrill Petulikow. Er riß seinen Hut vom Nagel und zerrte an den Riegeln der mächtigen Haustür. Lisa Petulikowa beugte sich über das Treppengeländer.

»So nimm doch den Pelz, Kyrill!« rief sie. »Willst du dir den Tod holen —? Was willst du mit dem Hut anfangen? Der Wind bläst ihn dir fort, ehe du ans Tor gekommen bist ... Um der Heiligen willen, Kyrill, laß dir den Pelz bringen! Es ist dein Ende, wenn du so hinausgehst —!«

Kyrill rüttelte an der Türe, die er nicht öffnen konnte, weil die Riegel seinen unruhigen Händen widerstanden.

Die Stimme Lisa Petulikowas jammerte fort; hinter ihrer breiten Gestalt tanzte das Licht ihres Zimmers.

[S. 293]

»Sprich nicht zu mir, hörst du —!« schrie Kyrill Petulikow in einer plötzlichen Wildheit. Er sah seine Mutter mit einem Blick an, der sie von ihrem Posten verscheuchte. Knirschend riß er an dem trägen Eisen, das endlich nachgab. Die Türe flog auf. Im gleichen Augenblick, da Kyrill Petulikow auf den Hof hinauslief und der Schneewind ihm den Atem nahm und den Hut vom Kopfe fegte, läuteten die Schlittenglocken unter der Einfahrt in das Gut.

Kyrills Augen bohrten sich in die Dunkelheit. Er unterschied zwei Gestalten auf einem Gefährt, das nicht das seine war, und keine davon war eine Frau.

»Dmitri —!!«

Niemals in seinem Leben hatte der Diener seinen Herrn in Wut gesehen. Er hatte sich aus den Decken des Karrens befreit und war von seinem Sitz gesprungen, bevor Nathan Löb die Pferde zum Stehen bringen konnte.

Jetzt fiel er mitten im Schnee auf die Knie.

»Herr, — Herr, ich kann nichts dafür —! Bei der Seele meiner toten Mutter — ich kann nichts ...«

»Wo hast du die Frau gelassen —?!«

Kyrill Petulikow stand vor ihm, barhäuptig, Dampf vor dem Munde. Er schüttelte den Diener an beiden Schultern, wie ein starker Hund ein Wild schüttelt.

[S. 294]

»Wo hast du die Frau gelassen — du ...?!«

»Ich kann nichts dafür, Herr! — Ich kann nichts dafür —!«

»Wofür kannst du nichts! Willst du reden? — Wofür kannst du nichts —?!«

»Ich kann nichts dafür, Herr — bei meiner armen Seele! — Ich kann nichts dafür!«

Kyrill Petulikow ließ ihn los. Dmitri fiel ganz in sich zusammen und lag, ohne sich zu rühren, im Schnee, den Kopf zwischen die Hände drückend, als erwarte er einen Hieb ins Genick. Ratlos und in erbitterter Verzweiflung blickte Kyrill Petulikow auf das Bündel Menschheit zu seinen Füßen nieder, das der Schreck um jeden Rest seines Verstandes gebracht zu haben schien.

Ein vorsichtiger Finger rührte ihn an.

»Wollen wir nicht gehen ins Haus, Herr?« fragte Nathan Löb zuredend. »Es nützt nichts, daß Sie schlagen Ihren Diener zu Brei ... sind andere, die müßten zerschlagen werden, da drin in der Stadt ... Muß noch vieles geschehen in dieser Nacht, Herr, wenn es nicht sein soll zu spät ... Hat Dmitri gemeint, Eile sei das Beste ... Hat er gefahren ein Pferd zu Tode. Hat er es gut gemeint — nu ... kann er dafür, daß er war allein und wußte nicht zu helfen sich selbst und der Herrin?«

»Wo ist sie?« fragte Kyrill Petulikow. Er hatte nichts von allem gehört, was der Jude[S. 295] sagte. Er hatte nur begriffen, daß der Jude etwas von dem wußte, was geschehen war — vielleicht auch alles. Er fragte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die vom Schweiße troff: »Wo ist sie —? Weißt du, wo sie ist —?«

»Gehen wir ins Haus, Herr!« bat der Jude und zerrte an Dmitri, der noch immer wie ein Sack am Boden lag. »Willst du aufstehen, alter Bursche —? Wird dich der Herr nicht fressen, weil du ein Narr gewesen bist! Steh auf — he!«

Dmitri rührte sich nicht. Der Jude zuckte die Achseln und wandte sich ab. Kyrill war ins Haus gegangen; er wartete, in der Türe stehend, auf Nathan Löb. Als sie verschwunden waren, taumelte Dmitri von den Knien auf, klopfte sich den Schnee vom Leibe und rieb sich den Schädel. Und dann fing er die Pferde ein und brachte sie in den Stall. Aber er tat alles, als sei er betrunken. Als er fertig war, fiel er ins Stroh zwischen die Hufe der Pferde, die zu müde waren, um zu fressen. Und so schlief er ein. Denn Dmitri war über siebzig Jahre alt, und das Leben hatte ihm das Mark aus den Knochen gesogen. Er schnarchte mit offenem Munde.

Nathan Löb hatte die Haustüre hinter sich geschlossen.

»Wo ist die Frau ...?« fragte Kyrill Petulikow. Er stand mit dem Rücken gegen den Tisch im[S. 296] Flur gelehnt und stemmte die Hände rückwärts auf die Platte.

»Müßt' ich lügen, Herr, wenn ich wollte sagen, ich wüßte, wo sie ist,« antwortete der Jude und hob die Hände. »Aber ich hab' gesehen mit meinen eigenen Augen, wie sie ist worden verhaftet und fortgeführt ...«

»Was sagst du —?« murmelte Kyrill Petulikow und beugte sich vor.

»Ich sag' die Wahrheit, Herr — Gott soll mir helfen!«

»Sie ist verhaftet worden —?«

»Verhaftet, Herr!«

»Aber warum — warum! — im Namen Gottes?!«

»Nu, Herr — warum wird mer verhaftet in Rußland? Gott behüte, der alte Nathan Löb will nichts gesagt haben! — Aber warum wird mer verhaftet aus heiterem Himmel als e anständiger und feiner Mensch —? Wenn mer hat e Herz für die Armen, für die Juden, die se haben ausgeräuchert, die Henker ... wollen Se verzeihen, Herr ... und für die Deutschen, denen se haben eingeschmissen die Fenster und die Türen, denen se haben angezunden die Dächer über den Köpfen, denen se haben gegossen das brennende Öl über die feinen guten Stoffe und haben e mächtiges Feuer angerichtet und hineingeschmissen alles, was hat werden können zu Asche ... Se[S. 297] haben können sparen für de ganze Nacht de Straßenbeleuchtung von der halben Stadt, Herr, wahrhaftig ...«

»Wo ist die Frau —?« fragte Kyrill Petulikow mit einer gewaltsamen Drehung seines Nackens. Er glaubte den Dunst des Brandes zu riechen, der schwelend aufstieg von der fernen Stadt.

»Nu, Herr ... ich hab' se gesehen, wie se gekommen is und hat gestanden neben der Frau, der se wollten das Kind wegnehmen — wozu? Um se zu machen gefügig für die Herren ... Ich hab' se gleich gekannt — is se doch gewesen freundlich zu mir und zu Rebekka, dem alten Trödler Nathan Löb seiner Frau, und zu Rahelche, meiner Tochter, die der Herr mit Krankheit geschlagen hat seit ihrem fünften Jahr ... Is se doch gekommen oft genug zu dem alten Nathan Löb und hat gekauft — schöne Sachen, feine Sachen, Herr — für e Spottpreis — weil se is freundlich gewesen zu meinem Rahelche ... hab' ich se gleich wiedergekannt, wie se sich hat geworfen über die Frau, die der Kerl hat von sich weggeschleudert wie 'nen Sack, weil se hat verteidigt ihr Kind, ihr kleines ... ›Du Feigling!‹ hat se gesagt, was is e deutsches Wort für en Lumpenkerl — ›Du Feigling —!‹ Und hat gedeckt mit ihrem Leibe die Frau, die gelegen hat im Dreck auf der Straße ... Is der Nathan Löb[S. 298] e alter Mann geworden und hat doch nie gesehen soviel Verachtung und Mut und hat noch nie gehört soviel Haß, wie is gewesen in den Augen und in der Stimme von der Frau, die immer freundlich und sanft gesprochen hat zu Rebekka, meiner Frau, und zu Rahelche, meiner kranken Tochter ...«

Der alte Nathan Löb hob beide Hände, zu Fäusten geballt, und rüttelte sie gegen einen Unsichtbaren in großer Begeisterung.

»So hat se gemacht, die Frau — und ›Du Feigling!‹ hat se gesagt ... Es is geworden förmlich e schönes Wort, wie se das gesagt hat ...«

»Und dann?« fragte Kyrill Petulikow; die Lippen blieben ihm offen stehen.

»Nu — hat der alte Nathan Löb gedacht ... Es is e mutige Frau, aber e unvorsichtige Frau ... hat se gemacht gemeinsame Sache mit den Deutschen ... hat se Deutsch gesprochen ... ›Du Feigling!‹ hat se gesagt ... Das wird ihr kosten den Kragen, wenn se wird erkannt als e Deutsche. Und der alte Nathan Löb hat versucht, zu machen glauben die Leut', daß die Frau is e reiche, feine Russin, die aus Mitleid sich annimmt der deutschen Weiber und Kinder ... Aber es is gewesen ze spät ... Es sind gekommen zwei Kerle, die haben verhaftet die Frau und haben se fortgeführt ...«

»Wohin —?«

[S. 299]

»Zum — Pristaw, Herr ...«

Der alte Nathan Löb sprach das Wort nur zögernd aus. Kyrill Petulikow starrte ihn an.

»Du weißt noch mehr ...?«

»Ja, Herr ... Ich bin ihr nachgegangen ... hab' gewartet am Tor — e halbe Stund — dann is se wiedergekommen ... zwischen zwei Polizisten is se gegangen ... die haben se weitergeschafft — nach dem Gefängnis ...«

Kyrill Petulikow erwiderte nichts. Er machte eine schwerfällige Bewegung zur Seite hin. Da stand ein Stuhl am Tisch. In den ließ er sich fallen. Er stützte die Ellbogen auf die Knie und legte den Kopf in die verschränkten Hände. Sein weiches dunkles Haar fiel über seine Finger ...

Oben am Treppengeländer erschien die träge Gestalt von Lisa Petulikowa. Ihr bleiches, ein wenig gedunsenes Gesicht beugte sich aus dem Dunkel vor; sie lauschte mit offenen Lippen.

Nathan Löb wartete eine Weile. Er trat von einem Fuß auf den anderen und zermürbte die alte Pelzmütze zwischen seinen knochigen Händen.

»Herr,« fing er schließlich wieder an, »Se haben gescholten den Dmitri, weil er hat den Kopf verloren und is davongefahren ohne die Frau ... Ich hab' ihn gefragt: Dmitri, alter Esel, warum bist du davongefahren ohne die[S. 300] Frau, wo du hast wissen müssen, se wird kommen in Gefahr und wo's is gewesen deine Pflicht, se zu behüten vor Schaden. Er weiß nix, was is vorgegangen, in seinem dummen Schädel. Er is gefahren wie besessen und hat wollen melden, was is geschehen, auf dem Gut ... Dmitri, alter Esel, hab' ich gefragt, warum hast du nicht einfach angerufen den Herrn? — Hat er gesagt, er weiß nicht Bescheid mit den neumodischen Erfindungen ... Nu, Dmitri, hab' ich gesagt, wollen wir hoffen, daß wir kriegen frei die junge Frau — sonst geht's um deinen Kopf, weil der Herr wird sehr böse sein auf dich ... Aber Herr — es wird nicht gut, was der Dmitri hat schlecht gemacht, wenn wir sitzen hier und legen den Kopf in die Hände ... Wir müssen etwas tun mit unsere zwei Händ' für die junge Frau ... noch in dieser Nacht, Herr ... Sonst bringen sie se fort — nach Moskau oder weiter ... weil es heißt, se hat gehabt en falschen Paß und hat getrieben Spionage für die Deutschen ...«

Kyrill Petulikow stand auf und ging im Treppenhaus hin und her, mit tief gesenktem Kopfe, als suche er den Weg zur Rettung in den weißen, knirschenden Sandkörnern unter seinen Füßen.

Lisa Petulikowa schlich die Treppe hinab bis zu der Biegung, wo das Heiligenbild hing.

»Was sagt der Jude?« murmelte sie mit ihrem kurzen Atem.

[S. 301]

Kyrill Petulikow blieb stehen. Er sah seine Mutter an, gab aber keine Antwort. Nathan Löb bückte sich bis zur Erde. Er zog sich nach der Tür zurück.

»Nun, Kyrill ...«

»Sie ist verhaftet worden,« sagte Kyrill Petulikow.

»Verhaftet — wer ...«

»Sie — Kate Mathew ...«

»Kate Mathew —? Warum, um der Heiligen willen —?!«

Kyrill Petulikow sah seiner Mutter in das bleiche, schlaffe, ein wenig gedunsene Gesicht. Vielleicht kam ihm für einen Augenblick der Gedanke, sich mit allem, was er fühlte, mit allem, was nun zu einer Tat werden mußte, der Frau anzuvertrauen, die seine Mutter war. Und vielleicht hätte Lisa Petulikowa, die trotz ihrer Trägheit und Eigensucht gutmütig und leicht zu rühren war, die Probe bestanden. Aber Kyrill Petulikow wagte die Probe nicht. Es stand zuviel auf dem Spiele, um es von der Laune einer kranken Frau abhängig zu machen. Und Kyrill Petulikow wußte auch, daß Frauen nicht immer gerecht sind, wenn es sich um eine Frau handelt.

»Mach dich fertig, Mutter,« sagte er mit einem plötzlichen Entschluß, »du mußt noch in dieser Nacht zur Stadt und weiter — mit dem nächsten Zug, der nach Moskau fährt ...«

[S. 302]

»Warum?«

»Du bist hier nicht sicher genug ... Es ist — es ist etwas vorgefallen, das mich fürchten läßt, man werde uns auch hier auf dem Gute belästigen ... Kate Mathew ist als Ausländerin erkannt und festgehalten worden ... Ich wünsche nicht, daß du in die Angelegenheit verwickelt wirst ... In Moskau, bei deiner Schwester, bist du davor sicher ... Du hast eine Schlittenfahrt vor dir, die ein wenig beschwerlich sein wird — und dann eine Reise — nun ja ... aber das ist das kleinere Übel — nicht wahr? Es wird mich beruhigen, wenn du in Sicherheit bist.«

»Und du — was willst du tun?«

»Ich komme dir nach, sobald ich kann.«

»Und Kate Mathew?«

Kyrill Petulikow zuckte die Achseln. »Ich werde den englischen Konsul benachrichtigen — mehr kann ich für sie nicht tun ... Es wird sich alles aufklären ...«

Lisa Petulikowa sagte nichts mehr. Sie stieg die Treppe wieder hinauf und rief nach ihrer Jungfer.

Nathan Löb machte ein schlaues und sehr zufriedenes Gesicht.

Kyrill Petulikow stand einen Augenblick, die Hand vor der Stirn; und sah ins Leere. Dann schien er mit sich im klaren zu sein. Das machte ihn still und gab ihm seine Sanftheit wieder.

[S. 303]

»Du wirst mit uns fahren,« sagte er zu dem Juden. »Und du wirst mir helfen, nicht wahr? — Weil die fremde Frau freundlich zu dir und deiner Frau und deiner kranken Tochter gewesen ist ...«

»Herr, wenn ich nicht helfen wollte mit allem, was der alte Nathan Löb vermag — wär' ich dann hergekommen?«

»Es ist gut,« sagte Kyrill Petulikow mit einem flüchtigen Lächeln. »Sag dem Dmitri, er soll die Pferde einspannen ... Sie werden müde sein; aber das hilft nichts. Wir werden sie wechseln und ihre Hälse in acht nehmen ... Nun geh ...«

Nathan Löb zog sich die Pelzmütze über die Ohren und ging. Er mußte wacker schreien, bevor er den schnarchenden Dmitri wach bekam. Der kratzte sich den Pferdemist, in dem er gelegen hatte, aus den Haaren und machte sich wortlos daran, den Befehl seines Herrn auszuführen. Hätte er ein besseres Gewissen gehabt, so würde er sich wahrscheinlich geweigert haben, die Pferde noch einmal in die Nacht hinauszujagen. So aber schwieg er. Nathan Löb schleppte alles Stroh, dessen er habhaft werden konnte, zusammen und polsterte den Karren damit aus. Er wünschte, daß Lisa Petulikowa möglichst wenig Grund zu Klagen haben sollte, denn er hoffte, dann würde sie auch wenig fragen.

Kyrill Iwanowitsch nahm alles Geld, das[S. 304] er im Hause hatte, legte einen Teil für Lisa Petulikowa beiseite und steckte das übrige zu sich. Er wußte, er würde es brauchen. Obgleich er sich beeilte, das Notwendige erwog und tat und nichts vergaß, war über seinem Gang und seinen Händen etwas von dem Wesenlosen einer Maschine. Er war wie ein Mensch, der weiß, daß er wach ist, und hofft, daß er träumt — er überlegte jeden Schritt der nächsten zehn Stunden mit dem heimlichen Gedanken: Vielleicht habe ich ihn nicht nötig. Und sein Verstand sprach über diese Gedanken fort: Dies und noch viel mehr ...

Zuletzt ging er in das Zimmer, das Kate Mathew bewohnt hatte. Er nahm alles, was er an beschriebenen Papieren fand, ihr Ausgabenbuch, den kleinen Kalender, auf dem sie sich Notizen gemacht hatte — selbst das Löschpapier ihrer Schreibmappe. Er machte ein Bündel daraus, das er verschnürte und versiegelte und mit sich nahm. Als er an der Türe stand, sah er sich noch einmal in dem weiten und niedrigen Raume um, neigte sich, als stünde er vor Lebendigem, löschte das Licht und schloß die Türe hinter sich.

Er ging die Treppe hinunter und rief nach Lisa Petulikowa. Es war nicht mehr weit von Mitternacht, aber niemand vom Gesinde hatte sich schlafen gelegt. Die Mädchen drängten sich im Winkel der Treppe zusammen. Sie fürchteten[S. 305] sich und schienen darauf zu warten, daß jemand sie beruhigte. Aber keiner dachte daran. Die Älteste betete ununterbrochen, ohne zu wissen, was sie sagte. Als Lisa Petulikowa aus ihrem Zimmer trat und, fast unkenntlich in ihren Pelzen, mit Augen, die von der Überstürzung aufgerissen und blöde zugleich erschienen, die Stufen herunterkam, brachen die Mädchen grundlos und dennoch einmütig in ein jämmerliches Geheul aus.

»Ja, ja, meine Kinder,« stammelte Lisa Petulikowa, mehr erschreckt als gerührt, mit einem Blick auf ihren Sohn, der schon wartend an der Türe stand, »ja — weint nicht ... Warum weint ihr? Ich fahre nach Moskau ... was weiter? Seid nicht närrisch, meine Kinder ...«

Aber nun fand sie selbst, daß sie bejammernswert sei, und weinte heftig. Die Gebete der ältesten Dienerin wurden fast zu Beschwörungen. Die Grundlosigkeit und Heftigkeit dieses Jammers gab dem Abschied Lisa Petulikowas ein Gewicht, als sei er nur die Vorbereitung zu wahrhaftem Unheil, das gewiß kommen würde. Nur Wassilissa, die Jungfer, hatte blanke, freche Augen. Sie freute sich auf Moskau, das bei Gott ein lustigerer Aufenthalt war als dieser Kuhstall zwischen Feldern und Wald.

Sie war die einzige, die mit leichtem Herzen in die Nacht hineinsah.

[S. 306]

An den Köpfen der Pferde stand Dmitri und schien bereit, vor seinem Herrn abermals auf die Knie zu fallen.

»Laß, laß —!« sagte Kyrill Petulikow. »Höre, was ich dir sage, Dmitri ... Es ist sehr ernst und wichtig, und du wirst gut aufpassen, verstehst du ...«

»Ich will ewig verflucht sein, Herr ...«

»Laß das — höre! Du wirst wach bleiben während der ganzen Nacht. Du wirst an der Türe sitzen und warten, ob ich wiederkomme. Und wenn du mich rufen hörst, öffnest du die Türe und wirst tun, was ich dir sagen werde, ohne dich einen Atem lang zu besinnen ... Wenn aber nach mir — noch in dieser Nacht oder morgen früh — ein Mensch kommt und fragt dich nach dem, was in dieser Nacht geschehen ist, so hast du geschlafen und weder gehört noch gesehen, was vorgefallen ist. Du wirst sagen, Lisa Petulikowa und ich seien fortgereist, doch du wüßtest nicht wohin und noch weniger, wann wir wiederkämen ... Hast du mich verstanden?«

»Ja, Herr.«

Drei Minuten später fuhren sie davon. Lisa Petulikowa, ihr Sohn und der Jude. Kyrill hörte noch, wie Dmitri die Haustür schloß und die Riegel vorschob. Er wußte, daß das Haus in Flammen aufgehen konnte, aber Dmitri würde auch dann seinen Posten nicht verlassen.

[S. 307]

Wassilissa, die zu den Füßen ihrer Herrin im Stroh kauerte, schlief ...

Kyrill Petulikow spürte den Wind in seinem Gesicht. Er kam von Westen und roch nach Schnee.

Kyrill Petulikow dachte an die Frau, um derentwillen er diese Fahrt unternahm.

»Sie wird wissen, daß ich alles für sie tun werde, was ein Mensch tun kann,« ging es ihm durch den Kopf. »Darum wird sie mutig sein und warten ...«

Der Gedanke machte ihn ruhig. Aber er irrte sich. Beate Hoyermann wartete nicht auf ihn ... Und sie war auch nicht mutig.

Sie war es gewesen; ja. Sie hatte sich bei dem ersten Verhör, dem man sie unterzog, ganz aufrecht gehalten bis zum letzten Augenblick. Auch als sie merkte, daß sie verloren war. Auch als sie das sicher wußte.

Sie hatte sich von den Polizisten fortführen lassen und nicht den geringsten Widerstand geleistet, als der eine ihr die Faust zwischen die Schultern stieß: »Vorwärts, deutsches Schwein — soll ich dir Beine machen?«

Sie war still geblieben, als man sie durch die Straßen schleppte und das Volk, das von der Plünderung der deutschen Läden, dem Feuer und ihrer Beute, von dem Rausch der Nacht und Grausamkeit noch trunken war, auf sie aufmerksam[S. 308] wurde, ihr nachzulaufen begann und seine Wut und seine Freude johlend über sie ergoß.

Es war nicht bei Worten geblieben, freilich, nein ... Sie hatten wissen wollen, warum man die Frau ins Gefängnis führte. Nikolai Sontscheff hatte sein Licht leuchten lassen. Noch etwas zerkratzt von seinem Kampf mit dem stärkeren Gegner, stieg er auf den Vorsprung eines Kellerfensters, schwang die Arme durch die Luft und brüllte ...

»Das, teure Freunde, war eine deutsche Bestie, die das heilige Rußland an seine Feinde verriet. Eine Spionin, Herzensbrüder —! Die Geliebte eines Großfürsten, die in einer Nacht das Einkommen von zwei Ministern verspielte — eine von denen, die schuld daran waren, daß das Volk hungerte —! Hört ihr wohl, sie hat Papiere gestohlen! Festungspläne hat sie gestohlen und an die Deutschen ausgeliefert —! Sie hat sich eingeschlichen und Rußlands Gastfreundschaft mißbraucht —! Sie hält es mit den Juden und liefert ihnen kleine Christenkinder ans Messer —! Betet zu allen Heiligen, daß man sie aufhängt an einem doppelten Strick, der ganz gewiß nicht reißt —! Hängen soll sie, die Bestie!«

Nikolai Sontscheff war so betrunken, daß er sich zwischen jedem Satz seiner geifernden Wut erbrach. Schließlich verlor er das Gleichgewicht auf seinem erhöhten Standpunkt, stolperte und[S. 309] fiel vornüber. Niemand kümmerte sich um ihn. Er blieb im Schnee und Schlamm liegen und schluchzte in herzzerreißendem Mitleid mit sich selbst. Endlich schlief er ein. Einer seiner guten Bekannten hatte nur auf diesen Augenblick gewartet, um sich in voller Ruhe über ihn herzumachen und ihm die Taschen auszuleeren. Er hatte ein gutes Ergebnis, denn Nikolai Sontscheff war bei der Plünderung eifrig tätig gewesen ...

Kein Mensch hatte ein Wort von dem geglaubt, was der Betrunkene über die verhaftete Frau an Unflätigkeiten ausgeschüttet hatte. Aber seine Rede war doch ein willkommener Anlaß gewesen, schmutzige Klumpen harten Schnees von der Straße aufzuraffen und sie der Frau, die einen Pelz und einen Schleier trug, an den Kopf zu werfen. Die Polizisten, die sie führten, ließen das Volk gewähren, bis ein ungeschickt gezieltes Wurfgeschoß dem einen die Mütze vom Schädel schlug. Mit einem Fluch wandte sich der Getroffene gegen die Nachdrängenden; — sie wichen zurück. Sie begnügten sich damit, der Verhafteten das Geleite zu geben, bis das Gefängnistor sich hinter ihr schloß.

Mit einer wunderlichen krampfartigen Neugier hatte Beate ihre Umgebung betrachtet. Das Grausen, das sie aus hundert russischen Schilderungen zorniger oder entsagender Dichter[S. 310] von den Gefängnissen des Zarenreiches in sich hinein gelesen, stellte sich noch nicht ein. Sie war sich noch nicht klar geworden, in welcher Lage sie sich befand. Noch schien alles ein Scherz zu sein — ein schlechter und roher Scherz vielleicht ... Aber kein Ernst — o nein ... Sie würde eine Nacht hier zubringen müssen; man würde sie abermals verhören und sich davon überzeugen, daß sie wahrhaftig keine Spionin sei — und dann würde man sie wegschicken ... Ob Dmitri freilich so lange warten würde —?

Armer Bursche ...

Sie hatte noch Zeit, an ihn zu denken, fast mit einem Lächeln. Aber nicht lange mehr.

Man brachte sie in ein Zimmer, das von der Hitze zu bersten schien. An dem Tisch in der Mitte, unter einer blakenden Petroleumlampe, saßen ein paar Kerle, die Schnaps auswürfelten. Beim Eintreten Beatens wandten sie nur die Köpfe, ohne sich unterbrechen zu lassen.

Einer der Polizisten wollte Bericht erstatten; aber der älteste der Kerle fuhr ihm entgegen.

»Schweig, Hundesohn —! Hat dir einer zu reden erlaubt?«

Die Polizisten zogen sich nach der Tür zurück. Beate blieb mitten in dem freien Raum zwischen Tür und Tisch stehen. Noch war kein eigentlicher Schrecken in ihrem stillen Gesicht. Sie wandte den Kopf mit einer langsamen und zaghaften[S. 311] Bewegung, wie manchmal Tiere sie haben, die lange im Dunkeln waren und jäh ins Lichte gebracht werden. Sie war sehr müde, und die stinkende Hitze des niedrigen Zimmers legte sich ihr wie ein schnürendes Band um die Stirn.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Herren,« sagte sie, und ihre Stimme klang in der großen Erschöpfung so hoch wie die eines Kindes und ganz verschleiert, »würden Sie mir gestatten, daß ich mich setze?«

Keiner der Männer gab eine Antwort.

Was den Schmähungen und Mißhandlungen des Pöbels nicht gelungen war, das gelang der gleichgültigen Unfreundlichkeit. Beate fühlte, daß es nicht mehr lange dauern konnte, dann würden ihre Nerven nachgeben und sie selbst in Tränen ausbrechen. Sie senkte den Kopf und biß sich auf die Lippen. Sie dachte an ihren Mann. »Wenn du da wärst!« — und: »Gut, daß du mich so nicht siehst ...« Der Jammer ihrer Verlassenheit würgte sie in körperlichem Schmerz an der Kehle. Sie legte die Hände ineinander, als wollte sie sich an sich selbst festhalten.

Endlich, nach mehr als einer halben Stunde, waren die Kerle mit ihrem Spiel zu Ende, warfen die Karten zusammen und rückten die Stühle vom Tisch. Der eine, der Beate gerade gegenübersaß, stand auf und trat auf sie zu.

»Hast du Geld?« fragte er.

[S. 312]

»Ja,« antwortete sie.

»Gib es her.«

Sie öffnete ihre kleine Tasche und nahm alles Geld heraus, das sie besaß. Es waren vielleicht achtzig Rubel.

Der Russe zählte die Summe, blies über die Lippen und steckte das Geld ein.

»Das ist nicht genug,« sagte er. Seine Kameraden lachten dröhnend. Beate blickte von einem zum anderen. Sie verstand nichts.

»Ich habe nicht mehr,« meinte sie sanft.

»Du hast wohl mehr ...«

»Nein ...«

Der Mann ging auf eine Tür im Hintergrund des Zimmers zu, stieß sie auf und brüllte: »Nastaßja —!«

Ein Frauenzimmer erschien, bei deren Anblick Beate unwillkürlich fror. Sie hatte anscheinend geschlafen; das Haar hing ihr in die Augen. Sie keuchte, denn sie war unförmlich dick. Auf der linken Seite ihres roten Gesichts war ein blauunterlaufenes Mal, das sehr vermutlich von einer Schlägerei herrührte. Wenn dem so war, so hatte ihr Gegner den Hieb zu bereuen gehabt, denn es war durchaus unwahrscheinlich, daß dieses Weib in einem Zweikampf unterliegen konnte, den sie nicht mit einem Ringkämpfer von Beruf unternahm.

»Nastaßja, meine Taube,« sagte der Mann,[S. 313] der sie gerufen hatte, »verzeih, daß ich deinen Schlummer störte, aber es gibt zu tun. Nimm das Weib in deine Obhut und sieh nach, ob sie wirklich nicht mehr als die paar Rubelchen in der Tasche hat, wie sie behauptet ... Aber sieh gut nach, hörst du?«

Das Weib sah Beate an; sie fuhr sich mit der Zunge über die dicken Lippen.

»Komm her,« sagte sie.

Beate folgte ihr. Sie hatte das Gefühl, daß sie ihre Kräfte noch zu ganz anderen Dingen brauchen würde, und wollte sie nicht verschwenden in zwecklosem Widerstand. Die Türe schloß sich hinter ihr und der Frau.

»Gib dein Geld her,« sagte das Weib.

»Ich habe nichts mehr, Mütterchen,« antwortete Beate. Ihre Stimme rief.

Das Weib sah sie an. Sie murrte etwas und zog die Augen zusammen. Beate rang mit der fürchterlichen Übelkeit, die der Dunst des Zimmers, in dem sie sich befand, in ihr erweckte.

»Es nützt nichts, wenn du lügst,« sagte das Weib. »Ich werde dich durchsuchen, und das sehr genau. Waska läßt nicht mit sich spaßen, wahrhaftig ...«

Und sie griff nach dem Mantel ihrer Gefangenen.

Das Entsetzen, das Beate durchfuhr, als sie[S. 314] die rohen Hände an ihrem Leibe fühlte, machte sie schlau.

»Mütterchen,« sagte sie und bückte sich, um im Nebenzimmer nicht gehört zu werden, »ich schwöre dir, ich habe kein Geld bei mir ... Ich habe alles dem Manne gegeben, den du Waska nennst. Ich habe nicht eine Kopeke mehr in meiner Tasche noch sonst Geld versteckt oder eingenäht ... Aber ich habe ein wenig Schmuck ... nicht viel — doch immer noch mehr an Wert als die Rubel, die Waska bekommen hat. Wenn du mich nicht durchsuchen willst, so will ich ihn dir schenken — dir allein. Waska braucht nichts davon zu erfahren, verstehst du ... Wenn du mich durchsuchst, wirst du den Schmuck auch bekommen, aber ich werde dann Waska sagen, daß du ihn hast, und dann wirst du teilen oder ihn ganz hergeben müssen ... Nun, was willst du tun?«

Das Weib drückte die Lider zusammen und verzog den Mund.

»Gib her,« sagte sie unterdrückt.

»Wache an der Tür,« flüsterte Beate.

Das Weib gehorchte. Die Gier hatte sie gepackt.

Beate nahm ihren Trauring und schob ihn mit einer krampfhaften Bewegung tief in ihr dichtes Haar. Dann zog sie ihre anderen Ringe ab, löste ihre Schmucknadel und die feine goldene[S. 315] Kette vom Halse, legte die Uhr auf den Tisch und streckte die nackten Hände vor sich hin.

»Ich bin fertig,« sagte sie, tief atemholend.

Das Weib überschaute ihre Beute, raffte sie mit der Schnelligkeit der Diebin zusammen und schob sie in das Stroh ihres Bettes.

Sie stieß die Türe auf und sagte verdrossen: »Sie hat nichts, die Hündin ...«

Beate lehnte sich einen Augenblick gegen den Türpfosten; dann ging sie weiter und stand vor den Männern still.

»Schafft sie weg,« befahl Waska mit einem Fluch. Die Polizisten nahmen Beate in die Mitte; sie verließen das Zimmer und schritten durch Gänge und Gänge über Treppen und winzige Höfe, Luftschächten gleich, in ein abseits liegendes Gebäude hinein. Es hatte Fenster so groß wie zwei Hände, und sie waren vergittert.

»Was ist das?« flüsterte Beate mit einem versagenden Laut.

»Wart's ab,« sagte der eine ihrer Wächter. »Du wirst es noch zeitig genug erfahren.«

Er donnerte mit dem Absatz an eine Tür.

»He —! Schläfst du, Lumpenkerl? Mach auf, es gibt etwas Neues!«

Die Türe ging auf. Ein Licht flackerte in einem schmalen und schmutzigen Gang. Ein Mann stand auf der Schwelle. Er trug Uniform[S. 316] und Mütze. Hinter ihm an der Wand lehnte sein Gewehr. Er war sehr verschlafen.

»O zum Teufel, Bruder, warum kommst du mitten in der Nacht? Es wäre besser gewesen, du hättest das Frauenzimmer laufen lassen, anstatt mir Scherereien und Arbeit zu machen ...«

»Halt's Maul, Freund, und mach deine beste Kammer auf. 's ist eine Spionin, die wir bringen ... eine deutsche Bestie, verstehst du? Gib acht, daß sie nicht entwischt, sonst gebe ich keine Kopeke für deinen Hals, Brüderchen ...«

»Wie soll sie entwischen?« brummte der Gefängniswärter. »Aus diesem Hause entwischt keine Ratte, sei gewiß, Brüderchen ... Ich passe auf ... Ich werde mir ein Liedchen singen, um munter zu bleiben ... Nun, vorwärts, deutsches Vieh — kriech in deinen Stall — pascholl!«

Beate taumelte vorwärts — in ein dunkles Loch hinein, das völlig leer zu sein schien bis auf ein wenig Stroh, das sie unter den Füßen fühlte. Unwillkürlich blieb sie regungslos stehen, als sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte und die Stimmen ihrer Wächter nur noch gedämpft zu ihr hereindrangen. Sie hatte so viele Schrecknisse durchgemacht an diesem Tage und in dieser Nacht, daß sie vor jedem Schritt bebte, den sie zu gehen gezwungen war. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn in der Mitte dieser Gefängniszelle ein Loch gewesen wäre, in das man sie[S. 317] stürzen lassen wollte, um sie loszusein und nichts von ihrem Verbleib zu wissen.

Minutenlang stand sie so, die gespreizten Hände ein wenig von sich abhaltend. Sie hatte Angst — eine wahnsinnige Angst, deren sie nicht Herr werden konnte. Die Dunkelheit des Lochs, in dem sie steckte, und die todestraurige Bleichheit der Nacht, die durch das Fenster hoch über ihrem Kopfe schimmerte und nur dazu gemacht schien, die Dunkelheit noch trostloser zu gestalten — die Stille, die fast einen Körper gewann und zu wachsen schien, je länger sie währte, die sich auf sie heranwälzte und unendlich langsam und unendlich sicher ihr die Luft zum Atmen abschnürte — der Gestank, der in dem Gefängnisloch herrschte und förmlich in Wolken zu ihr aufstieg ... alles das vereinigte sich zu einem Schrecknis, dem ihre höchstgespannte Kraft zu erliegen drohte. Sie zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Über ihre Lippen kam ein wimmernder Laut, vor dem sie selbst erschrak. Sie bedeckte sich den Mund mit ihren Händen und stand ganz still, mit vorgebeugtem Kopfe.

Hinter ihrer Türe rührte sich etwas — ein Schritt ... Der Wächter ...

Er summte vor sich hin.

Jetzt hörte sie, wie er sein Gewehr aufnahm und die Patronenkammer füllte ...

Es war also Ernst — vollkommener Ernst ...

[S. 318]

Gott — großer Gott im Himmel ... Das war ja Wahnsinn ... sie hatte ja nichts getan, das auch nur im entferntesten den Verdacht gerechtfertigt hätte, um dessentwillen sie hier war. Warum hatte sie sich nicht gewehrt? Warum hatte sie nicht zu entkommen versucht — warum war sie mitgegangen wie ein Stück Schlachtvieh —?

Es konnte noch nicht zu spät sein! Sie mußte doch mit irgendeinem Menschen reden können, den sie aufklären konnte ... Man konnte sie doch nicht ins Gefängnis werfen, ohne sie verurteilt zu haben — und verurteilen konnte man sie nicht, denn sie war ja nicht schuldig ...

Sie hörte vor ihrer Türe das gleichmäßige und gelassene Auf und Ab des Postenschrittes; der Mann summte noch immer vor sich hin. Er hatte eine hübsche, weiche russische Stimme und sang ein kleines Volkslied; Beate kannte die Worte gut. Aber sie entsetzte sich vor ihnen in dieser Umgebung ...

Unwillkürlich wich sie von der Türe zurück und tastete mit der vorgestreckten Hand an der Mauer hin, ob sie vielleicht auf eine Bank stoßen würde, um einmal für Sekunden auszuruhen ...

Plötzlich zuckte ihre Hand zurück.

Es war etwas über ihre Finger gelaufen ... Eine Spinne? ... Sie schleuderte das Unsichtbare von den Fingern ... Aber es war noch da ...[S. 319] Es kroch nicht, nein, es rieselte gleichsam über ihre Haut ...

Sie streifte mit der rechten Hand über ihre linke ... Sie fühlte ... das war keine Spinne, das war überhaupt nicht ein Tier — das war eine Heerschar von gleitenden, behenden und unentwegten Geschöpfen ... Sie spürte das rasche Rieseln an ihrem Halse; etwas brannte sie — ein Tropfen Gift ... Sie schlug sich mit beiden Händen nach der Kehle ...

Da kam ihr ein Geruch in die Nase ...

Und im gleichen Augenblick schrie sie auf, gellend, kreischend, wie von allen Teufeln der Hölle gepackt — schlug mit Armen und Händen um sich und schrie und fühlte, wie unter ihren Kleidern, an ihren Haaren, in ihrem Gesicht — bis in ihre Augen hinein das Brennen, Rinnen — der höllische Gestank von ihr Besitz ergriff ...

Wanzen ...

Und da war der Mut der Beate Hoyermann zu Ende. Sie fiel auf die Knie in den Kot des faulenden Strohs, das auf dem Boden der Zelle verstreut lag, und schlug mit beiden Fäusten gegen die Türe ihres Gefängnisses. Sie schrie nicht mehr mit offenem Munde, denn die Wanzen waren ihr über die Lippen gekrochen, und sie hatte sie auf der Zunge gespürt. Sie schrie mit geschlossenen Zähnen wie ein gefangenes Raubtier, dem man die Zähne verschnürt hat — schrie,[S. 320] daß ihr das Blut aus der Nase sprang — schlug sich die Fäuste wund an der summenden Türe.

Aber der Wächter hörte sie nicht, denn er wollte sie nicht hören ... O, er kannte das — so schrien die meisten, die man dort hineinbrachte in die hübschen kleinen Zellen des Gefängnisses. So donnerten die meisten mit den Fäusten gegen die Tür; aber die Türen waren verläßlich, die hielten fest, auch wenn die Aufgeregtesten statt der Fäuste die Absätze nahmen. Wenn sie heiser wurden, hörten sie schon auf zu schreien, und wenn sie sich müde getobt hatten, dann ließen sie auch die Türen in Ruh. In der zweiten Nacht pflegten sie bereits viel vernünftiger zu sein. Man mußte ein wenig Geduld mit ihnen haben ...

Der Wächter summte sanftmütig weiter ...

Aber bei Gott, die deutsche Bestie trieb es arg ... Er mußte sie doch wohl ein wenig zum Schweigen bringen, sonst brachte sie das ganze Haus in Aufruhr ...

»Willst du still sein, du —?!«

Er stieß den Gewehrkolben gegen die Zellentür, daß sie dröhnte. Aber die da drin war nicht still, sie rüttelte mit aller Kraft an den Bohlen und röchelte dazwischen — als spräche sie mit geschlossenen Zähnen, so sonderbar klang's —: »Mach auf —! Mach auf —!«

[S. 321]

»He, mein Täubchen, das werde ich bleiben lassen ... Es steht eine strenge Strafe darauf, wenn man sich mit den Gefangenen einläßt — und du scheinst mir eine ganz Gefährliche zu sein, Ljuba, meine Liebe ... Geduld, Geduld — auch diese Nacht geht vorbei ... Morgen wird man sehen, was mit dir geschehen muß ...«

Beate konnte ihre Hände nicht mehr rühren. Sie konnte auch nicht mehr rufen, nicht einmal mehr röcheln. Sie lag vor der Schwelle der unerbittlichen Türe und brannte am ganzen Leibe in einem fressenden Feuer des Ekels — in einem Entsetzen, das keine Worte und fast keine Gedanken mehr hatte. Sie fuhr sich mit den Händen, an denen die Wanzen in Trauben hingen, nach dem Gesicht und streifte sich das beißende stinkende Gezücht von der Stirn, von den Wangen, von der Kehle — sie fühlte sich mit Blasen bedeckt wie mit Brandwunden, und ihr Bewußtsein ging unter in einer so grenzenlosen Verzweiflung, daß sie zu fühlen glaubte, wie ihr Verstand sich zerrüttete. Dann schlug sie mit der Stirn gegen die Türe ... Nur ein Ende machen ... ein Ende machen ... ganz gleich, welches — nur ein Ende ...

Als sie mit voller Wucht, in der irrsinnigen Hoffnung, sich den Schädel einzuschlagen, den Kopf gegen die Türe hämmerte, fiel ihr Trauring[S. 322] aus ihrem Haar und mattklingend vor ihr auf den Boden.

Mein Gott, mein Gott, den hatte sie vergessen ...

Nun suchte sie ihn und fand ihn, hob ihn mit einem jämmerlichen Wimmern auf und rieb ihn mit einem Zipfel ihres Kleides. Sie lallte etwas, das ganz Zärtlichkeit und Verzweiflung war, und suchte, worin sie den Ring verbergen konnte, um ihn nicht vom Schleim des stinkenden Ungeziefers besudeln zu lassen. Schließlich barg sie ihn in ihrem Munde.

Sie dachte an ihren Mann. Sie nannte sich seinen Namen, wie ein Ertrinkender nach einem Seile greift. Sie kauerte sich in der Ecke neben der Türe zusammen und fiel in einen Zustand, der zwischen völligem Stumpfsinn und heulenden Ausbrüchen ihrer Verzweiflung hin und her schwankte; schließlich überließ sie sich, ohne mit einem Finger Widerstand zu leisten, den gierigen, vergiftenden, zerfressenden Angriffen des Ungeziefers. Sie hoffte sehr, zu sterben. Sie war so ganz ohne Kraft und Willen, daß man sie hätte abschlachten können; sie würde sich nicht gewehrt haben ...

Der Kopf sank ihr auf die Brust ...

Und plötzlich hob sie ihn wieder.

Sie hatte etwas gehört — nicht die Schritte des Postens — nicht sein Summen noch das[S. 323] dumpfe Aufstoßen seines Gewehrkolbens auf dem Gange. Sie hatte eine Stimme gehört ... Die Stimme kannte sie ...

Sie richtete sich mühsam auf; die Knie gehorchten ihr nicht. Ihre Hände, ihre Füße waren verbrannt von der Fäulnis, in der sie gelegen hatten ...

Die Stimme vor ihrer Türe sprach mit dem Posten — ein anderer redete dazwischen — das war Waska ...

»Da hast du dein Geld, Hundesohn — scher dich zum Henker!« zischte er.

»Du wirst dich um deinen Hals bringen, Brüderchen,« murmelte der Posten halb betrübt.

»Schuft, was geht dich mein Hals an? Kümmre dich um den deinen und mach dich fort!«

Stille. Tritte, die sich entfernten ...

Und wieder eine Stimme: »Die Schlüssel? — Wo hast du die Schlüssel —?!«

»Geduld, Geduld — ich werde doch die Schlüssel nicht vergessen haben —! Hier hast du sie, Herr ...«

Ein Kreischen im Schloß der Zellentür; ein Spalt, der sich öffnete; ein Lichtschein, der dünn und scheu in das Dunkel des Zellenloches leuchtete; eine Stimme, die rief, als würde sie erwürgt: »Mascha —!«

Beate taumelte vorwärts, in den Lichtstrahl hinein; er fiel auf ihr Gesicht.

[S. 324]

Der Mann an der Türe, der die Lampe hielt, schrie beinahe auf: »Jesus — um Gottes willen!!« Und wollte nach ihr greifen. Aber sie wich vor ihm zurück, schüttelte sich, streckte beide Arme zur Abwehr aus ...

»Rühren Sie mich nicht an! Seien Sie barmherzig — rühren Sie mich nicht an —«

Kyrill Petulikow warf einen Blick auf den Menschen neben sich; der zuckte die Achseln: »Was willst du, Herr? Es ist nun einmal nicht anders bei uns ... Die Wanzen sind mächtiger als wir ... Niemand kann etwas gegen sie ausrichten ...«

Kyrill Petulikow stieß die Türe weit auf, daß sie zur Mauer zurückflog.

»Kommen Sie,« sagte er.

Beate taumelte an ihm vorbei, durch die Zellentür, durch die Haustür, hinaus in den Hof, in dem der Schnee fußhoch lag. Und sie warf sich in den Schnee und wälzte sich darin — sprang auf und schüttelte sich und fiel wieder im Schnee zusammen ... griff mit beiden Händen in das lockere Weiß und wusch sich das besudelte Gesicht, tauchte die Hände, die Arme hinein — hob den Schnee zu ihrem Halse.

Kyrill Petulikow bückte sich zu ihr.

»Mascha, Mascha —! Wir haben keine Zeit zu verlieren —! Stehen Sie auf —!«

Sie gehorchte. Doch als er sie beim Arm nehmen wollte, wich sie wieder zurück.

[S. 325]

»Das nicht!« sagte sie. »Das nicht ...«

»Wir müssen weiter, Mascha — Jesus Christus, wir können in jeder Minute verloren sein ...«

»Gehen Sie ... ich folge Ihnen. Aber rühren Sie mich nicht an —!«

Kyrill Petulikow wandte sich um. Waska trat ihm in den Weg. Er streckte die Hand aus.

»Herr, mein Geld —?«

»Du wirst es bekommen, wenn wir in Sicherheit sind, nicht eine Minute eher. Geh voran!«

Waska lächelte schlau. Er nickte und ging. Es schien ihm ein guter Gedanke gekommen zu sein.

Kyrill Petulikow und Beate folgten ihm auf den Fersen. Sie begegneten niemand. Es war zwischen zwei und drei Uhr morgens.

Sie kamen auf die Straße, in der das Gefängnis lag. An der nächsten Ecke hielt ein Schlitten. Ein Mann, bis über die Ohren eingehüllt und unkenntlich, hielt die Pferde fest. Beate stieg ein; der Mann rührte sich nicht. Kyrill Petulikow bückte sich zu ihm und flüsterte etwas. Der Mann nickte und setzte sich neben Beate. Er hob ihr die Pelzdecken um Knie und Hüften. Seine Hände waren ungeschickt vor Kälte oder Aufregung.

Kyrill Petulikow nahm die Zügel auf und setzte sich zurecht. In dem gleichen Augenblick,[S. 326] da er den Pferden die Nagajka über die Rücken jagte, richtete der Mann im Schlitten sich auf und schleuderte Waska ein schmales Bündel vor die Füße.

»Tausend Rubel für dich, Brüderchen — weil du ein braver Schurke bist —!«

Waska bückte sich ... Die Pferde gingen in wildestem Galopp. Der Schlitten bog um die Ecke — das Gefängnis verschwand.

Und der kleine Mann im Schlitten beugte sich vor und suchte die Hände der Frau, die mit klirrenden Zähnen neben ihm saß, und lachte ...

»Was wird sich freuen Rahelche, mein Kind, und die Rebekka, meine Frau, daß ich ihnen bringe mitten in der Nacht so e feinen und hochgeehrten Besuch ...!«

»Nathan Löb?« murmelte Beate. Sie war wie betäubt.

»Der alte Nathan Löb aus der Jüdengass', ja —! Und der alte Nathan Löb hat viel erleben müssen an Schlimmem und Gutem in beinah sechzig Jahr' ... Aber ihm will scheinen: daß er hat helfen dürfen herauszuholen die gnädige Frau aus dem Hundeloch, dem Gefängnis ... das ist doch von seinem ganzen Leben das Beste gewesen ...«

Beate antwortete nicht. Es ging ein ganz verwirrtes Lächeln über ihr Gesicht. Sie nahm den Ring — ihren Trauring — und schob ihn[S. 327] wieder an seinen rechten Platz. Es ging nicht so leicht. Ihre Finger waren gequollen und wund, mit Blasen bedeckt.

Beate holte zitternd Atem. Und dann schluchzte sie, den Kopf in die Hände legend, ganz haltlos, im Jammer aller Erkenntnis dessen, was hinter ihr lag ...

Der alte Nathan Löb schüttelte den Kopf und seufzte.

»Es is e lumpige Welt,« murmelte er und rückte an seiner Mütze, »e Welt, als ob se wär' gemacht von e Menschen ... und der wär' gewesen meschugge ...«