Coelesti benedictione …!
Am nächsten Morgen – viele hundert Kinder hatten tagelang darum gebetet – glasklarer Himmel.
Schon vor Sonnenaufgang hörte Nathan Böhme das Getrappel von der Straße her. Ein Böllerschuß auf der nahen Anhöhe hatte ihn geweckt. Er dachte: Der Kaisertag! Welch krachende Kaisertage hatte er schon erlebt! In Eustachen heißt’s: Der Herrgottstag! Die Straßen und Gassen sind hin und hin so dicht bestanden von grünendem Jungbaumwerk, daß man die Gebäude dahinter kaum sieht und alles in einem Parke zu wandeln glaubt. Die Morgensonne beleuchtet die weißen Wände der gemauerten und die roten der alten hölzernen Häuser, die geschmückt sind mit Ranken. In allen Fenstern stehen Heiligenbilder mit Blumen und Kerzenleuchtern. Die Gassen und Plätze sind belebt von weißgekleideten Mädchen, jungen und alten, die auf bloßem Haupte den Rosmarinkranz tragen. Alles Weibervolk der Gegend, was sich noch mag und will als jungfräulich bekennen, hat heute ins Haar ein grünes Kränzchen geflochten. Am unteren Ende des Dorfes vor der gemauerten Kapelle, die unter den drei Linden steht, versammelt sich das Volk und die Geistlichkeit von Ruppersbach. Und die zwei Glöcklein bimmeln immer, auch jene zu rufen, die noch nicht da sind.
Vom Michelwirtshause ist schon alles fort und das Haustor geschlossen. Die Fenster haben besonders reiche Zier, gestiftet von dem Haustöchterlein Helenerl. Von einem Fenster des oberen Stockwerkes, zwischen Blumen und Lichtern durchguckend, schaute der Fremde herab. Das hat ihm aber Frau Apollonia gesagt, er muß sich so halten, daß er nicht gesehen wird. Sie möchte ungern einen Gast im Hause haben, der nicht an der Fronleichnamsprozession teilnimmt. Freilich war auch sonst noch einer zu Hause geblieben, und zwar der alte Einleger Wenzel, der an dem stundenlangen Marsche dieses Gottesdienstes nicht teilnehmen konnte, weil er fast lahm war. Er sollte auch achtgeben, daß an den Fenstern kein Licht »auf Schaden brenne«. Nun hatte er sich neben dem Fremden eine Bank ans Fenster gerückt, um auch ein wenig mithinausgucken zu können.
»Wenn sie kommen, nachher tun wir eh miteinand einen Rosenkranz beten,« schlug er vor. Aber dazu kam es nicht, abgesehen davon, daß der Frankfurter kaum mithalten hätte können. Vielmehr sie kamen allmählich ins Schwätzen und der verkrüppelte Alte mußte alles erklären, was da war und geschehen sollte.
Böhme hatte sich aus der Reisetasche den Feldstecher geholt und beobachtete mit steigendem Interesse das Leben auf der Straße. Es war so freudig erregt und gehoben, als ob alle Menschenkinder heute Bräutigam und Braut wären.
Auf dem Platze gegenüber dem Fenster stand der Altar mit seinem Quaderntische, seinen Marmorsäulen, seinen goldenen Engeln, seiner alabasternen Marienstatue, mit seinem rotsamtenen Tabernakelbaldachin, seinen bunten Ranken und Rosen und endlich den zwölf silbernen Leuchtern – wie aus der Erde gezaubert. Es war bemaltes Holzwerk, aber so stilvoll ausgeführt, daß Böhme sich an den oft gehörten Ausspruch erinnerte, die Älpler wären geborene Künstler; der kirchliche Kultus fördert in ihnen den Hang zum Schauspiel, zur Musik, besonders aber zur bildenden Kunst. Um diesen Altar war ein Wald von jungen Lärchen, Fichten und Birken, die sich in einem weiten Halbrund um den Platz auseinanderflügelten.
Die Leute verloren sich allmählich vom Altar, und der letzte, der davon ging, zündete die Leuchterkerzen und in der roten Ampel vor dem Tabernakel das »ewige Licht« an.
Es war still geworden, und der Fremde fühlte sich in eine Spannung versetzt, wie einst in seiner Jugend beim Einzuge des Kaisers Wilhelm in Berlin.
Da verkünden plötzlich Böllerschüsse, daß unten an der Kapelle der Gottesdienst begonnen hat und dort das erste Evangelium bereits stattfindet. Über den Hausdächern her klingen die Glöcklein, tönt das Singen und Beten des Volkes. – Es kommt näher. Es kommt immer näher, bis über der grünen Allee das Kreuz auftaucht und die erste Fahne. Eine rote große Kirchenfahne, von Männern auf drei Stangen getragen. Das Bild auf der Fahne stellt die Gestalt des heiligen Rupertus dar, den Patrons der Pfarre. Dieser Fahne folgt eine lange Reihe von Schulknaben zu Paar und Paar, sie beten mit ihren hellen Stimmen den Psalter; dann folgt eine ebenso lange Reihe von Schulmädchen, solchen, die so arm sind, daß sie kein weißes Kleid haben. Aber ein Kränzlein trägt jedes auf dem Haupte. Diese Mädchen singen ein Lied und tragen eine kleine grüne Fahne voraus mit dem Bilde, wie die heilige Mutter Anna ihr Töchterlein Maria das Lesen lehrt. Hieran folgt unter der blauen Fahne des heiligen Eustach die ältere Männerschaft der Pfarre in einem dichten breiten Strom, der die ganze Straße füllt. Sie beten unter gemeinsamer Stimme den Rosenkranz mit dem stets wiederkehrenden Satze: »Gelobt und gebenedeit sei das allerheiligste Sakrament des Altars!« – An den Platz gekommen, stellte sich alles in weiter Runde auf. Nach den Männern kamen die Jünglinge. Diese beteten laut die Litanei vom Herzen Jesu. Ein strammer Bursche trug die weiße Fahne mit dem Bildnisse des heiligen Aloisius voran. Und den Jünglingen folgte die weiße Reihe der kranztragenden Jungfrauen. Vier derselben trugen eine Muttergottesstatue, über die sich zwei gekreuzte Bogen mit roten Rosen spannten. Die Jungfrauen sangen klingend laut das Lied vom Herzen Maria.
Der Einleger machte den Fremden aufmerksam auf ein schlankes Mädchen mit zwei langen Haarzöpfen und der blauen Schleife um den Leib. Das war die Wirtstochter. Sie schaute frisch in die Welt, tat weniger fromm als froh und ihr Singen war bisweilen ein liebliches Jauchzen.
»Wo die sonst das Göscherl nit aufmacht!« murmelte der Alte.
Die Reihe der paarweise gehenden Jungfrauen wollte nicht enden und wollte nicht enden.
Zwischen dem Singen und Beten durch hatte man schon einigemale das klingende Spiel der Musikkapelle gehört. Nun kam sie in Sicht. Die durch zwei Schullehrer geleiteten Musikanten und Spielleute von Ruppersbach und Eustachen zusammen mit Klarinetten, Trompeten, Flügelhörnern, Trommeln, »Bombardon« und Tschinellen. Sie spielten einen lustigen Marsch. All das Beten, Singen, Läuten und Musizieren vermengte sich in der Luft zu einem summenden Getöse, das der Fremde mit dem Worte »Heidenlärm!« bezeichnete.
Den alten Wenzel stieß das Wort, er wollte ihm etwas entgegnen, bewegte schon Lippen und Kiefer, kaute eine Weile an der beabsichtigten Rüge und schluckte sie endlich hinab.
Hinter der Musikkapelle war eine neue Gruppe von Fahnen, glänzenden Stäben und Bildwerken, die in die Luft ragten, sichtbar geworden. Es kamen noch die Honoratioren, die »Fürsteher« der beiden Gemeinden, der Arzt, etliche Beamte und –
»Unser Herr! Dort ist unser Herr!« flüsterte der alte Wenzel erregt. Er hatte den kleinen schwarzen Michelwirt bemerkt, der mit zu Boden gekehrtem Gesicht einherschritt. Der Wirt schien versunken zu sein in das heilige Begängnis.
»Wenn man weiß, wie der immer einmal lustig sein kann!« sagte der Wenzel. »Schauns, jetzt kommen die Blumenmadeln!«
Drei weißgekleidete Mädchen streuten aus Handkörbchen allerhand bunte Blümlein und Rosenblätter auf den Weg. Das Heiligtum war nahe. Über den wogenden Häuptern heran wehten zwei Fähnlein, glänzend in weißer Seide, funkelnd mit ihren goldenen Kreuzen. Auf ihren Tafeln waren zwei rote brennende Herzen, das eine mit der Dornenkrone umwunden, das andere von einem Schwert durchbohrt. Dann kamen vier in der Luft schaukelnde Laternen, dann kamen sechs alte Männer in roten Mänteln, große Windlichter tragend, dann zwei Knaben in weißen Chorhemden, jeder in der Hand ein Metallglöcklein schwingend, so daß das eine mit tieferem, das andere mit höherem Klang abwechselte, dann kamen noch zwei Knaben in weißen Chorhemden, qualmende Weihrauchgefäße schwingend, und nun –
Der Fremde sah, wie sein alter Cicerone still neben ihm niederkniete, das Haupt senkte und betete.
Es kam der auf vier Stangen schwebende Baldachin: er war aus roter Seide, mit vier goldenen Knöpfen über den Stangen und goldenen Quasten ringsum. Darunter schritten in glitzerndem Ornat drei Priester, wovon der mittlere, umfangen vom weißen Seidentuche, die Monstranze hielt, einen goldfunkelnden Stern mit dem weißen Sonnlein im Mittelpunkte – das Allerheiligste. Mit gesenktem Haupte hielt er es hoch vor sich hin, nach oben etwas zurückgeneigt. Dem Priester, so schien es, zitterten vor Andacht die Hände, womit er das Heiligtum trug. Die Priester an beiden Seiten hielten ihre Köpfe in Demut geneigt, die Augen gesenkt, die Hände in Anbetung gefaltet.
Hinter diesem Höhepunkt ein kleiner Abstand. Dann kam die blaue Fahne der Ehefrauen mit dem Bilde des allerseligsten Josef und seiner Ehegattin Maria. Hinter derselben trappelten ohne weitere Ordnung die verheirateten Weiber, die Witwen, die alten Mägde und Mütterlein am Stocke. Diese beschlossen den Zug, dessen Anwandeln nahezu eine halbe Stunde gedauert hatte.
»Man glaubt’s gar nit, wie viel Leut es gibt auf der Welt!« flüsterte der alte Einleger. »Aber jetzt, Herr, jetzt kommt der Segen!«
Nathan Böhme hatte mehrmals Ausrufe des Staunens getan, nun schwieg er und schüttelte den Kopf. Er hätte es nicht geglaubt! Viel hatte er von der katholischen Fronleichnamsprozession gehört, doch daß eine arme Gebirgsgemeinde so etwas zu leisten imstande ist, das war ihm unfaßbar. Entweder es mußte in den Leuten eine abgrundtiefe Frömmigkeit vorhanden sein, die zu so großartiger Gestaltung drängt, oder – gar keine. Alle religiöse Stimmung veräußerlicht, in Kunsttrieb übersetzt – was bleibt übrig drinnen? Auf jeden Fall ist dieser Aufzug merkwürdig. Das Mittelalter zieht mit fliegenden Fahnen durch unsere späte Welt. Wenn so etwas abkäme, es wäre jammerschade. Was Religion! Muß denn im kirchlichen Kultus immer Religion sein? Ist denn nicht auch das Schöne etwas? – So die Gedanken des Fremden. Aber er jagte sie bald davon.
Das Volk mit seinen Fahnen war auf dem Platze zum Stillstand gekommen, ein brodelndes Meer von Menschenhäuptern. Das laute Singen und Beten war verstummt. Die Gruppe des Baldachins mit ihren Fähnlein und Lichtern wendete sich dem Altare zu, wo der goldene Stern, die Monstranze, in das Tabernakel gestellt wurde. Dort an den Leuchtern flackerten alle Kerzen in der sonnigen Mailuft. Die Priester erhoben lateinische Gesänge, die von der Musikkapelle respondiert wurden. Dann las ein Geistlicher in lateinischer Sprache das Evangelium. Über der Menge ein großes Schweigen, von dem Kirchlein her klang die Glocke.
Plötzlich stiegen vor dem Altare Weihrauchwolken auf, daß sie das bunte Bild fast verschleierten. Der Duft kam prickelnd herüber. – Der Priester hob die Monstranze, wendete sich damit gegen das Volk, das niedersank auf die Knie. »Coelesti benedictione …!« Während jedes mit halbgeballten Händen auf die Brust schlug, schwang er das Heiligtum feierlich in Kreuzesform zum Segen. Da klingelten die kleinen Glöcklein und krachten die Böller, daß die Wände schütterten.
Böhmes Aufmerksamkeit war von einem jungen Burschen gefesselt worden. Ein schlanker Junge in dunklem Anzuge stand nahe dem Altare und wendete sein blasses Gesicht unverwandt der Monstranze zu. Anders wie die übrigen stand er da, hielt die Hände gefaltet, halb gehoben in der Luft, und mit einer wundersamen Versunkenheit schaute er auf das Heiligtum. Böhme erinnerte sich an ein altes Gemälde, die Anbetung der Hirten. So wie dort der Jüngling in schwärmerischer Ehrfurcht das Kind in der Krippe anbetet, so dieser Bursche, der jetzt, als die Glöcklein klingelten, niedersank auf beide Knie. Unbeweglich aneinandergelegt die schmalen Hände, das Haupt geneigt, die Augen geschlossen – und an der Wange eine helle Träne …
Als der Segen gegeben war, erhoben sich die Fahnen, bewegte sich die Menge, hub an die Psalter weiter zu beten, die Litaneien zu sprechen, die Lieder zu singen, und der Zug wallte in der Ordnung, wie er gekommen, weiter. Eine Strecke noch die Straße entlang, dann über den Feldweg zu den Häusern an der Ach, wo an einem ähnlichen Altare, wie der vor dem Wirtshause, das dritte Evangelium abgehalten wurde. Das letzte der vier Fronleichnamsevangelien fand ebenso feierlich wie vorher das erste im Lindenschatten statt, nahe der Kapelle. Damit schloß die Prozession und löste sich auf.
Die Ruppersbacher nahmen ihre Fahnen, Laternen und anderen Kirchengeräte unter oder über die Achseln und gingen heim, hochbefriedigt von dem Begängnisse. Die Eustacher spazierten froh erregt durch die Gassen, die so schön glatt getreten waren und auf denen die zertretenen Blumen und Rosenblätter lagen. Die Lichter an den Altären, in den Fenstern wurden ausgelöscht, soweit es nicht schon der Wind getan hatte, die Bildnisse aber blieben den ganzen Tag zur Schau gestellt.
Der alte Einleger Wenzel hatte für seine Auskünfte von dem fremden Gast ein Viertelliterlein Wein verhofft und erschrak, als ihm statt dessen ein silbernes Guldenstück in die Hand gelegt wurde.
»Gnädiger Herr!« fragte der Alte, »ist das alles Trinkgeld?«
»Hol’s der Teufel mit eurem Trinkgeld! Eßgeld ist es. Nähren sollst du dich besser.«
»Im Essen fehlt mir eh nix,« gestand der Einleger bescheidentlich. »Immer einmal ein Tröpfel Wein, das man haben möcht’!«
Was fängt er jetzt an mit dem Gulden, wenn er sich damit nicht immer einmal ein Tröpfel Wein soll kaufen dürfen! – Mit Schwermut betrachtete er das Geldstück, während er draußen im Garten vor der Bienenhütte saß. Er hatte dem Wirt die Bienen zu bewachen, falls sie plötzlich schwärmen sollten und der neue Schwarm etwa davonfliegen möchte auf Nimmerwiedersehen. Zwei Körbe waren dies Jahr noch ausständig. Wenn die Schwärme ausfahren und eingeholt werden, kriegt der Wenzel ein Viertel Wein. Das ist was. Aber was ist ein Silbergulden, den der Mensch nit vertrinken darf!
Mit Schwermut betrachtete der Alte am Nachmittag die kleinen Kranzjungfrauen, die an den Wirtsgartentischen heiter umhergaukelten, Backwerk verzehrten und süßen Wein tranken. Sie waren Gast der Frau Apollonia, die mit solcher Ehrenbewirtung das Freudenfest Fronleichnam würdig zu beschließen pflegte.